Archiv des Autors: Zeilenkino

Women in Crime: „The So Blue Marble” von Dorothy B. Hughes

(c) Prenzler Press

Sie glaubt, sie würde nicht bemerkt werden. Die 24-jährige Griselda Cameron Satterlee, ehemalige Hollywood-Schauspielerin, die nun als Modedesignerin arbeitet, ist auf dem Weg in das New Yorker Apartment ihres Ex-Mannes Con – nachts, alleine. „Her dress was black and her coat, with its black fox collar, but at night no one would know the fox was real. Her hat didn’t look as if it were a creation. Not at night, not with her pale horn-rimmed glasses; no one would look twice at a girl with glasses over her face.” Sie geht die Fifth Avenue entlang, es sind nur ein paar Straßen bis zur 55th. Dann nähern sich zwei junge Männer an. Offenbar wissen sie, wer sie ist, sprechen sie mit Namen an. Griselda hält sie erst für „Princeton boys or Yale“, dann drängen diese sich an ihre Seite, machen keinerlei Anstalten, zu verschwinden. Griselda überlegt, was sie tun soll. Einen Taxifahrer ansprechen? Aber womöglich hält dieser sie für verrückt. Also beschließt sie, an ihrem Apartmenthaus vorbeizugehen, aber die Männer drängen sie in den Eingang. Eigentlich war sie doch sicher, solche Dinge passieren Menschen wie ihr nicht. „No reason to feel nervous at night, not even at eleven-thirty at night, in the heart of New York. Nothing ever happened to her kind of people; things happened to people living down those cross streets in old red bricks or old brownstones.“ Aber diese Männer zwingen sie in ihr Apartment. Dort beginnen sie ihre Hüte abzulegen, die weißen Seidenhandschuhe und weißen Seidenschal auszuziehen:

„And only then was she really afraid, and for such a fantastic reason. Because one had honey-colored hair, sleek to his head, and one had bat-black hair; one had very blue eyes and one very black; one had the golden tan coloring of blonds and one the olive tan coloring of brunettes. But outside of that they looked exactly alike, unbelievably, frighteningly, alike.

Die Eindringlinge sind die Zwillingsbrüder Danny und David Montefierrow, sie wollen, dass Griselda die „blue marble“ herausrückt. Griselda gibt vor, nicht zu wissen, wovon sie reden. Aber sie weiß, dass ihr Ex-Ehemann Con ihr einst eine sehr blaue Glaskugel gezeigt hat. Dennoch weigert sie sich, sie den Zwillingen auszuhändigen, bestreitet weiterhin vehement, von ihrer Existenz zu wissen. Später wird sie sie in Cons Apartment finden und in einem hervorragenden Versteck verwahren: in einer Puppe zu verstecken, die sie ihrer besitzergreifenden zweijährigen Nichte schenkt.

Die Jagd nach der blauen Kugel
Von der ersten Seite an kreiert Dorothy B. Hughes in „The So Blue Marble“ eine ungeheuer beklemmende Atmosphäre: der Weg durch die Nacht, dann das Auftauchen der Zwillinge, ihre zunächst absurd erscheinende Forderung, die blaue Glaskugel herauszugeben. Diese Anspannung wird im Verlauf des Buchs nicht nachlassen. Die „so blue marble“ funktioniert ganz wie Hammetts Falke als Handlungsauslöser – als MacGuffin würde man heute sagen -, nicht nur die Zwillinge wollen sie haben, auch andere Parteien haben es auf sie abgesehen. Angeblich weist sie den Weg zu einem Schatz, sie verkörpert damit die Sehnsucht nach Macht und unendlichem Reichtum. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Über Verbrechen schreiben

„Vielleicht ist die Scham, die ich empfinde, eine Stellvertreter-Scham, von der ich meine, irgendwer müsse sie doch schließlich empfinden.“

Im Jahr 1969 wurde Jane Mixer im Alter von 23 Jahren ermordet. Offiziell galt der Fall als ungelöst, allerdings wurde vermutet, dass sie Opfer des sogenannten Michigan Murderer John Norman Chapman geworden ist. Sie ist die Tante der Autorin Maggie Nelson, die Anfang 2000 angefangen hat, zu diesem Fall zu recherchieren und den Gedichtband „Jane: A Murder“ geschrieben, der 2005 veröffentlicht wurde. Anfang November 2004 rief ein Detective der Michigan State Police Maggie Nelsons Mutter an und sagte ihr, er habe die vergangenen fünf Jahre fieberhaft an diesem Fall gearbeitet und glaube nun, er habe ihn gelöst. Zwei Menschen hatten sich also unabhängig voneinander mit diesem Fall beschäftigt: Detective Sergeant Eric Schroeder um ihn zu lösen; Maggie Nelson um zu erzählen, wie eine Familie „im Schatten des Todes eines Familienmitglieds (…), das offenkundig einen schrecklichen und furchtbaren Tod gestorben war, jedoch unter Umständen, die für alle Zeit unbekannt bleiben würden“ leben konnte. Nun hatte Schroeder eine DNA-Probe, die einem Mann zugeordnet werden konnte, der nicht John Norman Chapman ist. Gary Earl Leitman wird verhaftet, es kommt zu Prozess.

(c) Hanser Berlin

Von dieser Zeit schreibt Maggie Nelson eindrucksvoll in „Die roten Stellen“. Sie erzählt von dem Gerichtsprozess, wie sie ihn wahrgenommen hat – und wie es ist, wenn Gewalt und Tod immer wieder über eine Familie hereinbrechen. Sie will die Details aufzeichnen, „bevor sie verschluckt würden, sei es durch Angst, Trauer, Vergessen oder Schrecken“; sie will sich und ihr Material „in ein ästhetisches Objekt verwandeln – eines, das neben oder anstelle oder zumindest als Hindernis im Weg der stumpfsinnigen Sprachlosigkeit stehen könnte, die Erinnern und Formulieren möglich macht.“ Maggie Nelson setzt sich mit der Erinnerung auseinander, der Verarbeitung, mit dem Schreiben über ein wahres Verbrechen, zu dem sie eine Distanz hat – sie hat ihre Tante nicht gekannt, sie starb vor ihrer Geburt. Doch weil sie ihrer Tante war, weil ihr Tod ihre Mutter und ihre Großeltern verändert hat, weil durch ihn Gewalt in all ihre Leben eingebrochen ist, hat dieses Verbrechen sie wenigstens mittelbar geprägt.

Innerhalb diesen hochspannenden Ambiguität von Nähe und Distanz, von Erinnerung und Verarbeitung verhandelt sie zahlreiche Aspekte, die bei True Crime immer wieder diskutiert werden: das Spekulative, das True Crime allzu oft anhaftet; die wiederkehrenden narrativen Muster aus Sentimentalität und die Frage, wem es zusteht, über dieses Verbrechen zu schreiben. Sie analysiert die nahezu pornographischen Beschreibungen der Gewalt, die die Opfer erlitten haben, und die Sprache von Schlagzeilen, die „Mitgefühl“ darin entdecken, wenn ein Mörder sein Opfer zudeckt, nachdem er es brutal ermordet hat.

Maggie Nelson (c) Harry Dodge

Dadurch analysiert sie sehr klar, dass die Art und Weise, wie über ein Verbrechen erzählt wird, die Wahrnehmung beeinflusst. Zudem aber fragt sie sich, über welche Verbrechen überhaupt berichtet wird – ganz konkret: hätte die Wiederaufnahme des Falls medial ein ähnliches Aufsehen erregt, wenn ihre Tante nicht eines jener hübschen toten weißen Mädchen gewesen wäre? Dazu kommen immer wieder Beschreibungen von Beobachtungen – beispielsweise, dass vor allem männliche Film-Nerds „Taxi Driver“ feiern oder James Ellroy in „Die Rothaarige“ zu „keinem Moment die Zwecklosigkeit seines Unterfangens begreift“, sondern seine „Zwanghaftigkeit (…) nur mit größerer Geschwindigkeit gegen diese Zwecklosigkeit“ schlägt. Sie versucht einem Fernsehproduzenten zu erklären, dass es bei ihr und ihrer Tante nicht um „Verschmelzung“ geht, „weil niemand tatsächlich weiß, was es heißt, in der Haut eines anderen zu stecken. Dass keine lebende Person einer anderen erzählen kann, was es heißt, zu sterben. Dass wir an dieser Stelle unseres Lebens auf uns allein gestellt sind.“ Dadurch markiert und unterläuft sie gängige Narrations- und Rezeptionsmuster, die genau diese Identifikation bis zur Verschmelzung erzielen wollen. Dazu gehört auch die Sprache, mit der wir uns mit Verlust und Tod auseinandersetzen. „Wir sprechen darüber, was die Leben benötigen oder wovon die Lebendenden glauben, die Toten benötigen es, oder wovon die Lebenden glauben, die Toten hätten es benötigt, wenn sie nicht tot wären. Allein, die Toten sind tot. Vermutlich haben sie mit dem Wollen abgeschlossen.“

Zu dem Mord an ihrer Tante kommt ein weiterer Verlust, der Maggie Nelsons Leben geprägt hat. Als sie zehn Jahre alt war, starb ihr 40-jähriger Vater ganz plötzlich an einem Herzinfarkt. Sie konnte lange nicht glauben, dass er tot war – seine Abwesenheit, die Unbegreiflichkeit seines Todes beschäftigt sie immer wieder auf diesen Seiten. Ihre Schwester Emily rebelliert fortan, sie reißt aus, wird schwanger, wird von der Mutter und deren neuen Partner auf ein Internat, in ein religiöses Camp geschickt. Maggie hingegen bleibt brav, gut in der Schule, aufgrund des „arschkriecherischen Teil von mir“, der die Erwachsenen beeindrucken wollte. Sie wollte unbedingt tapfer sein, obwohl sie gar nicht weiß, was es in diesem Zusammenhang bedeutet.

Nichts davon hat mit dem Mord an der Tante zu tun – oder eher: alles hat mit dem Mord an der Tante zu tun. Denn Maggie Nelson schafft Zusammenhänge, um sie wieder zu untergraben, „Die roten Stellen“ ist ein steter Fluss, ein Strom der Überlegungen und Verbindungen. Deshalb ist dieses beeindruckende, kluge und berührende Buch eine Erzählung über ein Verbrechen und über ihr Leben, es ist zugleich True Crime und literarisches Memoir. Einen Abschluss gibt es für Maggie Nelson nicht. „Außerdem glaube ich langsam, dass es Ereignisse gibt, die nicht „verhandelt“ werden könne, Dinge, die nicht „abgehakt“ werden können, über die man nicht einfach sagen kann, man habe „genug“, schreibt sie. Es wird immer Leerstellen geben, Rätsel, die nicht gelöst werden können. Auf der Leiche ihrer Tante wurde ein Blutstropfen gefunden, der einem vierjährigen Jungen zugeordnet wurde. Es gibt zahllose Möglichkeiten, wie er dorthin gekommen ist. Gewissheit aber, die gibt es nicht.

Maggie Nelson: Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses. Übersetzt von Jan Wilm. 224 Seiten. Hanser Berlin 2020. 23 Euro.

Dieser Text erschien zuerst im April 2020 im CrimeMag.

Diesen Beitrag teilen

Women in Crime – „Troubled Daughters, Twisted Wives, herausgeben von Sarah Weinman

14 Kurzgeschichten von den „Trailblazers of Domestic Suspense“ versammelt Sarah Weinman in ihrem Band „Troubled Daughters, Twisted Wives“. Die Storys sind zwischen 1943 und 1977 erstmals erschienen, wurden alle von Autorinnen geschrieben und erzählen von Verbrechen, an denen auf irgendeine Art und Weise Frauen beteiligt sind.

(c) Penguin

Alle Geschichten spielen sich im häuslichen Rahmen ab, sie verbindet eine psychologische Düsterheit. Am meisten beeindruckt hat mich ganz klar „A Nice Place to Stay“ von Nedra Tyre, deren Name mir vorher überhaupt nicht bekannt war. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich erst um ihre kranke Mutter gekümmert hat und nach deren Tod verzweifelt auf der Suche nach einem Obdach ist. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive der jungen Frau, so dass die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Leben hinnimmt, schmerzlich deutlich wird. Es ist eine Einfachheit, Schlichtheit, die aber niemals dazu führt, dass für die Leser*innen die Komplexität dieser Situation reduziert wird.

Shirley Jacksons „Louisa, Please Come Home“ erzählt von einer jungen Frau namens Louisa, die von zu Hause abhaut – und schließlich bemerken muss, dass nach Hause zurückkommen gar nicht so einfach ist. Dorothy B. Hughes ist mit der überraschend amüsant-leichten Story „Everybody Needs a Mink“ vertreten, die sogar ein Happy End hat.

Weinman hat die Geschichten ungefähr gemäß dem Alter der Protagonistinnen sortiert –mir hätte es besser gefallen, wenn die Reihenfolge chronologisch nach Entstehungszeit gewesen oder wenigstens das Entstehungsjahr im Inhaltsverzeichnis angegeben worden wäre. Aber man muss die Storys natürlich auch nicht in der vorgegebenen Reihenfolge lesen.

Insgesamt bietet dieses Buch einen tollen Einstieg und ersten Überblick über Autorinnen, die schon lange vor Gillian Flynn „domestic suspense“ geschrieben haben. Es ist das erklärte Ziel dieser Sammlung, Autorinnen ins Bewusstsein zurückzuholen, die – mit Ausnahme von Patricia Highsmith, Margaret Millar und eventuell Vera Caspary – weitgehend aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden sind, die aber wichtige Wegbereiterinnen nicht nur für gegenwärtige Autor*innen sind.

Weinman macht hier sehr deutlich, dass das nichts mit der Qualität der Autorinnen zusammenhängt, sondern ihnen vielfach der institutionelle Rückhalt und die Beziehungen ihrer männlichen Kollegen gefehlt hat. Das ist ein Teil jeder „Kanon“-Bildung. Aber es fällt auf, dass sich gegenwärtig zwar einige Verlage bemühen, vergessene Autorinnen neu- oder wiederaufzulegen, sich im Bereich Spannungsliteratur aber bislang gar nichts tut.

Sarah Weinman: Troubled Daughters, Twisted Wives. Stories from the Trailblazers of Domestic Suspense. Penguin 2013.

Diesen Beitrag teilen

Krimi-Kritik: „No Sound – Die Stille des Todes“ von Emma Viskic

Ziemlich blutig beginnt Emma Viskics Krimi-Debüt „No Sound – Die Stille des Todes“. Caleb Zelic hat seinen Freund Gary mit aufgeschlitzter Kehle gefunden, zudem wurden alle Finger gebrochen. Offenbar wollte jemand etwas von ihm erfahren – und könnte mit dem Fall zusammenhängen, bei dem der private Ermittler Caleb seinen Polizistenkumpel Gary um Hilfe gebeten hat. Als letztes Lebenszeichen hat Gary eine SMS geschickt und gesagt, Scott sei hinter ihm her. Niemand weiß, wer Scott ist – und deshalb konzentrieren sich die Ermittlungen der Polizei zunächst auf Caleb.

(c) Piper

„Resurrection Bay“ heißt der Roman im Original, das ist einer der Schauplätze des Romans und zugleich verweist der Titel auch auf die vielen Wiederauferstehungen Calebs in diesem Roman: mehrere Angriffe überlebt er zum Teil schwerstverletzt. Aber er ist getrieben von dem Ziel, Scotts Identität zu enthüllen und den Verdacht zu entkräften, Gary sei korrupt gewesen. Der generische deutsche Titel „No Sound – Die Stille des Todes“ verweist indes vor allem auf die Hauptfigur Caleb: Er ist gehörlos. Dank langer Therapie hat er sprechen gehört, mithilfe von Hörgeräten und Lippenlesen kommuniziert er mit den meisten hörenden Menschen – lediglich mit seiner Ex-Frau nutzt er Gebärdensprache. Zudem beobachtet er Menschen genau. Deshalb vergisst er kaum ein Gesicht und kann an einem kleinen Zucken in den Augen erkennen, ob Emotionen vorgespielt sind. Doch wenn er müde ist, versteht er nicht alles – und wenn sich jemand von hinten anschleicht, reagiert er bisweilen zu spät. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Women in Crime – „Ohne Delores“ von Sarah Schulman

(c) Ariadne

Manchmal gibt es seltsame Lektürezufälle. So las ich kurz vor „Ohne Delores“ von Sarah Schulman „Der Revolver“ von Fujimori Nakamura. In diesem Buch findet ein junger Student in Tokio einen Revolver, steckt ihn ein und ist schon bald überzeugt, dass er ihn auch benutzen wird. Denn der Besitz einer Waffe, so der Gedanke dahinter, führt auch dazu, dass man sie abfeuert. Auch die namenlose Erzählerin in „Ohne Delores“ kommt in der New Yorker Lower East Side zufällig an eine Waffe: Ihre Bekannte Priscilla hat „einen Revolver, wie du ihn bei Barbara Stanwyck erwarten würdest“ und diese Waffe vergessen. „Ich wußte, wenn ich ihn weiter mit mir herumtrug, würde ich wen töten.“ Auch hier ist es also der Gedanke, dass allein der Besitz einer Waffe zum Gebrauch führt.

Und es gibt noch mehr Verbindungen zwischen dem Studenten in Tokio und der Kellnerin in New York: Sie sind in einer Art Krise. Der Student gewinnt erst durch den Revolver wieder etwas wahnhafte Lebenslust, die Erzählerin indes hat Liebeskummer, an dem auch die Waffe nichts ändert. Ihre Freundin Delores hat sie verlassen, seither streift sie einsam durch die Gegend. Aber damit hören die Verbindungen auch auf.

„Ohne Delores“ ist tief in der lesbischen New Yorker Subkultur der späten 1980er Jahre verankert. Auf den ersten Seiten geht die Erzählerin betrunken auf einen Ball, begegnet einer Frau, die sich wie Priscilla Presley anzieht, macht mit ihr herum, trauert um ihre Ex-Freundin und bekommt besagten Revolver. Sex, Gewalt, Verlassenheit – alle Themen sind damit sehr wirkungsvoll eingeführt worden. Danach wird sie noch der jungen Punkette begegnen, mit ihr reden, Musik hören und Tage später erfahren, dass sie ermordet wurde. Das lässt ihr keine Ruhe, sie versucht, mehr über sie zu erfahren und besucht die Frau, mit der Punkette ein Verhältnis hatte. Sie fühlt sich verpflichtet, diese Tat aufzuklären, diese Tat verändert etwas in ihr. Es geht um Liebe und Loyalität, es geht darum, das Richtige zu tun.

Ähnlich wie in ihrem aktuellen Roman „Trüb“ ist „Ohne Delores“ auch ein Roman über New York, über die Veränderungen, die in der Stadt stattfinden. Hier sind es die deutlichen Zeichen der Gentrifizierung, die in „Trüb“ noch viel weiter fortgeschritten sind. Und auch die Erzählerinnen wirken wie Seelenverwandte, die der Welt gleichsam zornig gegenüberstehen, obschon Maggie in „Trüb“ viel wütender ist. Aber sie verbindet der genaue Stil Sarah Schulmans, ihr ausgefeilter Blick auf die Stadt, die Veränderungen und politische Gegenwarten – und ein Gespür für trockene Dialoge. Und am Ende, wenn es in „dieses heiße Erbrochene aus(geartet) ist, das sich Ende Juli nennt, wenn alles in New York City in Verwesung übergeht“, dann bleibt nur ein „tauber Schmerz“.

Sarah Schulman: Ohne Delores. Übersetzt von Isolde Tegtmeier. Ariadne 1992.

Kinky Friedman hat eine lesenswerte Besprechung des Buchs 1988 in der New York Times geschrieben.

Diesen Beitrag teilen

Krimi-Kritik: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Young-ha Kim

Voriges Jahr habe ich für das CrimeMag ein Porträt über den Cass Verlag geschrieben und dafür mit Verlegerin Katja Cassing telefoniert. Damals erzählte sie mir, dass in diesem Jahr ein Roman über einen dementen Serienmörder erscheint – und ich war sofort begeistert von dieser Idee! Allein die Vorstellung, wie das planvolle Vorgehen eines Serienmörders auf das Vergessen stößt, ist schon spannend. Young-ha Kim hat mit „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ nun ein sensationelles Buch erschaffen.

(c) Cass Verlag

Nur 151 Seiten ist es lang und es sind – wie der Titel sagt – Aufzeichnungen des Serienmörders. Vor 25 oder 26 Jahren hat Tierarzt Byongsu Kim diesen zufolge seinen letzten Mord begangen, mit 16 hat er angefangen, mit 45 aufgehört. Seither hat er sich um seine Ziehtochter gekümmert, als Tierarzt gearbeitet – und Gedicht geschrieben, die von dem Kursleiter im Kulturzentrum gelobt werden. „Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits Dutzende Male Beute „gepackt, um sie zu erlegen“. Und unter die Erde gebracht. Aber ich hatte das nie für Lyrik gehalten. Morden ist eher wie Prosa. Jeder, der es einmal probiert hat, weiß das. Jemanden zu ermorden, ist viel mühseliger und schmutziger als man denkt.“

Er lebt nun also recht friedlich in seinem Haus, seine Tochter Uhni umsorgt ihn. Doch dann merkt er auf einmal, dass er von einem Mann verfolgt wird und ist nach einem Blick in dessen Augen überzeugt, dass dieser Uhni ermorden will. Jedoch fällt es ihm aufgrund seiner Demenz zunehmend schwer, diesen Mann wieder zu erkennen und auch Uhni glaubt seinen Warnungen nicht. Außerdem steht die Polizei mehrfach vor der Tür und ist ihm auf den Fersen. Glaubt er zumindest. Denn schließlich ist er dement – und damit der unzuverlässigste Erzähler, den man sich vorstellen kann. Es besteht keine Täuschungsabsicht in seiner Erzählung, er will nicht bewusst in die Irre führen. Doch er ist der Ich-Erzähler und schon bald stellen sich erste Zweifel an zum Beispiel der Existenz eines Hundes ein, der zu einem großartigen running gag wird. Und sogar die einzige Grundfeste gerät zunehmend ins Wanken …

Es ist ein tiefschwarzhumoriges Nachdenken über das Leben und das Sterben, das man in „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ findet. Es geht um den Stellenwert von Kunst, es gibt Seitenhiebe auf beliebte Serienmörder-Topoi – und eine langsame Auflösung der Hauptfigur. Sehr, sehr lesenswert!

Young-ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders. Aus dem Koreanischen von Inwon Park. Cass Verlag 2020.

Diesen Beitrag teilen

Krimi-Kritik: „Meine Schwester, die Serienmörderin“ von Oyinkan Braithwaite

(c) Blumenbar

„Ayoola ruft mich mit diesen Worten herbei: Korede, ich habe ihn umgebracht. Ich hatte gehofft, diese Worte nie wieder zu hören“. Aus diesen zwei Sätzen besteht das erste Kapitel in „Meine Schwester, die Serienmörderin“ von Oyinkan Braithwaite – und das ist ein wahrlich grandioser Ausgangspunkt. Im zweiten Kapitel ist Korede dann schon bei ihrer Schwester und hilft ihr, eine Leiche verschwinden zu lassen sowie den Tatort gründlich zu reinigen. Damit wird auch Koredes Dilemma klar: Ihre wunderhübsche, verführerische Schwester Ayoola ist, wie der Titel bereits klar macht, eine Serienmörderin. Drei Männer hat sie nun ermordet – und ab drei Morden gilt man offiziell als Serientäterin. Korede hilft ihr aus schwesterlicher Verbundenheit bei der Beseitigung der Folgen ihrer Taten, weiß aber gleichzeitig, dass Ayoola vermutlich nicht mit dem Morden aufhören wird. Es ist ein wiederholendes Muster: Ayoola lernt einen Mann kennen, alles ist gut, dann macht er etwas, was ihr nicht gefällt und er ist tot. Das ist eine große Last an Wissen, die Korede zu tragen hat und sie vertraut sich lediglich einem Langzeit-Komapatienten in dem Krankenhaus, in dem sie arbeitet, an. Doch dann verliebt sich Koredes Schwarm, der Arzt Tade, in ihre Schwester. Und Korede will verhindern, dass er umgebracht wird.

Mit viel Witz und bösen Spitzen erzählt die 1988 geborene Braithwaite eine anfangs originelle Kriminalgeschichte, in der viel über Frauenfeindlichkeit in Nigeria zu erfahren ist. Die Schwestern stehen gewissermaßen für zwei Frauentypen: die verführerische, wunderschöne Ayoola, die mit verwöhnt-kindischem Verhalten durchkommt, weil sie eben gut aussieht und Männer das dann reizend finden. Und die pragmatische Korede, die resolut, verlässlich und klug ist – und sogar kochen kann. Leider verlässt sie ausgerechnet bei Tade ihr Scharfsinn, als Karikatur eines wohlmeindenden Mannes, der gewohnt ist, dass Frauen ihn, den Arzt!, anhimmeln, ist er sehr witzig. Sobald allerdings etabliert ist, dass er vermutlich das nächste Opfer werden könnte, geht der Geschichte ein wenig die Luft aus, so dass sie fast zwangsläufig in einem angesichts des originellen Anfangs schwachen Finale mündet. Allerdings ist „Meine Schwester, die Serienmörderin“ ein witziges Debüt – und daber bleibt zu hoffen, dass Braithwaite in ihrem nächsten Roman bis zum Ende einlöst, was sie hier verspricht.

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin. Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Blumenbar 2000.

Diesen Beitrag teilen