Mit Ross Thomas auf die Gegenwart schauen

Lese oder höre ich in den vergangenen Wochen Nachrichten, denke ich oft: Ich lebe nun in einem Roman von Ross Thomas. Und zwar nicht, weil seine Romane prophetisch sind. Sondern weil die Realität so absurd und zugleich real ist wie die Plots seiner Romane.

Ein Beispiel: Im „Yellow-Dog-Kontrakt“ will eine Gruppe reicher Geschäftsleute den Ausgang der kommenden Präsidentschaftswahlen zu ihren Gunsten manipulieren. Sie versprechen sich von dem konservativen Kandidaten bessere Bedingungen für ihre Geschäfte. Es geht ihnen nicht um ein konkretes Vorhaben, vielmehr glauben sie, dass er ein besseres Umfeld schaffen würde. Also beteiligen sie sich finanziell an einem Manipulationsvorhaben, bei dem Gewerkschaften unterwandert werden, so dass Tarifverhandlungen scheitern müssen. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass in den für die Demokraten wichtigsten Großstädten kurz vor der Wahl gestreikt wird. Die öffentliche Meinung würde sich gegen die Demokraten wenden, der konservative Kandidat wird gestärkt. Eine raffinierte Manipulation, von außen nur schwer zu durchschauen.
„Der Yellow-Dog-Kontrakt“ ist 1976 erschienen, damals waren Gewerkschaften sehr relevant. Sie waren Machtfaktoren. Ersetzt man nun Gewerkschaften und Streik mit sozialen Netzwerken und Algorithmen, muss man nicht lange suchen, um Parallelen in die Gegenwart zu finden. Mitsamt einer Gruppe sehr reicher Geschäftsleute, die ein Interesse daran haben, dass das politische Klima so ist wie es ist.

Ein zweites Beispiel: In „Die Narren sind auf unserer Seite“ erfahren Geschäftsleute, dass in einer Stadt im Süden der USA bald sehr viel Geld zu verdienen ist. Also wollen sie die Stadt unter sich aufteilen. Mit anderen Worten: Sie wollen die Stadt in ihren Besitz bringen, um Geld zu verdienen. Das geschieht auf verschiedenen Wegen: Sie setzen Menschen unter Druck und bedrohen sie, damit sie die Stadt verlassen. Sie kaufen Stimmen in Gremien und wichtige Unterstützer – entweder direkt mit Geld oder über Versprechungen, bestimmte Vorhaben zu finanzieren. Vor allem manipulieren sie die öffentliche Meinung, indem sie Gruppierungen aufeinanderhetzen, Halbwahrheiten oder einfach Lügen verbreiten. Ersetzt man nun „Stadt im Süden“ mit Venezuela oder Grönland, ist man mitten in der Realität.

Das sind nur zwei Beispiele, in jedem Ross-Thomas-Roman steht etwas, das mir etwas über die Gegenwart erzählt. Das Politik nur die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist, beispielsweise. Trumps Mittel sind Zölle. Oder dass jede Regierung spätestens ein Jahr nach der Wahl in der Scheiße steckt und verzweifelt einen Skandal sucht, den sie auf die Vorgängerregierung schieben kann, um von ihrem Versagen abzulenken.

Seine Romane haben meinen Blick auf die Realität geändert, ihn geschärft. Sie sind Lehrstücke – schwer unterhaltsame, sehr komische Lehrstücke – darüber, wie Sprache eingesetzt wird, um Wahrheiten zu verschleiern oder falsche Informationen in die Welt zu setzen. In Romanen wie „Stimmenfang“ oder „Der Mordida-Man“ lernt man so einfache Grundsätze wie: Ein Gerücht kann man nicht bestreiten, ohne ihm Glaubwürdigkeit zu verleihen. Es setzt sich dann fest in den Köpfen. Und daran sollten wir heutzutage jeden Tag denken. Gerüchte sind Machtfaktoren.

Es geht immer ums Geld
Ross Thomas bricht komplexe Sachverhalte auf einfache Handlungsmotive herunter. Er geht davon aus, dass Menschen immer einen Grund haben zu handeln wie sie es tun – und dieser Grund ist in der Regel Geld. Manchmal gepaart mit Macht. Aber auch die ist oft nur interessant, um mehr Geld zu verdienen. Und dazu reicht meistens eine gewisse Nähe zur Macht. Machen Politiker etwas, was viele als moralisch gut bezeichnen würden, macht sie das, weil sie davon profitieren. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen. Das macht sie berechenbar. In dem Nachwort zu „Die im Dunkeln“ schreibt der Übersetzer Gisbert Haefs so schön, dass die Annahme, irgend jemand auf verantwortlichem Posten sei möglicherweise nicht korrupt, bei Ross Thomas allenfalls ein schlechter Witz ist. Denn Ross Thomas weiß, dass die meisten Menschen am empfindlichsten sind, wenn es um Geld geht – und das macht sie beeinflussbar.

Den alten Leitsatz „Follow the money“ kennt man aus zahlreichen Kriminalromanen und -serien. Aber er geht davon aus, dass es schon Geld gibt, dem man folgen kann. Bei Ross Thomas geschieht hingegen manchmal auch etwas, damit man zukünftig mehr Geld verdienen kann. Deshalb sind Wahlkämpfe so wichtig. In ihnen wird entschieden, wer künftig über Geld entscheiden kann. Sie werden aber wiederum selbst mit Geld. In „Die im Dunkeln“ lernt man fast alles, was man über Wahlkampffinanzierung jemals wissen wollte. Mit Geld kauft man Werbung. Man kauft Unterstützer. Man kauft im Zweifelsfall Stimmen.
Das steckt hinter Donald Trumps Drohung an beispielsweise abtrünnige Republikaner: Wenn er sagt, er unterstützt sie nicht mehr, heißt das, er sorgt dafür, dass sie kein Geld von der Partei mehr bekommen. Und ohne Geld lässt sich kein Wahlkampf in den USA gewinnen.

Davon hat schon die liberale Serie „The West Wing“ erzählt – auch der gute, demokratische Präsident Bartlett hat Kandidaten Geld entzogen. Ohnehin ist nichts davon, was gerade passiert, im Kern der Sache neu. Aber nur wenige schauen genau hin. Die meisten sind unglaublich geschichtsvergessen. Ich bin immer wieder erstaunt: Wie kann man nach der Iran-Contra-Affäre noch von irgendetwas überrascht sein? Wie schnell kann so ein Skandal in Vergessenheit geraten?

Ausgestellte Schamlosigkeit

Neu ist etwas anderes: Bei Ross Thomas geschehen die Schmierereien, die Schurkenstücke noch im Verborgenen. Die Öffentlichkeit ist empört, wenn herauskommt, was die CIA in Lateinamerika macht. Menschen in verantwortlichen Positionen wollen Dinge vertuschen, sie wollen zumindest den Schein aufrechterhalten. Donald Trump macht öffentlich keinen Hehl aus seiner Schamlosigkeit, seine Gier. Und offenbar ist sein Verhalten für viele Menschen in Ordnung. Aber dennoch schiebt er Gründe für sein Interesse an Grönland und Venezuela vor.

Bei Ross Thomas kennen Politiker zumindest öffentlich noch etwas Scham. Sie gaukeln Moral vor. Es sind nicht die Menschen in der ersten Reihe, die sich die Hände schmutzig machen. Die Fäden ziehen Hintermänner. Die in den „Schattenzonen“ (Kälter als der Kalte Krieg), diejenigen in der zweiten Reihe, bei denen vieles zusammenläuft. Politiker sind bei Ross Thomas nicht die cleversten Menschen. Im Gegenteil, überdurchschnittliche Intelligenz wird mehrfach als hinderlich für eine politische Karriere beschrieben. Sie sind deshalb aber auch keine Marionetten, sondern: arrogante, oft privilegiert aufgewachsenen Männer, die entweder durch ihre eigene Familie oder eine Ehe an Geld gekommen sind, dann einen Posten bekommen haben – und nun glauben, sie kommen mit allem durch. Weil es ihnen zusteht. Diese Haltung findet man gerade überall.

Und sogar diese Veränderung kann ich mir mit Ross Thomas erklären: Demokratie ist bei ihm nie eine überlegene Ideologie. Sie ist die Regierungsform, in der der Kapitalismus am besten gedeihen kann. Seit Ross Thomas‘ Tod 1995 hat der Kapitalismus noch zugelegt – und damit auch die Gier, die Überzeugung, alles und jeder ist käuflich. Dass Geld das Einzige ist, was zählt, hat sich offenbar als Überzeugung bei vielen durchgesetzt. Reiche Menschen sind bei Ross Thomas immer suspekt. Heutzutage stellen viele sehr reiche Menschen ihren Reichtum schamlos aus und werden dafür bewundert. Warum also sollten sie noch glauben, dass sie sich an Regeln halten müssen?

Das alles mag unglaublich ernüchternd klingen, aber bei mir wirken die Romane anders: Ross Thomas blickt völlig illusionslos auf Politik. Nicht desillusioniert oder zynisch – diese Unterscheidung ist wichtig. Denn in der Gegenwart ist Zynismus der einfache Weg. Wir brauchen mehr Durchblick. Und den findet man mithilfe von Ross Thomas‘ Romanen. Außerdem gibt es bei Ross Thomas immer auch die Figuren, die den Schlamassel entwirren, die größte Unbill verhindern. Am Ende ist nicht alles gut, das wäre naiv. Aber es gibt Hoffnung, dass sich manches ändern kann.

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Buchhandlungspreis, Neutralität und Kultur

Am Wochenende ging ich in eine Buchhandlung, um ein vorbestelltes Buch abzuholen – und ging mit zwei Büchern wieder nach Hause. Denn auf dem sorgsam kuratierten Sachbuch-Tisch waren zu viele interessante Titel, um sie alle zu ignorieren. Fatma Aydemir hat im Guardian ein ähnliches, eigentlich sogar schöneres Erlebnis beschrieben: “I walk in for a novel and walk out with a theory of the state, a pamphlet on housing struggles, a Palestinian poet I had never heard of. No “for you” page in an online store would have suggested it. The bookseller did. Independent bookshops are dangerous because they interrupt us. They do not optimise our curiosity. They derail it.”

Genau das ist die “Gefahr”, die von Büchern ausgeht, deshalb wollten Herrscher lange nicht, dass Menschen lesen und schreiben lernen, deshalb kontrolliert jedes autoritäre Regime, welche Bücher gedruckt werden. Und nachdem ich erst das Berlinale-Destaster durchlitten habe, bei dem Wolfram Weimer Tricia Tuttle absägen wollte – wegen etwas, was andere Filmemacher auf dem Festival gemacht haben, das sich jahrelang gerühmt hat, das politischste der A-Festivals zu sein -, hat er nun den Preis für unabhängige Buchhandlungen beschädigt. Irgendwie passend dazu habe ich am Wochenende ein ZeitZeichen zu Rosa Luxemburg gehört, in dem es unter anderem um das vielzitierte “Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden” geht. Und die Sendung verlangte mir das auch ab, denn Sahra Wagenknecht kam viel zu Wort.

Was momentan im Kulturbetrieb los ist, bereitet mir große Sorgen. So wenig Kultur und Verfassungsschutz zusammenpassen, Kultur und Neutralität passen gar nicht zusammen. Robert Misik hat es in seiner Kolumne in der taz sehr prägnant formuliert: “Inszeniere einmal Brechts „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ so neutral, dass sich Björn Höcke nicht wiedererkennt – viel Spaß bei dem Versuch.”

Dass Weimer die Verleihung nun absagt, passt natürlich ins Bild: Wie viele Männer will er die Konsequenzen seiner Entscheidung nicht sehen, den Protest nicht aushalten. Was hat er wohl gedacht, was passiert, wenn bekannt wird, dass drei linke Buchhandlungen ausgeschlossen werden? Nichts?

Es gibt eine Seite, auf der man den Prozess der drei Buchhandlungen gegen den Ausschluss mit einer Spende unterstützen kann.

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Über die Serie „The Investigation“

Im August 2017 will die schwedische Journalistin Kim Wall einen Mann interviewen, der ein U-Boot gebaut hat. Sie geht an Bord des U-Bootes – und wird einen Tag später als vermisst gemeldet. Nach monatelangen Ermittlungen steht fest: Der Konstrukteur hat Kim Wall ermordet.

Von diesem Fall hatte ich gehört, auch einige Artikel dazu gelesen, aber die Ermittlungen habe ich nicht im Detail verfolgt. Vermutlich hätte mich eine Serie zu diesen Ermittlungen auch nicht sehr interessiert, aber: „The Investigation“ ist die sechsteilige Mini-Serie von Tobias Lindholm. In den Texten zur Serie steht meist, er hätte auch bei „Borgen“ mitgeschrieben. Ja, hat er. Weit wichtiger aber: Er hat mit „Kapringen (A Hijacking)“ und „A War“ zwei exzellente Filme gemacht, dazu das Drehbuch zu Vinterbergs „Die Jagd“ und „Der Rausch“ geschrieben. Aus Marketingsicht ist der Verweis auf „Borgen“ zwar verständlich, aber er greift zu kurz.

Die Serie macht nun genau das, was der Titel verspricht: Sie erzählt von der Untersuchung des Verschwindens und Mordes von Kim Wall. Völlig unaufgeregt, fast schon dokumentarisch werden sie detailliert wieder gegeben – und es ist faszinierend, wie spannend es sein kann, bei dieser oftmals kleinteiligen, frustrierenden Arbeit zuzusehen. Das Team um den Leiter der Mordkommission, Jens Møller Jensen (Søren Malling), muss immer wieder von vorne anfangen: Nachdem feststeht, dass Kim Wall tot ist, sind sie überzeugt, dass der Konstrukteur schuldig ist. Aber sie brauchen Beweise, die vor Gericht standhalten. Er ändert seine Aussage mehrfach. Es gibt keine Zeugen, das U-Boot ist gesunken, viele Spuren vernichtet, Beweise vom Meer unbrauchbar gemacht. Und sie brauchen alleine Wochen, um die Leiche zu finden. Weiterlesen

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Krimibestenliste März 2026

Heute wurde die neue Krimibestenliste für März veröffentlicht. Es gibt neun(!) neue Titel. Der höchste Neueinstieg ist Daniel Faßbender mit “Heaven’s Gate”, den habe ich heute Vormittag bei Deutschlandfunk Kultur vorgestellt. Etwas später habe ich dann mit Andrea Gerk in der Lesart über die Krimibestenliste gesprochen.

Nun aber zu der Liste:

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Ross Thomas lesen – Ein Zwischenfazit

Voriges Jahr habe ich zum Abschluss der Ross-Thomas-Werkausgabe im Alexander Verlag einen längeren Beitrag für das SWR-Lesenswert-Magazin gemacht. Damals fragte mich die Moderatorin Katharina Borchardt, ob ich eigentlich alle Romane gelesen hätte. Und ich musste sagen: nein. Fast alle. Aber nicht alle. Das sollte mir nicht noch einmal passieren! Ich beschloss: Ich lese mich (größtenteils nochmals) vollständig durch das Werk von Ross Thomas. Eigentlich wollte ich zu seinem 100. Geburtstag am 19. Februar nicht nur mit dem Werk durch sein, sondern auch sortierter in meinen Gedanken. Ich habe unzählige Ideen, was ich alles schreiben, machen, tun könnte. Aber das Leben, ein Serienkiller-Feature und sonstige Arbeit kamen dazwischen – und daher habe ich für die Februar-Ausgabe des CrimeMag ein Zwischenfazit gezogen.

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Biographie
In vielen Ross-Thomas-Figuren steckt etwas aus seiner Biographie, seinen Erfahrungen in Deutschland, auf den Philippinen oder in Nigeria. Das merkt man an Kleinigkeiten – so hat der Erzähler aus dem „Yellow-Dog-Contract“ beim Radio in Westdeutschland gearbeitet hat –, vor allem aber den Beschreibungen der Orte und natürlich der Plots. Ross Thomas weiß, wovon er erzählt – aber er hat keine „Insider-Pose“ oder will damit angeben.

Durch seine Erfahrungen hat er – und haben viele seiner Figuren – keine Illusionen über den Zustand der Welt. Er ist – wie der Historiker Deke Lucas aus „Dann sei wenigstens vorsichtig“ jemand, der die Ereignisse beobachte. Ein „politische Agnostiker“ wie Ben Dill , der „schon vor langer Zeit die Hoffnung aufgegeben (hatte), daß es irgendetwas gab, gegen das irgend jemand irgendwas unternehmen könnte, doch diejenigen, die noch immer daran glaubten, interessierten ihn, und er fand, daß die meisten von ihnen amüsante Gesellschaft und geistreiche Gesprächspartner waren.“ („Dornbusch“)

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Chronologie
Ursprünglich wollte ich mich strikt chronologisch durch das Werk lesen, dass habe ich nicht ganz durchgehalten. Auch lese ich die St. Ives-Romane komplett zum Schluss. Doch chronologisches Lesen ermöglicht manche kleine Entdeckungen. Zum Beispiel: „Kälter als der Kalter Krieg“ endet mit:

„Der Besitzer hat einmal eine Postkarte aus Dahomey in Westafrika erhalten. Es stand nur „Well“ darauf, und sie war mit einem „P.“ unterzeichnet. Seither erscheint in der Londoner Times jeden Dienstag unter „Persönliches“ die gleiche Anzeige. Sie lautet: Mike: Alles vergeben. Komm nach Hause. Die Weihnachtshilfe.“

In „Stimmenfang“ nun treffen die Hauptfiguren in einem Lokal in dem fiktiven westafrikanischen Staat, in dem der Roman spielt, auf einen Mike. Ihm gehört das Lokal nicht, er „hilft einem Freund aus“. Vor allem aber:

„(D)er Mann namens Mike ging zurück hinter die Bar, griff nach einem Exemplar der Londoner Times und lächelte über die Kontaktanzeigen.“

Ein Cameo-Auftritt von Mike Padillo! In „Gelbe Schatten“ referenziert er dann diese Tätigkeit. Ich habe mal gelesen (oder gehört), dass Ross Thomas anfangs durchaus darüber nachdachte, eine Reihe mit McCorkle und Padillo zu schreiben – und das wäre ein weiterer Hinweis darauf. Denn „Stimmenfang“ ist wie „Gelbe Schatten“ (der zweite McCorkle-Padillo-Roman) im Jahr 1967 erschienen.

Es gibt noch andere Cameo-Auftritte von Figuren. Chubb Dunjee aus dem „Mordida-Mann“ wird in „Voodoo Ltd.“ erwähnt, offenbar haben Artie Wu und Quincy Durant ihn mal in Mexiko getroffen. Und wir wissen, was er dort getan hat … In „Die im Dunkeln“ tauchen einige Figuren am Rande wieder auf, sie werden in den Anmerkungen des Übersetzers Gisbert Haefs auch aufgeschlüsselt. (Das Buch hat auch ein sehr lesenswertes Nachwort von ihm!). Weiterlesen

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Cherchez la femme – Über Ross Thomas’ „Dann sei wenigstens vorsichtig“

Derzeit lese ich mich chronologisch durch das Werk von Ross Thomas – vieles lese ich zum zweiten, manches sogar zum dritten Mal, aber einige Romane habe ich vorher auch noch nicht gelesen. Dazu gehört „Dann sei wenigstens vorsichtig“ (OT: If you can’t be good, 1973), von dem ich bisher nur den nahezu legendären ersten Satz kannte: „Es begann so, wie das Ende der Welt beginnen wird: mit einem Telefonanruf um drei Uhr früh“.

Durch diesen Telefonanruf bekommt der Historiker Decatur „Deke“ Lucas einen neuen Job: Er soll für den „meistgefürchteten Mann Washingtons“ – den Klatsch-Kolumnisten Frank Size – herausfinden, warum sich der Senator Robert F. Ames bestechen ließ und nun mit der 27-jährigen Blondine Connie Mizelle im Watergate-Building lebt, statt mit seiner steinreichen Ehefrau seine politische Karriere voranzutreiben. Denn eigentlich hatten die Ames’ alles, was man braucht, um Präsident der USA zu werden: Sie hat das Geld, er das Aussehen – und noch dazu kommen sie aus dem Mittleren Westen. Aber dann hat Robert Ames alles an die Wand gefahren.

Im Folgenden entspinnt sich nun eine typische Ross-Thomas-Geschichte voller Wendungen, Drehungen und Seitenhieben – alleine seine Beschreibungen von Washington D.C. sind wahnsinnig komisch! Wäre die Weltlage nicht, was sie ist, hätte ich größte Lust, eine Art Washingtoner Stadtbiographie im Sinne Ross Thomas’ zu schreiben und dann mit der Wirklichkeit abzugleichen.

Auffällig an diesem Buch ist die Erzählperspektive: Nachdem Ross Thomas in „Porkchoppers“ erstmals nicht aus der Ich-Perspektive erzählt hat, kehrt er hier zu ihr zurück. Ohnehin liest sich dieser Roman aufgrund der gesamten Anlage der Geschichte – der Auftrag, die geheimnisvolle Femme fatale im Mittelpunkt, die zahlreichen Bezüge zu Los Angeles – viel stärker wie ein Detektivroman als seine vorherigen Bücher. Aber natürlich immer garniert mit zahlreichen politischen Seitenhieben: auf Watergate, auf die Nutzlosigkeit des Präsidenten, die generelle Korruptheit der politischen Akteure. Aber gerade im Vergleich mit „Porkchoppers“ wird deutlich, wie viel mehr Freiheit die auktoriale Perspektive Ross Thomas gibt – und wie gut er sie nutzen weiß. Dagegen ist „Dann sei wenigstens vorsichtig“ viel straffer im Plot und natürlich viel stärker bei der Hauptfigur. Bei der ich manchmal an Ross Thomas denken musste. Denn Deke ist sehr darauf bedacht, sich selbst als jemand darzustellen, der lediglich recherchiert – eigentlich arbeitet er an einer historischen Biographie –, aber er ist auch jemand, der politisch engagiert war, mittlerweile aber sämtliche Illusionen verloren hat.

Doch trotz aller Verbindungen zum Detektivroman ist hier alles eine Spur wahnwitziger. Allein Connie Mizelle ist eine Femme fatale hoch zwei: Sie ist unfassbar schön, verführerisch und dazu noch klug. „Für mich war Connie Mizelle ein Sexualobjekt – das vollkommene, perfekte Sexualobjekt. Ich mochte sie nicht, und ihr Verstand machte mir Kummer, weil er klüger war als meiner, aber ich konnte verstehen, was Sinkfield für sie empfand. Ich konnte es verstehen, und ich war eifersüchtig.“ Allerdings bleibt sie – wie viele Femme fatales – auch auf diese Rolle begrenzt, weil die Männer in diesem Roman sie darauf begrenzen. Immerhin klingt an, wie übel ihr mitgespielt wurde. Moralisch bewertet wird das aber – wie immer bei Ross Thomas – nicht.

Ross Thomas: Dann sei wenigstens vorsichtig. Aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel, durchgesehen von Gisbert Haefs. Alexander Verlag 2018. 288 Seiten. 18 Euro.

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Podcast: William Marshall

Vor wenigen Tagen hat mir Podigee zum Podcastgeburtstag gratuliert. Vier Jahre gibt es ihn nun schon, meinen Krimi-Podcast „Abweichendes Verhalten“. Ich war überrascht, als ich das las – doch zufällig passend dazu kommt heute eine Folge zu einem Autor, der wohl den wenigsten etwas sagt. Auch mir war er vorher nur bekannt, weil ich mal nach Krimis suchte, die in Hongkong spielten. Gelesen hatte ich vorher aber noch nichts von dem Australier William Marshall – entdeckt habe ich dann einen Autor, der nicht nur unfassbar komisch ist, sondern auch perfekte Actionszenen schreibt. Aber hört selbst …

Gesprochen habe ich über ihn mit Thomas Wörtche, anhören lässt sich der Folge unter diesem Link und bei allen gängigen Podcatchern.

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