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Anmerkungen zu der dritten Staffel von „Sherlock“

Hinweis: Dieser Artikel behandelt die komplette dritte Staffel von „Sherlock“ und enthält daher viele Spoiler!

Wie weit darf man es mit dem Zuschauer treiben? Diese Frage habe ich mir während der dritten Staffel von „Sherlock“ einige Male gestellt. Ich mag „mindfucking“ Filme und Serien, ich liebe es, in die Irre und auf falsche Fährten gelockt zu werden. Jedoch gibt es auch innerhalb der Serienfiktion Grenzen und die Gefahr, dass alles nur noch zum Spiel wird.

Folge 1 – Der leere Sarg

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Die erste Folge beginnt mit der erwarteten Wiederkehr von Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch), im Mittelpunkt steht daher das Wiedersehen mit seinen Mitstreitern und insbesondere John Watson (Martin Freeman). Insbesondere die erste halbe Stunde ist sehr unterhaltsam: Es werden mögliche Szenarien abgehandelt, wie Sherlock sein Ableben inszeniert haben könnte, immerhin gibt es nach seiner eigenen Sherlocks Aussage 16 Varianten – allein, wie er es letztlich getan hat, wird nicht aufgelöst, vielmehr reichen die verschiedenen Möglichkeiten. Hier reflektiert die Serie sehr schön die vielen Spekulationen, die es nach dem Ende der zweiten Staffel gab, außerdem vereint diese erste Folge alle Qualitäten der ersten beiden Staffeln: Sie ist temporeich, steckt voller Anspielungen und unterhält sehr gut.

Die offensichtlichste Quelle für diese Folge, auf die auch der Titel anspielt, ist die Kurzgeschichte „Das leere Haus“, in der Sir Arthur Conan Doyle die Umstände von Sherlocks vorgetäuschtem Tod enthüllt und er nach London zurückkehrt, um Moriartys Kompagnon zu überführen. Johns Verlobung mit Mary Morstan findet bei Doyle indes in dem Roman „The Sign of the Four“ statt (in dieser Folge Mary zu sehen, wie sie in Johns Blog eine Geschichte liest, die ein Auszug aus diesem Buch ist), der in der nächsten Episode aufgegriffen wird. Daneben gibt es weitere kleinere Anspielungen auf Geschichten von Arthur Conan Doyle, insgesamt deutet sich aber an, dass die ‚bromance‘ zwischen Sherlock und John größeren Raum einnehmen wird.

Folge 2: Im Zeichen der Drei

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bereits der Titel verweist auf die offensichtliche Inspiration der Folge – „The Sign of the Four“ – und im Mittelpunkt steht Marys (Amanda Abbington) und Johns Hochzeit. Nun hätte ich kaum gedacht, dass ich jemals über eine „Sherlock“-Folge sagen werden, dass sie langweilig ist. Aber in dieser Episode wird sehr viel Zeit darauf verwendet, abermals Sherlocks und Johns Verhältnis zu beschreiben, bekannte Charakterzüge noch einmal deutlich zu machen, es gibt viele Anekdoten und kleine Witzeleien, die mit einem letztlich wenig interessanten Fall und vielen kleineren Fällen kombiniert werden. Vielleicht hätte mir diese Folge besser gefallen, wenn ich eine große Sherlock/Cumberbatch-Aficionada wäre. Fraglos spielt er diese Rolle großartig, harmoniert mit Martin Freeman nahezu perfekt und ist seine Rede auf der Hochzeit wirklich amüsant – aber die Figuren und Schauspieler allein tragen nicht eine ganze Folge. Dass es zu einem Vorfall auf der Hochzeit kommt, ist natürlich klar, einzig überraschend sind hier abermals Marys Qualitäten, die energisch zur Tat schreitet. Jedoch stimmt insgesamt das Erzähltempo nicht, außerdem wird auf die Ereignisse der vorgehenden Episode nicht Bezug genommen. Weder Johns Kidnapping wird erwähnt, noch gibt es weitere Entwicklungen mit Charles Magnusson, der anscheinend in dieser Staffel der große Bösewicht sein soll. Stattdessen werden weiterhin Sherlocks Seelenleben und Persönlichkeit erkundet, auch wird sein Bruder Mycroft – der ohnehin immer breiteren Raum einnimmt – immer mehr zu einem Verbündeten und zugleich einem Widersacher. In Verbindung mit einer stärkeren Handlung wäre es eine sehr interessante Entwicklung gewesen, aber so bleibt doch der fade Nachgeschmack, dass in einer Serie, die pro Staffel aus drei Folgen besteht, viel Zeit verschwendet wurde.

Folge 3: Sein letzter Schwur

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Der Plot der Folge basierten im Wesentlichen auf Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „The Adventure of Charles August Milverton“, auf die bereits der Name Charles August Magnussen (Lars Mikkelsen) anspielt. Er ist hier ein Zeitungsmogul, der über ein umfangreiches Archiv voller belastender Materialien verfügt (die Verweise auf Rupert Murdoch sind mehr als deutlich). Sherlock und John Watson wollen einige der Briefe zurückholen, zumal Magnussen auch Mary erpresst. Und was bereits für John Watson galt, trifft auch auf seine Frau zu: Wer sich mit dem Ehepaar Watson anlegt, bekommt es mit Sherlock Holmes zu tu!

Die Anspielungen auf Sherlocks Heroinsucht und andere Fälle sind gelungen, auch ist grundsätzlich sehr zu begrüßen, dass er mit Charles August Magnussen wieder einen ebenbürtigen Gegenspieler hat. Allerdings wird diese Figur nahezu verheizt: In der ersten Folge der Staffel erwähnt, in der zweiten vergessen, wird er nun innerhalb einer Folge zu dem Mann, der Sherlock am meisten hasst, stilisiert, dann wird aber seine Überlegenheit dramaturgisch nicht ausgenutzt, sondern er verschwindet dank eines soziopathischen Anfalls von Sherlock von der Bildfläche. Dafür bleiben viele Fragen offen: Magnussons „mind-palace“ ist eine raffinierte Idee, wie konnte er aber so viele Menschen erpressen, ohne physische Beweise zu haben? Reicht tatsächlich eine Behauptung schon aus? Falls ja: Warum sollte ich mich auf die Glaubwürdigkeit der Behauptung verlassen? Ohnehin verlangt Drehbuchautor Steven Moffat, dass man vieles hinnimmt – allein weil es eine weitere Wendung verspricht. Es gibt so viele abgerissene und wieder aufgegriffene Erzählstränge, dass es fast schon wahllos wirkt. Und dass Mary sich plötzlich als Auftragsmörderin entpuppt, mag sicher zum Teil mit Johns Faible für gebrochene Menschen zusammenhängen, ist aber selbst für John schwer zu glauben. Und wie konnte sie anfangs auch Sherlock täuschen? Sogar bei der überraschenden Wiederkehr von Moriarty zumindest der schale Nachgeschmack, dass er ein wenig zu früh zurückkehrt. Gerade wenn ich mich auf die Tendenz einlasse, dass es mehr im Sherlocks Seelenleben geht, wäre es doch spannender, wenn Moriarty noch eine Staffel einfach nur in Sherlocks Kopf weitergelebt hätte. Zumal er mit Magnussen einen vielversprechenden Nachfolger gehabt hätte. Abgesehen davon halte ich es durchaus für möglich, dass das Video bereits vor seinem Tod entstanden ist und nun einem Masterplan folgend von einem seiner Schergen benutzt wird. Schließlich ist ein Kopfschuss nicht so leicht vorzutäuschen – es sei denn, wir erfahren nun, dass Sherlock damit die ganze Zeit gerechnet hat, schließlich war er der einzige, der den Selbstmord mit angesehen hat.

Fazit

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Insgesamt steht in dieser Staffel der Charakter von Sherlock viel mehr im Mittelpunkt als die Fälle, die Jagd nach den Bösewichtern. Indem die Serie zunehmend die soziopathische Seite des Detektivs erkundet, bleibt weniger Zeit für die Einführung von Gegenspielern und Ermittlungen, so dass die Aufklärung allein Sherlocks ‚Superkräften‘ anzulasten ist. Außerdem wird seine Involvierung in die Geheimdiensttätigkeiten seines Bruders beständig betont, daher wird er immer mehr zum ‚Agenten seiner Majestät’, wird zu einem Helden, der gelegentlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden muss. Vom Detektiv aus der Baker Street bleibt somit immer weniger übrig und ich frage mich, ob er durch die ständige Betonung seiner Genialität sowie Exzentrik nicht auch seine Individualität einbüßt. Es mag zunächst widersprüchlich klingen: Aber ist dieser Sherlock, der insbesondere durch die Fähigkeiten seines Gehirns beeindruckte, nicht längst eine so entrückte Figur geworden, dass diese Talente nicht mehr besonders gefragt sind? Ist er mehr Geheimagent denn Privatdetektiv? Mir hat jedenfalls das Geheimnisvolle gefehlt, die Neugier und die Spannung. Sicher war „Sherlock“ niemals eine „detective show“, sondern eine Serie über einen Detektiv (so hat es Mark Gatiss selbst einmal formuliert), aber auch eine Serie über einen Detektiv braucht mehr als immer noch eine Wendung, noch eine Drehung und noch ein überraschendes Moment. Und hier läuft die Serie meiner Meinung nach trotz der guten Schauspieler, der vielen tollen und originellen Szenen Gefahr, den Bogen schlichtweg zu überspannen.

„Im Zeichen der Drei“ und „Sein letzter Schwur“ werden am 8. und 9. Juni um 21:45 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

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Ein vorläufiges Fazit zu „The West Wing“

(c) WHV

(c) WHV

Eigentlich wollte ich zu jeder Staffel der Serie etwas gebloggt haben. Sobald ich mich aber entscheiden musste, die Serie weiterzugucken oder über sie zu schreiben, entschied ich mich für ersteres. Dann habe ich diesen Beitrag angefangen, nachdem ich alle 154 Folgen der sieben Staffeln von „The West Wing“ gesehen haben. Aber ich habe ihn nie zu meiner Zufriedenheit fertig stellen können – dafür müsste ich wohl alle Folgen noch einmal sehen. Deshalb ist dieser Text mehr ‚work in progress‘, in der ich einige Beobachtungen und Überlegungen festhalte.

Über die Anlage und die Figuren habe ich in meiner Hymne auf die erste Staffel bereits einiges geschrieben, das werde ich hier nicht wiederholen. Auch wird dieser Text – wie sollte es anders sein – einige Spoiler enthalten. Wer die Serie also noch nicht kennt, sollte sie schleunigst nachholen und dann meinen Beitrag lesen. 😉

Erzählstil
Die ersten beiden Staffeln von „The West Wing“ sind großartiges Fernsehen und zeigen sehr deutlich, warum diese Serie als Übergang von den reinen Drama-Serien zu größeren, fortgesetzten Erzählungen heutiger Serien gilt. In fast jeder Folge wird ein politisches Thema behandelt, anfangs sind nur sehr wenige Handlungsstränge folgenübergreifend. Dabei erlauben die Folgen zweierlei: Zum einen werden politische Prozesse erklärt und in der Regel linksliberal interpretiert, zum anderen dienen die jeweiligen Themen der Weiterentwicklung der Figuren. In seinem Beitrag zur Serie hat Sebastian nach einer kompletten Zweitsichtung ausgeführt, dass der „Plot (…) für Sorkin nur das Vehikel (war), um Geschichten über die beteiligten Personen zu erzählen, ihren Charakter genauer zu beleuchten (auch wenn er selbstverständlich gerne den Oberlehrer mimt) und dabei fast immer zweitrangig“ war, steht für mich das Aufklärerische der Folgen etwas mehr im Vordergrund. Aber ich glaube, hier sind wie weniger weit voneinander entfernt als ich anfangs vermutete (vgl. hierzu die Kommentare).

Dieses Prinzip wird dann insbesondere in den mittleren Staffeln aufgeweicht, indem unter anderem mehr persönliche Geschichten erzählt werden. In der sechsten Staffel kommen Handlungsorte außerhalb des Weißen Hauses hinzu, durch die weitere Geschichten ermöglicht werden. Nicht alle waren notwendig – beispielsweise Donnas Verwundung und späterer Abschied –, aber spätestens mit dem Santos-Wahlkampf gewinnt die Serie viele Qualitäten zurück. Weiterhin ist der politische Prozess zwar interessant – selten war in einer Serie mehr über Politik zu lernen –, jedoch geht es weit mehr um den Fortgang der eigentlichen Handlung.

Die siebte Staffel ist von dem Versuch geprägt, das Ende der Amtszeit Bartletts und den Neubeginn mit Santos einzuläuten. Es war eine gute Entscheidung, diesen Wahlkampf zu zeigen, da die Serie in der Mitte des ersten Jahres der Präsidentschaft Bartlett begonnen hat und sich nun mit der siebten Staffel der Kreis gewissermaßen schließt, so dass „The West Wing“ tatsächlich von der Präsidentschaft vom Anfang bis zum Ende erzählt. Zumal es zwischen Santos und Bartlett auch einige Überschneidungen gibt: sie starten beide als Außenseiter und gelten als Idealisten – und wie schnell diese Ideale verloren gehen, hat die Serie hinlänglich gezeigt.

Die Figuren
Gerade am Anfang experimentiert Serienmacher Aaron Sorkin noch mit den Figuren. Präsident Bartlets (Michael Sheen) Präsenz in der Serie nimmt von Folge zu Folge zu, ursprünglich sollte sich die Handlung wohl stärker auf die Mitarbeiter und insbesondere Sam Seaborn (Rob Lowe) konzentrieren. Einige Figuren wie die Beraterin Mandy Hampton (Moira Kelly) verschwinden einfach, ihr Verbleib wird nicht erklärt. Hier wundert es mich schon, warum nicht einfach – wie später mit Ainsley Hayes (Emily Procter) – ein Satz ins Drehbuch geflochten wurde, der diese Abwesenheit erklärt. Meiner Meinung nach erfordert das die Serienfiktion. Besonders ärgerlich ist es beim vorläufigen Ausstieg von Sam Seaborn, der in Kalifornien an Wahlen teilnimmt, deren Ausgang unbekannt bleibt. Nun ist davon auszugehen, dass er die Wahl verloren hat, was er stattdessen macht, wird jedoch erst am Ende der siebten Staffel erklärt.

Im Großen und Ganzen ist es der Serie aber gut gelungen, ausscheidende Figuren mit neuen Charakteren zu kompensieren – zumal auch der Hauptcast weitgehend zusammenbleibt. Zwar steigt der Soap-Charakter mit Verlauf an, jedoch stieg auch meine Anteilnahme an den Figuren – und manchen Figuren habe ich dann ein funktionierendes Privatleben oder wenigstens etwas privates Glück gewünscht. Außerdem ging es in dieser Serie niemals um die Frage „wer mit wem?“, sondern lediglich im Vergleich zu den ersten Staffeln wurden das Privatleben der Figuren wichtiger.

  • Will Bailey
    Viele Schwierigkeiten der späteren Staffeln lassen sich an Will Bailey festmachen, der Sam Seaborn ersetzen soll. Er wird als brillanter Redenschreiber eingeführt und wird nach einer guten Rede erst Sams vorläufiger Vertreter, dann bekommt er Sams Job, woraufhin alle anderen Angestellten der Redenschreiberei kündigen – was zu einer unsäglichen Folge mit Praktikanten führt – und wird schließlich Head of Communications des Vizepräsidenten. Das ist nicht nur eine steile und nahezu unglaubwürdige Karriere, sondern sie lässt dieser Figur kaum Raum für Entwicklung. Von Anfang an ist er weniger loyal als Sam, jedoch womöglich talentierter. Allerdings können sich die Autoren nicht durchringen, ihm ein eigenes Profil zu verleihen, zumal er durch den veränderten Erzählstil auch weniger Möglichkeiten bekommt.
  • Toby Ziegler
    Die wohl ärgerlichste Figurenentwicklung durchläuft aber Toby. Er ist der prinzipientreue, moralische Head of Communications, beständig traurig und aufbrausend. Irgendwann in der ersten Staffel bekommt er eine Ex-Frau, später erfahren wir, dass die Ehe vor allem am unerfüllten Kinderwunsch scheiterte. Nun ist seine Ex Andrea aber dennoch schwanger, Toby will die Ehe retten und über zu viele Folgen erstreckt sich diese unsägliche Soap-Geschichte, die wenigstens in einer herzzerreißenden Aussprache mündet. Schließlich wird Toby aber in der siebten Staffel (vermutlich) zum Whistleblower und verrät ein Geheimnis der US-Regierung. Mit viel Mühe wäre diese Entwicklung aufgrund Tobys hoher moralischer Standards noch nachzuvollziehen, wenngleich sie angesichts seiner Treue gegenüber Bartlett schwierig bliebe. Es handelt sich nun aber bei dem verratenen Geheimnis nicht etwa um gefälschte Dokumente über den Uran-Ankauf des Iraks wie bei der anzunehmenden Vorbild-Affäre um Valerie Plame http://de.wikipedia.org/wiki/Valerie_Plame bzw. Lewis Libbyhttp://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_Libby geht, die zu einem Krieg geführt haben, sondern um die Existenz eines militärisches Raumschiffs, dass drei Astronauten retten könnte. Als Begründung für Tobys Verhalten werden auch nicht seine ethischen Standards herangezogen, sondern es wird suggeriert, es hänge mit dem Freitod von seinem Bruder zusammen. Das ist bei einer Figur, deren Hingabe zum ‚public service’ so zentral ist, nicht nur unglaubwürdig, sondern unwürdig. (Interessanterweise sieht Schauspieler Richard Schiff das genauso) Daran ändern auch die weiterhin aufrecht erhaltenen Zweifel nicht, Toby könnte sich für eine andere Quelle geopfert haben.

Fazit
Acht Jahre lang erzählt die Serie von den Ereignissen rund um den Westflügel des Weißen Hauses – und sie mutet Figuren wie Zuschauern eine Menge zu. Nicht mit allen Entwicklungen bin ich einverstanden, auch erfordern die fünfte und sechste Staffel aufgrund unsinniger Handlungsideen, zu viel Melodramatik und zu wenig Humor einiges Durchhaltevermögen. Dafür sind aber insbesondere die ersten beiden Staffeln großartiges Fernsehen – und als eine der wenigen Serien gelingt „The West Wing“ ein ordentlicher Abschluss. Gerne würde ich die Serie noch einmal sehen, da es viel mehr zu entdecken gibt. Allein über die Kameraarbeit in den ersten Staffeln könnte ich einen eigenen Beitrag schreiben, von den Dialogen will ich gar nicht erst anfangen. Irgendwann werde ich mir die Zeit für eine Zweitsichtung nehmen – vielleicht im Doppelpack mit „The Wire“.

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Verschenkte Möglichkeiten – Über die Serie „Hannibal“

Es gibt Serien, bei denen klingt alles vielversprechend: die Namen der Beteiligten, die Geschichte und Kritikermeinungen aus den USA. Das trifft alles auf „Hannibal“ zu – sie ist mit Mads Mikkelsen, Hugh Dancy und Lawrence Fishburne namhaft besetzt, erzählt wird die Vorgeschichte des wohl berühmtesten Serienkillers der Popkultur und die Serie wurde von Bryan Fuller entwickelt, von dem „Heroes“ und „Pushing Daisies“ stammt. Leider kann er mit keiner Folge an diese Serien anknüpfen.

Eine Vorgeschichte voller Widersprüche

(c) Studiocanal

(c) Studiocanal

In „Hannibal“ wird laut Produktion die Vorgeschichte zu Thomas Harris‘ Buch „Roter Drache“ erzählt, wenngleich es rein zeitlich eher die Vor-Vor-Vor-Geschichte ist, schließlich wollen sich die Serienmacher noch Platz für weitere Staffeln lassen. Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) ist ein angesehener Psychiater und wird vom Leiter der FBI-Einheit für Verhaltensanalyse, Jack Crawford (Lawrence Fishburne), auf Empfehlung von Dr. Alana Bloom (Caroline Dhavernas) angeheuert, sich um die Psyche von Will Graham (Hugh Dancy) zu kümmern. Graham ist zu nahezu umfassender Empathie fähig, daher kann er sich an Tatorten so in die Täter einfühlen, dass er deren Taten nacherlebt. Mit dieser Gabe – oder diesem Fluch – kann er eine äußerst wichtige Stütze bei den Ermittlungen sein, schließlich erlebt er die Tat aus Sicht des Mörders (damit wir das merken wird zu Beginn und am Ende seiner Episoden ein Pendel eingeblendet), zugleich droht aber beständig die Gefahr, dass er sich zu tief auf sie einlässt und daran zerbricht. Dennoch will Crawford nicht auf seine Hilfe verzichten, betont er doch wiederholt, dass Graham mit seiner Gabe Morde verhindern kann. Dass er dafür einen äußerst labilen Menschen diese Arbeit zutraut, ist eine der vielen Widersprüche, die man als Zuschauer hinnehmen muss. Ein weiterer ist beispielsweise, dass Hannibal Lecter allein auf eine Empfehlung hin eine nahezu ebenso wichtige Rolle spielt wie Graham und – obschon zuvor völlig unbekannt – Einsicht in vertrauliche Ermittlungen bekommt. Weiterlesen

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Kritik und Gewinnspiel: „Sebastian Bergman – Spuren des Todes 1“

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Als ich Anfang des Jahres 2012 den Roman „Der Mann, der kein Mörder war“ von dem Autoren-Duo Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt las und besprach, äußerte ich die Vermutung, dass mir die Geschichte als TV-Serie besser gefallen würde als das Buch. Nun wurden die ersten beiden Bände der Reihe um den Psychologen Sebastian Bergman verfilmt und im ZDF ausgestrahlt, außerdem erscheint am 25. Oktober die DVD.

„Der Mann, der kein Mörder war“

Bergman (links) mit seinem Team (c) Edel:Motion

Bergman (links) mit seinem Team (c) Edel:Motion

Der erste Teil von „Sebastian Bergman – Spuren des Todes 1“ erzählt die Geschichte von „Der Mann, der kein Mörder war“. Ein Schüler ist in dem Heimatort des Kriminalpsychologen Sebastian Bergman (Rolf Lassgård) ermordet worden, das Team um Kommissar Torkel Höglund (Tomas Laustiolahandelt) soll den Fall aufklären. Einst haben sie zusammengearbeitet, dann aber den Kontakt verloren – außerdem ist Bergman mittlerweile eher für seine Frauengeschichte und sein unmögliches Verhalten bekannt. Doch er ist in Västerås, um die Hinterlassenschaft seiner Mutter zu ordnen, und bietet deshalb seine Hilfe an. Torkel braucht Unterstützung, also gibt er Sebastian eine weitere Chance – wenngleich sein Team wenig davon hält. Weiterlesen

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„The West Wing“ – Staffel 1

Vor lauter Begeisterung über „The West Wing“ weiß ich fast gar nicht, wo ich anfangen soll. Diese Dialoge! Diese Charaktere! Erwähnte ich schon die Dialoge? Sicherlich gibt es in der ersten Staffel noch viel mehr zu entdecken, als ich beim ersten Sehen wahrgenommen habe. Aber von der ersten Folge an bin ich dieser Serie verfallen – und weiß bereits jetzt, dass ich sie auf jeden Fall noch einmal, zweimal, dreimal sehen werde.

(c) WHV

(c) WHV

Großartige Charaktere
Vereinfacht gesagt erzählt „The West Wing“ von der Arbeit im Westflügel des Weißen Hauses, dem Teil des Gebäudes, in dem die offiziellen Büros des amerikanischen Präsidenten untergebracht sind. Neben dem Oval Office, dem Cabinet Room, dem Situation Room und dem Roosevelt Room befinden sich dort ebenfalls die Büros der Executive Offices und deren Angestellten. Dazu gehörten in der ersten Staffel von „The West Wing“ Leo McGarry (John Spencer), White House Chief of Staff, ein herrlich knurriger Politstratege der zweiten Reihe, der so ist, wie ich mir Peter Struck immer vorgestellt habe; Josh Lyman (Bradley Whitford), White House Deputy Chief of Staff, scharfzüngig, schlagfertig und romantischer als er zugeben mag; Toby Ziegler (Richard Schiff), White Communications Director, idealistisch, melancholisch, aufbrausend und mein bisheriger Lieblingscharakter; Sam Seaborn (Rob Lowe), Deputy White House Communications Director mit Frauenproblemen und Engagement, C.J. Cregg (Allison Janney), White House Press Secretary, die die Journalistenschar vor allem im Witz im Zaum hält und ein bißchen so ist wie ich gerne wäre; Mandy Hampton (Moira Kelly) als Media Consultant und natürlich Josiah Bartlet (Martin Sheen), Präsident der Vereinigten Staaten, sowie sein Personal Aide Charlie (Dulé Hill). Sie sind die Hauptcharaktere der ersten Staffel, allesamt differenziert und lebendig gezeichnet – einzig Mandy bleibt etwas blass und ist demzufolge im Verlauf der ersten Staffel immer weniger zu sehen. Weiterlesen

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Die BBC-Serie „Call the Midwife – Ruf des Lebens“

Jenny Lee mit den Nonnen (c) UPHE

Eigentlich dachte die 22-jährige Krankenschwester und Hebamme Jenny Lee (Jessica Raine), sie würde im Londoner East End der 1950er Jahre eine Stelle in einem kleinen privaten Krankenhaus antreten. Stattdessen landet sie in einem Kloster, in dem die Frauen des Viertels Geburtshilfe und Unterstützung bekommen. Da sie selbst vom Land kommt, ist das Leben dort anfangs ein Schock für sie: kleine beengte Wohnungen, mit teilweise erschreckenden hygienischen Verhältnissen, und bei den meisten Frauen folgt eine Schwangerschaft auf die andere. Aber Jenny Lee beißt sich durch – und entdeckt die liebenswerten Seiten ihres neuen Lebens.

Beengte Wohnungen im East End (c) UPHE

Basierend auf den Erinnerungen von Jennifer Worth erzählt die BBC-Serie „Call the Midwife – Ruf des Lebens“ von dem Leben im Londoner East End Ende der 1950er Jahren und überzeugt vor allem mit ihrem Produktionsdesign. Die Kulissen, die Kleidung und jedes Detail passen perfekt und lassen die Atmosphäre jener Jahre sehr spürbar werden. Hinzu kommt die Handlung: In jeder Episode der Serie wird eine in der Regel abgeschlossene Geschichte erzählt, die ein Schlaglicht auf die Probleme der damaligen Zeit wirft. Dazu gehören dicht aufeinanderfolgende Schwangerschaften, die Gefahr einer Schwangerschaftsvergiftung, Prostitution und falsche Vaterschaften. Aber es werden auch die Errungenschaften des National Health System herausgestellt, die vielen Frauen das Leben retteten. Zumeist sind die erzählten Geschichten rührend und entlarven eher nebenbei die Zustände der Zeit. Dabei ragt insbesondere die Episode „We are Family“ („Geschwisterliebe“) heraus, die von der Liebe zwischen einem Bruder und seiner Schwester handelt. Anstatt einer standardisierten Inzest-Story wird hier von dem Leben zweier Waisenkinder erzählt, die immer nur sich selbst hatten. Bei aller Dramatik im Plot behält die Serie aber stets einen leichten Erzählton bei, der sie unterhaltsam macht – und zudem verhindert, dass sie allzu sehr in Kitsch abdriftet. Weiterlesen

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Von der Serie zum Buch – „Raylan“ von Elmore Leonard

Timothy Olyphant als Raylan Givens (c) SPHE

Ausführlich habe ich mich bisher hier im Zeilenkino mit der Figur Raylan Givens beschäftigt, da sie ein hervorragendes Beispiel für die wechselseitigen Beeinflussungen von Literatur und Film/Fernsehen darstellt. Und in diesem Fall geht die Zusammenarbeit sogar weit über eine bloße Verfilmung hinaus. In Interviews haben die Macher von „Justified“ mehrfach erklärt, dass sie bei den Drehbüchern zu der Serie immer wieder eine Frage weiter gebracht habe: „What would Elmore do?“. Deshalb bleibt die Serie mit ihren Perspektivwechseln und der Konzentration auf die Charaktere sowie dem Dialog dem Stil Leonards treu. Für heutige Sehgewohnheiten ist das ungewöhnlich und oft etwas langatmig. Einigen Folgen fehlen Höhepunkte und auch die Handlung ist mitunter für eine Episode etwas dünn. Dadurch wird „Justified“ aber auch zu einem sehr guten Bespiel für eine Serie, die von ihren Charakteren vorangebracht wird. Allein die Entwicklung von Boyd, den die Serienmacher glücklicherweise nicht sterben ließen, ist ein gutes Beispiel. (Vergleiche Teil 1). Deshalb wird „Justified“ zudem von den Beziehungen stark beeinflusst, die Raylan Givens zu den anderen Figuren hat. In der ersten Staffel ist es – neben Boyd – vor allem das Verhältnis zu Ava und seiner Ex-Frau Helen sowie zu seinem weitgehend abwesenden Vater. In der zweiten Staffel rückt dann seine Beziehung zu Mags Bennet in den Mittelpunkt. Hier drücken sich verschiedene Facetten seines Charakters aus, spiegeln sich seine Vergangenheit und seine Entscheidungen wider. Die Idee zu der Figur Mags Bennett stammt indes von Elmore Leonard selbst. Weiterlesen

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