Interview mit Attica Locke

Zu Attica Lockes neuen Roman habe ich nicht nur das Nachwort geschrieben, sondern auch für den Polar Verlag ein Interview mit ihr geführt.
Warum schreiben Sie Kriminalromane?

Mich fasziniert die Psychologie von Menschen, die Verbrechen begehen. Außerdem erlauben Krimis, gesellschaftliche Themen zu erforschen, ohne polemisch oder didaktisch zu wirken.

 „Bluebird, Bluebird“ und „Heaven, My Home“ sind die ersten beiden Teile eine der Highway-59-Reihe – wie würden Sie sie beschreiben?

Die Reihe folgt Texas Ranger Darren Matthews, der Ermittlungen zu Verbrechen in kleinen Städten am Highway 59 im Osten von Texas durchführt. Meine Familie – sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits – kommt aus Kleinstädten am Highway 59. Ich bin mit Fahrten auf diesem Highway zu meiner Verwandtschaft aufgewachsen, das ist ein wichtiger Teil meiner Lebensgeschichte und des Lebens meiner Vorfahren. Ich wollte über die Schwarzen Texaner in Ost-Texas schreibe.

Foto: Carsten Klindt

Warum ist Ihre Hauptfigur ein Texas Ranger?

Als ich beschloss, eine Reihe zu schreiben, wusste ich, dass ich eine Hauptfigur brauche, die in jedem Buch vorkommt. Da es aber um den Highway 59 gehen soll, der von Laredo im Süden bis Texarkana im Norden führt, durfte die Hauptfigur nicht zu sehr an einen Ort gebunden sein. Die Zuständigkeit der Texas Ranger ist viel weiter gefasst als die anderer Stafverfolgungsbehörden im Staat. So kam ich auf die Idee, die Hauptfigur zu einem Texas Ranger zu machen.

In Deutschland denken die meisten bei „Texas Ranger“ wohl an die Serie mit Chuck Norris. Wie werden sie in Texas und in USA gesehen?

Wie Sie haben die meisten Menschen in den USA vermutlich lediglich eine Ahnung, was ein Texas Ranger eigentlich ist – und diese beruht vermutlich ebenfalls auf besagter Fernsehserie. In Texas hingegen gelten sie als Eliteeinheit. Es gibt nur rund 150 Texas Ranger in dem gesamten Staat. Und sie dürfen gegen andere Strafverfolgungsbehörden ermitteln. Sie sind wie ein Mini-FBI.

Wie die Vorstellung der Texas Ranger ist auch die Vorstellung von Texas sehr von Büchern und Filmen geprägt, Ihre Romane erweitern dieses Bild.

Ich wollte, dass die Leute bei Texas nicht nur an weiße Rancher denken, sondern auch an einen Ort, an dem Schwarze Cowboys und Farmer leben. Der Osten von Texas unterscheidet sich zudem sehr vom Südwesten des Bundestaates, er ist dem amerikanischen Süden viel ähnlicher. Denken Sie also an Kiefern und Bäche statt an Kakteen und Wüste.

 Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Texas beschreiben?

Es ist ein großer Teil meiner Identität. Ich liebe, woher ich komme. Aber meistens mag ich die Politik in Texas nicht. Es ist eine komplizierte Beziehung: Ich liebe es, ich liebe es, “nach Hause” zu kommen, aber ich betrachte auch Kalifornien als mein Zuhause.

Die Frage, was Heimat eigentlich ist, wird in beiden Romanen erforscht. Was ist Heimat – auch für Sie?

„Heaven, My Home“ behandelt Heimat noch expliziter als der erste Roman und erzählt davon, wie schwierig es für Schwarze Amerikaner und Natives sein kann, sie zu definieren. Was bedeutet Heimat für die Caddo, von denen die meisten heutzutage in Oklahoma leben, was nicht ihre Heimat ist? Und was bedeutet Heimat für Schwarze, die in der Zeit der Sklaverei aus Afrika auf eine Plantage gebracht wurden?

Heimat ist – auch für mich – ein unsicheres Konzept. Ich lebe in Los Angeles, aber ein Teil meiner Seele lebt in Osttexas, wo meine Vorfahren herkommen.
Zu dieser Heimat und ihren Romanen gehört zweifellos auch der Blues, schon der Titel „Heaven, My Home“ ist ein Verweis auf einen Blues-Song. Was bedeutet Ihnen diese Musik?

Bluesmusik gibt mir das Gefühl, eng mit meiner Herkunft verbunden zu sein. Insbesondere Lightnin Hopkins ist meine Muse. Seine Musik ist so, wie ich auf dem Papier sein will: Schlau, lustig, weise und ehrlich.

Ich höre immer Musik, wenn ich schreibe. Sie hilft mir, in die richtige Stimmung zu kommen, sie hilft mir, mein Herz und meinen Verstand anzuregen. Und ich denke gerne, dass meine Prosa einen poetischen Stil hat, dass Musik meinen Stil prägt. Außerdem erwähne ich auch gerne Songs in den Büchern, sie verstärken das Gefühl für den Ort, denke ich.

(c) Polar Verlag

Ihre Romane sind sehr gegenwärtig, ich konnte die Agonie, die Verwirrung und auch Angst nach der Wahl Trumps fast spüren. Warum spielt der Roman zwischen der Wahl und Inauguration Trumps?

Aufgrund der Ereignisse am Ende von „Bluebird, Bluebird“ musste ich die Geschichte innerhalb von Wochen nach diesen Geschehnissen aufgreifen. Es wäre unglaubwürdig gewesen, dass sechs Monate oder ein Jahr vergangen sind, ohne dass zwischen Darren und seiner Mutter etwas wegen der Waffe geschehen wäre. Also beginnt „Heaven, My Home” ungefähr sechs Wochen nach „Bluebird, Bluebird”, was bedeutet, dass Trump zwar gewählt war, aber noch nicht im Amt. Letztlich hat es mir auch die Möglichkeit gegeben, eine Art „tickende Uhr” zu schaffen – ein Gefühl der Dringlichkeit unter den Texas Rangers und der Federal Task Force, Anklage gegen eine White-Supremacist-Gruppe zu erheben, bevor ein White Supremacist sein Amt antritt.

Wie haben Sie auf die Wahl Trumps reagiert?

Ich war am Boden zerstört. Sie fühlte sich an wie eine Zurechtweisung für die Fortschritte, die gegen Rassendiskriminierung unternommen wurden und von denen ich hoffte, sie würden weitergehen. Seit seiner Wahl bin ich voller Zorn. Ich bin die ganze Zeit über deprimiert und wütend.

Vergebung ist ein wichtiges Motiv in „Heaven, My Home“ – der Satz, „Schwarze sind die versöhnlichsten Menschen auf der Welt“ fällt einige Male. Wie stehen Sie dazu?

Ich denke, dass diese Aussage wahr ist. Aber ich denke auch, dass die Zeile im Buch, dass wir nicht wissen, ob es uns zu Heiligen oder Handlangern macht, ebenfalls wahr ist. Black Forgiveness richtet sich oftmals gegen uns: Es ist ein Schauspiel, dass einige Weiße tröstet und sie davon abhält, ihr rassistisches Verhalten zu ändern.

Attica Locke (c) Mel Melcon, Los Angeles

Geschichte ist für Ihre Romane ebenfalls wichtig. Wie haben Sie sie recherchiert – und was bedeutet Geschichte für Sie?

Ich bin nach Jefferson, Texas gefahren, habe Zeit am Caddo Lake verbracht. Außerdem habe ich viel zu der Geschichte der Gegend gelesen, viele Bücher über die Caddos und die Zeit in Jefferson vor dem Bürgerkrieg.

An Geschichte denke ich mit Faulkner: Es ist etwas, was immer bei uns ist und nichts, was man von der Gegenwart trennen kann. Wie gehen immer Seite an Seite mit den Geistern unserer Geschichte.

Ich habe gelesen, dass das Buch durch eine Hochzeit auf einer Plantage inspiriert wurde …

Im Jahr 2004 war ich auf einer Hochzeit auf der Oak Alley Plantage in Vacherie, Louisiana. Ich war noch nie zuvor auf einer Plantage und die Gefühle haben mich überwältigt … aber auch verwirrt. Warum haben sich ein weißer Mann und eine Schwarze Frau dazu entschieden, auf dem blutgetränkten Land einer Plantage zu heiraten? Ich wartete den ganzen Abend darauf, dass jemand eine Rede hält und etwas Poetisches dazu sagt, wo wir sind und warum … dass wir uns alle dort versammelt hatten, um dieses geschundene Land mit Liebe zu erneuern und als Anerkennung dafür, wie weit wir in diesem Land nun gekommen ist.

Dann war ich zutiefst enttäuscht als sich herausstellte, dass das Brautpaar den Ort lediglich aufgrund seiner Schönheit ausgesucht hatten, dass sie sich nicht für die Geschichte interessierten. Damit begann meine Faszination für historischen Tourismus und die Art und Weise, wie diese Stätten umgestaltet und neu genutzt werden. Es erlaubt den Menschen zu vergessen, was auf Plantagen in den USA wirklich passiert ist. Ich war so verstört von alle dem – also habe ich ein Buch geschrieben.

 

Diesen Beitrag teilen

Über „Miracle Creek“ von Angie Kim

„Mein Mann bat mich zu lügen.“ Schon der erste Satz von Angie Kims „Miracle Creek“ lässt erahnen, dass es um alles andere als schlichte Wahrheiten gehen wird. Es ist keine große Lüge, die ihr Mann Pak von Young Yoo verlangt. Sie soll sagen, dass er die ganze Zeit über bei ihr war, als die Sauerstoffdruckkammer explodiert ist. Pak ist der zertifizierte Techniker für die Kammer und die Behandlung. Er ist eigentlich für den Schaltraum verantwortlich. Young ist nur eingesprungen. Doch an dem Abend kam es zu der Explosion, durch die der achtjährige Henry und die fünffache Mutter Kitty gestorben sind und mehrere Menschen schwer verletzt wurden.

(c) hanserblau

Mit diesem schlicht „Der Vorfall“ betitelten Kapitel beginnt „Miracle Creek“. Anschließend geht es ein Jahr später weiter: Henrys Mutter Elizabeth Ward wird angeklagt, die Explosion herbeigeführt zu haben, weil sie mit der Sorge um ihren autistischen Sohn überfordert war. Von Tag zu Tag erzählt Angie Kim nun von dem Prozess. Mit seinem Beginn wird die Erzählperspektive personal und wechselt von Kapitel zu Kapitel zwischen den Figuren. Die erste Zeugenaussage scheint die Version der Staatsanwaltschaft und den Verdacht gegen Elizabeth Ward zu bestätigen. Sie sät aber auch Zweifel: an dem Zeugen Matt Thompson, der zweifellos etwas zu verbergen hat und sich schuldig fühlt – und damit auch der Version des Tathergangs. Schnell ist klar: alle Personen, die an diesem Abend eine Rolle gespielt haben, wollen etwas verheimlichen. Aus Schuld, Scham oder falscher Rücksichtnahme. Mit jeder weiteren Aussage und jedem weiteren Kapitel verändert sich daher die Version der Geschehnisse.

Der Prozess gibt diesem Roman einen Rahmen, innerhalb dessen Angie Kim zahlreiche Themen verhandelt. Young Yoo ist einst mit ihrer Tochter Mary von Südkorea in die USA eingewandert, um ihr ein besseres Leben zu ermöglichen. Ihr Mann Pak ist vier Jahre später nachgekommen. Diese Trennung hat die Familie entfremdet, zumal sich Mary nicht richtig eingelebt hat. Sie weiß, welche Erwartungen ihre Eltern für ihr Leben haben, zugleich ist sie von einer tiefen Einsamkeit durchdrungen. Die Einwanderungserfahrung hat auch Matts Ehefrau Janine. Sie ist Ärztin, sie hat die Karriereerwartungen ihrer Eltern erfüllt und will nun unbedingt schwanger werden. Doch Matts Spermien haben keine ausreichende Qualität – deshalb saß er in dem Tank.

Angie Kim (c) Jesse Dittmar

Die Scham und der Druck, die mit unerfülltem Kinderwunsch verbunden sind, die Ambivalenzen der Mutterschaft sind starke Themen in diesem Roman. Paks größte Patientengruppe sind Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Die Mütter, die mit ihren Kindern dorthin kommen – und es sind ausschließlich Mütter –, konkurrieren oftmals um die beste Sorge und größte Aufopferung. Die angeklagte Elizabeth galt eigentlich als herausragendes Beispiel einer „guten Mutter“. Ihre Überforderung, ihre Übermüdung sieht hingegen kaum jemand. Auch die Frauen untereinander wagen es nicht, sich diese Gefühle einzugestehen. An dem Tag des Vorfalls war sie das erste Mal nicht mit in der Kammer. Und damit steht sie auch vor Gericht, weil sie ihr Kind alleine gelassen hat. Dazu kommt, dass die Sauerstofftherapie umstritten ist und als alternative Behandlungsmöglichkeit längst zum Anlass erbitterter Proteste und Kämpfe geworden ist. Diese Proteste behindern die Arbeit der Yoos – und bald ist klar, dass auch Pak ein gutes Motiv hatte, die Explosion zu verursachen.

Vieles in diesem Buch hat die Autorin Angie Kim selbst erlebt: sie ist als Kind in die USA aus Südkorea eingewandert, sie hat sich von ihren Eltern verlassen gefühlt und mit ihrem eigenen Kind einer Sauerstoff-Überdruck-Therapie gemacht. Aber nicht diese biographischen Parallelen machen dieses Buch bemerkenswert: Es ist vielmehr die Empathie, die Angie Kim für ihre Figuren aufbringt. Sie hassen, sie lieben, sie sind neidisch, lehnen bisweilen ihre eigene Familie ab. Sie treffen schlechte Entscheidungen, verhalten sich widersprüchlich. Und in alledem sind sie zutiefst menschlich. Der Prozess enthüllt nun ein kompliziertes, verstricktes Netz aus Kleinigkeiten. „Gute und schlechte Dinge – jede Freundschaft, jede Liebe, jeder Unfall und jede Krankheit – waren das Ergebnis der Verschwörung Hunderter Kleinigkeiten, die jede für sich genommen vollkommen belanglos waren.“ Im Zusammenspiel aber führten diese an sich belanglosen Kleinigkeiten zu der Explosion.

Angie Kim gelingt es, die vielen Stränge und losen Enden zu einem Schluss zusammenzuführen, der stimmig ist – und zugleich alles andere als einfach. Es gibt viele verschiedenen Arten von Schuld und die Schuld an diesem Vorfall trägt jemand, dem man es nicht wünschen würde. Wahrheitssuche – vor Gericht oder im Leben – ist ein langsamer, mühsamer, schmerzhafter und ungemein spannender Prozess. Und kleine Lügen, die gibt es nicht.

Angie Kim: Miracle Creek. Übersetzt von Marieke Heimburger. Hanserblau. 512 Seiten. 22,70 Euro.

Dieser Text erschien zuerst im CrimeMag 06/2020.

Diesen Beitrag teilen

Psycho-Spiele

(c) Penguin Verlag

Kriminalromane, die im Gefängnis spielen, handeln sehr häufig von einem Ausbruch: der Planung, der Durchführung, der Hetze danach. Dagegen konzentriert sich Debra Jo Immergut in „Die Gefangenen“ am Anfang auf ein Zusammentreffen im Gefängnis: der Psychologe Frank Lundquist erkennt in seiner neuen Patientin Miranda Greene das Mädchen wieder, für das er einst in der Highschool geschwärmt hat. Nun ist sie Anfang 30 und wurde zu einer sehr langen Haftstrafe in der Frauenstrafanstalt Milford Basin verurteilt. Sie scheint ihn nicht zu erkennen – und er verpasst den Moment, diese Bekanntschaft aufzuklären. Es ist der erste von vielen Momenten, die Frank verpassen wird – oder nicht der erste, je nachdem, wie man sein bisheriges Leben bewertet.

Frank Lundquist hatte einst eine gutgehende Praxis in New York, er ist der Sohn eines berühmten Psychologen-Vaters und erzählt in „Die Gefangenen“ aus der Ich-Perspektive insbesondere von verpassten Chancen. Er weiß selbst nicht genau, wann sein Leben die falsche Richtung nahm, findet aber immer wieder eine Erklärung darin, dass er nicht wirklich anders konnte. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Passivität und fast schon verzweifeltem Handeln, das ihn charakterisiert. Natürlich verliebt er sich abermals in Miranda und will ihr helfen. Aber sein Wunsch übersteigt fast das klassische Helfersyndrom, denn es geht ihm nicht nur darum, als Mirandas Retter dazustehen, sondern er will auch sicherstellen, dass er sich in ihrer Nähe aufhalten kann.

Miranda Greene hingegen ist anfangs in einer stumpfen, wasserglockigen Passivität eingeschlossen. Zwei Wochen musste sie in Isolationshaft verbringen, weil sie zu viele Regelverstöße hatte, dort hat sie beschlossen, dass sie sich umbringen will. Aus diesem Grund ist sie überhaupt ins Beratungszentrum gegangen und hat einen Psychologen aufgesucht. Die Kapitel, in denen es um sie geht, sind aus einer personalen Perspektive erzählt, die es ermöglicht, gewisse Dinge zurückzuhalten und erst später preiszugeben. Früh werden bestimmte Aspekte angedeutet: sie hat ihre Schwester verloren, wurde für eine Tat besonders hart verurteilt, hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater, stammt aber aus einer gutbürgerlichen Familie. Nach und nach ist über sie und ihr Leben zu erfahren – und tatsächlich ist Miranda Greene weitaus interessanter als Frank Lundquist und vor allem weitaus schlauer, als er glaubt.

Debra Jo Immergut (c) Stephan Lewis

Es sind insbesondere die Nuancen, die diesen Roman spannend machen: Frank ist jemand, der glaubt, er habe die Kontrolle – obwohl ihm eigentlich seine Erfahrung sagen müsste, dass er sie nicht hat. Die Momente, in denen der Kontrollverlust offensichtlich ist, führen bei ihm zu Panik. Er genießt die Oberhand, die er gegenüber Miranda hat, dabei kommt es ihm nicht in den Sinn, dass er Grenzen überschreitet. Vermutlich würde Frank von sich sagen, er sei ein guter Kerl oder zumindest, dass er gute Absichten hat. Tatsächlich aber nutzt er seine Macht aus. Miranda indes scheint das lange hinzunehmen – und in diesem feinen Spiel liegt ein beträchtlicher Reiz. Allerdings wäre es noch spannender gewesen, wenn mehr über Miranda zu erfahren gewesen wäre. Sicherlich ist die Gegenüberstellung von Franks Vorstellung von ihr, die hauptsächlich auf der Fantasie eines Teenagers beruht, die damals schon falsch war, mit Miranda in der Gegenwart spannend – aber es dauert sehr lange, bis Miranda zu einem aktiven Part wird. Das ist intendiert, aber nicht immer gut ausbalanciert.

Es sind die psychologischen Details, die Debra Jo Immerguts „Die Gefangenen“ auszeichnet. Sie spürt den familiären Dynamiken sowohl bei den Lundquists als auch den Greenes nach. In beiden Familien haben die Eltern die Kinder in gewisser Weise verraten: Lundquists Vater hat ihn zu einem berühmten Forschungsobjekt gemacht, dem Maßstab, an dem jedes andere Kind gemessen wird. Dennoch ist sein Vater kein Monster, sondern zumindest in Franks Perspektive ist das Bemühen des Vaters aufrichtig. Mirandas Eltern hingegen haben sich auf einen Deal eingelassen, um die Karriere des Vaters nicht zu beschädigen – und damit ihre Schwester verraten. Miranda kann ihnen das nicht verzeihen, dennoch kümmern sich die Eltern um Miranda und versuchen ihr zu helfen.

Diese Nuancen sind es, die über gewisse Längen in diesem Roman hinweghelfen, der schon mit seiner erzählerischen Struktur Erwartungen unterläuft. Wichtige Ereignisse werden ebenso beiläufig erzählt wie unwichtige; das Erzähltempo insbesondere von Mirandas Part ist dem eintönigen Rhythmus im Gefängnis angepasst. Es gibt keine strikte chronologische Order, keine sichtbare Reihenfolge, obwohl zumindest die zeitlichen Überschriften vor Mirandas Passagen das andeuten. Das führt zu manchen Enthüllungen, bei dem ich einige Seiten zurückgeblättert habe, weil ich mir sicher war, ob sie zuvor schon angedeutet wurden oder tatsächlich so beiläufig preisgegeben werden. Dazu gehört auch, wie Miranda ins Gefängnis gekommen ist. Früh ist klar, dass sie 52 Jahre wegen Totschlag bekommen hat – aber die genauen Umstände werden erst auf den letzten 10 Seiten erzählt. Denn letztlich spielen sie keine Rolle mehr, die Strafe ist festgesetzt, Miranda ist bereits im Gefängnis, die Umstände spielen keine Rolle mehr. Hier wird sehr klar, dass Immergut nicht darauf setzt, ihre Hauptfigur in die fürchterlichen Kategorien von „sympathisch/unsympathisch“ einzuordnen. Die Höhe von Mirandas Strafe ist ein Fakt, mit dem sie leben muss. Deshalb ist „Die Gefangenen“ ein guter psychologischer Spannungsroman, dessen Reiz vor allem in den feinen Spielereien der Figuren liegt.

Debra Jo Immergut: Die Gefangenen. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Penguin 2020.

Diesen Beitrag teilen

Domestic Thriller – „The Couple“ von Araminta Hall

„Man kann sich auch mit allzu viel Scharfsinn darum bemühen, die Wahrheit herauszufinden. Bisweilen muss man einfach anerkennen, dass deren Züge verschleiert sind. Natürlich ist dies eine Liebesgeschichte“. Dieses Zitat von Iris Murdoch steht am Anfang von Araminta Halls „The Couple“. Danach beginnt Mike, von seiner Beziehung zu Verity zu erzählen, die er meistens V nennt. Und für ihn ist das fraglos eine Liebesgeschichte.

(c) Heyne

Kennengelernt haben sie sich während des Studiums. Schon damals konnte er kaum fassen, dass die reiche, beliebte, wunderschöne V sich mit ihm abgibt, dem stillen, seltsamen Pflegekind mit traumatischer Kindheit. Acht Jahre waren sie zusammen, nun hat sich V von ihm getrennt, ihm sogar eine Einladung zu ihrer Hochzeit geschickt. Doch Mike hat eine andere Deutung ihres Verhalten: Er glaubt, sie spielen ein „neues, erheblich komplexeres Crave“. Crave war ihr Lieblingsspiel während ihrer Beziehung: Sie gehen getrennt in dieselbe Bar, warten, dass V von einem anderen Mann angesprochen wird und auf ihr Zeichen hin – ein Griff an den Adler-Anhänger ihrer Halskette – kommt Mike und fragt den Typen, warum er seine Freundin anmacht. Meistens weicht der Typ dann zurück und diese Demonstration von Macht und Zugehörigkeit erregt Mike und V ungemein. V hat dem Spiel den Namen gegeben, V hat die Kontrolle – doch am Ende dieser Runde sitzt Mike im Gefängnis, weil er des Mordes an Vs Ehemann verdächtigt wird. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Women in Crime: „The Cross-Eyed Bear Murders” von Dorothy B. Hughes

Eine Frau ist weggelaufen und hat sich in New York versteckt. Dort sucht sie nach dem Mann, der womöglich ihren Ehemann ermordet hat. Ihren Ehemann, den sie gehasst hat, weil er ihr noch in der Hochzeitsnacht etwas Furchtbares angetan hat (nein, nicht das!). Ihre größte Stärke ist ihre Unscheinbarkeit. „No one paid any attention to you in the subway. Ermine or rags, it didn’t make any difference.“ Dennoch ist Lizanne Steffasson nervös, versichert sich ständig, dass sie tatsächlich nicht auffällt.

„The Cross-Eyed Bear Murders” beginnt ganz ähnlich wie „The So Blue Marble”: eine Frau ist alleine unterwegs, sie verspürt ein gewisses Unbehaugen, versichert sich aber dennoch, dass sie nicht auffallen wird und demnach sicher ist. Aber Lizanne wird nicht lange in Sicherheit bleiben. Acht Monate ist sie nun schon in New York. Das Geld geht ihr aus, sie muss etwas unternehmen. Dann glaubt sie, dem Mann näherzukommen, den sie gesucht hat – und bewirbt sich dafür auf eine geheimnisvolle Anzeige: „Wanted: A beautiful girl. One not afraid to look on danger’s bright face. Room 1000, The Lorenzo.” Sie weiß, dass sie nicht schön ist. „She was all skin and bones; she always had been thin, it wasn’t just not having enough to eat the past eight months. Her face was too tiny, and her round eyes, blue as china plates, diminished her features even more. Her eyes and her too-bright scarlet hair.“ Aber sie muss es trotzdem versuchen und wird tatsächlich von dem Anwalt Bill Folker angestellt. Er arbeitet im Auftrag von Stefan Viljaas, dem ältesten Sohn des verstorbenen, berühmt-berüchtigten finnischen Milliardärs Knut Viljaas – bekannt als „cross-eyed bear“. Dessen Erbe soll demnächst ausgezahlt werden, aber nur unter bestimmten Bedingungen:

The legacy was given in the form of a check, divided into three triangles, one for each son. This check could not be cashed until the twenty-first birthday of the youngest son, and only if the three sections were presented together. Each triangle contains not the son’s name but Old Viljaas’ seal of the cross-eyed bear. Furthermore, the check must be endorsed in triplicate with the cross-eyed bear.

Wer das Siegel bekommen hat, wissen die einzelnen Söhne nicht. Aber nicht nur das: der jüngste Bruder wird seit zwei Jahren vermisst. Bill Folker sucht nun nach dem jüngsten Sohn, bei dem auch das Siegel vermutet wird. Lizanne wiederum glaubt, dass Stefan Viljas hinter der Ermordung ihres Mannes steckt und will über den Anwalt an ihn herankommen. Allerdings gerät sie in eine Geschichte voller Gier, Verrat, Mord und Betrug, deren Ausmaße sie kaum erahnt.

(c) Bell

In „The Crossed-Eyed Bear Murders“ verbindet Dorothy B. Hughes die Jagd nach einem Objekt – in diesem Fall ein Siegen – mit der Whodunit-Frage und einem Hauch „Women in Peril“. Vivianne begibt sich zwar freiwillig in Gefahr, in die gesamte Situation ist sie jedoch vor allem aufgrund ihrer Unschuld geraten. Nun will ist sie festen Willens, diese Unschuld abzulegen; es gelingt ihr aber nur teilweise.

Erzählerisch bleibt die Perspektive bei Lizanne, deren Informationen nicht allzu zuverlässig sind. Aber letztlich ist hier fast niemand, wer er vorgibt zu sein. Jeder hat ein eigenes Ziel. Im Vergleich zu „The So Blue Marble“ zeichnet sich ein Muster ab: Wie Griselda Satterlee ist auch Lizanne Steffasson im Grunde genommen eine Figur, die eher am Rand des Geschehens steht, das von Männern bestimmt wird. Sie ist die Sekretärin, von der einige Männer glauben, sie könnten sie manipulieren – andere wollen sie unbedingt beschützen. Ursprünglich kommt sie aus Vermont, deshalb ist sie weitaus weniger mondän als die ehemalige Schauspielerin und Kostümdesignerin Satterlee. Haupthandlungsort bleibt aber weiterhin das vornehme New York, in dem sich Folker und andere Figuren bewegen.

Schon bei den ersten beiden Büchern von Dorothy B. Hughes zeigt sich, dass ihre Frauenfiguren bemerkenswert sind, aber sie ist keine dezidiert feministische Autorin. Sowohl Griselda Satterlee als auch Lizanne Steffasson werden am Ende ein Happy End in einer Liebesbeziehung finden, auch wissen die Männerfiguren immer etwas mehr und schreiten im Zweifelsfall zur Rettung ein. Noch deutlich zeigt sich das in „The Bamboo Blonde“ – das schwächste Werk von Hughes – und vor allem in „The Blackbirder“. Dort wird der heroische Entschluss der toughen Julie Guilles, ihren Verrat zu rächen, durch die aufrichtige Liebe eines weitaus härteren Mannes nicht in die Tat umgesetzt werden. Wäre Julie ein Mann gewesen, so jedenfalls meine Vermutung, hätte er sich wohl auf den Rachefeldzug ins besetzte Frankreich begeben.

Dennoch ist diese weibliche Erzählperspektive in diesen ersten Büchern entscheidend für die große Stärke von Hughes: ihre Bücher durchzieht stets eine beeindruckende klaustrophobische Atmosphäre, sie sind besondere tale of terrors – die Protagonistinnen haben meist schreckliche Furcht, aber sie ziehen die Sache durch, egal, was passieren könnte. Ihre Furcht, ihre Anspannung überträgt sich beim Lesen mühelos, die Atmosphäre zieht regelrecht in diese Zeit hinein.

Dorothy B. Hughes: The Crossed-Eyed Bear Murders (auch: The Cross-Eyed Bear). Erstausgabe 1940.

Zu der Ausgabe:
Dank der Murder-Rooms-Reihe ist auch dieses Buch von Dorothy B. Hughes als englischsprachiges E-Book erhältlich.

Weitere Anmerkungen:
In „The Cross-Eyed Bear Murders“ taucht Inspector Tobin – bekannt aus „The So Blue Marble“ – wieder auf. Ein aufrechter New Yorker Polizist, der mit seinem Sergeant Moore Morde aufzuklären versucht, die mit der großen Geschichte in Verbindung stehen. Gelegentlich werden diese Bücher daher auch als „Inspector-Tobin-Mystery“ gehandelt. Aber das ist falsch: Tobin ist allenfalls eine Randerscheinung, zwar an der Aufklärung der Fälle beteiligt, aber alles andere als eine zentrale Figur.

Mehr zu Dorothy B. Hughes ist hier zu finden.

Diesen Beitrag teilen

True Crime – Über den Podcast „Verified“

Zu hören u.a. auf Stitcher

Viele True-Crime-Formate stellen den (meist männlichen) Täter in den Mittelpunkt und fallen damit auch dem Narrativ anheim, das er geschaffen hat. „Verified“ geht einen anderen Weg: die Investigativjournalistin Natasha Del Toro erzählt von dem jahrelangen Kampf mehrerer Frauen, die von demselben italienischen Polizisten unter Drogen gesetzt wurden und sexuell missbraucht wurden.

Die Geschichten dieser Frauen ähneln sich in zentralen Punkten: Sie wollten nach Venedig reisen, fanden dort keine Unterkunft und stellten ein Gesuch bei Couchsurfing ein. Daraufhin meldete sich ein Mann aus Padua, der ihnen anbot, bei ihm zu übernachten. Eigentlich wollte keine der Frauen bei einem Mann übernachten, aber er war ein Polizist, sein Profil war verifiziert (daher der Titel) und die Bewertungen waren sehr gut. Ich will hier gar nicht im Einzelnen erzählen, wie er vorgegangen ist – schon durch die ersten drei Folgen werden aber klare Muster deutlich: im Vorgehen des Täters, aber auch den Überlegungen und Erfahrungen der Frauen. Als sie schließlich an die Polizei wandten – in verschiedenen Ländern – erlebten sie, dass ihnen nicht geglaubt wurde. Aber sie gaben nicht auf und fanden schließlich Unterstützung in einem Journalist*innen-Team von IRPI, dem Investigative Reporting Project Italy.

Der Podcast „Verified“ erzählt spannend und empathisch von dem Versuch, den Täter zu überführen und zu einer Verurteilung zu kommen – und er zeigt, wie man journalistisch mit einem True-Crime-Format nicht nur umgehen kann, sondern es auch weiterentwickeln kann. Hier geht es nicht um Grusel oder Ekel, hier geht es nicht um den Täter. Vielmehr werden Fragen z.B. nach der Verantwortlichkeit von Plattformen wie Couchsurfing gestellt – oder einfach nachgezeichnet, wie langwierig ein Gerichtsprozess sein kann. Mir hat „Verified“ sehr gut gefallen – und ich hoffe, dass der Podcast tatsächlich dazu anregt, True-Crime-Formate weiterzuentwickeln.

Diesen Beitrag teilen

Nachwort zu „Heaven My Home“ von Attica Locke

Am 2. Oktober 2019 wurde die Polizistin Amber Guyger in Dallas zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil sie im Jahr zuvor den Buchhalter Botham Jean erschossen hat, als er in seiner Wohnung vor dem Fernseher saß und Eiscreme gegessen hat. Botham Jean war ihr Nachbar – Amber Guyger hatte die Wohnungen verwechselt und dachte, er sei ein Einbrecher. Nach der Verkündung des Urteils hat Botham Jeans jüngerer Bruder Brandt um das Wort gebeten und in einer kurzen Ansprache Amber Guyger vergeben. Dann bat er, die Verurteilte umarmen zu dürfen. Dieses Bild ihrer Umarmung, diese Geste der Versöhnung, wurde weithin gefeiert, gepriesen – und scharf kritisiert. Denn Amber Guyger ist weiß, Botham und Brandt Jean sind Schwarz.

Foto: Carsten Klindt

„Schwarze sind die versöhnlichsten Menschen auf der Welt“, sagt der alte Leroy Page mehrmals in Attica Lockes „Heaven, My Home“ – und Lockes Hauptfigur, der Schwarze Texas Ranger Darren Matthews, erkennt zunächst nicht, ob Page es stolz oder beschämt sagt. Erst beim zweiten Mal bemerkt er die Bitterkeit in Pages Stimme. Als Attica Locke „Heaven, My Home“ schrieb, lagen die Schüsse auf Botham Jean noch in der Zukunft. Aber es gibt unzählige Beispiele, bei denen Schwarze weißen Tätern vergeben haben. Das Konzept der Vergebung, der forgiveness, reicht zurück in die Zeit der Sklaverei, es hatte Bestand durch die Jim-Crow-Ära und wurde in der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King jr. noch einmal bestärkt: „Forgiveness is not an occasional act, it is a constant attitude“. Mit Vergebung sei Fortschritt zu erreichen, Vergebung sei der Weg in die Zukunft.

Unumstritten war dieses Konzept niemals, am berühmtesten ist wohl Malcolm Xs „We will fight back“. Und auch an den jüngsten medialen Vergebungen entzündete sich breite Kritik. Das kulturelle Ritual der Vergebung funktioniert in eine Richtung: Schwarze vergeben Weißen. Sie vergeben, weil sie – wie es Roxane Gay in der New York Times formulierte – überleben müssen. Vergebung soll ermöglichen, in einer rassistischen Gesellschaft zu leben und sowohl historische wie auch gegenwärtige Schmerzen anzuerkennen. Doch wohin, fragt sich nun Darren Matthews bei Attica Locke, hat die Vergebung geführt?

Vergebung als kollektives Bedürfnis verlangt, den Zorn über die Abwertung und Verletzung zu unterdrücken; Morde, Gewalt und Ungerechtigkeiten hinzunehmen, Loyalität gegenüber den Unterdrückern zu bekunden. Deshalb kann sie helfen, sich der Kriminalität und Grausamkeit systemischer Ungerechtigkeit und Gewalt zu stellen, mit der Vergangenheit abzuschließen. Aber sie kann auch zu einem rituellen Vergessen führen; sie beseitigt die Unterdrückung nicht, fordert keine Reue oder Wiedergutmachung, bringt keine radikalen sozialen Veränderungen. Schwarze vergeben, aber die, denen sie vergeben, machen weiter, ja, sie wählen sogar einen Rassisten ins Weiße Haus. Was also, so Darren Matthews, macht Vergebung aus ihnen: „Heilige oder Handlanger“?

Attica Locke (c) Mel Melcon, Los Angeles

In ihrem Buch liefert Attica Locke keine Antwort auf diese Frage, vielmehr spürt sie ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit nach. Die Wahl Donald Trumps ist für Darren Matthews ein „Verrat an der Versöhnung“, die Obama verkörpert hat. Zeitlich ist „Heaven, My Home“ zwischen der Wahl und Inauguration Donald Trumps angesiedelt, und auf jeder Seite ist zu spüren, dass sich die Stimmung im Land geändert hat. Lähmende Unsicherheit und Entsetzen prägen die eine Seite; Triumph die andere. In den vier Wochen, seit Trump gewählt wurde, haben Kirchen gebrannt, wurden Kinder in Schulkantinen bespuckt, wurde eine mexikanische Frau auf einem Supermarktparkplatz vor den Augen ihres Mannes und ihrer Kinder angegriffen. Matthews weißer Vorgesetzter bei den Texas Rangers fürchtet, durch das neue Weiße Haus könnten die Ermittlungen gegen die Arische Bruderschaft beendet werden. Matthews bester Freund, der weiße FBI-Agent Greg Heglund, glaubt, indem er einen Schwarzen einem Hassverbrechen überführt, könnte er dem Justizministerium vermitteln, dass das FBI jedes Hassverbrechen ernstnimmt und sie kein „liberaler Hokuspokus“ sind. Und Darren Matthews, einer der wenigen Schwarzen bei den Strafverfolgungsbehörden in Texas, „wundert sich ganz benebelt vor Wut darüber, was eine Handvoll verängstigter Weißer einer Nation antun konnte“.

Einst ist Darren Matthews aus Überzeugung und Liebe zu seinem Heimatstaat Texas Ranger geworden, er hat geglaubt, dass Veränderungen möglich sind – auch in Texas, in dem die Zeichen des Ku-Klux-Klans kaum verhüllt werden. Deshalb hat er sein Jura-Studium abgebrochen, nachdem er von der (tatsächlich stattgefundenen) brutalen Ermordung von James Byrd Jr. durch Rassisten in Jasper, Texas erfahren hatte. Sein Onkel William war ebenfalls ein Texas Ranger, er war überzeugt, das Gesetz würde die Schwarzen retten, weil es sie schütze, wenn man Verbrechen gegen Schwarze genauso eifrig verfolgt wie Verbrechen gegen Weiße. Damit verkörpert er eine Hoffnung: Wenn es mehr Schwarze Gesetzeshüter gibt, könnte das Leben von Schwarzen auch besser geschützt werden. Dagegen ist Williams Bruder Clayton, ein Strafverteidiger, überzeugt, dass das Gesetz eine Lüge ist, vor der Schwarze Schutz brauchen – denn es sind Regeln, die von Anfang an gegen sie gerichtet waren. Dieser Konflikt zwischen seinen Onkeln, bei denen er aufgewachsen ist, bestimmt Darren Matthews Leben – und nun fragt er sich, ob Clayton nicht doch richtig lag, wenn er sagte, dass „Gerechtigkeit stets relativ“ sei.

Darren Matthews ist geprägt durch seine Erziehung und seine Erfahrungen, er ist mit den Geschichten der Bürgerrechtsbewegung groß geworden, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die nun zerstört scheint. Dazu kommt die Widersprüchlichkeit, als Schwarzer in diesem Bundesstaat zu leben, ihn zu lieben, obwohl ihm Hass entgegenschlägt. „I make heaven my home, I shall not be moved“ lautet die Zeile des Blues-Songs, der diesem Roman seinen Namen gegeben hat – und der den Schmerz umfasst, kein tatsächliches Zuhause zu haben, keine Heimat, die an einen konkreten Ort gebunden ist. Dazu kommt aber in der Gegenwart der Wille, sich nicht vertreiben zu lassen, abermals die eigene Geschichte auslöschen zu lassen.

Diese Widersprüchlichkeit und die schwierige Geschichte machen Texas zu einem sehr geeigneten Ort für Kriminalliteratur. Schon Jim Thompson verortete sein Central City in „The Killer Inside Me“ in Texas, Joe R. Lansdale spürt seit Jahren den Verwerfungen der US-amerikanischen Gesellschaft in kleinen osttexanischen Orten nach. Attica Locke nun widmet sich aus Schwarzer Perspektive der intrinsischen Widersprüchlichkeit des Lebens Schwarzer Texaner im Osten des Bundesstaats entlang des Highway 59. Er beginnt im Süden in Laredo und geht im Norden bis nach Texarkana. Würde man ihm über Texas hinaus folgen, käme man bis nach Minnesota, so als würde er die USA in zwei Teile schneiden. Dabei quert er Houston, vor allem aber reihen sich kleine Ortschaften an dieser Straße. Manche Siedlungen wie Hopetown am Caddo Lake, einst von befreiten Sklaven gegründet, sind noch nicht einmal auf der Karte verzeichnet. Sie liegt ganz in der Nähe von Jefferson im Nordosten an der Grenze zu Louisiana, wo einige Bewohner versuchen, mit touristischen Touren und Attraktionen von ihrer glamourösen Vergangenheit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg zu profitieren. Hier ermittelt Darren Matthews in dem Verschwinden des neunjährigen Levi.

(c) Polar Verlag

Wie in Attica Lockes erstem Matthews-Roman „Bluebird, Bluebird“ liegen wesentliche Elemente zur Lösung des Falls in der Geschichte des Ortes, die hier aktiv umgeschrieben werden soll. Die einflussreiche, wohlhabende, weiße Rosemary King will den Schmerz der Sklaven und Natives nicht nur aussparen, sondern sie abermals verraten, ausbeuten und vertreiben, sie auslöschen aus der Geschichte. Die grausamen Spuren der Vertreibung der Caddos, die nun überwiegend in Oklahoma leben, das Blut der Sklaverei werden weggewischt, stattdessen will sie an die wirtschaftliche Blütezeit erinnern, ohne zu erwähnen, worauf dieser Wohlstand fußt. Es bleiben ausladende Kleider, herrschaftliche Anwesen und Raddampfer sowie das blühend weiße Bild einer Stadt, die einst an einer wichtigen Handelsroute lag. Doch diese Orte sind auch die Heimat von einem Schwarzen Mann wie Leroy Page, von den Haisnai, die zu den Caddos gehören, die von den Weißen vertrieben wurden. Ihr Wort für Verbündete ist „tayshas“, es hat dem Staat Texas seinen Namen gegeben, dessen Staatsmotto noch immer Freundschaft ist. Aber Verbündete waren die Weißen nie – und auch in der Gegenwart entstehen Zweifel an der Verbundenheit sogar in langjährigen Freundschaften wie der von Darren Matthews und Greg Heglund.

Attica Locke erzählt, wie vielfältig sich die Geschichte in ein Land und die Menschen einschreibt. Bei Darren Matthews ist durch die Geschichten, die ihm erzählt wurden, die vielen Ungerechtigkeiten und geerbten Vorurteile eine Blindheit gegenüber den Verfehlungen älterer Schwarzer Männer entstanden, als müsse er für die Gerechtigkeit sorgen, die sie nicht erfahren haben: „Entweder sie oder wir, stimmt’s“? Doch zugleich will er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht ganz fallenlassen, er will nicht glauben, dass ein neunjähriger Junge, aufgewachsen mit einem Vater aus der Arischen Bruderschaft, zwangsläufig ein Rassist wird. Und er hadert damit zu verstehen, warum die Enkelin des alten Mack nichts dabei findet, wenn ein weißer Mann sie rassistisch beleidigt. Vielleicht hat sie andere Erfahrungen gemacht als er, vielleicht sind die Geschichten der Bürgerrechtsbewegung zu weit weg für sie.

„Bluebird, Bluebird“ hat gezeigt, dass man die Gegenwart besser verstehen kann, wenn man die Vergangenheit voll und ganz kennt. „Heaven, My Home“ erzählt nun, dass diese Kenntnisse nicht immer zu mehr Klarheit in der Gegenwart verhelfen. Doch Geschichte kann man nicht entkommen. Sie begleitet und prägt die Menschen, sie lässt sich nicht lösen von der Gegenwart – für niemanden.

Attica Locke: Heaven My Home. Übersetzt von Susanna Mende. Polar Verlag 2020.

Dieser Text ist mein Nachwort zu Attica Lockes „Heaven My Home“ und zuerst in dem Buch bzw. auf der Seite des Polar Verlags erschienen.

Diesen Beitrag teilen