Podcasts und mehr – True Crime

Durch verspätetes Hören und Zufall bin ich in der vorigen Woche über drei sehr spannende Beiträge zu True Crime gestolpert. Den Anfang machte ein Artikel in der New York Times, in dem Bücher, Filme und Podcasts empfohlen wurden. Ich habe daraufhin damit angefangen, „In the dark“ zu hören, nach den ersten Folgen gefällt es mir sehr gut. Außerdem wird dort von Phoebe Lett auch mein bisheriger Favorit unter den True-Crime-Podcasts empfohlen: „Bear Brook“ erzählt die Geschichte eines Leichenfunds in New Hampshire. Obwohl es viel um Gewalt gegen Frauen geht, gelingt diesem Podcast, woran viele andere scheitern: er blickt auf die Folgen für die Arbeit von Strafverfolgungsbehörden. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Auf den Straßen von Philadelphia

Philadelphia, USA: Die Polizistin Mickey wird zu einem Einsatz an dem Bahndamm an der Guerney Street in Kensington gerufen. Eine Leiche wurden gefunden. „Weiblich, Alter unklar, wahrscheinlich Überdosis“. Sofort bekommt Mickey Angst. Ihre Schwester Kacey lebt auf der Straße. Sie ist drogensüchtig, prostituiert sich. Bei jeder weiblichen Leiche fürchtet Mickey daher, es könnte Kacey sein.

In diesem Fall ist sie es nicht. Dennoch beunruhigt Mickey der Leichenfund: die Tote wurde stranguliert, sie war eine Prostituierte. Es gibt weitere Fälle, die Opfer sind alles drogenabhängige Prostituierte, die stranguliert wurden. Aber Mickeys Kollegen interessieren diese Fälle nicht. Niemand will ihnen nachgehen, also forscht sie auf eigene Faust nach.

(c) C.H. Beck

Liz Moores „Long Bright River“ beginnt wie eine typischer Polizeiroman: eine leicht gestresste Ermittlerin – sie ist alleinerziehende Mutter, hat eine Trennung hinter sich, die sie noch nicht so gut verkraftet hat, dazu ihre Schwester –, die diesen Fall aufklären und sich in dem durch und durch männlich dominierten Polizeiumfeld durchsetzen will. Dazu kommt aber noch etwas anderes: Kensington ist einer der größten Drogenmärkte an der Ostküste der USA. Über 900 Tote gibt es im Jahr, die verlassenen Häuser werden von Junkies bewohnt, Hinterzimmer verwandeln sich in Fixerstuben. Drogen gehören hier zum Alltag, sie schreiben sich in Familiengeschichten ein. Mickeys und Kaceys Eltern leben nicht mehr, sie sind bei der Großmutter aufgewachsen. Während Mickey den Drogen ferngeblieben ist, war Kacey schon als Teenagerin süchtig. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Women in Crime: „Ride the pink horse“ von Dorothy B. Hughes

(c) Goldmann

Ein Mann kommt in eine Stadt, um einen weitaus mächtigeren Mann zu erpressen – das ist der Ausgangspunkt von Dorothy B. Hughes‘ Kriminalroman „Ride the pink horse“, der in der deutschsprachigen Ausgabe von Goldmann 1981 den Titel „Der Tod tanzt auf den Straßen“ bekommen hat. Tatsächlich ist dieser Titel zwar weit weg vom Original, aber er beschreibt die Atmosphäre vor Ort: In der Stadt findet gerade eine Fiesta statt mitsamt Umzug und Prozession.

In der deutschsprachigen Ausgabe wird dieser Ort fälschlicherweise als „eine kleine Stadt in der Nähe von Chicago“ angegeben. Tatsächlich aber spielt der Roman in Santa Fe in New Mexico; das ist über 1000 Meilen entfernt von Chicago. Die Fiesta erinnert an die blutige Eroberung von Santa Fe durch die Spanier 1692, als die Spanier das Gebiet von den native americans, in diesem Fall die Pueblo, wieder zurückerobert haben.

Diese Ortsangabe ist leider nicht die einzige Ungenauigkeit in der Goldmann-Ausgabe. Das vorangestellte Personenregister (mit immerhin fünf Charakteren) führt die Hauptfigur Sailor als „Möchtegern-Pistolenheld“ an. Tatsächlich ist Sailor ein Verbrecher, aber nun nicht unbedingt ein Pistolenheld. Als Privatsekretär des ehemaligen Senator Douglass hat er dafür gesorgt, dass dieser krumme Geschäfte mit anderen Verbrechern machen kann, ohne sich selbst direkt die Hände schmutzig zu machen. Dadurch weiß Sailor etwas über die Ermordung der Frau des Senators. Und für sein Schweigen will er Geld vom Senator. An diesem Wissen ist nun wiederum der Polizist McIntyre interessiert, der ebenfalls nach Santa Fe gekommen ist, um Sailor und den Senator zu belauern. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Krimi-Kritik: „Verdammte Liebe Amsterdam“ von Frank Göhre

Schorsch. Ein Mann, ein Name, könnte man denken. Aber offenbar ist Georg der sensiblere der beiden Köster-Brüder, zumindest in seiner Erinnerung. Ständig hat ihn der ältere Michael aufgezogen, wenn er geweint hat, sich weggeduckt hat oder etwas nicht wusste. Nun ist Michael tot. An einer Autobahnraststätte wurde er erschlagen. Jahrelang hatten die Brüder einander nicht gesehen, hatten keinen Kontakt zueinander. Nun beginnt Schorsch, sich für seinen Bruder und dessen Leben zu interessieren. Also vollzieht er dessen letzten Schritte nach und landet in Amsterdam.

(c) Culturbooks

Schnörkellos geht Frank Göhres „Verdammte Liebe Amsterdam“ los: „Am zwanzigsten kurz nach neun nahm Schorsch den Anruf entgegen.“ Fünfeinhalb Seiten später ist klar, dass die Brüder als Teenager in dasselbe Mädchen – Jutta Kotzke, noch so ein Name! – verliebt waren, es ein Unheil in der Vergangenheit gibt und mit Michaels Tod möglicherweise etwas nicht stimmt. Nach 158 Seiten wissen wir, was passiert ist, dass manches nicht in Ordnung kommt – und dass „Verdammte Liebe Amsterdam“ ein herausragender Kriminalroman ist.

Gut zehn Jahre liegen zwischen Göhres „Der Auserwählte“ und diesem Buch – das ist eine verdammt lange Zeit, zu lang, wenn man mich fragt. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, wie einzigartig seine Stimme in der deutschsprachigen Kriminalliteratur weiterhin ist. Es ist eine scheinbare Leichtigkeit, ja, Selbstverständlichkeit, mit der er die Handlung und die Figuren entwickelt. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Jahresrückblick 2019

Eine Tradition ist der Jahresrückblick des CrimeMags, der in diesem Jahr insgesamt 84 Autor*innen versammelt. Auch ich blicke dort (und nun auch hier) auf mein Jahr zurück. Euch allen ein frohes 2020!

Januar bis März

Das erste Buch des Jahres ist gleich ein Volltreffer: Attica Lockes „Bluebird, Bluebird“. Hochspannende Hauptfigur, richtig schöner Südstaaten-Plot. Ohnehin ist der Januar ein großartiger Krimi-Monat: die Lit-Prom Tagung in Frankfurt ist dieses Jahr zum Thema „Global Crime. Ich rede mit Candice Fox über Psychopathen, quatsche Gary Victor todesmutig auf Französisch an, interviewe Jeong Yu-jeong und begegne vielen anderen interessierten Krimimenschen.

Es folgt: die Berlinale mit den unvergessenen „Systemsprenger“, „Der goldene Handschuh“ und „The Souvenir“. Graham Norton in London. Die Peanuts-Ausstellung in London. Ein Kreativmeeting mit tollen KollegInnen, das im Sommer zu einer Artikelreihe über Chemnitz führen wird. „High Flying Bird“, der beste Soderbergh- und beste Sportfilm seit langem, läuft weitgehend unbeachtet bei Netflix. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Preisträger des Deutschen Krimipreises für das Jahr 2019

Die Preisträger des Deutschen Krimipreises für das Jahr 2019 stehen fest. Es sind:

National:
1. Platz: Johannes Groschupf: Berlin Prepper (Suhrkamp)
2. Platz: Regina Nössler: Die Putzhilfe (konkursbuch)
3. Platz: Max Annas: Morduntersuchungskommission (Rowohlt)

International:
1. Platz: Hannelore Cayre: Die Alte (La daronne). Übersetzt von Iris Konopik (Argument/Ariadne)
2. Platz: Dror Mishani: Drei (Shalosh). Übersetzt von Markus Lemke (Diogenes)
3. Platz: Denise Mina: Klare Sache (Conviction). Übersetzt von Zoë Beck. (Argument/Ariadne)

Der Preis wird seit 1985 vergeben, dieses Jahr nunmehr zum 36. Mal. Es entscheidet eine Jury aus 26 Kritiker*innen und Buchhändler*innen, ich bin seit 2018 in dieser Jury.

Weitere Links:
Mit Johannes Groschupf habe ich mich zu seinem Roman unterhalten.

Diesen Beitrag teilen

Über „Die Putzhilfe“ von Regina Nössler

Regina Nössler ist eine Autorin, die in der deutschsprachigen Krimi-Landschaft viel zu wenig bekannt ist – obwohl sie nach „Schleierwolken“ mit „Die Putzhilfe“ wieder einen hervorragenden Kriminalroman geschrieben hat, in dem sie gekonnt mit der identifikatorischen Lesart spielt.

(c) Konkursbuchverlag

Niemand darf wissen, wohin sie flieht: An einem Tag im November verlässt Franziska Oswald ihr Leben in einem kleinen Ort. Sie wirkt aufgelöst, gehetzt, geht aber dennoch planvoll vor und setzt sich schließlich in den ersten Fernzug, der kommt. So landet sie in Berlin. Statt in einem gediegenen Haus wohnt sie fortan in einer dunklen Hinterhofwohnung in Neukölln, statt als Soziologin an der Universität arbeitet sie bald als Putzhilfe bei der resoluten Henny Mangold in Dahlem, die sie zufällig im Museum kennengelernt hat. Ständig ist sie besorgt, dass ihr jemand auf der Spur sein könnte, insbesondere ihr Ehemann Johannes. Dabei übersieht sie, dass die Teenagerin Sina sie ins Visier genommen hat. Franziska wirkt einfach wie ein sehr leichtes Opfer und Sina ist gerade langweilig. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen