Schlagwort-Archiv: Jörg Juretzka

Krimi-Kritik: „Tauchstation“ von Jörg Jureztka

Der Krüschel. Es ist kaum zu glauben, aber er lebt immer noch. Zwar hält ihn mittlerweile die Marseiller Drogenmafiagang „Chiens du Nord“ für tot, aber das war auch der einzige Ausweg aus dem Schlamassel, in den er sich in „TaxiBar“ und „Trailerpark“ geritten hat. Tatsächlich aber ist er auf „Tauchstation“, wie der Titel des dreizehnten Buchs mit dem Mülheimer Privatdetektiv Kristof Kryszinski verrät. Oder genauer gesagt: Er wurde offiziell für tot erklärt, arbeitet aber als Operativer Mitarbeiter für Kommissar Menden und Europol und soll sich in Bottrop möglichst unauffällig verhalten. „Kommste nach Bottrop, kriegste aufn Kopp dropp“ heißt es ja so schön. Aber das wäre für Krüschel das geringste Problem, denn er ist – wie es sein bester Freund Scuzzi so süffisant wie treffend anmerkt – süchtig nach Gefahr. Seit er keine Drogen mehr nimmt und sich nur noch gelegentlich betrinkt, begibt er sich quasi als Ersatz systematisch ins Lebensgefahr, er braucht eben diesen Rausch. Deshalb lässt er sich in „Tauchstation“ erst auf ein Himmelfahrtskommando ein, bei dem er einen Söldner aus Afghanistan holen soll, um dann in Marseille seine Tarnung auffliegen zu lassen und die Sache mit den Chiens du Nord ein für alle Mal zu klären. Wofür er natürlich mehrere Anläufe braucht. Verbrannte Hoden eingeschlossen. Weiterlesen

Krimi-Kritik: „Trailerpark“ von Jörg Juretzka

Krüschel ist wieder da! Nahtlos setzt Jörg Juretzka mit „Trailerpark“ an dem Ende seines Buchs „Taxibar“ an. Dort befand sich sein Mülheimer Privatdetektiv Kristof Kryszinski umringt von schießbereiten korrupten Polizisten und Drogenhändler an einem Strand in Frankreich wieder. Eigentlich gab es keinen Ausweg aus dieser Situation – abgesehen von dem Tod –, aber entgegen aller Wahrscheinlichkeiten ergreift Kristof seine einzige Chance, riskiert alles und kommt mit dem Leben davon. Wieder einmal. Und landet schließlich unter einem falschen Namen im portugiesischen Jerusalé in dem titelgebenden Trailerpark. Von Montag bis Samstag arbeitet er als illegaler lettischer Einwanderer als Tagelöhner, den Rest der Zeit trinkt er, hat Sex oder versucht, unschönen Gedanken zu verdrängen. Auf diese Weise schafft er es tatsächlich fast ein Jahr lang, allem Ärger auszuweichen. Aber er kann nun einmal nicht aus seiner Haut: Als er wieder einmal mit ansehen muss, wie eine „kleine Gruppe asozialer Portugiesen und sonstigen europäischen Treibguts“ vor der Werft lungert, um den „Sem Papéis“ einen Teil des gerade ausbezahlten Lohns abzunehmen, mischt er sich ein, hilft einem Afrikaner und zieht damit die Aufmerksamkeit auf sich: „Meine Schuld. Seit Monaten war ich ihnen ausgewichen, seit Monaten hatte es sich angebahnt, und nun war es soweit. Mein Herz schlug bis zum Hals, doch einmal nachgeben heißt für immer nachgeben. Und das ließ sich mit meinem Inneren nicht vereinbaren. Du kannst sinken, wie in meinem Fall sogar tief sinken, doch wenn du nicht an einem bestimmten Punkt einen Strich ziehst, gehst du unter. Der Punkt war erreicht.“ Und so legt sich Kryszinski mit der Bande an und hat schon bald sehr viel mehr Ärger am Hals. Weiterlesen

Im Gespräch mit Jörg Juretzka

Anlässlich des Erscheinens seines neuen Kryszinski-Romans „Taxibar“ habe ich ein wenig mit Jörg Juretzka gemailt und konnte ihm einige Fragen stellen. Einiges habe ich davon in meinem Beitrag über die Reihe in dem Magazin BÜCHER verwendet, aber es gab viele Aspekte, die ich leider außen vor lassen musste. Daher folgt nun in meiner Juretzka-Reihe das ‚Interview‘ in voller Länge.

Warum haben Sie Mülheim als Handlungsort Ihrer Kryszinski-Reihe gewählt? Und für Folkmar Windell Köln?

Für den Ruhrpolen Kryszinski wollte ich ein Ruhrpott-Setting, also warum nicht Mülheim? Die Stadt stellt je eh nur so etwas wie einen Ankerplatz für den Herumtreiber Kryszinski dar. Und für Folkmar Windell brauchte ich eine reale deutsche Stadt, die bekannt genug ist, um in Windells fiktivem New York eine Kneipe nach ihr benennen zu können. Hört sich ein bisschen weit hergeholt an, war aber wirklich so.

Wie sind Sie auf die Figur Kryszinski gekommen – und was ermöglicht Ihnen Folkmar Windell, was Kryszinski nicht kann?

Zu Anfang hatte ich die klare Intention, den verlottertsten Privatdetektiv in der Geschichte der Kriminalliteratur zu erschaffen – keine Ahnung, obs mir geglückt ist, aber versucht habe ich es jedenfalls. Und Folkmar Windell erlaubt mir den gelegentlichen Ausbruch aus sowohl dem Krimigenre (schwer zu glauben, aber selbst das Verfassen von Spannungsliteratur kann irgendwann langweilig werden) wie der von mir manchmal als scheuklappenartig empfundenen Ich-Erzähler-Perspektive. Ich liebe nunmal auch das multiperspektivische Erzählen, wie man jetzt wieder beim gerade als e-book erschienenen ‚Los Bandidos‘ sehen kann.

Jörg Juretzka (c) Harald Hoffmann

Jörg Juretzka (c) Harald Hoffmann

Der erste Kryszinski-Roman erschien 1998 – wie hat sich seither Ihr Verhältnis zu Kryszinski verändert? Und wie hat er sich Ihrer Meinung nach verändert?

Ich habe ihn ausgenüchtert – man kann nur so und so viele Alkohol- und Drogeneskapaden schildern, ohne das es irgendwann anfängt, im Getriebe zu knirschen. Und im Zuge dieser neuen Nüchternheit ist Kryszinski in mancher Hinsicht konsequenter geworden, fast schon radikal.

Haben die Entwicklungen im Bereich Kriminalroman (z.B. mehr Morde, mehr Serienkiller, mehr Regionalkrimis usw.) Ihr Schreiben bzw. die Entwicklung innerhalb der Kryszinski-Romane beeinflusst?

Da ich kaum Krimis lese (oder anschaue, doch das nur nebenbei), muss ich die Frage wohl mit ‚nein‘ beantworten. Die Kryszinski-Reihe entwickelt sich, weil mir mein Gefühl sagt, dass andernfalls das Interesse erlahmt – beim Autoren genauso wie beim Publikum.

In den Romanen steht am Anfang immer ein Dank an eine Band für ein bestimmtes Lied. Was hat es damit auf sich?

Da besteht kein Bezug zum Text, falls Sie das meinen. Es ist einfach nur eine Geste, eine kleine Verbeugung, ein Dankeschön für einen Song, der mich aus welchem Grund auch immer vom Hocker gehauen hat.

Wie finden Sie die Themen, die Sie in Ihren Kriminalromanen behandeln?

‚Alles total groovy hier‘ ist da vielleicht ein ganz gutes Beispiel. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass die Sklaverei keinesfalls so ausgerottet ist, wie man annimmt, noch nichtmal in Europa. Damit hatte ich ein Verbrechen, mit dem ich mich und meinen Detektiv beschäftigen konnte, auch wenn er anfangs eigentlich nach etwas ganz anderem suchte. Neben dem vordergründigen gibt es aber meist noch ein übergeordnetes Thema, in diesem Fall ‚Ausgrenzung‘. Im Grossen (‚Festung Europa‘) wie im Kleinen (Hippiekommune gegen den aus dem Biker-Milieu stammenden Eindringling). Das Zusammenwirken dieser beiden Leitmotive hilft mir, eine gewisse erzählerische Stringenz beizubehalten.

In den Romanen gibt es neben regelmäßigen Nebenfiguren wie Scuzzi und Menden auch Charaktere, die wieder auftauchen – beispielsweise Alfred aus „Fallera“ in „Freakshow“ oder Roman aus „Alles total groovy hier“ nun in „Taxibar“. Warum kehren diese Figuren zurück? Und wie behalten Sie den Überblick über all die Charaktere?

Mein Überblick tendiert gegen null. Diese Figuren kommen einfach reingeschneit und verlangen lautstark einen Part. Ich bin da bloss ausführendes Organ.

Ein wichtiger Handlungsstrang in „Taxibar“ ist die Situation der Roma in Deutschland. Dieses Thema kenne ich – abgesehen von Merle Krögers „Grenzfall“ – bisher hauptsächlich aus britisch-irischer Kriminalliteratur (beispielsweise von Peace, Bruen und McKinty). Wieso haben Sie es aufgegriffen?

Der Kerngedanke von ‚TaxiBar‘ ist Selbstjustiz und ihre Entstehung. Die letzten Jahre haben uns Politik und Justiz immer wieder vorgebetet, gegen die herumreisenden Roma-Banden praktisch machtlos zu sein. Die Bürger sollten sich bitteschön selber schützen. Damit legt man eine Saat aus, ermutigt die Leute, das Recht selber in die Hand zu nehmen. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung. Es gibt mittlerweile die ersten Bürgerwehren, dazu mehren sich Übergriffe gegen Roma und in ganz Europa haben reaktionäre Parteien besorgniserregenden Zulauf. So etwas treibt mich selbstverständlich um. Ich wünschte, ich hätte eine Antwort auf das Problem einer zugereisten Minderheit, für die in weiten Teilen der Bevölkerung keinerlei Integrationsbereitschaft besteht, habe ich aber nicht. Nur: Totschweigen macht es nicht besser.

In „Taxibar“ muss Kryszinski noch mehr als üblich einstecken, ihm wird sogar eine Heroinspritze ins Bein gejagt, außerdem will er zum ersten Mal einen Menschen töten. Zusammen mit dem Ende muss ich daher die unvermeidliche Frage stellen: Wie wird es mit Kryszinski weitergehen?

Nach jeder Honorarabrechnung sage ich mir: Jetzt ist Schluss. Aber das sage ich nun schon seit sechzehn Jahren und mache dann doch weiter. Wie lange noch? Keine Ahnung. Solange es mich amüsiert, wahrscheinlich. Solange Leute meine Bücher kaufen, zu meinen Lesungen kommen. Wie es weitergeht? Sagen wir so: Ich habe da seit ein paar Tagen ein Thema, das mir ganz interessant erscheint …

Dann noch kurz zu den oft wiederholten biographischen Angaben: Ist es richtig, dass Sie weiterhin auf dem Bau arbeiten? Außerdem habe ich wiederholt gelesen, dass Sie niemals Bücher von Frauen lesen. Stimmt das? Und wenn ja: warum?

Ich hab mal – einmal – nach einem Interview auf die Frage ‚Du, wie findste denn die oder die Kollegin?‘ geantwortet: ‚Kann ich nix zu sagen. Ich lese kaum Bücher von Frauen.‘ Nächsten Tag stands in der Zeitung, dann im Netz und seither verfolgt mich das. Auch wenn etwas Wahres dran ist. Bei vielen Autorinnen merkt man deutlich, dass die in erster Linie für Leserinnen schreiben, die sie dann obendrein häufig wie Idiotinnen behandeln. Ich fühle mich da schlicht und einfach nicht angesprochen. Und ja, ich arbeite nach wie vor so rund die Hälfte des Jahres auf dem Bau. Ich mag den Ton, der da herrscht. Die Arbeit hält mich fit, die Kontakte halten mich auf dem Laufenden. All das erdet mich. Und es ermöglicht mir, zwei Leben zu leben. Wer kann das schon?

Vielen Dank für das Gespräch.

Krimi-Kritik: „Freakshow“ von Jörg Juretzka

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Eigentlich hat Kryszinski mehr als genug zu tun: Er will den flüchtigen Kindervergewaltiger Benjamin Peelaert aufspüren, einen Bugatti finden, seinen Hund Struppi aus einer Klinik freikaufen und herausfinden, warum er den sprachgestörten Alfred, bekannt aus „Fallera“, in einem Waldstück zwischen Mülheim und Duisburg völlig verstört aufsammeln musste. Eigentlich sehnt er sich deshalb nach „einem Bier, einer Zigarette, einem Tag Schlaf“, allerdings hat er mal wieder keine Wohnung und kein Geld, deshalb nimmt er noch einen Job als Nachtwächter – Objektschützer! – an, der ihm von der guten Frau Dr. Marx, ebenfalls aus „Fallera“ bekannt, vermittelt wird. Er soll verhindern, dass von der Großbaustelle rund um die Einrichtung für betreutes Wohnen in Duisburg-Mündelheim noch mehr Baumaterialien gestohlen werden. Schon bald stellt Kryszinki fest, dass diese ganzen Fälle miteinander in Verbindung stehen – und gerät mal wieder bis zum Hals in der Gülle steckt.

Zahllose Handlungsfäden laufen in „Freakshow“ parallel, wer Juretzka kennt, ahnt allerdings, dass sich schon bald Überschneidungen ergeben. Außerdem ist Kryszinski im Verlauf der Reihe immer mehr zum Kämpfer der Schwachen und Ausgestoßenen geworden – und so setzt er sich auch dieses Mal für jugendliche Ausreißer und Behinderte ein, legt sich mit Pädosexuellen und christlichen Fundamentalisten an, bekommt ordentlich „auf die Fresse“ und steht immer wieder auf. Dabei behält Jörg Juretzka stets die Kontrolle über die verschiedenen Handlungsstränge, ja, es gelingt ihm sogar, dass wir ihm glauben, dass sich Kristof Kryszinski mit Sekten, pädosexuellen Sadisten, Frau Spirititolu von der Tierklinik und privaten Sicherheitsdiensten gleichzeitig anlegen kann. Es ist indes kein Wunder, dass Kryszinski am Ende dieses Romans im Spiegelbild nur noch einen „hageren Serienkiller mit manisch, schwarz umrandeten Augen“ entdeckt. Denn die bitterste Pille kommt am Schluss, dann zeigt sich, was der Titel eigentlich bedeutet.

Jörg Juretzka: Freakshow. Rotbuch 2011. Taschenbuchausgabe im Unionsverlag.

Krimi-Kritik: „Wanted“ von Jörg Juretzka

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Ein Fremder kommt nach sechs Tagen hektischem Ritt in Buttercup, North Carolina an. „Es war Mittagszeit, heiß wie nur je ein Augusttag in dieser dumpf brütenden Ebene, und wer sich leisten konnte, ritt seine Mätresse oder lag sonst wie japsend im Schatten.“ Der Fremde bringt also sein Pferd („Erst das Pferd und dann der Reiter. Eine meiner kleinen Regeln. Man sollte nie vergessen, wer wen auf seinem Rücken trägt und warum eine Umkehrung dieses Arrangements keine gute Idee wäre.“) in einen Mietstall und begibt sich dann in den örtlichen Saloon.

Ja, „Wanted“ ist ein Kryszinski-Roman. Wenngleich der Privatdetektiv aus Mülheim an der Ruhr schwer verletzt im Krankenhaus in der „Perle des Ruhrgebiets“ liegt und sich ein Zimmer ausgerechnet mit Hauptkommissar Menden teilen muss, „mein Schatten an der Wand, mein Schwert des Damokles, mein Antipod, meine Nemensis“, gibt es doch Verbindungen zwischen Buttercup und Mülheim. Zwischen diesen Orten wechseln die Abschnitte des Buchs und so zeigen sich Parallelen und Überschneidungen, die sich allmählich zu einer Interpretation des Geschehens zusammenfügen. Dadurch ist „Wanted“ ein Roman, in den man erst einmal hineinfinden muss – und in dem es nicht immer simpel ist, die einzelnen Figuren und ihre Gegenparts zu identifizieren. Sobald man sich aber auf diese Geschichte und das Vorgehen eingelassen hat, macht es sehr viel Spaß, die Verbindungen aufzudecken. Dabei findet Juretzka für jede Figur ein passendes Wild-West-Gegenstück, was zu allerlei Amüsement führt. Und dass sich Journalisten als Zombies entpuppen, passt dann nicht nur gut ins Bild dieses eigenwilligen Romans. 😉

Dennoch ist „Wanted“ mehr als eine Genrespielerei des Autores: Die jeweiligen Plots um Grundstücksspekulationen, Bestechung, Korruption sowie Bedrohungen zeigen, dass es einige Vorgänge und Typen bereits seit über 100 Jahren gibt – und manchmal eine Stadt im Heute genauso vorgeht wie ein skrupelloser Großgrundbesitzer im Wilden Westen. In diesem Sinn: Reite weiter, einsamer Fremder!

Jörg Juretzka: Wanted. Ullstein 2004.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Platinblondes Dynamit“

Krimi-Kritik: „Rotzig & Rotzig“ von Jörg Juretzka

„Der Mann war noch nicht ganz aufgeschlagen, noch nicht ganz tot, als am Kellergeschoss eine Stahltür aufsprang und zwei rotznasig und unterernährt wirkende Jungs von vielleicht neun oder zehn Jahren herausstürmten, sich auf den Leichnam stürzten und ihm ebenso ungerührt wie routiniert die Taschen auf links zogen. Ich hatte instinktiv ein paar Schritte rückwärts gemacht und stand nun da, schockgefroren, die Flanke meines Toyotas im Kreuz, Katzenkorb an der Hand, Pappkarton mit CDs, Dosenbier, Rasierzeug und anderem Lebenswichtigem unterm Arm, und fühlte mich von einer Sekunde auf die andere geradezu wundervoll eingestimmt auf den Job, den ich da angenommen hatte.“

Nein, Kristof Enrico Kryszinski hat nicht wirklich den Job gewechselt, sondern ermittelt mal wieder verdeckt. Er soll im Auftrag einer Mülheimer Wohnungsbaugesellschaft einen Mietstreik in der Hochhaussiedlung Wohnpark Nord verhindern, der sich aufgrund fortgesetzter Einbrüche und Vandalismus abzeichnet. Als Hausmeister hat er mehr oder weniger uneingeschränkten Zugang zu allen Räumlichkeiten, deshalb erscheint dieser Job als ideale Tarnung. Nachdem ihm sein Vorgänger nun vor die Füße gefallen ist, macht er sich mit der Umgebung vertraut. Es ist eine Siedlung, wie sie in fast jeder Großstadt zu finden ist. Hier gibt es die rotznasigen Zwillinge Üffes und Sien (eigentlich Yves und Sean), einige einsame Frauen, Möchtegern-Gangster namens Nordpark Hoodies und die unvermeidlichen Blockwarte, die für Recht und Ordnung sorgen wollen. Da er mit Scuzzi in einer ähnlichen Siedlung aufgewachsen ist, ist dieser Job für Kryszinski fast ein Heimspiel. Er kennt die meisten Tpyen und Tricks und versucht vor allem, Üffes und Sien das Handwerk zu legen. Als er sich aber deren Familie genauer ansieht, stößt er nicht nur auf eine medikamentenabhängige Mutter und einen merkwürdigen Stiefvater, sondern auch auf eine äußerst desinteressierte Dame von Jugendamt. Das stimmt ihn misstrauisch, außerdem hat Kryszinski bekanntermaßen ein gutes Herz, deshalb kann er diese Jungs nicht einfach so aufgeben – so sehr sie ihm auch auf die Nerven gehen.

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

„Rotzig & Rotzig“ beginnt wie ein typischer Kryszinski-Roman, in dem insbesondere Üffes und Sein einen witzigen Kontrapunkt zu Kryszinskis Gegrummel setzen. Ungefähr nach der Hälfte nimmt die Geschichte jedoch eine Wendung, die für schreckliche Zwischenfälle und unschöne Wahrheiten sorgt. Und es ist Juretzkas große Kunst, diese ernsthaften und grausamen Momente hervorragend in die gewohnt lustigen und deftigen Szenen einzufügen. Mit Kinderhandel und Kinderpornographie nimmt er sich abermals brisante Themen vor und zeigt inmitten von Kryszinskis turbulenten und gefährlichen Nachforschungen, wie verzweigt und einflussreich ein Netzwerk von Kindervergewaltigern sein kann. Diese Ermittlungen treiben Kryszinski an den Rand des Erträglichen und sie werden weitreichende Folgen haben. Für ihn – und die Reihe.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: Juretzkas Schreibstil ist fraglos Geschmackssache – ich schätze ihn sehr und kann bei seinen Büchern viel lachen, andere werden damit nichts anfangen können. Wer aber vor Juretzkas Büchern zurückschreckt, weil „Rotzig & Rotzig“ bereits der neunte Band einer Reihe ist und er die Vorgänger nicht alle lesen möchte, dem sei dieser Band als Einstieg empfohlen. Denn es wäre schade, diesem eigenwilligen Privatdetektiv keine Chance zu geben.

Jörg Juretzka: Rotzig & Rotzig. Rotbuch 2010. Taschenbuchausgabe im Unionsverlag.

Krimi-Kritik: „Alles total groovy hier“ von Jörg Juretzka

Schisser ist verschwunden! Schisser hatte mit Scuzzi die grandiose Idee, im Süden Spaniens die Stormfuckers Ranch zu gründen, eine Art Erholungsort für alte Biker, deshalb haben sie Geld gesammelt, Schisser ist auf Erkundungstour gegangen und weder er noch die 100.000 Euro sind zurückgekehrt. „Du bist Detektiv, Kristof“, hatte Charly, Präsident der Stormfuckers und damit auch meiner, festgestellt. „Also fahr runter und finde heraus, was da los ist. Und nimm Scuzzi mit. Der kann Spanisch.“ Also sind Scuzzi und Kryszinski mit einem alten Wohnmobil Schisser nachgefahren und in einer gottverlassenen Gegend gelandet, in der es außer ihnen nur noch eine Hippie-Kommune und ein Bande von Roma gibt. Für Scuzzi gleicht diese Ecke schon bald einem Paradies. Er wird in der Hippie-Kommune mit offenen Armen aufgenommen, die Frauen finden ihn unwiderstehlich und Drogen gibt es in rauen Mengen. Nur Kryszinski will sich nicht so recht einfügen, ihm ist „jegliche Zusammenballung von Aussteigern seit jeher suspekt“, außerdem will er ein Pils und erfährt deshalb schnell, wie es ist, ein Außenseiter zu sein. Außerdem entdeckt er erste Spuren auf Schissers Verbleib und dadurch wird ihm die ganze Bande noch suspekter – und schließlich deckt er eine ungeheure Geschichte auf, die einen noch lange nach Ende des Buches beschäftigt.

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

„Alles total groovy hier“ ist ein starkes Buch aus der Kryszinski-Reihe, wenngleich hier das Muster, dass meist die schönsten Frauen die größten Verbrecher sind, die Spannung mindert. Aber gerade aus dem Zusammenprall der verschiedenen Welten entsteht viel böser Witz, der durch die verborgene Unmenschlichkeit der Hippies im Nachklang noch fieser wird. Außerdem setzt sich hier fort, was sich bereits in „Bis zum Hals“ abzeichnete: Nachdem eine ganze Weile auf abenteuerlichste Weise ermittelt wurde, erfolgt eine Wendung ins Ernsthafte – in diesem Fall der menschenverachtende Umgang mit afrikanischen Flüchtlingen. Daneben ist Außenseitertum ist das übergeordnete Motiv dieses Kriminalromans: Die Hippies gerieren sich als Außenseiter, wenngleich sie jeden verstoßen, dessen Individualität sich nicht in ihr Kollektiv einfügt. Sie erwarten ein bestimmtes Verhalten, einige kehren nach zwei Wochen vermeintlicher Freiheit in ihr bürgerliches Leben zurück. Die Roma des benachbarten, verfallenen Dorfes kennen nur Ausgrenzung und Vertreibung, deshalb sind sie Fremden gegenüber misstrauisch und bewerfen sie mit Steinen. Und dann gibt es noch die Afrikaner, die ihr Leben riskieren, um über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Sie sind nicht nur gesellschaftliche Außenseiter, sondern ihr Leben wird behandelt als sei es weniger wert. Ihr Schicksal ist der mehr als bittere Kern dieses guten Buches.

Jörg Juretzka: Alles total groovy hier. Unionsverlag 2009.

Krimi-Kritik: „Bis zum Hals“ von Jörg Juretzka

„Na, das hast Du ja sauber hingekriegt, Kryszinski.“ Wenn es etwas gibt, das ich an Kommissar Hufschmidt hasse – besonders hasse, heißt das, also mehr noch als alles andere, das ich eh schon hasse an ihm –, dann ist das seine gespielte Coolness im Angesicht des Entsetzlichen.“

Denn auch Kommissar Hufschmidt hat der Anblick des Toten auf der Straße mitgenommen. „Er war aschfahl und brauchte die offene Tür seines Opels als Stütze“, dennoch will er cool wirken. Zumal er überzeugt ist, dass er Kryszinski nun endlich erwischt hat. Für die Polizisten ist die Sache klar: Kryszinski ist vermutlich mal wieder total dicht viel zu schnell gefahren und hat den armen Kerl nicht rechtzeitig gesehen, den er dann überfahren hat. Als Kommissar Menden am Unfallort eintrifft, stellt Kryszinski die Sache aber klar – irgendwie: „Ich bin unschuldig“, war alles, was mir einfallen wollte. Menden sehen und diesen Satz äußern ist manchmal wie zwei Sektenwerbern die Tür öffnen und sie gleich wieder schließen. Es hat etwas Automatisches, Zwangsläufiges. Beide Seiten wären irgendwie baff, würde es anders laufen.“. Aber nicht nur das: „Außerdem war ich fühllos, entrückt, wie anästhesiert. Man fährt schließlich nicht alle Tage einen Menschen über den Haufen. Noch nicht einmal ich, sollte ich vielleicht hinzufügen. Und dann noch ohne Absicht.“ Denn tatsächlich ist Kryszinski unschuldig. Ihm wurde der bedauernswerte Mann einfach vor das Auto geworfen. Jedoch lässt Kryszinski sich nicht ohne weiteres als Mordwaffe gebrauchen und ermittelt deshalb auf eigene Faust. Er findet heraus, dass der Tote aus Russland stammt – und hat schon bald nicht nur verschiedene Geheimdienste, sondern auch die Hells Angels am Wickel.

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Mit „Bis zum Hals“ kehrt Kryszinski nach seinen Ausflügen in die Schweiz, auf ein Kreuzfahrtschiff und den Wilden Westen wieder ins Ruhrgebiet zurück. Er trifft alte Bekannte wie Stormfuckers-Chef Charly und in dem Pathologen Dr. Korthner einen neuen Freund. Dieser hat früher als Laborarzt gearbeitet und die Blutproben polizeilicher Untersuchungen analysiert. Darunter war auch mal eine von Kryszinski. „Das Ergebnis hängt gerahmt im Büro des Stationsarztes.“ Er wirkte völlig begeistert. Ich weniger, denn unterschwellig ahnte ich, worauf das hinauslief. „Weder vorher noch jemals nachher ist eine höhere Dosis und größere Vielfalt an psychotropen Wirkstoffen in einer einzigen Blutprobe nachgewiesen worden. (…). Was meine Kollegen und ich uns immer gefragt haben: Sie wurden ja damals in Ausübung einer Straftat verhaftet, waren also nicht nur bei Bewusstsein, sondern obendrein aktiv. Wie … wie haben Sie es geschafft, diese Vielzahl an teilweise gegenläufig wechselwirksamen Substanzen physisch und vor allem auch psychisch zu koordinieren?“. „Schwer zu sagen“, gab ich zu. „Aber wenn ich mich recht erinnere, brachte eine halbe Flasche Wodka für gewöhnlich so was wie ein bisschen Ordnung in den ganzen Kuddelmuddel.“ Dank Korthners Begeisterung für seine Blutwerte erfährt Kryszinski etwas über den Toten, hat außerdem zukünftig eine Anlaufstelle für eigene Verletzungen und es wird bereits deutlich, dass Kryszinski über eine wichtigen Eigenschaft für Ermittlungen im Russenmilieu verfügt: eine hohe Alkoholverträglichkeit. Und angesichts der während dieser Ermittlungen konsumierten Wodka-Mengen hätten dort wohl nur wenige Privatdetektive bestehen können.

Durch die für Juretzkas Kryszinski-Reihe typische Ich-Erzählform und die vielen direkten Dialoge entsteht ein hohes Erzähltempo, außerdem unterhält und amüsiert er mit wenigen Worten. Darüber hinaus gibt es immer wieder Momente, in denen sich mit einem kurzen Satz eine ganze Welt offenbart. Nachdem Kryszinski mit Anoushka, der Frau des Toten, einen Zusammenstoß mit Unbekannten hatte, fliehen sie über die Autobahn, auf der vor kurzem ein Unfall stattgefunden hat und retten sich in ein Auto. „Der Abschleppwagenfahrer blickte überrascht, angepisst, verstehend, einsichtig. Alles binnen eines Fingerschnippens. Doch er sagte kein Wort. Stattdessen schwang er sich in seinen Sitz, knallte die Tür und startete den Motor. Sah noch mal zu uns rüber, zusammengepfercht auf einem Beifahrersitz, sah Anoushka an, barfuß, abgerissen nach einer Nacht auf der Flucht, ihren von Bindfäden zusammengehaltenen Koffer umklammernd wie einen letzten Halt in einer Welt ohne Boden, mich mit meiner schwellenden, blutenden Stirn, registrierte unsere gehetzten, immer und immer wieder nach hinten wandernden Blicke und fuhr einfach los. „Ich komme aus dem Kosovo“, sagte er, als er uns an einer S-Bahn-Haltestelle rausließ, und wünschte uns Glück.“ Dieser überraschende Moment der Solidarität der Flüchtenden berührt und bleibt in Erinnerung.

Dennoch ist „Bis zum Hals“ einer der konventionelleren Kryszinski-Romane: Der hartgesottene Privatdetektiv trifft eine femme fatale und jede Menge zwielichtiger Gestalten, es kommt zu einigen Scharmützeln und alles endet in einem übertrieben actionreichen Finale. Dass es alles unterhaltsam ist, steht außer Frage. Aber dass in der Reihe noch weit mehr Potential steckt, zeigt Juretzka insbesondere in den folgenden Romanen.

Jörg Juretzka: Bis zum Hals. Ullstein 2007.

Krimi-Kritik: „Equinox“ von Jörg Juretzka

(c) Ullstein

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Nachdem er von seinem Ausflug in die Berge („Fallera“) heil zurückgekehrt ist, hat Kryszinski neuen Ärger am Hals. Schuld ist genau genommen sein Freund Scuzzi, der erst seinen Lieferanten verloren und sich dann trotz aller Warnungen mit albanischen Gangstern eingelassen hat. Erwartungsgemäß wurde er von ihnen über den Tisch gezogen, das konnte wiederum Kryszinski nicht mit ansehen, also hat er es ihnen auf seine Weise heimgezahlt. Nun ist den Albanern aber zu Ohren gekommen, wem sie den Verlust zweier Taschen voller Drogen verdanken – und so konnte er der Gelegenheit nicht widerstehen, an der Seite von Jochen Fuchs als zweiter Privatdetektiv auf dem Kreuzfahrtschiff „Equinox“ anzuheuern. Mit von der Partie ist auch Scuzzi, der beim Vorstellungsgespräch mehr als überzeugt hat: „Denn das war es, das war die unfassbare Wahrheit: Sie hatten Scuzzi hier auf dem Schiff zu so einer Art General-Musikdirektor gemacht. Einen Mann, der alle Alben von Supertramp besaß, von Lionel Richie und, mein Gott, sämtliche LPs und Singles von Phil Collins und Genesis. Ein Mann, dessen Plattenschrank man auch „die Top 10 000 der seichtesten Titel aller Zeiten“ nennen könnte“, dieser Mann bestimmt nun zu Kryszinski größter Qual über die gesamte Musik, die an Bord zu hören ist.

Kaum hat das Schiff abgelegt, findet sich ein erster Toter an Bord. Mit der Diagnose „Selbstmord“ des Bordarztes Dr. Koethensieker ist Kryszinsiki alles andere als einverstanden, deshalb ermittelt er haarsträubend auf eigene Faust und kommt den wahren Tätern auf die Spur. Dazwischen muss er mehrmals seinen eigenen Hals retten – im wahrsten Sinn des Wortes, denn der Täter enthauptet seine Opfer in der Regel – und sich vom Detektiv zum Animateur degradieren lassen. Das sorgt für eine filmreife Szene, in der Kryszinki die gelangweilten Kreuzfahrtpassagiere zu einem französischen „Kochkürs“ der besonderen Art einlädt.

Allein schon die Vorstellung von dem seit seiner Haft leicht klaustrophobischen und sich ständig mit Autoritäten anlegenden Kryszinski auf einem hierarchisch organisierten Kreuzfahrtschiff ist großartig. Dann teilt er sich noch eine Kabine mit dem pedantischen Fuchs und dem dauerzugedröhnten Scuzzi, dessen Musik er auf dem Schiff ohnehin schon ständig ausgesetzt ist. Das alles zerrt an Kryszinskis Nerven, hält ihn aber nicht davon ab, noch im Bord-Supermarkt zu betrügen und auf verdienstvolle Fertigkeiten zurückzugreifen, um inmitten eines besonderes rabbattierten Einkaufs an eine Stange Zigarretten zu kommen. „Und ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass das jahrelange Training im „Reise-nach-Jerusalem“-spielen nach dem Regelwerk des Rockerclubs „Stormfuckers“ ein ums andere Mal Früchte trug. Okay, ein paar der alten Knacker um mich herum nochten nie wieder so richtig auf die Beine gekommen sein, aber ich kriegte sie zu fassen, meine Stange Camel „ohne“, oh ja.“ Und diese Zigaretten braucht Kryszinski äußerst dringend, schließlich hat sich Fuchs von den Schiffsoberen einwickeln lassen und untersucht den Mordfall nicht mit vollem Einsatz, Scuzzi ist ebenfalls beschäftigt und ohnehin keine große Hilfe, also bleibt es allein Kristof überlassen, die Hintergründe zu ermitteln.

Dass Kryszinski auch außerhalb des Ruhrgebiets glaubwürdig bleibt, hat Juretzka mit „Fallera“ bereits bewiesen, nun ist sein Kumpel Scuzzi ebenfalls mit von der Partie. Daneben gibt es eine Vielzahl schrulliger Nebencharaktere, die mit Biss und Herz beschrieben sind. Dadurch ist „Equinox“ in erster Linie gewohnte Juretzka-Unterhaltung mit sehr viel Sprachwitz, tollen Charakteren und allerhand bissigen Seitenhieben auf den Tourismus und die Selbstgefälligkeit wohlhabender Menschen. Das bereitet ausreichend Vergnügen, dass mich die Vorhersehbarkeit des Plots und der Bösewichte beim Lesen nicht allzu sehr gestört haben. Aber „Equinox“ ist vor allem für Fans der Reihe ein Vergnügen.

Jörg Juretzka: Exquinox. Ullstein 2003.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Fallera“
„Platinblondes Dynamit“

Krimi-Kritik: „Fallera“ von Jörg Juretzka

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Kristof Enrico Kryszinski verlässt das Ruhrgebiet! Er hat sich von seinem Lieblingsfeind Kommissar Menden anheuern lassen, undercover an einer Resozialisierungsmaßnahme in der Schweiz teilzunehmen, bei der eine illustre Gruppe von Knackis mit Behinderten auf einen Berg steigen soll. „Gott im Himmel, da hatten sie uns ja ein wundervolles Panoptikum von Wackelköpfen zusammengestellt. Ich besah sie mir unauffällig, während Hufschmidt ein großes Gehampel daraus machte, mir die Handschellen aufzuschließen. Im Hintergrund, mit dem Rücken zu mir, in Betrachtung der Aussicht versunken, gleich zwei Rollstuhlkrüppel. Toll. Das würde eine schöne Plackerei werden, in einer Gegend wie dieser. Dazu kamen, auf den ersten Blick, ein Dorftrottel, dem sie die Wachstumsdrüse zehn Jahre zu spät ausgeknipst hatten, ein wie ein später Picasso in seinen Proportionen verschobener Spastiker, ein kleiner, wulstiger Mongoloide, eine babbelnde Schwachsinnige mit einer beunruhigenden, faustgroßen Delle in der Stirn, und dieser Klops auf Beinen mit den halbverhangenen Augen und dem schmierigen Grinsen, der auf mich zu getrippelt kam und mir eine schwielige Rechte entgegenstreckte, die ich garantiert nicht schütteln würde, war in schönster Offensichtlichkeit vom Onanieren verblödet.“ Das Ziel der Maßnahme: die Knackis sollen sich mit den Opfern ihrer Taten versöhnen und die Behindertensollen erfahren, dass sie „vor ungewöhnlichen Aufgabenstellungen nicht zu kapitulierrren brauchen“. Kryszinski treibt vor allem die Aussicht auf ein vorzüglich Honorar dorthin, allerdings ist er in noch schlechterer Verfassung als üblich – sogar sein bester Freund Pierfrancesco Scuzzi rät ihm, sich ins Krankenhaus einweisen zu lassen und versorgt ihn nicht mehr mit Pillen, sondern Vitamen. Aber Kryszinski glaubt, er sei der Anforderung gewachsen, außerdem kann er ohnehin kaum mehr Traum und Realität unterscheiden. Allerdings ist seine Wahrnehmung alsbald gefordert: Schnell liegt Bergführer Toni tot an einem Berg, es folgen weitere Attentate auf Mitglieder der Gruppe. Hauptverdächtige ist der „verstrahlte“ Kryszinski, allerdings weiß dieser zu gut, dass er wohl eher nicht der Täter ist. Nachdem er selbst einigen Anschlägen mit mehr Glück als Verstand entkommen ist, deckt er daher nach und nach eine abenteuerliche Verschwörung auf.

Indem Jörg Juretzka den Handlungsort von der „Perle des Ruhrgebiets“ in die Schweiz verlagert, unterläuft er abermals die Erwartungen an einen Serienkrimi. Sein Kryszinski bleibt aber trotz der bergigen Kulisse der Ruhrpott-Detektiv, den wir kennen. Im Gegensatz zu vielen Serienkrimihelden braucht er nämlich nicht sein angestammtes Milieu, um authentisch zu sein.

Durch die Verlagerung fehlen aber – abgesehen vom Anfang – die liebgewonnenen Nebenfiguren der vorherigen Romane. Das muss man ebenso in Kauf nehmen wie die unzähligen Zufälle, die sogar vom Ich-Erzähler Kryszinski selbst angesprochen werden: „Langsam krochen wir zurück und richteten uns vorsichtig wieder auf, und ich dachte, so für mich, eh, eh, eh, mal ein bisschen langsam. Das sind jetzt aber wirklich ein paar Zufälle zu viel.“ Ja, es sind eigentlich einige Zufälle zu viel, auch muten manche Ereignisse übertrieben an. Aber in allem steckt stets ein bitterer Kern – sei es, dass ein bayrischer Justizminister seine Schuld an einem Unfall vertuschen kann oder zwei Politikersöhne mit einer Vergewaltigung davon kommen. Denn abgesehen von dem großen abenteuerlichen Spaß, den die Lektüre dieses Romans bereitet, sollte man eines nicht vergessen: Juretzkas Bücher sind mehr als einfach nur ein Witz.

Jörg Juretzka: Fallera. Rotbuch 2002. Wiederauflage als Taschenbuch Unionsverlag 2012.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Der Willy ist weg“
„Platinblondes Dynamit“