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Abkehr vom Krimi – „Das himmlische Kind“ von Heinrich Steinfest

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Eine Mutter will sich selbst und ihre Kinder töten, indem sie ihre Kinder betäubt und im Winter mit dem Auto in einen abgelegenen See fährt. Doch ihre Tochter Miriam ist kein gewöhnliches zwölfjähriges Mädchen. Sie ist intelligent, hat bereits „begriffen, wie sehr menschliches Glück nicht nur darin bestand, etwas zu erfahren, sondern auch darin, etwas nicht zu erfahren. Zumindest nicht sofort“ und vertraut ihren Eingebungen. Außerdem neigt sie zu einer „gewissen Gesetzestreue“, deshalb ist sie verwundert, dass ihre Mutter ihr im Auto eine Cola reicht. „Denn obgleich sie durchaus das Bedürfnis verspürte, das ganze Jahr über den süßsauren Geschmack dieses aufbrausenden Getränks zu genießen, hatte sie die einmal erfolgte und aus behaupteten Gründen der Vernunft erteilte Beschränkung auf die Urlaubszeit akzeptiert. Hin und wieder aufzumucken gehörte zum Spiel, so wie zum Spiel gehörte, eine Cola auch mal heimlich zu trinken oder sich ungefragt ein Stück Schokolade einzuverleiben. Daß aber die Mutter selbst die Regel durchbrach, ohne dies stichhaltig zu begründen, empfand Miriam als irritierend.“ Folgerichtig trinkt sie die Cola nicht, bemerkt indes, wie wichtig ihrer Mutter ist, dass sie sie zu sich nimmt. Also täuscht sie Schlucke vor, hält aber insgeheim auch ihren jüngeren Bruder Elias davon ab, mehr von seiner Apfelschorle zu trinken. Damit rettet sie ihnen das Leben: Als ihre Mutter in den See fährt, ist Miriam nicht eingeschlafen, sondern kann sich und ihren Bruder ans Ufer retten. Allerdings sind sie nun allein und durchnässt inmitten eines unbekannten Waldes.

In der Folge seziert Heinrich Steinfest in seinem Roman „Das himmlische Kind“ nicht die Tat der Mutter, sondern konzentriert sich auf die Erlebniswelt der Kinder. Sie sind – Hänsel und Gretel gleich – allein im dunklen Wald, doch die findige Miriam entdeckt eine Hütte, in der sie Unterschlupf finden. Es gelingt ihr, ein Feuer anzuzünden, sie stöbert Decken und einige essbare Pilze auf. Als bei ihrem Bruder dann hohes Fieber ausbricht, sorgt sie mit Wadenwickeln, heißem Wasser und vor allem einer symbolhaften Geschichte dafür, dass er am Leben bleibt.

Nachdenken über das Erzählen
Die Erzählperspektive bleibt daher nicht nur dicht bei Miriam, sondern sie wird auch zur Erzählerin ihrer eigenen Geschichte im Roman. Dadurch sind die für Steinfest typischen Reflexionen der Narration möglich, in der sowohl Miriam ihre Rolle als Erzählerin als auch die Bedingungen einer Erzählung im Allgemeinen verhandelt werden. Als sie beispielsweise an einem Punkt in ihrer Geschichte nicht weiterkommt, erzählt sie ihrem Bruder: „Nein, aber weißt Du, einige Sachen in so einer Geschichte stecken im Nebel. Man kann sie nicht sehen. Manchmal wirkt etwas Gerade schief oder umgekehrt. Was Blaues grün. Du verstehst mich, oder? Es gibt eine Wahrheit, aber sie muß aus dem Nebel rauskommen. Oder etwas liegt in der Ferne und man muß erst drauflosgehen, um wirklich sagen zu können, was es ist.“ Und in diesem Nebel findet Miriam schließlich eine wundersame Deutung für ihre Erlebnisse, da sie nicht vermag, ihrem Bruder die Wahrheit zu sagen: dass ihre Mutter sich umgebracht hat. Miriam selbst sagt von sich, sie mache der Mutter keine Vorwürfe: „Es mochte komisch klingen … nein, das tat es nicht: Miriam empfand tiefe Dankbarkeit dafür, daß ihre Mutter sich dagegen entschieden hatte, die inniglich geliebten zwei Kinder bei anderen Menschen unterzubringen. Daß es ihr Plan gewesen war, Miriam und Elias mitsterben zu lassen. Genauso mußte doch eine gute Mutter denken, oder?“ An dieser Überzeugung will – und wird – Miriam ihr ganzes Leben lang festhalten.

Eine allzu weise Heldin
Miriam ist eine ganz und gar ungewöhnliche Heldin, für ihre zwölf Jahre erstaunlich klug und reflektiert, was aber bereits auf den ersten Seiten des Romans angeführt wird. Dennoch erscheint sie mitunter auf eine erwachsene Art zu weise zu sein – gerade auch im Vergleich zu den anderen klugen Kindern in Steinfests Romanen. Dadurch wird manches zu sehr erklärt, Anspielungen und Verweise werden wiederholt, so dass ihre Bedeutung auch in jedem Fall klar wird. Das wäre nicht nötig gewesen, denn es macht den Zauber und Tragik dieses Romans aus, dass manche Ereignisse nicht eindeutig zu erklären sind. Gerade die Welt der Kinder ist in sich stimmig, es sind die Eltern, die weitaus egoistischer sind als vermeintliche Hexen. Ohnehin treten mit dem Einbruch der Erwachsenen in diese geschlossene Welt der Kinder auch im Roman Misstöne auf. Weder der Exkurs über die Frage, ob ein Vater seine Tochter mehr lieben würde, wenn sie schlank wäre, noch manche Überlegungen über die Rolle der Frau sowie politische Korrektheit fügen sich in diese Geschichte ein. Glücklicherweise sind sie jedoch nur kurz.

Kein Kriminal-, sondern nur ein Roman
Insgesamt ist „Das himmlische Kind“ ein zauberhafter Roman, in dem Steinfest-Leser die Tugenden bisheriger Bücher wiederfinden werden – poetische Sprache, scheinbar unerklärliche Wendungen, eine mitunter magische Welt und Gedanken über das Leben und Sterben. Jedoch verzichtet Heinrich Steinfest nun auf die wesentlichen Elemente des Kriminalplots – eine Tat und einen Ermittler – und ein wenig ist seiner Geschichte dadurch die Erdung verloren gegangen. Schon immer waren Heinrich Steinfests Romane auch phantastische Geschichten, jedoch sorgte der Kriminalplot für einen bodenständige Verankerung, die hier mitunter fehlt. Im Gespräch mit CulturMag hat er sich über die Genre-Frage geäußert und ausgeführt, dass er der Gefahr der Wiederholung entgehen wollte. Dieses Ziel hat er sicher erreicht, allerdings bleibt für seinen zweiten Roman „Der Allesforscher“, der im März bei Piper erscheinen wird, auch noch Raum für Verbesserungen.

Heinrich Steinfest: Das himmlische Kind. Droemer/Knaur 2012.

Lilli Steinbeck und Oceanic Airlines – Heinrich Steinfest und der Film, Teil XI

Wenngleich „Ein dickes Fell“ und „Mariaschwarz“ die von mir meistgeschätzten Romane von Heinrich Steinfest sind, ist Lilli Steinbeck meine bevorzugte Ermittlerin. Schon in „Tortengräber“ erschien sie mir als faszinierende Figur. Bei ihrem ersten Erscheinen war sie noch eine Nebenfigur, aber mit „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ wurde sie zur Hauptfigur – und konnten meinen Erwartungen mühelos standhalten.

(c) Manuel Bartual

Bei diesem Roman erinnert schon die Konzeption an einen Spionagethriller: Zwei mächtige Gegner liefern sich ein tödliches Spiel rund um den Globus, bei dem arglose Menschen zu Spielfiguren werden – weil sie vor Jahren unbemerkt eine Batman-Figur zugesteckt bekamen. Die Ermittlungen führen Lilli Steinbeck sogar bis auf die Insel Bouvet, die bei Heinrich Steinfest sehr oft eine Rolle spielt, und nach Mauritius. Dort soll es zu einem Showdown zwischen den zwei Parteien kommen. Während Steinbeck und der famose Privatdetektiv Kallimachos per Schiff auf die Insel reisen, nutzt die Gegenpartei den Flieger. Dazu buchen sie den Flug bei Oceanic Airlines. Und diese Fluggesellschaft ist aus Katastrophenfilmen bestens bekannt. Sie wurde erfunden, weil Fluglinien ihren Namen nicht auf abstürzenden oder verunglückenden Flugzeugen sehen wollen. So taucht diese fiktive Gesellschaft unter anderem in „Passagier 57“ auf, auch in dem Steven-Segal-Film „Einsame Entscheidung“ ist eine Boeing 747 mit dem Logo dieser Firma zu sehen und in der Fernsehserie „Lost“ sind die Überlebenden mit Oceanic Airlines geflogen. Weiterlesen

Der dreifache Batman – Steinfest und der Film, Teil X

(c) Piper

Schon der Titel des letzten Cheng-Romans „Batmans Schönheit“ ist in bester Hinsicht mehrdeutig. Zunächst ist Batman der allseits bekannte, als Fledermaus kostümierte Rächer, der in Gotham City auf Verbrecherjagd geht. Steinfest-Leser denken bei Batman aber auch an den Kater, den Markus Cheng im ersten Teil seiner Ex-Frau überlässt – und der gewissermaßen erst die Handlung, die zu seinem Armverlust führt, in Gang setzt. Außerdem gibt es noch die Batman-Figuren, die in „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ als todbringende Spielfiguren dienen. Und nun taucht in diesem Buch ein Urzeitkrebs auf, der von Cheng auf den Namen „Batman“ getauft wird.

In meinem Gespräch mit Heinrich Steinfest für das BÜCHER-Magazin habe ich ihn nach der Rolle von Batman gefragt. Er antwortete, dass er schon als Kind die Vorstellung von Batman faszinierend fand, da er ein Verbrecherjäger sei, der wie ein Verbrecher aussehe. In seinen Roman sei nun mit „dem Namen „Batman“ ist ein Unglück verbunden, das zu einem höheren Bewußtsein führt.“ Tatsächlich lässt sich diese Deutung wenigstens in den Cheng-Romanen bestätigen. Weiterlesen

Die Bedeutung von 4711 – Steinfest und der Film, Teil IX

In den Romanen von Heinrich Steinfest gibt es viele wiederkehrende Motive, die im Zusammenspiel mit Orten und Figuren ein eigenes Weltgebilde kreieren. Dazu gehört beispielsweise der Name Batman, aber auch der Duft von 4711. Die Bedeutung dieses Motivs wird in „Ein dickes Fell“ ausführlich begründet. Dort ist 4711 ein Wunderwasser, das auf die Rezeptur eines Kartäuser-Mönches aus dem 18. Jahrhundert zurückgeht. Aber längst ist die heilende Wirkung dieses Duftwassers in Vergessenheit geraten. Nur wenige wissen von diesem Effekt – und einem Fläschchen mit dem Urdestillat, dem übersinnliche Kräfte nachgesagt werden. Denn der vermeintliche Archivar Kurt Smolek glaubt sogar, dass man einem Golem zu Leben erwecken kann, wenn man ihm ein Pergamentpapier mit dem Namen Gottes auf die Stirn heftet und mit einigen Spritzern 4711 beträufelt.

(c) Piper

Nun überschneidet sich diese Geschichte aber mit der Ermordung eines norwegischen Botschafters durch Anna Gemini und Chengs Ermittlungen in diesem Fall. Und dieser Handlungsstrang, der letztendlich die umfassende Aufklärung mit sich bringt, wird durch Hitchcock-Filme ausgelöst: Alles „begann ein wenig wie in diesem Film „Ein Fenster zum Hof“. Weiterlesen

„Ein dickes Fell“ – Steinfest und der Film, Teil VIII

(c) Piper

„Ein dickes Fell“ ist einer meiner Lieblingsromane von Heinrich Steinfest; er ist kunstvoll komponiert, die vielen Anspielungen greifen wunderbar ineinander und viele Knotenpunkte des Steinfestschen Universum werden hier aufgegriffen und neu verbunden. Auf die dicht verwobene Handlung werde ich hier nicht im Einzelnen eingehen – außerdem werde ich wesentliche Aspekte des Inhalts verraten. Also daher eine Anmerkung gleich zu Beginn: Es ist am besten, erst das Buch und dann diesen Beitrag zu lesen. 🙂

(c) Kinowelt Home

Ein „Tiffany“-Erlebnis und „Léon – Der Profi“
In „Ein dickes Fell“ ist die weibliche Hauptfigur die Auftragsmörderin Anna Gemini. Sie wurde zu diesem Beruf von dem Film „Léon – Der Profi“ inspiriert, da er es ihr ermöglichte, erstmals diesen Berufsstand nicht als widerwärtig zu sehen. Denn in dem Film spielt Jean Reno einen „schüchternen, Milch trinkenden, melancholischen“ Killer, der sogar sein erhaltenes Geld kaum anrührt. Als nun das Nachbarmädchen Mathilda (Natalie Portman) in Not gerät, hilft er ihr und bildet sie auf ihren Wunsch im Umgang mit Waffen aus. Weiterlesen

Cineastische Anspielungen in „Cheng“ und „Ein sturer Hund“ – Heinrich Steinfest und der Film, Teil VII

Aufmerksamen Lesern wird nicht entgangen sein, dass bei meiner Reihe über „Heinrich Steinfest und der Film“ einige Romane des in Stuttgart lebenden österreichischen Kriminalschriftstellers fehlen. Diese Lücke soll nun – abgesehen von seinen beiden frühen Romanen, die leider vergriffen sind – sukzessive geschlossen werden. Daher geht es heute mit den ersten beiden Teilen der Cheng-Reihe weiter.

Fellini und „Die Straßen von San Francisco“ in „Cheng“

(c) Piper

Der erste Teil der vierbändigen Reihe mit dem Privatdetektiv Markus Cheng ist im Jahr 1999 erschienen und im Hinblick auf filmische Anspielungen nicht sehr ergiebig. Vor allem referiert Steinfest hier auf bekannte Bilder der Filmgeschichte. Beispielsweise begegnet Cheng während einer surrealen Schneesturm-Szene im Wirtshaus der „felliniesken“ Gerda, die Cheng auf ihren Schoß sitzen lässt und mit Küssen beschenkt. Oder er hat einen „Schweißausbruch, wie ihn Gregory Peck in Die 27. Etage angesichts einer Pistole an seiner Schläfe erleidet“. In diesem Vergleich könnte höchstens noch ein Hinweis gesehen werden, dass auch in „Cheng“ nicht jeder der ist, der er zu sein vorgibt. Weiterlesen

Von der Last, eine Comicfigur zu sein – Heinrich Steinfest und der „Cheng“-Roman

(c) Piper Verlag

„Ihre Beine waren zu dick.“ Mit diesem Satz beginnt der außergewöhnliche Kriminalroman „Cheng“ von Heinrich Steinfest – und zugleich eine der besten Krimi-Reihen der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Mit Markus Cheng hat Heinrich Steinfest nicht nur einen außergewöhnlichen Ermittler geschaffen, sondern auch ein ausgeklügeltes Spiel mit den literarischen Identitäten und Referenzen entwickelt, das er in seinen vier Cheng-Roman bis auf die Spitze treibt.

Schon gleich zu Beginn des ersten Romans mit dem einarmigen Privatdetektiv Cheng – der Titelheld ist noch nicht einmal in Erscheinung getreten – wird auf die Erwartungen der Romanleser hingewiesen. Erzählt wurde bisher von Ranulph Field, der mysteriöse Anrufe und womöglich auch Besuche von einer Frau erhält. Weiterlesen

Lynch in „Wo die Löwen weinen“ – Heinrich Steinfest und der Film, Teil V

Auch vor meinem zweiten Beitrag zu „Wo die Löwen weinen“ möchte ich nochmals kurz darauf hinweisen, dass ich auf wichtige Teile der Handlung inklusive des Endes des Romans (und auch von „Mulholland Drive“) eingehen werde. Wer den Roman also noch nicht kennt, sollte ihn besser vorher lesen!

Heinrich Steinfest (c) Konrad Theiss Verlag

In einem Podcast zu „Wo die Löwen weinen“ hat Heinrich Steinfest gesagt, dass sich seiner Meinung nach viele Menschen über das Verhalten von Filmfiguren definierten. Fraglos stimmt diese Einschätzung für seine Romanfigur Lynch, einen türkischen Händler und Filmfan. Auf seine Spur kommt Kommissar Rosenblüt – wie könnte es anders sein – durch ein Filmzitat aus „Mulholland Drive“ von David Lynch, das die Romanfigur Lynch gegenüber dem Geologen Uhl als Drohung äußert: „You will see me one more time, if you do good. You will see me two more times, if you do bad“. Zwar tauschte Lynch sehen gegen hören, aber er will – wie der Cowboy in dem Film – einen anderen Mann dazu bringen, etwas Bestimmtes zu tun und sich dem Willen undurchsichtiger Mächte zu beugen.

Steckt er hinter allem? (c) Concorde Home Entertainment

„Mulholland Drive“ und „Wo die Löwen weinen“ – Der Cowboy und Lynch
Im Roman wird der Geologe Uhl keinen weiteren Anruf von Lynch erhalten. Indes auf die Frage, wie oft der Cowboy in „Mulholland Drive“ zu sehen ist, gibt es unterschiedliche Antworten. Bei fast allen Filmen von David Lynch sind zahllose Interpretationen möglich, so ist beispielsweise auch nicht eindeutig, ob der Cowboy tatsächlich im Auftrag der geheimnisvollen Strippenzieher arbeitet oder eher als (vielleicht sogar imaginierter) Beschützer der fragilen Betty/Diane fungiert. Doch in der konkreten Sequenz, in der er den vom Roman-Lynch zitierten Satz äußert, geht der Zuschauer davon aus, dass er im Auftrag der mysteriösen mafiaähnlichen Organisation handelt. Daher glaube ich, dass auch das Zitat in „Wo die Löwen weinen“ auf diese Hintergründe anspielt. Und tatsächlich ist es äußerst vergnüglich, die Runde um den Geologen Fabian als Parallele zu jenen seltsamen älteren Herren aus „Mulholland Drive“ zu sehen.

(c) Concorce Home Entertainment

Daneben könnte eine weitere Aussage des Roman-Lynchs eine zweite Anspielung auf „Mulholland Drive“ sein. Als Rosenblüt auf Lynch vor dessen Laden trifft, entgegnet er auf dessen Frage nach seinem Hund Kepler, ob er ihn kaufen wolle – betont aber schon im nächsten Satz, dass Kepler unverkäuflich sei. Dieser Rückzieher wird von Lynch mit dem Satz kommentiert, dass er sich wie jemand von den Leuten verhalte, „die einen Killer anheuern und es sich dann anders überlegen“. In „Mulholland Drive“ heuert Betty/Diane einen Killer an, der sie explizit fragt, ob sie sich auch sicher sei. Zwar betont sie in dem Gespräch ihre Entschlossenheit, letztendlich scheint sie an ihrer Entscheidung aber zu verzweifeln.

In diese Richtung weist auch ein weiteres Filmzitat vom Roman-Lynch, das allerdings nicht von seinem namensgebenden Lieblingsregisseur stammt: „Gott ist ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann“. Diesen Satz sagt der zynische Judah Rosenthal in Woody Allens „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“, in dem ebenfalls ein angeheuerter Killer eine Rolle spielt – in dem es aber auch um Moral, Religion und Ideale, um gute und schlechte Taten und die Reue nach der Anheuerung eines Profikillers geht. Hier besticht schon die Qualität des Zitats – es gibt schlechtere One-Liner! – und der passende Titel.

(c) Theiss Verlag

Die leeren Räume in „Wo die Löwen weinen“
Scheinbar leere Räume spielen in „Wo die Löwen weinen“ eine große Rolle – in einem „schuhschachtelgroßen leeren Raum“ entdeckt Mach letztlich die schwangere Kriegerin, Kommissar Rosenblüt verschwindet für kurze Zeit in einem aus Spiegel konstruierten unsichtbaren Raum. Auch hier musste ich an „Mulholland Drive“ denken, da eine blaue Schachtel eine zentrale Rolle spielt. Es ist nicht eindeutig festzulegen, ob diese Schachtel leer ist oder lediglich die Zeitsprünge symbolisieren soll. Einmal scheinen sogar zwei wichtige Figuren aus dieser Schachtel zu fliehen. Letztendlich bleibt diese Schachtel ebenso mysteriös wie die vermeintlich leeren Räume in „Wo die Löwen weinen“.

Richard III. (c) Kinowelt

Film-Figuren als Modelle
Dass sich Menschen über Filmfiguren definieren, wird aber auch an zahlreichen anderen Stellen des Romans deutlich. Als Hans Tobik über den Niedergang der Sozialdemokratie sinniert, der völlig unkünstlerisch ist und sich daher nicht zur Verfilmung eignet, moniert der Erzähler auch das Fehlen von Helden wie Bruce Willis oder gar Heinz Rühmann, ja, es gebe noch nicht einmal eine „vom Alkohol lädierte und dennoch zauberhafte Simone Signoret“. Für den verachteten Projektsprecher findet Tobik den Namen Ratcliffe, den Getreuen von Shakespeares Richard III., aber er denkt dabei an die Verfilmung von Richard Loncraine mit Ian McKellen in der Titelrolle. Er selbst wird später von Kommissar Rosenblüt in Ermangelung der Kenntnis des wahren Namens als Cady bezeichnet, jener Antagonist aus „Kap der Angst“. Dieser Name verstärkt auch Bedrohlichkeit von Tobik, da auch Cady am Anfang von Scorseses Films unschuldig wirkt – es aber ganz und gar nicht ist.

Ohnehin werden die Hauptfiguren mit Film-Charakteren respektive Schauspielern charakterisiert. Kommissar Rosenblüt sieht aus wie Robert Redford und die neben ihm und Hans Tobik dritte Hauptfigur, Wolf Mach, ist „(m)eilenweit von einem sogar ungeküssten George Clooney entfernt (…) sein Äußeres (entsprach) viel eher dem Woody Allens“.

Und zum Schluss: „Psycho“
Daneben gibt es eine Stelle in „Wo die Löwen weinen“, an der ich mich fragte, ob ich mit dem Gedanken an „Psycho“ wohl alleine stehe. Als Mach mit Palatin, der für die Beseitigung des Schloßgarten-Mechanismus zuständig ist, das erste Mal den Keplersaal betritt, gelangen sie an „einen durchsichtigen Plastikvorhang“, den sie beiseiteschieben müssen. Hier fiel mir eine Stelle aus Steinfests „ Der Umfang der Hölle“ ein, in der der Protagonist Reisiger in einem Restaurant folgende Assoziation hat: „Die mit Reispapier unterlegten gläsernen Tischplatten und dünnhäutigen Kellner besaßen dieselbe vage Transparenz wie im Falle von Objekten, die sich unter einem Duschvorhang abzeichnen (darunter immerhin auch Mörder, wie man weiß)“. Nun ist es erneut ein durchsichtiger Vorhang, eine „vage Transparenz“, hinter der sich – zumindest aus der Perspektive der Maschine – ein Mörder verbirgt. Selbst ohne den Verweis auf den „Umfang der Hölle“ und ungeachtet der Tatsache, dass dieser Vorhang aus Lamellen besteht, hat seit „Psycho“ das Beiseiteschieben eines Vorhangs immer etwas Bedrohliches. Aber vielleicht interpretiere ich auch zu viel hinein …

Im nächsten Teil zu „Wo die Löwen weinen“ geht es dann vor allem um die Frage, ob Stuttgart allmählich zu „Alphaville“ wird …

Heinrich Steinfest, Thomas Glavinic und die Leipziger Buchmesse

Bislang steht diese Buchmesse für mich im Zeichen der Österreicher. Über Clemens Johann Setz habe ich gestern schon geschrieben, Arno Geiger ist ohnehin allgegenwärtig (und sieht sich stets einem nickenden Publikum gegenüber) und die Höhepunkte meines zweiten Buchmessetages verdanke ich ebenfalls zwei Österreichern: Heinrich Steinfest und Thomas Glavinic.

Heinrich Steinfest im Gespräch mit Denis Scheck (c) Sonja Hartl

Besser als mit einem Gespräch von Denis Scheck und Heinrich Steinfest kann ein Tag kaum starten. Sie sprachen bei der ARD über Steinfests neues Buch „Wo die Löwen weinen“, Stuttgart 21 und Engagement, es war witzig, kurzweilig und unterhaltsam. Darüber hinaus hat Steinfest aber unter Beweis gestellt, dass ein Autor zu politischen Themen Stellung nehmen kann, vielleicht sogar sollte. Über sein Buch, das auch den nächsten Beitrag in der Reihe „Steinfest und der Film“ bilden wird, habe ich bereits in dem Blog von LovelyBooks recht ausführlich geschrieben. Daher will ich mich hier kurz fassen: „Wo die Löwen weinen“ ist ein guter, amüsanter und herrlich parteiischer Roman über das mörderische Vorhaben Stuttgart 21.

Thomas Glavinic in Leipzig über "Das Leben der Wünsche" (c) Sonja Hartl

Wer den Tag mit einem österreichischen Autor beginnt, sollte ihn auch mit einem beenden! Daher habe ich mich gegen die dtv-Lesenacht und für die Lesung von Thomas Glavinic entschieden – und ich glaube, es war eine gute Wahl. Obwohl diese Veranstaltung in den wenig gemütlichen Räumen der Buchhandlung Lehmann stattfand und die Stühle viel zu eng standen, waren Lesung aus und Gespräch über „Lisa“ sehr kurzweilig. Besonders bemerkenswert war, dass mir „Lisa“ beim Hören fast besser gefallen hat als beim Lesen. Ich bin zwar alles andere als ein Hörbuch-Freund, aber bei diesem Roman würde ich eher zu dem Hörbuch raten.

Thomas Glavinic nach der Lesung (c) Sonja Hartl

Die Konzeption von „Lisa“ bietet diese Rezeption eigentlich ideal an: Der Roman ist ein Monolog des Ich-Erzählers, der sich in einer Berghütte vor der vermeintlichen Killerin „Lisa“ versteckt. Dort spricht er jeden Abend seine Internet-Radiosendung, um nicht völlig dem Wahnsinn anheim zu fallen. (Auch wenn man das – wie ich unlängst ausgeführt habe – auch anders deuten könnte.) Beim Hören dieses Monologes fallen sofort die Vorzüge auf: der Witz, die kurzweiligen Beobachtungen, der markante Stil. Kritikpunkte rücken hingegen in den Hintergrund, dazu gehören vor allem die kaum ausgeführten Nebenfiguren und die vielen Blindstellen in der Handlung, die durch den Abbruch der Mikrofon-Verbindung hervorgerufen werden. Beim Hören konzentrierte ich mich aber voll auf den Erzähler, so dass mir diese Aspekte weniger auffielen. Dadurch lag meine Aufmerksamkeit auch weniger auf der Krimihandlung als auf den Ansichten des Erzählers. Das hat Thomas Glavinic nach eigenem Bekunden intendiert, allerdings hatten mich beim Lesen vor allem die Auswirkungen des vermeintlich reinem Bösen, das dem Ich-Erzähler begegnet, interessiert. Dem Willen des Autors, der – so sagte er – in seinen Geschichten die Wirklichkeit abbilden wolle, kommt das Hörbuch also näher.

Für den zweiten Buchmesse-Tag war diese Lesung ein runder Abschluss, der dritte Tag wird dann aber ganz und gar unösterreichisch. Dazu aber morgen mehr …

Heinrich Steinfest und der Film, Teil III

Ein Buch, dessen erster Teil mit einem Zitat von Tigger und Ferkel beginnt, hat bei mir eigentlich schon gewonnen. Auch wenn es aus einem Disney-Streifen und nicht dem grandiosen Buch von Alan Alexander Milne stammt. Darüber sehe ich als Pu-rist vor allem deshalb hinweg, weil das Motto des zweiten Teils von „Gewitter über Pluto“ aus dem Buch stammt – und wunderbar dessen Charme widerspiegelt: „Es gibt einen Südpol“, sagte Christopher Robin, „und ich nehme an, daß es auch einen Ostpol und Westpol gibt, obwohl man allgemein nicht gern über sie spricht.“

(c) Piper

Glaubt man Heinrich Steinfest in diesem Buch, gibt es weit mehr Orte, über die man nicht gern spricht. Und womöglich ist er ein Pluto-ist, denn der degradierte Ex-Planet ist in diesem Roman nicht nur im Titel präsent, sondern Auslöser, Kern und Anker der Handlung. Doch zunächst geht es erst einmal um Lorenz Mohn, der den Film zu seinem Beruf gemacht hat, genauer gesagt: Er ist Pornodarsteller. Aber kurz vor seinem 40-jährigen Geburtstag stellt er fest, dass er seinem Leben eine Wendung geben muss. Durch eine Kollegin kommt er auf die Idee, einen Strickladen namens „Plutos Herz“ zu eröffnen. Für sein Vorhaben braucht er aber Geld, welches er sich von der geheimnisvollen Claire Montbard leiht. Sie knüpft an ihr zinsloses Darlehen nur eine Bedingung: Falls er seine Schulden nicht bezahlen kann, muss er auf den Tag genau sieben Jahre nach Kreditaufnahme einem Menschen das Leben retten. Lorenz ahnt nicht, auf wen er sich da eingelassen hat – und Heinrich Steinfest entführt seine Leser in einen wahrlich fantastischen Roman.

Literarische Anspielungen gibt es haufenweise. Ein Killer trägt einen Gedichtband von Wystan H. Auden bei sich, die Romanfiguren sinnieren, was wäre, wenn sie Romanfiguren wären – und es gibt ein Wiedersehen mit zahlreichen alten Bekannten: der griechische Ermittler Stavros Stirling aus der „feinen Nase der Lilli Steinbeck“ tritt in Erscheinung und führt den Roman sogar fort. Darüber hinaus erfährt man mehr über die Pensionswirtin aus „Mariaschwarz“, selbst auf den Lottogewinn aus „Der Umfang der Hölle“ wird angespielt. Für Steinfest-Leser wie mich ist das höchst amüsant – und verlockt dazu, manche Bücher noch einmal zu lesen.

Filmisch stehen vor allem Science-Fiction- und Mystery-Filme im Vordergrund, namentlich die „Alien“-Streifen oder auch „Der Schrecken der Medusa“. Darüber hinaus spielt aber das Overlook-Hotel aus „Shining“ eine wesentliche Rolle. Von dort aus soll eine Gruppe Außerirdischer – und unter ihnen der als Erzähler fungierende Klaus Soonwald – die Heimreise antreten, obwohl es unvorstellbar erscheint, dass dieser touristische Anziehungspunkt als „Startrampe“ ausgewählt wurde. Dieser vermeintliche Ausgangsort ist aber mehr als eine bloße Referenz an den Film. Als er „Shining“ erneut sieht, fällt Soonwald am Ende des Films ein Foto aus dem Jahr 1921 auf, das einen Mann zeigt, der identisch mit Jack Torrance scheint – also jener gerade dem Wahnsinn verfallenen Hauptfigur. Durch diese Beobachtung erweitern sich die Interpretationsräume sowohl für Kubricks Film als auch Steinfests Roman: In der Gewitter-Pluto-Welt ist es somit möglich, dass alles nur stattfindet, weil jemand den Verstand verliert – und insbesondere am Ende des Romans scheint es nicht mehr ausgeschlossen, dass zumindest eine Figur dem Wahnsinn anheimfällt. Aber auch „Shining“ erhält dadurch eine Science-Fiction-Note: Vielleicht ist ja auch Jack Torrance ein Außerirdischer, der schlichtweg so langsam altert, dass es den Menschen nicht auffällt. Eine amüsante Interpretation des Kubricks-Streifen (der übrigens morgen auf ARTE erneut ausgestrahlt wird) ist es allemal – auch wenn eine Zeitschleife als Erklärung selbstverständlich naheliegender ist.

Im Hinblick auf die Beziehung zwischen Steinfest und dem Film fällt aber vor allem auf, dass die Konnotationen der jeweiligen filmischen Motive eine größere Rolle spielen als noch in seinen früheren Romanen. Noch deutlicher wird es in seinem aktuellen Roman „Wo die Löwen weinen“ – der im vierten Teil vorgestellt wird!