Ross Thomas lesen – Ein Zwischenfazit

Voriges Jahr habe ich zum Abschluss der Ross-Thomas-Werkausgabe im Alexander Verlag einen längeren Beitrag für das SWR-Lesenswert-Magazin gemacht. Damals fragte mich die Moderatorin Katharina Borchardt, ob ich eigentlich alle Romane gelesen hätte. Und ich musste sagen: nein. Fast alle. Aber nicht alle. Das sollte mir nicht noch einmal passieren! Ich beschloss: Ich lese mich (größtenteils nochmals) vollständig durch das Werk von Ross Thomas. Eigentlich wollte ich zu seinem 100. Geburtstag am 19. Februar nicht nur mit dem Werk durch sein, sondern auch sortierter in meinen Gedanken. Ich habe unzählige Ideen, was ich alles schreiben, machen, tun könnte. Aber das Leben, ein Serienkiller-Feature und sonstige Arbeit kamen dazwischen – und daher habe ich für die Februar-Ausgabe des CrimeMag ein Zwischenfazit gezogen.

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Biographie
In vielen Ross-Thomas-Figuren steckt etwas aus seiner Biographie, seinen Erfahrungen in Deutschland, auf den Philippinen oder in Nigeria. Das merkt man an Kleinigkeiten – so hat der Erzähler aus dem „Yellow-Dog-Contract“ beim Radio in Westdeutschland gearbeitet hat –, vor allem aber den Beschreibungen der Orte und natürlich der Plots. Ross Thomas weiß, wovon er erzählt – aber er hat keine „Insider-Pose“ oder will damit angeben.

Durch seine Erfahrungen hat er – und haben viele seiner Figuren – keine Illusionen über den Zustand der Welt. Er ist – wie der Historiker Deke Lucas aus „Dann sei wenigstens vorsichtig“ jemand, der die Ereignisse beobachte. Ein „politische Agnostiker“ wie Ben Dill , der „schon vor langer Zeit die Hoffnung aufgegeben (hatte), daß es irgendetwas gab, gegen das irgend jemand irgendwas unternehmen könnte, doch diejenigen, die noch immer daran glaubten, interessierten ihn, und er fand, daß die meisten von ihnen amüsante Gesellschaft und geistreiche Gesprächspartner waren.“ („Dornbusch“)

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Chronologie
Ursprünglich wollte ich mich strikt chronologisch durch das Werk lesen, dass habe ich nicht ganz durchgehalten. Auch lese ich die St. Ives-Romane komplett zum Schluss. Doch chronologisches Lesen ermöglicht manche kleine Entdeckungen. Zum Beispiel: „Kälter als der Kalter Krieg“ endet mit:

„Der Besitzer hat einmal eine Postkarte aus Dahomey in Westafrika erhalten. Es stand nur „Well“ darauf, und sie war mit einem „P.“ unterzeichnet. Seither erscheint in der Londoner Times jeden Dienstag unter „Persönliches“ die gleiche Anzeige. Sie lautet: Mike: Alles vergeben. Komm nach Hause. Die Weihnachtshilfe.“

In „Stimmenfang“ nun treffen die Hauptfiguren in einem Lokal in dem fiktiven westafrikanischen Staat, in dem der Roman spielt, auf einen Mike. Ihm gehört das Lokal nicht, er „hilft einem Freund aus“. Vor allem aber:

„(D)er Mann namens Mike ging zurück hinter die Bar, griff nach einem Exemplar der Londoner Times und lächelte über die Kontaktanzeigen.“

Ein Cameo-Auftritt von Mike Padillo! In „Gelbe Schatten“ referenziert er dann diese Tätigkeit. Ich habe mal gelesen (oder gehört), dass Ross Thomas anfangs durchaus darüber nachdachte, eine Reihe mit McCorkle und Padillo zu schreiben – und das wäre ein weiterer Hinweis darauf. Denn „Stimmenfang“ ist wie „Gelbe Schatten“ (der zweite McCorkle-Padillo-Roman) im Jahr 1967 erschienen.

Es gibt noch andere Cameo-Auftritte von Figuren. Chubb Dunjee aus dem „Mordida-Mann“ wird in „Voodoo Ltd.“ erwähnt, offenbar haben Artie Wu und Quincy Durant ihn mal in Mexiko getroffen. Und wir wissen, was er dort getan hat … In „Die im Dunkeln“ tauchen einige Figuren am Rande wieder auf, sie werden in den Anmerkungen des Übersetzers Gisbert Haefs auch aufgeschlüsselt. (Das Buch hat auch ein sehr lesenswertes Nachwort von ihm!). Weiterlesen

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Cherchez la femme – Über Ross Thomas’ „Dann sei wenigstens vorsichtig“

Derzeit lese ich mich chronologisch durch das Werk von Ross Thomas – vieles lese ich zum zweiten, manches sogar zum dritten Mal, aber einige Romane habe ich vorher auch noch nicht gelesen. Dazu gehört „Dann sei wenigstens vorsichtig“ (OT: If you can’t be good, 1973), von dem ich bisher nur den nahezu legendären ersten Satz kannte: „Es begann so, wie das Ende der Welt beginnen wird: mit einem Telefonanruf um drei Uhr früh“.

Durch diesen Telefonanruf bekommt der Historiker Decatur „Deke“ Lucas einen neuen Job: Er soll für den „meistgefürchteten Mann Washingtons“ – den Klatsch-Kolumnisten Frank Size – herausfinden, warum sich der Senator Robert F. Ames bestechen ließ und nun mit der 27-jährigen Blondine Connie Mizelle im Watergate-Building lebt, statt mit seiner steinreichen Ehefrau seine politische Karriere voranzutreiben. Denn eigentlich hatten die Ames’ alles, was man braucht, um Präsident der USA zu werden: Sie hat das Geld, er das Aussehen – und noch dazu kommen sie aus dem Mittleren Westen. Aber dann hat Robert Ames alles an die Wand gefahren.

Im Folgenden entspinnt sich nun eine typische Ross-Thomas-Geschichte voller Wendungen, Drehungen und Seitenhieben – alleine seine Beschreibungen von Washington D.C. sind wahnsinnig komisch! Wäre die Weltlage nicht, was sie ist, hätte ich größte Lust, eine Art Washingtoner Stadtbiographie im Sinne Ross Thomas’ zu schreiben und dann mit der Wirklichkeit abzugleichen.

Auffällig an diesem Buch ist die Erzählperspektive: Nachdem Ross Thomas in „Porkchoppers“ erstmals nicht aus der Ich-Perspektive erzählt hat, kehrt er hier zu ihr zurück. Ohnehin liest sich dieser Roman aufgrund der gesamten Anlage der Geschichte – der Auftrag, die geheimnisvolle Femme fatale im Mittelpunkt, die zahlreichen Bezüge zu Los Angeles – viel stärker wie ein Detektivroman als seine vorherigen Bücher. Aber natürlich immer garniert mit zahlreichen politischen Seitenhieben: auf Watergate, auf die Nutzlosigkeit des Präsidenten, die generelle Korruptheit der politischen Akteure. Aber gerade im Vergleich mit „Porkchoppers“ wird deutlich, wie viel mehr Freiheit die auktoriale Perspektive Ross Thomas gibt – und wie gut er sie nutzen weiß. Dagegen ist „Dann sei wenigstens vorsichtig“ viel straffer im Plot und natürlich viel stärker bei der Hauptfigur. Bei der ich manchmal an Ross Thomas denken musste. Denn Deke ist sehr darauf bedacht, sich selbst als jemand darzustellen, der lediglich recherchiert – eigentlich arbeitet er an einer historischen Biographie –, aber er ist auch jemand, der politisch engagiert war, mittlerweile aber sämtliche Illusionen verloren hat.

Doch trotz aller Verbindungen zum Detektivroman ist hier alles eine Spur wahnwitziger. Allein Connie Mizelle ist eine Femme fatale hoch zwei: Sie ist unfassbar schön, verführerisch und dazu noch klug. „Für mich war Connie Mizelle ein Sexualobjekt – das vollkommene, perfekte Sexualobjekt. Ich mochte sie nicht, und ihr Verstand machte mir Kummer, weil er klüger war als meiner, aber ich konnte verstehen, was Sinkfield für sie empfand. Ich konnte es verstehen, und ich war eifersüchtig.“ Allerdings bleibt sie – wie viele Femme fatales – auch auf diese Rolle begrenzt, weil die Männer in diesem Roman sie darauf begrenzen. Immerhin klingt an, wie übel ihr mitgespielt wurde. Moralisch bewertet wird das aber – wie immer bei Ross Thomas – nicht.

Ross Thomas: Dann sei wenigstens vorsichtig. Aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel, durchgesehen von Gisbert Haefs. Alexander Verlag 2018. 288 Seiten. 18 Euro.

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Podcast: William Marshall

Vor wenigen Tagen hat mir Podigee zum Podcastgeburtstag gratuliert. Vier Jahre gibt es ihn nun schon, meinen Krimi-Podcast „Abweichendes Verhalten“. Ich war überrascht, als ich das las – doch zufällig passend dazu kommt heute eine Folge zu einem Autor, der wohl den wenigsten etwas sagt. Auch mir war er vorher nur bekannt, weil ich mal nach Krimis suchte, die in Hongkong spielten. Gelesen hatte ich vorher aber noch nichts von dem Australier William Marshall – entdeckt habe ich dann einen Autor, der nicht nur unfassbar komisch ist, sondern auch perfekte Actionszenen schreibt. Aber hört selbst …

Gesprochen habe ich über ihn mit Thomas Wörtche, anhören lässt sich der Folge unter diesem Link und bei allen gängigen Podcatchern.

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Thelonius Monk in Paris – Über „Rewind and Play“ von Alain Gomis

Selten habe ich so unangenehme und erkenntnisreiche 65 Minuten mit einem Film verbracht: In seinem Essayfilm „Rewind and Play“ montiert Alain Gomis Archivmaterial der Dreharbeiten eines Fernsehbeitrags über Thelonius Monk und entlarvt, wie die französischen Medien mit ihm umgegangen sind.

Im Jahr 1969 war Thelonius Monk auf Europatournee und wurde in Paris von dem französischen Pianisten Henri Renaud für ein Porträt interviewt, das im französischen Fernsehen ausgestrahlt werden sollte. Der Film beginnt mit der Ankunft Monks in Paris – wie immer in Begleitung seiner Ehefrau Nelli Auf dem Weg vom Flughafen wird sofort klar: Thelonius Monk ist schüchtern, er redet nicht viel. Seine Frau antwortet auf die Fragen der Begleiter, betreibt Konversation. Monk raucht. Später im Interview wird genau das noch einmal thematisiert: Nellie ist diejenigen, die sich um alles kümmert.

Die Bilder zeugen davon, dass Monk keine Ahnung hat, was er tun soll, was das alles soll. Sie gehen in ein Bistro, da steht er etwas verloren an einer Bar, trinkt etwas, streichelt einen Hund. Danach geht es wohl in ein Fernsehstudio – und spätestens hier wird es dann wirklich unangenehm: Monk sitzt auf einer hell ausgeleuchteten Fläche an einem Flügel. Neben ihn stehen zwei Männer, die sich miteinander in Französisch, aber nicht mit ihm unterhalten. Aus dem Off sind weitere Stimmen zu hören. Niemand kümmert sich um ihn. Niemand sagt etwas zu ihm. Niemand sagt ihm offenbar wenigstens, was nun von ihm erwartet wird. Also beginnt Monk zu spielen – und es ist zu sehen, dass er sich nun wohler fühlt. Aber selbst als er spielt, reden die anderen weiter.

Dann beginnt der Interview-Teil mit Fragen, die sehr deutlich eine bestimmte Antwort erwarten – und wenn Monk diese Antwort nicht liefert, dann wiederholt Renaud die Frage, deutet an, was er hören will. Beispielsweise bei einer Frage zu Monks erstem Auftritt in Paris: Im Jahr 1959 wurde er – angeblich auf Renauds Betreiben – zu einem Festival eingeladen. Renaud fragt ihn danach und will vor allem wissen, warum das französische Publikum seine Musik wohl damals als zu „avantgardistisch“ oder zu „kompliziert“ wahrgenommen hat. Aber Monk antwortet anders: Er sagt, dass er damals auf dem Cover des Programmhefts war. Dennoch hat er keine Musiker gefunden, die mit ihm spielen wollten, manchen Musikern sei es sogar untersagt worden, mit ihm zu spielen. Und er habe deutlich weniger Geld erhalten als andere Musiker. Diese Antwort akzeptiert Renaud nicht. Sie könnten sie nicht nehmen, sie ist nicht „nice“ – so der Untertitel dieses Films „It’s not nice“ –, das könne man dem Publikum nicht zumuten. Unausgesprochen, aber klar: Der schwarze Künstler solle sich mal lieber etwas dankbarer zeigen, dass er überhaupt spielen durfte.

Der Film ist voll solcher Vorurteile und Rassismen, die heute – hoffentlich – offensichtlich sind: Renaud wollte ein bestimmtes, vorher festgelegtes Bild von Thelonius Monk abliefern, aber das gelingt ihm nicht. Stattdessen sitzt Monk eine Stunde lang unter diesen Lichtern, in einem Anzug, er schwitzt, aber niemand kommt auf die Idee, ihm ein Handtuch oder wenigstens etwas zu trinken zu geben (zumindest ist das nicht auf den Bildern zu sehen).

Die Deutung, die Erklärung überlässt Alain Gomis die Zuschauenden, er montiert diese Ausschnitte. Es gibt keine Einführung, kein Ende. Dafür lange Passagen, in denen Monk das tut, bei dem er sich am wohlsten fühlt. Klavier spielen. Und: Wie er spielt!

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Im Kino gewesen. „Harry und Sally“ geguckt.

Als Teenagerin habe ich Filme geguckt, weil ich überzeugt war, dass ich mit ihnen die Welt und das Leben besser verstehen werde. Deshalb entstammen noch heute einige meiner Lebenseinsichten aus Filmen, die ich in jenen Jahren gesehen habe. Und eine sehr zentrale Rolle spielt „Harry und Sally“. Der englische Titel „When Harry Met Sally“ ist natürlich viel schöner. Aber ich habe den Film das erste Mal in deutscher Synchronisation gesehen. Und dann jahrelang mit einer Freundin am 23. Dezember – ebenfalls in der deutschen Fassung. Vielleicht sagen wir beide deshalb auch heute noch „verheiratet“ mit derselben Verachtung in der Stimme wie die Synchronsprecherin von Marie oder betonen gelegentlich „Extrateller sind wichtig“.

In jenen Jahren entstand auch der Harry-und-Sally-Test: Lernten wir jemanden kennen, fragten wir ihn nach seiner Lieblingsszene. Es gibt unzählige richtige Antworten – und eine falsche: die Orgasmusszene. Ja, sie ist lustig. Aber sie ist weder die lustigste noch die beste Szene des Films, lediglich die berühmteste. (Mein Mann hat den Test übrigens bestanden.)

Wegen „Harry und Sally“ ist für mich „It had to be you“ ein Weihnachtslied. Es ist der Film mit der schönsten Liebeserklärung der Kinogeschichte – und er mich geprägt, wie es vermutlich nur Filme können, die man in jüngeren Jahren zum exakt richtigen Zeitpunkt guckt. Aber: Ich habe den Film noch nie im Kino gesehen. Er war damals ab 16 Jahren freigegeben, davon war ich 1989 noch ein paar Jahre entfernt. Dann sah ich Ende 2025, dass einige der Yorck-Kinos ihn ins Programm genommen haben. Und die letzte Vorstellung habe ich erwischt.

Im Yorck-Kino (c) Sonja Hartl

Im Kino einen Film zu sehen, den ich so gut kenne, war ein faszinierendes Erlebnis – zumal ich ihn seit einigen Jahren nicht mehr geguckt habe. Mir sind andere Dinge noch viel bewusster aufgefallen: Er ist perfekt getimt – in der Narration, in den Dialogen. Die Besetzung ist hervorragend, nicht nur in den Hauptrollen: Marie hat gar nicht viel Bildschirmzeit, aber Carrie Fisher spielt sie mit so viele Wärme (und einem charmant-unwiderstehlichen Hauch Verzweiflung), dass ich genau wusste, warum Sally mit ihr befreundet ist.

Obwohl viel über Sex geredet wird, ist erstaunlich wenig zu sehen. Damals hat man sich im Film noch anders geküsst. Intimer. Obwohl – und möglicherweise klinge ich nun wie eine alte Frau– ich es sehr wohltuend fand, dass nicht jeder Kuss damit endete, dass sie die Beine um seinen Körper schlingt, sie sich gegen etwas lehnen und Sex haben.

Die Klamotten entsprechend erstaunlich den heutigen Trends, es werden auch sehr viele Wollpullover getragen. Und die Kamera bleibt sehr nahe bei den Hauptfiguren, bei ihren Gesichtern. Das ist mir im Kino erstmals richtig bewusst geworden: Wie häufig sie zu sehen sind und wie wenig tatsächlich von New York zu sehen ist, obwohl all die Orte des Films mittlerweile ikonisch sind. Und natürlich – nun klinge ich nochmal wie eine alte Frau – war es großartig, mal wieder einen Film zu sehen, der seine Geschichte in 90 Minuten erzählt. Mit einem perfekten Ende. Nicht nur wegen der Liebeserklärung: Nachdem Harry diesen dramatischen, schönen Moment geschaffen hat, diesen Ausnahmemoment, erwähnt er etwas total Banales über das Lied, das gerade läuft. Und so etwas macht man nur in guten Freundschaften. Oder in einer guten Beziehung.

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Filmnotizen 01

Die Zeit zwischen den Jahren habe ich genutzt, um endlich einige aktuelle Filme zu sehen, die ich unbedingt sehen wollte.

Sentimental Value (2025, Joachim Trier)

Im Jahr 2011 habe ich „Oslo, 31. August“ bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck gesehen und dann direkt Joachim Triers Debüt „Reprise“ nachgeholt. Seitdem habe ich alles gesehen, was er gemacht hat. Keiner seiner Filme hat mich jemals wieder so gepackt wie „Oslo, 31. August“. Das muss nicht zwangsläufig an den Filmen liegen, das kann einfach an mir liegen. Aber ich musste einige Male an „Oslo, 31. August“ denken, weil er dort auch von einem Selbstmord erzählt – aber aufgrund der Begrenzung erschien es mir dort viel stärker.

Vordergründig erzählt „Sentimental Value“ die Geschichte komplizierter Vater-Töchter-Beziehungen, viel stärker fand ich indes die Andeutung der Rolle eines transgenerationalen Traumas, die sich von der Großmutter auf den Vater wenigstens auf die eine Tochter übertragen. Es geht um Verletzungen, psychische und emotionale Ausnahmesituationen, immer aber mit einer gewissen Leichtigkeit. Bei wenigen Filmemachern liegt die Melancholie so nah an der Komik.

Ich mag diese Stimmung, diesen leicht mäandernden Stil, der immer auch Kunst an sich verhandelt. Und sogar die nicht sonderlich originelle Metapher eines Hauses, das für eine Familie steht, bekommt am Ende einen schönen Dreh: Denn das Haus ist anfangs viel schöner, als es noch all seine Macken und Risse hat. Am Ende ist lediglich eine austauschbare Immobilie im Skandinavien-Chic. Für die Familie aber ist es ein Schritt noch vorne.

Wie immer ist der Soundtrack großartig. Die Besetzung mit Renate Reinsve, Inga Ibsdotter Lilleaas und Stellan Skarsgård ist großartig. Und ich bin mal gespannt, ob Reinsve den Alicia-Vikander-Weg geht oder doch in Europa bleibt, um Filme zu drehen.

One Battle After Another (2025, Paul Thomas Anderson)

Ein Film, eine Show – hier ist alles mit großer Geste inszeniert: Vom Anfang, bei dem Abschiedecamp unterlegt mit expressiver Musik (ohnehin großartig, der Soundtrack von Jonny Greenwood) in die Luft gesprengt wird, bis zur großen finalen Steve-McQuuen-Western-Verfolgungsjagd über kurve, steile, schwindelerregende Straßen. So flirrend heiß inszeniert, dass sich mein Mann, der meinen Hang zur Übelkeit beim Autofahren kennt, hinterher erkundigte, ob mir schlecht geworden sei.

Paul Thomas Anderson gelingt es, Thomas Pynchons „Vineland“ aus den 1990er gut in die Gegenwart zu übertragen, so dass ich am Ende das paradoxe Gefühl, dass der Film einerseits auf Widerstand hoffen lässt – und es ist zweifellos inspirierend zu sehen, dass Menschen zu kämpfen bereit sind, – aber dann doch die Aussichtslosigkeit zeigt. Denn letztlich hat der Staat gewonnen, haben die white supremacist gewonnen, auch wenn ein einzelner Schurke nicht mehr lebt.

Anders als die gewollt-konzentrierte Eleganz von „Phantom Thread“ setzt Paul Thomas Anderson hier auf Übertreibung. Das funktionierte oft, hinterließ bei der Hypersexualisierung von Perfidia (großartig: Teyana Taylor) aber einen schalen Nachgeschmack – auch wenn Sean Penns comic-hafte ausgestellte Hypermaskulinität natürlich als Gegenstück zu der Hypersexualität gesehen werden – mehr als einmal kam mir Popeye in den Sinn – kann. Diese grotesken Überzeichnungen sind alle gewollt – aber ich weiß nicht, ob sie dem Film wirklich helfen oder ihm eher im Weg stehen.

Sinners (2025, Ryan Coogler)

Vorweg: Ich habe es weder mit Horror noch mit Zombies oder Vampiren. Aber Filme wie „Get out“ oder Romane wie der grandiose „Die Bäume“ von Percival Everett haben bereits bewiesen, wie kraftvoll, grausam und wahrhaftig mit diesen popkulturellen Mitteln vom Rassismus erzählt werden kann. Und Ryan Cooglers „Sinners“ ist in diesem Sinne fast wie die Popcorn-Variante von „Die Bäume“.

Sicherlich darf man über manches bei diesem Film nicht allzu lange nachdenken – aber im Moment des Sehens funktioniert er als sehr unterhaltsamer, oftmals sehr gemeiner Kommentar auf die Südstaaten in den 1930er Jahren.

Dazu auch hier: Großartiger Soundtrack.

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Einige Gedanken zu „The Mastermind“

Dass dieser Film als Anti-Heist-Film beworben wird, führt in die Irre: Zwar gibt es einen Raub, aber der ist an sich unspektakulär – und der Film ist auch keine Auseinandersetzung mit diesem Genre, die weiterführt als gelegentlich Seh-Erwartungen zu unterlaufen. Das ist schade, denn der Heist-Film ist weiterhin ziemlich männlich besetzt.

„Männlich“ ist indes das Stichwort: „The Mastermind“ ist eine Studie über Männlichkeit in den 1970er Jahren. Einer Zeit, in der neue Formen von Männlichkeit erstmals breitenwirksam öffentlich sichtbar wurden (in den USA vor allem durch die Hippie-Bewegung und Anti-Vietnam-Proteste). Und Reichardts Protagonist ist einer jener neuen Männer: Ach so sensibel. Ein Künstler. Missverstanden. Und stets bereit, an seine eigene Überlegenheit zu glauben. Reichardt charakterisiert ihn vor allem durch seine Handlungen bzw. deren Ausbleiben, die größte Stärke des Films aber liegt darin, dass sie sehr deutlich macht, dass es stets die Frauen sind, die den Laden am Laufen halten – und sie zeigt es, ohne dass es zum Thema wird. Vielmehr ist es für die Hauptfigur so selbstverständlich, dass seine Ehefrau oder seine Mutter ihm helfen (von seinem Vater erwartet er es nicht), dass er gar nicht auf die Idee kommt, er müsste selbst etwas machen.

Es ist eine Form Männlichkeit, die man aus vielen Geschichten kennt: aus linken Bewegungen, aus Künstler-Beziehungen, von all den Männern, die so tun als seien sie ein „ally“ und verständnisvoll und sich dann eben doch als A****löcher entpuppen. Es ist eine der Formen Männlichkeit, die ich zutiefst verabscheue. Als ich mit Alexander Matzkeit über diesen Film austauschte, kam mir der Gedanke, dass es möglicherweise eine These dieses Films ist, dass diese Form Männlichkeit in jenen Jahren entstanden ist.

Ich brauchte ein bisschen, um mich auf das spröde Erzählen einzulassen, dabei erzeugt sie interessante Gegensätze zwischen dem tatsächlichen und empfundenen Tempo: Der Plot schreitet recht schnell voran, hier unterläuft sie zwar beständig Erwartungen, aber dennoch geschieht viel auf der Leinwand. Dazu erzeugt der unterlegte Jazz permanentes Tempo – und doch fühlt sich der Film sehr langsam erzählt an.

„The Mastermind“ lässt sich nun bei Mubi ansehen.

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