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Über Max Annas‘ „Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikoleit“

Es gibt keinen Kartoffelsalat in Max Annas‘ zweiten „Morduntersuchungskommission“-Band „Der Fall Melchior Nikoleit“. Das ist einerseits ganz gut, denn diese Szene, in der Oberstleutnant Otto Castorf von der Morduntersuchungskommission Jena „total betrunken“ nach Hause kommt und seine Frau Birgit ihm sagt, da sei noch Kartoffelsalat im Kühlschrank, hat bei mir einen tagelangen Heißhunger auf Kartoffelsalat ausgelöst. Andererseits ist das auch schade, denn Otto trinkt immer noch mehr als vorher, redet aber nicht mehr wirklich mit seiner Ehefrau. Vielmehr glaubt er, sie habe eine Affäre. Aber auch darüber redet er nicht. Ganz eingestellt hat er das Reden indes nicht. Er erzählt sogar seiner Mutter auf der Beerdigung seines Vaters, was er gemacht hat, am Ende des ersten Teils. Und sein Bruder weiß es eh.

Ein Toter in Jena

(c) Rowohlt

Diese Tat hallt nach, aber Otto macht vorerst weiter wie bisher bei der Polizei in Jena 1985. Ein junger Mann wurde tot aufgefunden. Melchior Nikoleit war ein Punker, hatte sogar eine Band – und diese Typen sind alles andere als gerne gesehen in der DDR. Sie sind „Gammler“, ihre Haare sind zu lang, die Klamotten schmuddelig und kaputt und sie stören die Ordnung. Aufgeklärt werden soll die Tat aber dennoch. Zumal sie auch einen guten Vorwand liefert, sich diese Punkerszene mal genauer anzusehen …

Auf vier Teile hat Max Annas seine „Morduntersuchungskommission“-Reihe angelegt – und dieser zweite Teil hat mich immer wieder an die „Kommissar Beck“-Reihe erinnert – eine Art Mischung aus Buch und Serie. Wegen der sozialistischen Tristesse in Thüringen. Wegen der soziologischen Erkundungen des Alltags, die in der Summe zu einer der Gesellschaft werden. Beispielsweise bei der Frage, ob Otto und Birgit ihre älteste Tochter auf ein Sportgymnasium gehen lassen, weil sie gut schwimmt. Eigentlich eine gute Chance, aber ein Leipziger Kollege hat zu ihm gesagt: „Da gibst du ein Mädchen ab und kriegst einen Mann wieder.“ Und das geht Otto nicht mehr aus dem Kopf. An Beck erinnerte mich auch Ottos Herangehensweise an die Fälle: Er bemüht sich zumindest um Verständnis für die Jugendlichen, er erinnert sich an sein eigenes Heranwachsen, den Vater, der ideologisch immer noch ein wenig strenger war als Ottos Ausbilder.

Außerdem die Erzählweise – hier nun eher die Serie: Annas splittert die Perspektiven zwischen Otto, der Pfarrerstochter Julia Frühauf und den NVA-Offizier Erich Marder, die im Gesamtbild ein vielstimmiges Bild von dieser Zeit vermitteln. Besonders beeindruckt hat mich Julia Frühaufs Perspektive. Fast beiläufig erzählt sie, wie selbstverständlich Gewalt ein Teil ihrer aller Erziehung war. Beständig versucht sie, diese Sehnsucht nach etwas anderem im Leben in Worte zu fassen, die die Heranwachsenden empfinden. Die Erregung, wenn sie verbotenerweise in Häuser eindringen; die vorsichtige Rebellion mit Kleidung und Frisur; die Versuche, die englischen Texter anderer – das meint hier westlicher – Punkbands zu verstehen. Dazu aber gibt diese Perspektive gibt nicht nur Einblick in die wachsende Unruhe der Jugend, sondern auch die Verbindungen zwischen Punk-Szene und kirchlicher Opposition.

Die dritte Perspektive gehört Erich Marder, Offizier bei der NVA, und besorgt, weil ein Foto verschwunden ist. Ein Foto, auf dem er mit Kameraden von der Wehrmacht neben erschossenen britischen Offizieren zu sehen ist. Dieses Foto könnte ihm eine Menge Ärger bereiten, obwohl er ja „nicht einmal ein richtiger Nazi gewesen“ ist. Nazi kann es in der DDR ja auch gar nicht geben (was natürlich abgesehen von der Geschichte bereits im ersten Teil deutlich widerlegt wurde.) Erich Marder ist zudem der Vater einer der Punk-Kollegen von Melchior. Es ist abermals eine Vater-Kind-Beziehung, die abermals ideologisch durchdrungen und belastet ist. Überhaupt sind die Väter in diesem Kriminalroman vor allem streng, brutal und ignorant – mit Ausnahme von Otto.

Ideologischer Alltag

Ideologien durchziehen hier jeden Winkel des Lebens. Zwei Hauptverdächtige gibt es für den Mord an Melchior Nikoleit: den verdienten Genossen Marder – und Melchiors Vater, einen Antiquitätenhändler, der regelmäßig in den Westen fährt und unter Verdacht steht, dorthin abhauen zu wollen. Ersterer kann nicht der Mörder sein, das geht einfach nicht – der Vater hingegen wäre der ideale Täter. Auch eine Morduntersuchung macht vor Ideologien nicht halt. Annas schlägt natürlich nicht denselben Haken wie im ersten Teil. Tatsächlich mündet sein Roman in ein Ende, der alles andere als Beck-mäßig ist. Wie er damit weitermacht, darauf bin ich schon sehr gespannt.

Und es gab dann doch wieder einen für mich ebenso denkwürdigen Satz wie „Es ist noch Kartoffelsalat im Kühlschrank“: „Ein Küchentisch, der zum Schreibtisch umfunktioniert worden war, zweitüriger Kleiderschrank, Weinkisten mit Schallplatten, obenauf lag BAP, von denen hatte Otto schon einmal gehört, Westrock aus Düsseldorf oder so.“

Max Annas: Morduntersuchungskommision: Der Fall Melchior Nikoleit. Rowohlt 2020. 336 Seiten.

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