Schlagwort-Archiv: Heinrich Steinfest

Abkehr vom Krimi – „Das himmlische Kind“ von Heinrich Steinfest

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Eine Mutter will sich selbst und ihre Kinder töten, indem sie ihre Kinder betäubt und im Winter mit dem Auto in einen abgelegenen See fährt. Doch ihre Tochter Miriam ist kein gewöhnliches zwölfjähriges Mädchen. Sie ist intelligent, hat bereits „begriffen, wie sehr menschliches Glück nicht nur darin bestand, etwas zu erfahren, sondern auch darin, etwas nicht zu erfahren. Zumindest nicht sofort“ und vertraut ihren Eingebungen. Außerdem neigt sie zu einer „gewissen Gesetzestreue“, deshalb ist sie verwundert, dass ihre Mutter ihr im Auto eine Cola reicht. „Denn obgleich sie durchaus das Bedürfnis verspürte, das ganze Jahr über den süßsauren Geschmack dieses aufbrausenden Getränks zu genießen, hatte sie die einmal erfolgte und aus behaupteten Gründen der Vernunft erteilte Beschränkung auf die Urlaubszeit akzeptiert. Hin und wieder aufzumucken gehörte zum Spiel, so wie zum Spiel gehörte, eine Cola auch mal heimlich zu trinken oder sich ungefragt ein Stück Schokolade einzuverleiben. Daß aber die Mutter selbst die Regel durchbrach, ohne dies stichhaltig zu begründen, empfand Miriam als irritierend.“ Folgerichtig trinkt sie die Cola nicht, bemerkt indes, wie wichtig ihrer Mutter ist, dass sie sie zu sich nimmt. Also täuscht sie Schlucke vor, hält aber insgeheim auch ihren jüngeren Bruder Elias davon ab, mehr von seiner Apfelschorle zu trinken. Damit rettet sie ihnen das Leben: Als ihre Mutter in den See fährt, ist Miriam nicht eingeschlafen, sondern kann sich und ihren Bruder ans Ufer retten. Allerdings sind sie nun allein und durchnässt inmitten eines unbekannten Waldes.

In der Folge seziert Heinrich Steinfest in seinem Roman „Das himmlische Kind“ nicht die Tat der Mutter, sondern konzentriert sich auf die Erlebniswelt der Kinder. Sie sind – Hänsel und Gretel gleich – allein im dunklen Wald, doch die findige Miriam entdeckt eine Hütte, in der sie Unterschlupf finden. Es gelingt ihr, ein Feuer anzuzünden, sie stöbert Decken und einige essbare Pilze auf. Als bei ihrem Bruder dann hohes Fieber ausbricht, sorgt sie mit Wadenwickeln, heißem Wasser und vor allem einer symbolhaften Geschichte dafür, dass er am Leben bleibt.

Nachdenken über das Erzählen
Die Erzählperspektive bleibt daher nicht nur dicht bei Miriam, sondern sie wird auch zur Erzählerin ihrer eigenen Geschichte im Roman. Dadurch sind die für Steinfest typischen Reflexionen der Narration möglich, in der sowohl Miriam ihre Rolle als Erzählerin als auch die Bedingungen einer Erzählung im Allgemeinen verhandelt werden. Als sie beispielsweise an einem Punkt in ihrer Geschichte nicht weiterkommt, erzählt sie ihrem Bruder: „Nein, aber weißt Du, einige Sachen in so einer Geschichte stecken im Nebel. Man kann sie nicht sehen. Manchmal wirkt etwas Gerade schief oder umgekehrt. Was Blaues grün. Du verstehst mich, oder? Es gibt eine Wahrheit, aber sie muß aus dem Nebel rauskommen. Oder etwas liegt in der Ferne und man muß erst drauflosgehen, um wirklich sagen zu können, was es ist.“ Und in diesem Nebel findet Miriam schließlich eine wundersame Deutung für ihre Erlebnisse, da sie nicht vermag, ihrem Bruder die Wahrheit zu sagen: dass ihre Mutter sich umgebracht hat. Miriam selbst sagt von sich, sie mache der Mutter keine Vorwürfe: „Es mochte komisch klingen … nein, das tat es nicht: Miriam empfand tiefe Dankbarkeit dafür, daß ihre Mutter sich dagegen entschieden hatte, die inniglich geliebten zwei Kinder bei anderen Menschen unterzubringen. Daß es ihr Plan gewesen war, Miriam und Elias mitsterben zu lassen. Genauso mußte doch eine gute Mutter denken, oder?“ An dieser Überzeugung will – und wird – Miriam ihr ganzes Leben lang festhalten.

Eine allzu weise Heldin
Miriam ist eine ganz und gar ungewöhnliche Heldin, für ihre zwölf Jahre erstaunlich klug und reflektiert, was aber bereits auf den ersten Seiten des Romans angeführt wird. Dennoch erscheint sie mitunter auf eine erwachsene Art zu weise zu sein – gerade auch im Vergleich zu den anderen klugen Kindern in Steinfests Romanen. Dadurch wird manches zu sehr erklärt, Anspielungen und Verweise werden wiederholt, so dass ihre Bedeutung auch in jedem Fall klar wird. Das wäre nicht nötig gewesen, denn es macht den Zauber und Tragik dieses Romans aus, dass manche Ereignisse nicht eindeutig zu erklären sind. Gerade die Welt der Kinder ist in sich stimmig, es sind die Eltern, die weitaus egoistischer sind als vermeintliche Hexen. Ohnehin treten mit dem Einbruch der Erwachsenen in diese geschlossene Welt der Kinder auch im Roman Misstöne auf. Weder der Exkurs über die Frage, ob ein Vater seine Tochter mehr lieben würde, wenn sie schlank wäre, noch manche Überlegungen über die Rolle der Frau sowie politische Korrektheit fügen sich in diese Geschichte ein. Glücklicherweise sind sie jedoch nur kurz.

Kein Kriminal-, sondern nur ein Roman
Insgesamt ist „Das himmlische Kind“ ein zauberhafter Roman, in dem Steinfest-Leser die Tugenden bisheriger Bücher wiederfinden werden – poetische Sprache, scheinbar unerklärliche Wendungen, eine mitunter magische Welt und Gedanken über das Leben und Sterben. Jedoch verzichtet Heinrich Steinfest nun auf die wesentlichen Elemente des Kriminalplots – eine Tat und einen Ermittler – und ein wenig ist seiner Geschichte dadurch die Erdung verloren gegangen. Schon immer waren Heinrich Steinfests Romane auch phantastische Geschichten, jedoch sorgte der Kriminalplot für einen bodenständige Verankerung, die hier mitunter fehlt. Im Gespräch mit CulturMag hat er sich über die Genre-Frage geäußert und ausgeführt, dass er der Gefahr der Wiederholung entgehen wollte. Dieses Ziel hat er sicher erreicht, allerdings bleibt für seinen zweiten Roman „Der Allesforscher“, der im März bei Piper erscheinen wird, auch noch Raum für Verbesserungen.

Heinrich Steinfest: Das himmlische Kind. Droemer/Knaur 2012.

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Lilli Steinbeck und Oceanic Airlines – Heinrich Steinfest und der Film, Teil XI

Wenngleich „Ein dickes Fell“ und „Mariaschwarz“ die von mir meistgeschätzten Romane von Heinrich Steinfest sind, ist Lilli Steinbeck meine bevorzugte Ermittlerin. Schon in „Tortengräber“ erschien sie mir als faszinierende Figur. Bei ihrem ersten Erscheinen war sie noch eine Nebenfigur, aber mit „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ wurde sie zur Hauptfigur – und konnten meinen Erwartungen mühelos standhalten.

(c) Manuel Bartual

Bei diesem Roman erinnert schon die Konzeption an einen Spionagethriller: Zwei mächtige Gegner liefern sich ein tödliches Spiel rund um den Globus, bei dem arglose Menschen zu Spielfiguren werden – weil sie vor Jahren unbemerkt eine Batman-Figur zugesteckt bekamen. Die Ermittlungen führen Lilli Steinbeck sogar bis auf die Insel Bouvet, die bei Heinrich Steinfest sehr oft eine Rolle spielt, und nach Mauritius. Dort soll es zu einem Showdown zwischen den zwei Parteien kommen. Während Steinbeck und der famose Privatdetektiv Kallimachos per Schiff auf die Insel reisen, nutzt die Gegenpartei den Flieger. Dazu buchen sie den Flug bei Oceanic Airlines. Und diese Fluggesellschaft ist aus Katastrophenfilmen bestens bekannt. Sie wurde erfunden, weil Fluglinien ihren Namen nicht auf abstürzenden oder verunglückenden Flugzeugen sehen wollen. So taucht diese fiktive Gesellschaft unter anderem in „Passagier 57“ auf, auch in dem Steven-Segal-Film „Einsame Entscheidung“ ist eine Boeing 747 mit dem Logo dieser Firma zu sehen und in der Fernsehserie „Lost“ sind die Überlebenden mit Oceanic Airlines geflogen. Weiterlesen

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Der dreifache Batman – Steinfest und der Film, Teil X

(c) Piper

Schon der Titel des letzten Cheng-Romans „Batmans Schönheit“ ist in bester Hinsicht mehrdeutig. Zunächst ist Batman der allseits bekannte, als Fledermaus kostümierte Rächer, der in Gotham City auf Verbrecherjagd geht. Steinfest-Leser denken bei Batman aber auch an den Kater, den Markus Cheng im ersten Teil seiner Ex-Frau überlässt – und der gewissermaßen erst die Handlung, die zu seinem Armverlust führt, in Gang setzt. Außerdem gibt es noch die Batman-Figuren, die in „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ als todbringende Spielfiguren dienen. Und nun taucht in diesem Buch ein Urzeitkrebs auf, der von Cheng auf den Namen „Batman“ getauft wird.

In meinem Gespräch mit Heinrich Steinfest für das BÜCHER-Magazin habe ich ihn nach der Rolle von Batman gefragt. Er antwortete, dass er schon als Kind die Vorstellung von Batman faszinierend fand, da er ein Verbrecherjäger sei, der wie ein Verbrecher aussehe. In seinen Roman sei nun mit „dem Namen „Batman“ ist ein Unglück verbunden, das zu einem höheren Bewußtsein führt.“ Tatsächlich lässt sich diese Deutung wenigstens in den Cheng-Romanen bestätigen. Weiterlesen

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Die Bedeutung von 4711 – Steinfest und der Film, Teil IX

In den Romanen von Heinrich Steinfest gibt es viele wiederkehrende Motive, die im Zusammenspiel mit Orten und Figuren ein eigenes Weltgebilde kreieren. Dazu gehört beispielsweise der Name Batman, aber auch der Duft von 4711. Die Bedeutung dieses Motivs wird in „Ein dickes Fell“ ausführlich begründet. Dort ist 4711 ein Wunderwasser, das auf die Rezeptur eines Kartäuser-Mönches aus dem 18. Jahrhundert zurückgeht. Aber längst ist die heilende Wirkung dieses Duftwassers in Vergessenheit geraten. Nur wenige wissen von diesem Effekt – und einem Fläschchen mit dem Urdestillat, dem übersinnliche Kräfte nachgesagt werden. Denn der vermeintliche Archivar Kurt Smolek glaubt sogar, dass man einem Golem zu Leben erwecken kann, wenn man ihm ein Pergamentpapier mit dem Namen Gottes auf die Stirn heftet und mit einigen Spritzern 4711 beträufelt.

(c) Piper

Nun überschneidet sich diese Geschichte aber mit der Ermordung eines norwegischen Botschafters durch Anna Gemini und Chengs Ermittlungen in diesem Fall. Und dieser Handlungsstrang, der letztendlich die umfassende Aufklärung mit sich bringt, wird durch Hitchcock-Filme ausgelöst: Alles „begann ein wenig wie in diesem Film „Ein Fenster zum Hof“. Weiterlesen

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„Ein dickes Fell“ – Steinfest und der Film, Teil VIII

(c) Piper

„Ein dickes Fell“ ist einer meiner Lieblingsromane von Heinrich Steinfest; er ist kunstvoll komponiert, die vielen Anspielungen greifen wunderbar ineinander und viele Knotenpunkte des Steinfestschen Universum werden hier aufgegriffen und neu verbunden. Auf die dicht verwobene Handlung werde ich hier nicht im Einzelnen eingehen – außerdem werde ich wesentliche Aspekte des Inhalts verraten. Also daher eine Anmerkung gleich zu Beginn: Es ist am besten, erst das Buch und dann diesen Beitrag zu lesen. 🙂

(c) Kinowelt Home

Ein „Tiffany“-Erlebnis und „Léon – Der Profi“
In „Ein dickes Fell“ ist die weibliche Hauptfigur die Auftragsmörderin Anna Gemini. Sie wurde zu diesem Beruf von dem Film „Léon – Der Profi“ inspiriert, da er es ihr ermöglichte, erstmals diesen Berufsstand nicht als widerwärtig zu sehen. Denn in dem Film spielt Jean Reno einen „schüchternen, Milch trinkenden, melancholischen“ Killer, der sogar sein erhaltenes Geld kaum anrührt. Als nun das Nachbarmädchen Mathilda (Natalie Portman) in Not gerät, hilft er ihr und bildet sie auf ihren Wunsch im Umgang mit Waffen aus. Weiterlesen

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Cineastische Anspielungen in „Cheng“ und „Ein sturer Hund“ – Heinrich Steinfest und der Film, Teil VII

Aufmerksamen Lesern wird nicht entgangen sein, dass bei meiner Reihe über „Heinrich Steinfest und der Film“ einige Romane des in Stuttgart lebenden österreichischen Kriminalschriftstellers fehlen. Diese Lücke soll nun – abgesehen von seinen beiden frühen Romanen, die leider vergriffen sind – sukzessive geschlossen werden. Daher geht es heute mit den ersten beiden Teilen der Cheng-Reihe weiter.

Fellini und „Die Straßen von San Francisco“ in „Cheng“

(c) Piper

Der erste Teil der vierbändigen Reihe mit dem Privatdetektiv Markus Cheng ist im Jahr 1999 erschienen und im Hinblick auf filmische Anspielungen nicht sehr ergiebig. Vor allem referiert Steinfest hier auf bekannte Bilder der Filmgeschichte. Beispielsweise begegnet Cheng während einer surrealen Schneesturm-Szene im Wirtshaus der „felliniesken“ Gerda, die Cheng auf ihren Schoß sitzen lässt und mit Küssen beschenkt. Oder er hat einen „Schweißausbruch, wie ihn Gregory Peck in Die 27. Etage angesichts einer Pistole an seiner Schläfe erleidet“. In diesem Vergleich könnte höchstens noch ein Hinweis gesehen werden, dass auch in „Cheng“ nicht jeder der ist, der er zu sein vorgibt. Weiterlesen

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Von der Last, eine Comicfigur zu sein – Heinrich Steinfest und der „Cheng“-Roman

(c) Piper Verlag

„Ihre Beine waren zu dick.“ Mit diesem Satz beginnt der außergewöhnliche Kriminalroman „Cheng“ von Heinrich Steinfest – und zugleich eine der besten Krimi-Reihen der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Mit Markus Cheng hat Heinrich Steinfest nicht nur einen außergewöhnlichen Ermittler geschaffen, sondern auch ein ausgeklügeltes Spiel mit den literarischen Identitäten und Referenzen entwickelt, das er in seinen vier Cheng-Roman bis auf die Spitze treibt.

Schon gleich zu Beginn des ersten Romans mit dem einarmigen Privatdetektiv Cheng – der Titelheld ist noch nicht einmal in Erscheinung getreten – wird auf die Erwartungen der Romanleser hingewiesen. Erzählt wurde bisher von Ranulph Field, der mysteriöse Anrufe und womöglich auch Besuche von einer Frau erhält. Weiterlesen

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