Nachwort zu „Heaven My Home“ von Attica Locke

Am 2. Oktober 2019 wurde die Polizistin Amber Guyger in Dallas zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil sie im Jahr zuvor den Buchhalter Botham Jean erschossen hat, als er in seiner Wohnung vor dem Fernseher saß und Eiscreme gegessen hat. Botham Jean war ihr Nachbar – Amber Guyger hatte die Wohnungen verwechselt und dachte, er sei ein Einbrecher. Nach der Verkündung des Urteils hat Botham Jeans jüngerer Bruder Brandt um das Wort gebeten und in einer kurzen Ansprache Amber Guyger vergeben. Dann bat er, die Verurteilte umarmen zu dürfen. Dieses Bild ihrer Umarmung, diese Geste der Versöhnung, wurde weithin gefeiert, gepriesen – und scharf kritisiert. Denn Amber Guyger ist weiß, Botham und Brandt Jean sind Schwarz.

Foto: Carsten Klindt

„Schwarze sind die versöhnlichsten Menschen auf der Welt“, sagt der alte Leroy Page mehrmals in Attica Lockes „Heaven, My Home“ – und Lockes Hauptfigur, der Schwarze Texas Ranger Darren Matthews, erkennt zunächst nicht, ob Page es stolz oder beschämt sagt. Erst beim zweiten Mal bemerkt er die Bitterkeit in Pages Stimme. Als Attica Locke „Heaven, My Home“ schrieb, lagen die Schüsse auf Botham Jean noch in der Zukunft. Aber es gibt unzählige Beispiele, bei denen Schwarze weißen Tätern vergeben haben. Das Konzept der Vergebung, der forgiveness, reicht zurück in die Zeit der Sklaverei, es hatte Bestand durch die Jim-Crow-Ära und wurde in der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King jr. noch einmal bestärkt: „Forgiveness is not an occasional act, it is a constant attitude“. Mit Vergebung sei Fortschritt zu erreichen, Vergebung sei der Weg in die Zukunft.

Unumstritten war dieses Konzept niemals, am berühmtesten ist wohl Malcolm Xs „We will fight back“. Und auch an den jüngsten medialen Vergebungen entzündete sich breite Kritik. Das kulturelle Ritual der Vergebung funktioniert in eine Richtung: Schwarze vergeben Weißen. Sie vergeben, weil sie – wie es Roxane Gay in der New York Times formulierte – überleben müssen. Vergebung soll ermöglichen, in einer rassistischen Gesellschaft zu leben und sowohl historische wie auch gegenwärtige Schmerzen anzuerkennen. Doch wohin, fragt sich nun Darren Matthews bei Attica Locke, hat die Vergebung geführt?

Vergebung als kollektives Bedürfnis verlangt, den Zorn über die Abwertung und Verletzung zu unterdrücken; Morde, Gewalt und Ungerechtigkeiten hinzunehmen, Loyalität gegenüber den Unterdrückern zu bekunden. Deshalb kann sie helfen, sich der Kriminalität und Grausamkeit systemischer Ungerechtigkeit und Gewalt zu stellen, mit der Vergangenheit abzuschließen. Aber sie kann auch zu einem rituellen Vergessen führen; sie beseitigt die Unterdrückung nicht, fordert keine Reue oder Wiedergutmachung, bringt keine radikalen sozialen Veränderungen. Schwarze vergeben, aber die, denen sie vergeben, machen weiter, ja, sie wählen sogar einen Rassisten ins Weiße Haus. Was also, so Darren Matthews, macht Vergebung aus ihnen: „Heilige oder Handlanger“?

Attica Locke (c) Mel Melcon, Los Angeles

In ihrem Buch liefert Attica Locke keine Antwort auf diese Frage, vielmehr spürt sie ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit nach. Die Wahl Donald Trumps ist für Darren Matthews ein „Verrat an der Versöhnung“, die Obama verkörpert hat. Zeitlich ist „Heaven, My Home“ zwischen der Wahl und Inauguration Donald Trumps angesiedelt, und auf jeder Seite ist zu spüren, dass sich die Stimmung im Land geändert hat. Lähmende Unsicherheit und Entsetzen prägen die eine Seite; Triumph die andere. In den vier Wochen, seit Trump gewählt wurde, haben Kirchen gebrannt, wurden Kinder in Schulkantinen bespuckt, wurde eine mexikanische Frau auf einem Supermarktparkplatz vor den Augen ihres Mannes und ihrer Kinder angegriffen. Matthews weißer Vorgesetzter bei den Texas Rangers fürchtet, durch das neue Weiße Haus könnten die Ermittlungen gegen die Arische Bruderschaft beendet werden. Matthews bester Freund, der weiße FBI-Agent Greg Heglund, glaubt, indem er einen Schwarzen einem Hassverbrechen überführt, könnte er dem Justizministerium vermitteln, dass das FBI jedes Hassverbrechen ernstnimmt und sie kein „liberaler Hokuspokus“ sind. Und Darren Matthews, einer der wenigen Schwarzen bei den Strafverfolgungsbehörden in Texas, „wundert sich ganz benebelt vor Wut darüber, was eine Handvoll verängstigter Weißer einer Nation antun konnte“.

Einst ist Darren Matthews aus Überzeugung und Liebe zu seinem Heimatstaat Texas Ranger geworden, er hat geglaubt, dass Veränderungen möglich sind – auch in Texas, in dem die Zeichen des Ku-Klux-Klans kaum verhüllt werden. Deshalb hat er sein Jura-Studium abgebrochen, nachdem er von der (tatsächlich stattgefundenen) brutalen Ermordung von James Byrd Jr. durch Rassisten in Jasper, Texas erfahren hatte. Sein Onkel William war ebenfalls ein Texas Ranger, er war überzeugt, das Gesetz würde die Schwarzen retten, weil es sie schütze, wenn man Verbrechen gegen Schwarze genauso eifrig verfolgt wie Verbrechen gegen Weiße. Damit verkörpert er eine Hoffnung: Wenn es mehr Schwarze Gesetzeshüter gibt, könnte das Leben von Schwarzen auch besser geschützt werden. Dagegen ist Williams Bruder Clayton, ein Strafverteidiger, überzeugt, dass das Gesetz eine Lüge ist, vor der Schwarze Schutz brauchen – denn es sind Regeln, die von Anfang an gegen sie gerichtet waren. Dieser Konflikt zwischen seinen Onkeln, bei denen er aufgewachsen ist, bestimmt Darren Matthews Leben – und nun fragt er sich, ob Clayton nicht doch richtig lag, wenn er sagte, dass „Gerechtigkeit stets relativ“ sei.

Darren Matthews ist geprägt durch seine Erziehung und seine Erfahrungen, er ist mit den Geschichten der Bürgerrechtsbewegung groß geworden, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die nun zerstört scheint. Dazu kommt die Widersprüchlichkeit, als Schwarzer in diesem Bundesstaat zu leben, ihn zu lieben, obwohl ihm Hass entgegenschlägt. „I make heaven my home, I shall not be moved“ lautet die Zeile des Blues-Songs, der diesem Roman seinen Namen gegeben hat – und der den Schmerz umfasst, kein tatsächliches Zuhause zu haben, keine Heimat, die an einen konkreten Ort gebunden ist. Dazu kommt aber in der Gegenwart der Wille, sich nicht vertreiben zu lassen, abermals die eigene Geschichte auslöschen zu lassen.

Diese Widersprüchlichkeit und die schwierige Geschichte machen Texas zu einem sehr geeigneten Ort für Kriminalliteratur. Schon Jim Thompson verortete sein Central City in „The Killer Inside Me“ in Texas, Joe R. Lansdale spürt seit Jahren den Verwerfungen der US-amerikanischen Gesellschaft in kleinen osttexanischen Orten nach. Attica Locke nun widmet sich aus Schwarzer Perspektive der intrinsischen Widersprüchlichkeit des Lebens Schwarzer Texaner im Osten des Bundesstaats entlang des Highway 59. Er beginnt im Süden in Laredo und geht im Norden bis nach Texarkana. Würde man ihm über Texas hinaus folgen, käme man bis nach Minnesota, so als würde er die USA in zwei Teile schneiden. Dabei quert er Houston, vor allem aber reihen sich kleine Ortschaften an dieser Straße. Manche Siedlungen wie Hopetown am Caddo Lake, einst von befreiten Sklaven gegründet, sind noch nicht einmal auf der Karte verzeichnet. Sie liegt ganz in der Nähe von Jefferson im Nordosten an der Grenze zu Louisiana, wo einige Bewohner versuchen, mit touristischen Touren und Attraktionen von ihrer glamourösen Vergangenheit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg zu profitieren. Hier ermittelt Darren Matthews in dem Verschwinden des neunjährigen Levi.

(c) Polar Verlag

Wie in Attica Lockes erstem Matthews-Roman „Bluebird, Bluebird“ liegen wesentliche Elemente zur Lösung des Falls in der Geschichte des Ortes, die hier aktiv umgeschrieben werden soll. Die einflussreiche, wohlhabende, weiße Rosemary King will den Schmerz der Sklaven und Natives nicht nur aussparen, sondern sie abermals verraten, ausbeuten und vertreiben, sie auslöschen aus der Geschichte. Die grausamen Spuren der Vertreibung der Caddos, die nun überwiegend in Oklahoma leben, das Blut der Sklaverei werden weggewischt, stattdessen will sie an die wirtschaftliche Blütezeit erinnern, ohne zu erwähnen, worauf dieser Wohlstand fußt. Es bleiben ausladende Kleider, herrschaftliche Anwesen und Raddampfer sowie das blühend weiße Bild einer Stadt, die einst an einer wichtigen Handelsroute lag. Doch diese Orte sind auch die Heimat von einem Schwarzen Mann wie Leroy Page, von den Haisnai, die zu den Caddos gehören, die von den Weißen vertrieben wurden. Ihr Wort für Verbündete ist „tayshas“, es hat dem Staat Texas seinen Namen gegeben, dessen Staatsmotto noch immer Freundschaft ist. Aber Verbündete waren die Weißen nie – und auch in der Gegenwart entstehen Zweifel an der Verbundenheit sogar in langjährigen Freundschaften wie der von Darren Matthews und Greg Heglund.

Attica Locke erzählt, wie vielfältig sich die Geschichte in ein Land und die Menschen einschreibt. Bei Darren Matthews ist durch die Geschichten, die ihm erzählt wurden, die vielen Ungerechtigkeiten und geerbten Vorurteile eine Blindheit gegenüber den Verfehlungen älterer Schwarzer Männer entstanden, als müsse er für die Gerechtigkeit sorgen, die sie nicht erfahren haben: „Entweder sie oder wir, stimmt’s“? Doch zugleich will er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht ganz fallenlassen, er will nicht glauben, dass ein neunjähriger Junge, aufgewachsen mit einem Vater aus der Arischen Bruderschaft, zwangsläufig ein Rassist wird. Und er hadert damit zu verstehen, warum die Enkelin des alten Mack nichts dabei findet, wenn ein weißer Mann sie rassistisch beleidigt. Vielleicht hat sie andere Erfahrungen gemacht als er, vielleicht sind die Geschichten der Bürgerrechtsbewegung zu weit weg für sie.

„Bluebird, Bluebird“ hat gezeigt, dass man die Gegenwart besser verstehen kann, wenn man die Vergangenheit voll und ganz kennt. „Heaven, My Home“ erzählt nun, dass diese Kenntnisse nicht immer zu mehr Klarheit in der Gegenwart verhelfen. Doch Geschichte kann man nicht entkommen. Sie begleitet und prägt die Menschen, sie lässt sich nicht lösen von der Gegenwart – für niemanden.

Attica Locke: Heaven My Home. Übersetzt von Susanna Mende. Polar Verlag 2020.

Dieser Text ist mein Nachwort zu Attica Lockes „Heaven My Home“ und zuerst in dem Buch bzw. auf der Seite des Polar Verlags erschienen.

Diesen Beitrag teilen

Women in Crime: „The So Blue Marble” von Dorothy B. Hughes

(c) Prenzler Press

Sie glaubt, sie würde nicht bemerkt werden. Die 24-jährige Griselda Cameron Satterlee, ehemalige Hollywood-Schauspielerin, die nun als Modedesignerin arbeitet, ist auf dem Weg in das New Yorker Apartment ihres Ex-Mannes Con – nachts, alleine. „Her dress was black and her coat, with its black fox collar, but at night no one would know the fox was real. Her hat didn’t look as if it were a creation. Not at night, not with her pale horn-rimmed glasses; no one would look twice at a girl with glasses over her face.” Sie geht die Fifth Avenue entlang, es sind nur ein paar Straßen bis zur 55th. Dann nähern sich zwei junge Männer an. Offenbar wissen sie, wer sie ist, sprechen sie mit Namen an. Griselda hält sie erst für „Princeton boys or Yale“, dann drängen diese sich an ihre Seite, machen keinerlei Anstalten, zu verschwinden. Griselda überlegt, was sie tun soll. Einen Taxifahrer ansprechen? Aber womöglich hält dieser sie für verrückt. Also beschließt sie, an ihrem Apartmenthaus vorbeizugehen, aber die Männer drängen sie in den Eingang. Eigentlich war sie doch sicher, solche Dinge passieren Menschen wie ihr nicht. „No reason to feel nervous at night, not even at eleven-thirty at night, in the heart of New York. Nothing ever happened to her kind of people; things happened to people living down those cross streets in old red bricks or old brownstones.“ Aber diese Männer zwingen sie in ihr Apartment. Dort beginnen sie ihre Hüte abzulegen, die weißen Seidenhandschuhe und weißen Seidenschal auszuziehen:

„And only then was she really afraid, and for such a fantastic reason. Because one had honey-colored hair, sleek to his head, and one had bat-black hair; one had very blue eyes and one very black; one had the golden tan coloring of blonds and one the olive tan coloring of brunettes. But outside of that they looked exactly alike, unbelievably, frighteningly, alike.

Die Eindringlinge sind die Zwillingsbrüder Danny und David Montefierrow, sie wollen, dass Griselda die „blue marble“ herausrückt. Griselda gibt vor, nicht zu wissen, wovon sie reden. Aber sie weiß, dass ihr Ex-Ehemann Con ihr einst eine sehr blaue Glaskugel gezeigt hat. Dennoch weigert sie sich, sie den Zwillingen auszuhändigen, bestreitet weiterhin vehement, von ihrer Existenz zu wissen. Später wird sie sie in Cons Apartment finden und in einem hervorragenden Versteck verwahren: in einer Puppe zu verstecken, die sie ihrer besitzergreifenden zweijährigen Nichte schenkt.

Die Jagd nach der blauen Kugel
Von der ersten Seite an kreiert Dorothy B. Hughes in „The So Blue Marble“ eine ungeheuer beklemmende Atmosphäre: der Weg durch die Nacht, dann das Auftauchen der Zwillinge, ihre zunächst absurd erscheinende Forderung, die blaue Glaskugel herauszugeben. Diese Anspannung wird im Verlauf des Buchs nicht nachlassen. Die „so blue marble“ funktioniert ganz wie Hammetts Falke als Handlungsauslöser – als MacGuffin würde man heute sagen -, nicht nur die Zwillinge wollen sie haben, auch andere Parteien haben es auf sie abgesehen. Angeblich weist sie den Weg zu einem Schatz, sie verkörpert damit die Sehnsucht nach Macht und unendlichem Reichtum. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Über Verbrechen schreiben

„Vielleicht ist die Scham, die ich empfinde, eine Stellvertreter-Scham, von der ich meine, irgendwer müsse sie doch schließlich empfinden.“

Im Jahr 1969 wurde Jane Mixer im Alter von 23 Jahren ermordet. Offiziell galt der Fall als ungelöst, allerdings wurde vermutet, dass sie Opfer des sogenannten Michigan Murderer John Norman Chapman geworden ist. Sie ist die Tante der Autorin Maggie Nelson, die Anfang 2000 angefangen hat, zu diesem Fall zu recherchieren und den Gedichtband „Jane: A Murder“ geschrieben, der 2005 veröffentlicht wurde. Anfang November 2004 rief ein Detective der Michigan State Police Maggie Nelsons Mutter an und sagte ihr, er habe die vergangenen fünf Jahre fieberhaft an diesem Fall gearbeitet und glaube nun, er habe ihn gelöst. Zwei Menschen hatten sich also unabhängig voneinander mit diesem Fall beschäftigt: Detective Sergeant Eric Schroeder um ihn zu lösen; Maggie Nelson um zu erzählen, wie eine Familie „im Schatten des Todes eines Familienmitglieds (…), das offenkundig einen schrecklichen und furchtbaren Tod gestorben war, jedoch unter Umständen, die für alle Zeit unbekannt bleiben würden“ leben konnte. Nun hatte Schroeder eine DNA-Probe, die einem Mann zugeordnet werden konnte, der nicht John Norman Chapman ist. Gary Earl Leitman wird verhaftet, es kommt zu Prozess.

(c) Hanser Berlin

Von dieser Zeit schreibt Maggie Nelson eindrucksvoll in „Die roten Stellen“. Sie erzählt von dem Gerichtsprozess, wie sie ihn wahrgenommen hat – und wie es ist, wenn Gewalt und Tod immer wieder über eine Familie hereinbrechen. Sie will die Details aufzeichnen, „bevor sie verschluckt würden, sei es durch Angst, Trauer, Vergessen oder Schrecken“; sie will sich und ihr Material „in ein ästhetisches Objekt verwandeln – eines, das neben oder anstelle oder zumindest als Hindernis im Weg der stumpfsinnigen Sprachlosigkeit stehen könnte, die Erinnern und Formulieren möglich macht.“ Maggie Nelson setzt sich mit der Erinnerung auseinander, der Verarbeitung, mit dem Schreiben über ein wahres Verbrechen, zu dem sie eine Distanz hat – sie hat ihre Tante nicht gekannt, sie starb vor ihrer Geburt. Doch weil sie ihrer Tante war, weil ihr Tod ihre Mutter und ihre Großeltern verändert hat, weil durch ihn Gewalt in all ihre Leben eingebrochen ist, hat dieses Verbrechen sie wenigstens mittelbar geprägt.

Innerhalb diesen hochspannenden Ambiguität von Nähe und Distanz, von Erinnerung und Verarbeitung verhandelt sie zahlreiche Aspekte, die bei True Crime immer wieder diskutiert werden: das Spekulative, das True Crime allzu oft anhaftet; die wiederkehrenden narrativen Muster aus Sentimentalität und die Frage, wem es zusteht, über dieses Verbrechen zu schreiben. Sie analysiert die nahezu pornographischen Beschreibungen der Gewalt, die die Opfer erlitten haben, und die Sprache von Schlagzeilen, die „Mitgefühl“ darin entdecken, wenn ein Mörder sein Opfer zudeckt, nachdem er es brutal ermordet hat.

Maggie Nelson (c) Harry Dodge

Dadurch analysiert sie sehr klar, dass die Art und Weise, wie über ein Verbrechen erzählt wird, die Wahrnehmung beeinflusst. Zudem aber fragt sie sich, über welche Verbrechen überhaupt berichtet wird – ganz konkret: hätte die Wiederaufnahme des Falls medial ein ähnliches Aufsehen erregt, wenn ihre Tante nicht eines jener hübschen toten weißen Mädchen gewesen wäre? Dazu kommen immer wieder Beschreibungen von Beobachtungen – beispielsweise, dass vor allem männliche Film-Nerds „Taxi Driver“ feiern oder James Ellroy in „Die Rothaarige“ zu „keinem Moment die Zwecklosigkeit seines Unterfangens begreift“, sondern seine „Zwanghaftigkeit (…) nur mit größerer Geschwindigkeit gegen diese Zwecklosigkeit“ schlägt. Sie versucht einem Fernsehproduzenten zu erklären, dass es bei ihr und ihrer Tante nicht um „Verschmelzung“ geht, „weil niemand tatsächlich weiß, was es heißt, in der Haut eines anderen zu stecken. Dass keine lebende Person einer anderen erzählen kann, was es heißt, zu sterben. Dass wir an dieser Stelle unseres Lebens auf uns allein gestellt sind.“ Dadurch markiert und unterläuft sie gängige Narrations- und Rezeptionsmuster, die genau diese Identifikation bis zur Verschmelzung erzielen wollen. Dazu gehört auch die Sprache, mit der wir uns mit Verlust und Tod auseinandersetzen. „Wir sprechen darüber, was die Leben benötigen oder wovon die Lebendenden glauben, die Toten benötigen es, oder wovon die Lebenden glauben, die Toten hätten es benötigt, wenn sie nicht tot wären. Allein, die Toten sind tot. Vermutlich haben sie mit dem Wollen abgeschlossen.“

Zu dem Mord an ihrer Tante kommt ein weiterer Verlust, der Maggie Nelsons Leben geprägt hat. Als sie zehn Jahre alt war, starb ihr 40-jähriger Vater ganz plötzlich an einem Herzinfarkt. Sie konnte lange nicht glauben, dass er tot war – seine Abwesenheit, die Unbegreiflichkeit seines Todes beschäftigt sie immer wieder auf diesen Seiten. Ihre Schwester Emily rebelliert fortan, sie reißt aus, wird schwanger, wird von der Mutter und deren neuen Partner auf ein Internat, in ein religiöses Camp geschickt. Maggie hingegen bleibt brav, gut in der Schule, aufgrund des „arschkriecherischen Teil von mir“, der die Erwachsenen beeindrucken wollte. Sie wollte unbedingt tapfer sein, obwohl sie gar nicht weiß, was es in diesem Zusammenhang bedeutet.

Nichts davon hat mit dem Mord an der Tante zu tun – oder eher: alles hat mit dem Mord an der Tante zu tun. Denn Maggie Nelson schafft Zusammenhänge, um sie wieder zu untergraben, „Die roten Stellen“ ist ein steter Fluss, ein Strom der Überlegungen und Verbindungen. Deshalb ist dieses beeindruckende, kluge und berührende Buch eine Erzählung über ein Verbrechen und über ihr Leben, es ist zugleich True Crime und literarisches Memoir. Einen Abschluss gibt es für Maggie Nelson nicht. „Außerdem glaube ich langsam, dass es Ereignisse gibt, die nicht „verhandelt“ werden könne, Dinge, die nicht „abgehakt“ werden können, über die man nicht einfach sagen kann, man habe „genug“, schreibt sie. Es wird immer Leerstellen geben, Rätsel, die nicht gelöst werden können. Auf der Leiche ihrer Tante wurde ein Blutstropfen gefunden, der einem vierjährigen Jungen zugeordnet wurde. Es gibt zahllose Möglichkeiten, wie er dorthin gekommen ist. Gewissheit aber, die gibt es nicht.

Maggie Nelson: Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses. Übersetzt von Jan Wilm. 224 Seiten. Hanser Berlin 2020. 23 Euro.

Dieser Text erschien zuerst im April 2020 im CrimeMag.

Diesen Beitrag teilen

Women in Crime – „Troubled Daughters, Twisted Wives, herausgeben von Sarah Weinman

14 Kurzgeschichten von den „Trailblazers of Domestic Suspense“ versammelt Sarah Weinman in ihrem Band „Troubled Daughters, Twisted Wives“. Die Storys sind zwischen 1943 und 1977 erstmals erschienen, wurden alle von Autorinnen geschrieben und erzählen von Verbrechen, an denen auf irgendeine Art und Weise Frauen beteiligt sind.

(c) Penguin

Alle Geschichten spielen sich im häuslichen Rahmen ab, sie verbindet eine psychologische Düsterheit. Am meisten beeindruckt hat mich ganz klar „A Nice Place to Stay“ von Nedra Tyre, deren Name mir vorher überhaupt nicht bekannt war. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich erst um ihre kranke Mutter gekümmert hat und nach deren Tod verzweifelt auf der Suche nach einem Obdach ist. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive der jungen Frau, so dass die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Leben hinnimmt, schmerzlich deutlich wird. Es ist eine Einfachheit, Schlichtheit, die aber niemals dazu führt, dass für die Leser*innen die Komplexität dieser Situation reduziert wird.

Shirley Jacksons „Louisa, Please Come Home“ erzählt von einer jungen Frau namens Louisa, die von zu Hause abhaut – und schließlich bemerken muss, dass nach Hause zurückkommen gar nicht so einfach ist. Dorothy B. Hughes ist mit der überraschend amüsant-leichten Story „Everybody Needs a Mink“ vertreten, die sogar ein Happy End hat.

Weinman hat die Geschichten ungefähr gemäß dem Alter der Protagonistinnen sortiert –mir hätte es besser gefallen, wenn die Reihenfolge chronologisch nach Entstehungszeit gewesen oder wenigstens das Entstehungsjahr im Inhaltsverzeichnis angegeben worden wäre. Aber man muss die Storys natürlich auch nicht in der vorgegebenen Reihenfolge lesen.

Insgesamt bietet dieses Buch einen tollen Einstieg und ersten Überblick über Autorinnen, die schon lange vor Gillian Flynn „domestic suspense“ geschrieben haben. Es ist das erklärte Ziel dieser Sammlung, Autorinnen ins Bewusstsein zurückzuholen, die – mit Ausnahme von Patricia Highsmith, Margaret Millar und eventuell Vera Caspary – weitgehend aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden sind, die aber wichtige Wegbereiterinnen nicht nur für gegenwärtige Autor*innen sind.

Weinman macht hier sehr deutlich, dass das nichts mit der Qualität der Autorinnen zusammenhängt, sondern ihnen vielfach der institutionelle Rückhalt und die Beziehungen ihrer männlichen Kollegen gefehlt hat. Das ist ein Teil jeder „Kanon“-Bildung. Aber es fällt auf, dass sich gegenwärtig zwar einige Verlage bemühen, vergessene Autorinnen neu- oder wiederaufzulegen, sich im Bereich Spannungsliteratur aber bislang gar nichts tut.

Sarah Weinman: Troubled Daughters, Twisted Wives. Stories from the Trailblazers of Domestic Suspense. Penguin 2013.

Diesen Beitrag teilen

Krimi-Kritik: „No Sound – Die Stille des Todes“ von Emma Viskic

Ziemlich blutig beginnt Emma Viskics Krimi-Debüt „No Sound – Die Stille des Todes“. Caleb Zelic hat seinen Freund Gary mit aufgeschlitzter Kehle gefunden, zudem wurden alle Finger gebrochen. Offenbar wollte jemand etwas von ihm erfahren – und könnte mit dem Fall zusammenhängen, bei dem der private Ermittler Caleb seinen Polizistenkumpel Gary um Hilfe gebeten hat. Als letztes Lebenszeichen hat Gary eine SMS geschickt und gesagt, Scott sei hinter ihm her. Niemand weiß, wer Scott ist – und deshalb konzentrieren sich die Ermittlungen der Polizei zunächst auf Caleb.

(c) Piper

„Resurrection Bay“ heißt der Roman im Original, das ist einer der Schauplätze des Romans und zugleich verweist der Titel auch auf die vielen Wiederauferstehungen Calebs in diesem Roman: mehrere Angriffe überlebt er zum Teil schwerstverletzt. Aber er ist getrieben von dem Ziel, Scotts Identität zu enthüllen und den Verdacht zu entkräften, Gary sei korrupt gewesen. Der generische deutsche Titel „No Sound – Die Stille des Todes“ verweist indes vor allem auf die Hauptfigur Caleb: Er ist gehörlos. Dank langer Therapie hat er sprechen gehört, mithilfe von Hörgeräten und Lippenlesen kommuniziert er mit den meisten hörenden Menschen – lediglich mit seiner Ex-Frau nutzt er Gebärdensprache. Zudem beobachtet er Menschen genau. Deshalb vergisst er kaum ein Gesicht und kann an einem kleinen Zucken in den Augen erkennen, ob Emotionen vorgespielt sind. Doch wenn er müde ist, versteht er nicht alles – und wenn sich jemand von hinten anschleicht, reagiert er bisweilen zu spät. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Women in Crime – „Ohne Delores“ von Sarah Schulman

(c) Ariadne

Manchmal gibt es seltsame Lektürezufälle. So las ich kurz vor „Ohne Delores“ von Sarah Schulman „Der Revolver“ von Fujimori Nakamura. In diesem Buch findet ein junger Student in Tokio einen Revolver, steckt ihn ein und ist schon bald überzeugt, dass er ihn auch benutzen wird. Denn der Besitz einer Waffe, so der Gedanke dahinter, führt auch dazu, dass man sie abfeuert. Auch die namenlose Erzählerin in „Ohne Delores“ kommt in der New Yorker Lower East Side zufällig an eine Waffe: Ihre Bekannte Priscilla hat „einen Revolver, wie du ihn bei Barbara Stanwyck erwarten würdest“ und diese Waffe vergessen. „Ich wußte, wenn ich ihn weiter mit mir herumtrug, würde ich wen töten.“ Auch hier ist es also der Gedanke, dass allein der Besitz einer Waffe zum Gebrauch führt.

Und es gibt noch mehr Verbindungen zwischen dem Studenten in Tokio und der Kellnerin in New York: Sie sind in einer Art Krise. Der Student gewinnt erst durch den Revolver wieder etwas wahnhafte Lebenslust, die Erzählerin indes hat Liebeskummer, an dem auch die Waffe nichts ändert. Ihre Freundin Delores hat sie verlassen, seither streift sie einsam durch die Gegend. Aber damit hören die Verbindungen auch auf.

„Ohne Delores“ ist tief in der lesbischen New Yorker Subkultur der späten 1980er Jahre verankert. Auf den ersten Seiten geht die Erzählerin betrunken auf einen Ball, begegnet einer Frau, die sich wie Priscilla Presley anzieht, macht mit ihr herum, trauert um ihre Ex-Freundin und bekommt besagten Revolver. Sex, Gewalt, Verlassenheit – alle Themen sind damit sehr wirkungsvoll eingeführt worden. Danach wird sie noch der jungen Punkette begegnen, mit ihr reden, Musik hören und Tage später erfahren, dass sie ermordet wurde. Das lässt ihr keine Ruhe, sie versucht, mehr über sie zu erfahren und besucht die Frau, mit der Punkette ein Verhältnis hatte. Sie fühlt sich verpflichtet, diese Tat aufzuklären, diese Tat verändert etwas in ihr. Es geht um Liebe und Loyalität, es geht darum, das Richtige zu tun.

Ähnlich wie in ihrem aktuellen Roman „Trüb“ ist „Ohne Delores“ auch ein Roman über New York, über die Veränderungen, die in der Stadt stattfinden. Hier sind es die deutlichen Zeichen der Gentrifizierung, die in „Trüb“ noch viel weiter fortgeschritten sind. Und auch die Erzählerinnen wirken wie Seelenverwandte, die der Welt gleichsam zornig gegenüberstehen, obschon Maggie in „Trüb“ viel wütender ist. Aber sie verbindet der genaue Stil Sarah Schulmans, ihr ausgefeilter Blick auf die Stadt, die Veränderungen und politische Gegenwarten – und ein Gespür für trockene Dialoge. Und am Ende, wenn es in „dieses heiße Erbrochene aus(geartet) ist, das sich Ende Juli nennt, wenn alles in New York City in Verwesung übergeht“, dann bleibt nur ein „tauber Schmerz“.

Sarah Schulman: Ohne Delores. Übersetzt von Isolde Tegtmeier. Ariadne 1992.

Kinky Friedman hat eine lesenswerte Besprechung des Buchs 1988 in der New York Times geschrieben.

Diesen Beitrag teilen

Krimi-Kritik: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Young-ha Kim

Voriges Jahr habe ich für das CrimeMag ein Porträt über den Cass Verlag geschrieben und dafür mit Verlegerin Katja Cassing telefoniert. Damals erzählte sie mir, dass in diesem Jahr ein Roman über einen dementen Serienmörder erscheint – und ich war sofort begeistert von dieser Idee! Allein die Vorstellung, wie das planvolle Vorgehen eines Serienmörders auf das Vergessen stößt, ist schon spannend. Young-ha Kim hat mit „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ nun ein sensationelles Buch erschaffen.

(c) Cass Verlag

Nur 151 Seiten ist es lang und es sind – wie der Titel sagt – Aufzeichnungen des Serienmörders. Vor 25 oder 26 Jahren hat Tierarzt Byongsu Kim diesen zufolge seinen letzten Mord begangen, mit 16 hat er angefangen, mit 45 aufgehört. Seither hat er sich um seine Ziehtochter gekümmert, als Tierarzt gearbeitet – und Gedicht geschrieben, die von dem Kursleiter im Kulturzentrum gelobt werden. „Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits Dutzende Male Beute „gepackt, um sie zu erlegen“. Und unter die Erde gebracht. Aber ich hatte das nie für Lyrik gehalten. Morden ist eher wie Prosa. Jeder, der es einmal probiert hat, weiß das. Jemanden zu ermorden, ist viel mühseliger und schmutziger als man denkt.“

Er lebt nun also recht friedlich in seinem Haus, seine Tochter Uhni umsorgt ihn. Doch dann merkt er auf einmal, dass er von einem Mann verfolgt wird und ist nach einem Blick in dessen Augen überzeugt, dass dieser Uhni ermorden will. Jedoch fällt es ihm aufgrund seiner Demenz zunehmend schwer, diesen Mann wieder zu erkennen und auch Uhni glaubt seinen Warnungen nicht. Außerdem steht die Polizei mehrfach vor der Tür und ist ihm auf den Fersen. Glaubt er zumindest. Denn schließlich ist er dement – und damit der unzuverlässigste Erzähler, den man sich vorstellen kann. Es besteht keine Täuschungsabsicht in seiner Erzählung, er will nicht bewusst in die Irre führen. Doch er ist der Ich-Erzähler und schon bald stellen sich erste Zweifel an zum Beispiel der Existenz eines Hundes ein, der zu einem großartigen running gag wird. Und sogar die einzige Grundfeste gerät zunehmend ins Wanken …

Es ist ein tiefschwarzhumoriges Nachdenken über das Leben und das Sterben, das man in „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ findet. Es geht um den Stellenwert von Kunst, es gibt Seitenhiebe auf beliebte Serienmörder-Topoi – und eine langsame Auflösung der Hauptfigur. Sehr, sehr lesenswert!

Young-ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders. Aus dem Koreanischen von Inwon Park. Cass Verlag 2020.

Diesen Beitrag teilen