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Verbrecherische Frauen (2) – „Sing mir vom Tod“ von Ivy Pochoda

Zwei Frauen gegen den Rest der Welt – nein, halt, stimmt gar nicht: Zwei Frauen gegeneinander und irgendwie auch gegen die Welt. Aber nur eine gesteht es sich ein: Diana „Dios“ Sandoval kommt aus Queens, ist ziemlich schlau, hatte deshalb ein Stipendium, aber hat dann einen Kommilitonen angegriffen. Das wollte dessen wohlhabende Mutter bestraft sehen und deshalb sitzt Dios nun im Gefängnis. Sie steht dazu, was sie getan hat, sie gefällt sich als unberechenbare gewalttätige Frau.
Anders indes Florence „Florida“ Baum. Blond, privilegiert, aus Kalifornien. Im Gefängnis, weil sie das Auto gefahren hat, mit dem ein Dealer von einem Mordschauplatz abgehauen ist. Sie ist eines dieser unschuldigen weißen armen reichen Mädchen, die aus Langeweile mit Drogen anfangen und dann in eine Sache geraten, die zu groß für sie ist. Oder nicht? Dios ist überzeugt, Florida spielt diese Rolle nur. Und mehr noch: Sie will sie dazu bringen, diese Rolle abzulegen und endlich dazu zu stehen, dass sie ebenso gewalttätig ist wie sie selbst.

Das ist der Ausgangspunkt von Ivy Pochodas sensationellem Kriminalroman „Sing mir vom Tod“, in dem das Aufeinandertreffen von Dios und Florida wie ein episches, kompromissloses Duell inszeniert ist. Die heiße, verlassene Westernstadt ist Los Angeles im Covid-Lockdown, statt Siedler findet man dort Obdachlosencamps, das finale Duell findet an der Straßenkreuzung in Koreatown statt – und im Nachhinein erzählt ein Wandgraffito davon.

Von Anfang an arbeitet Pochoda mit kultureller Überspitzung: die Gewalt ist wie im Comic bis ins Groteske gesteigert. Dios singt Narcocorridos – jene Lieder über hispanische Drogengangster und Gewalt. Gleich am Anfang in einer unvergesslichen Szene in der Gefängniscafeteria ruft sie: „Entweib mich!“ und rammt dann einer ruhigen Gefängnisinsassin eine Gabel in die Wange, nur um ihre Macht zu demonstrieren. Schockierend, brutal – und ungemein präzise: „Entweib mich“ ist ein Zitat aus Shakespeares „Macbeth“ – genauer gesagt: Lady Macbeth ruft es aus. Es verweist auf Dios‘ Begier: So wie Lady Macbeth die Macht wollte, will sie Florida ins Dunkle reißen. Damit markiert Pochoda Dios‘ Bildungsgrad – und wie Männer darauf blicken. Im Gefängnis sind es die Wärter. Sie schauen nur zu: „Sie können nicht verbergen, dass sie auf prügelnde Frauen stehen, besonders auf jemanden wie Dios, die Männer wie sie draußen keines Blickes würdigen würde, hier aber durch ihren Status gezwungen ist, die Anzüglichkeiten der Schließer über sich ergehen zu lassen.“

Dios ist eine Frau, die gewalttätig ist. Damit erzählt „Sing mir vom Tod“ von Frauen, die Gewalt ausüben. Und zwar: Gewalt. Keine Rache! Das ist wichtig. Üblicherweise wird Frauen in der Kriminalliteratur lediglich Gewalt aus Rache zugestanden. Sehr, sehr oft rächen sie sich, nachdem sie vergewaltigt wurden oder einer anderen Art sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. Von einem Mann. Anders formuliert: Erst nach dem ein Mann einer Frau Gewalt angetan hat, hat sie die Berechtigung, mit Gewalt zu reagieren. Als sei die Tat eines Mannes die einzige Möglichkeit, warum eine Frau sich so verhält. Oder wie Pochoda es beschreibt:

„Lady Killers. Femmes Fatales. Schwarze Witwen. Thelma & Louise. Bitches mit Problemen. Lobos kann es schon hören. All die niedlichen oder sarkastischen Bezeichnungen, mit denen man die Taten verharmlosen wird. Um die Verbrechen der Täterinnen ins Lächerliche oder Unbedeutende zu ziehen, um Männern die Vorstellung zu ermöglichen, dass Frauen töten können.“

Und Dios liegt hier richtig: Anlasslose Gewalt bleibt in Literatur und Film weit überwiegend männlichen Figuren zugestanden. Für Dios‘ Gewalt aber gibt es keine Erklärung. Sicherlich könnte man Anknüpfungspunkte finden, warum sie so reagiert, wie sie reagiert: Durch ihre Intelligenz war sie eine Außenseiterin in Queens; möglicherweise spielte sie dann auf dem College wieder eine Rolle: die der sozialen Aufsteigerin. Vielleicht hatte sie die Anzüglichkeiten der Männer satt. Aber all diese möglichen Erklärungen verweisen nur darauf, dass das die Narrative sind, die wir kennen. Im Text selbst gibt es keine kausalen Begründungen, keine Psychologisierung ihres Verhaltens. Und das ist – auch in der gegenwärtigen Kriminalliteratur – ungemein radikal.

Dazu kommt, dass Ivy Pochoda es nicht bei Dios‘ Gewalt belässt. Sie zieht den Bogen weiter: Als Dios und Florida in Los Angeles ankommen, kommt eine dritte Figur hinzu: Detective Lobos – sie hat keinen Vornamen – vom LAPD. Geplagt von dieser patriarchalen Copmännerwelt, behauptet sie sich bei der Polizei. Man kennt Figuren wie sie aus Kriminalromanen, kennt die Erzählung von der Frau, die sich durchsetzt bei ihren Kollegen. In allem erscheint sie nahezu wohltuend „normal“ und vertraut in dieser von der Pandemie heimgesuchten Stadt. Und das ist eine weitere bittere Pointe: Sie wurde von ihrem Mann misshandelt, fürchtet, dass er zurückkommt und fragt sich, wie sie hat zulassen kann, dass er sie so behandelt. Die traumatisierte, misshandelte Ehefrau ist also die Vertraute, die „Normale“. Und das ist ein weiterer Verweis auf gewohnte Rezeptionsmuster: Frauen, die Gewalt erleiden, sind uns viel vertrauter als Frauen, die grundlos Gewalt ausüben.

Ivy Pochoda: Sing mir vom Tod. Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux. Suhrkamp 2025. 328 Seiten. 17 Euro.

Im ersten Teil der losen Reihe zu verbrecherischen Frauen ging es um “Die Spielerin” von Isabelle Lehn.

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Mit Ross Thomas auf die Gegenwart schauen

Lese oder höre ich in den vergangenen Wochen Nachrichten, denke ich oft: Ich lebe nun in einem Roman von Ross Thomas. Und zwar nicht, weil seine Romane prophetisch sind. Sondern weil die Realität so absurd und zugleich real ist wie die Plots seiner Romane.

Ein Beispiel: Im „Yellow-Dog-Kontrakt“ will eine Gruppe reicher Geschäftsleute den Ausgang der kommenden Präsidentschaftswahlen zu ihren Gunsten manipulieren. Sie versprechen sich von dem konservativen Kandidaten bessere Bedingungen für ihre Geschäfte. Es geht ihnen nicht um ein konkretes Vorhaben, vielmehr glauben sie, dass er ein besseres Umfeld schaffen würde. Also beteiligen sie sich finanziell an einem Manipulationsvorhaben, bei dem Gewerkschaften unterwandert werden, so dass Tarifverhandlungen scheitern müssen. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass in den für die Demokraten wichtigsten Großstädten kurz vor der Wahl gestreikt wird. Die öffentliche Meinung würde sich gegen die Demokraten wenden, der konservative Kandidat wird gestärkt. Eine raffinierte Manipulation, von außen nur schwer zu durchschauen.
„Der Yellow-Dog-Kontrakt“ ist 1976 erschienen, damals waren Gewerkschaften sehr relevant. Sie waren Machtfaktoren. Ersetzt man nun Gewerkschaften und Streik mit sozialen Netzwerken und Algorithmen, muss man nicht lange suchen, um Parallelen in die Gegenwart zu finden. Mitsamt einer Gruppe sehr reicher Geschäftsleute, die ein Interesse daran haben, dass das politische Klima so ist wie es ist.

Ein zweites Beispiel: In „Die Narren sind auf unserer Seite“ erfahren Geschäftsleute, dass in einer Stadt im Süden der USA bald sehr viel Geld zu verdienen ist. Also wollen sie die Stadt unter sich aufteilen. Mit anderen Worten: Sie wollen die Stadt in ihren Besitz bringen, um Geld zu verdienen. Das geschieht auf verschiedenen Wegen: Sie setzen Menschen unter Druck und bedrohen sie, damit sie die Stadt verlassen. Sie kaufen Stimmen in Gremien und wichtige Unterstützer – entweder direkt mit Geld oder über Versprechungen, bestimmte Vorhaben zu finanzieren. Vor allem manipulieren sie die öffentliche Meinung, indem sie Gruppierungen aufeinanderhetzen, Halbwahrheiten oder einfach Lügen verbreiten. Ersetzt man nun „Stadt im Süden“ mit Venezuela oder Grönland, ist man mitten in der Realität.

Das sind nur zwei Beispiele, in jedem Ross-Thomas-Roman steht etwas, das mir etwas über die Gegenwart erzählt. Das Politik nur die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist, beispielsweise. Trumps Mittel sind Zölle. Oder dass jede Regierung spätestens ein Jahr nach der Wahl in der Scheiße steckt und verzweifelt einen Skandal sucht, den sie auf die Vorgängerregierung schieben kann, um von ihrem Versagen abzulenken.

Seine Romane haben meinen Blick auf die Realität geändert, ihn geschärft. Sie sind Lehrstücke – schwer unterhaltsame, sehr komische Lehrstücke – darüber, wie Sprache eingesetzt wird, um Wahrheiten zu verschleiern oder falsche Informationen in die Welt zu setzen. In Romanen wie „Stimmenfang“ oder „Der Mordida-Man“ lernt man so einfache Grundsätze wie: Ein Gerücht kann man nicht bestreiten, ohne ihm Glaubwürdigkeit zu verleihen. Es setzt sich dann fest in den Köpfen. Und daran sollten wir heutzutage jeden Tag denken. Gerüchte sind Machtfaktoren.

Es geht immer ums Geld
Ross Thomas bricht komplexe Sachverhalte auf einfache Handlungsmotive herunter. Er geht davon aus, dass Menschen immer einen Grund haben zu handeln wie sie es tun – und dieser Grund ist in der Regel Geld. Manchmal gepaart mit Macht. Aber auch die ist oft nur interessant, um mehr Geld zu verdienen. Und dazu reicht meistens eine gewisse Nähe zur Macht. Machen Politiker etwas, was viele als moralisch gut bezeichnen würden, macht sie das, weil sie davon profitieren. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen. Das macht sie berechenbar. In dem Nachwort zu „Die im Dunkeln“ schreibt der Übersetzer Gisbert Haefs so schön, dass die Annahme, irgend jemand auf verantwortlichem Posten sei möglicherweise nicht korrupt, bei Ross Thomas allenfalls ein schlechter Witz ist. Denn Ross Thomas weiß, dass die meisten Menschen am empfindlichsten sind, wenn es um Geld geht – und das macht sie beeinflussbar.

Den alten Leitsatz „Follow the money“ kennt man aus zahlreichen Kriminalromanen und -serien. Aber er geht davon aus, dass es schon Geld gibt, dem man folgen kann. Bei Ross Thomas geschieht hingegen manchmal auch etwas, damit man zukünftig mehr Geld verdienen kann. Deshalb sind Wahlkämpfe so wichtig. In ihnen wird entschieden, wer künftig über Geld entscheiden kann. Sie werden aber wiederum selbst mit Geld. In „Die im Dunkeln“ lernt man fast alles, was man über Wahlkampffinanzierung jemals wissen wollte. Mit Geld kauft man Werbung. Man kauft Unterstützer. Man kauft im Zweifelsfall Stimmen.
Das steckt hinter Donald Trumps Drohung an beispielsweise abtrünnige Republikaner: Wenn er sagt, er unterstützt sie nicht mehr, heißt das, er sorgt dafür, dass sie kein Geld von der Partei mehr bekommen. Und ohne Geld lässt sich kein Wahlkampf in den USA gewinnen.

Davon hat schon die liberale Serie „The West Wing“ erzählt – auch der gute, demokratische Präsident Bartlett hat Kandidaten Geld entzogen. Ohnehin ist nichts davon, was gerade passiert, im Kern der Sache neu. Aber nur wenige schauen genau hin. Die meisten sind unglaublich geschichtsvergessen. Ich bin immer wieder erstaunt: Wie kann man nach der Iran-Contra-Affäre noch von irgendetwas überrascht sein? Wie schnell kann so ein Skandal in Vergessenheit geraten?

Ausgestellte Schamlosigkeit

Neu ist etwas anderes: Bei Ross Thomas geschehen die Schmierereien, die Schurkenstücke noch im Verborgenen. Die Öffentlichkeit ist empört, wenn herauskommt, was die CIA in Lateinamerika macht. Menschen in verantwortlichen Positionen wollen Dinge vertuschen, sie wollen zumindest den Schein aufrechterhalten. Donald Trump macht öffentlich keinen Hehl aus seiner Schamlosigkeit, seine Gier. Und offenbar ist sein Verhalten für viele Menschen in Ordnung. Aber dennoch schiebt er Gründe für sein Interesse an Grönland und Venezuela vor.

Bei Ross Thomas kennen Politiker zumindest öffentlich noch etwas Scham. Sie gaukeln Moral vor. Es sind nicht die Menschen in der ersten Reihe, die sich die Hände schmutzig machen. Die Fäden ziehen Hintermänner. Die in den „Schattenzonen“ (Kälter als der Kalte Krieg), diejenigen in der zweiten Reihe, bei denen vieles zusammenläuft. Politiker sind bei Ross Thomas nicht die cleversten Menschen. Im Gegenteil, überdurchschnittliche Intelligenz wird mehrfach als hinderlich für eine politische Karriere beschrieben. Sie sind deshalb aber auch keine Marionetten, sondern: arrogante, oft privilegiert aufgewachsenen Männer, die entweder durch ihre eigene Familie oder eine Ehe an Geld gekommen sind, dann einen Posten bekommen haben – und nun glauben, sie kommen mit allem durch. Weil es ihnen zusteht. Diese Haltung findet man gerade überall.

Und sogar diese Veränderung kann ich mir mit Ross Thomas erklären: Demokratie ist bei ihm nie eine überlegene Ideologie. Sie ist die Regierungsform, in der der Kapitalismus am besten gedeihen kann. Seit Ross Thomas‘ Tod 1995 hat der Kapitalismus noch zugelegt – und damit auch die Gier, die Überzeugung, alles und jeder ist käuflich. Dass Geld das Einzige ist, was zählt, hat sich offenbar als Überzeugung bei vielen durchgesetzt. Reiche Menschen sind bei Ross Thomas immer suspekt. Heutzutage stellen viele sehr reiche Menschen ihren Reichtum schamlos aus und werden dafür bewundert. Warum also sollten sie noch glauben, dass sie sich an Regeln halten müssen?

Das alles mag unglaublich ernüchternd klingen, aber bei mir wirken die Romane anders: Ross Thomas blickt völlig illusionslos auf Politik. Nicht desillusioniert oder zynisch – diese Unterscheidung ist wichtig. Denn in der Gegenwart ist Zynismus der einfache Weg. Wir brauchen mehr Durchblick. Und den findet man mithilfe von Ross Thomas‘ Romanen. Außerdem gibt es bei Ross Thomas immer auch die Figuren, die den Schlamassel entwirren, die größte Unbill verhindern. Am Ende ist nicht alles gut, das wäre naiv. Aber es gibt Hoffnung, dass sich manches ändern kann.

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Verschwundene überall – „Hard Girls” von J. Robert Lennon.

Momentan verschwinden in vielen Kriminalromanen wieder sehr häufig Menschen. Meistens sind es Frauen, sehr junge Frauen oder Teenagerinnen. Im September hatte ich im CrimeMag bereits über zwei Titel geschrieben – „So ist das nie passiert“ von Sarah Easter Collins und „The Return von Ellie Black“ von Emiko Jean. In beiden verschwindet die Schwester einer der Erzählerinnen, beide Male ist es die Wildere, die Mutigere der Schwestern, die verschwindet – und die Brave, die Angepasste ist diejenige, die unter dem Verschwinden leidet und es dann später aufklärt.

Der Topos des Verschwindens von Mädchen ist nicht neu, sein Reiz liegt an der Kombination aus (angenommener) Unschuld und Verbrechen – und natürlich lädt so ein Verschwinden regelrecht dazu ein, hinter die Fassaden vermeintlich „normaler“ Familien oder auch Gesellschaften zu blicken. Aber es schwingt oftmals auch noch etwas anderes mit, gerade weil es oft die Rebellinnen sind, die verschwinden – eine Warnung, die mir Unbehagen bereitet: Solche Dinge passieren denjenigen, die sich auflehnen, die feiern wollen, die etwas mehr vom Leben haben wollen als das, was ihnen die Kleinstadt geben kann. Pass also auf, dass Du immer schön brav und zufrieden bleibst – sonst passiert Dir das auch.

Glücklicherweise passen nicht alle Bücher in dieses Muster – wie man mit dem Verschwinden auch umgehen kann, zeigt „Hard Girls“ von Robert J. Lennon. Einst ist die Mutter der Schwestern Jane und Lila Pool verschwunden. Eine erwachsene Frau, damit ist von vorneherein mehr Spielraum für eigene Entscheidungen gegeben. Und sofort entsteht eine Frage: Warum verlässt eine Mutter ihre Töchter? Ein ungeheurer Entschluss, selbst für eine Frau wie die Mutter von Jane und Lia, die schon immer anders war als andere Mütter. Unzuverlässiger, rastloser, schöner. Sie wollte genau das nicht, was angeblich alle Frauen wollen: Gebraucht werden. Und das hat sie ihren Töchtern von Geburt an überaus deutlich zu verstehen gegeben. Lange Zeit dachte Jane daher auch, ihre Mutter sei einfach mit irgendeinem Liebhaber abgehauen. Dann platzt in ihr unglückliches Leben in einer Kleinstadt eine verschlüsselte Nachricht ihrer Zwillingsschwester. Lila ahnt, wo ihre Mutter ist. Jane weiß, dass ihre Schwester meistens Ärger bedeutet. Aber dennoch ist sie neugierig. Und sehnt sich insgeheim auch nach etwas Abenteuer und Abwechselung in ihrem Leben als Angestellte in einer College-Verwaltung und Mutter einer Teenager-Tochter.

Mehr will ich über die Handlung gar nicht verraten: Sie ist abwechselungsreich, es macht Spaß, von diesen Entwicklungen überrascht zu werden – und es gibt es Ende, das abenteuerlich und für lange Zeit unvorhersehbar ist. Nur so viel: Das Verschwinden der Mutter ist tatsächlich ein freiwilliger, völlig selbstsüchtiger und wahnwitziger Entschluss.

Damit verweist Lennon auch darauf, dass tatsächlich viele Menschen freiwillig verschwinden. Gerade in den USA, wo es aufgrund des anderen Meldegesetzes einfacher ist, ein neues – oder auch zweites – Leben anzufangen. Interessant ist zudem, welche Motive er in seinem Krimi noch aufgreift, ohne dass eines klar im Vordergrund steht: Da ist zunächst einmal ein deutliches Spionageelement. Von Anfang an deutet sich an, dass der Vater von Jane und Lila möglicherweise getarnt als College-Professor für die CIA gearbeitet hat. Er war während der Hochzeit des Kalten Krieges am College, ist dort aufgefallen und wurde von einem geheimnisvollen Mann angesprochen. Wohin dieser Handlungsstrang führt, ist in seiner ätzenden Banalität recht komisch – und sagt zugleich sehr viel über jene Jahre und ihre Folgen aus.

Und dann die Beziehung der Schwestern. Anfangs scheint es, als hätten sie sich als Erwachsene aus den Augen verloren. Aber schon bald stellt sich heraus, dass es alles nicht so einfach ist. In Rückblicken wird von der Kindheit und Jugend der Schwestern erzählt, dem Leben mit einer unglücklichen Mutter und einem zerstreut-abwesenden Vater, von geheimen Spielen und Codes, einer Zeit als Ausreißerinnen in besetzen Häusern und freiwilligen Gemeinschaften. Das alles ist mit lakonischen Sätzen durchzogen, es gibt viele Wendungen, einige Action.

Außerdem dieses unglückliche Leben von Jane. Sie war im Gefängnis, hat dort ihre Tochter bekommen, danach ihren Jugendfreund geheiratet und ist nun sehr unglücklich. Eine ganze Weile dauerte es, bis ich verstehen konnte, warum sie bei ihrem Mann und in ihrer Ehe bleibt. Aber Lennon liefert tatsächlich einen Grund, einen sehr nachvollziehbaren Grund. Am Ende deutet sich dann an, dass es weitergehen wird mit dem Poole-Schwestern. Es scheint in eine eher vertraute Richtung zu gehen – aber wer weiß: Schon in diesem Buch dachte ich oft genug, ich wüsste, worauf es hinausläuft und wurde doch überrascht.

J. Robert Lennon: Hard Girls. Aus dem Englischen von Stefan Lux. Suhrkamp 2025. 416 Seiten. 18 Euro.

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Über „Tote ohne Namen“ von Louisa Luna

Es sind zwei Tote ohne Namen, mit denen es die Privatdetektivin und gelegentliche Kopfgeldjägerin Alice Vega in Louise Lunas Kriminalroman zu tun bekommt: zwei mexikanische Mädchen, zwischen 12 und 14 Jahren alt, zu Lebzeiten zur Prostitution gezwungen, nach dem Tod einfach abgeladen. Alter, Todesart und die Seriennummer der eingesetzten Spirale verbindet sie – und letztere verrät noch mehr: Es muss außer ihnen noch vier weitere Mädchen geben. Weil nun eine der Toten einen Zettel mit dem Namen von Alice Vega in der Hand hält, kommt die Polizei auf die Idee, sie zu engagieren – unter der Hand versteht sich, bar bezahlt.

Tatsächlich lässt sich Vega darauf ein und lässt noch einen Kollegen von der Ostküste nach San Diego einfliegen: Max Caplan ist anders als sie. Ein ehemaliger Polizist, geschieden, hat eine Tochter und denkt über einen ruhigen Job als Detektiv für eine Anwältin nach. Die beiden haben eine Vergangenheit – „Tote ohne Namen“ ist der zweite Teil einer Reihe –, aber es gut, dass erst dieser Teil erscheint: dass diese Geschichte hier nur angedeutet wird, dass diese Figuren bereits einen Schritt weiter sind in ihrer Entwicklung und Beziehung, verleiht ihnen etwas angenehm widerspenstig-brüchiges. (Außerdem scheint dieser erste Fall auch mit einer Gefährdung von Caplans Tochter Nellie zu enden, das ist sehr oft ein recht überflüssiges und einfaches Mittel, um die Dramatik zu steigern.)

Vega und Caplan beginnen nun also mit den Nachforschungen und versuchen, die noch lebenden vier Mädchen zu finden und die Hintermänner auszumachen. Von Anfang ist ihnen klar, dass weder der verantwortliche Detective Roland Otero noch die zwei Männer von der DEA mit offenen Karten spielen. Deshalb stecken sie schon bald in einem Schlamassel aus Korruption, Drogenhandel, Erpressung, Menschenhandel und Zwangsprostitution. Aber Vega vertraut auf die Waffe, die sie in ihrem Kofferraum hat – ein gelungener Running Gang, der dann erst auf Seite 188 mit viel Understatement aufgelöst wird – und ihrem Kampfgeist. Sie ist eine gelungene Figur, es ist klar, dass auch sie einige Traumata in der Vergangenheit hat, aber sie wird dadurch nicht zu einer überlebensgroßen Rächerin. Vielmehr vertraut sie auf sie sich selbst und die Hilfe anderer. Zusammen mit Max Caplan – der hier der bodenständigere von beiden ist – ergibt sie ein gutes Ermittlungsduo, von dem ich mehr lesen möchte.

Louisa Luna verbindet in „Tote ohne Namen“ sehr gute hardboiled-Unterhaltung mit gesellschaftspolitischen Untertönen: Kinderhandel von Lateinamerika in die USA ist ein großes Problem, die Kinder werden verschleppt – und die Gleichgültigkeit der US-Behörden ist groß. Die zeigt sich in „Tote ohne Namen“ nicht nur in dem Verhalten vieler Figuren, sondern vor allem in der kurzen Schilderung des Besuchs in einem Lager, in dem Kinder mit unklarem Aufenthaltsstatus „verwahrt“ werden. Die Ausbeutung von Kindern wird regelrecht hingenommen, sogar von Jugendlichen, die aufgrund ihrer eigenen Privilegien aus Langeweile und Überheblichkeit wohl kaum mehr wissen, was richtig ist – und deren Eltern ihnen da offensichtlich auch keine Hilfe sind. Dazu kommt ein Durcheinander an Zuständigkeiten von Behörden, eine Einwanderungspolitik, die ihren Namen nicht verdient – und immer wieder Gleichgültigkeit, bei der man nicht weiß, ob sie aus Abgestumpftheit oder tatsächlicher Verachtung kommt. Aber letztlich es auch egal. Es geht hier um Menschen, um die sich niemand kümmert. Deshalb fiebert man mit Luna und Caplan unweigerlich mit, die zumindest einigen Mädchen helfen wollen.

Louise Luna: Tote ohne Namen. Übersetzt von Andrea O’Brien. Suhrkamp 2021. 444 Seiten. 15,95 Euro.

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Women in Crime: „Raubtiere unter uns“ von Leigh Brackett

(c) Unionsverlag

Walter Sherris ist weiß, hat eine hübsche Frau und zwei Kinder. Er arbeitet als Buchhalter, besitzt ein Haus in einem Vorort, ein Auto und mag sein durchschnittliches Leben. Dann wird er eines Abends, als er lediglich zwei Blocks zu Fuß von seiner Arbeitsstelle zu einem Café geht, von einer Bande Jugendlicher zusammengeschlagen. Fortan ist alles anders: Obwohl ihm alle raten, er solle einfach froh sein, dass er noch lebt, kann er den Überfall nicht vergessen. Er will Rache, er will, dass diese Jungs zur Rechenschaft gezogen werden, dass sie dafür bezahlen, ihn verletzt zu haben, Zweifel an seiner Ehefrau gesät zu haben. Und weil er ahnt, dass die Polizei wenig unternimmt, macht er sich auf eigene Faust auf die Suche nach ihnen.

Bereits bei dem zweiten Absatz von Leigh Bracketts „Raubtiere unter uns“ musste ich an den Anfang des fünf Jahre später erschienenen „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess denken: Kriminell geworden sind die Jugendlichen, die den Überfall begangen haben, „durch Zufall. Ihre Veranlagung hatte nichts mit überbevölkerten Slums, zerrütteten Elternhäusern oder unterdrückten Minderheiten zu tun. Das alles sind soziale Probleme, aber was diese Jungs antrieb, war älter als die menschliche Gesellschaft, es war so alt und reichte so tief hinab wie die Wurzeln der Menschheit: Ihr Problem war das ewige Raubtier in uns, jenes uralte Raubtier, dessen erster Name Kain war.“ Weiterlesen

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Auf den Straßen von Philadelphia

Philadelphia, USA: Die Polizistin Mickey wird zu einem Einsatz an dem Bahndamm an der Guerney Street in Kensington gerufen. Eine Leiche wurden gefunden. „Weiblich, Alter unklar, wahrscheinlich Überdosis“. Sofort bekommt Mickey Angst. Ihre Schwester Kacey lebt auf der Straße. Sie ist drogensüchtig, prostituiert sich. Bei jeder weiblichen Leiche fürchtet Mickey daher, es könnte Kacey sein.

In diesem Fall ist sie es nicht. Dennoch beunruhigt Mickey der Leichenfund: die Tote wurde stranguliert, sie war eine Prostituierte. Es gibt weitere Fälle, die Opfer sind alles drogenabhängige Prostituierte, die stranguliert wurden. Aber Mickeys Kollegen interessieren diese Fälle nicht. Niemand will ihnen nachgehen, also forscht sie auf eigene Faust nach.

(c) C.H. Beck

Liz Moores „Long Bright River“ beginnt wie eine typischer Polizeiroman: eine leicht gestresste Ermittlerin – sie ist alleinerziehende Mutter, hat eine Trennung hinter sich, die sie noch nicht so gut verkraftet hat, dazu ihre Schwester –, die diesen Fall aufklären und sich in dem durch und durch männlich dominierten Polizeiumfeld durchsetzen will. Dazu kommt aber noch etwas anderes: Kensington ist einer der größten Drogenmärkte an der Ostküste der USA. Über 900 Tote gibt es im Jahr, die verlassenen Häuser werden von Junkies bewohnt, Hinterzimmer verwandeln sich in Fixerstuben. Drogen gehören hier zum Alltag, sie schreiben sich in Familiengeschichten ein. Mickeys und Kaceys Eltern leben nicht mehr, sie sind bei der Großmutter aufgewachsen. Während Mickey den Drogen ferngeblieben ist, war Kacey schon als Teenagerin süchtig. Weiterlesen

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Über “Sleeping Beauties” von Stephen und Owen King

Ein Buch wie eine überlange Netflix-Serie: In “Sleeping Beauties” erzählen Stephen und Owen King von dem Ort Dooling in den Appalachen in den USA, der – wie der Rest der Welt – von einem seltsamen Phänomen heimgesucht wird: Sobald Frauen einschlafen, werden sie von einem Kokon umhüllt. Sie atmen weiter, sie schlafen weiter. Falls man aber versucht, den Kokon zu entfernen, werden sie zu Furien, die töten. Nur eine Frau scheint gegen diese Seuche, die bald “Aurora” genannt wird, immun zu sein: Evie Black, die kurz zuvor in Dooling aufgetaucht ist.

(c) Heyne

Die Handlung entwickelt sich langsam, sehr vieles wird bis ins kleinste Detail, gerne auch mit Wiederholungen, beschrieben, dazu gibt es eine Vielzahl von Personen, damit auch jeder mögliche Aspekt dieser Geschichte beleuchtet werden kann. Dabei scheint hinter diesem Buch eine durchaus lobenswerte Absicht zu stecken: Es erzählt von der Gewalt und den Benachteiligungen, denen Frauen ausgesetzt sind, und zwar jede Frau, wenngleich in verschiedenen Ausmaßen und Graden. Das wird auch sorgsam behandelt, schließlich gibt es praktischerweise in Dooling ein Frauengefängnis, das eine Vielzahl von Frauenfiguren und – schicksalen bereitstellt: Also gibt die Drogensüchtige, die ihren Partner erstach, die Meth-Prostituierte, die von ihrem Cousin sexuell missbraucht wurde, süchtig wurde und sich weiter von ihm misshandeln lässt. Es gibt die geschlagene Ehefrau, die frustrierte Ehefrau, die ihren Mann verlassen hat, bevor er gegen sie und nicht mehr nur gegen Gegenstände gewalttätig wird. Es gibt aber den Sheriff, eine toughe Frau, die glaubt, ihr Mann habe ein Kind mit einer anderen und erkennt, dass in ihrem Leben vielleicht doch nicht alles gut. Und die Gefängnisdirektorin, deren Tochter als erfolgreiche Reporterin arbeitet, sich dafür aber hat das Gesicht operieren lassen. Das Problem hier ist nur, dass gerade die Gefängnisinsassinnen weitgehend Beispiele bleiben; nur wenige werden zu Charakteren, die sich entwickeln – und noch dazu (Achtung: Spoiler!) sind die Probleme und Traumatisierungen der Frauen beseitigt, sobald sie in der anderen Welt aufwachen, in die gelangen, sobald sie eingeschlafen sind. Ohne Männer ist also alles in Ordnung, alles vergessen – und das ist dann doch zu simpel gedacht. Weiterlesen

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