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Über „Orange is the new black“ (Staffel 4)

(Zu sagen, es folgen Spoiler, wäre womöglich untertrieben. Wer über zentrale Handlungspunkte nichts erfahren will, sollte den zweiten Absatz dieses Textes nicht lesen.)

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„Orange is the new black“ hat schon immer einige Qualitäten gehabt: Die Vielzahl an Figuren, von denen in den einzelnen Folgen Hintergründe zu erfahren sind und die äußerst vielseitige Geschichten verbergen, die nicht nur in Hautfarbe, sexueller Orientierung, Körperform und Aussehen, sondern auch innerhalb der einzelnen „Gruppierungen“ äußerst diversifiziert sind. Die Entwicklung von Piper, die womöglich als Identifikationsfigur gedacht war und im Gefängnis im Grunde genommen erst richtig kriminell wird und mit dieser Veränderung immer wieder hadert. Die kleinen Wahrheiten, die man über die einzelnen Figuren erfährt, der Facettenreichtum von gut oder böse. Dennoch war die dritte Staffel trotz einiger dramatischer Themen fast ein wenig zu soapig und leicht. In der vierten Staffel holt nun Jenji Kohan ungefähr sechs Folgen lang aus, um einem dann die nächsten sieben Folgen langsam immer tiefer in den Magen zu bohren. Es sind herzzerreißende Momente, voller Tragik und Unvermeidbarkeit, voller Wut und Tränen (zumindest bei mir!). Weiterlesen

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Einige Worte zu „Grace und Frankie“

Nachdem ich zuletzt mit einigen Serien („Peaky Blinders“, „Mr. Selfridge“,„Blutsbande“) nicht warm geworden bin, habe ich bei Twitter gelesen, dass Jens und insbesondere seine Frau sehr angetan von „Grace und Frankie“ waren. Wer skandinavische Filme mindestens ebenso sehr schätzt wie ich und mir noch dazu immer die korrekte Aussprache der Namen sagen kann, kann nicht so daneben liegen. Abgesehen davon mag ich Lily Tomlin und hatte Lust auf etwas nicht-kriminelles, also habe mal reingesehen und war von der ersten Folge an hingerissen: „Grace und Frankie“ ist witzig, traurig, rührend und echt. Erzählt wird die Geschichte zweier befreundeter Familien: Sol (Sam Waterston) und Robert (Martin Sheen) sind seit Jahren Geschäftspartner in einer Anwaltskanzlei, ihre Frauen Frankie (Lily Tomlin) und Grace (Jane Fonda) sind sehr verschieden, machen aber seit Jahrzehnten gute Miene bei freundschaftlichen Unternehmungen. Dann eröffnen Sol und Robert ihren Frauen, dass sie seit 20 Jahren eine homosexuelle Affäre haben und nun heiraten wollen. Grace und Frankie sind vor dem Kopf gestoßen, immerhin waren sie 40 Jahre verheiratet.

Daraus könnte eine furchtbare weichgespülte und klischeehafte Serie werden, aber „Grace und Frankie“ ist eine aufrichtige Serie über Menschen, die sich im Alter rund um 70 Jahre darauf besinnen, wer sie sind und was sie wollen. Sicherlich leben alle Figuren in einer Westküstenvariante von Nancy Meyers RomComs – jeden Moment erwartete ich, dass Diane Keaton dort spazieren geht und Steine sammelt – und sind es die Probleme der Wohlhabenden und – mehrheitlich – Weißen. Aber: Erwachsene dürfen sich benehmen wie Erwachsene, Probleme werden direkt angesprochen und auf so ehrliche Weise gelöst, das Verhalten jeder einzelnen Figur nachzuvollziehen ist. Deshalb gibt es keine nervigen Intrigen, keine peinlichen Momente, sondern zwei hinreißende Hauptdarstellerinnen, die jede auf ihre Weise und doch zusammen mit der neuen Situation zurechtkommen müssen. Als amüsante, kleine Serienabwechslung also sehr zu empfehlen.

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Fernsehtipp: „Blutsbande“

Ab dem 9. April läuft bei ARTE die zehnteilige schwedische Serie „Blutsbande“, die 2014 dort sehr großen Erfolg hatte. Hotelbesitzerin Anna-Lisa Waldemar (Stina Ekblad) hat ihre Kinder Jonna (Aliette Opheim) und Lasse (Björn Bengtsson) in ihr Hotel auf Åland eingeladen, das sie mit ihrem Sohn Oskar (Joel Spira) betreibt. Die Kinder sind überrascht von dieser Einladung zum Familienrat – und Anna-Lisa verhält sich äußerst geheimnisvoll. Bevor sie jedoch herausfinden, was hinter dem Verhalten ihrer Mutter steckt, verschwindet sie spurlos …

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Krimi-Kritik: „Prime Cut“ von Alan Carter

(c) Edition Nautilus

(c) Edition Nautilus

Drei blutige Taten stehen am Anfang von Alan Carters Krimidebüt „Prime Cut“: In Sunderland, England, werden am 5. Mai 1973 die Leichen der schwangeren Chrissy und ihrem Sohn Stevie gefunden. Sie wurden von ihrem Ehemann bzw. Vater erschlagen und mit Stromschlägen malträtiert. Am 8. Oktober 2008 entdeckt eine Lehrerin in einem kleinen Ort in West Australien am Strand einen Torso, der von einem Hai bearbeitet wurde. Vier Stunden später untersuchen Detective Sergeant Constable Philip „Cato“ Kwong und Sergeant Jim Buckley einen Verdacht auf tödlichen Viehdiebstahl, ebenfalls in West-Australien. Kwong wurde ins Viehdezernat strafversetzt, seit er in einen Korruptionsskandal verwickelt war. Er ist der einzige, dem eine Papierspur nachgewiesen werden konnte, deshalb hadert er genussvoll mit seinem Schicksal. Dann kommen ihm jedoch der Zufall und die dünne Personaldecke zur Hilfe: Kwong und Buckley befinden sich ganz in der Nähe des Küstenstädtchens Hopetown, in dem der Torso gefunden wurde, und sollen deshalb dort für einige Zeit die Ermittlungen unterstützen. Für Kwong ist es eine gute Gelegenheit, sich zu rehabilitieren und vielleicht mit seiner Karriere noch auf einen grünen Zweig zu kommen. Zusammen mit Buckley, der örtlichen Polizistin Tess Maguire und dem Neuling Greg Fisher beginnt er, den Fall zu untersuchen – und wenig später gibt es eine zweite Leiche und noch größere Ermittlungen. Weiterlesen

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Einige Anmerkungen zu „True Detective“

Wenn man Serien erst nach dem Hype sieht, kann man bei dem Schauen auch die eigenen Erwartungen reflektieren. So hatte ich beispielsweise bei „True Detective“ zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, ich müsste nun unbedingt weitersehen, von dem viele anderen immer sprechen. Aber das ist kein Gradmesser für Qualität, im Gegenteil, gerade bei den Serien, die einen sehr langen Eindruck hinterlassen haben, brauchte ich zwischendurch immer Pausen, um das Gesehene zu verarbeiten und zu reflektieren – und bin doch immer wieder gerne in diese Welt zurückgekehrt.

(c) WHV

(c) WHV

Bei „True Detective“ gibt es einiges, was mir sehr gut gefallen hat: Die gesamte Erzählsituation der ersten sechs Folgen ist großartig. Die Detectives Marty Hart und Rust Cohle (Woody Harrelson und Matthew McConaughey) sind in den 1990er Jahren auf der Suche nach einem Serienmörder, der seine weiblichen Opfer tätowiert und mit kultischen Objekten zurücklässt. In der Gegenwart werden sie von zwei anderen Polizisten zu diesen Mordfällen befragt. Diese Gegenwartshandlung leitet eine Rückblende ein, die von den vergangenen Ermittlungen handelt, dabei sind einige von Rusts und Martys Aussagen zu hören, anderes ist im Bild zu sehen. Sehr schnell wird deutlich, dass nicht alles Gezeigte erzählt wird und nicht alles Erzählte im Bild zu sehen ist, es wird etwas ausgelassen, andere Aspekte betont oder falsch wiedergegeben. Dadurch ist das Erzähltempo sehr kontrolliert, zugleich durchzieht die Folgen eine Unzuverlässigkeit im Erzählen, die Raum für eigene Überlegungen lässt. An manchen Stellen – insbesondere bei der Actioneinlage mit Rustys Undercover-Einsatz – hätte ich mir gewünscht, dass Drehbuchautor Nic Pizzolatto und Regisseur Cary Fukunaga noch mehr Gebrauch von den Möglichkeiten dieser Erzählsituation macht, aber vermutlich musste er Eingeständnisse an die Serienkonventionen machen. Doch wie großartig wäre es gewesen, diesen Actionmoment nur erzählt und mit widersprüchlichen Bildern gezeigt zu bekommen.

Begeistert hat mich auch die Kameraarbeit von Adam Arkapaw. Seine Bilder schaffen ein distinktives Aussehen der Serie, das später auch im Cover von Pizzolattos Buch „Galveston“ (das hierzulande erst nach der Serie erschienen ist) wieder aufgegriffen wird, zugleich gibt es in ihnen vielen Subtexte und weitere Geschichten zu entdecken. Zusammen mit der Musik von T Bone Burnett entsteht sehr viel Atmosphäre, die gerade mit der stetigen leichten Überlichtung die in vielen anderen Filmen und Serien in dunkle Farben gefasste Sümpfe Louisianas anders, aber ebenso undurchdringbar darstellt.

Und natürlich sind auch die Hauptdarsteller zu erwähnen. Matthew McConaughey hat eine Paraderolle als leicht durchgeknallter Detective, aber – wie immer – ist er in den Szenen am besten, in denen er sich zurücknimmt. In meinen Augen hat der momentan leicht überschätzte McConaughey eine ausgeprägte Haltung zum Overacting, die insbesondere dann zum Tragen kommt, wenn er jemanden spielt, der bekifft oder sonst wie zugedröhnt ist oder sich eben besonders viel Mühe gibt. Dass er diese große Gestik und Mimik nicht nötig hätte, zeigen beispielsweise die Befragungsszenen. Woody Harrelson hat die auf den ersten Blick weniger spektakuläre, aber in meinen Augen interessantere Rolle, und er bringt den Mann, der eigentlich ein durchschnittliches Leben will, dafür allerdings denkbar schlecht geeignet ist, perfekt auf den Bildschirm.

„True Detective“ ist also sehr gutes, überdurchschnittliches Fernsehen. Dennoch gibt es einige Kritikpunkte, allen voran: die Frauenrollen. Alle weiblichen Figuren sind Heilige, Huren oder Opfer, gelegentlich – wie beispielsweise die von Michelle Monaghan toll gespielte Ehefrau – darf auch eine Heilige mal einen Fehler machen. Aber das war es. Ansonsten sind die minderjährigen Prostituierten, Stripperinnen, jungen Geliebten und Ehefrauen vor allem zu Sex- und Rettungsszenen da. Innenleben – Fehlanzeige. Und da stellt sich schon die Frage, warum nicht zumindest einer der ermittelnden Polizisten der Gegenwart eine Frau sein konnte. Und gerade weil „True Detective“ an sehr vielen anderen Stellen doch sehr clever und vielschichtig ist, finde ich das sehr schade.

Der zweite Hauptkritikpunkt ist das Ende, an dem es sich Nic Pizzolatto mit dem Irren und seiner debilen Ehefrau ein wenig zu einfach gemacht hat. Dass sich der ganze Fall in die Mardi Gras/Vodoo/Santaria-Ecke entwickelt, war abzusehen, und ist aufgrund des Settings auch zu verschmerzen, immerhin hat er einige Fäden aus den frühen Folgen sehr gut wieder aufgenommen. Sogar das nicht alle Schuldigen belangt und alles aufgedeckt wird, ist aufgrund der Situation der Ermittler realistisch. Etwas einfach bleibt die Auflösung dann aber doch – und dazu trägt das bemüht „helle“ Schlusswort noch bei.

Alles in allem lässt „True Detective“ aber hoffen, dass es in Fernsehserien noch mehr Mut zu innovativen Erzählweisen gibt – und damit meine ich nicht noch mehr Serien, in denen ein Fall über soundso viele Folgen verhandelt wird, sondern tatsächlich spannende Erzählsituationen geschaffen werden.

Andere:
Sehr empfehlen kann ich Lenas Beitrag zu „True Detective“, an dessen Ende sie auf weitere Artikel zu der Serie hinweist.

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Ein Mafiagangster in Norwegen – Über die Serie „Liliyhammer“

Die schönste Überraschung enthält die letzte Folge der Serie „Lilyhammer“: Dort sitzt Ingrid Olava („Oslo, 31. August“) am Klavier und spielt ihr „Back to love“. Ohnehin ist die Musik ein Pluspunkt der Serie, und ihr wurde auf der Blu-ray sogar ein zugebenen kurzer Menüpunkt gewidmet. Aber von der Titelmelodie bis zu den gespielten Liedern sind die gute gemischten jazzigen und poppigen Töne weitaus origineller und einprägsamer als viele Handlungselemente dieser Serie.

Die Geschichte

(c) Studiocanal

(c) Studiocanal

Nachdem sein Boss gestorben ist und dessen Sohn und Nachfolger ihn umbringen lassen wollte, entscheidet sich Frank Tagliano (Steven Van Zandt) gegen dessen Organisation auszusagen und mithilfe des Zeugenschutzprogramms des FBI ein anderes Leben zu beginnen. Und da ihm seit der Übertragung der Olypmischen Spiele 1994 die norwegische Stadt Lillehammer wie das Paradies auf Erden erscheint, will er dort hin. Also bekommt er mit dem Namen Giovanni „Johnny“ Henriksen eine neue Identität, den guten Rat, nicht bei der Polizei aufzufallen, und geht nach Norwegen. Dort lebt er sich dank seiner alten „Überzeugungsmethoden“ überraschend schnell und kommt mit Erpressungen, Drohungen und vor allem Gefälligkeiten zu einer Kneipe, einem Führerschein, einer schicken Wohnung und schließlich sogar einer hübschen blonden norwegischen Freundin. Nach nur einer Nacht wird sie schwanger – denn wer denkt schon an Verhütung oder Schutz! –und nun scheint er sich endgültig in seinem neuen Dasein eingerichtet zu haben. Aber bald ist ihm ein übereifriger Polizist auf den Fersen und alarmiert durch seine tollpatschigen Nachforschungen auch alte Feinde in den USA.

Ein Amerikaner in Lillehammer

(c) Studiocanal

(c) Studiocanal

Ein Großteil der Unterhaltung entsteht durch den Zusammenprall der toleranten und liberalen Norweger mit dem knallharten Ex-Mafioso, für den Prügel eine stärkere Waffe als Worte sind. Anfangs sorgen diese Zusammenstöße für durchaus komische Momente, jedoch nutzt sich dieses Konzept ab und schon bald entsteht der Eindruck, die armen Norweger hätten nur auf einen starken Mann gewartet, der ihnen entweder den Mut gibt, selbst durchzugreifen, oder ihnen zeigt, wo es langgeht. Leider wurde auch in der deutschen Version die Serie komplett synchronisiert, während in den USA die norwegischen Teile untertitelt wurden. Und so bleiben nicht nur einige der Gags auf der Strecke, sondern die Einfachheit der Verständigung erstaunt über alle Maßen.

Johnny mit Freundin (c) Studiocanal

Johnny mit Freundin (c) Studiocanal

Aber auch im Original ist die Handlung vorhersehbar, außerdem bleiben die Nebenfiguren blass. Polizistin Laila Hovland (Anne Krigsvoll) ist durch ihr Äußeres und schrullig-schroffes Auftreten offensichtlich an Marge Gunderson aus „Fargo“ angelehnt, aber ihr fehlt sowohl Entfaltungsspielraum als auch der grimmige Humor. Johnnys Freund und Geschäftspartner Torgeir (Trond Fausa) ist erschreckend einfach gestrickt, Arbeitsamtsmitarbeiter Jan (Fridtjov Såheim) verspricht einiges, aber er bleibt kleinlaut und widerlich. Erst in der letzten Folge zeichnet sich eine Entwicklung ab, so dass aus seiner Rolle in der zweiten Staffel mehr gemacht werden könnte. Das bleibt auch für Johnnys Freundin Sigrid (Marian Saastad Ottesen) zu hoffen, die bis zur letzten Folge lediglich ein blondes love interest ist, das den Nachtclub, Johnnys plötzlichen Reichtum und seine neuen Freunde mit einem leicht staunend geöffneten Mund und erstaunlicher Naivität hinnimmt. Hier wäre es weitaus unterhaltsamer, wenn sie erkennt, wer er ist – und im Zweifelsfall einfach mitmischt. Und selbst Steve van Zandt greift mit der schiefen Körperhaltung und ‚coolen‘ Sprüchen auf seine Rolle des Silvio Dante aus den „Sopranos“ zurück.

Weder Drama noch Komödie

(c) Studiocanal

(c) Studiocanal

Insgesamt vertraut die Serie zu sehr darauf, dass die Grundidee eines Mafioso in Norwegen in Verbindung mit Steve van Zandt zwangsläufig eine Mischung aus typischen skandinavischen Krimikomödien und den „Sopranos“ ergeben muss. Einen eigenen Ton sucht man daher vergebens, vielmehr schwankt die Serie zwischen Drama und Komödie. Deshalb hadert Johnny mehr mit der plötzlichen Schwangerschaft seiner Freundin als seiner Situation, kommt es im Zweifelsfall zu einem Gag und nur wenigen bemerkenswerten Momenten. Das ist schade und sorgt dafür, dass „Lilyhammer“ wohl lediglich als erste Netflix-Serie in Erinnerung bleiben wird.

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Anmerkungen zu der dritten Staffel von „Sherlock“

Hinweis: Dieser Artikel behandelt die komplette dritte Staffel von „Sherlock“ und enthält daher viele Spoiler!

Wie weit darf man es mit dem Zuschauer treiben? Diese Frage habe ich mir während der dritten Staffel von „Sherlock“ einige Male gestellt. Ich mag „mindfucking“ Filme und Serien, ich liebe es, in die Irre und auf falsche Fährten gelockt zu werden. Jedoch gibt es auch innerhalb der Serienfiktion Grenzen und die Gefahr, dass alles nur noch zum Spiel wird.

Folge 1 – Der leere Sarg

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Die erste Folge beginnt mit der erwarteten Wiederkehr von Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch), im Mittelpunkt steht daher das Wiedersehen mit seinen Mitstreitern und insbesondere John Watson (Martin Freeman). Insbesondere die erste halbe Stunde ist sehr unterhaltsam: Es werden mögliche Szenarien abgehandelt, wie Sherlock sein Ableben inszeniert haben könnte, immerhin gibt es nach seiner eigenen Sherlocks Aussage 16 Varianten – allein, wie er es letztlich getan hat, wird nicht aufgelöst, vielmehr reichen die verschiedenen Möglichkeiten. Hier reflektiert die Serie sehr schön die vielen Spekulationen, die es nach dem Ende der zweiten Staffel gab, außerdem vereint diese erste Folge alle Qualitäten der ersten beiden Staffeln: Sie ist temporeich, steckt voller Anspielungen und unterhält sehr gut.

Die offensichtlichste Quelle für diese Folge, auf die auch der Titel anspielt, ist die Kurzgeschichte „Das leere Haus“, in der Sir Arthur Conan Doyle die Umstände von Sherlocks vorgetäuschtem Tod enthüllt und er nach London zurückkehrt, um Moriartys Kompagnon zu überführen. Johns Verlobung mit Mary Morstan findet bei Doyle indes in dem Roman „The Sign of the Four“ statt (in dieser Folge Mary zu sehen, wie sie in Johns Blog eine Geschichte liest, die ein Auszug aus diesem Buch ist), der in der nächsten Episode aufgegriffen wird. Daneben gibt es weitere kleinere Anspielungen auf Geschichten von Arthur Conan Doyle, insgesamt deutet sich aber an, dass die ‚bromance‘ zwischen Sherlock und John größeren Raum einnehmen wird.

Folge 2: Im Zeichen der Drei

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bereits der Titel verweist auf die offensichtliche Inspiration der Folge – „The Sign of the Four“ – und im Mittelpunkt steht Marys (Amanda Abbington) und Johns Hochzeit. Nun hätte ich kaum gedacht, dass ich jemals über eine „Sherlock“-Folge sagen werden, dass sie langweilig ist. Aber in dieser Episode wird sehr viel Zeit darauf verwendet, abermals Sherlocks und Johns Verhältnis zu beschreiben, bekannte Charakterzüge noch einmal deutlich zu machen, es gibt viele Anekdoten und kleine Witzeleien, die mit einem letztlich wenig interessanten Fall und vielen kleineren Fällen kombiniert werden. Vielleicht hätte mir diese Folge besser gefallen, wenn ich eine große Sherlock/Cumberbatch-Aficionada wäre. Fraglos spielt er diese Rolle großartig, harmoniert mit Martin Freeman nahezu perfekt und ist seine Rede auf der Hochzeit wirklich amüsant – aber die Figuren und Schauspieler allein tragen nicht eine ganze Folge. Dass es zu einem Vorfall auf der Hochzeit kommt, ist natürlich klar, einzig überraschend sind hier abermals Marys Qualitäten, die energisch zur Tat schreitet. Jedoch stimmt insgesamt das Erzähltempo nicht, außerdem wird auf die Ereignisse der vorgehenden Episode nicht Bezug genommen. Weder Johns Kidnapping wird erwähnt, noch gibt es weitere Entwicklungen mit Charles Magnusson, der anscheinend in dieser Staffel der große Bösewicht sein soll. Stattdessen werden weiterhin Sherlocks Seelenleben und Persönlichkeit erkundet, auch wird sein Bruder Mycroft – der ohnehin immer breiteren Raum einnimmt – immer mehr zu einem Verbündeten und zugleich einem Widersacher. In Verbindung mit einer stärkeren Handlung wäre es eine sehr interessante Entwicklung gewesen, aber so bleibt doch der fade Nachgeschmack, dass in einer Serie, die pro Staffel aus drei Folgen besteht, viel Zeit verschwendet wurde.

Folge 3: Sein letzter Schwur

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Der Plot der Folge basierten im Wesentlichen auf Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „The Adventure of Charles August Milverton“, auf die bereits der Name Charles August Magnussen (Lars Mikkelsen) anspielt. Er ist hier ein Zeitungsmogul, der über ein umfangreiches Archiv voller belastender Materialien verfügt (die Verweise auf Rupert Murdoch sind mehr als deutlich). Sherlock und John Watson wollen einige der Briefe zurückholen, zumal Magnussen auch Mary erpresst. Und was bereits für John Watson galt, trifft auch auf seine Frau zu: Wer sich mit dem Ehepaar Watson anlegt, bekommt es mit Sherlock Holmes zu tu!

Die Anspielungen auf Sherlocks Heroinsucht und andere Fälle sind gelungen, auch ist grundsätzlich sehr zu begrüßen, dass er mit Charles August Magnussen wieder einen ebenbürtigen Gegenspieler hat. Allerdings wird diese Figur nahezu verheizt: In der ersten Folge der Staffel erwähnt, in der zweiten vergessen, wird er nun innerhalb einer Folge zu dem Mann, der Sherlock am meisten hasst, stilisiert, dann wird aber seine Überlegenheit dramaturgisch nicht ausgenutzt, sondern er verschwindet dank eines soziopathischen Anfalls von Sherlock von der Bildfläche. Dafür bleiben viele Fragen offen: Magnussons „mind-palace“ ist eine raffinierte Idee, wie konnte er aber so viele Menschen erpressen, ohne physische Beweise zu haben? Reicht tatsächlich eine Behauptung schon aus? Falls ja: Warum sollte ich mich auf die Glaubwürdigkeit der Behauptung verlassen? Ohnehin verlangt Drehbuchautor Steven Moffat, dass man vieles hinnimmt – allein weil es eine weitere Wendung verspricht. Es gibt so viele abgerissene und wieder aufgegriffene Erzählstränge, dass es fast schon wahllos wirkt. Und dass Mary sich plötzlich als Auftragsmörderin entpuppt, mag sicher zum Teil mit Johns Faible für gebrochene Menschen zusammenhängen, ist aber selbst für John schwer zu glauben. Und wie konnte sie anfangs auch Sherlock täuschen? Sogar bei der überraschenden Wiederkehr von Moriarty zumindest der schale Nachgeschmack, dass er ein wenig zu früh zurückkehrt. Gerade wenn ich mich auf die Tendenz einlasse, dass es mehr im Sherlocks Seelenleben geht, wäre es doch spannender, wenn Moriarty noch eine Staffel einfach nur in Sherlocks Kopf weitergelebt hätte. Zumal er mit Magnussen einen vielversprechenden Nachfolger gehabt hätte. Abgesehen davon halte ich es durchaus für möglich, dass das Video bereits vor seinem Tod entstanden ist und nun einem Masterplan folgend von einem seiner Schergen benutzt wird. Schließlich ist ein Kopfschuss nicht so leicht vorzutäuschen – es sei denn, wir erfahren nun, dass Sherlock damit die ganze Zeit gerechnet hat, schließlich war er der einzige, der den Selbstmord mit angesehen hat.

Fazit

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Insgesamt steht in dieser Staffel der Charakter von Sherlock viel mehr im Mittelpunkt als die Fälle, die Jagd nach den Bösewichtern. Indem die Serie zunehmend die soziopathische Seite des Detektivs erkundet, bleibt weniger Zeit für die Einführung von Gegenspielern und Ermittlungen, so dass die Aufklärung allein Sherlocks ‚Superkräften‘ anzulasten ist. Außerdem wird seine Involvierung in die Geheimdiensttätigkeiten seines Bruders beständig betont, daher wird er immer mehr zum ‚Agenten seiner Majestät’, wird zu einem Helden, der gelegentlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden muss. Vom Detektiv aus der Baker Street bleibt somit immer weniger übrig und ich frage mich, ob er durch die ständige Betonung seiner Genialität sowie Exzentrik nicht auch seine Individualität einbüßt. Es mag zunächst widersprüchlich klingen: Aber ist dieser Sherlock, der insbesondere durch die Fähigkeiten seines Gehirns beeindruckte, nicht längst eine so entrückte Figur geworden, dass diese Talente nicht mehr besonders gefragt sind? Ist er mehr Geheimagent denn Privatdetektiv? Mir hat jedenfalls das Geheimnisvolle gefehlt, die Neugier und die Spannung. Sicher war „Sherlock“ niemals eine „detective show“, sondern eine Serie über einen Detektiv (so hat es Mark Gatiss selbst einmal formuliert), aber auch eine Serie über einen Detektiv braucht mehr als immer noch eine Wendung, noch eine Drehung und noch ein überraschendes Moment. Und hier läuft die Serie meiner Meinung nach trotz der guten Schauspieler, der vielen tollen und originellen Szenen Gefahr, den Bogen schlichtweg zu überspannen.

„Im Zeichen der Drei“ und „Sein letzter Schwur“ werden am 8. und 9. Juni um 21:45 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

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