Von der Last, eine Comicfigur zu sein – Heinrich Steinfest und der „Cheng“-Roman

(c) Piper Verlag

„Ihre Beine waren zu dick.“ Mit diesem Satz beginnt der außergewöhnliche Kriminalroman „Cheng“ von Heinrich Steinfest – und zugleich eine der besten Krimi-Reihen der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Mit Markus Cheng hat Heinrich Steinfest nicht nur einen außergewöhnlichen Ermittler geschaffen, sondern auch ein ausgeklügeltes Spiel mit den literarischen Identitäten und Referenzen entwickelt, das er in seinen vier Cheng-Roman bis auf die Spitze treibt.

Schon gleich zu Beginn des ersten Romans mit dem einarmigen Privatdetektiv Cheng – der Titelheld ist noch nicht einmal in Erscheinung getreten – wird auf die Erwartungen der Romanleser hingewiesen. Erzählt wurde bisher von Ranulph Field, der mysteriöse Anrufe und womöglich auch Besuche von einer Frau erhält. Nach einem weiteren Anruf konkludiert der Erzähler: „Er hatte das Lachen wiedererkannt; es war dieselbe Frau gewesen, die ihn Stunden zuvor angerufen hatte. Was natürlich keinen Romanleser überrascht, sehr wohl aber Ran, der wie die meisten wirklichen Figuren unfähig war, sich andere Bedrohungen als die alltäglichen vorzustellen“. Sicherlich liegt Steinfest hier richtig: Romanleser sind bereit, sich allerhand Abscheulichkeiten vorzustellen – schließlich bewegen sie sich in der Fiktion, zu der nun gerade auch Ranulph Field gehört. Doch durch diese Bemerkung eröffnet Steinfeld zugleich eine weitere Ebene innerhalb der Romanwirklichkeit. In ähnlichem Stil folgen weitere Überlegungen – über die Gefährlichkeit von Betten und Badewannen, die Kunst und Regeln des Skandalaufdeckens sowie das literarische Potential des Verschwindens eines Oberbürgermeisters.

Heinrich Steinfest (c) Bernhard Adam

Dennoch ist in „Cheng“ das literarische Spiel noch nicht so ausgereift wie in den folgenden Romanen, aber in diesem ersten Teil sind bereits einige Handlungsstränge folgender Bücher zu entdecken: die konventionelle Angst um einen nicht aufgegeben Lottoschein wird im „Umfang der Hölle“ ins Gegenteil verkehrt werden, der Kater Batman wird alle vier Cheng-Teile überleben und die drei Kartäuser-Katzen von Chengs Nachbarin werden im dritten Teil eine wichtige Rolle spielen. Selbst eine Band mit dem Namen „Nervöse Fische“ tritt auf. Für die Cheng-Reihe ist hingegen insbesondere das Nachwort zu der mir vorliegenden Wiederauflage des Romans bemerkenswert. Hier führt Heinrich Steinfest aus, dass der Cheng dieses Teils ein anderer als der Cheng des zweiten Teils sein wird. Hier lebe Cheng noch in „einer Comicwelt“, da Heinrich Steinfest Wien zu dieser Zeit als „böses Entenhausen“ empfunden habe. Aufgrund dieser Entwicklung sei Cheng auch kein Serienheld, sondern der Held einer Entwicklung. Tatsächlich ist insbesondere das Ende dieses Romans befremdlich, wenngleich es einem bösen Ende würdig erscheint. Diese Ende wird auch im zweiten Teil der Cheng-Reihe wiederkehren – als böser Traum der Hauptfigur Markus Cheng. In diesem Sinne hat Cheng im zweiten Teil fraglos eine Entwicklung vollzogen. Und mir hat das Nachwort immerhin noch die Erkenntnis beschert, dass Heinrich Steinfest für seinen Protagonisten jenes Beckettsche Diktum ausgesucht hat, das auch ich gerne heranziehe: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Ein Gedanke zu „Von der Last, eine Comicfigur zu sein – Heinrich Steinfest und der „Cheng“-Roman

  1. Yvonne

    Sehr schöne Rezension, vielen Dank dafür. „Cheng“ ist der erste und bisher einzige Roman, den ich von Heinrich Steinfest gelesen habe, und er hat mir ziemlich gut gefallen. Da ich kein (reiner) Krimi-Leser bin, war ich sehr positiv überrascht von der „literarischen“ Sprache und den vielen Exkursen, die es in dem Roman gibt. Deine Besprechung hat mir nun auch Lust auf weitere Steinfest-Bücher gemacht.

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