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Interview mit Attica Locke

Zu Attica Lockes neuen Roman habe ich nicht nur das Nachwort geschrieben, sondern auch für den Polar Verlag ein Interview mit ihr geführt.
Warum schreiben Sie Kriminalromane?

Mich fasziniert die Psychologie von Menschen, die Verbrechen begehen. Außerdem erlauben Krimis, gesellschaftliche Themen zu erforschen, ohne polemisch oder didaktisch zu wirken.

 „Bluebird, Bluebird“ und „Heaven, My Home“ sind die ersten beiden Teile eine der Highway-59-Reihe – wie würden Sie sie beschreiben?

Die Reihe folgt Texas Ranger Darren Matthews, der Ermittlungen zu Verbrechen in kleinen Städten am Highway 59 im Osten von Texas durchführt. Meine Familie – sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits – kommt aus Kleinstädten am Highway 59. Ich bin mit Fahrten auf diesem Highway zu meiner Verwandtschaft aufgewachsen, das ist ein wichtiger Teil meiner Lebensgeschichte und des Lebens meiner Vorfahren. Ich wollte über die Schwarzen Texaner in Ost-Texas schreibe.

Foto: Carsten Klindt

Warum ist Ihre Hauptfigur ein Texas Ranger?

Als ich beschloss, eine Reihe zu schreiben, wusste ich, dass ich eine Hauptfigur brauche, die in jedem Buch vorkommt. Da es aber um den Highway 59 gehen soll, der von Laredo im Süden bis Texarkana im Norden führt, durfte die Hauptfigur nicht zu sehr an einen Ort gebunden sein. Die Zuständigkeit der Texas Ranger ist viel weiter gefasst als die anderer Stafverfolgungsbehörden im Staat. So kam ich auf die Idee, die Hauptfigur zu einem Texas Ranger zu machen.

In Deutschland denken die meisten bei „Texas Ranger“ wohl an die Serie mit Chuck Norris. Wie werden sie in Texas und in USA gesehen?

Wie Sie haben die meisten Menschen in den USA vermutlich lediglich eine Ahnung, was ein Texas Ranger eigentlich ist – und diese beruht vermutlich ebenfalls auf besagter Fernsehserie. In Texas hingegen gelten sie als Eliteeinheit. Es gibt nur rund 150 Texas Ranger in dem gesamten Staat. Und sie dürfen gegen andere Strafverfolgungsbehörden ermitteln. Sie sind wie ein Mini-FBI.

Wie die Vorstellung der Texas Ranger ist auch die Vorstellung von Texas sehr von Büchern und Filmen geprägt, Ihre Romane erweitern dieses Bild.

Ich wollte, dass die Leute bei Texas nicht nur an weiße Rancher denken, sondern auch an einen Ort, an dem Schwarze Cowboys und Farmer leben. Der Osten von Texas unterscheidet sich zudem sehr vom Südwesten des Bundestaates, er ist dem amerikanischen Süden viel ähnlicher. Denken Sie also an Kiefern und Bäche statt an Kakteen und Wüste.

 Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Texas beschreiben?

Es ist ein großer Teil meiner Identität. Ich liebe, woher ich komme. Aber meistens mag ich die Politik in Texas nicht. Es ist eine komplizierte Beziehung: Ich liebe es, ich liebe es, “nach Hause” zu kommen, aber ich betrachte auch Kalifornien als mein Zuhause.

Die Frage, was Heimat eigentlich ist, wird in beiden Romanen erforscht. Was ist Heimat – auch für Sie?

„Heaven, My Home“ behandelt Heimat noch expliziter als der erste Roman und erzählt davon, wie schwierig es für Schwarze Amerikaner und Natives sein kann, sie zu definieren. Was bedeutet Heimat für die Caddo, von denen die meisten heutzutage in Oklahoma leben, was nicht ihre Heimat ist? Und was bedeutet Heimat für Schwarze, die in der Zeit der Sklaverei aus Afrika auf eine Plantage gebracht wurden?

Heimat ist – auch für mich – ein unsicheres Konzept. Ich lebe in Los Angeles, aber ein Teil meiner Seele lebt in Osttexas, wo meine Vorfahren herkommen.
Zu dieser Heimat und ihren Romanen gehört zweifellos auch der Blues, schon der Titel „Heaven, My Home“ ist ein Verweis auf einen Blues-Song. Was bedeutet Ihnen diese Musik?

Bluesmusik gibt mir das Gefühl, eng mit meiner Herkunft verbunden zu sein. Insbesondere Lightnin Hopkins ist meine Muse. Seine Musik ist so, wie ich auf dem Papier sein will: Schlau, lustig, weise und ehrlich.

Ich höre immer Musik, wenn ich schreibe. Sie hilft mir, in die richtige Stimmung zu kommen, sie hilft mir, mein Herz und meinen Verstand anzuregen. Und ich denke gerne, dass meine Prosa einen poetischen Stil hat, dass Musik meinen Stil prägt. Außerdem erwähne ich auch gerne Songs in den Büchern, sie verstärken das Gefühl für den Ort, denke ich.

(c) Polar Verlag

Ihre Romane sind sehr gegenwärtig, ich konnte die Agonie, die Verwirrung und auch Angst nach der Wahl Trumps fast spüren. Warum spielt der Roman zwischen der Wahl und Inauguration Trumps?

Aufgrund der Ereignisse am Ende von „Bluebird, Bluebird“ musste ich die Geschichte innerhalb von Wochen nach diesen Geschehnissen aufgreifen. Es wäre unglaubwürdig gewesen, dass sechs Monate oder ein Jahr vergangen sind, ohne dass zwischen Darren und seiner Mutter etwas wegen der Waffe geschehen wäre. Also beginnt „Heaven, My Home” ungefähr sechs Wochen nach „Bluebird, Bluebird”, was bedeutet, dass Trump zwar gewählt war, aber noch nicht im Amt. Letztlich hat es mir auch die Möglichkeit gegeben, eine Art „tickende Uhr” zu schaffen – ein Gefühl der Dringlichkeit unter den Texas Rangers und der Federal Task Force, Anklage gegen eine White-Supremacist-Gruppe zu erheben, bevor ein White Supremacist sein Amt antritt.

Wie haben Sie auf die Wahl Trumps reagiert?

Ich war am Boden zerstört. Sie fühlte sich an wie eine Zurechtweisung für die Fortschritte, die gegen Rassendiskriminierung unternommen wurden und von denen ich hoffte, sie würden weitergehen. Seit seiner Wahl bin ich voller Zorn. Ich bin die ganze Zeit über deprimiert und wütend.

Vergebung ist ein wichtiges Motiv in „Heaven, My Home“ – der Satz, „Schwarze sind die versöhnlichsten Menschen auf der Welt“ fällt einige Male. Wie stehen Sie dazu?

Ich denke, dass diese Aussage wahr ist. Aber ich denke auch, dass die Zeile im Buch, dass wir nicht wissen, ob es uns zu Heiligen oder Handlangern macht, ebenfalls wahr ist. Black Forgiveness richtet sich oftmals gegen uns: Es ist ein Schauspiel, dass einige Weiße tröstet und sie davon abhält, ihr rassistisches Verhalten zu ändern.

Attica Locke (c) Mel Melcon, Los Angeles

Geschichte ist für Ihre Romane ebenfalls wichtig. Wie haben Sie sie recherchiert – und was bedeutet Geschichte für Sie?

Ich bin nach Jefferson, Texas gefahren, habe Zeit am Caddo Lake verbracht. Außerdem habe ich viel zu der Geschichte der Gegend gelesen, viele Bücher über die Caddos und die Zeit in Jefferson vor dem Bürgerkrieg.

An Geschichte denke ich mit Faulkner: Es ist etwas, was immer bei uns ist und nichts, was man von der Gegenwart trennen kann. Wie gehen immer Seite an Seite mit den Geistern unserer Geschichte.

Ich habe gelesen, dass das Buch durch eine Hochzeit auf einer Plantage inspiriert wurde …

Im Jahr 2004 war ich auf einer Hochzeit auf der Oak Alley Plantage in Vacherie, Louisiana. Ich war noch nie zuvor auf einer Plantage und die Gefühle haben mich überwältigt … aber auch verwirrt. Warum haben sich ein weißer Mann und eine Schwarze Frau dazu entschieden, auf dem blutgetränkten Land einer Plantage zu heiraten? Ich wartete den ganzen Abend darauf, dass jemand eine Rede hält und etwas Poetisches dazu sagt, wo wir sind und warum … dass wir uns alle dort versammelt hatten, um dieses geschundene Land mit Liebe zu erneuern und als Anerkennung dafür, wie weit wir in diesem Land nun gekommen ist.

Dann war ich zutiefst enttäuscht als sich herausstellte, dass das Brautpaar den Ort lediglich aufgrund seiner Schönheit ausgesucht hatten, dass sie sich nicht für die Geschichte interessierten. Damit begann meine Faszination für historischen Tourismus und die Art und Weise, wie diese Stätten umgestaltet und neu genutzt werden. Es erlaubt den Menschen zu vergessen, was auf Plantagen in den USA wirklich passiert ist. Ich war so verstört von alle dem – also habe ich ein Buch geschrieben.

 

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Zu „Last Shot“ von Hazel Frost

(c) Droemer

Welch ein Spaß hatte ich mit diesem Buch! „Last Shot“ ist rasant, witzig und überdreht, am ehesten würde ich es als Pulp mit einem Schuss Sozialrealismus beschreiben. Alleine schon der Anfang: Auf einen wunderbar blutig-verregneten-tragischen Prolog folgt eine Szene auf einem Parkplatz in den Bergen, auf dem drei Menschen erschossen werden, nur Dima, der erwachsene (nun ja) Sohn des nun toten Vaters kann flüchten, weil er vorgegeben hatte, pinkeln zu müssen, stattdessen aber Bewegung brauchte. Doch seine Flucht bringt ihn nicht weit: Aufgesammelt wird er von einem Junkie und einer Prostituierten, die wiederum eigene Pläne verfolgen. Auf dem Parkplatz hat mittlerweile ein Krankenwagen gehalten. Der Rettungssanitäter Laser war eigentlich auf dem Weg zur Berghütte seiner Eltern, wollte helfen und wird nun von der mutmaßlichen Täterin als Geisel genommen. Sie nennt sich November und scheint unwiderstehlich zu sein. Immerhin ist ihr vor Laser auch Dima schon verfallen. Es fehlen nun noch die Ermittler: Kamilla Rosenstock vom BKA und Kommissar Horst Horst. Sie entdecken, dass es eine Überlebende in dem Auto gibt. Ein kleines Mädchen. Weiterlesen

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Johannes Groschupf im Gespräch zu „Berlin Prepper“

(c) Suhrkamp

Eigentlich wollten Johannes Groschupf und ich die Strecke abgehen, die die Hauptfigur seines Kriminalromans „Berlin Prepper“ zu Trainingszwecken zurücklegt. Aber das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Also gingen wir stattdessen in ein Café, um uns über sein Buch und Berlin zu unterhalten.

Warum haben Sie einen Krimi geschrieben?

Johannes Groschupf: Ich hatte in den letzten sechs, sieben Jahren Arbeit bei verschiedenen Berliner Zeitungen oder auch überregionalen Zeitungen, dort habe ich einlaufende Kommentare der Leser bearbeitet. Und da kam mir ein Murren und so ein Groll der Bevölkerung entgegen, von dem ich immer gedacht habe, das müsste man mal erzählen. Das ist sozusagen ein Hintergrundrauschen, etwas, was die ganze Zeit da ist, aber was noch nicht richtig wahrgenommen wird. Und wenn das in den Medien besprochen wird, dann sagt man immer: rechte Ecke oder so. Das hat mich fasziniert. Es kam mir wirklich wie so eine düstere Wand vor, auf die ich zulief oder mit der ich dann ständig zu tun hatte. Und was mich beim Krimi interessiert hat, als Leser und Filmgucker, ist diese Noir-Seite, dieses Dunkle und ein bisschen Grimmige, was Krimis schon haben.

Also Sie haben den Job, den Ihre Hauptfigur Noack in Ihrem Roman hat, wirklich gemacht?

JG: Noack bin nicht ich, aber ich habe diesen Job gemacht, den er hat, auch in diesem Newsroom, der da beschrieben ist, ohne dass die Zeitung jetzt genannt wurde.

Wie lange haben Sie das gemacht?

JG: Insgesamt so sechs Jahre.

Haben Sie da das Gefühl, dass sich in den vergangenen Jahren im Umgang miteinander etwas verändert hat?

JG: Es hat sich in der Weise verändert, dass es immer mehr solcher Stimmen gibt. Und auch der Tonfall wird ruppiger und harscher, er wird auch ein bisschen herrischer, so dass sich die Schreiber dort in einer gewissen Weise für eine Art Machtübernahme oder so bereitmachen. Früher fühlten sie sich noch wie so eine unentdeckte Minderheit, so wir haben die Wahrheit, wir wissen, wie es eigentlich ist. Und gerade vor Wahlen oder so, gibt es dann schon so euphorische Stimmen: „Also es dauert nicht mehr lange, dann sind wir auch mit an der Regierung beteiligt.“ Man sieht es ja an Österreich.

Und wie gehen Sie damit um? Weiterlesen

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Gastspiel: Interview mit James Grady

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp


Für die BÜCHER-Ausgabe Juli/August habe ich einen größeren Beitrag über Politthriller geschrieben und dafür ein Interview mit James Grady über „Die letzten Tage des Condor“ geführt. Und wie es im Print nun einmal so ist, habe ich nur eine begrenzte Zeichenzahl zur Verfügung. Das Interview in voller Länger gibt es daher beim CrimeMag zu lesen.

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Im Gespräch mit Wallace Stroby

STROBY1-Kopie

Eigentlich sollte das Geschlecht des Schreibenden keine große Rolle spielen. Aber einige Jahre der Leseerfahrung sorgen dafür, dass ich erst einmal skeptisch bin, wenn ein männlicher Autor eine „starke“ Frauenfigur schreibt. Oftmals tritt dann nämlich das „Lisbeth-Salander-Syndrom“ ein, bei dem eine möglich brutal misshandelte und vergewaltigte Frau zu einer Rächerin wird (Autorinnen sind dagegen natürlich auch nicht immun). Aber mit Crissa Stone hat mich Wallace Stroby durchaus positiv überrascht. Sie hätte nicht unbedingt eine Tochter haben müssen, insgesamt aber hat mir seine Hauptfigur insbesondere durch ihre selbstverständliche Weiblichkeit gefallen. Das Buch habe ich mein CrimeMag besprochen, außerdem habe ich Wallace Stroby für Polar Noir interviewt.

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Im Gespräch mit Malla Nunn

MallaNunn

Im Südafrika der 1950er Jahre spielen die Kriminalromane von Malla Nunn, die mit „Tal des Schweigens“ ihre Hauptfigur Emmanuel Cooper zum dritten Mal ermitteln lässt. Nachdem er sich mit dem südafrikanischen Geheimdienst angelegt hat („Kein schöner Ort zu sterben“) und in weltweite Geheimdienstverwicklungen geraten ist („Lass die Toten ruhen“) bekommt er es nun mit dem Mord an der 17-jährigen Tochter eines Zulu-Chiefs zu tun. Und wie bei den vorhergehenden Büchern besticht weniger Fall als vielmehr die Beschreibung des Lebens in Südafrika als der Rassismus noch staatliches System war. Für die Polar Noir habe ich mich mit ihr unterhalten

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Im Gespräch mit Jörg Juretzka

Anlässlich des Erscheinens seines neuen Kryszinski-Romans „Taxibar“ habe ich ein wenig mit Jörg Juretzka gemailt und konnte ihm einige Fragen stellen. Einiges habe ich davon in meinem Beitrag über die Reihe in dem Magazin BÜCHER verwendet, aber es gab viele Aspekte, die ich leider außen vor lassen musste. Daher folgt nun in meiner Juretzka-Reihe das ‚Interview‘ in voller Länge.

Warum haben Sie Mülheim als Handlungsort Ihrer Kryszinski-Reihe gewählt? Und für Folkmar Windell Köln?

Für den Ruhrpolen Kryszinski wollte ich ein Ruhrpott-Setting, also warum nicht Mülheim? Die Stadt stellt je eh nur so etwas wie einen Ankerplatz für den Herumtreiber Kryszinski dar. Und für Folkmar Windell brauchte ich eine reale deutsche Stadt, die bekannt genug ist, um in Windells fiktivem New York eine Kneipe nach ihr benennen zu können. Hört sich ein bisschen weit hergeholt an, war aber wirklich so.

Wie sind Sie auf die Figur Kryszinski gekommen – und was ermöglicht Ihnen Folkmar Windell, was Kryszinski nicht kann?

Zu Anfang hatte ich die klare Intention, den verlottertsten Privatdetektiv in der Geschichte der Kriminalliteratur zu erschaffen – keine Ahnung, obs mir geglückt ist, aber versucht habe ich es jedenfalls. Und Folkmar Windell erlaubt mir den gelegentlichen Ausbruch aus sowohl dem Krimigenre (schwer zu glauben, aber selbst das Verfassen von Spannungsliteratur kann irgendwann langweilig werden) wie der von mir manchmal als scheuklappenartig empfundenen Ich-Erzähler-Perspektive. Ich liebe nunmal auch das multiperspektivische Erzählen, wie man jetzt wieder beim gerade als e-book erschienenen ‚Los Bandidos‘ sehen kann.

Jörg Juretzka (c) Harald Hoffmann

Jörg Juretzka (c) Harald Hoffmann

Der erste Kryszinski-Roman erschien 1998 – wie hat sich seither Ihr Verhältnis zu Kryszinski verändert? Und wie hat er sich Ihrer Meinung nach verändert?

Ich habe ihn ausgenüchtert – man kann nur so und so viele Alkohol- und Drogeneskapaden schildern, ohne das es irgendwann anfängt, im Getriebe zu knirschen. Und im Zuge dieser neuen Nüchternheit ist Kryszinski in mancher Hinsicht konsequenter geworden, fast schon radikal.

Haben die Entwicklungen im Bereich Kriminalroman (z.B. mehr Morde, mehr Serienkiller, mehr Regionalkrimis usw.) Ihr Schreiben bzw. die Entwicklung innerhalb der Kryszinski-Romane beeinflusst?

Da ich kaum Krimis lese (oder anschaue, doch das nur nebenbei), muss ich die Frage wohl mit ‚nein‘ beantworten. Die Kryszinski-Reihe entwickelt sich, weil mir mein Gefühl sagt, dass andernfalls das Interesse erlahmt – beim Autoren genauso wie beim Publikum.

In den Romanen steht am Anfang immer ein Dank an eine Band für ein bestimmtes Lied. Was hat es damit auf sich?

Da besteht kein Bezug zum Text, falls Sie das meinen. Es ist einfach nur eine Geste, eine kleine Verbeugung, ein Dankeschön für einen Song, der mich aus welchem Grund auch immer vom Hocker gehauen hat.

Wie finden Sie die Themen, die Sie in Ihren Kriminalromanen behandeln?

‚Alles total groovy hier‘ ist da vielleicht ein ganz gutes Beispiel. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass die Sklaverei keinesfalls so ausgerottet ist, wie man annimmt, noch nichtmal in Europa. Damit hatte ich ein Verbrechen, mit dem ich mich und meinen Detektiv beschäftigen konnte, auch wenn er anfangs eigentlich nach etwas ganz anderem suchte. Neben dem vordergründigen gibt es aber meist noch ein übergeordnetes Thema, in diesem Fall ‚Ausgrenzung‘. Im Grossen (‚Festung Europa‘) wie im Kleinen (Hippiekommune gegen den aus dem Biker-Milieu stammenden Eindringling). Das Zusammenwirken dieser beiden Leitmotive hilft mir, eine gewisse erzählerische Stringenz beizubehalten.

In den Romanen gibt es neben regelmäßigen Nebenfiguren wie Scuzzi und Menden auch Charaktere, die wieder auftauchen – beispielsweise Alfred aus „Fallera“ in „Freakshow“ oder Roman aus „Alles total groovy hier“ nun in „Taxibar“. Warum kehren diese Figuren zurück? Und wie behalten Sie den Überblick über all die Charaktere?

Mein Überblick tendiert gegen null. Diese Figuren kommen einfach reingeschneit und verlangen lautstark einen Part. Ich bin da bloss ausführendes Organ.

Ein wichtiger Handlungsstrang in „Taxibar“ ist die Situation der Roma in Deutschland. Dieses Thema kenne ich – abgesehen von Merle Krögers „Grenzfall“ – bisher hauptsächlich aus britisch-irischer Kriminalliteratur (beispielsweise von Peace, Bruen und McKinty). Wieso haben Sie es aufgegriffen?

Der Kerngedanke von ‚TaxiBar‘ ist Selbstjustiz und ihre Entstehung. Die letzten Jahre haben uns Politik und Justiz immer wieder vorgebetet, gegen die herumreisenden Roma-Banden praktisch machtlos zu sein. Die Bürger sollten sich bitteschön selber schützen. Damit legt man eine Saat aus, ermutigt die Leute, das Recht selber in die Hand zu nehmen. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung. Es gibt mittlerweile die ersten Bürgerwehren, dazu mehren sich Übergriffe gegen Roma und in ganz Europa haben reaktionäre Parteien besorgniserregenden Zulauf. So etwas treibt mich selbstverständlich um. Ich wünschte, ich hätte eine Antwort auf das Problem einer zugereisten Minderheit, für die in weiten Teilen der Bevölkerung keinerlei Integrationsbereitschaft besteht, habe ich aber nicht. Nur: Totschweigen macht es nicht besser.

In „Taxibar“ muss Kryszinski noch mehr als üblich einstecken, ihm wird sogar eine Heroinspritze ins Bein gejagt, außerdem will er zum ersten Mal einen Menschen töten. Zusammen mit dem Ende muss ich daher die unvermeidliche Frage stellen: Wie wird es mit Kryszinski weitergehen?

Nach jeder Honorarabrechnung sage ich mir: Jetzt ist Schluss. Aber das sage ich nun schon seit sechzehn Jahren und mache dann doch weiter. Wie lange noch? Keine Ahnung. Solange es mich amüsiert, wahrscheinlich. Solange Leute meine Bücher kaufen, zu meinen Lesungen kommen. Wie es weitergeht? Sagen wir so: Ich habe da seit ein paar Tagen ein Thema, das mir ganz interessant erscheint …

Dann noch kurz zu den oft wiederholten biographischen Angaben: Ist es richtig, dass Sie weiterhin auf dem Bau arbeiten? Außerdem habe ich wiederholt gelesen, dass Sie niemals Bücher von Frauen lesen. Stimmt das? Und wenn ja: warum?

Ich hab mal – einmal – nach einem Interview auf die Frage ‚Du, wie findste denn die oder die Kollegin?‘ geantwortet: ‚Kann ich nix zu sagen. Ich lese kaum Bücher von Frauen.‘ Nächsten Tag stands in der Zeitung, dann im Netz und seither verfolgt mich das. Auch wenn etwas Wahres dran ist. Bei vielen Autorinnen merkt man deutlich, dass die in erster Linie für Leserinnen schreiben, die sie dann obendrein häufig wie Idiotinnen behandeln. Ich fühle mich da schlicht und einfach nicht angesprochen. Und ja, ich arbeite nach wie vor so rund die Hälfte des Jahres auf dem Bau. Ich mag den Ton, der da herrscht. Die Arbeit hält mich fit, die Kontakte halten mich auf dem Laufenden. All das erdet mich. Und es ermöglicht mir, zwei Leben zu leben. Wer kann das schon?

Vielen Dank für das Gespräch.

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