Vieles an der Serie „Shrinking“ mag ich, einiges nervt mich: Die Serie ist oftmals lustig, manchmal doof, sie ist rührselig, gelegentlich kitschig, sie gibt einigen Figuren zu viel Raum, anderen zu wenig. Aber ich schaue gerne Serien, in denen erwachsene Menschen erwachsene Probleme haben. Dazu gehört in „Shrinking“, dass eine der Hauptfiguren – der von Harrison Ford gespielte Psychiater Paul Rhoades – Parkinson hat. Eine Erkrankung, die gemeinhin mit „Zittern“ verbunden wird. Das prominenteste, bei weitem aber nicht einzige Symptom (das auch nicht bei allen Erkrankten stark auftritt). In der Serie ist insbesondere anfangs das Zittern das am häufigsten gezeigte Symptom – es ist eine konstante Erinnerung an die Krankheit. Aber im Verlauf der Serie schreitet die Krankheit fort: Paul wird beim Gehen unsicher, seine Sprache wird langsamer – aber er nimmt schon die maximale Dosis der Medikamente. In Pauls Selbstbild spielen seine Intellektualität, sein Wissen, sein sprachliches Vermögen eine zentrale Rolle. Parkinson erschüttert das. Weiterlesen
Verbrecherische Frauen (3) – „Honey“ von Imani Thompson
Verbrecherische Frauen (3) – „Honey“ von Imani Thompson
Cambridge, England. Die Soziologie-Doktorandin Yrsa erfährt von ihrer Kollegin, dass sie mit ihrem älteren, verheirateten Professor eine Affäre hatte, er ihre Forschungsergebnisse gestohlen und sie anschließend abserviert hat. Wieder ein Mann, der seine Macht missbraucht und Frauen ausnutzt. Als Yrsa dann zufällig trifft und sieht, wie eine Biene an dem Flaschenhals seines Wassers entlang krabbelt, kann sie nicht widerstehen: Sie schubst das Tier in sein Getränk schaut kurz darauf zu, wie der Professor langsam erstickt.
Dieser Mord ist der erste Schreckmoment in Imani Thompsons Debütroman „Honey“, der bis zu diesem Zeitpunkt eher an eine launig-moderne Campusgeschichte erinnerte: Yrsa ist eine brillante junge Frau, genervt von dem Desinteresse der Studierenden, dem Datingleben und dem verleugneten Rassismus, dem sie als Tochter afro-karibischer Eltern ausgesetzt ist. Doch die Macht, die sie bei ihrer Tat empfunden hat, versetzt sie in einen Rausch.
Yrsa ahnt, dass sie wieder morden wird. Weil es ihr einen Kick gibt. Weil es genug Männer gibt, die den Tod verdient hätten. Und – das ist ein clevererer Kniff dieses Romans – weil sie Thesen für ihre Dissertation testen will. Sie schreibt darüber, wie Afropessimismus den Befreiungsdiskurs Schwarzer Frauen beeinflusst. Vereinfacht gesagt: Der Afropessmismus geht davon aus, dass Schwarze Menschen nicht nur diskriminiert und unterdrückt werden, sondern vom Menschsein ausgeschlossen sind. Rassismus sei deshalb kein Fehler des bestehenden Systems, sondern eines seiner Fundamente – und könne nicht durch Reformen allein überwunden werden. Yrsa stellt jedoch eine entscheidende Frage: Wenn diese Welt enden muss, damit der Rassismus endet – wessen Welt ist gemeint? Und wer soll dafür sterben?
Das ist ein starker, ein provokanter theoretischer Unterbau mit dem Yrsa versucht, ihre Taten zu rechtfertigen. Leichtgängig flicht Imani Thompson hier die Überlegungen von Wissenschaftlerinnen wie Saidiya Hartman oder dem Soziologen Stuart Hall in ihren unterhaltsamen Roman ein. Yrsas müheloses Referenzieren wichtiger Theorien macht sie als Figur glaubwürdig – und ist manchmal schlichtweg witzig: Als sie sich einen sehr teuren Eiskaffee kauft, denkt sie „dass es sich um einen Akt der Selbstliebe handelt, zu viel Geld dafür auszugeben, gelebte Wellness, radikale Selbstfürsorge. Lorde wäre stolz.“
Imani Thompson hat in Cambridge Soziologie studiert und danach als Buchhändlerin gearbeitet – und sie wusste, dass ein Roman über race, intersektionalen Feminismus und genderbasierter Gewalt mit einer Schwarzen Protagonistin es sehr schwer haben wird, überhaupt eine Verlag zu finden, geschweige denn Leser*innen. Und sie wollte, dass ihr Buch gelesen wird. Deshalb hat sie auf das Serienmordnarrativ zurückgegriffen – sie sind ungebrochen populär und eignen sich für Gesellschaftskritik. Oftmals aber haben diese Romane dann etwas Bemühtes, ja, fast schon essayistisches. „Honey“ nicht. Imani Thompson erzählt schnell, sarkastisch und mit viel Witz, sie micht starke Gesellschaftsanalysen mit Romantik und Thrill. Auch wenn manche Passagen etwas zu lang sind und sie am Ende für Yrsas verzwickte Situation keine überzeugende Auflösung findet, zeigt „Honey“, dass ein Roman kommerziell und klug sein kann.
Dazu hat ihr Roman eine weitere, sehr clevere Ebene: Ein verbreitetes rassistisches Stereotyp ist die black angry woman – die wütende Schwarze Frau. Auch Yrsa hätte angesichts der alltäglichen Mikroagressionen, der konstanten Sexualisierung und Exotisierung allen Grund, wütend zu sein. Das weiß sie. Aber sie ist eben auch eine Narzisstin mit psychopathischen Tendenzen. Deshalb ist sie nicht wütend. Sie ist – wie alle literarischen Serienmörder*innen – überzeugt, sie ist besser als alle. Außerdem verhindert Imani Thompson auf diese Weise auch, dass Yrsa zu einem Opfer wird – einem Opfer der gesellschaftlichen Umstände oder gar von Männern.
Es ist interessant, dass gerade junge Autorinnen – Imani Thompson ist 27 Jahre alt – wieder anfangen, über gewalttätige Frauen zu schreiben. Und wie im Fall von Thompson klar auf Unterhaltung ausgerichtet. Über 36 Jahre nach Helen Zahavi und Pieke Biermann können mordende Frauen noch immer provozieren. Sie sind aber auch eine Reaktion auf eine Welt, in der Männer Frauen konstant abwerten und angreifen.
Imani Thompson: „Honey“. Aus dem Englischen von Asal Dardan. Rowohlt, Hamburg 2026, 416 Seiten, 25 Euro
Dieser Beitrag gehört zu einer losen Reihe über verbrecherische Frauen. Teil 1 und und Teil 2
Krimibestenliste Oktober 2026
Fünf neue Titel stehen auf der Krimibestenliste, vorne aber bleibt es auffällig stabil. Belinda Bauers “Das Ding der Unmöglichkeit” habe ich sehr gemocht: Ich konnte es nicht zur Seite legen, nachdem ich es angefangen habe zu lesen – weil es so einen eigentümlichen Sog entwickelt. Und ich habe es tatsächlich geschafft, Lummenei ohne zu stolpern im Radio zu sagen. Aber nun zur neuen Liste:
Linksammlung 05/2026
Friedrich Ani ist einer bemerkenswertesten Krimiautoren der Gegenwart, Thomas Wörtche hat in einer Laudatio herausgearbeitet, warum das so ist.
Tom Gould hat einen neuen Fall für Hercule Poirot.
Als Erwachsene findet man anders Freunde – und besonders schöne Momente sind es, wenn man dann irgendwann feststellt, dass man schon als Teenager dieselbe Musik gehört hat. So ging es mir unter anderen mit Alex Matzkeit, der sich als Alanis-Morrissette-Fan bekannt hat und auf ein tolles “Uninvited”-Cover aufmerksam macht.
Nachdem ich „Die Odyssee“ mit zwei Gelegenheitskinogängern gesehen habe, kam die Frage auf, wie viele Odyssee-Verfilmungen es eigentlich gibt. Ich habe in dem Gespräch wilde Behauptungen aufgestellt – und hätte mal vorher den Artikel von Patrick Holzapfel lesen sollen. Dann hätte ich fundierter daherreden können (aber so falsch lag ich gar nicht …).
Im Guardian gibt es ein tolles Porträt von Domhnall Gleeson, den ich ja erst durch „Brooklyn“ so richtig auf dem Schirm habe.
„Menschen brauchen offenbar nicht ständig Nähe, aber sie brauchen die Erfahrung, für jemanden eine reale Bedeutung zu haben.“ In diesem Interview sagt Thomas Glavinic viele Dinge, bei denen ich weiß, warum ich viele seine Bücher gerne gelesen habe.
Farai Mudzingwas Debüt „Die Avenues“ fand ich hinreißend: Eine Mischung aus Coming-of-Age, Simbabwe-Gegenwartsroman und viel Musik. Und ich freue mich, dass sich Katharina Borchardt im Lesenswert Magazin mit ihm über seinen Roman unterhalten hat.
Apropos: Hier kann man seine geographischen Kenntnisse des afrikanischen Kontinents testen.
Nennt mich Trendsetter: Im Jahresrückblick habe ich die Leaf-Sheep-slug als meine Entdeckung des Jahres gefeiert, nun ist dieses hinreißende Wesen „Invertebrates of the Year“ geworden!
Es sind nicht einfach nur Katzen in Bodegas, sie haben tatsächlich einen, ähm, Job und wurden nun porträtiert.
Über „Ein unglücklicher Tod“ von Peter Grainger
Ich beobachte an mir gerade eine gewisse Tendenz zum Lektürewohlfühlwunsch. Erklären kann ich es mir – es ist in der Welt und bei mir gerade sehr viel los, leider nur wenig davon erfreulich –, wirklich neu sind diese Phasen auch nicht, immerhin habe ich jahrelang „Lewis“ geguckt. Dennoch beobachte ich meinen eigenen Wunsch mit einer Skepsis: Vom Wohlgefühl ist es zur Nostalgie nicht weit – und mit beidem geht eine gewisse Gefahr einher.
Dieser Wunsch nach Wohlgefühl sorgte nun dafür, dass mich die Ausgangssituation von Peter Graingers „Ein unglücklicher Tod“ durchaus angesprochen hat: Ein alter, eigensinniger, englischer Polizist bekommt in Norfolk einen Routinefall zugeteilt, der sich dann als etwas Größeres herausstellt. Das klang nach einem guten, alten englischen Ermittlerkrimi. Weiterlesen
Die besten 50 Thriller des 21. Jahrhunderts
Im August hat die New York Times die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, die sie – ganz bescheiden – die 50 besten Thriller des 21. Jahrhunderts betitelt hat. Nun sind solche Listen natürlich Quatsch und dienen vor allem dazu, Diskussionen zu entfachen aka Clicks zu generieren, weil es immer ausreichend Menschen gibt, die das Ergebnis doof finden. Außerdem haben solche Umfragen etwas von einem Beliebtheitswettbewerb. Aber: Ich finde sie unterhaltsam. Und ausnahmsweise in diesem Fall den ersten Platz sehr schlüssig. Halte ich Gillian Flynns „Gone Girl“ für den besten Thriller des 21. Jahrhunderts? Nein. Aber der phänomenale Erfolg dieses Buchs hat ein ganzes Subgenre nicht nur wiederbelebt, sondern zu ganz neuen kommerziellen Höhen geführt. Durch dieses Buch (und seine Nachfolger) wurden unzuverlässige Erzähler*innen zum neuen Standard, Familie, Haushalt, Ehe wurden als Krimi-Sujets (wieder) entdeckt. Klar, all das gab es vorher, oftmals besser, differenzierter, auch mit einer ganz anderen, viel kritischeren gesellschaftlichen Haltung dahinter. Aber „Gone Girl“ hat es (wieder) populär gemacht. Vereinfacht gesagt: Ohne „Gone Girl“ keine Freida McFadden. Nun kenne ich weder US-amerikanische noch deutsche Verkaufszahlen im Einzelnen (in Deutschland kommt man an die Zahlen nur schwer heran), schaue ich mir aber an, welche Titel in Medien, auf Beststellerlisten und überhaupt in Verlagsprogrammen vorkommen, behaupte ich, dass viele ohne den Erfolg von „Gone Girl“ keinen Verlag gefunden hätten. Daher stelle ich mal die These auf: „Gone Girl“ ist bisher das für den englischsprachigen Krimimarkt einflussreichste Buch des 21. Jahrhunderts.
Darin liegt ein weiterer Grund, warum „Gone Girl“ auf Platz 1 gelandet ist: Schaut man sich die Liste derjenigen 291 Menschen an, die gefragt wurden, sind darunter viele, die sich selbst in dem „Gone Girl“-Segment bewegen. Ohnehin bringt die gesamte Liste eine Präferenz für psychologische Spannung zum Ausdruck: Gillian Flynn ist noch mit einem zweiten Buch unter den Top 20, auch Tana French ist zweimal dort zu finden, insgesamt sogar viermal. Ich lese Tana French sehr gerne – aber davon war ich doch überrascht. Jenseits der psychologischen Spannung ist S.A. Cosby der meistvertretene Autor mit drei Titeln. Nur wenige alte Granden kommen vor: Cormac McCarthy, John Le Carré. Nicht nur bei ihren Titeln fällt auf: Viele Bücher auf der Liste wurden verfilmt, einige sogar sehr gut. Ob sie das schlichtweg präsenter hält?
Der ganzen Liste merkt man an, dass sie von einer US-Zeitung erstellt wurde: Es gibt insgesamt drei übersetzte Titel. Unter den Top Ten ist Stieg Larssons „The Girl with the Dragon Tatttoo“ – auch hier halte ich „beste“ für das falsche Adjektiv, „einflussreich“ indes treffender. Überraschenderweise ist das der einzige nordeuropäische Titel. Stattdessen als übersetzte Titel noch Leïla Slimanis „Dann schlaf auch du“ und Silvia Moreno-Garcia „Der mexikanische Fluch“. Beide Bücher wurden hierzulande weniger als Kriminalromane rezipiert – wie so einige andere Titel auf der Liste –, daher kann man an der Liste wieder einmal gut die Unterschiede in der Genre-Wahrnehmung zwischen den USA und Deutschland sehen. Zahlreiche Titel würden man hierzulande noch nicht einmal als Thriller bezeichnen.
Natürlich fehlen bei so einer Liste immer Namen – auch das ein Nachteil an der Methode, mit der die Liste erstellt wurde. Bleibe ich bei US-amerikanischen Autor*innen, dann gehört Don Winslow mit „The Power of the Dog“ (2005) für mich auf eine Liste der 50 besten Thriller des 21. Jahrhunderts. Natürlich auch Sara Gran. Oder Ivy Pochoda, für mich zwei der aufregendsten Autorinnen des 21. Jahrhunderts. Und das sind nur die drei Namen, die mir als erstes eingefallen sind. Aber genau das gehört ja zu dem Spaß mit solchen Listen – mal sollte sie nur nicht mit Relevanz verwechseln.




