Im August 2017 will die schwedische Journalistin Kim Wall einen Mann interviewen, der ein U-Boot gebaut hat. Sie geht an Bord des U-Bootes – und wird einen Tag später als vermisst gemeldet. Nach monatelangen Ermittlungen steht fest: Der Konstrukteur hat Kim Wall ermordet.
Von diesem Fall hatte ich gehört, auch einige Artikel dazu gelesen, aber die Ermittlungen habe ich nicht im Detail verfolgt. Vermutlich hätte mich eine Serie zu diesen Ermittlungen auch nicht sehr interessiert, aber: „The Investigation“ ist die sechsteilige Mini-Serie von Tobias Lindholm. In den Texten zur Serie steht meist, er hätte auch bei „Borgen“ mitgeschrieben. Ja, hat er. Weit wichtiger aber: Er hat mit „Kapringen (A Hijacking)“ und „A War“ zwei exzellente Filme gemacht, dazu das Drehbuch zu Vinterbergs „Die Jagd“ und „Der Rausch“ geschrieben. Aus Marketingsicht ist der Verweis auf „Borgen“ zwar verständlich, aber er greift zu kurz.
Die Serie macht nun genau das, was der Titel verspricht: Sie erzählt von der Untersuchung des Verschwindens und Mordes von Kim Wall. Völlig unaufgeregt, fast schon dokumentarisch werden sie detailliert wieder gegeben – und es ist faszinierend, wie spannend es sein kann, bei dieser oftmals kleinteiligen, frustrierenden Arbeit zuzusehen. Das Team um den Leiter der Mordkommission, Jens Møller Jensen (Søren Malling), muss immer wieder von vorne anfangen: Nachdem feststeht, dass Kim Wall tot ist, sind sie überzeugt, dass der Konstrukteur schuldig ist. Aber sie brauchen Beweise, die vor Gericht standhalten. Er ändert seine Aussage mehrfach. Es gibt keine Zeugen, das U-Boot ist gesunken, viele Spuren vernichtet, Beweise vom Meer unbrauchbar gemacht. Und sie brauchen alleine Wochen, um die Leiche zu finden.
Sie finden neue Ansätze, neue Methoden, neue Experten, aber sie müssen auch beständig das Material neu durchgehen. Die Bildgestaltung (wieder einmal exzellent: Kamera von Magnus Nordenhof Jønck) unterstreicht das noch: lange Fahrten durch triste Behördengänge, sehr ruhig, fast kammerspielartig die Atmosphäre insgesamt. Die ersten vier Folgen dieser unaufgeregten Serie sind so nah an dieser Arbeit, an dem Preis, der mit ihr einhergeht. Dazu ist die Serie ist exzellent besetzt, sogar Rolf Lassgård spielt für seine Verhältnisse angenehm zurückhaltend. Pernilla August als Kim Walls Mutter ist sehr gut, ebenso gut besetzt ist Pilou Asbæk als Staatsanwalt. Und es gibt wohl niemanden, der einen dänischen Durchschnittsbeamten so gut verkörpert wie Søren Malling.
Bemerkenswert ist auch, dass der Täter nicht nur nicht gezeigt wird, sondern sein Name auch nicht genannt wird. Wenn er verhört wird, wartet Jens ab, was sein Kollege über das Verhör erzählt. Das entspricht wohl den wahren Ermittlungen: Jens Møller hat den Verdächtigen nie persönlich befragt. Und in der Serie wird ihm nun das verwehrt, was er mit seiner Tat (auch) erreichen wollte: Bekanntheit. Stattdessen rückt Kim Wall in den Mittelpunkt. Damit erfüllt die Serie auf interessante Weise die Forderung an True Crime, das Opfer in den Mittelpunkt zu stellen.
Ganz wird auf Emotionalisierung und Klischees dennoch nicht verzichtet: In der ersten Folge ist die Musik oftmals sehr dräuend. Es gibt einen stereotypisierten Konflikt zwischen Jens und seiner Tochter, den die Serie nicht gebraucht hätte. Er nimmt nicht viel Raum ein und mit ihm soll noch einmal unterstrichen werden, wie sehr er sich während der Ermittlungen von ihr und seine Frau abschottet. Aber dazu hätten die schweigsamen Abendessen gereicht. Auch verliert die Serie mit dem Abschluss der Ermittlungsarbeit die Spannung. Die sechste – die letzte – Folge ist ein emotionaler Nachklapp, den ich auf menschlicher Ebene verstehe – schließlich war Kim Wall eine Frau, eine Journalistin, eine Tochter, die gelebt hat. Filmisch aber wäre die Serie stärker ohne diese Folge.
Trotz dieser Einschränkung empfehle ich diese Serie sehr. Allein die dritte Folge gehört mit zu dem besten, was ich seit langem im Fernsehen gesehen habe.
„The Investigation“ ist in der ARTE-Mediathek.

