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Krimi-Kritik: „Bis zum Hals“ von Jörg Juretzka

„Na, das hast Du ja sauber hingekriegt, Kryszinski.“ Wenn es etwas gibt, das ich an Kommissar Hufschmidt hasse – besonders hasse, heißt das, also mehr noch als alles andere, das ich eh schon hasse an ihm –, dann ist das seine gespielte Coolness im Angesicht des Entsetzlichen.“

Denn auch Kommissar Hufschmidt hat der Anblick des Toten auf der Straße mitgenommen. „Er war aschfahl und brauchte die offene Tür seines Opels als Stütze“, dennoch will er cool wirken. Zumal er überzeugt ist, dass er Kryszinski nun endlich erwischt hat. Für die Polizisten ist die Sache klar: Kryszinski ist vermutlich mal wieder total dicht viel zu schnell gefahren und hat den armen Kerl nicht rechtzeitig gesehen, den er dann überfahren hat. Als Kommissar Menden am Unfallort eintrifft, stellt Kryszinski die Sache aber klar – irgendwie: „Ich bin unschuldig“, war alles, was mir einfallen wollte. Menden sehen und diesen Satz äußern ist manchmal wie zwei Sektenwerbern die Tür öffnen und sie gleich wieder schließen. Es hat etwas Automatisches, Zwangsläufiges. Beide Seiten wären irgendwie baff, würde es anders laufen.“. Aber nicht nur das: „Außerdem war ich fühllos, entrückt, wie anästhesiert. Man fährt schließlich nicht alle Tage einen Menschen über den Haufen. Noch nicht einmal ich, sollte ich vielleicht hinzufügen. Und dann noch ohne Absicht.“ Denn tatsächlich ist Kryszinski unschuldig. Ihm wurde der bedauernswerte Mann einfach vor das Auto geworfen. Jedoch lässt Kryszinski sich nicht ohne weiteres als Mordwaffe gebrauchen und ermittelt deshalb auf eigene Faust. Er findet heraus, dass der Tote aus Russland stammt – und hat schon bald nicht nur verschiedene Geheimdienste, sondern auch die Hells Angels am Wickel.

(c) Ullstein

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Mit „Bis zum Hals“ kehrt Kryszinski nach seinen Ausflügen in die Schweiz, auf ein Kreuzfahrtschiff und den Wilden Westen wieder ins Ruhrgebiet zurück. Er trifft alte Bekannte wie Stormfuckers-Chef Charly und in dem Pathologen Dr. Korthner einen neuen Freund. Dieser hat früher als Laborarzt gearbeitet und die Blutproben polizeilicher Untersuchungen analysiert. Darunter war auch mal eine von Kryszinski. „Das Ergebnis hängt gerahmt im Büro des Stationsarztes.“ Er wirkte völlig begeistert. Ich weniger, denn unterschwellig ahnte ich, worauf das hinauslief. „Weder vorher noch jemals nachher ist eine höhere Dosis und größere Vielfalt an psychotropen Wirkstoffen in einer einzigen Blutprobe nachgewiesen worden. (…). Was meine Kollegen und ich uns immer gefragt haben: Sie wurden ja damals in Ausübung einer Straftat verhaftet, waren also nicht nur bei Bewusstsein, sondern obendrein aktiv. Wie … wie haben Sie es geschafft, diese Vielzahl an teilweise gegenläufig wechselwirksamen Substanzen physisch und vor allem auch psychisch zu koordinieren?“. „Schwer zu sagen“, gab ich zu. „Aber wenn ich mich recht erinnere, brachte eine halbe Flasche Wodka für gewöhnlich so was wie ein bisschen Ordnung in den ganzen Kuddelmuddel.“ Dank Korthners Begeisterung für seine Blutwerte erfährt Kryszinski etwas über den Toten, hat außerdem zukünftig eine Anlaufstelle für eigene Verletzungen und es wird bereits deutlich, dass Kryszinski über eine wichtigen Eigenschaft für Ermittlungen im Russenmilieu verfügt: eine hohe Alkoholverträglichkeit. Und angesichts der während dieser Ermittlungen konsumierten Wodka-Mengen hätten dort wohl nur wenige Privatdetektive bestehen können.

Durch die für Juretzkas Kryszinski-Reihe typische Ich-Erzählform und die vielen direkten Dialoge entsteht ein hohes Erzähltempo, außerdem unterhält und amüsiert er mit wenigen Worten. Darüber hinaus gibt es immer wieder Momente, in denen sich mit einem kurzen Satz eine ganze Welt offenbart. Nachdem Kryszinski mit Anoushka, der Frau des Toten, einen Zusammenstoß mit Unbekannten hatte, fliehen sie über die Autobahn, auf der vor kurzem ein Unfall stattgefunden hat und retten sich in ein Auto. „Der Abschleppwagenfahrer blickte überrascht, angepisst, verstehend, einsichtig. Alles binnen eines Fingerschnippens. Doch er sagte kein Wort. Stattdessen schwang er sich in seinen Sitz, knallte die Tür und startete den Motor. Sah noch mal zu uns rüber, zusammengepfercht auf einem Beifahrersitz, sah Anoushka an, barfuß, abgerissen nach einer Nacht auf der Flucht, ihren von Bindfäden zusammengehaltenen Koffer umklammernd wie einen letzten Halt in einer Welt ohne Boden, mich mit meiner schwellenden, blutenden Stirn, registrierte unsere gehetzten, immer und immer wieder nach hinten wandernden Blicke und fuhr einfach los. „Ich komme aus dem Kosovo“, sagte er, als er uns an einer S-Bahn-Haltestelle rausließ, und wünschte uns Glück.“ Dieser überraschende Moment der Solidarität der Flüchtenden berührt und bleibt in Erinnerung.

Dennoch ist „Bis zum Hals“ einer der konventionelleren Kryszinski-Romane: Der hartgesottene Privatdetektiv trifft eine femme fatale und jede Menge zwielichtiger Gestalten, es kommt zu einigen Scharmützeln und alles endet in einem übertrieben actionreichen Finale. Dass es alles unterhaltsam ist, steht außer Frage. Aber dass in der Reihe noch weit mehr Potential steckt, zeigt Juretzka insbesondere in den folgenden Romanen.

Jörg Juretzka: Bis zum Hals. Ullstein 2007.

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Krimi-Kritik: „Equinox“ von Jörg Juretzka

(c) Ullstein

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Nachdem er von seinem Ausflug in die Berge („Fallera“) heil zurückgekehrt ist, hat Kryszinski neuen Ärger am Hals. Schuld ist genau genommen sein Freund Scuzzi, der erst seinen Lieferanten verloren und sich dann trotz aller Warnungen mit albanischen Gangstern eingelassen hat. Erwartungsgemäß wurde er von ihnen über den Tisch gezogen, das konnte wiederum Kryszinski nicht mit ansehen, also hat er es ihnen auf seine Weise heimgezahlt. Nun ist den Albanern aber zu Ohren gekommen, wem sie den Verlust zweier Taschen voller Drogen verdanken – und so konnte er der Gelegenheit nicht widerstehen, an der Seite von Jochen Fuchs als zweiter Privatdetektiv auf dem Kreuzfahrtschiff „Equinox“ anzuheuern. Mit von der Partie ist auch Scuzzi, der beim Vorstellungsgespräch mehr als überzeugt hat: „Denn das war es, das war die unfassbare Wahrheit: Sie hatten Scuzzi hier auf dem Schiff zu so einer Art General-Musikdirektor gemacht. Einen Mann, der alle Alben von Supertramp besaß, von Lionel Richie und, mein Gott, sämtliche LPs und Singles von Phil Collins und Genesis. Ein Mann, dessen Plattenschrank man auch „die Top 10 000 der seichtesten Titel aller Zeiten“ nennen könnte“, dieser Mann bestimmt nun zu Kryszinski größter Qual über die gesamte Musik, die an Bord zu hören ist.

Kaum hat das Schiff abgelegt, findet sich ein erster Toter an Bord. Mit der Diagnose „Selbstmord“ des Bordarztes Dr. Koethensieker ist Kryszinsiki alles andere als einverstanden, deshalb ermittelt er haarsträubend auf eigene Faust und kommt den wahren Tätern auf die Spur. Dazwischen muss er mehrmals seinen eigenen Hals retten – im wahrsten Sinn des Wortes, denn der Täter enthauptet seine Opfer in der Regel – und sich vom Detektiv zum Animateur degradieren lassen. Das sorgt für eine filmreife Szene, in der Kryszinki die gelangweilten Kreuzfahrtpassagiere zu einem französischen „Kochkürs“ der besonderen Art einlädt.

Allein schon die Vorstellung von dem seit seiner Haft leicht klaustrophobischen und sich ständig mit Autoritäten anlegenden Kryszinski auf einem hierarchisch organisierten Kreuzfahrtschiff ist großartig. Dann teilt er sich noch eine Kabine mit dem pedantischen Fuchs und dem dauerzugedröhnten Scuzzi, dessen Musik er auf dem Schiff ohnehin schon ständig ausgesetzt ist. Das alles zerrt an Kryszinskis Nerven, hält ihn aber nicht davon ab, noch im Bord-Supermarkt zu betrügen und auf verdienstvolle Fertigkeiten zurückzugreifen, um inmitten eines besonderes rabbattierten Einkaufs an eine Stange Zigarretten zu kommen. „Und ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass das jahrelange Training im „Reise-nach-Jerusalem“-spielen nach dem Regelwerk des Rockerclubs „Stormfuckers“ ein ums andere Mal Früchte trug. Okay, ein paar der alten Knacker um mich herum nochten nie wieder so richtig auf die Beine gekommen sein, aber ich kriegte sie zu fassen, meine Stange Camel „ohne“, oh ja.“ Und diese Zigaretten braucht Kryszinski äußerst dringend, schließlich hat sich Fuchs von den Schiffsoberen einwickeln lassen und untersucht den Mordfall nicht mit vollem Einsatz, Scuzzi ist ebenfalls beschäftigt und ohnehin keine große Hilfe, also bleibt es allein Kristof überlassen, die Hintergründe zu ermitteln.

Dass Kryszinski auch außerhalb des Ruhrgebiets glaubwürdig bleibt, hat Juretzka mit „Fallera“ bereits bewiesen, nun ist sein Kumpel Scuzzi ebenfalls mit von der Partie. Daneben gibt es eine Vielzahl schrulliger Nebencharaktere, die mit Biss und Herz beschrieben sind. Dadurch ist „Equinox“ in erster Linie gewohnte Juretzka-Unterhaltung mit sehr viel Sprachwitz, tollen Charakteren und allerhand bissigen Seitenhieben auf den Tourismus und die Selbstgefälligkeit wohlhabender Menschen. Das bereitet ausreichend Vergnügen, dass mich die Vorhersehbarkeit des Plots und der Bösewichte beim Lesen nicht allzu sehr gestört haben. Aber „Equinox“ ist vor allem für Fans der Reihe ein Vergnügen.

Jörg Juretzka: Exquinox. Ullstein 2003.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Fallera“
„Platinblondes Dynamit“

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Krimi-Kritik: „Fallera“ von Jörg Juretzka

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Kristof Enrico Kryszinski verlässt das Ruhrgebiet! Er hat sich von seinem Lieblingsfeind Kommissar Menden anheuern lassen, undercover an einer Resozialisierungsmaßnahme in der Schweiz teilzunehmen, bei der eine illustre Gruppe von Knackis mit Behinderten auf einen Berg steigen soll. „Gott im Himmel, da hatten sie uns ja ein wundervolles Panoptikum von Wackelköpfen zusammengestellt. Ich besah sie mir unauffällig, während Hufschmidt ein großes Gehampel daraus machte, mir die Handschellen aufzuschließen. Im Hintergrund, mit dem Rücken zu mir, in Betrachtung der Aussicht versunken, gleich zwei Rollstuhlkrüppel. Toll. Das würde eine schöne Plackerei werden, in einer Gegend wie dieser. Dazu kamen, auf den ersten Blick, ein Dorftrottel, dem sie die Wachstumsdrüse zehn Jahre zu spät ausgeknipst hatten, ein wie ein später Picasso in seinen Proportionen verschobener Spastiker, ein kleiner, wulstiger Mongoloide, eine babbelnde Schwachsinnige mit einer beunruhigenden, faustgroßen Delle in der Stirn, und dieser Klops auf Beinen mit den halbverhangenen Augen und dem schmierigen Grinsen, der auf mich zu getrippelt kam und mir eine schwielige Rechte entgegenstreckte, die ich garantiert nicht schütteln würde, war in schönster Offensichtlichkeit vom Onanieren verblödet.“ Das Ziel der Maßnahme: die Knackis sollen sich mit den Opfern ihrer Taten versöhnen und die Behindertensollen erfahren, dass sie „vor ungewöhnlichen Aufgabenstellungen nicht zu kapitulierrren brauchen“. Kryszinski treibt vor allem die Aussicht auf ein vorzüglich Honorar dorthin, allerdings ist er in noch schlechterer Verfassung als üblich – sogar sein bester Freund Pierfrancesco Scuzzi rät ihm, sich ins Krankenhaus einweisen zu lassen und versorgt ihn nicht mehr mit Pillen, sondern Vitamen. Aber Kryszinski glaubt, er sei der Anforderung gewachsen, außerdem kann er ohnehin kaum mehr Traum und Realität unterscheiden. Allerdings ist seine Wahrnehmung alsbald gefordert: Schnell liegt Bergführer Toni tot an einem Berg, es folgen weitere Attentate auf Mitglieder der Gruppe. Hauptverdächtige ist der „verstrahlte“ Kryszinski, allerdings weiß dieser zu gut, dass er wohl eher nicht der Täter ist. Nachdem er selbst einigen Anschlägen mit mehr Glück als Verstand entkommen ist, deckt er daher nach und nach eine abenteuerliche Verschwörung auf.

Indem Jörg Juretzka den Handlungsort von der „Perle des Ruhrgebiets“ in die Schweiz verlagert, unterläuft er abermals die Erwartungen an einen Serienkrimi. Sein Kryszinski bleibt aber trotz der bergigen Kulisse der Ruhrpott-Detektiv, den wir kennen. Im Gegensatz zu vielen Serienkrimihelden braucht er nämlich nicht sein angestammtes Milieu, um authentisch zu sein.

Durch die Verlagerung fehlen aber – abgesehen vom Anfang – die liebgewonnenen Nebenfiguren der vorherigen Romane. Das muss man ebenso in Kauf nehmen wie die unzähligen Zufälle, die sogar vom Ich-Erzähler Kryszinski selbst angesprochen werden: „Langsam krochen wir zurück und richteten uns vorsichtig wieder auf, und ich dachte, so für mich, eh, eh, eh, mal ein bisschen langsam. Das sind jetzt aber wirklich ein paar Zufälle zu viel.“ Ja, es sind eigentlich einige Zufälle zu viel, auch muten manche Ereignisse übertrieben an. Aber in allem steckt stets ein bitterer Kern – sei es, dass ein bayrischer Justizminister seine Schuld an einem Unfall vertuschen kann oder zwei Politikersöhne mit einer Vergewaltigung davon kommen. Denn abgesehen von dem großen abenteuerlichen Spaß, den die Lektüre dieses Romans bereitet, sollte man eines nicht vergessen: Juretzkas Bücher sind mehr als einfach nur ein Witz.

Jörg Juretzka: Fallera. Rotbuch 2002. Wiederauflage als Taschenbuch Unionsverlag 2012.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Der Willy ist weg“
„Platinblondes Dynamit“

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Krimi-Kritik: „Der Willy ist weg“ von Jörg Juretzka

„Holland! In dieser nach verklappter Schweinescheiße stinkenden, platten Ödnis möchte ich nicht tot überm Zaun hängen. Oh, ich war vergnügt. Von mir aus, dachte ich, soll sich die Nordsee das ganze Land zurückholen. Über Nacht. Sobald ich hier raus bin. Ah, ich war in trefflicher Stimmung. Ein Auge komplett dicht, die Zähne in, was man als ‚Zustand vor Tütensuppe‘ bezeichnen muss, beide Klöten dick wie Pampelmusen, so hockte ich bibbernd im eiskalten Fahrtwind und fühlte mich prächtig. Ich hätte ein Liedchen gepfiffen, wenn es meine verschwollenen Lippen zugelassen hätten. Mann, das hatte ich fein hingekriegt. Ein Prachtstück von einer Packung hatte ich mir da gefangen, eine nur schwer zu überbietende Niederlage eingefahren. Ich mochte zwar mit leeren Händen zurückkehren, doch die Fresse hatte ich ordentlich vollgekriegt. Dumm nur, dass ich nicht beauftragt worden war, buntschillernde Hämatome und von der Härte des Straßenpflasters durchdrungene Räuberpistolen nachhause zu bringen, sondern eine 18-jährige. Eine kleine, zierliche 18-jährige mit einem riesengroßen Appetit auf Opiat.“ (Einen Vorabdruck gibt es bei kaliber.38)

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Nach diesem ersten Absatz des Buchs „Der Willy ist weg“ von Jörg Juretzka steht außer Frage, dass Kristof Enrico Kryszinski mal wieder ordentlich vermöbelt wurde. Aber Kryszinski wäre nicht Kryszinski, würde er das erstens auf sich sitzen lassen und sich zweitens davon abhalten lassen, das 18-jährige Mädchen nach Hause zu holen. Zunächst aber fährt er in die Mülheimer Villa von Willy, dem Maskottchen der Stormfuckers, einer raubeinigen und schlagkräftigen Motorradgang, zu der Kryszinski mehr oder weniger gehört. Seit Willy das Anwesen in der vornehmen Wolfgang-von-Goethe-Allee geerbt hat, wohnt Kryszinski dort. Und da es kurz vor Weihnachten ist, findet in der Villa eine kleine Feier statt. Also tröstet sich Kryszinski mit jeder Menge Bowle – manche nennen sie „Schädelspalter“, andere „Weißer Stock“ oder auch „Chemische Keule –, der obligatorischen Reise nach Jerusalem und bricht wenig später mit Verstärkung wieder nach Holland auf. Schließlich hat er der Familie versprochen, dass das Mädchen bis Weihnachten wieder zu Hause ist („Ich habe mir einmal vorgenommen, sie Weihnachten nachhause zu bringen, und du weißt ja, wie das ist mit mir.“ „Ja“, nickte er (Charly), immer noch hustend. „Schlimm.“). Nebenbei sucht Krysziniski nach einem Unbekannten, der bei einer „großen amerikanischen Fastfoodkette, die wir hier und im Folgenden einmal McDagoberts nennen wollen“ Anschläge verübt – und dann ist auch noch Willy verschwunden.

Scuzzi und Kryszinski – Wie alles begann
Das ist ein munterer Beginn des dritten Kryszinski-Romans, der zeitlich vor seinen Vorgängern „Prickel“ und „Sense“ spielt. Dadurch lernt man die bekannten Charaktere zu einer früheren Zeit kennen. Charlie ist bereits Chef der Gang, der geborene Anführer, Pierfrancesco Scuzzi ist schon Dealer mit dem schlechtesten Musikgeschmack der Welt („Musik drang heraus in die Nacht. Ein Männerchor. Im Takt gehalten von stampfendem Disco-Beat. Eine schmissige Hymne auf die trefflichen Dienste, die der Christliche Verein Junger Männer einsamen, jungen Männern zu bieten hat. Und, ohne auch nur einmal Luftzuholen, folgte in direktem Anschluss eine Ode an die Vorzüge eines Lebens bei der Navy. Sie mussten Scuzzi an den Plattenteller gelassen haben. Nicht, dass wir uns hier missverstehen: Mein Freund Pierfrancesco ist nicht homosexuell. Er mag einfach solche Musik. Er mag, um es kurz zu machen, jegliche Musik. Einzige Voraussetzung ist, glaube ich manchmal, dass sie mir wider die Natur geht.“) Sogar Hauptkommissar Menden begegnet Kryszisnki in diesem Buch zum ersten Mal, und er kommt sowohl zu seiner Katze als auch seinem heiß geliebten Toyota Carina.

Daneben ist „Der Willy ist weg“ ein sehr witziges Buch, allein auf den ersten zehn Seiten von habe ich so viel gelacht wie bei wenigen Büchern. Dazu trägt sicher Juretzkas Sprachwitz und der etwas derbe Humor bei, vor allem aber gibt es in jedem seiner Bücher sehr viele originelle Einfälle – beispielsweise die bereits erwähnte Reise nach Jerusalem der Stormfuckers. Allein die Vorstellung, dass eine reichlich angetrunkene in Lederkluft gekleidete Gang dieses Spiel spielt, ist amüsant. Hinzu kommen noch die Regeln und die Erzählung: „Kaum rannten sie alle in eine Richtung um den Tisch, änderte ich mit zwei scharfen Pfiffen die Richtung. Kaum hatten sie das gemeistert, befahl ich mit einem langen Pfiff ‚Setzen!‘. Alles schmiss sich auf die Stühle. Wessen Sitzmöbel zusammenbrach, war draußen. Und hatte gewonnen. Denn wer es bis zum Schluss nicht schaffte, einen Stuhl zu ruinieren, musste die ganzen Bruchstücke aufsammeln und das Feuer damit füttern. Außerdem bekam er die spitze gelbe Mütze aufgesetzt und musste sich bis zum nächsten Durchgang ungestraft ‚Lusche‘ nennen lassen.“ Im Grunde genommen sind also die Stormfuckers anderen Vereinen recht ähnlich – höchstens etwas schlagkräftiger als beispielsweise ein Taubenzüchterverein. Auf die Fertigkeiten, die Kryszinski durch dieses Spiel erworben hat, greift er übrigens im fünften Roman „Equinox“ abermals zurück, als er sich plündernden Kreuzfahrtgästen im bordeigenen Supermarkt entgegen stellen muss. Und so zeigt sich auch an solchen Kleinigkeiten, dass Juretzkas Bücher eng verknüpft sind – und es meist noch eine weitere Ebene neben dem offensichtlichen gibt.

Ein bitterer Kern
Die Fälle, in denen Kryszinski in diesem Buch ermittelt, nehmen natürlich aberwitzige Wendungen, durch die er bald nicht nur Nazi-Biker, die Polizei und chinesische Zuhälter am Hals hat, sondern sich auch noch mit den Gangsterbossen des Ruhrpotts anlegt. Bei allem Humor steckt in „Der Willy ist weg“ jedoch auch bitterer Ernst. Durch Willys Entführung wird organisierte rechtsradikale Gewalt aufmerksam gemacht, auch offenbart Kryszinski schon auf der ersten Seite die schmerzhafte Erkenntnis über das Leben von Drogensüchtigen: Nachdem sich die Tochter aus wohlhabenden Haus geweigert hat, mit Kryszinski mitzugehen und bei ihren Zuhältern gelieben ist sowie sie angefeuert hat, als sie ihn verprügeln, überlegt er, ob ihren Eltern die Wahrheit sagen soll. Denn „(d)as, vor allem, könnte in einem jetzt den Eindruck erwecken, sie handele aus freien Stücken. Man könnte meinen, sie lebte dieses degenerierte Dasein als Ergebnis eines Entscheidungsprozesses, an dessen Ende die simple Maxime ‚Lieber arm und krank als reich und gesund‘ gestanden hätte. Selbst ich hatte im Wegfahren noch gedacht, lass sie, du siehst es doch, sie will nicht anders. Selbst ich, der ich es besser wissen müsste, besser wusste. Denn ich weiß es. Ich weiß, wie es ist, wenn die Angst, von der Droge getrennt zu werden so groß wird, dass sie allen anderen Ängsten den Raum nimmt. Wenn sie größer wird als die Angst vor dem Verlust der Existenz, der Gesundheit, der Würde, des eigenen Lebens. Das ist groß. Das ist Angst. Und nichts anderes.“ Und durch diese Mischung aus Humor und Bitterkeit, die aber frei ist von Zynismus, ist dieses Buch so gut.

Jörg Juretzka: Der Willy ist weg. Rotbuch 2002. Als Taschenbuch beim Unionsverlag 2010.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Platinblondes Dynamit“
„Fallera“

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Krimi-Kritik: „Sense“ von Jörg Juretzka

Im April erscheint Jörg Juretzkas neues Buch „TaxiBar“, ich werde ihn demnächst interviewen und ein Porträt über ihn schreiben. Deshalb lese ich derzeit fast ausschließlich seine Bücher und sehe mich von Seite zu Seite in meiner Überzeugung bestätigt, dass er einer der besten und leider viel zu unbekannten deutschsprachigen Krimi-Autoren ist. Deshalb werde ich hier im Zeilenkino eine kleine Reihe starten über ihn starten.

Biographische Angaben in aller Kürze

Jörg Juretzka (c) Harald Hoffmann

Jörg Juretzka (c) Harald Hoffmann

Geboren 1955 in Mülheim an der Ruhr schreibt er nach eigener Aussage seit er denken kann („also seit meinem 35. Lebensjahr“). Er ist gelernter Tischler, war Blockhüttenbauer in Kanada, hat eine Weile Drehbücher u.a. für die Fernsehserie „Was nicht passt, wird passend gemacht“ geschrieben und liest angeblich nie Bücher von Frauen (naja). Kristof Enrico Kryszinski ist die Hauptfigur seiner zehn bisher erschienenen Kriminalromane, außerdem hat Jörg Juretzka noch zwei Bücher über den erfolglosen Schundautor Folkmar „Folle“ Windell, eine Krimi mit Jörg Fiedler sowie einen Kinderkrimi geschrieben.

Gestatten: Kryszinski, Kristof Enrico Kryszinski

Ex-Häftling Kristof Kryszinski ist Privatdetektiv in Mühlheim an der Ruhr, der „Perle des Ruhrgebiets“, war mal heroinsüchtig, nimmt seit dem kalten Entzug im Gefängnis aber nur noch Drogen, die er nicht spritzen – davon allerdings jede Menge. Er trinkt, wohnt in den ersten Romane der Reihe über seiner Lieblingsbar „Endstation“ und hat eine Katze – ein „fieses Aas“. In „Prickel“ dem ersten Buch der Reihe verhilft er einem jungen Mann aus der Patsche, sucht den verschwundenen Doberman des Schrottplatzsbesitzer Heiner und gerät – wie eigentlich immer – in ziemlich großen Schlamassel. Ohnehin ist es neben dem Aufspüren von vermissten Personen eine besondere „Begabung“ von Kryszinski, sich selbst möglichst tief in die Sch*** zu reiten.

„Sense“ – Der zweite Fall

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

In „Sense“ wird er von der schicken Anwältin Veronika zu einer ihrer wichtigsten Mandantinnen geschickt. Die Duisburger Spielautomatenkönigin vermisst ihren „Prinzgemahl Sascha „Pascha“ Sentz“, der Tage zuvor wie immer die Einnahmen der Spielhallen eingesammelt hat, seither aber verschwunden ist. Bereits im ersten Kapitel des Buchs wird er gefunden – und zwar tot in Kryszinsikis Wohnung. Daraufhin wird der Privatdetektivk zum Hauptverdächtigen und in den folgenden Kapiteln springt die Handlung beständig zwischen dem Verlauf der Suche und Kryszinskis Verhören durch seine alten Erzfeinde auf Seiten der Polizei, die Komissare Menden und Hufschmidt. Später kommen noch Kryszinskis eigene Nachforschungen hinzu, in denen er mehrfach verprügelt wird, aber dank einiger Zufälle alles aufklären kann.

„Sense“ liest sich temporeich und ist vor allem sehr lustig. Kryszinski hat einen schnodderigen Humor, den Juretzka in rotzige und lakonische Sprache packt. Außerdem bevölkern eine Reihe von wiederkehrenden Nebenfiguren die Romane, so dass es beständig ein Wiedersehen mit beispielsweise Pierfrancesco Scuzzi gibt, Dealer mit dem schlimmsten Musikgeschmack der Welt und Kryszinskis bester Freund. Außerdem gibt es noch Charlie, einer von Kryszinski besten Kumpels und Chef der „Stormfuckers“, einer Motorradgang, zu der Kryszinski mehr oder weniger gehörte (davon erzählt der dritte Band „Der Willy ist weg“). Sowohl ihnen als auch den nur in den einzelnen Teilen auftauchen Figuren verleiht Juretzka mit wenigen Sätzen und vor allem ihrer Sprechweise ein sehr eigenes Profil, darüber hinaus wirken sie trotz gelegentlicher Zuspitzungen äußerst lebendig. Darüber hinaus trägt der Ich-Erzähler Kryszinski sehr zu dem sehr originellen Stil dieser Romane bei.

„Sense“ ist sicher nicht der beste Teil der Reihe, dazu greift allzu oft der Zufall ein, auch ist der Plot nicht allzu raffiniert. Aber neben den Sprüchen steckt in scheinbar genretypischen Passagen wie beispielsweise einer Verfolgungsjagd sehr viel psychologische Raffinesse, außerdem verweist Juretzka mit seinen Außenseiterfiguren auch immer auf gesellschaftliche Probleme.

Jörg Juretzka: „Sense“. Neuauflage vom Unionsverlag 2012 (erstmals 1998 erschienen).

Reihenfolge:

Bei kaliber.38 gibt es Interview mit Jörg Juretzka, in dem er auch auf die Reihenfolge seiner Romane zu sprechen kommt: „Die Reihenfolge der Entstehung ist eigentlich nicht wichtig, da ich den Inhalt von „Sense“ bei der Überarbeitung zeitlich hinter den zuerst erschienenen „Prickel“ gepackt habe. Die Reihenfolge der Kryszinski-Romane ist daher:

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Prickel
Sense
Der Willy ist weg
Fallera
Equinox
Wanted
Bis zum Hals
Alles total groovy hier
Rotzig & Rotzig
Freakshow
TaxiBar (erscheint im April 2014)

Jörg Juretzka im Zeilenkino:

Über „Prickel“
„Platinblondes Dynamit“ (1. Band mit Volkmar Windell)
„Der Willy ist weg“
„Fallera“

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Ein paar Notizen zu „Gun Machine“, „Prickel“ und „Die Bestien von Belfast“

Derzeit lese ich viel. Sehr viel. Aber hauptsächlich Bücher, die mit einer Sperrfrist versehen sind und in Beiträgen in den nächsten Monaten vorkommen werden – hoffentlich (also sofern ich jemanden finde, der die Artikel haben will). Damit sich aber nicht zahllose ungeschriebene Blog-Beiträge ansammeln, möchte ich hier zumindest einige Anmerkungen zu Büchern festhalten, die ich außerdem noch so lese.

Warren Ellis: Gun Machine

(c) Heyne

Durch das Buch bin ich zuerst bei Peter Huber von Crimenoir aufmerksam geworden, der jeden Monat die besten Krimi-Cover vorstellt. Dann landete es noch in der KrimiZeit-Bestenliste Juli auf dem zweiten Platz, also wurde ich neugieriger und habe es dann auch recht schnell durchgelesen. „Gun Machine“ ist ein spannender Thriller über einen Serienkiller, der in den letzten Jahrzehnten in New York unbemerkt Menschen umgebracht hat. Bei einem Routineeingriff stolpert Detective John Tallow über die Wohnung, in der der Killer seine Waffen aufbewahrt – und bekommt von seiner Chefin die Ermittlungen in dem Fall aufgehalst. Tallow weiß, dass dieser Fall seine Karriere endgültig ruinieren könnte. Aber er hat gerade erst seinen Partner verloren und hängt sich lieber in den Fall als sich mit seiner Trauer auseinanderzusetzen. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Platinblondes Dynamit“ von Jörg Juretzka

(c) Pendragon

Der Schriftsteller Folkmar, genannt Folle, Windell hat ein Problem: Seine Schundkrimi-Reihe um den hartgesottenen Detektiv Jack Knife soll eingestellt werden. Zukünftig will seine Verlegerin mehr Titel für das weibliche Publikum im Programm haben, daher kann er entweder auf das Geld verzichten – oder eine neue Hauptfigur erfinden. Aber das ist für Folkmar Windell gar nicht so einfach. Er ist nämlich seinem fiktiven Alter ego, dem eleganten und begehrten Schriftsteller Jarvis Chevalier, unähnlich, er kann noch nicht einmal an sein selbstgewähltes Pseudonym Will B. Everhard heranreichen. Immer noch lebt er mit seinem Kumpel Eddie in einer Wohnung, ist ständig mit der Miete im Rückstand und wird von der Polizistin Sabine Zahn mit Strafzetteln bombardiert. In seiner Verzweiflung installiert er eine Schreibsoftware auf seinem Rechner, die er einst mit einer drittklassigen Auszeichnung erhalten hat. Aber damit fängt das Drama an: Als er eine neue Geschichte beginnt, entwischt seine halbfertige Protagonistin Pussy Cat der Fiktion und landet in der Realität. Sie wähnt sich im New York der 1940er Jahre, in der sie sich mit der falschen Polizistin Sabie Tooth und der Brooklyn-Mörderin Wanda Molanski auseinandersetzen muss, befindet sich aber im Köln der Gegenwart und sieht sich mit der attraktiven Polizistin Sabine Zahn und der Vermieterin Mattka Wolanski konfrontiert. Doch sie weiß, was sie zu tun hat: Sie muss den Roosveldt-Diamanten  finden. Allerdings sieht sie aus wie Folkmar Windell mit blonder Perücke, so dass nun der Autor selbst von der Polizei verfolgt wird. Weiterlesen

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