Archiv des Autors: Zeilenkino

Sturmflut-Nacht – Über „Dammbruch“ von Robert Brack

(c) Ellert & Richter Verlag

„Ein Sturmflut-Thriller“ steht auf dem Cover vom Robert Bracks „Dammbruch“ – und ja, diese Geschichte spielt in der Hamburger Sturmflut 1962. Doch bitte, dieses Buch ist doch deshalb kein „Sturmflut-Thriller“. Das klingt nach Maulwurf-Krimi, Blockchain-Thriller und Bodensee-Roman. Aber für dieses Etikett kann das Buch nur wenig. Tatsächlich nämlich ist „Dammbruch“ ein atmosphärisch dichter Roman, der von zwei verbrecherischen Menschen in Hamburg im Jahr 1962 erzählt. Lou Rinke plant seinen nächsten Einbruch und Betty ihren nächsten Mord. Sie ahnen beide nicht, dass das heranziehende Sturmtief Vincinette ihre genau geplanten Vorhaben nicht vereiteln, aber erschweren und in dieser Nacht zueinander führen wird.

Robert Brack braucht keine langen Erklärungen für den Hintergrund oder seine Figuren, sie sind einfach da und entstammen vor allem ihrer Zeit: Lous Eltern sind väterlicherseits Verbrecher, mütterlicherseits Kommunistin (was in der BRD auf das Gleiche hinausläuft), er versucht, seinen Einbrüchen zumindest etwas Klassenkämpferisches abzugewinnen. Und Betty. Betty ist geflohen. Betty hat Fürchterliches erlebt. Betty pflegt nun ehemalige Wehrmachtssoldaten und tötet sie. Das ist ihre Rache, eine Rache, die allzu verständlich ist, ohne dass ihre Erlebnisse jemals detailliert ausgeführt werden. Das müssen sie gar nicht, man weiß auch so, was passiert ist.

Das Sturmtief nun spült diese beiden Menschen mit anderen zeitweilig Geretteten einen Rohbau. Sie trauen einander nicht, sind aber doch aufeinander angewiesen. Mit ihnen treffen dann auch Lous romantischen Verbrechensvorstellungen auf Bettys harte Erfahrungen. Das ist spannend, düster und in dem Ausgang erstaunlich zufriedenstellend.

Robert Brack: Dammbruch. Ellert & Richter 2020. 240 Seiten. 12 Euro.

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Unscheinbarkeiten – Über „Schwarzes Kleid mit Perlen“ von Helen Weinzweig

Manche Bücher erreichen einen auf besonderen Wegen. Seit ich meine „Women in Crime“-Reihe gestartet habe, frage ich immer wieder Kolleg*innen nach Autorinnen, die in diese Reihe passen könnten. Darunter war auch Alf Mayer, der mir seither gelegentlich Artikel zuschickt, von denen er meint, sie könnten mich interessieren (damit liegt er fast immer richtig, daher an dieser Stelle auch ein „Danke, Alf!“). Vorige Woche also schickte er mir einen Hinweis auf einen Text von Sarah Weinman in der Paris Review: der Abdruck ihres Nachwortes zu der Neuauflage von Helen Weinzweigs 1980 erschienenen „Basic Black with Pearls“, in dem sie den Roman als „interior feminist espionage novel“ bezeichnet. Sofort war mein Interesse geweckt, deshalb setzte der Routineablauf ein: Prüfen, ob ich an eine Ausgabe herankomme und es eine deutsche Übersetzung gibt. Und tatsächlich: 2019 ist „Schwarzes Kleid mit Perlen“ in der Übersetzung von Brigitte Jakobeit im Verlag Klaus Wagenbach erschienen. Das freut mich ungemein, denn dieses Buch ist – um das gleich vorwegzunehmen – sensationell.

(c) Verlag Klaus Wagenbach

„Schwarzes Kleid mit Perlen“ ist die Ich-Erzählung einer Frau, die unter dem falschen Namen Lola Montez durch die Welt reist und auf ihren Geliebten wartet. Anfangs in Tikal, später in Toronto sucht sie nach Hinweisen, die er ihr hinterlassen haben könnte. Sie haben nämlich über Jahre hinweg ein ausgefeiltes Code-System entwickelt, mit dem sie ihre Treffen vereinbaren – wobei: vereinbaren trifft es nicht wirklich, dieses Wort setzt voraus, dass gemeinsam eine Entscheidung über Ort und Zeit getroffen wird. Doch hier entscheidet Coenraad, der Geliebte, wann, wo und wie sie sich treffen. Er trifft Sicherheitsvorkehrungen und setzt die Bedingungen, weil er für eine nicht näher zu identifizierende Agency arbeitet, eine Art Geheimdienst. Seit Jahren also nutzen sie den National Geographic, das dort „gedruckte Wort“ und „interpretieren es nach mathematischen Formeln“. Hat die Erzählerin den Code entschlüsselt, muss sie Coenraad noch entdecken. Er ist ein Meister der Tarnung, mal ein Obdachloser, mal ein Kellner. Meistens aber erkennt sie seine Augen oder Erscheinung: „So erkenne ich ihn immer: an der Art, wie er dasteht und wie ich mich fühle.“

Nun wartet sie in Toronto auf ihn – die Stadt, in der sie einst gelebt hat, in der ihr Ehemann und ihre Kinder noch immer leben. Erinnerungen holen sie zwangsläufig heim, als sie in ihrem schlichten schwarzen Kleid mit Perlenkette durch die Stadt wandelt, auf der Suche nach Hinweisen und Codes. Gedanken, Erinnerungen und Träume verschmelzen miteinander und je länger sie wartet, desto mehr erfährt man über ihr Leben – und zweifelt an der Zuverlässigkeit ihrer Erzählungen, die in einem so vertrauensvollen Ton verfasst sind, dass sie fast keine andere Deutung als die der Erzählerin zulassen. Weiterlesen

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Über Max Annas‘ „Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikoleit“

Es gibt keinen Kartoffelsalat in Max Annas‘ zweiten „Morduntersuchungskommission“-Band „Der Fall Melchior Nikoleit“. Das ist einerseits ganz gut, denn diese Szene, in der Oberstleutnant Otto Castorf von der Morduntersuchungskommission Jena „total betrunken“ nach Hause kommt und seine Frau Birgit ihm sagt, da sei noch Kartoffelsalat im Kühlschrank, hat bei mir einen tagelangen Heißhunger auf Kartoffelsalat ausgelöst. Andererseits ist das auch schade, denn Otto trinkt immer noch mehr als vorher, redet aber nicht mehr wirklich mit seiner Ehefrau. Vielmehr glaubt er, sie habe eine Affäre. Aber auch darüber redet er nicht. Ganz eingestellt hat er das Reden indes nicht. Er erzählt sogar seiner Mutter auf der Beerdigung seines Vaters, was er gemacht hat, am Ende des ersten Teils. Und sein Bruder weiß es eh.

Ein Toter in Jena

(c) Rowohlt

Diese Tat hallt nach, aber Otto macht vorerst weiter wie bisher bei der Polizei in Jena 1985. Ein junger Mann wurde tot aufgefunden. Melchior Nikoleit war ein Punker, hatte sogar eine Band – und diese Typen sind alles andere als gerne gesehen in der DDR. Sie sind „Gammler“, ihre Haare sind zu lang, die Klamotten schmuddelig und kaputt und sie stören die Ordnung. Aufgeklärt werden soll die Tat aber dennoch. Zumal sie auch einen guten Vorwand liefert, sich diese Punkerszene mal genauer anzusehen …

Auf vier Teile hat Max Annas seine „Morduntersuchungskommission“-Reihe angelegt – und dieser zweite Teil hat mich immer wieder an die „Kommissar Beck“-Reihe erinnert – eine Art Mischung aus Buch und Serie. Wegen der sozialistischen Tristesse in Thüringen. Wegen der soziologischen Erkundungen des Alltags, die in der Summe zu einer der Gesellschaft werden. Beispielsweise bei der Frage, ob Otto und Birgit ihre älteste Tochter auf ein Sportgymnasium gehen lassen, weil sie gut schwimmt. Eigentlich eine gute Chance, aber ein Leipziger Kollege hat zu ihm gesagt: „Da gibst du ein Mädchen ab und kriegst einen Mann wieder.“ Und das geht Otto nicht mehr aus dem Kopf. An Beck erinnerte mich auch Ottos Herangehensweise an die Fälle: Er bemüht sich zumindest um Verständnis für die Jugendlichen, er erinnert sich an sein eigenes Heranwachsen, den Vater, der ideologisch immer noch ein wenig strenger war als Ottos Ausbilder.

Außerdem die Erzählweise – hier nun eher die Serie: Annas splittert die Perspektiven zwischen Otto, der Pfarrerstochter Julia Frühauf und den NVA-Offizier Erich Marder, die im Gesamtbild ein vielstimmiges Bild von dieser Zeit vermitteln. Besonders beeindruckt hat mich Julia Frühaufs Perspektive. Fast beiläufig erzählt sie, wie selbstverständlich Gewalt ein Teil ihrer aller Erziehung war. Beständig versucht sie, diese Sehnsucht nach etwas anderem im Leben in Worte zu fassen, die die Heranwachsenden empfinden. Die Erregung, wenn sie verbotenerweise in Häuser eindringen; die vorsichtige Rebellion mit Kleidung und Frisur; die Versuche, die englischen Texter anderer – das meint hier westlicher – Punkbands zu verstehen. Dazu aber gibt diese Perspektive gibt nicht nur Einblick in die wachsende Unruhe der Jugend, sondern auch die Verbindungen zwischen Punk-Szene und kirchlicher Opposition.

Die dritte Perspektive gehört Erich Marder, Offizier bei der NVA, und besorgt, weil ein Foto verschwunden ist. Ein Foto, auf dem er mit Kameraden von der Wehrmacht neben erschossenen britischen Offizieren zu sehen ist. Dieses Foto könnte ihm eine Menge Ärger bereiten, obwohl er ja „nicht einmal ein richtiger Nazi gewesen“ ist. Nazi kann es in der DDR ja auch gar nicht geben (was natürlich abgesehen von der Geschichte bereits im ersten Teil deutlich widerlegt wurde.) Erich Marder ist zudem der Vater einer der Punk-Kollegen von Melchior. Es ist abermals eine Vater-Kind-Beziehung, die abermals ideologisch durchdrungen und belastet ist. Überhaupt sind die Väter in diesem Kriminalroman vor allem streng, brutal und ignorant – mit Ausnahme von Otto.

Ideologischer Alltag

Ideologien durchziehen hier jeden Winkel des Lebens. Zwei Hauptverdächtige gibt es für den Mord an Melchior Nikoleit: den verdienten Genossen Marder – und Melchiors Vater, einen Antiquitätenhändler, der regelmäßig in den Westen fährt und unter Verdacht steht, dorthin abhauen zu wollen. Ersterer kann nicht der Mörder sein, das geht einfach nicht – der Vater hingegen wäre der ideale Täter. Auch eine Morduntersuchung macht vor Ideologien nicht halt. Annas schlägt natürlich nicht denselben Haken wie im ersten Teil. Tatsächlich mündet sein Roman in ein Ende, der alles andere als Beck-mäßig ist. Wie er damit weitermacht, darauf bin ich schon sehr gespannt.

Und es gab dann doch wieder einen für mich ebenso denkwürdigen Satz wie „Es ist noch Kartoffelsalat im Kühlschrank“: „Ein Küchentisch, der zum Schreibtisch umfunktioniert worden war, zweitüriger Kleiderschrank, Weinkisten mit Schallplatten, obenauf lag BAP, von denen hatte Otto schon einmal gehört, Westrock aus Düsseldorf oder so.“

Max Annas: Morduntersuchungskommision: Der Fall Melchior Nikoleit. Rowohlt 2020. 336 Seiten.

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Interview mit Attica Locke

Zu Attica Lockes neuen Roman habe ich nicht nur das Nachwort geschrieben, sondern auch für den Polar Verlag ein Interview mit ihr geführt.
Warum schreiben Sie Kriminalromane?

Mich fasziniert die Psychologie von Menschen, die Verbrechen begehen. Außerdem erlauben Krimis, gesellschaftliche Themen zu erforschen, ohne polemisch oder didaktisch zu wirken.

 „Bluebird, Bluebird“ und „Heaven, My Home“ sind die ersten beiden Teile eine der Highway-59-Reihe – wie würden Sie sie beschreiben?

Die Reihe folgt Texas Ranger Darren Matthews, der Ermittlungen zu Verbrechen in kleinen Städten am Highway 59 im Osten von Texas durchführt. Meine Familie – sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits – kommt aus Kleinstädten am Highway 59. Ich bin mit Fahrten auf diesem Highway zu meiner Verwandtschaft aufgewachsen, das ist ein wichtiger Teil meiner Lebensgeschichte und des Lebens meiner Vorfahren. Ich wollte über die Schwarzen Texaner in Ost-Texas schreibe.

Foto: Carsten Klindt

Warum ist Ihre Hauptfigur ein Texas Ranger?

Als ich beschloss, eine Reihe zu schreiben, wusste ich, dass ich eine Hauptfigur brauche, die in jedem Buch vorkommt. Da es aber um den Highway 59 gehen soll, der von Laredo im Süden bis Texarkana im Norden führt, durfte die Hauptfigur nicht zu sehr an einen Ort gebunden sein. Die Zuständigkeit der Texas Ranger ist viel weiter gefasst als die anderer Stafverfolgungsbehörden im Staat. So kam ich auf die Idee, die Hauptfigur zu einem Texas Ranger zu machen.

In Deutschland denken die meisten bei „Texas Ranger“ wohl an die Serie mit Chuck Norris. Wie werden sie in Texas und in USA gesehen?

Wie Sie haben die meisten Menschen in den USA vermutlich lediglich eine Ahnung, was ein Texas Ranger eigentlich ist – und diese beruht vermutlich ebenfalls auf besagter Fernsehserie. In Texas hingegen gelten sie als Eliteeinheit. Es gibt nur rund 150 Texas Ranger in dem gesamten Staat. Und sie dürfen gegen andere Strafverfolgungsbehörden ermitteln. Sie sind wie ein Mini-FBI.

Wie die Vorstellung der Texas Ranger ist auch die Vorstellung von Texas sehr von Büchern und Filmen geprägt, Ihre Romane erweitern dieses Bild.

Ich wollte, dass die Leute bei Texas nicht nur an weiße Rancher denken, sondern auch an einen Ort, an dem Schwarze Cowboys und Farmer leben. Der Osten von Texas unterscheidet sich zudem sehr vom Südwesten des Bundestaates, er ist dem amerikanischen Süden viel ähnlicher. Denken Sie also an Kiefern und Bäche statt an Kakteen und Wüste.

 Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Texas beschreiben?

Es ist ein großer Teil meiner Identität. Ich liebe, woher ich komme. Aber meistens mag ich die Politik in Texas nicht. Es ist eine komplizierte Beziehung: Ich liebe es, ich liebe es, “nach Hause” zu kommen, aber ich betrachte auch Kalifornien als mein Zuhause.

Die Frage, was Heimat eigentlich ist, wird in beiden Romanen erforscht. Was ist Heimat – auch für Sie?

„Heaven, My Home“ behandelt Heimat noch expliziter als der erste Roman und erzählt davon, wie schwierig es für Schwarze Amerikaner und Natives sein kann, sie zu definieren. Was bedeutet Heimat für die Caddo, von denen die meisten heutzutage in Oklahoma leben, was nicht ihre Heimat ist? Und was bedeutet Heimat für Schwarze, die in der Zeit der Sklaverei aus Afrika auf eine Plantage gebracht wurden?

Heimat ist – auch für mich – ein unsicheres Konzept. Ich lebe in Los Angeles, aber ein Teil meiner Seele lebt in Osttexas, wo meine Vorfahren herkommen.
Zu dieser Heimat und ihren Romanen gehört zweifellos auch der Blues, schon der Titel „Heaven, My Home“ ist ein Verweis auf einen Blues-Song. Was bedeutet Ihnen diese Musik?

Bluesmusik gibt mir das Gefühl, eng mit meiner Herkunft verbunden zu sein. Insbesondere Lightnin Hopkins ist meine Muse. Seine Musik ist so, wie ich auf dem Papier sein will: Schlau, lustig, weise und ehrlich.

Ich höre immer Musik, wenn ich schreibe. Sie hilft mir, in die richtige Stimmung zu kommen, sie hilft mir, mein Herz und meinen Verstand anzuregen. Und ich denke gerne, dass meine Prosa einen poetischen Stil hat, dass Musik meinen Stil prägt. Außerdem erwähne ich auch gerne Songs in den Büchern, sie verstärken das Gefühl für den Ort, denke ich.

(c) Polar Verlag

Ihre Romane sind sehr gegenwärtig, ich konnte die Agonie, die Verwirrung und auch Angst nach der Wahl Trumps fast spüren. Warum spielt der Roman zwischen der Wahl und Inauguration Trumps?

Aufgrund der Ereignisse am Ende von „Bluebird, Bluebird“ musste ich die Geschichte innerhalb von Wochen nach diesen Geschehnissen aufgreifen. Es wäre unglaubwürdig gewesen, dass sechs Monate oder ein Jahr vergangen sind, ohne dass zwischen Darren und seiner Mutter etwas wegen der Waffe geschehen wäre. Also beginnt „Heaven, My Home” ungefähr sechs Wochen nach „Bluebird, Bluebird”, was bedeutet, dass Trump zwar gewählt war, aber noch nicht im Amt. Letztlich hat es mir auch die Möglichkeit gegeben, eine Art „tickende Uhr” zu schaffen – ein Gefühl der Dringlichkeit unter den Texas Rangers und der Federal Task Force, Anklage gegen eine White-Supremacist-Gruppe zu erheben, bevor ein White Supremacist sein Amt antritt.

Wie haben Sie auf die Wahl Trumps reagiert?

Ich war am Boden zerstört. Sie fühlte sich an wie eine Zurechtweisung für die Fortschritte, die gegen Rassendiskriminierung unternommen wurden und von denen ich hoffte, sie würden weitergehen. Seit seiner Wahl bin ich voller Zorn. Ich bin die ganze Zeit über deprimiert und wütend.

Vergebung ist ein wichtiges Motiv in „Heaven, My Home“ – der Satz, „Schwarze sind die versöhnlichsten Menschen auf der Welt“ fällt einige Male. Wie stehen Sie dazu?

Ich denke, dass diese Aussage wahr ist. Aber ich denke auch, dass die Zeile im Buch, dass wir nicht wissen, ob es uns zu Heiligen oder Handlangern macht, ebenfalls wahr ist. Black Forgiveness richtet sich oftmals gegen uns: Es ist ein Schauspiel, dass einige Weiße tröstet und sie davon abhält, ihr rassistisches Verhalten zu ändern.

Attica Locke (c) Mel Melcon, Los Angeles

Geschichte ist für Ihre Romane ebenfalls wichtig. Wie haben Sie sie recherchiert – und was bedeutet Geschichte für Sie?

Ich bin nach Jefferson, Texas gefahren, habe Zeit am Caddo Lake verbracht. Außerdem habe ich viel zu der Geschichte der Gegend gelesen, viele Bücher über die Caddos und die Zeit in Jefferson vor dem Bürgerkrieg.

An Geschichte denke ich mit Faulkner: Es ist etwas, was immer bei uns ist und nichts, was man von der Gegenwart trennen kann. Wie gehen immer Seite an Seite mit den Geistern unserer Geschichte.

Ich habe gelesen, dass das Buch durch eine Hochzeit auf einer Plantage inspiriert wurde …

Im Jahr 2004 war ich auf einer Hochzeit auf der Oak Alley Plantage in Vacherie, Louisiana. Ich war noch nie zuvor auf einer Plantage und die Gefühle haben mich überwältigt … aber auch verwirrt. Warum haben sich ein weißer Mann und eine Schwarze Frau dazu entschieden, auf dem blutgetränkten Land einer Plantage zu heiraten? Ich wartete den ganzen Abend darauf, dass jemand eine Rede hält und etwas Poetisches dazu sagt, wo wir sind und warum … dass wir uns alle dort versammelt hatten, um dieses geschundene Land mit Liebe zu erneuern und als Anerkennung dafür, wie weit wir in diesem Land nun gekommen ist.

Dann war ich zutiefst enttäuscht als sich herausstellte, dass das Brautpaar den Ort lediglich aufgrund seiner Schönheit ausgesucht hatten, dass sie sich nicht für die Geschichte interessierten. Damit begann meine Faszination für historischen Tourismus und die Art und Weise, wie diese Stätten umgestaltet und neu genutzt werden. Es erlaubt den Menschen zu vergessen, was auf Plantagen in den USA wirklich passiert ist. Ich war so verstört von alle dem – also habe ich ein Buch geschrieben.

 

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Über „Miracle Creek“ von Angie Kim

„Mein Mann bat mich zu lügen.“ Schon der erste Satz von Angie Kims „Miracle Creek“ lässt erahnen, dass es um alles andere als schlichte Wahrheiten gehen wird. Es ist keine große Lüge, die ihr Mann Pak von Young Yoo verlangt. Sie soll sagen, dass er die ganze Zeit über bei ihr war, als die Sauerstoffdruckkammer explodiert ist. Pak ist der zertifizierte Techniker für die Kammer und die Behandlung. Er ist eigentlich für den Schaltraum verantwortlich. Young ist nur eingesprungen. Doch an dem Abend kam es zu der Explosion, durch die der achtjährige Henry und die fünffache Mutter Kitty gestorben sind und mehrere Menschen schwer verletzt wurden.

(c) hanserblau

Mit diesem schlicht „Der Vorfall“ betitelten Kapitel beginnt „Miracle Creek“. Anschließend geht es ein Jahr später weiter: Henrys Mutter Elizabeth Ward wird angeklagt, die Explosion herbeigeführt zu haben, weil sie mit der Sorge um ihren autistischen Sohn überfordert war. Von Tag zu Tag erzählt Angie Kim nun von dem Prozess. Mit seinem Beginn wird die Erzählperspektive personal und wechselt von Kapitel zu Kapitel zwischen den Figuren. Die erste Zeugenaussage scheint die Version der Staatsanwaltschaft und den Verdacht gegen Elizabeth Ward zu bestätigen. Sie sät aber auch Zweifel: an dem Zeugen Matt Thompson, der zweifellos etwas zu verbergen hat und sich schuldig fühlt – und damit auch der Version des Tathergangs. Schnell ist klar: alle Personen, die an diesem Abend eine Rolle gespielt haben, wollen etwas verheimlichen. Aus Schuld, Scham oder falscher Rücksichtnahme. Mit jeder weiteren Aussage und jedem weiteren Kapitel verändert sich daher die Version der Geschehnisse.

Der Prozess gibt diesem Roman einen Rahmen, innerhalb dessen Angie Kim zahlreiche Themen verhandelt. Young Yoo ist einst mit ihrer Tochter Mary von Südkorea in die USA eingewandert, um ihr ein besseres Leben zu ermöglichen. Ihr Mann Pak ist vier Jahre später nachgekommen. Diese Trennung hat die Familie entfremdet, zumal sich Mary nicht richtig eingelebt hat. Sie weiß, welche Erwartungen ihre Eltern für ihr Leben haben, zugleich ist sie von einer tiefen Einsamkeit durchdrungen. Die Einwanderungserfahrung hat auch Matts Ehefrau Janine. Sie ist Ärztin, sie hat die Karriereerwartungen ihrer Eltern erfüllt und will nun unbedingt schwanger werden. Doch Matts Spermien haben keine ausreichende Qualität – deshalb saß er in dem Tank.

Angie Kim (c) Jesse Dittmar

Die Scham und der Druck, die mit unerfülltem Kinderwunsch verbunden sind, die Ambivalenzen der Mutterschaft sind starke Themen in diesem Roman. Paks größte Patientengruppe sind Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Die Mütter, die mit ihren Kindern dorthin kommen – und es sind ausschließlich Mütter –, konkurrieren oftmals um die beste Sorge und größte Aufopferung. Die angeklagte Elizabeth galt eigentlich als herausragendes Beispiel einer „guten Mutter“. Ihre Überforderung, ihre Übermüdung sieht hingegen kaum jemand. Auch die Frauen untereinander wagen es nicht, sich diese Gefühle einzugestehen. An dem Tag des Vorfalls war sie das erste Mal nicht mit in der Kammer. Und damit steht sie auch vor Gericht, weil sie ihr Kind alleine gelassen hat. Dazu kommt, dass die Sauerstofftherapie umstritten ist und als alternative Behandlungsmöglichkeit längst zum Anlass erbitterter Proteste und Kämpfe geworden ist. Diese Proteste behindern die Arbeit der Yoos – und bald ist klar, dass auch Pak ein gutes Motiv hatte, die Explosion zu verursachen.

Vieles in diesem Buch hat die Autorin Angie Kim selbst erlebt: sie ist als Kind in die USA aus Südkorea eingewandert, sie hat sich von ihren Eltern verlassen gefühlt und mit ihrem eigenen Kind einer Sauerstoff-Überdruck-Therapie gemacht. Aber nicht diese biographischen Parallelen machen dieses Buch bemerkenswert: Es ist vielmehr die Empathie, die Angie Kim für ihre Figuren aufbringt. Sie hassen, sie lieben, sie sind neidisch, lehnen bisweilen ihre eigene Familie ab. Sie treffen schlechte Entscheidungen, verhalten sich widersprüchlich. Und in alledem sind sie zutiefst menschlich. Der Prozess enthüllt nun ein kompliziertes, verstricktes Netz aus Kleinigkeiten. „Gute und schlechte Dinge – jede Freundschaft, jede Liebe, jeder Unfall und jede Krankheit – waren das Ergebnis der Verschwörung Hunderter Kleinigkeiten, die jede für sich genommen vollkommen belanglos waren.“ Im Zusammenspiel aber führten diese an sich belanglosen Kleinigkeiten zu der Explosion.

Angie Kim gelingt es, die vielen Stränge und losen Enden zu einem Schluss zusammenzuführen, der stimmig ist – und zugleich alles andere als einfach. Es gibt viele verschiedenen Arten von Schuld und die Schuld an diesem Vorfall trägt jemand, dem man es nicht wünschen würde. Wahrheitssuche – vor Gericht oder im Leben – ist ein langsamer, mühsamer, schmerzhafter und ungemein spannender Prozess. Und kleine Lügen, die gibt es nicht.

Angie Kim: Miracle Creek. Übersetzt von Marieke Heimburger. Hanserblau. 512 Seiten. 22,70 Euro.

Dieser Text erschien zuerst im CrimeMag 06/2020.

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Psycho-Spiele

(c) Penguin Verlag

Kriminalromane, die im Gefängnis spielen, handeln sehr häufig von einem Ausbruch: der Planung, der Durchführung, der Hetze danach. Dagegen konzentriert sich Debra Jo Immergut in „Die Gefangenen“ am Anfang auf ein Zusammentreffen im Gefängnis: der Psychologe Frank Lundquist erkennt in seiner neuen Patientin Miranda Greene das Mädchen wieder, für das er einst in der Highschool geschwärmt hat. Nun ist sie Anfang 30 und wurde zu einer sehr langen Haftstrafe in der Frauenstrafanstalt Milford Basin verurteilt. Sie scheint ihn nicht zu erkennen – und er verpasst den Moment, diese Bekanntschaft aufzuklären. Es ist der erste von vielen Momenten, die Frank verpassen wird – oder nicht der erste, je nachdem, wie man sein bisheriges Leben bewertet.

Frank Lundquist hatte einst eine gutgehende Praxis in New York, er ist der Sohn eines berühmten Psychologen-Vaters und erzählt in „Die Gefangenen“ aus der Ich-Perspektive insbesondere von verpassten Chancen. Er weiß selbst nicht genau, wann sein Leben die falsche Richtung nahm, findet aber immer wieder eine Erklärung darin, dass er nicht wirklich anders konnte. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Passivität und fast schon verzweifeltem Handeln, das ihn charakterisiert. Natürlich verliebt er sich abermals in Miranda und will ihr helfen. Aber sein Wunsch übersteigt fast das klassische Helfersyndrom, denn es geht ihm nicht nur darum, als Mirandas Retter dazustehen, sondern er will auch sicherstellen, dass er sich in ihrer Nähe aufhalten kann.

Miranda Greene hingegen ist anfangs in einer stumpfen, wasserglockigen Passivität eingeschlossen. Zwei Wochen musste sie in Isolationshaft verbringen, weil sie zu viele Regelverstöße hatte, dort hat sie beschlossen, dass sie sich umbringen will. Aus diesem Grund ist sie überhaupt ins Beratungszentrum gegangen und hat einen Psychologen aufgesucht. Die Kapitel, in denen es um sie geht, sind aus einer personalen Perspektive erzählt, die es ermöglicht, gewisse Dinge zurückzuhalten und erst später preiszugeben. Früh werden bestimmte Aspekte angedeutet: sie hat ihre Schwester verloren, wurde für eine Tat besonders hart verurteilt, hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater, stammt aber aus einer gutbürgerlichen Familie. Nach und nach ist über sie und ihr Leben zu erfahren – und tatsächlich ist Miranda Greene weitaus interessanter als Frank Lundquist und vor allem weitaus schlauer, als er glaubt.

Debra Jo Immergut (c) Stephan Lewis

Es sind insbesondere die Nuancen, die diesen Roman spannend machen: Frank ist jemand, der glaubt, er habe die Kontrolle – obwohl ihm eigentlich seine Erfahrung sagen müsste, dass er sie nicht hat. Die Momente, in denen der Kontrollverlust offensichtlich ist, führen bei ihm zu Panik. Er genießt die Oberhand, die er gegenüber Miranda hat, dabei kommt es ihm nicht in den Sinn, dass er Grenzen überschreitet. Vermutlich würde Frank von sich sagen, er sei ein guter Kerl oder zumindest, dass er gute Absichten hat. Tatsächlich aber nutzt er seine Macht aus. Miranda indes scheint das lange hinzunehmen – und in diesem feinen Spiel liegt ein beträchtlicher Reiz. Allerdings wäre es noch spannender gewesen, wenn mehr über Miranda zu erfahren gewesen wäre. Sicherlich ist die Gegenüberstellung von Franks Vorstellung von ihr, die hauptsächlich auf der Fantasie eines Teenagers beruht, die damals schon falsch war, mit Miranda in der Gegenwart spannend – aber es dauert sehr lange, bis Miranda zu einem aktiven Part wird. Das ist intendiert, aber nicht immer gut ausbalanciert.

Es sind die psychologischen Details, die Debra Jo Immerguts „Die Gefangenen“ auszeichnet. Sie spürt den familiären Dynamiken sowohl bei den Lundquists als auch den Greenes nach. In beiden Familien haben die Eltern die Kinder in gewisser Weise verraten: Lundquists Vater hat ihn zu einem berühmten Forschungsobjekt gemacht, dem Maßstab, an dem jedes andere Kind gemessen wird. Dennoch ist sein Vater kein Monster, sondern zumindest in Franks Perspektive ist das Bemühen des Vaters aufrichtig. Mirandas Eltern hingegen haben sich auf einen Deal eingelassen, um die Karriere des Vaters nicht zu beschädigen – und damit ihre Schwester verraten. Miranda kann ihnen das nicht verzeihen, dennoch kümmern sich die Eltern um Miranda und versuchen ihr zu helfen.

Diese Nuancen sind es, die über gewisse Längen in diesem Roman hinweghelfen, der schon mit seiner erzählerischen Struktur Erwartungen unterläuft. Wichtige Ereignisse werden ebenso beiläufig erzählt wie unwichtige; das Erzähltempo insbesondere von Mirandas Part ist dem eintönigen Rhythmus im Gefängnis angepasst. Es gibt keine strikte chronologische Order, keine sichtbare Reihenfolge, obwohl zumindest die zeitlichen Überschriften vor Mirandas Passagen das andeuten. Das führt zu manchen Enthüllungen, bei dem ich einige Seiten zurückgeblättert habe, weil ich mir sicher war, ob sie zuvor schon angedeutet wurden oder tatsächlich so beiläufig preisgegeben werden. Dazu gehört auch, wie Miranda ins Gefängnis gekommen ist. Früh ist klar, dass sie 52 Jahre wegen Totschlag bekommen hat – aber die genauen Umstände werden erst auf den letzten 10 Seiten erzählt. Denn letztlich spielen sie keine Rolle mehr, die Strafe ist festgesetzt, Miranda ist bereits im Gefängnis, die Umstände spielen keine Rolle mehr. Hier wird sehr klar, dass Immergut nicht darauf setzt, ihre Hauptfigur in die fürchterlichen Kategorien von „sympathisch/unsympathisch“ einzuordnen. Die Höhe von Mirandas Strafe ist ein Fakt, mit dem sie leben muss. Deshalb ist „Die Gefangenen“ ein guter psychologischer Spannungsroman, dessen Reiz vor allem in den feinen Spielereien der Figuren liegt.

Debra Jo Immergut: Die Gefangenen. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Penguin 2020.

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Domestic Thriller – „The Couple“ von Araminta Hall

„Man kann sich auch mit allzu viel Scharfsinn darum bemühen, die Wahrheit herauszufinden. Bisweilen muss man einfach anerkennen, dass deren Züge verschleiert sind. Natürlich ist dies eine Liebesgeschichte“. Dieses Zitat von Iris Murdoch steht am Anfang von Araminta Halls „The Couple“. Danach beginnt Mike, von seiner Beziehung zu Verity zu erzählen, die er meistens V nennt. Und für ihn ist das fraglos eine Liebesgeschichte.

(c) Heyne

Kennengelernt haben sie sich während des Studiums. Schon damals konnte er kaum fassen, dass die reiche, beliebte, wunderschöne V sich mit ihm abgibt, dem stillen, seltsamen Pflegekind mit traumatischer Kindheit. Acht Jahre waren sie zusammen, nun hat sich V von ihm getrennt, ihm sogar eine Einladung zu ihrer Hochzeit geschickt. Doch Mike hat eine andere Deutung ihres Verhalten: Er glaubt, sie spielen ein „neues, erheblich komplexeres Crave“. Crave war ihr Lieblingsspiel während ihrer Beziehung: Sie gehen getrennt in dieselbe Bar, warten, dass V von einem anderen Mann angesprochen wird und auf ihr Zeichen hin – ein Griff an den Adler-Anhänger ihrer Halskette – kommt Mike und fragt den Typen, warum er seine Freundin anmacht. Meistens weicht der Typ dann zurück und diese Demonstration von Macht und Zugehörigkeit erregt Mike und V ungemein. V hat dem Spiel den Namen gegeben, V hat die Kontrolle – doch am Ende dieser Runde sitzt Mike im Gefängnis, weil er des Mordes an Vs Ehemann verdächtigt wird. Weiterlesen

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