Linksammlung 05/2026

Friedrich Ani ist einer bemerkenswertesten Krimiautoren der Gegenwart, Thomas Wörtche hat in einer Laudatio herausgearbeitet, warum das so ist.

Tom Gould hat einen neuen Fall für Hercule Poirot.

Als Erwachsene findet man anders Freunde – und besonders schöne Momente sind es, wenn man dann irgendwann feststellt, dass man schon als Teenager dieselbe Musik gehört hat. So ging es mir unter anderen mit Alex Matzkeit, der sich als Alanis-Morrissette-Fan bekannt hat und auf ein tolles “Uninvited”-Cover aufmerksam macht.

Nachdem ich „Die Odyssee“ mit zwei Gelegenheitskinogängern gesehen habe, kam die Frage auf, wie viele Odyssee-Verfilmungen es eigentlich gibt. Ich habe in dem Gespräch wilde Behauptungen aufgestellt – und hätte mal vorher den Artikel von Patrick Holzapfel lesen sollen. Dann hätte ich fundierter daherreden können (aber so falsch lag ich gar nicht …).

Im Guardian gibt es ein tolles Porträt von Domhnall Gleeson, den ich ja erst durch „Brooklyn“ so richtig auf dem Schirm habe.

„Menschen brauchen offenbar nicht ständig Nähe, aber sie brauchen die Erfahrung, für jemanden eine reale Bedeutung zu haben.“ In diesem Interview sagt Thomas Glavinic viele Dinge, bei denen ich weiß, warum ich viele seine Bücher gerne gelesen habe.

Farai Mudzingwas Debüt „Die Avenues“ fand ich hinreißend: Eine Mischung aus Coming-of-Age, Simbabwe-Gegenwartsroman und viel Musik. Und ich freue mich, dass sich Katharina Borchardt im Lesenswert Magazin mit ihm über seinen Roman unterhalten hat.

Apropos: Hier kann man seine geographischen Kenntnisse des afrikanischen Kontinents testen.

Nennt mich Trendsetter: Im Jahresrückblick habe ich die Leaf-Sheep-slug als meine Entdeckung des Jahres gefeiert, nun ist dieses hinreißende Wesen „Invertebrates of the Year“ geworden!

Es sind nicht einfach nur Katzen in Bodegas, sie haben tatsächlich einen, ähm, Job und wurden nun porträtiert.

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Über „Ein unglücklicher Tod“ von Peter Grainger

Ich beobachte an mir gerade eine gewisse Tendenz zum Lektürewohlfühlwunsch. Erklären kann ich es mir – es ist in der Welt und bei mir gerade sehr viel los, leider nur wenig davon erfreulich –, wirklich neu sind diese Phasen auch nicht, immerhin habe ich jahrelang „Lewis“ geguckt. Dennoch beobachte ich meinen eigenen Wunsch mit einer Skepsis: Vom Wohlgefühl ist es zur Nostalgie nicht weit – und mit beidem geht eine gewisse Gefahr einher.

(c) Diogenes

Dieser Wunsch nach Wohlgefühl sorgte nun dafür, dass mich die Ausgangssituation von Peter Graingers „Ein unglücklicher Tod“ durchaus angesprochen hat: Ein alter, eigensinniger, englischer Polizist bekommt in Norfolk einen Routinefall zugeteilt, der sich dann als etwas Größeres herausstellt. Das klang nach einem guten, alten englischen Ermittlerkrimi. Weiterlesen →

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Die besten 50 Thriller des 21. Jahrhunderts

Im August hat die New York Times die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, die sie – ganz bescheiden – die 50 besten Thriller des 21. Jahrhunderts betitelt hat. Nun sind solche Listen natürlich Quatsch und dienen vor allem dazu, Diskussionen zu entfachen aka Clicks zu generieren, weil es immer ausreichend Menschen gibt, die das Ergebnis doof finden. Außerdem haben solche Umfragen etwas von einem Beliebtheitswettbewerb. Aber: Ich finde sie unterhaltsam. Und ausnahmsweise in diesem Fall den ersten Platz sehr schlüssig. Halte ich Gillian Flynns „Gone Girl“ für den besten Thriller des 21. Jahrhunderts? Nein. Aber der phänomenale Erfolg dieses Buchs hat ein ganzes Subgenre nicht nur wiederbelebt, sondern zu ganz neuen kommerziellen Höhen geführt. Durch dieses Buch (und seine Nachfolger) wurden unzuverlässige Erzähler*innen zum neuen Standard, Familie, Haushalt, Ehe wurden als Krimi-Sujets (wieder) entdeckt. Klar, all das gab es vorher, oftmals besser, differenzierter, auch mit einer ganz anderen, viel kritischeren gesellschaftlichen Haltung dahinter. Aber „Gone Girl“ hat es (wieder) populär gemacht. Vereinfacht gesagt: Ohne „Gone Girl“ keine Freida McFadden. Nun kenne ich weder US-amerikanische noch deutsche Verkaufszahlen im Einzelnen (in Deutschland kommt man an die Zahlen nur schwer heran), schaue ich mir aber an, welche Titel in Medien, auf Beststellerlisten und überhaupt in Verlagsprogrammen vorkommen, behaupte ich, dass viele ohne den Erfolg von „Gone Girl“ keinen Verlag gefunden hätten. Daher stelle ich mal die These auf: „Gone Girl“ ist bisher das für den englischsprachigen Krimimarkt einflussreichste Buch des 21. Jahrhunderts.

Darin liegt ein weiterer Grund, warum „Gone Girl“ auf Platz 1 gelandet ist: Schaut man sich die Liste derjenigen 291 Menschen an, die gefragt wurden, sind darunter viele, die sich selbst in dem „Gone Girl“-Segment bewegen. Ohnehin bringt die gesamte Liste eine Präferenz für psychologische Spannung zum Ausdruck: Gillian Flynn ist noch mit einem zweiten Buch unter den Top 20, auch Tana French ist zweimal dort zu finden, insgesamt sogar viermal. Ich lese Tana French sehr gerne – aber davon war ich doch überrascht. Jenseits der psychologischen Spannung ist S.A. Cosby der meistvertretene Autor mit drei Titeln. Nur wenige alte Granden kommen vor: Cormac McCarthy, John Le Carré. Nicht nur bei ihren Titeln fällt auf: Viele Bücher auf der Liste wurden verfilmt, einige sogar sehr gut. Ob sie das schlichtweg präsenter hält?

Der ganzen Liste merkt man an, dass sie von einer US-Zeitung erstellt wurde: Es gibt insgesamt drei übersetzte Titel. Unter den Top Ten ist Stieg Larssons „The Girl with the Dragon Tatttoo“ – auch hier halte ich „beste“ für das falsche Adjektiv, „einflussreich“ indes treffender. Überraschenderweise ist das der einzige nordeuropäische Titel. Stattdessen als übersetzte Titel noch Leïla Slimanis „Dann schlaf auch du“ und Silvia Moreno-Garcia „Der mexikanische Fluch“. Beide Bücher wurden hierzulande weniger als Kriminalromane rezipiert – wie so einige andere Titel auf der Liste –, daher kann man an der Liste wieder einmal gut die Unterschiede in der Genre-Wahrnehmung zwischen den USA und Deutschland sehen. Zahlreiche Titel würden man hierzulande noch nicht einmal als Thriller bezeichnen.

Natürlich fehlen bei so einer Liste immer Namen – auch das ein Nachteil an der Methode, mit der die Liste erstellt wurde. Bleibe ich bei US-amerikanischen Autor*innen, dann gehört Don Winslow mit „The Power of the Dog“ (2005) für mich auf eine Liste der 50 besten Thriller des 21. Jahrhunderts. Natürlich auch Sara Gran. Oder Ivy Pochoda, für mich zwei der aufregendsten Autorinnen des 21. Jahrhunderts. Und das sind nur die drei Namen, die mir als erstes eingefallen sind. Aber genau das gehört ja zu dem Spaß mit solchen Listen – mal sollte sie nur nicht mit Relevanz verwechseln.

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Linksammlung 04/2026

Håkan Nesser wurde 2024 wegen Steuerhinterziehung zu einer 18-monatigen Haftastrafe verurteilt und hat den letzten Teil der Strafe mit einer Fußfessel bei gemeinnütziger Arbeit verbüßt. Ich bin schon gespannt, wie sich diese Erfahrung auf seine Kriminalromane auswirkt …

Über die australische Krimi-Autorin Charlotte Jay habe ich vor zwei Jahren eine Podcast-Folge aufgenommen – und nun freue ich mich, dass sie zumindest im englischsprachigen Raum wieder etwas Aufmerksamkeit bekommt. Sie hat nämlich eine sehr spannende Perspektive: Der Mann der Australierin arbeitete bei der UNESCO, deshalb ist das Ehepaar viel gereist – und in den Büchern, die ich kenne, zeigt sie eine für eine weiße Frau der damaligen Zeit außergewöhnliche Einsicht in die Folgen des Kolonialismus.

So also sieht es im berühmten Criterion Closet aus …

Das Noir-Film-Festival von Eddie Mueller findet dieses Jahr in New York statt – und liefert tolle Anregungen, welche Filme man denn mal wieder sehen könnte …

Ich hatte nie Bestrebungen ins All zu fliegen. Allerdings muss ich sagen, dass Astrofotografie durchaus reizvoll klingt und vor allem aussieht …

Wie viele, die gerne fotografieren, beschäftige ich mich gerne mit Ausrüstung – oder wie mein Mann gelegentlich erwähnt, gebe es immer ein Objektiv, das ich jetzt gerade unbedingt haben will. Aber macht der Blick das Foto – und eine schöne Erinnerung sind die IPPA-Awards, die jedes Jahr die besten iPhone-Fotos prämieren. Zumal das Handy ja die Kamera ist, die ich eigentlich immer dabei habe …

Auch mit dem Telefon gemacht.

Aufwachsen in Hannover hat viele Vorteile. Einer davon: Mir war sehr lange nicht klar, dass man nicht Ärzte und Tote Hosen hören darf. Ich habe das nämlich jahrelang gemacht. Nun sind die Hosen auf großer Abschiedstour, bei heibie gibt es einen schönen Bericht über das Konzert in München und einen Link zu dem großartigen Konzertanfang in Berlin.

Gelegentlich neige ich dazu, fast alles doof zu finden – aber manchmal hilft es auch festzuhalten, was man alles mag …

Eigentlich wollte ich hier gerne noch die Berichte zu southparks Litauen-Reise verlinken. Aber siehe da: Das Blog ist gerade down. Dann hebe ich mir das auf fürs nächste Mal.

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Verbrecherische Frauen (2) – „Sing mir vom Tod“ von Ivy Pochoda

Zwei Frauen gegen den Rest der Welt – nein, halt, stimmt gar nicht: Zwei Frauen gegeneinander und irgendwie auch gegen die Welt. Aber nur eine gesteht es sich ein: Diana „Dios“ Sandoval kommt aus Queens, ist ziemlich schlau, hatte deshalb ein Stipendium, aber hat dann einen Kommilitonen angegriffen. Das wollte dessen wohlhabende Mutter bestraft sehen und deshalb sitzt Dios nun im Gefängnis. Sie steht dazu, was sie getan hat, sie gefällt sich als unberechenbare gewalttätige Frau.
Anders indes Florence „Florida“ Baum. Blond, privilegiert, aus Kalifornien. Im Gefängnis, weil sie das Auto gefahren hat, mit dem ein Dealer von einem Mordschauplatz abgehauen ist. Sie ist eines dieser unschuldigen weißen armen reichen Mädchen, die aus Langeweile mit Drogen anfangen und dann in eine Sache geraten, die zu groß für sie ist. Oder nicht? Dios ist überzeugt, Florida spielt diese Rolle nur. Und mehr noch: Sie will sie dazu bringen, diese Rolle abzulegen und endlich dazu zu stehen, dass sie ebenso gewalttätig ist wie sie selbst.

Das ist der Ausgangspunkt von Ivy Pochodas sensationellem Kriminalroman „Sing mir vom Tod“, in dem das Aufeinandertreffen von Dios und Florida wie ein episches, kompromissloses Duell inszeniert ist. Die heiße, verlassene Westernstadt ist Los Angeles im Covid-Lockdown, statt Siedler findet man dort Obdachlosencamps, das finale Duell findet an der Straßenkreuzung in Koreatown statt – und im Nachhinein erzählt ein Wandgraffito davon.

Von Anfang an arbeitet Pochoda mit kultureller Überspitzung: die Gewalt ist wie im Comic bis ins Groteske gesteigert. Dios singt Narcocorridos – jene Lieder über hispanische Drogengangster und Gewalt. Gleich am Anfang in einer unvergesslichen Szene in der Gefängniscafeteria ruft sie: „Entweib mich!“ und rammt dann einer ruhigen Gefängnisinsassin eine Gabel in die Wange, nur um ihre Macht zu demonstrieren. Schockierend, brutal – und ungemein präzise: „Entweib mich“ ist ein Zitat aus Shakespeares „Macbeth“ – genauer gesagt: Lady Macbeth ruft es aus. Es verweist auf Dios‘ Begier: So wie Lady Macbeth die Macht wollte, will sie Florida ins Dunkle reißen. Damit markiert Pochoda Dios‘ Bildungsgrad – und wie Männer darauf blicken. Im Gefängnis sind es die Wärter. Sie schauen nur zu: „Sie können nicht verbergen, dass sie auf prügelnde Frauen stehen, besonders auf jemanden wie Dios, die Männer wie sie draußen keines Blickes würdigen würde, hier aber durch ihren Status gezwungen ist, die Anzüglichkeiten der Schließer über sich ergehen zu lassen.“

Dios ist eine Frau, die gewalttätig ist. Damit erzählt „Sing mir vom Tod“ von Frauen, die Gewalt ausüben. Und zwar: Gewalt. Keine Rache! Das ist wichtig. Üblicherweise wird Frauen in der Kriminalliteratur lediglich Gewalt aus Rache zugestanden. Sehr, sehr oft rächen sie sich, nachdem sie vergewaltigt wurden oder einer anderen Art sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. Von einem Mann. Anders formuliert: Erst nach dem ein Mann einer Frau Gewalt angetan hat, hat sie die Berechtigung, mit Gewalt zu reagieren. Als sei die Tat eines Mannes die einzige Möglichkeit, warum eine Frau sich so verhält. Oder wie Pochoda es beschreibt:

„Lady Killers. Femmes Fatales. Schwarze Witwen. Thelma & Louise. Bitches mit Problemen. Lobos kann es schon hören. All die niedlichen oder sarkastischen Bezeichnungen, mit denen man die Taten verharmlosen wird. Um die Verbrechen der Täterinnen ins Lächerliche oder Unbedeutende zu ziehen, um Männern die Vorstellung zu ermöglichen, dass Frauen töten können.“

Und Dios liegt hier richtig: Anlasslose Gewalt bleibt in Literatur und Film weit überwiegend männlichen Figuren zugestanden. Für Dios‘ Gewalt aber gibt es keine Erklärung. Sicherlich könnte man Anknüpfungspunkte finden, warum sie so reagiert, wie sie reagiert: Durch ihre Intelligenz war sie eine Außenseiterin in Queens; möglicherweise spielte sie dann auf dem College wieder eine Rolle: die der sozialen Aufsteigerin. Vielleicht hatte sie die Anzüglichkeiten der Männer satt. Aber all diese möglichen Erklärungen verweisen nur darauf, dass das die Narrative sind, die wir kennen. Im Text selbst gibt es keine kausalen Begründungen, keine Psychologisierung ihres Verhaltens. Und das ist – auch in der gegenwärtigen Kriminalliteratur – ungemein radikal.

Dazu kommt, dass Ivy Pochoda es nicht bei Dios‘ Gewalt belässt. Sie zieht den Bogen weiter: Als Dios und Florida in Los Angeles ankommen, kommt eine dritte Figur hinzu: Detective Lobos – sie hat keinen Vornamen – vom LAPD. Geplagt von dieser patriarchalen Copmännerwelt, behauptet sie sich bei der Polizei. Man kennt Figuren wie sie aus Kriminalromanen, kennt die Erzählung von der Frau, die sich durchsetzt bei ihren Kollegen. In allem erscheint sie nahezu wohltuend „normal“ und vertraut in dieser von der Pandemie heimgesuchten Stadt. Und das ist eine weitere bittere Pointe: Sie wurde von ihrem Mann misshandelt, fürchtet, dass er zurückkommt und fragt sich, wie sie hat zulassen kann, dass er sie so behandelt. Die traumatisierte, misshandelte Ehefrau ist also die Vertraute, die „Normale“. Und das ist ein weiterer Verweis auf gewohnte Rezeptionsmuster: Frauen, die Gewalt erleiden, sind uns viel vertrauter als Frauen, die grundlos Gewalt ausüben.

Ivy Pochoda: Sing mir vom Tod. Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux. Suhrkamp 2025. 328 Seiten. 17 Euro.

Im ersten Teil der losen Reihe zu verbrecherischen Frauen ging es um “Die Spielerin” von Isabelle Lehn.

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Krimibestenliste Juli 2026

Bereits zwei Wochen alt ist die Krimibestenliste Juli 2026 – aber: gute Bücher werden ja bekanntlich nicht schlecht. Meine Jury-Kolleg*innen und ich dieses Mal eine wirklich sehr vielseitige Liste zusammenvotiert, auf der vom Politkrimi über Psychothriller bis zum Geheimdienstroman für viele Krimi-Geschmäcker etwas dabei ist. Und als Handlungsorte auch viele Urlaubsorte: West-Niedersachsen, Schweden, Sardinien, Mallorca, Island, Los Angeles, Westaustralien, Michigan – und, nun ja, Berlin und Duisburg. Vorige Woche habe ich bei Deutschlandfunk Kultur die Liste vorgestellt, nachhören lässt sich das unter diesem Link.

Nun aber die Liste:

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