Über Chandler wird viel geredet. Aber ich vermute, er wird weniger gelesen. Sonst würde anders über ihn geredet werden. Viele Autor*innen nennen ihn als Vorbild: Er hat hart gearbeitet, um vom Schreiben leben zu können, und mit seinen Büchern einen eigenen Sound kreiert. Einen Sound, der mittlerweile so verbreitet ist, dass ich beim Lesen von „Lebwohl, mein Liebling“ einige Male dachte, das klingt so nach Chandler – und mich regelrecht daran erinnern musste, dass ich ihn ja auch gerade lese. Bei Passagen wie:
„Ich brauchte einen Drink. Ich brauchte eine hohe Lebensversicherung, ich brauchte Urlaub, ich brauchte ein Zuhause auf dem Land. Was ich hatte, waren eine Jacke, ein Hut und eine Pistole. Ich nahm sie und verließ das Zimmer.“
Wegen solcher Passagen liest man Chandler, ihretwegen kann man ihn auch heute noch lesen. Er verkörpert das Bonmot, dass Noir keinen Plot, sondern nur Stimmung brauche. Denn der Plot ist hier – wie allzu oft bei Chandler – zusammengeschustert und unstimmig. (Nebenbei: Oftmals liest man, der Plot sei komplex. Nein. Komplex bedeutet nicht inkonsistent.)
„Lebwohl, mein Liebling“ beginnt nun damit, dass Privatdetektiv Philipp Marlowe zufällig einen sehr großen Mann namens Moose Malloy begegnet. Moose sucht die rothaarige Nachtclubsängerin Velma Valento. Vor acht Jahren hat er sie das letzte Mal gesehen. Sie ist seine große Liebe, er muss sie wiedersehen. Marlowe wird beauftragt, Velma zu finden. Dabei kommt es allerdings zu tödlichen Verwicklungen.
Es entwickelt sich eine Geschichte, die wir heute „klassisch“ nennen würden – mit allen Zutaten: Korrupte Polizisten, eine Femme fatale, eine jungfräulich-nette Frau, Gangster und Millionäre. Aus heutiger Sicht ist schnell klar, wer Velma ist und hinter allem steckt. Bemerkenswerter sind Kleingkeiten: So gibt es zwar einen sehr klaren Seitenhieb auf Rätselkrimis, bei dem sich die gute Anne Riordan über S.S. Van Dine und seinen Amateurdetektiv Philo Vance lustig macht, indem sie Marlowe auffordert, mit britischem Akzent nun alles zu erklären. Aber im Anschluss macht Marlowe genau das: Er erklärt den Plot – ohne britischen Akzent.
Doch wie gesagt: Chandler liest man nicht wegen des Plots, sondern seines Stils.
„Das Dinner für fünfundachtzig Cent schmeckte wie ein ausrangierter Postsack und wurde mir von einem Kellner serviert, der aussah, als würde er mir bereitwillig für einen Vierteldollar einen Schwinger verpassen, mir für 75 Cent die Kehle durchschneiden und mich für anderthalb Dollar samt Umsatzsteuer in einer Tonne voll Zement im Meer versenken.“
Deshalb ist es eine gute Idee, dass seine Romane nun in neuer Übersetzung erscheinen – es fehlt nur „The Big Sleep“. Bei „Lebwohl, mein Liebling“ hat die erfahrene Melanie Walz gut die Balance zwischen gegenwärtigem Sprachgebrauch und Anachronismen gefunden. So sind Polizisten noch Polypen oder es gibt „Burschen wie sie“. Nicht alles finde ich gut – z.B. das eingestreute kursiv gesetzte „so what“ –, aber das sind eher Geschmacksfragen. Insgesamt lässt sich die ganze Übersetzung gut lesen.
Berühmt ist Chandler für seine Vergleiche – vielzitiert beispielsweise: „Meine Stimme klang als risse jemand Latten aus einem Hühnerstall“. Das ist originell. Aber es gibt eben auch Sätze wie „Die feuchte Luft war so kalt wie die Asche der Liebe“. Das finde ich sentimental, ja, bedrohlich nah am Kitsch. Ohnehin wird über Sentimentalität zu wenig im Zusammenhang mit Chandler gesprochen. Im Nachwort steht beispielsweise, dass seine Ironie zu viel wisse, „um an die Veränderbarkeit der Zustände zu glauben“. Aber das widerlegt das Buch: Am Ende haben sich die Zustände verändert, gibt es Hoffnung.
Das passt natürlich nicht zu dem sorgsam gepflegten Bild des coolen, abgeklärten Autors. Auch andere Dinge haben da wenig Platz: Seine Homophobie und Misogynie werden mit dem Verweis auf seine Lebenszeit weitgehend abgetan – aber sie sollten heutzutage zumindest genannt werden. Auch zeigt sich in diesem Roman sein Rassismus – und der beschränkt sich nicht nur auf den Gebrauch des N-Wortes, das hier – wie im Nachwort angegeben – nur in direkter Figurenrede zu finden ist. Er findet sich auch in der Beschreibung der Figuren. Er zeigt sich darin, von welchen Viertel in Los Angeles er wie erzählt – um es deutlicher zu sagen: Chandlers Los Angeles ist ein weißes Los Angeles (das es auch schon damals nicht gab). Und er zeigt sich gerade in „Lebwohl, mein Liebling“ an dem unterschiedlichen Umgang mit dem Mord an einem Schwarzen und einem weißen Mann. Zwar erkennt Marlowe, dass es ein Problem ist, dass weder die Öffentlichkeit noch die korrupte Polizei daran interessiert ist, ersteren aufzuklären. Aber indem auch er sich nur für zweiteren interessiert, erhält er dieses System aufrecht.
Auch darüber muss man reden, wenn man über Chandler redet.
Und weil es bei so bekannten, verehrten Autoren oftmals Empfindlichkeiten gibt: Es geht mir nicht darum, an seiner Stellung zu rütteln. Die ist zementiert – nicht zuletzt durch die Filme, durch die Verschmelzung von Humphrey Bogart mit der Figur Philipp Marlowe. Aber gerade bei so bekannten, populären Autoren sollte Raum dafür sein, auch über problematische Aspekte zu sprechen. (Wie nebenbei bemerkt auch bei Agatha Christie und Patricia Highsmith.) Denn „Lebwohl, mein Liebling“ ist auch eine deutliche Erinnerung daran, dass Noir ein sehr weißes Genre ist.
Raymond Chandler: Lebwohl, mein Liebling. Neu übersetzt von Melanie Walz. Diogenes 2026.

