Ross Thomas verfilmen – Über die Serie „Briarpatch“

Hätte man mich gefragt, welcher Roman von Ross Thomas am besten für eine Serien-Adaption geeignet wäre, hätte ich „Dornbusch“ gesagt: Es ist einer seiner wenigen Romane, die mit einem Mord anfangen und in denen die Nachforschungen zu diesem Todesfall als roter Faden fungieren könnten. Deshalb war ich sehr gespannt, als ich entdeckte, dass es eine Serienadaption gibt. „Briarpatch“ ist von Andy Greenwald – und das Ergebnis guckt sich wie eine Guy-Ritchie-Version von „Twin Peaks“ mit einem Hauch Coens. Kurzum: Sie ist grandios gescheitert – aber auf unterhaltsame und interessante Weise. (Im Folgenden gibt es jede Menge Spoiler!)

Starker Anfang

Kurz zum Roman: Benjamin „Pickle“ Dill, Ermittler für einen Senats-Unterausschuss, erfährt, dass seine Schwester Felicity ermordet wurde und reist in seine Heimatstadt zurück. Er will herausfinden, was passiert ist. Außerdem soll er vor Ort noch die Aussage seines Kindheitsfreundes Jake Spivey aufnehmen, der möglicherweise belastbares Material gegen seinen Ex-Komplizen Clyde Brattle hat, durch den er mit Waffengeschäften reich geworden ist. Und natürlich mündet alles in eine aberwitzige Geschichte voller Korruption auf allen Ebenen.

Der Anfang des Romans ist großartig – und die Serie steigt mit demselben Knall (pardon!) ein: Felicity Dill (Michele Weaver) klopft morgens bei ihren Untermietern an der Tür, um sie daran zu erinnern, dass sie noch Miete bekommt. Sie steigt in ihr Auto – und es fliegt in die Luft. Auftritt: Allegra „Pickle“ Dill (Rosaria Dawson). Sie ist wie Buch-Dill Ermittlerin in einem Senatsausschuss, hasst ihre Heimatstadt, fühlt sich schuldig am Tod ihrer Schwester, will herausfinden, was passiert ist und bekommt später den Auftrag, eine Aussage ihres Kindheitsfreundes Jake Spivey aufzunehmen.

Aus Benjamin wird Allegra
Die erste große Veränderung gegenüber dem Buch ist, dass aus dem weißen Benjamin die Latina Allegra geworden ist. Das ist angesichts des Handlungsortes vielversprechend: Bei Ross Thomas wird die Heimatstadt Dills nicht benannt, vermutlich ist es Oklahoma, Ross Thomas‘ eigene Heimatstadt. Andy Greenwald verlagert den Handlungsort der Serie in die fiktive Stadt San Bonifacio, die klar im Westen Texas an der Grenze zu Mexiko liegt. Erstaunlicherweise gibt es in San Bonifacio – abgesehen von einem sehr alten, sehr mächtigen weißen Mann – kaum jemand mit rassistischen Vorurteilen, auch nicht gegenüber dem Schwarzen Rechtsanwalt A.D. Singe (Edi Gathegi), Dills späterer love interest, der im Roman eine weiße Rechtsanwältin ist. Natürlich muss man Rassismus nicht zum Thema machen, nur weil die Serie in Texas spielt und die Hauptfigur Latina ist – aber beispielsweise Attica Locke zeigt ja, wie viel Potential darin stecken, eine nicht-weiße Hauptfigur in diesem Umfeld zu haben.

In „Briarpatch“ nun hat mehr Folgen, dass Dill eine Frau ist: Offenbar ist es im US-amerikanischen Serienkosmos kaum vorstellbar, dass eine Frau für einen Mann arbeitet, ohne Sex mit ihm zu haben, also hat sie eine Affäre mit dem Senator. Und auch in ihr Verhältnis zu ihrem Kindheitsfreund Jake Spivey (Jay R. Ferguson) schleicht sich eine amouröse Note ein. Dazu bekommt Allegra Dill noch ein Kindheitstrauma zugeschrieben – auch das ein ermüdend häufig wiederkehrender Serien-Plot-„Einfall“. Aber offenbar ist es unverständlich, dass eine Frau ihre Heimatstadt verlässt, weil sie dort nicht atmen kann und einen Job annimmt, in dem sie austeilen muss, ohne dass sie traumatisiert ist. Komischerweise konnte Benjamin Dill das in dem Roman.
Aber ich vermute, das hat nicht nur etwas mit der Umbesetzung zu tun: Rezipient*innen sind oft bereit, Figuren in Büchern mehr zu „verzeihen“ als in Serien oder Filmen. Das ist auch ein erster Hinweis darauf, warum Ross Thomas‘ Romane schwierig zu verfilmen sind: Seine Figuren sind oftmals ambivalent. Wir mögen bspw. Artie Wu und Quincy Durant, obwohl und weil sie Betrüger sind. Für eine Serie oder einen Film braucht man dafür sehr gute Schauspieler*innen. Rosaria Dawson ist eine sehr gute Schauspielerin, sie spielt hier auch sehr gut. Dennoch erklärt das Drehbuch zu viel – und mehr noch: Das Kindheitstrauma könnte erklären, warum die clevere, erfahrene und raffinierte Allegra zu viele Anfängerfehler macht und zu schnelle Entscheidungen trifft. Dann wäre das Trauma aber allenfalls ein zu schlichter Versuch, Plotschwächen und Unplausibilitäten ausgleichen.

Überzeichnete Figuren
Immerhin werden Allegra wenige Ambivalenzen zugestanden, die anderen Figuren bleiben überwiegend überzeichnet – ich neige zu: gewollt überzeichnet. Dennoch funktioniert es nicht. Ein Beispiel: Eine zentrale Figur ist der Liebhaber der Toten, Captain Gene Colder (Brian Geraghty), der in dieser Serie überwiegend ein eindimensional-läppischer Schemen bleibt. Zu keinem Zeitpunkt ist auch nur ansatzweise nachvollziehbar, warum Felicity eine Affäre mit ihm haben sollte. Anders als im Roman wurde sie nicht auf ihn angesetzt: Erst gab es den One-Night-Stand und das schlechte Gewissen, mit einem verheirateten Mann geschlafen zu haben, dann den Auftrag, ihn auszuspionieren. Dahinter mag eine verdrehte Moral stecken, aber fraglich bleibt, warum es überhaupt zu diesem One-Night-Stand kam – und warum irgendjemand glauben sollte, Colder sei zu irgendetwas fähig.

Ein zweites Beispiel: der Oberschurke Clyde Brattle (Alan Cummings). Gegen ihn soll Jake Spivey aussagen, hinter ihm sind sämtliche Geheim- und Polizeidienste der USA, wenn nicht sogar der ganzen Welt her. Angeblich ist er extrem gefährlich und durchtrieben. In der Serie wird er nun von Alan Cummings in vorhersehbarer Weise als sadistischer Verrückter gespielt und ist grotesk-lachhaft. Um seinen Wahnsinn zu unterstreichen, reichen die wörtlichen Berichte von Kriegsschweinereien und brutalen Morden in Syrien und Mexiko nicht aus, sondern Brattle muss auch noch eine Fabrik anzünden, in der illegale Migranten untergekommen sind. Damit nun auch jeder mitbekommt, wie böse er ist. Das ist zu plump

Diese Figurenüberzeichnung ist Teil der comichaften Inszenierung, bei der aber nur selten Originalität durchschimmert. Diese Momente sind rar: Als Allegra in ihrer Heimatstadt ankommt, sind gerade die Tiere des örtlichen Zoos entlaufen. Das sorgt anfangs für allerhand absurde Bilder und Dialoge, am Ende aber schafft es zwei tolle Momente. Doch insgesamt findet die Serie niemals ihren Tonfall. Offensichtlich ist „Twin Peaks“ eine Inspirationsquelle. Doch zum Beispiel die gesteigerte Soap-Opera-Nostalgie funktioniert in „Twin Peaks“ nur im Zusammenspiel mit dem Wahnsinn und den Abgründen. Man braucht eine surreale Grundierung, eine groteske Überzeichnung, nicht bloß Überzeichnung.

Mehr! Mehr! Mehr!
Doch „Briarpatch“ setzt vor allem auf Mehr: Mit einem Mordfall, Korruption und Ermittlungen gegen Kriegsverbrecher gibt es eigentlich schon genug Plot, aber es kommt noch etwas hinzu: Plötzlich geht es um illegale Migration, Drogenhandel, Drohnenangriffe sowie – Ross-Thomas-Fans aufgepasst! – den Versuch, eine Stadt zu übernehmen. Letzteres nur ein weiterer Hinweis darauf, dass Greenwald Ross Thomas kennt. Es gibt so einige Anspielungen auf andere Romane, Durango wird genannt, eine Produktionsfirma heißt Voodoo Ltd. Tatsächlich könnte der Serienplot durch die Änderungen auch als Art Vorgeschichte zu „The Fourth Durango“ funktionieren – und weil ich gelesen hatte, dass die Serie als Anthologie geplant war, hatte ich ein bisschen darauf gehofft. Denn auch aus „The Fourth Durango“ ließe sich eine gute Serie machen. Stattdessen: Guter Ansatz, plump umgesetzt. Zwar ist Sheriff Eve Raytek (Kim Dickens) lange vielversprechend als kontrollierte Drahtzieherin im Hintergrund. Aber auch ihr widerfährt das „Serien-Treatment“: Eine knallharte Frau, die Männern widersteht und sich mit Waffen auskennt, „muss“ natürlich eine lesbische Affäre haben. Und ihre anfangs durchaus hehren Ansichten kippen grundlos bedenklich schnell und konsequent .In „Briarpatch“ gibt es wirklich so einige Beispiele dafür, dass allein das Bewusstsein, dass man mehr Frauenfiguren braucht, nicht ausreicht.

Ross Thomas verfilmen
Vermutlich hätte ich die Serie nach der ersten Folge nicht weitergeguckt, wenn sie keine Ross-Thomas-Adaption gewesen ist. Aber nach der dritten Folge hatte ich mich an den Stil gewöhnt – und zwischendurch auch einigen Spaß. Denn es gibt auch gelungene Ideen: Beispielsweise berichtet Dill im Roman ständig, wie heiß es ist. Im Film ist nun eine riesige Reklame-Tafel zu sehen, auf der die Temperatur angezeigt wird. Auch ist die verzweifelte Noch-Ehefrau von Colder (gespielt von Christine Woods) ist hinreißend betrunken-tragisch.

Doch insgesamt merkt man, dass es nicht zwangsläufig gut ist, wenn man ein „Fan“ des Autors ist: So manches Mal dachte ich, dass es diese Szene nur gibt, weil es im Roman ein großartiger Moment ist. Offensichtlich ist es am Schluss: Im Roman entscheidet sich Jake Spivey inmitten eines aberwitzigen Showdowns aus einem kurzen Moment der Größe heraus für die Freundschaft mit Dill. In der Serie ist dieser Moment aus dem Showdown herausgelöst, Spivey ist mittlerweile ein armseliger Typ, der sein Herz für Allegra entdeckt hat. Dennoch soll es dieses Zusammentreffen geben, diesen Moment – und es ist eine herbeigeschriebene sentimentale, keine entwickelte Situation (Kindheitstrauma!). Das ist schade, denn eigentlich hatte die Serie schon ein gutes Ende: Allegera hat erkannt, dass es für sie nur einen Weg gibt, sie will sich aus dem System zurückziehen.

Ross Thomas ist einer jener Autoren, bei dem man allzu leicht glauben könnte, er wäre einfach zu verfilmen. Aber nicht nur seine Figuren sind herausfordern, auch Dialoge, die beim Lesen witzig sind, hören sich in einem Film oder einer Serie oftmals an als seien sie geschrieben. Vor allem verlangen seine Bücher, dass man sich auf den Trip einlässt. Dafür gibt es im visuellen Erzählen größere Hürden. „Twin Peaks“ ist dafür per se keine schlechte Inspirationsquelle, auch auf David Lynch muss man sich einlassen. Aber weder Thomas noch Lynch (oder die Coens) können kopiert werden. Diese Serienadaption will zu viel: Zu viele Handlungsstränge, so dass letztlich keiner überzeugt; zu viele visuelle Ideen, so dass es aus dem Stil-Mix niemals ein eigener Stil wird. Mit mehr Konzentration, Mut, Selbständigkeit, Originalität und weniger Folgen hätte „Briarpatch“ aber etwas werden können.

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Krimi-Talk in Schöneberg

Am Mittwoch, den 15. April 2026 ist wieder Krimi-Talk in Berlin-Schöneberg: Alle paar Monate sprechen Thomas Wörtche und ich mit einem Gast über drei Kriminalromane – dieses Mal wird Matthias Wittekindt dabei sein. Natürlich ist auch Robert Rescue wie gewohnt dabei.

Ihr seid herzlich eingeladen vorbeizukommen, bringt gerne interessiert Menschen mit. Wir freuen uns auf alle.

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Krimibestenliste April 2026

Morgen ist Karfreitag, also kommt die Krimibestenliste April schon heute. Es gibt fünf neue Titel, außerdem sind zwei Titel aus dem Vormonat auf die vorderen Plätze gestiegen. Heute Vormittag habe ich außerdem den höchsten Neueinstieg – Ken Jaworowskis “What about the bodies” – bei DLF Kultur vorgestellt. Dort wird diesen Monat auch noch meine Krimi-Kolumne zu Michael Idovs  “Das Riga-Komplott” laufen. Aber genug der Eigenwerbung, hier die Liste:

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Linksammlung 01/2026

Der einzige forensische Pathologe Islands hat viel zu tun: Die vielen isländischen Krimi-Autor*innen haben nämlich viele Fragen an ihn. Deshalb gibt er nun eine Kurs.

Es gibt eine ganze Seite zu George Simenon – und zwar als privates Projekt. Und ich dachte, ich beschäftige mich gerade ausführlich mit Ross Thomas

Am Donnerstag bespreche ich bei Deutschlandfunk Kultur das Buch “Ich, die ich Männer nicht kannte” – eine Dystopie der belgischen Autorin Jacqueline Harpman, die erstmals 1995 erschienen ist. Wiederentdeckt wurde sie nun dank BookTok. Und tatsächlich gibt es dort mehr als Romantasy – und das sorgt gerade dafür, dass insbesondere im englischsprachigen Raum, in dem es übersetzte Literatur immer schwer hatte, viele Übersetzungen entdeckt werden.

Dank des Podcasts „Auf Weltempfang“ und meinem Finnischlernen weiß ich zwei Dinge: Ich liebe Grammatik. Und verschiedene Sprachen ermöglichen verschiedene Blicke auf die Welt. Das kann man nur verstehen, wenn man versucht, eine andere Sprache zu lernen

Es gibt eine Seite mit lauter Public-Domain-Filmen (und sie sieht ein bisschen aus wie Netflix …)

Und es gibt eine Seite, auf der Sounds aus den verschiedenen Nachbarschaften in New York City gesammelt werden: City of Sound

Für ein Kino in Brooklyn hat Steven Soderbergh eine Reihe mit den Filmen organisiert, die ihn stark beeinflusst haben. Im Interview bei Letterboxd erzählt er davon. Nun kann ich also meine eigene kleine Reihe organisieren. Apropos Reihe: Im Yorck-Kino in Berlin wird jeden zweiten Donnerstag ein Film noir gezeigt. Vorige Woche wollte ich kurz entschlossen “Double Indemnity” gucken. War leider schon ausverkauft.

Ich interessiere mich sehr für Fotografie, allerdings konnte ich mit Portraits lange Zeit nur wenig anfangen. Dann hat eine Ausstellung von Zanele Muholi im Gropius-Bau das verändert. Nun hat sie den Hasselblad Award bekommen und in diesem Artikel sind auch einige Fotos von ihr zu sehen.

Mein zweitliebstes Hobby ist Schwimmen. Andrea Gerk hat ein Essay übers Schwimmen und Schreiben geschrieben, das man sich hier anhören kann.

Noch zwei traurige Nachrichten: Daniel Woodrell und James Sallis sind gestorben.

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Mit Ross Thomas auf die Gegenwart schauen

Lese oder höre ich in den vergangenen Wochen Nachrichten, denke ich oft: Ich lebe nun in einem Roman von Ross Thomas. Und zwar nicht, weil seine Romane prophetisch sind. Sondern weil die Realität so absurd und zugleich real ist wie die Plots seiner Romane.

Ein Beispiel: Im „Yellow-Dog-Kontrakt“ will eine Gruppe reicher Geschäftsleute den Ausgang der kommenden Präsidentschaftswahlen zu ihren Gunsten manipulieren. Sie versprechen sich von dem konservativen Kandidaten bessere Bedingungen für ihre Geschäfte. Es geht ihnen nicht um ein konkretes Vorhaben, vielmehr glauben sie, dass er ein besseres Umfeld schaffen würde. Also beteiligen sie sich finanziell an einem Manipulationsvorhaben, bei dem Gewerkschaften unterwandert werden, so dass Tarifverhandlungen scheitern müssen. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass in den für die Demokraten wichtigsten Großstädten kurz vor der Wahl gestreikt wird. Die öffentliche Meinung würde sich gegen die Demokraten wenden, der konservative Kandidat wird gestärkt. Eine raffinierte Manipulation, von außen nur schwer zu durchschauen.
„Der Yellow-Dog-Kontrakt“ ist 1976 erschienen, damals waren Gewerkschaften sehr relevant. Sie waren Machtfaktoren. Ersetzt man nun Gewerkschaften und Streik mit sozialen Netzwerken und Algorithmen, muss man nicht lange suchen, um Parallelen in die Gegenwart zu finden. Mitsamt einer Gruppe sehr reicher Geschäftsleute, die ein Interesse daran haben, dass das politische Klima so ist wie es ist.

Ein zweites Beispiel: In „Die Narren sind auf unserer Seite“ erfahren Geschäftsleute, dass in einer Stadt im Süden der USA bald sehr viel Geld zu verdienen ist. Also wollen sie die Stadt unter sich aufteilen. Mit anderen Worten: Sie wollen die Stadt in ihren Besitz bringen, um Geld zu verdienen. Das geschieht auf verschiedenen Wegen: Sie setzen Menschen unter Druck und bedrohen sie, damit sie die Stadt verlassen. Sie kaufen Stimmen in Gremien und wichtige Unterstützer – entweder direkt mit Geld oder über Versprechungen, bestimmte Vorhaben zu finanzieren. Vor allem manipulieren sie die öffentliche Meinung, indem sie Gruppierungen aufeinanderhetzen, Halbwahrheiten oder einfach Lügen verbreiten. Ersetzt man nun „Stadt im Süden“ mit Venezuela oder Grönland, ist man mitten in der Realität.

Das sind nur zwei Beispiele, in jedem Ross-Thomas-Roman steht etwas, das mir etwas über die Gegenwart erzählt. Das Politik nur die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist, beispielsweise. Trumps Mittel sind Zölle. Oder dass jede Regierung spätestens ein Jahr nach der Wahl in der Scheiße steckt und verzweifelt einen Skandal sucht, den sie auf die Vorgängerregierung schieben kann, um von ihrem Versagen abzulenken.

Seine Romane haben meinen Blick auf die Realität geändert, ihn geschärft. Sie sind Lehrstücke – schwer unterhaltsame, sehr komische Lehrstücke – darüber, wie Sprache eingesetzt wird, um Wahrheiten zu verschleiern oder falsche Informationen in die Welt zu setzen. In Romanen wie „Stimmenfang“ oder „Der Mordida-Man“ lernt man so einfache Grundsätze wie: Ein Gerücht kann man nicht bestreiten, ohne ihm Glaubwürdigkeit zu verleihen. Es setzt sich dann fest in den Köpfen. Und daran sollten wir heutzutage jeden Tag denken. Gerüchte sind Machtfaktoren.

Es geht immer ums Geld
Ross Thomas bricht komplexe Sachverhalte auf einfache Handlungsmotive herunter. Er geht davon aus, dass Menschen immer einen Grund haben zu handeln wie sie es tun – und dieser Grund ist in der Regel Geld. Manchmal gepaart mit Macht. Aber auch die ist oft nur interessant, um mehr Geld zu verdienen. Und dazu reicht meistens eine gewisse Nähe zur Macht. Machen Politiker etwas, was viele als moralisch gut bezeichnen würden, macht sie das, weil sie davon profitieren. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen. Das macht sie berechenbar. In dem Nachwort zu „Die im Dunkeln“ schreibt der Übersetzer Gisbert Haefs so schön, dass die Annahme, irgend jemand auf verantwortlichem Posten sei möglicherweise nicht korrupt, bei Ross Thomas allenfalls ein schlechter Witz ist. Denn Ross Thomas weiß, dass die meisten Menschen am empfindlichsten sind, wenn es um Geld geht – und das macht sie beeinflussbar.

Den alten Leitsatz „Follow the money“ kennt man aus zahlreichen Kriminalromanen und -serien. Aber er geht davon aus, dass es schon Geld gibt, dem man folgen kann. Bei Ross Thomas geschieht hingegen manchmal auch etwas, damit man zukünftig mehr Geld verdienen kann. Deshalb sind Wahlkämpfe so wichtig. In ihnen wird entschieden, wer künftig über Geld entscheiden kann. Sie werden aber wiederum selbst mit Geld. In „Die im Dunkeln“ lernt man fast alles, was man über Wahlkampffinanzierung jemals wissen wollte. Mit Geld kauft man Werbung. Man kauft Unterstützer. Man kauft im Zweifelsfall Stimmen.
Das steckt hinter Donald Trumps Drohung an beispielsweise abtrünnige Republikaner: Wenn er sagt, er unterstützt sie nicht mehr, heißt das, er sorgt dafür, dass sie kein Geld von der Partei mehr bekommen. Und ohne Geld lässt sich kein Wahlkampf in den USA gewinnen.

Davon hat schon die liberale Serie „The West Wing“ erzählt – auch der gute, demokratische Präsident Bartlett hat Kandidaten Geld entzogen. Ohnehin ist nichts davon, was gerade passiert, im Kern der Sache neu. Aber nur wenige schauen genau hin. Die meisten sind unglaublich geschichtsvergessen. Ich bin immer wieder erstaunt: Wie kann man nach der Iran-Contra-Affäre noch von irgendetwas überrascht sein? Wie schnell kann so ein Skandal in Vergessenheit geraten?

Ausgestellte Schamlosigkeit

Neu ist etwas anderes: Bei Ross Thomas geschehen die Schmierereien, die Schurkenstücke noch im Verborgenen. Die Öffentlichkeit ist empört, wenn herauskommt, was die CIA in Lateinamerika macht. Menschen in verantwortlichen Positionen wollen Dinge vertuschen, sie wollen zumindest den Schein aufrechterhalten. Donald Trump macht öffentlich keinen Hehl aus seiner Schamlosigkeit, seine Gier. Und offenbar ist sein Verhalten für viele Menschen in Ordnung. Aber dennoch schiebt er Gründe für sein Interesse an Grönland und Venezuela vor.

Bei Ross Thomas kennen Politiker zumindest öffentlich noch etwas Scham. Sie gaukeln Moral vor. Es sind nicht die Menschen in der ersten Reihe, die sich die Hände schmutzig machen. Die Fäden ziehen Hintermänner. Die in den „Schattenzonen“ (Kälter als der Kalte Krieg), diejenigen in der zweiten Reihe, bei denen vieles zusammenläuft. Politiker sind bei Ross Thomas nicht die cleversten Menschen. Im Gegenteil, überdurchschnittliche Intelligenz wird mehrfach als hinderlich für eine politische Karriere beschrieben. Sie sind deshalb aber auch keine Marionetten, sondern: arrogante, oft privilegiert aufgewachsenen Männer, die entweder durch ihre eigene Familie oder eine Ehe an Geld gekommen sind, dann einen Posten bekommen haben – und nun glauben, sie kommen mit allem durch. Weil es ihnen zusteht. Diese Haltung findet man gerade überall.

Und sogar diese Veränderung kann ich mir mit Ross Thomas erklären: Demokratie ist bei ihm nie eine überlegene Ideologie. Sie ist die Regierungsform, in der der Kapitalismus am besten gedeihen kann. Seit Ross Thomas‘ Tod 1995 hat der Kapitalismus noch zugelegt – und damit auch die Gier, die Überzeugung, alles und jeder ist käuflich. Dass Geld das Einzige ist, was zählt, hat sich offenbar als Überzeugung bei vielen durchgesetzt. Reiche Menschen sind bei Ross Thomas immer suspekt. Heutzutage stellen viele sehr reiche Menschen ihren Reichtum schamlos aus und werden dafür bewundert. Warum also sollten sie noch glauben, dass sie sich an Regeln halten müssen?

Das alles mag unglaublich ernüchternd klingen, aber bei mir wirken die Romane anders: Ross Thomas blickt völlig illusionslos auf Politik. Nicht desillusioniert oder zynisch – diese Unterscheidung ist wichtig. Denn in der Gegenwart ist Zynismus der einfache Weg. Wir brauchen mehr Durchblick. Und den findet man mithilfe von Ross Thomas‘ Romanen. Außerdem gibt es bei Ross Thomas immer auch die Figuren, die den Schlamassel entwirren, die größte Unbill verhindern. Am Ende ist nicht alles gut, das wäre naiv. Aber es gibt Hoffnung, dass sich manches ändern kann.

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Buchhandlungspreis, Neutralität und Kultur

Am Wochenende ging ich in eine Buchhandlung, um ein vorbestelltes Buch abzuholen – und ging mit zwei Büchern wieder nach Hause. Denn auf dem sorgsam kuratierten Sachbuch-Tisch waren zu viele interessante Titel, um sie alle zu ignorieren. Fatma Aydemir hat im Guardian ein ähnliches, eigentlich sogar schöneres Erlebnis beschrieben: “I walk in for a novel and walk out with a theory of the state, a pamphlet on housing struggles, a Palestinian poet I had never heard of. No “for you” page in an online store would have suggested it. The bookseller did. Independent bookshops are dangerous because they interrupt us. They do not optimise our curiosity. They derail it.”

Genau das ist die “Gefahr”, die von Büchern ausgeht, deshalb wollten Herrscher lange nicht, dass Menschen lesen und schreiben lernen, deshalb kontrolliert jedes autoritäre Regime, welche Bücher gedruckt werden. Und nachdem ich erst das Berlinale-Destaster durchlitten habe, bei dem Wolfram Weimer Tricia Tuttle absägen wollte – wegen etwas, was andere Filmemacher auf dem Festival gemacht haben, das sich jahrelang gerühmt hat, das politischste der A-Festivals zu sein -, hat er nun den Preis für unabhängige Buchhandlungen beschädigt. Irgendwie passend dazu habe ich am Wochenende ein ZeitZeichen zu Rosa Luxemburg gehört, in dem es unter anderem um das vielzitierte “Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden” geht. Und die Sendung verlangte mir das auch ab, denn Sahra Wagenknecht kam viel zu Wort.

Was momentan im Kulturbetrieb los ist, bereitet mir große Sorgen. So wenig Kultur und Verfassungsschutz zusammenpassen, Kultur und Neutralität passen gar nicht zusammen. Robert Misik hat es in seiner Kolumne in der taz sehr prägnant formuliert: “Inszeniere einmal Brechts „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ so neutral, dass sich Björn Höcke nicht wiedererkennt – viel Spaß bei dem Versuch.”

Dass Weimer die Verleihung nun absagt, passt natürlich ins Bild: Wie viele Männer will er die Konsequenzen seiner Entscheidung nicht sehen, den Protest nicht aushalten. Was hat er wohl gedacht, was passiert, wenn bekannt wird, dass drei linke Buchhandlungen ausgeschlossen werden? Nichts?

Es gibt eine Seite, auf der man den Prozess der drei Buchhandlungen gegen den Ausschluss mit einer Spende unterstützen kann.

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Über die Serie „The Investigation“

Im August 2017 will die schwedische Journalistin Kim Wall einen Mann interviewen, der ein U-Boot gebaut hat. Sie geht an Bord des U-Bootes – und wird einen Tag später als vermisst gemeldet. Nach monatelangen Ermittlungen steht fest: Der Konstrukteur hat Kim Wall ermordet.

Von diesem Fall hatte ich gehört, auch einige Artikel dazu gelesen, aber die Ermittlungen habe ich nicht im Detail verfolgt. Vermutlich hätte mich eine Serie zu diesen Ermittlungen auch nicht sehr interessiert, aber: „The Investigation“ ist die sechsteilige Mini-Serie von Tobias Lindholm. In den Texten zur Serie steht meist, er hätte auch bei „Borgen“ mitgeschrieben. Ja, hat er. Weit wichtiger aber: Er hat mit „Kapringen (A Hijacking)“ und „A War“ zwei exzellente Filme gemacht, dazu das Drehbuch zu Vinterbergs „Die Jagd“ und „Der Rausch“ geschrieben. Aus Marketingsicht ist der Verweis auf „Borgen“ zwar verständlich, aber er greift zu kurz.

Die Serie macht nun genau das, was der Titel verspricht: Sie erzählt von der Untersuchung des Verschwindens und Mordes von Kim Wall. Völlig unaufgeregt, fast schon dokumentarisch werden sie detailliert wieder gegeben – und es ist faszinierend, wie spannend es sein kann, bei dieser oftmals kleinteiligen, frustrierenden Arbeit zuzusehen. Das Team um den Leiter der Mordkommission, Jens Møller Jensen (Søren Malling), muss immer wieder von vorne anfangen: Nachdem feststeht, dass Kim Wall tot ist, sind sie überzeugt, dass der Konstrukteur schuldig ist. Aber sie brauchen Beweise, die vor Gericht standhalten. Er ändert seine Aussage mehrfach. Es gibt keine Zeugen, das U-Boot ist gesunken, viele Spuren vernichtet, Beweise vom Meer unbrauchbar gemacht. Und sie brauchen alleine Wochen, um die Leiche zu finden. Weiterlesen

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