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Nachwort zu „Heaven My Home“ von Attica Locke

Am 2. Oktober 2019 wurde die Polizistin Amber Guyger in Dallas zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil sie im Jahr zuvor den Buchhalter Botham Jean erschossen hat, als er in seiner Wohnung vor dem Fernseher saß und Eiscreme gegessen hat. Botham Jean war ihr Nachbar – Amber Guyger hatte die Wohnungen verwechselt und dachte, er sei ein Einbrecher. Nach der Verkündung des Urteils hat Botham Jeans jüngerer Bruder Brandt um das Wort gebeten und in einer kurzen Ansprache Amber Guyger vergeben. Dann bat er, die Verurteilte umarmen zu dürfen. Dieses Bild ihrer Umarmung, diese Geste der Versöhnung, wurde weithin gefeiert, gepriesen – und scharf kritisiert. Denn Amber Guyger ist weiß, Botham und Brandt Jean sind Schwarz.

Foto: Carsten Klindt

„Schwarze sind die versöhnlichsten Menschen auf der Welt“, sagt der alte Leroy Page mehrmals in Attica Lockes „Heaven, My Home“ – und Lockes Hauptfigur, der Schwarze Texas Ranger Darren Matthews, erkennt zunächst nicht, ob Page es stolz oder beschämt sagt. Erst beim zweiten Mal bemerkt er die Bitterkeit in Pages Stimme. Als Attica Locke „Heaven, My Home“ schrieb, lagen die Schüsse auf Botham Jean noch in der Zukunft. Aber es gibt unzählige Beispiele, bei denen Schwarze weißen Tätern vergeben haben. Das Konzept der Vergebung, der forgiveness, reicht zurück in die Zeit der Sklaverei, es hatte Bestand durch die Jim-Crow-Ära und wurde in der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King jr. noch einmal bestärkt: „Forgiveness is not an occasional act, it is a constant attitude“. Mit Vergebung sei Fortschritt zu erreichen, Vergebung sei der Weg in die Zukunft.

Unumstritten war dieses Konzept niemals, am berühmtesten ist wohl Malcolm Xs „We will fight back“. Und auch an den jüngsten medialen Vergebungen entzündete sich breite Kritik. Das kulturelle Ritual der Vergebung funktioniert in eine Richtung: Schwarze vergeben Weißen. Sie vergeben, weil sie – wie es Roxane Gay in der New York Times formulierte – überleben müssen. Vergebung soll ermöglichen, in einer rassistischen Gesellschaft zu leben und sowohl historische wie auch gegenwärtige Schmerzen anzuerkennen. Doch wohin, fragt sich nun Darren Matthews bei Attica Locke, hat die Vergebung geführt?

Vergebung als kollektives Bedürfnis verlangt, den Zorn über die Abwertung und Verletzung zu unterdrücken; Morde, Gewalt und Ungerechtigkeiten hinzunehmen, Loyalität gegenüber den Unterdrückern zu bekunden. Deshalb kann sie helfen, sich der Kriminalität und Grausamkeit systemischer Ungerechtigkeit und Gewalt zu stellen, mit der Vergangenheit abzuschließen. Aber sie kann auch zu einem rituellen Vergessen führen; sie beseitigt die Unterdrückung nicht, fordert keine Reue oder Wiedergutmachung, bringt keine radikalen sozialen Veränderungen. Schwarze vergeben, aber die, denen sie vergeben, machen weiter, ja, sie wählen sogar einen Rassisten ins Weiße Haus. Was also, so Darren Matthews, macht Vergebung aus ihnen: „Heilige oder Handlanger“?

Attica Locke (c) Mel Melcon, Los Angeles

In ihrem Buch liefert Attica Locke keine Antwort auf diese Frage, vielmehr spürt sie ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit nach. Die Wahl Donald Trumps ist für Darren Matthews ein „Verrat an der Versöhnung“, die Obama verkörpert hat. Zeitlich ist „Heaven, My Home“ zwischen der Wahl und Inauguration Donald Trumps angesiedelt, und auf jeder Seite ist zu spüren, dass sich die Stimmung im Land geändert hat. Lähmende Unsicherheit und Entsetzen prägen die eine Seite; Triumph die andere. In den vier Wochen, seit Trump gewählt wurde, haben Kirchen gebrannt, wurden Kinder in Schulkantinen bespuckt, wurde eine mexikanische Frau auf einem Supermarktparkplatz vor den Augen ihres Mannes und ihrer Kinder angegriffen. Matthews weißer Vorgesetzter bei den Texas Rangers fürchtet, durch das neue Weiße Haus könnten die Ermittlungen gegen die Arische Bruderschaft beendet werden. Matthews bester Freund, der weiße FBI-Agent Greg Heglund, glaubt, indem er einen Schwarzen einem Hassverbrechen überführt, könnte er dem Justizministerium vermitteln, dass das FBI jedes Hassverbrechen ernstnimmt und sie kein „liberaler Hokuspokus“ sind. Und Darren Matthews, einer der wenigen Schwarzen bei den Strafverfolgungsbehörden in Texas, „wundert sich ganz benebelt vor Wut darüber, was eine Handvoll verängstigter Weißer einer Nation antun konnte“.

Einst ist Darren Matthews aus Überzeugung und Liebe zu seinem Heimatstaat Texas Ranger geworden, er hat geglaubt, dass Veränderungen möglich sind – auch in Texas, in dem die Zeichen des Ku-Klux-Klans kaum verhüllt werden. Deshalb hat er sein Jura-Studium abgebrochen, nachdem er von der (tatsächlich stattgefundenen) brutalen Ermordung von James Byrd Jr. durch Rassisten in Jasper, Texas erfahren hatte. Sein Onkel William war ebenfalls ein Texas Ranger, er war überzeugt, das Gesetz würde die Schwarzen retten, weil es sie schütze, wenn man Verbrechen gegen Schwarze genauso eifrig verfolgt wie Verbrechen gegen Weiße. Damit verkörpert er eine Hoffnung: Wenn es mehr Schwarze Gesetzeshüter gibt, könnte das Leben von Schwarzen auch besser geschützt werden. Dagegen ist Williams Bruder Clayton, ein Strafverteidiger, überzeugt, dass das Gesetz eine Lüge ist, vor der Schwarze Schutz brauchen – denn es sind Regeln, die von Anfang an gegen sie gerichtet waren. Dieser Konflikt zwischen seinen Onkeln, bei denen er aufgewachsen ist, bestimmt Darren Matthews Leben – und nun fragt er sich, ob Clayton nicht doch richtig lag, wenn er sagte, dass „Gerechtigkeit stets relativ“ sei.

Darren Matthews ist geprägt durch seine Erziehung und seine Erfahrungen, er ist mit den Geschichten der Bürgerrechtsbewegung groß geworden, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die nun zerstört scheint. Dazu kommt die Widersprüchlichkeit, als Schwarzer in diesem Bundesstaat zu leben, ihn zu lieben, obwohl ihm Hass entgegenschlägt. „I make heaven my home, I shall not be moved“ lautet die Zeile des Blues-Songs, der diesem Roman seinen Namen gegeben hat – und der den Schmerz umfasst, kein tatsächliches Zuhause zu haben, keine Heimat, die an einen konkreten Ort gebunden ist. Dazu kommt aber in der Gegenwart der Wille, sich nicht vertreiben zu lassen, abermals die eigene Geschichte auslöschen zu lassen.

Diese Widersprüchlichkeit und die schwierige Geschichte machen Texas zu einem sehr geeigneten Ort für Kriminalliteratur. Schon Jim Thompson verortete sein Central City in „The Killer Inside Me“ in Texas, Joe R. Lansdale spürt seit Jahren den Verwerfungen der US-amerikanischen Gesellschaft in kleinen osttexanischen Orten nach. Attica Locke nun widmet sich aus Schwarzer Perspektive der intrinsischen Widersprüchlichkeit des Lebens Schwarzer Texaner im Osten des Bundesstaats entlang des Highway 59. Er beginnt im Süden in Laredo und geht im Norden bis nach Texarkana. Würde man ihm über Texas hinaus folgen, käme man bis nach Minnesota, so als würde er die USA in zwei Teile schneiden. Dabei quert er Houston, vor allem aber reihen sich kleine Ortschaften an dieser Straße. Manche Siedlungen wie Hopetown am Caddo Lake, einst von befreiten Sklaven gegründet, sind noch nicht einmal auf der Karte verzeichnet. Sie liegt ganz in der Nähe von Jefferson im Nordosten an der Grenze zu Louisiana, wo einige Bewohner versuchen, mit touristischen Touren und Attraktionen von ihrer glamourösen Vergangenheit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg zu profitieren. Hier ermittelt Darren Matthews in dem Verschwinden des neunjährigen Levi.

(c) Polar Verlag

Wie in Attica Lockes erstem Matthews-Roman „Bluebird, Bluebird“ liegen wesentliche Elemente zur Lösung des Falls in der Geschichte des Ortes, die hier aktiv umgeschrieben werden soll. Die einflussreiche, wohlhabende, weiße Rosemary King will den Schmerz der Sklaven und Natives nicht nur aussparen, sondern sie abermals verraten, ausbeuten und vertreiben, sie auslöschen aus der Geschichte. Die grausamen Spuren der Vertreibung der Caddos, die nun überwiegend in Oklahoma leben, das Blut der Sklaverei werden weggewischt, stattdessen will sie an die wirtschaftliche Blütezeit erinnern, ohne zu erwähnen, worauf dieser Wohlstand fußt. Es bleiben ausladende Kleider, herrschaftliche Anwesen und Raddampfer sowie das blühend weiße Bild einer Stadt, die einst an einer wichtigen Handelsroute lag. Doch diese Orte sind auch die Heimat von einem Schwarzen Mann wie Leroy Page, von den Haisnai, die zu den Caddos gehören, die von den Weißen vertrieben wurden. Ihr Wort für Verbündete ist „tayshas“, es hat dem Staat Texas seinen Namen gegeben, dessen Staatsmotto noch immer Freundschaft ist. Aber Verbündete waren die Weißen nie – und auch in der Gegenwart entstehen Zweifel an der Verbundenheit sogar in langjährigen Freundschaften wie der von Darren Matthews und Greg Heglund.

Attica Locke erzählt, wie vielfältig sich die Geschichte in ein Land und die Menschen einschreibt. Bei Darren Matthews ist durch die Geschichten, die ihm erzählt wurden, die vielen Ungerechtigkeiten und geerbten Vorurteile eine Blindheit gegenüber den Verfehlungen älterer Schwarzer Männer entstanden, als müsse er für die Gerechtigkeit sorgen, die sie nicht erfahren haben: „Entweder sie oder wir, stimmt’s“? Doch zugleich will er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht ganz fallenlassen, er will nicht glauben, dass ein neunjähriger Junge, aufgewachsen mit einem Vater aus der Arischen Bruderschaft, zwangsläufig ein Rassist wird. Und er hadert damit zu verstehen, warum die Enkelin des alten Mack nichts dabei findet, wenn ein weißer Mann sie rassistisch beleidigt. Vielleicht hat sie andere Erfahrungen gemacht als er, vielleicht sind die Geschichten der Bürgerrechtsbewegung zu weit weg für sie.

„Bluebird, Bluebird“ hat gezeigt, dass man die Gegenwart besser verstehen kann, wenn man die Vergangenheit voll und ganz kennt. „Heaven, My Home“ erzählt nun, dass diese Kenntnisse nicht immer zu mehr Klarheit in der Gegenwart verhelfen. Doch Geschichte kann man nicht entkommen. Sie begleitet und prägt die Menschen, sie lässt sich nicht lösen von der Gegenwart – für niemanden.

Attica Locke: Heaven My Home. Übersetzt von Susanna Mende. Polar Verlag 2020.

Dieser Text ist mein Nachwort zu Attica Lockes „Heaven My Home“ und zuerst in dem Buch bzw. auf der Seite des Polar Verlags erschienen.

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Women in Crime: „The So Blue Marble” von Dorothy B. Hughes

(c) Prenzler Press

Sie glaubt, sie würde nicht bemerkt werden. Die 24-jährige Griselda Cameron Satterlee, ehemalige Hollywood-Schauspielerin, die nun als Modedesignerin arbeitet, ist auf dem Weg in das New Yorker Apartment ihres Ex-Mannes Con – nachts, alleine. „Her dress was black and her coat, with its black fox collar, but at night no one would know the fox was real. Her hat didn’t look as if it were a creation. Not at night, not with her pale horn-rimmed glasses; no one would look twice at a girl with glasses over her face.” Sie geht die Fifth Avenue entlang, es sind nur ein paar Straßen bis zur 55th. Dann nähern sich zwei junge Männer an. Offenbar wissen sie, wer sie ist, sprechen sie mit Namen an. Griselda hält sie erst für „Princeton boys or Yale“, dann drängen diese sich an ihre Seite, machen keinerlei Anstalten, zu verschwinden. Griselda überlegt, was sie tun soll. Einen Taxifahrer ansprechen? Aber womöglich hält dieser sie für verrückt. Also beschließt sie, an ihrem Apartmenthaus vorbeizugehen, aber die Männer drängen sie in den Eingang. Eigentlich war sie doch sicher, solche Dinge passieren Menschen wie ihr nicht. „No reason to feel nervous at night, not even at eleven-thirty at night, in the heart of New York. Nothing ever happened to her kind of people; things happened to people living down those cross streets in old red bricks or old brownstones.“ Aber diese Männer zwingen sie in ihr Apartment. Dort beginnen sie ihre Hüte abzulegen, die weißen Seidenhandschuhe und weißen Seidenschal auszuziehen:

„And only then was she really afraid, and for such a fantastic reason. Because one had honey-colored hair, sleek to his head, and one had bat-black hair; one had very blue eyes and one very black; one had the golden tan coloring of blonds and one the olive tan coloring of brunettes. But outside of that they looked exactly alike, unbelievably, frighteningly, alike.

Die Eindringlinge sind die Zwillingsbrüder Danny und David Montefierrow, sie wollen, dass Griselda die „blue marble“ herausrückt. Griselda gibt vor, nicht zu wissen, wovon sie reden. Aber sie weiß, dass ihr Ex-Ehemann Con ihr einst eine sehr blaue Glaskugel gezeigt hat. Dennoch weigert sie sich, sie den Zwillingen auszuhändigen, bestreitet weiterhin vehement, von ihrer Existenz zu wissen. Später wird sie sie in Cons Apartment finden und in einem hervorragenden Versteck verwahren: in einer Puppe zu verstecken, die sie ihrer besitzergreifenden zweijährigen Nichte schenkt.

Die Jagd nach der blauen Kugel
Von der ersten Seite an kreiert Dorothy B. Hughes in „The So Blue Marble“ eine ungeheuer beklemmende Atmosphäre: der Weg durch die Nacht, dann das Auftauchen der Zwillinge, ihre zunächst absurd erscheinende Forderung, die blaue Glaskugel herauszugeben. Diese Anspannung wird im Verlauf des Buchs nicht nachlassen. Die „so blue marble“ funktioniert ganz wie Hammetts Falke als Handlungsauslöser – als MacGuffin würde man heute sagen -, nicht nur die Zwillinge wollen sie haben, auch andere Parteien haben es auf sie abgesehen. Angeblich weist sie den Weg zu einem Schatz, sie verkörpert damit die Sehnsucht nach Macht und unendlichem Reichtum. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Young-ha Kim

Voriges Jahr habe ich für das CrimeMag ein Porträt über den Cass Verlag geschrieben und dafür mit Verlegerin Katja Cassing telefoniert. Damals erzählte sie mir, dass in diesem Jahr ein Roman über einen dementen Serienmörder erscheint – und ich war sofort begeistert von dieser Idee! Allein die Vorstellung, wie das planvolle Vorgehen eines Serienmörders auf das Vergessen stößt, ist schon spannend. Young-ha Kim hat mit „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ nun ein sensationelles Buch erschaffen.

(c) Cass Verlag

Nur 151 Seiten ist es lang und es sind – wie der Titel sagt – Aufzeichnungen des Serienmörders. Vor 25 oder 26 Jahren hat Tierarzt Byongsu Kim diesen zufolge seinen letzten Mord begangen, mit 16 hat er angefangen, mit 45 aufgehört. Seither hat er sich um seine Ziehtochter gekümmert, als Tierarzt gearbeitet – und Gedicht geschrieben, die von dem Kursleiter im Kulturzentrum gelobt werden. „Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits Dutzende Male Beute „gepackt, um sie zu erlegen“. Und unter die Erde gebracht. Aber ich hatte das nie für Lyrik gehalten. Morden ist eher wie Prosa. Jeder, der es einmal probiert hat, weiß das. Jemanden zu ermorden, ist viel mühseliger und schmutziger als man denkt.“

Er lebt nun also recht friedlich in seinem Haus, seine Tochter Uhni umsorgt ihn. Doch dann merkt er auf einmal, dass er von einem Mann verfolgt wird und ist nach einem Blick in dessen Augen überzeugt, dass dieser Uhni ermorden will. Jedoch fällt es ihm aufgrund seiner Demenz zunehmend schwer, diesen Mann wieder zu erkennen und auch Uhni glaubt seinen Warnungen nicht. Außerdem steht die Polizei mehrfach vor der Tür und ist ihm auf den Fersen. Glaubt er zumindest. Denn schließlich ist er dement – und damit der unzuverlässigste Erzähler, den man sich vorstellen kann. Es besteht keine Täuschungsabsicht in seiner Erzählung, er will nicht bewusst in die Irre führen. Doch er ist der Ich-Erzähler und schon bald stellen sich erste Zweifel an zum Beispiel der Existenz eines Hundes ein, der zu einem großartigen running gag wird. Und sogar die einzige Grundfeste gerät zunehmend ins Wanken …

Es ist ein tiefschwarzhumoriges Nachdenken über das Leben und das Sterben, das man in „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ findet. Es geht um den Stellenwert von Kunst, es gibt Seitenhiebe auf beliebte Serienmörder-Topoi – und eine langsame Auflösung der Hauptfigur. Sehr, sehr lesenswert!

Young-ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders. Aus dem Koreanischen von Inwon Park. Cass Verlag 2020.

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Krimi-Kritik: „Meine Schwester, die Serienmörderin“ von Oyinkan Braithwaite

(c) Blumenbar

„Ayoola ruft mich mit diesen Worten herbei: Korede, ich habe ihn umgebracht. Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören“. Aus diesen zwei Sätzen besteht das erste Kapitel in „Meine Schwester, die Serienmörderin“ von Oyinkan Braithwaite – und das ist ein wahrlich grandioser Ausgangspunkt. Im zweiten Kapitel ist Korede dann schon bei ihrer Schwester und hilft ihr, eine Leiche verschwinden zu lassen sowie den Tatort gründlich zu reinigen. Damit wird auch Koredes Dilemma klar: Ihre wunderhübsche, verführerische Schwester Ayoola ist, wie der Titel bereits klar macht, eine Serienmörderin. Drei Männer hat sie nun ermordet – und ab drei Morden gilt man offiziell als Serientäterin. Korede hilft ihr aus schwesterlicher Verbundenheit bei der Beseitigung der Folgen ihrer Taten, weiß aber gleichzeitig, dass Ayoola vermutlich nicht mit dem Morden aufhören wird. Es ist ein wiederholendes Muster: Ayoola lernt einen Mann kennen, alles ist gut, dann macht er etwas, was ihr nicht gefällt und er ist tot. Das ist eine große Last an Wissen, die Korede zu tragen hat und sie vertraut sich lediglich einem Langzeit-Komapatienten in dem Krankenhaus, in dem sie arbeitet, an. Doch dann verliebt sich Koredes Schwarm, der Arzt Tade, in ihre Schwester. Und Korede will verhindern, dass er umgebracht wird.

Mit viel Witz und bösen Spitzen erzählt die 1988 geborene Braithwaite eine anfangs originelle Kriminalgeschichte, in der viel über Frauenfeindlichkeit in Nigeria zu erfahren ist. Die Schwestern stehen gewissermaßen für zwei Frauentypen: die verführerische, wunderschöne Ayoola, die mit verwöhnt-kindischem Verhalten durchkommt, weil sie eben gut aussieht und Männer das dann reizend finden. Und die pragmatische Korede, die resolut, verlässlich und klug ist – und sogar kochen kann. Leider verlässt sie ausgerechnet bei Tade ihr Scharfsinn, als Karikatur eines wohlmeindenden Mannes, der gewohnt ist, dass Frauen ihn, den Arzt!, anhimmeln, ist er sehr witzig. Sobald allerdings etabliert ist, dass er vermutlich das nächste Opfer werden könnte, geht der Geschichte ein wenig die Luft aus, so dass sie fast zwangsläufig in einem angesichts des originellen Anfangs schwachen Finale mündet. Allerdings ist „Meine Schwester, die Serienmörderin“ ein witziges Debüt – und daber bleibt zu hoffen, dass Braithwaite in ihrem nächsten Roman bis zum Ende einlöst, was sie hier verspricht.

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin. Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Blumenbar 2000.

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Krimi-Kritik: „Killer Rock“ von Andrew Cartmel

Ach, was hatte ich für einen Spaß mit „Murder Swing“, dem ersten Roman von Andrew Cartmel mit dem Vinyl-Detektiv! Damals geriet er in eine irre Verschwörung, als er nach einer seltenen Jazz-Platte suchte. In „Killer Rock“ sucht er nun nach einer seltenen Rock-Platte.

(c) Suhrkamp

Alles fängt fast genauso an wie in „Murder Swing“: er bekommt den Auftrag die Single der Band Valerian zu suchen, die zu gleichen Zeit wie ihr rares Album „All the Cats Love Valerian“ erschienen ist. Aber eigentlich – das ist ebenfalls von Anfang an klar – geht es seinem Auftraggeber vielmehr darum, den damals verschwundenen Sohn der toten Lead-Sängerin zu finden. Gemeinsam mit seiner Freundin Nevada und der Unterstützung von seinem besten Kumpel Tinkler sowie der Taxifahrerin Clean Head macht sich der namenlose Vinyl-Detektiv an die Arbeit.

Die Verbindung aus allerhand Musikgeschichte sowie -referenzen mit einem Kriminalfall, sehr originellen Charakteren und einem bissig-witzigen Erzählstil geht auch in „Killer Rock“ wieder auf. Dazu trägt vor allem bei, dass Cartmel lediglich droht, auf bereits bekannte Erzählmuster abermals zurückzugreifen, aber jedes Mal die Kurve bekommt. Und nicht nur das: Kennt man „Murder Swing“, erscheint die Bedrohung gelegentlich sogar wesentlich größer, als sie in diesem Fall ist.

Bestand ein Großteil meines Vergnügens bei „Murder Swing“ aus den Jazz-Referenzen, habe ich auch sehr gerne etwas über Rock gelesen und gelernt. Cartmel hat einen Sinn für die kleinen Absurditäten und große Exzentrik des Lebens und seiner Charaktere. Außerdem vergisst er bei allen Volten und allem kichernden Spaß den eigentlichen Fall nicht, der in „Killer Rock“ noch etwas gerader erzählt ist als in „Murder Swing“. Es gibt auf dem Krimi-Markt hierzulande nicht viele Bücher, die so perfekt unterhalten. Im nächsten Band wird es um Big-Band-Swing gehen. Ich kann es kaum erwarten.

Andrew Cartmel: Killer Rock. Übersetzt von Susanne Mende. Suhrkamp 2020.

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Ein Corona-Schwerpunkt im CrimeMag

Seit Anfang des Jahres arbeite ich ein wenig in der Redaktion vom CrimeMag mit, für das ich ja schon seit längerem schreibe. Irgendwann im Laufe des März hatten wir den Eindruck, wir würden gerne wissen, wie es Verleger*innen, Autor*innen und Kolleg*innen geht in dieser Zeit. Also haben wir vorsichtige Anfragen herausgeschickt – und entstanden ist eine Ausgabe mit über 20 deutsch- und englischsprachigen Texten. Es schreiben u.a. Lisa Sandlin, James Lee Burke, William Boyle, James Grady, Ute Cohen, Matthias Wittekindt, Regina Nössler, Felicitas Korn und und und … Die Texte sind entstanden in Neuseeland, Australien, New York, Texas, Berlin, Hamburg … Es gibt viel zu entdecken, finde ich.

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Krimi-Kritik: „Verdammte Liebe Amsterdam“ von Frank Göhre

Schorsch. Ein Mann, ein Name, könnte man denken. Aber offenbar ist Georg der sensiblere der beiden Köster-Brüder, zumindest in seiner Erinnerung. Ständig hat ihn der ältere Michael aufgezogen, wenn er geweint hat, sich weggeduckt hat oder etwas nicht wusste. Nun ist Michael tot. An einer Autobahnraststätte wurde er erschlagen. Jahrelang hatten die Brüder einander nicht gesehen, hatten keinen Kontakt zueinander. Nun beginnt Schorsch, sich für seinen Bruder und dessen Leben zu interessieren. Also vollzieht er dessen letzten Schritte nach und landet in Amsterdam.

(c) Culturbooks

Schnörkellos geht Frank Göhres „Verdammte Liebe Amsterdam“ los: „Am zwanzigsten kurz nach neun nahm Schorsch den Anruf entgegen.“ Fünfeinhalb Seiten später ist klar, dass die Brüder als Teenager in dasselbe Mädchen – Jutta Kotzke, noch so ein Name! – verliebt waren, es ein Unheil in der Vergangenheit gibt und mit Michaels Tod möglicherweise etwas nicht stimmt. Nach 158 Seiten wissen wir, was passiert ist, dass manches nicht in Ordnung kommt – und dass „Verdammte Liebe Amsterdam“ ein herausragender Kriminalroman ist.

Gut zehn Jahre liegen zwischen Göhres „Der Auserwählte“ und diesem Buch – das ist eine verdammt lange Zeit, zu lang, wenn man mich fragt. Auf den ersten Blick ist zu erkennen, wie einzigartig seine Stimme in der deutschsprachigen Kriminalliteratur weiterhin ist. Es ist eine scheinbare Leichtigkeit, ja, Selbstverständlichkeit, mit der er die Handlung und die Figuren entwickelt. Weiterlesen

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