„Carl Theodor Dreyer – My Metier“ – Dokumentation von Torben Skjødt Jensen

(c) Studicanal

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„Vampyr“ ist ein Klassiker des Horrorfilms, „La passion de Jeanne d’Arc“ eines der bedeutendsten Werke der Filmgeschichte; „Gertrud“ und „Vredens Dag“ haben dem personalisierten Kamerastil den Weg geebnet und seine Blicke in die Psyche einer weiblichen Hauptfigur sowie die Strukturen einer geschlossenen Gemeinschaft sind bemerkenswert – der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer (1898-1968) hat die Filmgeschichte maßgeblich mitbestimmt und bis heute großen Einfluss auf Filmemacher wie Lars von Trier. Mit seiner Dokumentation „Carl Theodor Dreyer – My Metier“, die in der Criterion Collection und der ARTHAUS-Dreyer-Collection enthalten ist, ermöglicht Torben Skjødt Jensen nun einen Einstieg in Dreyers Werk.

Gut 90 Minuten lang folgt Torben Skjødt Jensen chronologisch Dreyers Leben und Filmschaffen, in dem er Interviews mit Weggefährten mit Filmausschnitten und Zitaten verbindet. Dabei sind die Einsichten und Geschichten seiner Gesprächspartner unterhaltsam und informativ, insbesondere über Dreyers Umgang mit Schauspielern ist durch die Gespräche mit Clara Pontoppidan (Hauptdarstellerin in „Blade af Satans bog“), Hélène Falconetti (Tochter von Jeanne-Darstellerin Maria Falconetti), Lisbeth Movin (Hauptdarstellerin in „Vredens Dag“), Preben Lerdorff-Rye („Vredens Dag), Baard Owe und Axel Strøbye („Gertrud“) viel zu erfahren. Jedoch fehlen tiefere Einsichten in das Werk Dreyers, in seine kompositorische und bildnerische Arbeit sowie den Stil seiner Filme. Das ist insbesondere angesichts der Interviews mit dem Kameramann Henning Bendtsen („Ordet“, „Gertrud“) sowie dem Kameramann und Regisseur Jørgen Roos zu bedauern, die gute Einsichten in Dreyers Arbeitsweise hatten. So war Roos der einzige, der ein Filmporträt von Dreyer zu dessen Lebzeiten drehen durfte. Jedoch zieht Torben Skjødt Jensen hier Anekdoten einer tiefergehenden Beschäftigung vor. Diese Oberflächlichkeit erlaubt aber auch eine einfache erste Annäherung an diesen Filmemacher, daher ist „Carl Theodor Dreyer – My Metier“ insbesondere als Einstieg zu empfehlen – und für alle Dreyer-Fans, die Interesse an Interviews mit Zeitzeugen haben.

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Oscar 2014 – Ein Rückblick und alle Gewinner

Nett. Mit diesem Wort lässt sich die diesjährige Oscarverleihung zusammenfassen. Und damit meine ich nicht die kleine Schwester von ihr-wisst-schon, sondern die ursprüngliche Bedeutung des Wortes: Es war ein netter Abend ohne große Höhepunkte und Ausfälle. Gewonnen haben mehrheitlich die Favoriten, es gab launige Witze von Moderatorin Ellen DeGeneres und keine peinlichen Aussetzer auf der Bühne. Die schönsten Kleider trugen Cate Blanchett und Lupita Nyong’o; die besten Dankesreden hielten Jared Leto und Cate Blanchett und die unterhaltsamsten Dankesreden waren von Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez sowie Spike Jonze. Pharell Williams hat mit Meryl Streep getanzt und Robert de Niro war tatsächlich lustig, aber mir hat eine große Musiknummer gefehlt. Auch hätte ich mir von Ellen mehr Moderation gewünscht, sie war sehr viel im selben Teil des Zuschauerraums unterwegs – und der Pizza-Gag wurde überstrapaziert. Doch insgesamt war es eine unterhaltsame Veranstaltung.

Bei den Preisen habe ich mich am meisten über den Drehbuch-Oscar für Spike Jonze gefreut, am meisten aufgeregt über den Dokumentarfilm-Oscar, der nicht an „The Act of Killing“, sondern „20 Feet to Stardom“ ging. Aber selbst damit hatte ich fast schon gerechnet – „The Act of Killing“ ist zu komplex und zu schwierig, um eine Mehrheit der Mitglieder zu überzeugen. Erleichtert bin ich hingegen, dass „American Hustle“ keinen Oscar erhalten hat. Dadurch konnte ich mir für die kommenden Jahre noch den winzigkleinen Rest Optimismus bewahren, dass die Academy nicht immer auf Oberflächlichkeit hereinfällt. Klar, es sind die Oscars, da geht es nicht um richtig oder falsch (auch wenn viele das so sehen), noch nicht einmal um gut oder schlecht (sonst würden nicht so oft die ‚richtigen‘ Schauspieler für mäßige Rollen gewinnen), sondern es ist eine Abstimmung, bei der sich meist diejenigen Filme durchsetzen, die der Mehrheit gefallen. Und das sind in der Regel eben keine kontroversen oder gar visionären Werke. Doch damit komme ich schon zur letzten Erkenntnis des Abends: David O. Russell reimt sich auf „American Hustle“.

Alle Gewinner im Überblick: Weiterlesen

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Oscar 2014 – Wer wird gewinnen?

Bisher habe ich mich ja mit meiner Oscar-Berichterstattung gepflegt zurückhalten, aber auf den obligatorischen „Wer wird gewinnen“-Beitrag will ich nicht verzichten. In den letzten Jahren habe ich es meist in der „wird/könnte/sollte“-Form gemacht, aber in diesem Jahr ist das Feld in vielen Kategorien so ausgeglichen und einige meiner Favoriten fehlen schon unter den Nominierten, deshalb habe ich es mir manchmal etwas leichter gemacht. (Eine Übersicht über alle Nominierten findet ihr hier.)

Film:

(c) Warner Bros.

(c) Warner Bros.

Wird gewinnen: „Gravity“
Könnte gewinnen: „12 Years a Slave“
Sollte gewinnen: „Gravity“

Diese Kategorie fällt mir sehr schwer, vor allem habe ich „Her“ bisher leider nicht gesehen. Ich schätze Spike Jonze sehr, daher vermute ich, dass mir dieser Film am besten gefallen wird – aber ich weiß es nun einmal nicht. Abgesehen von „American Hustle“ wäre ich mit jedem Gewinner einverstanden, allerdings glaube ich, dass „Gravity“ unter den Nominierten der Film ist, der langfristig das Filmemachen verändern wird.

Regie:

Alfonso Cuarón (c)  Warner Bros.

Alfonso Cuarón (c) Warner Bros.

Wird gewinnen: Alfonso Cuarón, „Gravity“
Sollte gewinnen: Alfonso Cuarón, „Gravity“
Könnte gewinnen: Steve McQueen, „12 Years a Slave“

Trost aller Sympathie für Steve McQueen, ist in meinen Augen Alfonso Cuaróns Leistung in „Gravity“ herausragend. Deshalb ist er mein Favorit.

Hauptdarsteller:

Matthew McConaughey (c) Ascot Elite

Matthew McConaughey (c) Ascot Elite

Wird gewinnen: Matthew McConaughey, „Dallas Buyers Club“
Könnte gewinnen: Bruce Dern, „Nebraska“
Sollte gewinnen: Robert Redford, „All is lost“ 😉

Diese Kategorie ist so ausgeglichen und ich bin immer noch fassungslos, dass Redford nicht nominiert wurde, dass es mir im Grunde genommen egal ist, wer gewinnt. Es sind alles typische Oscar-Rollen, allerdings hat Matthew McConaughey den Karriereschub und das Momentum auf seinerSeite. Allerdings habe ich das leise Gefühl, dass bei den vielen älteren Academy-Mitgliedern Bruce Derns „jetzt gebt mir endlich einen Preis“-Kampagne größeren Erfolg hat als bei anderen Preisen, deshalb sehe ich ihn – und nicht Leonardo DiCaprio – als größte Konkurrenz für McConaughey.

Hauptdarstellerin:

Cate Blanchett (c) Sony Pictures Classics/Merrick Morton

Cate Blanchett (c) Sony Pictures Classics/Merrick Morton

Wird gewinnen: Cate Blanchett, „Blue Jasmine“
Sollte gewinnen: Cate Blanchett, „Blue Jasmine“
Könnte gewinnen: alle anderen

Als ich „Blue Jasmine“ gesehen habe, war mein erster Gedanke, dass Cate Blanchett hierfür einen Oscar erhalten wird. Sie ist in diesem Film schlichtweg sensationell. Die Frage ist lediglich, ob ihr die Diskussionen über Woody Allen schaden. Sollte das geschehen sein, ist das Rennen sperrangelweit offen.

Nebendarsteller:

Jared Leto (c) Ascot Elite

Jared Leto (c) Ascot Elite

Wird gewinnen: Jared Leto, „Dallas Buyers Club“
Sollte gewinnen: Jared Leto, „Dallas Buyers Club“
Könnte gewinnen: Barkhad Abdi, „Captain Phillips“

Weit mehr als McConaughey hat mich Jared Leto in „Dallas Buyers Club“ beeindruckt, der im Gegensatz zu seinem texanischen Kollegen völlig in der Rolle verschwunden ist. Mich stört im Allgemeinen bei McConaughey etwas, dass seine viel und auch von mir gelobten Rollen der letzten Jahre mehr oder weniger Variationen eines Typus sind. Jared Leto spielt weniger, daher ist es für ihn vielleicht auch leichter, aber er hat mich tatsächlich umgehauen. Barkhad Abdi ist allerdings eine recht typische Oscar-Wahl: Er kam aus dem Nichts und überzeugte alle.

Nebendarstellerin:

Lupita Nyong´o (c) Tobis

Lupita Nyong´o (c) Tobis

Wird gewinnen: Lupita Nyong’o, „12 Years a slave“
Sollte gewinnen: Lupita Nyong’o, „12 Years a slave“
Könnte gewinnen: Jennifer Lawrence, „American Hustle“

Lupita Nyong’o ist in „12 Years a slave“ herzzerreißend gut, sie macht bisher bei allen Preisverleihungen eine gute Figur, deshalb kann ihr eigentlich nur noch die grenzenlose Begeisterung der Academy für Jennifer Lawrence diesen Preis streitig machen. So sehr ich Jennifer Lawrence mag, würde ich mir wünschen, sie nimmt sich erst einmal eine kleine Auszeit und folgt einem allgemeinen Rat Emma Thompsons und lebt ein wenig. Sonst wird dieser Hype kippen – und ein zweiter Oscar könnte genau das bewirken. Rein schauspielerisch wäre für mich übrigens Sally Hawkins die eigentliche Konkurrentin für Lupita Nyong’o, deren Rolle im Vergleich weitaus weniger hergibt, aus der Sally Hawkins aber unglaublich viel herausholt.

Adaptiertes Drehbuch:

John Ridley (c) Todd Wawrychuk / ©A.M.P.A.S.

John Ridley (c) Todd Wawrychuk / ©A.M.P.A.S.

Wird gewinnen: „12 Years a Slave“, John Ridley
Sollte gewinnen: „Philomena”, Steve Coogan, Jeff Pope
Könnte gewinnen: „Before Midnight“, Richard Linklater, Julie Delpy, Ethan Hawke

Nicht erst seit ich die Vorlage gelesen habe, ist „Philomena” mein heimlicher Favorit in dieser Kategorie. Das Drehbuch von Steve Coogan und Jeff Pope ist schlichtweg sehr gut – und gewinnt im Vergleich zu Martin Sixsmith’ Buch noch mehr an Qualität. Aber das Drehbuch zu „12 Years a Slave“ das literarischste und deshalb glaube ich, es wird gewinnen.

Originaldrehbuch:

David O. Russell (c) Courtesy of Sony Pictures Releasing/Francois Duhamel

David O. Russell (c) Courtesy of Sony Pictures Releasing/Francois Duhamel

Wird gewinnen: „American Hustle“, David O. Russell
Sollte/könnte gewinnen: „Her“, Spike Jonze

Wie „American Hustle“ ausgerechnet zum Favoriten in der Drehbuch-Kategorie geworden ist, wird mir ein noch größeres Rätsel bleiben als die generelle Begeisterung für diesen Film. (Ja, ich weiß, die Dialoge! Aber mehr?). Auch sollte man Woody Allen in dieser Kategorie immer auf der Rechnung haben. Aber „Blue Jasmine” ist erzählerisch zu konventionell, außerdem glaube ich nicht, dass er ausgerechnet in diesem Jahr persönlich einen Preis erhalten wird. Aber abgesehen davon fand ich die Ausschnitte, die ich von „Her“ kenne, sehr überzeugend und die Grundidee hinreißend, deshalb bin ich für Spike Jonze.

Dokumentarfilm:

(c) Neue Visionen

(c) Neue Visionen

Wird gewinnen: „The Act of Killing“, Joshua Oppenheimer und Signe Byrge Sørensen
Könnte gewinnen: „20 Feet from Stardom“

Nachdem „Stories we tell“ nicht nominiert wurde, ist für mich „The Act of Killing“ der klare Favorit. Allerdings ist „20 Feet from Stardom“ die thematisch ‚leichteste‘ der Nominierten und gilt laut Gold Derby auch als Favorit.

Fremdsprachiger Film:

(c) DCM

(c) DCM

Wird gewinnen: „La grande bellezza“
Sollte gewinnen: „Broken Circle Breakdown”
Könnte gewinnen: „Jagten“

Eine sehr starke Kategorie in diesem Jahr, in der ich „La grande bellezza“ leicht vorne sehe, obwohl „Broken Circle Breakdown“ der emotionalere und zugänglichere Film ist. Die spannendere Frage ist eigentlich, wie „Jagten“ das Feld verändert, der im letzten Jahr klarer Favorit geworden wäre, aber erst dieses Jahre nominiert werden konnte. Mads Mikkelsen ist bekannt in den USA, deshalb würde ich den Film noch nicht abschreiben. Auch ich habe meine “sollte”-Angabe hier einige Male verändert, da ich sowohl „La grande bellezza“ als auch „Broken Circle Breakdown“ sehr schätze – und habe mich nun für den leicht manipulativen, aber mitreißenden belgischen Film entschieden.

Kamera:

(c) Warner Bros.

(c) Warner Bros.

Wird/sollte gewinnen: „Gravity“, Emmanuel Lubezki
Könnte gewinnen: „Nebraska“, Phedon Papamichael

Die Bilder von Phedon Papamichael sind in „Nebraska“ großartig, aber die Kamera in „Gravity“ ist technisch brillant. Deshalb wird Emmanuel Lubezki gewinnen.

Schnitt:

Wird/sollte gewinnen: „Gravity“, Alfonso Cuarón, Mark Sanger
Könnte gewinnen: „Captain Phillips”, Christopher Rouse

Für mich ist „Gravity“ hier der klare Favorit, „Captain Phillips die etwas konservativere Entscheidung. Sollte „American Hustle“ aber zum Abräumer des Abends werden, gewinnt der Film auch in dieser Kategorie.

Originalsong:

Frozen (c) Walt Disney Studios

Frozen (c) Walt Disney Studios

Wird gewinnen: „Let it go“ aus „Frozen“
Könnte gewinnen: „Ordinary Love“ aus „Mandela: Long Walk To Freedom“
Sollte gewinnen: „The Moon Song“ aus „Her“

An „Frozen“ führt in diesem Jahr wohl kein Weg vorbei – selbst für U2 nicht.

Nun zu den Kategorien, in denen ich keine eigenen Favoriten habe:

Produktionsdesign:

(c) Warner Home

(c) Warner Home

„The Great Gatsby“ wird gewinnen, leichte Außenseiterchance sehe ich für „Gravity“. Aber im Zweifelfall siegt Pomp über Technik.

Kostümdesign:

Auch hier glaube ich, dass die überbordende Fülle von „Great Gatsby“ letztlich erfolgreich ist – die besten Kostüme hatte für mich in diesem Jahr nicht nur angesichts des Budgets allerdings „Dallas Buyers Club“. Aber der Film wurde nicht nominiert.

Makeup and Hairstyling

Ohne „American Hustle“ wird „Dallas Buyers Club“ hier gewinnen.

Es folgt der „Gravity“-Preisregen:

(c) Warner Bros.

(c) Warner Bros.

Originalmusik Dass „All is lost“ hier nicht nominiert ist, halte ich für skandalös. Gewinnen wird „Gravity“.
Sound Mixing: „Gravity“
Sound Editing: „Gravity“ – wenngleich es die einzige Kategorie ist, in der „All is lost“ nominiert ist.
Visuelle Effekte: „Gravity“ – wer sonst?

Zuletzt zu den Kategorien, in denen ich keinen der nominierten Filme gesehen habe, und rein nach Trailern entscheide:

Animationsfilm: „Frozen“
Kurzfilm (Animation): „Get a Horse!“
Kurzfilm (Live Action): „Helium“
Kurzfilm (Dokumentation): „The Lady in Number 6: Music Saved my Life“

Unter oscars.nils-becker.com gibt es übrigens ein schönes Twitter-Tippspiel für die Oscars, außerdem gibt es auf der offiziellen Seite wieder ein schönes Tipp-PDF zum Ausdrucken.

Und: Welches sind eure Favoriten?

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Krimi-Kritik: „Tage des letzten Schnees“ von Jan Costin Wagner

(c) Galiani

(c) Galiani

Am Anfang von „Tage des letzten Schnees“ steht ein Unfall, bei dem die zwölfjährige Anna Ekholm ums Leben kommt. Kimmo Joentaa kennt Anna und ihre Eltern, seine verstorbene Frau hatte im Architekturbüro des Vaters gearbeitet. Deshalb versucht er, den Eltern und insbesondere Lasse Ekholm so gut es in dieser Situation möglich ist beizustehen und behilflich zu sein. Das bedeutet bei Kimmo Joentaa aber nicht, sich wie viele seiner fiktionalen Kollegen blind in die Ermittlungen zu stürzen, sondern er kümmert sich tatsächlich um die Leidtragenden, die Eltern. Dabei ist er niemals aufdringlich, sondern einfach nur da, wenn er glaubt, er könne ihnen helfen. Daneben sorgt er sich um seine Geliebte Larissa, deren wahren Namen er nicht kennt, und ermittelt in einem weiteren Mordfall, in dem zwei Menschen tot auf einer Parkbank gefunden wurden. Doch auch diese Unternehmungen werden von der ruhigen Gewissheit getragen, dass sich schon alles aufklären wird.

Die stille Traurigkeit und einsame Ruhe der Figuren fasst Jan Costin Wagner in eine präzise und klare Sprache, die niemals aufgesetzt wirkt, sondern sich in aller Lakonie den Seelenzuständen der Charaktere widmet. Sein Roman ist durchzogen von stummen Schmerz und leiser Melancholie, seine Welt ist voller Grautöne, in denen die hellen, strahlenden Momente umso deutlicher zu erkennen sind. Dabei zeigt Jan Costin Wagner, wie stark und prosaisch ein Kriminalroman sein kann: Obwohl ein Unfall und ein Mord geschehen und sich ein Amoklauf ankündigt, obwohl seine Hauptfigur ein Polizist ist, geht es hier niemals nur um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern um große menschliche Themen wie Verlust, Trauer, Hoffnung und vor allem Einsamkeit. Deshalb steht nicht die Frage des „Wer hat’s getan“ im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten der Ereignisse und die Ursprünge des Geschehens, innerhalb derer Jan Costin Wagner wie nebenbei wichtige und gesellschaftspolitisch aktuelle Themen behandelt.

Mit „Tage des letzten Schnees“ hat Jan Costin Wagner somit einen ganz eigenen Roman geschrieben. Er liest sich sehr ruhig, wirkt nahezu bedächtig und strahlt – wie seine Hauptfigur – eine große Ruhe aus. Beim Lesen fühlte ich mich gut aufgehoben, ohne dass es in dieser betörenden Mischung aus Traurigkeit und Alltag allzu behaglich wurde. Deshab wird meine erste Begegnung mit Kimmo Joenta, der bereits in dem fünften Kriminalroman ermittelt, sicher nicht die letzte bleiben.

Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees. Galiani 2013.

Zur Autorenseite von Jan Costin Wagner.

Andere:
Ein Interview mit Jan Costin Wagner und eine Besprechung sind auch bei der Klappentexterin zu lesen.
Die Krimilady hat sich einige Gedanken zu diesem Buch gemacht.

Jan Costin Wagner ist auf Lesereise:

28. 2. Nordenham
Amtsgericht

3. 3. Karlsruhe
KOHI Kulturraum
20 Uhr

11. 3. Friedrichshafen
Buchhandlung Ravensbuch
mit Stefan Moster

12. 3. Herrsching am Ammersee
Krimifestival München
Kurparkschlösschen

13. 3. Leipzig
Kriminacht im Landgericht

18. 3. Köln
Lit Cologne

20. 3. Friedberg (Bayern)
Buchhandlung Lesenswert

21. 3. Pforzheim
Buchhandlung Uwe Mumm
Hirsauer Straße 122

27. 3. Mainz
Buchhandlung Ruthmann
Alte Mainzer Straße 4
20 Uhr

3. 4. Dortmund
Mayersche Buchhandlung
Westenhellweg 37 – 41

4. 4. Langen
Stadthalle

6. 4. Nidderau
Buchmesse Main-Kinzig
17 Uhr

9. 4. Alsfeld
Marktcafé
20 Uhr

10. 4. Singen
Festival »Erzählzeit ohne Grenzen«

11. 4. Singen
Festival »Erzählzeit ohne Grenzen«

24. 4. Den Haag
Deutsche Bibliothek

17. 6. Berlin
Dorotheenstädtische Buchhandlung

18. 6. Berlin
Kulturhaus Karlshorst

19. 6. Berlin
Buchhandlung Ferlemann

25. 9. Kassel
Buchhandlung am Bebelplatz
Friedrich-Ebert-Straße 130

26. 9. Bleckede
Walmsburger Kriminacht
Schloss Bleckede
mit Andrea Maria Schenkel
18.45 Uhr

16. 10. Heusenstamm
Hinteres Schlösschen

22. 10. Bad Berleburg
Reihe Literaturpflaster
20 Uhr

23. 10. Hattingen
Stadtbibliothek
Reschop Carré 1
19.30 Uhr

28. 10. Bielefeld
Bielefelder Literaturtage
in Kooperation mit der Deutsch-Finnischen-Gesellschaft

6. 11. Mosbach
Mosbacher Buchwochen

7. 11. Frankfurt-Sossenheim
Bücherei Sossenheim

8. 11. Bad Arolsen

12. 11. Wiesbaden
Wiesbadener Krimiherbst

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Dogma: „Open Hearts“ von Susanne Bier

(c) Arsenal Filmverleih

(c) Arsenal Filmverleih

Susanne Bier ist bekannt dafür, dass sie in ihren Filmen dem Zwischenmenschlichen nachspürt, indem sie in zwar dramatischen, aber alltäglichen Situationen genau hinschaut und das Verhalten ihrer Figuren ergründet. Diesen Ruf hat sie sich neben „Brødre“ (2004) vor allem durch „Elsker dig for evigt“ („Open Hearts“;„Für immer und ewig“) erworben. Bei beiden Filmen stammt das Drehbuch von Anders Thomas Jensen.

Cecilie (Sonja Richter) und Joakim (Nikolaj Lie Kaas) sind glücklich miteinander und wollen heiraten. Eines Morgens geschieht jedoch ein folgenschwerer Unfall: Sie verabschieden sich voneinander im Auto, Joakim steigt aus, schaut noch einmal ins Auto zu Cecilie und wird angefahren. Unfallfahrerin Marie (Paprika Steen) hat sich gerade mit ihrer Tochter Stine (Stine Bjerregaard) gestritten, ist vor Wut zu schnell gefahren, hat den zur Fahrbahn aussteigenden Joakim nicht gesehen und erfasst. Es ist ein Unfall, an niemand oder alle schuldig sind, der aber das Leben aller Beteiligten und auch ihre Beziehungen zueinander verändert. Marie wird von Schuldgefühlen geplagt, ihre Tochter Stine glaubt sich ebenso verantwortlich, ist aber gefangen in den Ausbrüchen der Pubertät. Joakim überlebt, ist fortan aber vom Hals abwärts gelähmt und weigert sich, an der Verlobung mit Marie festzuhalten. Marie wiederum wird völlig aus der Bahn geworfen, sie ist allein, will Joakim unterstützen, er stößt sie jedoch ständig weg. Halt findet sie indes bei Maries Ehemann Niels (Mads Mikkelsen, der sich auf Bitten seiner Ehefrau um Cecilie kümmert.

Cecilie und Niels (c) Arsenal Filmverleih

Cecilie und Niels (c) Arsenal Filmverleih

Nach und nach brechen unterdrückte Konflikte und Sehnsüchte auf, zugleich aber sehen sich die Figuren mit der Frage konfrontiert, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen. Dabei gelingt es Susanne Bier und Anders Thomas Jensen, das Verhalten der jeweiligen Figuren in ihrem Charakter zu begründen, so dass es zwar irritiert, aber stets innerhalb der Figur schlüssig ist. So will anfangs ihr schlechtes Gewissen beruhigen, indem sie Niels bittet, nach Cecilie zu sehen. Cecilie ist hingegen mit der Situation überfordert und gänzlich allein, deshalb nimmt sie Niels Unterstützungsangebot gerne an. Niels gefällt sich wiederum anfangs in der Rolle des selbstlosen Helfers, allerdings muss er sich schon bald eingestehen, dass er sich in Cecilie verliebt hat. Bereits zuvor haben sich in Niels Ehe in Gesprächen und Schweigen erste Risse gezeigt, deshalb ist Cecilie auch niemals die Verführerin, sondern lediglich diejenige, die ihn letztlich schmerzlich auf das Fehlende in seinem Leben aufmerksam werden lässt. Hierin zeigt sich Susanne Biers und Anders Thomas Jensens Gespür für das Alltägliche. Deshalb verhalten sich die Erwachsenen auch erwachsen: Sie reden über die Dinge – sei es das Verhalten der Tochter oder die Affäre –, sie streiten, weinen und schreiben, am Ende jedoch sind die Figuren mehr oder weniger bei sich selbst angekommen.

Cecilie (c) Arsenal Filmverleih

Cecilie (c) Arsenal Filmverleih

„Open Hearts“ ist Susanne Biers erster Dogma-Film, jedoch ist es weniger die Handkamera oder das Licht, das diesen Film auszeichnet. Diese Regeln verleihen ihm einen reduzierten, alltäglichen Stil, der gut zu der Geschichte passt und Anfang der 1990er Jahre im Gegensatz zu den oftmals glatt gebügelten Bildern ähnlicher Filme steht. Aus heutiger Sicht bemerkenswerter ist indes die Erzählweise, die sehr viel Nähe zu den Figuren ermöglicht, ohne Identifikation einzufordern. Ähnliches gelang zuletzt auch der norwegischen Regisseurin Iram Haq in ihrem Film „Jeg er din“, in dem eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst und einem Leben für sich ebenso Fehler machen durfte wie Cecilie.

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Stöckchen: Best Blog Award

Schon wieder ein Stöckchen! Diese schönen und schwierigen Fragen hat mir Ludger vor einer ganzen Weile gestellt:

1. Stell Dir vor, Du bist Schauspieler oder Sprecher und Du darfst ein Buch Deiner Wahl als Hörbuch lesen. Welches wählst Du?
Da ich so gut wie keine Hörbücher höre, fällt mir die Wahl recht schwer. Vermutlich wäre es „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ von Heinrich Steinfest, da ich dieses Buch sehr mag und es unbedingt mit der nötigen ironischen Haltung gelesen werde müsste.

2. Du hast eine Stunde Sendezeit bei einem großen Radiosender. Welche Musik, welche Songs spielst Du?
Ausschließlich Jazz von den guten alten Anfangszeiten bis in die Gegenwart.

3. Wie überstehst Du schlechte Tage?
Das kommt darauf an, warum er schlecht. Je nach Ursache versuche ich, den Tag einfach hinter mich zu bringen oder ich greife zu dem passenden Film. Und im Zweifelsfall helfen mir Chips und Eis.

4. Welchem Charakter aus einem Kriminalroman möchtest Du begegnen?
John Turner aus der Turner-Trilogie von James Sallis. Im Grunde genommen ein ziemlich kaputter Ex-Cop, aber ich würde gerne mal mit ihm auf seiner Veranda sitzen, Whisky trinken und Hank Williams hören.

5. Welcher Krimiautor hat Dich am meisten beeindruckt?
Einen Namen kann ich hier nicht nennen, vielmehr sind es Eigenschaften von Autoren, die mich beeindrucken. Dazu gehören vor allem das sprachliche Talent beispielsweise eines James Sallis oder Heinrich Steinfest und die erzählerischen, wirklichkeitsnahen Konstruktionen eines James Ellroy, David Peace, Adrian McKinty und Oliver Bottini.

6. Welche Bücher, die Du bereits vor einigen Jahren gelesen hast, möchtest Du noch einmal lesen?
Vor über 15 Jahren habe ich „The Bluest Eye“ von Toni Morrison gelesen und es hat mich sehr beeindruckt. Deshalb würde ich es gerne noch einmal mit etwas mehr Lebenserfahrung lesen. Ebenfalls beeindruckt war ich vor wenigen Jahren von „Der Killer stirbt“ von James Sallis. Es war mein erstes Buch von ihm, das ich mit dem Wissen seiner andere Werke gerne noch einmal lesen würde.

7. Welches Gedicht hast Du zuletzt gelesen?
„One Art“ von Elisabeth Bishop, das in dem Film „Die Poetin“ eine sehr zentrale Rolle spielt und mich bereits im Film sehr berührt hat. Seit Jahren hatte ich daher das erste Mal den Wunsch, wieder mehr Lyrik zu lesen.

8. Mit wem würdest Du gerne einmal tanzen?
Mit Kermit, aber das haben schon ganz andere versucht …

9. Ein Spiegel an der Wand – schaust Du rein?
Wenn ich an ihm vorbeigehen würde, würde ich ihn vermutlich noch nicht einmal bemerken, weil ich entweder mit meinen Gedanken woanders bin oder vor mich hin träume. Sollte ich direkt davor stehen, würde ich hineinschauen.

10. Wo möchtest Du einmal einen Sonnenuntergang erleben?
In Island.

11. Vervollständige diesen Satz: »Die schönste Liebesgeschichte…«
Die schönste Liebesgeschichte ist die, die einfach ist – oder wie es „Frances Ha“ so schön heißt: „It’s that thing when you’re with someone, and you love them and they know it, and they love you and you know it… but it’s a party… and you’re both talking to other people, and you’re laughing and shining… and you look across the room and catch each other’s eyes… but – but not because you’re possessive, or it’s precisely sexual… but because… that is your person in this life. And it’s funny and sad, but only because this life will end, and it’s this secret world that exists right there in public, unnoticed, that no one else knows about.“

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Stöckchen: Ich möchte unbedingt lesen …

Während ich mich immer noch mit gesundheitlichen Problemen herumschlage, wurde ich von diversen Stöckchen beworfen, die ich gerne nach und nach aufnehmen will. Dieses hier kam von Papercuts1.

Die Aufgabe:
Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein.

Nachdem ich bereits zwei Listen über spannende Neuerscheinungen im Bereich Krimi und Roman veröffentlicht habe, variiere ich die Aufgabe etwas und nenne hier Bücher, die schon länger auf meiner Leseliste stehen.

(c) Matthes & Seitz

(c) Matthes & Seitz

James Gordon Farrell: Troubles
Angeblich ist dieser Gesellschaftsroman eines der besten Bücher, das jemals über die Unruhen in Irland 1919 geschrieben wurden und steckt noch dazu voller schrägem Humor.

Brian Jay Jones: Jim Henson: The Biography
Als großer Muppets-Fan verehre ich Jim Henson sehr, weiß aber bisher nur wenig über sein Leben. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als mir mein Mann dieses Buch zu Weihnachten schenkte. Allerdings hatte ich bisher noch keine Zeit zum Lesen.

(c) Galiani

(c) Galiani

Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees
Ein melancholischer Kriminalroman mit einem finnischen Kommissar – allein diese kurze Beschreibung zieht mich bereits unwiderstehlich an. Glücklicherweise liegt das Buch hier bereits, so dass ich eigentlich sofort anfangen könnte.

Denis Johnson: Train Dreams
Die Geschichte des Tagelöhner Robert Grainer, der sich am Anfang des 20. Jahrhunderts durch den amerikanischen Westen schlägt, hat nur knappe 120 Seiten, soll aber laut der New York Times schlichtweg großartig sein.

(c) Penguin Ireland

(c) Penguin Ireland

Cormac Miller: An Irish Solution
Seit einiger Zeit lese ich sehr gerne irische Krimis und die Lektüre einschlägiger Blogs hat mich auf Cormac Millar aufmerksam gemacht. Eigentlich war ich auf „The Grounds“ weitaus neugieriger, aber „An Irish Solution“ ist der erste Teil der Reihe um den Drogenermittler Séamus Joyce, also will ich damit beginnen.

Viele Blogger haben das Stöckchen schon beantwortet, deshalb reiche ich es nicht weiter. Welche Bücher ihr als nächstes unbedingt lesen wollt, würde mich aber natürlich schon interessieren. 🙂

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