Schlagwort-Archiv: Dänemark

Krimi-Kritik: „Aisha“ von Jesper Stein

(c) Kiepenheuer & Witsch

Nachdem es mit Vizekommissar Axel Steen in den vorherigen drei Romanen „Unruhe“, „Weißglut“ und „Bedrängnis“ konstant bergab ging, ist er – man mag es kaum glauben – zu Beginn von Jesper Steins „Aisha“ auf dem Weg der Besserung. Clean, in Therapie und erfüllt von dem Versuch, ein besserer Mensch zu werden. Er hält die Verabredungen mit seiner Tochter Emma ein, kontrolliert sein Temperament, versucht, kollegial zu sein und hat eine neue Freundin. Allerdings wartet nun seit erster Mordfall seit über einem Jahr auf ihn und der hat es gleich in sich: Ein ehemaliger Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes PET wurde gefoltert und getötet, Axel soll herausfinden, wer dahintersteckt, aber der PET ist nur vordergründig hilfsbereit. Und so stößt Axel bald auf einen Anti-Terroreinsatz, der vor einigen Jahren äußerst schiefgelaufen ist.

Jesper Stein hat sich in den vorherigen Bänden redlich bemüht, den kaputtesten aller kaputten skandinavischen Ermittler zu schaffen und verschafft seiner Hauptfigur – und auch dem Lesepublikum – mit „Aisha“ anfangs eine kleine Auszeit. Weiter bergab ging es kaum mehr, daher tut dieser Rehabilitierungsversuch sowohl der Glaubwürdigkeit seiner Figur als auch der Reihe gut. Zumal er allerhand Anlass zu einigen wohlgesetzten Spitzen gegen die Kultur des positiven Denkens und Selbstoptimierung gibt. Aber natürlich wird Axel Steen kein anderer Mensch und deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles wieder bergab geht – und leider ist es auch dieses Ende, an dem Jesper Stein dann wieder in allzu bekannte Muster verfällt. Weiterlesen

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FFHH15: „Long Story Short“

Bestimmte Geschichten begegnen einem im Kino immer wieder. Dazu gehört auch die von einer Gruppe von Freunden, die im Verlauf des Films durch allerhand Beziehungen, Trennungen, Krankheiten und so weiter geht. Eine solche Geschichte erzählt der dänische Film „Long Story Short“ von May el-Toukhy auf ungemein warme, kluge, witzige und rührende Art und Weise.

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Der Film beginnt am Silvesterabend. Ellen (Mille Lehfeldt) liegt mit Sebastian (Ola Rapace) im Bett, er hat ihr ein Armband geschenkt und muss dann los. Der Handlungsort wechselt, Anette (Trine Dyrholm) bereitet eine Party vor und freut sich mit ihrer Freundin Maya (Danica Curic) auf eine Feier. Nach und nach treffen die Gäste ein, darunter ist Sebastian mit seiner Ehefrau sowie – mit Verspätung – Ellen, Ellens guter Freund Ralf (Peter Glantzler), Rolfs Schwester Bolette (Dya Josefine Hauch) und ihr Mann Adam (Janus Nabil Bakrawi), später wird auch noch Anettes Cousin Max (Jens Albinus) dazu stoßen. Im Verlauf des episodischen Films werden diese Freunde bei Hochzeiten, Namenstagen, zu Mittsommer und anderen Ereignissen aufeinander treffen, dadurch folgt der Film ihren Leben über Jahre hinweg. Es gibt neue Lieben, Trennungen, Geburten und Tod. Das eigentlich dramatische Ereignis geschieht dabei oftmals zwischen diesen Feiern, auf denen die Auswirkungen zu spüren sind und besprochen werden. Auf diese Weise wird man nach und nach ein Teil dieser Clique der Ende 30-, Anfang 40-jährigen, die mit ihren bisher getroffenen Entscheidungen zurechtkommen und deren Konsequenzen tragen müssen. Deshalb werden inmitten der Leichtigkeit der Feier lebensnahe – und schwierige – Fragen verhandelt: Kann man den Partner verlassen, mit dem man Kinder hat? Was passiert, wenn die große Liebe Kinder will, man selbst aber nicht? Man erkennt die Typen und Gespräche wieder, weil sie im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis zu finden sind. Denn wer kennt sie nicht, die Frau, die immer den Versprechen eines Mannes glaubt, obwohl sie und man selbst wissen, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen. Aber sie will seine Lügen für wahr halten – und als Freundin kann man nichts anderes tun, als sie auf die Wahrheit hinzuweisen und im Trennungsfall für sie da zu sein (bei einer Szene ging ein sehr kollektiver Seufzer durch das gesamte Publikum). Oder die Paare, die einfach jetzt nicht mehr zusammenpassen, obwohl sie einst so gut harmonierten – oder bei denen immer einer zurückstecken muss.

Zu dieser Lebensnähe kommen kluge Dialoge, erwachsenes Verhalten der Figuren, eine warme und präzise Kameraarbeit sowie eine nicht nur namhafte, sondern auch sehr gute Besetzung. Gerade Mille Lehfeldt ist sehr überzeugend als Ellen, die allzu leicht ein zu neurotischer Charakter hätte werden können. Aber so hofft man mit ihr auf ein gutes Ende – wohlwissend, dass es im Leben manchmal anders läuft.

Lang historie kort – Trailer from Det Danske Filminstitut on Vimeo.

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Getestet: Die Skandinavien-Edition von ebook.de

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Bereits im letzten Jahre habe ich von ebook.de das Angebot erhalten, mir ihre Plattform und skandinavisches Krimi-Angebot anzusehen. Vor zehn Jahren als libri.de gestartet, kann man auf ebook.de gedruckte und elektronische Bücher kaufen, außerdem können mit der Lese-App die E-Books in Sammlungen sortiert und die Angebote von anderen Anbietern der ‚Tolino-Allianz‘ genutzt werden – Thalia, Hugendubel und buecher.de gehen also, Amazon nicht.

Ich hatte die Wahl zwischen Krimi-Länderpaketen (kosten je 9,99 Euro) oder der Skandinavien-Edition mit zehn Kriminalromanen aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland (29,99 Euro) und habe mich für letzteres entschieden. Daraufhin bekam ich einen Gutschein-Code, den ich beim Kauf einlösen konnte.

Der Kaufvorgang verläuft wie bei allen anderen Buchseiten auch: Ich musste ein Konto anlegen, dann habe ich die Edition in den Warenkorb gelegt, bin zur Kasse gegangen, habe den Gutschein eingelöst und konnte die Titel herunterladen – entweder auf einen E-Reader oder in eine der Lese-Apps (dafür habe ich mich entschieden). Die Seite ist sehr übersichtlich und gut zu bedienen, auch der Download klappte ohne Schwierigkeiten. Recht schnell landeten auf diese Weise also zehn Titel auf meinem Handy bzw. Tablet: Weiterlesen

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Skandinavische Filme auf der Berlinale 2015

Am Donnerstagabend wird die 65. Berlinale mit Isabel Coixets Film „Nobody wants the night“ eröffnet – und auch ich werde in diesem Jahr vor Ort sein und so viele Filme wie möglich sehen. In der Hauptsektion des Wettbewerbs ist in diesem Jahr leider kein Film aus Skandinavien dabei, obwohl ich ein wenig auf Vinterbergs neuen Film gehofft hatte. Aber in den Nebensektionen sind einige Beiträge zu finden.

 

„Mot naturen“ von Ole Giæver

201507542_1_IMG_FIX_700x700Sehr freue ich mich auf den norwegischen Film „Mot naturen“, auf den ich ein Auge geworfen habe, seit ich das Plakat des Films das erste Mal gesehen habe. In dem Film erzählt Regisseur Ole Giæver von dem 36-jährigen Martin, der ein Wochenende in den Bergen verbringt und sich dabei Gedanken über sein Leben macht. Zur Kritik.

 

„Dyke Hard“ von Bitte Andersson

© Nicklas Dennermalm

© Nicklas Dennermalm

Ebenfalls im Panorama läuft Bitte Anderssons Spielfilmdebüt „Dyke Hard, ein schwedisches „Action Comedy Sci-Fi Musical“ über eine lesbische Rockgruppe, die sich nach oben schlagen will. Mit der Hilfe eines Thaiboxers. Der Film wurde nach Aussage auf der Webseite von einer Gruppe „film nerds in love with trash“ gemacht – und könnte ein großer Spaß werden. Zur Kritik.

 

„Misfits“ von Jannik Splidsboel

© Henrik Ipsen

© Henrik Ipsen

In Tulsa, Oklahoma gibt es 400.000 Einwohner, mehr als 4000 Kirchen und ein schwul-lesbisches Jugendzentrum. Dort treffen sich Jugendliche, die schwul, lesbisch oder transidentisch leben wollen – im amerikanischen „bible belt“.

In seinem dänisch-schwedische Dokumentarfilm „Misfits“ hat Jannik Splidsboel drei Jugendliche in ihrem Alltag begleitet und zeigt Vorurteile, aber auch bedingungslose Unterstützung. Zur Kritik.

 

„Fassbinder – Lieben ohne zu fordern“ von Christian Braad

(c) Dino Raymond Hansen

(c) Dino Raymond Hansen

Der dänische Filmhistoriker Christian Braad war ab 1969 mit Rainer Werner Fassbinder befreundet und hat mit „Fassbinder – Lieben ohne zu fordern“nun  eine Hommage an den Regisseur gedreht, die auf Gesprächen und Interviews basiert. Dabei soll dieser Dokumentarfilm laut Pressetext von „der anhaltenden Aktualität von Mensch und Werk“ zeugen und zur „ästhetischen, kreativen und kritischen Auseinandersetzung“ herausfordern. Mein Kollege Patrick Wellinski war begeistert.

 

„Sume – Mumisitsinerup Nipaa“ von Inuk Silis Høegh

© Jørgen Bovin

© Jørgen Bovin

Und außerdem läuft im Panorama noch der Dokumentarfilm „Sume – Mumisitsinerup Nipaa“, in dem der grönländische Regisseur Inuk Silis Høegh den Einfluss der Rockband Sumé auf den grönländischen Kampf für Autonomie untersucht. Ihre Lieder wurden der Soundtrack der ersten Jugendproteste gegen die Verwaltung durch Dänemark. Dabei haben sie sich selbst in Dänemark zusammengefunden – Malik Høegh und Per Berthelsen studierten in Kopenhagen und gründeten dort die erste Rockband, die auf Gröndländisch sang.

 

„The Look of Silence“ von Joshua Oppenheimer

© Lars Skree

© Lars Skree

Als Berlinale Special läuft „The Look of Silence“, gewissermaßen das Gegenstück zu „The Act of Killing“. Nachdem sich Joshua Oppenheimer dort mit den Tätern beschäftigt hat, die im Auftrag des indonesischen Militärregimes mordeten, geht es in „The Look of Silence“ um die Angehörigen der Opfer.

 

„Virgin Mountain“ von Dagur Kári

© Rasmus Videbæk

© Rasmus Videbæk

Außerdem wird in dieser Reihe noch „Virgin Mountain“ von Dagur Kári zu sein, in dem der isländische Regisseur von dem Gepäckfahrer Fúsi erzählt. Zur Kritik.

 

Kinder- und Jugendfilme

Traditionell finden sich auch wieder einige skandinavische Kinder- und Jugendfilme in der Generation Kplus und Generation 14plus.

In dem schwedischen Film „Flocken“ erzählt Regisseurin Beata Gårdeler von den Folgen eines Vergewaltigungsvorwurfs in einem schwedischen Dorf. Zur Kritik von Rochus Wolff.

In „Min lilla syster“ dreht sich alles im Stella, die einsehen muss, dass ihre bewunderte große Schwester an einer Essstörung leidet. In dem Film hat Sanna Lenken Regie geführt.

Der dänische Animationsfilmer Jannik Hastrup erzählt in „Cykelmyggen og Minibillen“ von dem Käfer Mini, der auf eine abenteuerliche Reise geht.

Sehnsüchtig erwartet wird zudem die Fortsetzung von „Antboy“, die in Berlin ihre Premiere feiert. In „Antboy: Den Røde Furies Hævn“ wartet ein neues Abenteuer auf den Superhelden. Rochus Wolff hat den Film gesehen.

Weltpremiere feiert außerdem „Cirkeln“, die Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsromans, in dem sich sechs jugendliche Hexen zusammenschließen, um die Welt zu retten.

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Skandinavische Filme auf dem Filmfest München

München, ich komme! In diesem Jahr fahre ich zum ersten Mal zum Filmfest nach München und freue mich schon auf tolle Filme und das Wiedersehen und Kennenlernen von Kollegen. Aus Skandinavien – genauer gesagt aus Schweden, Norwegen und Dänemark – sind insgesamt fünf Filme zu sehen:


(c) Prokino

(c) Prokino

„Når dyrene drømmer“ („When Animals Dream“) aus Dänemark lief bereits in Cannes und wird mit „Låt den rätte komma in“ von Tomas Alfredson verglichen. Regisseur Jonas Alexander Arnby erzählt die Geschichte der Außenseiterin Marie, die mit ihrem Eltern in einem kleinen Küstenort lebt. Sie spürt, dass ihr Körper sich verändert, auch will sie herausfinden, warum ihre Familie nicht über ihre Vergangenheit spricht – und gerät dadurch auf Kollisionskurs mit allen um sie herum. Der Film startet auch regulär am 21. August 2018 in den deutschen Kinos. Zum Trailer. Eine Kritik folgt.



(c) NFI

(c) NFI

„Doktor Proktors Prompepulver“ („Doktor Proktors Pupspulver“) ist ein norwegischer Kinderfilm – und der skandinavische Film, den ich nicht sehen werde. Dabei ist die Geschichte durchaus ansprechend: Lise freundet sich mit dem frechen Bulle an und gemeinsam besuchen sie den schrägen Doktor Proktor, der ein Pupspulver erfunden hat, das nicht nur lautes Furzen hervorruft, sondern einen auch fliegen lässt. Zum Trailer. Zur Kritik von Rochus Wolff.



(c) Paradox

(c) Paradox

Im Mittelpunkt von „Tusen Ganger God Natt“ („A Thousand Times Good Night“) steht die Kriegsfotografin Rebecca, die eines Tages eine Selbstmordattentäterin in Kabul aufnimmt und bei dem Anschlag schwer verletzt wird. Zurück in ihrer Heimat stellt sie ihr Mann daher vor die Wahl zwischen Beruf und Familie. Der norwegische Regisseur Erik Poppe hat selbst als Kriegsfotograf gearbeitet, daher bin ich sehr gespannt, wie er von diesem Beruf erzählt. Zum Trailer. Zur Kritik.



Im Wasser

Im Wasser

Die norwegisch-schwedische Ko-Produktion „The Quiet Roar“ von Henrik Hellström erzählt von der sterbenskranken Marianne, die mithilfe psychoaktiver Drogen eine wichtige Episode in ihrer Vergangenheit noch einmal erleben möchte. Mit wenig Dialogen und teilweise beeindrucken Bildern ist dieser Film, den ich vorab bereits sehen konnte, eine berührende Meditation über das Leben und die Lieben. Zum Trailer. Zur Kritik.



Bergmans Fernsehzimmer

Bergmans Fernsehzimmer

Und schließlich ist in München noch die schwedische Dokumentation „Trespassing Bergman“ zu sehen, in dem unter anderem Claire Denis, Martin Scorsese, Woody Allen, Lars von Trier, Michael Haneke und Ang Lee erzählen, wie Ingmar Bergman sie beeinflusst hat. Da ich gerade selbst mitten in einer kleinen Bergman-Werkschau stecke, freue mich schon sehr auf diesen Film. Zum Trailer. Zur Kritik.

Das Filmfest geht vom 27.06. bis 05.07.2014 und alle weiteren Informationen über Filme, Kinos und mehr sind hier zu finden.

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Die Liebe im Lichte Dänemarks – Über „Marie Krøyer“ von Bille August

(c) Rolf Konow; DFI

(c) Rolf Konow; DFI

Das Licht soll einzigartig sein in Skagen im Norden Dänemarks. Deshalb zieht es seit Jahrzehnten Künstler in den kleinen Fischerort. Zur Jahrhundertwende ist der berühmteste Maler des Ortes Peder Severin Krøyer (Søren Saetter-Lassen), genannt Søren. Er lebt hier mit seiner Frau Marie (Birgitte Hjort Sørensen), die von vielen als die schönste Frau Dänemarks gesehen wird, und seiner Tochter Vibeke. Auf den ersten Blick scheint ihr Leben einer Künstler-Idylle zu gleichen: Während Søren und Marie im Atelier malen, sitzt Vibeke zwischen ihnen und freut sich über die alberne Aufmerksamkeit ihres Vaters. Marie und Søren wirken glücklich, sie ist ihrem Mann Model, kümmert sich um den Haushalt und ihre Tochter. Aber schnell zeichnen sich erste Risse ab: Søren ist launisch, dominant und impotent. Er ordnet alles seiner Kunst unter, jedoch hält Marie das Verhalten ihres Mannes duldsam aus. Anscheinend will sie den Traum vom Leben an der Seite eines berühmten Malers nicht aufgeben, jedoch fürchtet nun bereits ihre Tochter, dass sich ihr Vater mal wieder „komisch“ benehme. Und ihre Befürchtungen werden bestätigt: Søren leidet unter manischen Anfällen, in denen er seine Frau malträtiert und eines Tages beinahe tötet. Zum wiederholten Mal kommt er daher in eine psychiatrische Klinik – und Marie wartet auf ihn. Zunehmend leidet sie unter ihrer Selbstaufopferung und der harschen Kritik ihres Mannes an ihrer eigenen Malerei, verzweifelt sucht sie nach einem Weg zu sich – und glaubt ihn in einer Affäre mit dem schwedischen Komponisten Hugo Alfvén (Sverrir Gudnason) zu finden.

(c) Rolf Konow; DFI

(c) Rolf Konow; DFI

Langsam führt Regisseur Bille August in seinem ersten dänischen Film seit über 20 Jahren in die Handlung ein, die einen zu erwartenden Verlauf nimmt. Dabei nutzt das Drehbuch von Peter Asmussen das tatsächliche Leben von Marie Krøyer als Rahmen und füllt ihn mit fiktiven Ereignissen. Historisch bestätigt ist ihre Ehe und ihre Affäre, ausgespart wird aber ihre Wandlung zu einer Innenausstatterin – und eine zweite Ehe. Vielmehr stellen Bille August und Peter Asmussen Marie als eine Frau dar, die sich letztlich durch die Begegnungen mit Männern formt. Ihrem selbstsüchtigen Ehemann – gut gespielt von Søren Saetter-Lassen – folgt ein oberflächlicher Komponist, Hilfe bekommt sie außerdem von einem Arzt und einem Anwalt, während es ihre Freundin bei einer kryptischen Warnung vor Hugo belässt. Die Verführungskraft dieses Mannes ist indes nur schwer nachzuvollziehen, da Sverrir Gudnason blass und ohne Charisma bleibt. Daher wirkt Hugo nicht wie Maries große Liebe, sondern wie ein Mann, dem Marie begegnet und der ihr einen scheinbaren Ausweg bietet. Außerdem gibt er wenigstens vor, sie – im Gegensatz zu allen anderen – nicht auf ihr Äußeres zu reduzieren. Erst am Ende des Films wird dann durch ein ergreifendes Gespräch mit ihrer Tochter deutlich, warum sie so gehandelt hat. Aber auch daran knüpft der Film nicht an, sondern setzt lieber auf eine emblematische Schlussszene.

(c) Rolf Konow; DFI

(c) Rolf Konow; DFI

Sicher ist Bille August erfahren genug, um die vorhersehbare Handlung unterhaltsam zu entfalten. Das ruhige Erzähltempo lässt dem Zuschauer viel Zeit, die sorgfältige Ausstattung wahrzunehmen, die mit viel Liebe zum Detail die Epoche der Jahrhundertwende lebendig werden lässt. Auch Kameramann Dirk Brüel sind sehr schöne Bilder gelungen, in denen er das berühmte Licht am Skagen hervorragend einfängt. Somit ist „Marie Krøyer“ alles in allem ein altmodisches Kostümdrama – gut ausgestattet, schön fotografiert und langsam erzählt.

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Krimi-Kritik: „Unruhe“ von Jesper Stein

„Ich bin achtundreißig, geschieden, ich habe eine fünfjährige Tochter. Ich habe eines der am häufigsten durchgecheckten Herzen auf der Welt. Und ich habe panische Angst zu sterben“, sagt Kommissar Axel Steen eines Morgens zu sich selbst. Er ist Mordermittler bei der Kopenhagener Polizei, hat bei seinen Vorgesetzten aufgrund seines oftmals eigenmächtigen Handelns sämtlichen Kredit verspielt – sofern er jemals welchen hatte. Aber „(e)r wusste, er meckerte zu viel und beschwerte sich zu oft, nahm Abzweigungen vom Dienstweg, die jeglicher Rechtsgrundlage entbehrten. Seine Personalakte war voll von Dienstaufsichtsbeschwerden – eingereicht sowohl von Kriminellen, die behaupten, sie seien bedroht worden, als auch von Kollegen, die sich von ihm unter Druck gesetzt fühlten.“ Noch dazu denkt er dauernd an seine Ex-Frau Cecilie, die mittlerweile in einer neuen Beziehung mit einem Karrierejuristen des dänischen Geheimdiensts PET lebt, bekämpft seine Schlafprobleme mit einem Joint und wird tagsüber von gelegentlichen Kurzschlafattacken heimgesucht.

(c)  Kiepenheuer & Witsch

(c) Kiepenheuer & Witsch

Mit Axel Steen hat Jesper Stein in seinem Krimidebüt „Unruhe“ einen Ermittler mit vielen Macken geschaffen, aber natürlich ist er auch einer der besten Ermittler der Kopenhagener Polizei. Deshalb soll er mit seinem korrekten und bei den Vorgesetzten beliebten Kollegen mit dem sprechenden Namen John Darling auch einen brisanten Fall untersuchen: Während sich Polizei und Autonome aufgrund der Schließung eines alternativen Jugendzentrums im Stadtteil Nørrobro (neben Nordvest) Straßenschlachten liefern, wird eine Leiche gefunden, die auf einem Friedhof an einer Mauer lehnt. Der Mann trägt die Kleidung eines Autonomen und auf den Friedhof hatten nur Polizisten Zutritt. Sollte auch nur der Verdacht die Runde machen, dass die Polizei einen Autonomen ermordet hat, würde die Lage eskalieren. Deshalb sollen Steen und Darling den Fall so schnell und unauffällig wie möglich aufklären.

Die titelgebende Unruhe ist somit nicht nur Teil der Ermittlerfigur, sondern auch wesentliches Merkmal der Atmosphäre, in der Steen ermittelt. Längst sind Autonome aus ganz Europa auf den Weg nach Dänemark, die Presse beäugt die Arbeit der Polizei kritisch, die Chefs üben Druck aus und wollen das richtige Ergebnis erhalten. Dadurch erhält man beim Lesen nicht nur viele Eindrücke von der Stadt Kopenhagen, sondern auch von den medialen und polizeilichen Strukturen. Darüber hinaus verweist „Unruhe“ weitaus weniger ausgestellt als zuletzt beispielsweise Arne Dahls Eurocop-Reihe auf die europäische bzw. weltweite Dimension von Verbrechen und die Universalität von kriminellen Taten.

Am bemerkenswerten ist jedoch, dass „Unruhe“ der erste Fall mit Axel Steen ist, der als Figur viele genretypischen Entwicklungen schon hinter sich hat: die Ehe ist bereits gescheitert, Affären sind begonnen, er ist bei seinen Vorgesetzen schon in Misskredit geraten, hat aber durchaus noch einflussreiche Fürsprecher. Gelegentlich erinnert er sich an alte Fälle, die oftmals mit Lösung erzählt werden. Dadurch ist Axel Steen eine nicht unbedingt originelle, aber sehr runde, reife Hauptfigur. Ohnehin ist „Unruhe“ gerade für den oftmals gescholtenen skandinavischen Krimi erfreulich frei von Stereotypen. Axel ist nicht depressiv oder melancholisch, sondern von seiner Arbeit besessen und etwas selbstmitleidig. Der Fall ist nicht besonders düster oder grausam, sogar das Wetter spielt nur am Rande eine Rolle. Sicher gibt es einige störende Kleinigkeiten wie beispielsweise ein Handy, das gerade noch leer war, sehr schnell wieder benutzt werden kann. Auch sind alle Frauenfiguren sehr auf ihre Funktion für Axel bzw. den Fall beschränkt sind. Aber Jesper Stein behält die Übersicht über seine Handlung, der Fall ist spannend und ausgeklügelt, lediglich die letzte Wendung wäre nicht notwendig gewesen, und die titelgebende Unruhe gibt bis zur letzten Seite den Takt vor. Deshalb ist „Unruhe“ ein gelungenes Krimidebüt, das sehr viel Lust auf eine Fortsetzung macht.

Jesper Stein: Unruhe. Übersetzt von Patrick Zöller. Kiepenheuer & Witsch 2013.

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