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Krimi-Kritik: „Lauras letzte Party“ von J.K. Johansson

Dreiteilig ist J.K. Johanssons Reihe um die Sonderpädagogin Miia Pohjavirta, die ihre Stelle bei der Polizei aufgegeben hat und nun an ihrer alten Schule arbeitet. Noch vor ihrem ersten Tag verschwindet die Schülerin Laura – und Miia wird dadurch mit ihrer Vergangenheit konfrontiert: Vor 20 Jahren verschwand ihre Schwester Venla und wurde niemals gefunden. Also stellt sie eigene Nachforschungen an.

(c) Suhrkamp

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In „Lauras letzte Party“ gibt es die üblichen Zutaten einen konventionellen Kriminalromans: Miia ist klug, hat wechselnde Männerbekanntschaften und durch das Verschwinden ihrer Schwester sowie ihrer Internetsucht eine belastete Vergangenheit; erster Hauptverdächtiger ist Miia Bruders Nikke, der an der Schule als Psychologe arbeitet und zu Laura ein enges Verhältnis hatte; den Fall übernimmt Miias Ex-Kollege Korhonen, ein alter, kluger Ermittler, der unter seinem medienaffinen, karriereorientierten Chef leidet; und die Verschwundene ist eine hübsche 16-Jährige, die sich seit einiger Zeit radikal gewandelt hat. Hinzu kommen ein wenig Medien- und Internetkritik, eine mysteriöse Halskette, eine dubiose Kosmetikfirma und zwei verschiedene Männer in Miias Leben, von denen der eine nett und der andere mysteriös wirkt. Entsprechend gibt es keine überraschenden Entwicklungen, auch ist bisher die ‚Internetkritik‘ zu aufgesetzt, aber innerhalb der Gesellschaftskritik wird mit dem Eizellenspenderinnen-Handlungsstrang ein interessantes Thema angesprochen, das Potential bietet. Außerdem ist das Setting gut gewählt, es ist plausibel, dass sich in Palokaski, einem Vorort von Helsinki, fast alle bereits kennen oder kennenlernen und sich mehrfach über den Weg laufen. Daher ist dieser erste Teil der Palokaskis-Trilogie keine kriminalliterarische Offenbarung, aber mit 256 Seiten eine kurzweilige Sommerlektüre, die nach dem ersten Teil ausreichend Fragen für die Fortsetzung offen lässt.

J.K. Johansson: Lauras letzte Party. Übersetzt von Elina Kritzokat. Suhrkamp 2015.

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Getestet: Die Skandinavien-Edition von ebook.de

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Bereits im letzten Jahre habe ich von ebook.de das Angebot erhalten, mir ihre Plattform und skandinavisches Krimi-Angebot anzusehen. Vor zehn Jahren als libri.de gestartet, kann man auf ebook.de gedruckte und elektronische Bücher kaufen, außerdem können mit der Lese-App die E-Books in Sammlungen sortiert und die Angebote von anderen Anbietern der ‚Tolino-Allianz‘ genutzt werden – Thalia, Hugendubel und buecher.de gehen also, Amazon nicht.

Ich hatte die Wahl zwischen Krimi-Länderpaketen (kosten je 9,99 Euro) oder der Skandinavien-Edition mit zehn Kriminalromanen aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland (29,99 Euro) und habe mich für letzteres entschieden. Daraufhin bekam ich einen Gutschein-Code, den ich beim Kauf einlösen konnte.

Der Kaufvorgang verläuft wie bei allen anderen Buchseiten auch: Ich musste ein Konto anlegen, dann habe ich die Edition in den Warenkorb gelegt, bin zur Kasse gegangen, habe den Gutschein eingelöst und konnte die Titel herunterladen – entweder auf einen E-Reader oder in eine der Lese-Apps (dafür habe ich mich entschieden). Die Seite ist sehr übersichtlich und gut zu bedienen, auch der Download klappte ohne Schwierigkeiten. Recht schnell landeten auf diese Weise also zehn Titel auf meinem Handy bzw. Tablet: Weiterlesen

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Finnland – Eine Verlosung

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Nachdem sich in den letzten Wochen im Zeilenkino fast alles um finnische Kriminalliteratur gedreht hat, möchte ich meine Finnland-Reihe passenderweise mit der Verlosung eines finnischen Kriminalromans beenden. „Das Begräbnis des Paten“ ist ein Buch aus der Hämelinna-Noir-Reihe des Autors Tapani Bagge, aus der bisher erst zwei Bände in deutscher Übersetzung erschienen sind. Sie spielen alle in der Kleinstadt Hämelinna und ihre Hauptfiguren sind meist Kleinkriminelle – und die Polizistin Leila, die von dem Gelegenheitsgauner Allu schwanger ist. Nun soll Leilas Patenonkel verschwunden sein und sie begibt sich auf die Suche nach ihm.

„Das Begräbnis das Paten“ bietet einigen schrägen Humor und viel Action. Um das Buch zu gewinnen, hinterlasst einfach einen Kommentar. Wie immer gilt: Der Gewinner wird ausgelost, nur eine Teilnahme pro Haushalt.

Und noch ein Linktipp: Hier geht es zu meinem Interview mit Tapani Bagge.

Seppo Jokinen (c) crimetime

Finnland – Im Gespräch mit Seppo Jokinen

Sakari Koskinen ist die Hauptfigur in Seppo Jokinens Krimi-Reihe, die in Finnland sehr popular ist. Hierzulande ist mit „Gefallene Engel” der erste Band bei arsVivendi erschienen.

Seppo Jokinen (c) crimetime

Seppo Jokinen (c) crimetime

Welches sind die Eigenheiten von finnischer Kriminalliteratur?
Ein finnischer Kriminalroman ist oft sozialkritisch und aktuell, normalerweise wird er von einer starken psychologischen Spannung bestimmt. Die meisten Bücher sind Polizeiromane, die von gewöhnlichen Verbrechen und Verbrechern handeln. Die Erzählweise ist realistisch und die Polizisten sind keine Superhelden. Ihre eigenen Beziehungen mit Höhen und Tiefen sind üblicherweise Teil der Erzählung. Typische Whodunit-Geschichten werden hingegen weniger in Finnland publiziert.

Und was ist der Unterschied zwischen finnischer und skandinavischer Kriminalliteratur?
Die finnische Kriminalliteratur ist ‘weicher” als die anderer nordischer Länder, die Gewalt wird weniger brutal beschrieben. Die Kriminellen rutschen meist ins Verbrechen und sind oft selbst Opfer der Umstände. Auch organisiertes Verbrechen spielt in finnischer Kriminalliteratur eine geringere Rolle.

Warum ist finnische Kriminalliteratur nicht so erfolgreich wie schwedische?
Das ist eine schwierige Frage. Vielleicht sind finnische Kriminalromane immer noch ein wenig „home-made”. Vielleicht ist das Milieu immer noch ein wenig zu exotisch für die Europäer.

„Gefallene Engel” ist Ihr sechster Roman über Sakari Koskinen, aber für deutschsprachige Leser ist es der erste. Können Sie mir etwas über seinen Hintergrund erzählen?
Sakari Koskinen ist geschieden und lebt alleine. Er hat einen erwachsenen Sohn und einen vierjährigen Enkel. Seine Hobbies sind Radfahren und Marathonläufe.
In den ersten beiden Büchern war er Sergeant. Er hat seine Arbeit so gut gemacht, dass ich entschieden habe, ihn zum Inspektor zu befördern. Aber dieser sture Mann hat Schwierigkeiten mit seiner neuen Position. Inspektoren sind übergeordnete Beamte, ihre Aufgaben sind administrativ, und normalerweise ermitteln sie nicht mehr vor Ort. Aber Sakari Koskinen ist hier eine Ausnahme: Er will die Verbrechen selbst lösen. Zwar vertraut er seinen Kollegen, aber er verabscheut Papierarbeit und Computer. Gelegentlich sagt er sich deshalb, dass ein Polizist nicht hinter einem Schreibtisch sitzen soll.

Warum lebt Sakari Koskinen in Tampere?
Tampere ist ein guter Ort für Kriminalromane: Tampere ist einerseits groß genug, um alle Elemente für eine realistische, alltägliche Storyline zu bieten, andererseits ist es nicht zu groß, um es beim Schreiben nicht unter Kontrolle halten zu können. Außerdem ist wichtig, ein Umfeld zu wählen, in dem sich der Autor auskennt. Ich bin in Tampere geboren und lebe fast mein ganzes Leben hier.

Ihre Reihe ist in Finnland sehr erfolgreich – was glauben Sie, welche Gründe hat es?
Vielleicht liegt es daran, dass meine Polizisten und Verbrecher so gewöhnliche Menschen mit Freuden und Sorgen sind, dass sich die Leser leicht mit ihnen identifizieren können. Außerdem spielt die Handlung auch in einer alltäglichen Umgebung, die leicht wiederzuerkennen ist.

In einigen finnischen Kriminalromanen geht eine Figur nicht zur Armee, sondern macht Zivildienst – und darüber machen sich immer alle lustig. Woher kommt das?
Viele Finnen sind argwöhnisch und haben Vorurteile gegen Zivildienstleistende. “Sind das überhaupt Männer? Sind sie nicht bereit, unser Land zu verteidigen?”. Das hängt vielleicht mit unserer Geschichte zusammen. Ich wollte mich über diese Vorurteile lustig machen.

Matti Rönkä (c) Olivier Favre

Finnland – Im Gespräch mit Matti Rönkä

Mit seiner Hauptfigur Viktor Kärpää hat Matti Rönkä ein neues Themengebiet in die finnische Kriminalliteratur gebracht: Viktor stammt aus Karelien, einer Landschaft in Nordosteuropa, die mittlerweile zwischen Finnland und Russland geteilt ist. Anlässlich der Buchmesse ist bei Bastei Lübbe der Sammelband „Finnische Freunde“ mit drei Viktor-Kärpää-Krimis erschienen.

Matti Rönkä (c) Olivier Favre

Matti Rönkä (c) Olivier Favre

Welche Eigenheiten hat finnische Kriminalliteratur?
Ich schätze, einige skandinavische Merkmale: Die Personen haben meist einen sozialen Hintergrund, ihre Handlungen geschehen aufgrund oder basieren auf ihrer Familie, ihrer Arbeit, ihrem sozialen Status, ihrer Rolle in der Gesellschaft – sie sind keine Individuen, die alleine handeln.

Und was unterscheidet finnische von skandinavischer Kriminalliteratur?
Der Mangel an Humor erscheint mir bei den anderen Skandinaviern unrealistisch. Insbesondre die Schweden haben eine Tendenz zum Predigen, sie weisen auf Fehlfunktionen in der Gesellschaft hin und warten, dass etwas passiert – sofort. Zumindest ein Komitee sollte eingerichtet werden.
Die finnische Literatur ist nicht so politisch und wir nehmen uns selbst und das Leben nicht so ernst. Oder wir wissen, dass das Leben so oder so miserabel enden wird. Wir sind fatalistischer und verbundener mit der Natur, heidnischer Geschichte, dem Zweiten Weltkrieg usw. Die Schweden, Norwegen und Dänen haben eine zivilisierte Geschichte für Jahrhunderte – wir nicht.

Warum ist finnische Kriminalliteratur nicht so erfolgreich wie bspw. die schwedische?
Die Schweden haben ihren Stil und Weg in den 1960er und 1970er Jahren gefunden. Wir hatten zu dieser Zeit noch keine ernstzunehmende Kriminalliteratur. Wir sind ihnen gefolgt, und mittlerweile wird Kriminalliteratur hier in Finnland geschätzt. Auch der europäische Markt hat erkannt, dass es in anderen nordischen Ländern interessante Bücher gibt. Aber wir sind später gestartet und hängen deshalb noch ein wenig hinterher.

Privatdetektive sind in finnischer Kriminalliteratur eher selten. Warum?
Privatdetektive sind in Finnland sehr ungewöhnlich und sie machen nichts raffiniertes – vielleicht arbeiten sie für eine Versicherungsgesellschaft oder einen eifersüchtigen Ehemann. Also ist es die Polizei – oder eine Gruppe von Polizisten- die die Verbrechen aufklärt.

Dennoch erinnert Ihre Hauptfigur Viktor Kärpää an einen Privatdetektiv.
Als Charakter verhält sich Viktor wie ein amerikanischer Detektiv: Er arbeitet alleine, außerhalb des offiziellen Systems und Gesetzes, er folgt seiner eigenen Moral, versucht am Leben zu bleiben und hilft den Menschen, denen er helfen muss – oder dessen Hilfe er nicht ablehnen kann. Viktor ist eine Art “Pastiche” eines Marlowe-Typs.

Für einige Zeit arbeitet Viktor als Bauunternehmer. Warum haben Sie sich für diesen Sektor entschieden?
Es ist eine Branche, in dem Fremde Arbeit bekommen, Männer, die aus anderen Ländern stammen. Außerdem ist die Baubranche der Bereich, in dem es die meiste Schwarzarbeit gibt, nicht immer Steuern gezahlt werden und auf allen Ebenen größere und kleinere illegale Dinge getan werden. Auf dieser Weise vermittelt die Branche ein Bild der Wirtschaftsverbrechen – und was Verbrechen in der Wirtschaft bedeuten kann.

Viktor kommt aus Karelien. Wie beeinflusst ihn das?
Vor allem ist es ein Paradigma, das ich beschreiben möchte: Viktor ist immer ein Außenseiter. In der Sowjetunion war er ein Finne – in Finnland wird er als Russe gesehen. Außerdem gibt mir sein ostfinnischer Hintergrund die romantische Möglichkeit, all die mythischen Dinge zu benutzen, die wir mit Karelien verbinden – die Natur, die Verbindung aus Melancholie und warmen Humor, aus Lachen und Tränen zur gleichen Zeit.

Ist das schwierige Thema Karelien, Russland und Finnland ein gängiger Topos in finnischer Literatur?
Wirklich nicht! Obwohl es jeder kennt. Aber ich denke, es ist ein gutes Beispiel für die Vergangenheit vieler Menschen und Familien. Kriege haben Grenzen verändert, man musste fliehen und ein neues Leben in einem anderen Land oder einer Gesellschaft finden, welche denkt, dass Du nicht einer von ihnen bist.

Viktor kämpft zudem mit den typischen Problemen eines Kleinkriminellen: Er will legal bleiben und ein guter Mensch sein, aber leider ist es nicht einfach, weil er von Verbrechen umgeben ist. Wird er einen Weg finden?
Er versucht es sehr, und sein Leben wird immer legaler. Aber man kann alles kaufen oder loswerden – außer seiner Vergangenheit. Und das ist etwas, womit Viktor leben muss.

Wie würden Sie Viktors’ Sidekick Korhonen beschreiben?
Korhonen ein wichtiger Charakter, er und Viktor sind wie Brüder – oder wie verschiedene Seiten, die zusammen einen Menschen ergeben.

In Deutschland wurde der fünfte Teil mit Viktor Kärppä veröffentlicht, also sind wir nicht auf dem Laufenden. Können Sie mir einen kleinen Ausblick auf Viktors Zukunft geben?
Ich habe die Reihe mit dem siebten Buch (im letzten Jahr veröffentlicht) beendet. Viktor bleibt am Leben und ich habe versucht, ihm eine Chance zu geben, dass er mit sich selbst gnädiger umgehen kann. Andersfalls hätte er einen Herzanfall bekommen!

Bei Nicole von My Crime Time finden derzeit ebenfalls finnische Krimiwochen statt – und zufälligerweise hat sie heute ihre lesenswerten Anmerkungen zu Rönkäs „Russische Freunde“ veröffentlicht.

Marko Leino (c) Heini Lehväslaiho

Finnland – Im Gespräch mit Marko Leino

Mit „In der Falle“ hat Marko Leino einen der besten finnischen Kriminalromane der letzten Jahre geschrieben. In verschiedenen Perspektiven erzählt er von dem Polizisten Juha Viitasalo, der einst eine korrupte Tat begang, seiner depressiven Frau Sari und einem jungen Mann, der aufgrund der Entscheidung seines Vater in eine schwierige Situation gerät. Dabei setzt Leino auf psychologische Spannung und komplexe Figuren – außerdem wirft sein Roman auch interessante Fragen über Schuld auf. Und noch dazu ist Marko Leino ein äußerst angenehmer Gesprächspartner.

Marko Leino (c) Heini Lehväslaiho

Marko Leino (c) Heini Lehväslaiho

Was ist für finnische Kriminalliteratur charakteristisch?

Ich bin eigentlich kein Experte für die finnische oder überhaupt für die Kriminalliteratur irgendeines Landes, denn ich lese kaum Prosa, die eindeutig als Kriminalliteratur klassifiziert ist. Aber mit meinen beschränkten Kenntnisse würde ich sagen, dass die typische finnische Kriminalliteratur durch Alltäglichkeit, Schäbigkeit, Klüngelhaftigkeit und Ernst geprägt ist. Diese vier Merkmale gelten für die aufzuklärenden Verbrechen ebenso wie für die Protagonisten – ob Gauner oder Polizisten. Kurz und gut, der finnische Krimi ist eine Art Miniatur Finnlands und des finnischen Wesens.

Und wo liegen die Unterschiede zwischen finnischer und skandinavischer Kriminalliteratur?

Ich glaube, dass gerade die oben genannten Merkmale die finnische Kriminalliteratur vom Rest der skandinavischen Krimifamilie unterscheiden. Dazu kommt noch, dass man in finnischen Krimis häufig nach Osten blickt, d.h. vor allem nach Russland oder in die ehemaligen Sowjetstaaten, wenn man in einem Buch Verbrecher der sog. internationalen Ebene braucht. Dagegen holen z.B. die schwedischen Krimiautoren ihre schweren Jungs lieber aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien.
Zum Teil erklären sich die Schwerpunkte natürlich aus der speziellen Migrationspolitik Finnlands und aus der Einstellung zu Migranten. In Finnland steht man der Multikulturalität und den Migranten seit jeher abweisend gegenüber, man betrachtet sie nicht, wie in den anderen skandinavischen Ländern, als wirtschaftliche und kulturelle Bereicherung. Die unfreundliche, ablehnende Haltung Finnlands hat dazu geführt, dass man, überspitzt ausgedrückt, als Migrant nach Finnland gerät, während man nach Schweden gelangt.

Warum ist finnische Kriminalliteratur weniger erfolgreich als die schwedische?

Der geringe internationale Erfolg der finnischen Kriminalliteratur im Vergleich zum unleugbaren Siegeszug der schwedischen Krimiautoren erklärt sich zum Teil sicher aus den bereits erwähnten Besonderheiten des finnischen Wesens, aus der Einwanderungspolitik und daraus, dass die schwedischen Krimiautoren von vornherein gefälliger und mit Blick auf den internationalen Markt schreiben.
Auch sind die schwedischen Verlage unverkennbar bestrebt, neue schwedische Autoren zu finden, die im gleichen flüssigen Stil schreiben wie die bereits international erfolgreichen schwedischen Krimiautoren. Dass man in dieser Hinsicht auf Nummer sicher geht, hat bereits dazu geführt, dass in Schweden eigentlich seit langem kein neuer Name mehr aufgetaucht ist, der dem Erscheinungsbild des schwedischen Krimis wirklich etwas Neues hinzugefügt hätte.
Ich glaube, dass der internationale Markt allmählich von der vertrauten, sicheren und salonfähigen Kriminalliteratur unseres westlichen Nachbarlandes übersättigt ist. Vielleicht sind die knorrige Rauheit, das Alltagsgrau und die Wortkargheit der finnischen Kriminalliteratur der nächste heiße Trend weltweit, wer weiß. Hoffentlich.

Ich habe in einem Essay über finnische Kriminalliteratur gelesen, dass Ihr Buch „Epäilys“ eines der ehrgeizigsten Krimiprojekte der letzten Jahre war. Das hat mich natürlich sehr neugierig gemacht, aber leider wurde es weder ins Englische noch Deutsche übersetzt – und ich verstehe unglücklicherweise kein Finnisch. Können Sie mir etwas darüber erzählen? Hat es Ähnlichkeiten mit „In der Falle“?

Ja, mein Buch „Epäilys“ („Der Zweifel“) hat hervorragende Kritiken erhalten, aber es ist tatsächlich, zumindest bisher, in keine Sprache übersetzt worden. Es hat eigentlich keine Ähnlichkeit mit dem Roman „Ansa“ („In der Falle“). Ich finde es überhaupt nicht sinnvoll, „dasselbe” Buch mehrmals zu lesen, geschweige denn zu schreiben. „Epäilys“ ist der erste Teil meiner aus selbstständigen Bänden bestehenden Krimi-Trilogie; eine Trilogie bilden die Bände vor allem auf thematischer Ebene, nicht durch ihre Plots. Einige konkrete Einzelheiten habe ich zwar von einem Buch zum anderen mitgeführt, z.B. tritt eine der Hauptfiguren von „Epäilys“, der Kommissar Markus Falck von der Mordkommission, sowohl in „Ansa“ als auch in „Saasta“ („Dreck“), dem letzten Band der Trilogie, in einer Nebenrolle auf, aber ansonsten handelt es sich sozusagen um drei Tranchen derselben thematischen Welt.
Dieser Dreiteilung begegnet man auch in der Erzählweise der einzelnen Bücher der Trilogie. „Epäilys“ ist ein mehrschichtiger Kriminalroman, in dem die Ereignisse aus drei verschiedenen Perspektiven dargestellt werden, aus der Sicht von drei sehr unterschiedlichen Menschen. Aber vor allem erzählt „Epäilys“ die Geschichte einer Frau, die als Kind in einer religiösen Sekte namens „Kreuz von Golgatha” missbraucht wurde. Diese Frau hat die Missbrauchssituationen damals durchgestanden, indem sie sich zwang, sich auf die Lampe zu konzentrieren, die im Zimmer brannte. Allmählich hat sie aus dem Licht ihren eigenen Gott erschaffen, Haalo (vgl. Halo), der ihr Leben zunehmend beherrscht. Diese Frau ist also ein von der Sekte verstoßenes Opfer der Religion und wird in ihrer eigenen, von Sinnestäuschungen erfüllten Wirklichkeit zur Mörderin. Der Titel des Romans bezieht sich also speziell auf religiösen Zweifel, aber auch auf den Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Vorstellungen und Erinnerungen. Das Hauptthema des Buches ist die Frage, in welchem Maß vergangene Ereignisse, nicht verarbeitete Traumata, uns formen, in Fesseln legen und daran hindern, zu sehen, was wir in Wirklichkeit sind.
In allen meinen Werken gibt es einen starken Subtext, einen ungeschriebenen Teil, dessen Existenz eine andersartige Lektüre ermöglicht: Wer will, kann die Romane so lesen, wie sie geschrieben sind, aber für manche Leser ist die Ebene zwischen den Zeilen, unter der Oberfläche vielleicht ein größerer Genuss.

Wie sieht Ihre Arbeitsweise aus?
Das Buch „In der Falle“ habe ich nicht eigentlich geplant, so wenig wie meine anderen Werke. Ich bin als Autor der Typ, der zuerst ein Thema sucht oder eher zufällig findet, das ihn interessiert, und sich die für die Behandlung dieses Themas passenden zentralen Figuren, ihre Welt und die Anfangsszene ausdenkt. Dann lasse ich die Protagonisten einfach die Geschichte vorantragen. Bei dieser Krimi-Trilogie z.B. habe ich insgesamt 12 Jahre gebraucht, um die Ideen reifen zu lassen, zu recherchieren und zu schreiben. Diese Arbeitsweise ist natürlich unvernünftig, vor allem in finanzieller Hinsicht, aber mir ist es wichtiger, das zu genießen, was ich tue, und mich gründlich mit dem Thema vertraut zu machen, als um jeden Preis jährlich ein Buch auf den Markt zu werfen. Das würde anspruchsvolles Schreiben verhindern und wäre für mich wie ein Gefängnis.

(c) Rowohlt

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Wie würden Sie „In der Falle“ charakterisieren?
„In der Falle“ beschreibt die kriminelle Unterwelt als gesellschaftliches Phänomen und untersucht zugleich die perspektivischen Unterschiede der Begriffe Richtig und Falsch, Gut und Böse auf der Ebene des Individuums. Der Ausgangspunkt dieses Buches war mein Wunsch, eine Reihe von Menschen zu schildern, die sich aus dem einen oder anderen Grund mit dem Rücken an die Wand, in die Falle, manövriert haben, aber weiterhin glauben, dass ihr Leben sich noch zum Besseren wendet.

Wird der dritte Teil auch in deutscher Übersetzung erscheinen?
Hoffentlich werden nach „In der Falle“ auch der Abschluss der Trilogie und der erste Band , auf Deutsch erscheinen. Warten wir es ab.

Ich habe in letzter Zeit viele finnische Kriminalromane gelesen und dabei haben einige illegale Beschäftigung insbesondere in der Baubranche thematisiert. Woher kommt das Interesse für dieses Thema?
Ich wusste gar nicht, dass dieses Thema in ist. Vielleicht gab es in den Medien im Zusammenhang mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit Berichte darüber, und es wurde deshalb als interessant und aktuell empfunden. Zumal eine Ministerin zurücktreten musste, als sie dabei ertappt wurde, dass sie eine illegale ausländische Putzkraft und einen ebensolchen Handwerker beschäftigte. In dem Buch „In der Falle“ wird das Thema vor allem deshalb gestreift, weil ich durch die Situation der illegalen ausländischen Arbeiter die gesellschaftliche Kasteneinteilung in ihrer elendsten Form zeigen konnte.

Eine zweite Konstante ist – natürlich – die russische Mafia. Wie würden Sie diesen Einfluss beschreiben?
In Finnland ist es fast unmöglich, die russische Mafia zu vermeiden, wenn man über Drogen, Schmuggel, Menschenhandel schreibt. Der Größenunterschied zwischen Russland und Finnland als Staaten wie auch hinsichtlich der organisierten Kriminalität wird zwangsläufig sichtbar. In gewisser Weise gelten hier dieselben Bedingungen wie in der finnischen Außenpolitik: Bei der Beschlussfassung kann man Russland nie vergessen oder außer Acht lassen.

Sie sind auch ein Drehbuchautor, deshalb muss ich diese Frage stellen: Gibt es Pläne, ihre Kriminalromane zu verfilmen?
Für das Buch „Epäilys“ gab es bereits einen Filmvertrag, aber es ist leider nie in Produktion gegangen. Bisher jedenfalls nicht. Die Geschichte von „In der Falle“ war mit etwas anderen Akzentuierungen und mit leicht abgewandeltem Plot unter dem Titel „Vanki“ („Der Gefangene“) Teil der Fernsehserie „Unterwelt-Trilogie“.
Die Romane „Joulutarina“ („Wunder einer Winternacht“) und „Kotirauha“ („Life for sale“) wurden ja verfilmt. Ich wäre unbedingt daran interessiert, vor allem zu dem Roman „Saasta“, der die Trilogie abschließt, selbst eine Film-Adaptation zu erarbeiten, aber nicht sofort. Auf meinem Schreibtisch warten zwei andere Filmdrehbücher und ein ungeschriebener Roman.

Pekka Hiltunen (c) Pertti Nisonen

Finnland – Im Gespräch mit Pekka Hiltunen

Nachdem ich am Freitag bereits über das Debüt von Pekka Hiltunen geschrieben habe, folgt hier nun das Interview mit ihm. Pekka Hiltunen, Jahrgang 1966, ist Autor und Journalist. Er schreibt für das Mondo Magazin. „Die Frau ohne Gesicht“ ist der Auftakt der Thriller-Reihe um das Studio, einer Gruppe von engagierten Leuten verschiedener Nationalitäten, die die Welt zu einem besseren Ort machen will.

Pekka Hiltunen (c) Pertti Nisonen

Pekka Hiltunen (c) Pertti Nisonen

Was ist typisch für finnische Kriminalliteratur?
Es geschehen interessante Dinge: wir bekommen historische Kriminalromane, Finanz-Thriller, ‘cozy crimes’ und Kriminalroman-Parodien. Das ganze Genre wird nun abwechslungsreicher. Üblicherweise waren es geradlinige Geschichten, die durch unsere dunklen Winter, Kleinstadtkriminelle und Opfer sowie Stereotypen wie depressive Alkoholiker und russische Mafia-Rüpel beherrscht waren. Heute können Kriminalromane nahezu alles sein.

Und wo liegen die spezifischen Unterschiede zwischen finnischer und sonstiger skandinavischer Kriminalliteratur?
Die Kriminalliteratur in anderen skandinavischen Ländern geht bewusster auf soziale und politische Themen ein. Dort wird oft recht starke Kritik an der Gesellschaft geübt, während sich Geschichten in Finnland eher auf Individuen konzentrieren. Zum Beispiel war der populärste Autor des Genres, Stieg Larsson, als Journalist politisch und auch in gewissem Ausmaß auch in seinen Thrillern; in Finnland ist das recht selten.

Weshalb ist finnische Kriminalliteratur nicht so erfolgreich wie schwedische?
Das ist durch die Geschichte geprägt. Schweden ist ein größeres Land mit einem größeren Literaturheimatmarkt und einer langen Tradition beim Schaffen internationaler Erfolgsgeschichten in vielen Beziehungen: Musik, Mode, Sport, Filme und so weiter. Sie sind es gewohnt, größer zu denken und an höheres Ziel anzustreben.
Seit Jahrzehnten haben sie mehr Krimiautoren als Finnland, und deren Bestseller-Autoren können ihre Zeit voll dem Schreiben widmen, denn sie verkaufen sich schon in Schweden gut. In Finnland können nur wenige Autoren von ihren Büchern leben. Vielleicht nur fünf bis zehn Krimiautoren genießen diesen Luxus, andere müssen sich mit einem Alltagsjob über Wasser halten.

(c) Berlinverlag

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Weshalb haben Sie zwei Protagonistinnen in Ihren Thrillern? (Was mir sehr gefällt)
Weil ich die Stärke finnischer Frauen liebe. Für mich war von Anfang an klar, dass es in dieser Serie besonders um die Freundschaft zwischen diesen beiden Frau geht, und die Verbrechen, in die sie verwickelt werden.

Warum haben Sie sich für London als Ort der Handlung entschieden?
Das ware eine andere instinktive Entscheidung: Es musste London sein, meine Lieblingsstadt außerhalb Finnlands. London ist groß genug, dass dort ernsthafte Verbrechen und geheime Operationen stattfinden können, über die ich schreibe. Und ich wollte über Leute schreiben, die ihre Wurzeln in einer anderen originalen Kultur wie Finnland haben, aber ein globales Leben führen. So ist mein Leben. Ich denke, viele von uns fühlen genau so: Wir sind zwar Bürger eines bestimmten Landes, aber doch Geschöpfe mit globalem Lebensstil.

Im ersten Teil unterhalten sich Lia und Mari über finnische Frauen. Was ist an ihnen so besonders?
Finnische Frauen sind sehr unabhängig, aber nicht in einer lauten oder oberflächlich-glamourösen Weise. Sie sind tüchtig. Sie sind klug und gebildet, und sie mögen es, mit ihren Fähigkeiten anderen zu helfen und nicht nur an ihre eigene Karriere zu denken. Und sie verstehen es, zu trinken und Spaß zu haben. Kein Wunder, dass Finnland, eigentlich ein sehr männerorientiertes Land, zunehmend von Frauen geführt wird.

Ich habe jüngst eine Menge finnischer Kriminalliteratur gelesen, und eine Sache, die mir auffiel, ist, dass die Figuren in vielen Romanen großes Vertrauen in die Polizei haben. Aber in ihren Büchern sorgt ein “privates Unternehmen” für Gerechtigkeit. Gibt es einen generellen Meinungsumschwung bei dem Vertrauen in Polizeibehörden?
Nein, das denke ich nicht. Der Polizei wird in Finnland immer noch sehr viel Vertrauen entgegengebracht. Was sich aber definitiv wandelt sind die Erwartungen an den Wohlfahrtsstaat und die Regierung im Allgemeinen. Den Menschen wird mehr und mehr klar, dass die globale Wirtschaft sie verändert. Viele wollen dabei nicht tatenlos zu sehen, sondern etwas Gutes tun, anderen Empathie entgegenbringen, zuweilen auch grenzüberschreitend. Wir leben in einer Zeit, in der hedonistische und eigensinnige Trends gedeihen, und gleichzeitig viele Menschen nach Wegen suchen, bessere Menschen zu werden und sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Dies kann in sozialen Netzwerken oder alltäglichen Aktivitäten geschehen, und meine Studio-Reihe greift dieses moderne, grundlegende Streben, Gutes zu tun, auf.

(c) Berlinverlag

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Woher stammt die Idee für das “Studio”?
Ich wollte über kluge Leute mit Herz, humanistischen Werten und kreativen Fähigkeiten schreiben und diese zu Helden und Heldinnen für eine Wandel machen, und nicht die Typen mit den dicksten Muskeln und Knarren. Ich mag wirklich die Vorstellung, mit dem Kopf kleine Veränderungen anzustoßen. Und offensichtlich ist das “Studio” ziemlich cool; würden Sie nicht wollen, dass diese Leute im Herzen von London mit all ihren Fähigkeiten auf Ihrer Seite stehen, oder sogar Teil von ihnen sein?

Sie behandeln in ihren Thrillern aktuelle soziale Themen wie Menschenhandel. Warum?
Ich bin ein Softie! Ich glaube daran, dass über die Probleme der Welt zu sprechen und davon zu wissen gut für einen ist. Und ich hasse Action-Thriller, bei denen man den Kopf abschalten kann. Schwierige Fragen und politische Themen, diese machen Thriller interessanter und vielschichtig.

Ihre Bücher wurden dafür gerühmt, eine neue Phase finnischer Kriminalliteratur eingeläutet zu haben. Wie sehen Sie dies?
Viele Leute sagen das, und ich denke das ist so, weil ich Teile der finnischen Mentalität mit einem globalen Handlungsrahmen und urbanem Lifestyle verbunden habe. Meine “Studio”-Thriller sind manchmal näher an internationalen Dramen- und Thriller-Fernsehserien als andere finnische Thriller. Darauf habe ich es gar nicht planvoll angelegt, es ist einfach das, was mich interessiert, und ich fühlte mich in der richtigen Stimmung für diese Art Bücher.

Wissen Sie schon, wie viele Teile die “Studio”-Reihe haben wird?
Ich habe immer gedacht, es braucht mindestens vier bis fünf Bücher, um die Geschichten mit Lia und Mari und dem “Studio” zu erzählen. Nun, da ich das dritte Buch schreibe, wird mir klar, dass ich mich nicht auf eine Anzahl festlegen kann. Die Handlung entwickelt sich weiter und wächst, während ich sie schreibe, und so sollte es auch sein. Also, ich versuche, jedenfalls vier bis fünf Bücher über das “Studio” zu schreiben, aber: Dinge geschehen! Abwarten, was passiert.

Haben Sie irgendwelche Vorbilder in der Kriminalliteratur?
Nein, nicht wirklich. Ich versuche bewusst zu vermeiden, anderen Stilen zu folgen. Ich habe überwiegend gute fiktive und nicht-fiktive Bücher gelesen, Krimis eher nicht.
Aber natürlich mag ich verschiedene Krimis. Mein Lieblings-Thriller aller Zeiten ist “Frau Smillas Gespür für Schnee” von Peter Hoeg. Es ist ein ziemlich einzigartiges Buch, und ich mag auch seine andere Bücher sehr. Die französische Autorin Fred Vargas ist auch eine meiner Favouriten in diesem Genre. Und verschiedene andere.
Der Großteil der Kriminalliteratur ist Mist, und ich habe an diesen Büchern kein Vergnügen. Ich bin mit all den großen Hit-Thriller-Büchern, -Filmen und –Fernsehserien aufgewachsen, habe gesehen, wie sie eine bestimmende Form der Unterhaltung wurden, und einige haben mich beeinflusst wie viele andere Autoren. Ich sehe mich aber nicht als einen Krimi-Autoren: Ich bin ein Autor, der unter anderem Kriminalliteratur schreibt. Ich habe auch andere Erzählungen recht erfolgreich veröffentlicht.

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Finnische Kriminalliteratur – „Die Frau ohne Gesicht“ von Pekka Hiltunen

Finnland ist das Gastland der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt und deshalb habe ich für das Magazin BÜCHER einen Beitrag über finnische Kriminalliteratur geschrieben, der – ihr werdet es euch denken können – in der Oktober-Ausgabe pünktlich zur Buchmesse erscheinen wird. Beim wochenlangen Wühlen durch finnische Kriminalliteratur habe ich tolle Bücher und Autoren entdeckt, außerdem habe ich gute Interviews geführt, die nicht alle in den Beitrag einfließen konnten. Deshalb starten heute die finnischen Kriminalwochen im Zeilenkino! Bis zur Buchmesse wird jeden Dienstag ein Interview mit einem finnischen Autor erscheinen, außerdem werde ich einige Bücher besprechen. Und als Anfang habe ich sehr bewusst Pekka Hiltunens „Die Frau ohne Gesicht“ ausgesucht.

(c) Berlinverlag

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„Die Frau ohne Gesicht“ ist der Auftakt zu einer Thriller-Reihe, in deren Mittelpunkt ein Spezialistenteam namens „Studio“ steht. Im ersten Teil lernt die finnische Graphikerin Lia, die in London bei einer Zeitung arbeitet, in einer Bar scheinbar zufällig ihre Landesfrau Mari kennen. Sie kommen ins Gespräch, freunden sich an und schon bald erfährt Lia, dass Mari ein Talent hat: Durch genaues Beobachten und dank ihrer psychologischen Ausbildung kann sie Menschen regelrecht ‚lesen‘. Diese Fähigkeit setzt sie zusammen mit einem Team anderer Experten ein, um die Welt ein wenig besser zu machen. Lia gefällt diese Idee, also lernt sie die Mitglieder des „Studios“ kennen und schon bald wollen sie zusammen einen korrupten Politiker stürzen und einen Zwangsprostitutionsring aushebeln.

Normalerweise hätte ich bei der Formulierung „Mari könne Menschen lesen“ nicht nur einen skeptischen Gesichtsausdruck bekommen, sondern das Buch gar nicht gelesen – solche besonderen Fähigkeiten erscheinen mir im (Kriminal-)roman meist als einfache Lösung für potentielle Unstimmigkeiten im Plot. Nun ist aber gerade der zweite Teil („Das schwarze Rauschen“) der Reihe erschienen, den ich für meinen Beitrag in Betracht gezogen habe. Also griff ich zum ersten Teil – und entdeckte einen Thriller, in denen Frauen keinen Mann brauchen, um das Richtige zu tun oder mutig zu sein (ja, Lisbeth Salander, das geht!). Identifikationsfigur für den Leser ist Lia, sie hält sich für unsicher, allerdings weiß sie sich ganz gut zu behaupten und wird durch die Freundschaft zu Mari und die an sie gestellten Herausforderungen selbstbewusster und stärker. Mari ist geheimnisvoller, sie ist sehr analytisch, außerdem verfügt sie über Geld. Sie wünscht sich eine Freundin, an deren Seite sie sich auch einmal entspannen kann – und sie glaubt, sie in Lia gefunden zu haben. Durch diese Freundschaft werden beide Frauen stärker und ausgeglichener, sie füllt eine Lücke. Wie zuletzt schon in „Wie sollten wir sein?“ wird daher in diesem spannenden Thriller auch von einer überzeugenden Frauenfreundschaft erzählt. In einer Szene treffen sich Lia und Mari, um sich zu betrinken. Sie bezeichnen es als Kännit „Sie wollten nicht drunk, einfach nur betrunken werden, und auch nicht pissed, ein unangenehm und unkontrollierter Zustand, in den sich vor allem Jugendliche soffen. Sie waren erwachsene Frauen, und sie betranken sich planmäßig.“ Kännit ist „ein kameradschaftliches Saufen“, stellt Lia fest, sie trinken und diskutieren alle möglichen Themen.

Aber nicht nur diese Hauptfiguren sind bemerkenswert, sondern „Die Frau ohne Gesicht“ ist eines der wenigen Büchern, die ohne Voyeurismus von Verbrechen erzählen, bei denen Frauen mehrheitlich die Opfer sind. Als die Nachforschungen in einem Mordfall zu Zwangsprostitution führen, verliert sich Pekka Hiltunen nicht in Schilderungen der Erlebnisse der Prostituierten, die letztlich dazu dienen, sich an dem Leid zu ergötzen oder Ekel zu erzeugen, sondern belässt es bei knappen Ausführungen, die den Schrecken aber nicht vermissen lassen. Auch ist am Ende dieses Thrillers die Moral nicht einfach gegeben, sondern bleibt die Frage offen, wie viel Lüge die Wahrheit verträgt. Aufgrund dieser vielen positive Aspekte nehme ich es auch gerne, dass einem Team von Spezialisten vieles gelingt. Denn man ehrlich – in wie vielen Thrillern gibt es schon starke weibliche Hauptfiguren?

Pekka Hiltunen: Die Frau ohne Gesicht. Übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara. Berlin Verlag 2013.

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Spinnen die Finnen?

Aki Kaurismäki behauptet, der Tango komme gar nicht aus Argentinien, sondern aus Finnland. © Björn Knechtel

Aki Kaurismäki behauptet, der Tango komme gar nicht aus Argentinien, sondern aus Finnland. © Björn Knechtel

Normalerweise heißt es ja, dass der Tango aus Argentinien stamme. Das stimmt jedoch gar nicht. Vielmehr wurde der Tango im Osten Finnlands erfunden, in einem Teil des Landes, der mittlerweile zu Russland gehört. Dort ist folgendes geschehen: Um 1850 herum gingen die Menschen mit dieser Musik gegen Wölfe und Einsamkeit vor, bis 1880 verbreitete sich der Tango dann in den Westen des Landes und wurde von dort von finnischen Seeleuten über Uruguay nach Buenos Aires gebracht. Diese Geschichte erzählt zumindest am Anfang von Viviane Blumenscheins Film „Mittsommernachtstango“ der finnische Regisseur Ari Kaurismäki – und fügt hinzu, dass die Finnen es gewohnt seien, in der Weltgeschichte übergangen zu werden. Schließlich hätten sie auch den Walzer erfunden, obwohl alle Welt glaubt, das wären die Österreicher gewesen.

Suomi meets Argentina: Die drei Argentinier Pablo, Chino und Dipi dürfen mit der finnischen Tangolegende Reijo Taipale musizieren. © Björn Knechtel

Suomi meets Argentina: Die drei Argentinier Pablo, Chino und Dipi dürfen mit der finnischen Tangolegende Reijo Taipale musizieren. © Björn Knechtel

Als die drei argentinischen Tango-Musiker Walter „Chino“ Laborde“, Diego „Dipi“ Fvitko und Pablo Greco hören, dass ihre Musik angeblich aus Finnland stammt, wollen sie es nicht glauben. Deshalb machen sie sich von Buenos Aires aus auf den Weg nach Finnland, diese Geschichte zu widerlegen. In einem alten Auto reisen sie quer durch Finnland bis nach Lappland – doch selbst im entlegensten Winkel dieses voller entlegener Winkel steckenden Landes finden sie noch den Tango. Je weiter ihre Reise geht, desto mehr gerät ihr eigentlich Ziel ins Wanken. Sind sie anfangs noch überzeugt, dass die Finne spinnen würden und der finnische Tango kein richtiger Tango sei, entdecken sie schon bald die Schönheit und Stärke dieser Musik. Sie vergessen den Widerstreit der musikalischer Traditionen, sondern konzentrieren sich auf ihre Symbiose. Das zeigt sich sehr schön in der Szene, in der Chino von der finnischen Sängerin und Bauersfrau Sanna Pietäinen Gesangsunterricht erbittet.

Die Vorliebe der Finnen für ihre Schwitzhütten werden die drei Argentinier wohl nie verstehen. © Björn Knechtel

Die Vorliebe der Finnen für ihre Schwitzhütten werden die drei Argentinier wohl nie verstehen. Aber gesund soll es ja sein. © Björn Knechtel

Schon die Ausgangssituation des Films steckt voller Skurrilität, die Viviane Blumenschein mit ihrer Inszenierung noch verstärkt: Die drei Argentinier sind mit einem alten, an einen Lada erinnernden Wagen unterwegs, der gelegentlich liegen bleibt und der Gegenwart entrückt scheint. Sie staunen über eine mobile Sauna und die damit verbundenen Rituale, beständig werden nationale Eigenheiten betont. So sorgt sich jeder Finne, das er zu schweigsam sei – im Gegensatz zu den Argentiniern, die befürchten, sie seien zu leidenschaftlich. Mitunter wirkt es aufgesetzt, allerdings erlauben diese Szenen Viviane Blumenschein auch, mit den jeweiligen Klischees zu spielen. Außerdem werden sie in einer schönen Unterhaltung über die Rolle der Stille für die Musik aufgegriffen, die die Poesie und Melancholie des Tangos in den verschiedenen Ländern einfängt. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass letztlich die Quintessenz des Films lautet, dass die geographische Herkunft von Musik keine Rolle spielt. Entscheidend sei vielmehr, dass sie aus der Seele komme.

„Mittsommernachtstango“ ist somit weniger eine Dokumentation als ein Road Movie über den Tango in Finnland, in dem viel über das Land zu erfahren ist – und Finnland in wunderschönen Bildern gezeigt wird.

Zur Website des Films

Krimi-Kritik: „Tage des letzten Schnees“ von Jan Costin Wagner

(c) Galiani

(c) Galiani

Am Anfang von „Tage des letzten Schnees“ steht ein Unfall, bei dem die zwölfjährige Anna Ekholm ums Leben kommt. Kimmo Joentaa kennt Anna und ihre Eltern, seine verstorbene Frau hatte im Architekturbüro des Vaters gearbeitet. Deshalb versucht er, den Eltern und insbesondere Lasse Ekholm so gut es in dieser Situation möglich ist beizustehen und behilflich zu sein. Das bedeutet bei Kimmo Joentaa aber nicht, sich wie viele seiner fiktionalen Kollegen blind in die Ermittlungen zu stürzen, sondern er kümmert sich tatsächlich um die Leidtragenden, die Eltern. Dabei ist er niemals aufdringlich, sondern einfach nur da, wenn er glaubt, er könne ihnen helfen. Daneben sorgt er sich um seine Geliebte Larissa, deren wahren Namen er nicht kennt, und ermittelt in einem weiteren Mordfall, in dem zwei Menschen tot auf einer Parkbank gefunden wurden. Doch auch diese Unternehmungen werden von der ruhigen Gewissheit getragen, dass sich schon alles aufklären wird.

Die stille Traurigkeit und einsame Ruhe der Figuren fasst Jan Costin Wagner in eine präzise und klare Sprache, die niemals aufgesetzt wirkt, sondern sich in aller Lakonie den Seelenzuständen der Charaktere widmet. Sein Roman ist durchzogen von stummen Schmerz und leiser Melancholie, seine Welt ist voller Grautöne, in denen die hellen, strahlenden Momente umso deutlicher zu erkennen sind. Dabei zeigt Jan Costin Wagner, wie stark und prosaisch ein Kriminalroman sein kann: Obwohl ein Unfall und ein Mord geschehen und sich ein Amoklauf ankündigt, obwohl seine Hauptfigur ein Polizist ist, geht es hier niemals nur um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern um große menschliche Themen wie Verlust, Trauer, Hoffnung und vor allem Einsamkeit. Deshalb steht nicht die Frage des „Wer hat’s getan“ im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten der Ereignisse und die Ursprünge des Geschehens, innerhalb derer Jan Costin Wagner wie nebenbei wichtige und gesellschaftspolitisch aktuelle Themen behandelt.

Mit „Tage des letzten Schnees“ hat Jan Costin Wagner somit einen ganz eigenen Roman geschrieben. Er liest sich sehr ruhig, wirkt nahezu bedächtig und strahlt – wie seine Hauptfigur – eine große Ruhe aus. Beim Lesen fühlte ich mich gut aufgehoben, ohne dass es in dieser betörenden Mischung aus Traurigkeit und Alltag allzu behaglich wurde. Deshab wird meine erste Begegnung mit Kimmo Joenta, der bereits in dem fünften Kriminalroman ermittelt, sicher nicht die letzte bleiben.

Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees. Galiani 2013.

Zur Autorenseite von Jan Costin Wagner.

Andere:
Ein Interview mit Jan Costin Wagner und eine Besprechung sind auch bei der Klappentexterin zu lesen.
Die Krimilady hat sich einige Gedanken zu diesem Buch gemacht.

Jan Costin Wagner ist auf Lesereise:

28. 2. Nordenham
Amtsgericht

3. 3. Karlsruhe
KOHI Kulturraum
20 Uhr

11. 3. Friedrichshafen
Buchhandlung Ravensbuch
mit Stefan Moster

12. 3. Herrsching am Ammersee
Krimifestival München
Kurparkschlösschen

13. 3. Leipzig
Kriminacht im Landgericht

18. 3. Köln
Lit Cologne

20. 3. Friedberg (Bayern)
Buchhandlung Lesenswert

21. 3. Pforzheim
Buchhandlung Uwe Mumm
Hirsauer Straße 122

27. 3. Mainz
Buchhandlung Ruthmann
Alte Mainzer Straße 4
20 Uhr

3. 4. Dortmund
Mayersche Buchhandlung
Westenhellweg 37 – 41

4. 4. Langen
Stadthalle

6. 4. Nidderau
Buchmesse Main-Kinzig
17 Uhr

9. 4. Alsfeld
Marktcafé
20 Uhr

10. 4. Singen
Festival »Erzählzeit ohne Grenzen«

11. 4. Singen
Festival »Erzählzeit ohne Grenzen«

24. 4. Den Haag
Deutsche Bibliothek

17. 6. Berlin
Dorotheenstädtische Buchhandlung

18. 6. Berlin
Kulturhaus Karlshorst

19. 6. Berlin
Buchhandlung Ferlemann

25. 9. Kassel
Buchhandlung am Bebelplatz
Friedrich-Ebert-Straße 130

26. 9. Bleckede
Walmsburger Kriminacht
Schloss Bleckede
mit Andrea Maria Schenkel
18.45 Uhr

16. 10. Heusenstamm
Hinteres Schlösschen

22. 10. Bad Berleburg
Reihe Literaturpflaster
20 Uhr

23. 10. Hattingen
Stadtbibliothek
Reschop Carré 1
19.30 Uhr

28. 10. Bielefeld
Bielefelder Literaturtage
in Kooperation mit der Deutsch-Finnischen-Gesellschaft

6. 11. Mosbach
Mosbacher Buchwochen

7. 11. Frankfurt-Sossenheim
Bücherei Sossenheim

8. 11. Bad Arolsen

12. 11. Wiesbaden
Wiesbadener Krimiherbst