Krimi-Kritik: „Prime Cut“ von Alan Carter

(c) Edition Nautilus

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Drei blutige Taten stehen am Anfang von Alan Carters Krimidebüt „Prime Cut“: In Sunderland, England, werden am 5. Mai 1973 die Leichen der schwangeren Chrissy und ihrem Sohn Stevie gefunden. Sie wurden von ihrem Ehemann bzw. Vater erschlagen und mit Stromschlägen malträtiert. Am 8. Oktober 2008 entdeckt eine Lehrerin in einem kleinen Ort in West Australien am Strand einen Torso, der von einem Hai bearbeitet wurde. Vier Stunden später untersuchen Detective Sergeant Constable Philip „Cato“ Kwong und Sergeant Jim Buckley einen Verdacht auf tödlichen Viehdiebstahl, ebenfalls in West-Australien. Kwong wurde ins Viehdezernat strafversetzt, seit er in einen Korruptionsskandal verwickelt war. Er ist der einzige, dem eine Papierspur nachgewiesen werden konnte, deshalb hadert er genussvoll mit seinem Schicksal. Dann kommen ihm jedoch der Zufall und die dünne Personaldecke zur Hilfe: Kwong und Buckley befinden sich ganz in der Nähe des Küstenstädtchens Hopetown, in dem der Torso gefunden wurde, und sollen deshalb dort für einige Zeit die Ermittlungen unterstützen. Für Kwong ist es eine gute Gelegenheit, sich zu rehabilitieren und vielleicht mit seiner Karriere noch auf einen grünen Zweig zu kommen. Zusammen mit Buckley, der örtlichen Polizistin Tess Maguire und dem Neuling Greg Fisher beginnt er, den Fall zu untersuchen – und wenig später gibt es eine zweite Leiche und noch größere Ermittlungen.

Sehr gut verbindet Alan Carter in seinem ersten Kriminalroman den Verbrechensplot mit Gesellschaftsanalyse. Hopetown ist ein früheres Fischerdorf, das dank einer Nickelmine, die für die nächsten Jahrzehnte Reichtum verspricht, zu Boomtown geworden. Überall entstehen „Legoland-Neubausiedlungen“ und Gewerbegebiete, neue Restaurants und andere Betriebe, die von dem Motor des Booms leben wollen. Reichtum bringt die Mine jedoch nur für wenige, für die anderen Bewohner des Ortes bleibt zunehmender Vandalismus, mehr Kriminalität und Gewalt, für die chinesischen Wanderarbeiter die im Kapitalismus scheinbar ‚übliche’ Ausbeutung.

Alan Carter (c) Megan Lewis

Alan Carter (c) Megan Lewis

Die Gesellschaft und ihre Hierarchien sind damit das große Thema des Romans, das sich bis in die Ermittlungen auswirkt. Kwong wurde vom schnellen Erfolg verleitet, dass seine Handlung falsch war, will er sich indes nicht vollends eingestehen. Anfangs hadert er weitaus mehr damit, dass er erwischt wurde, während andere durchgekommen sind. Erst allmählich – und mit deutlicher Hilfe seiner Kollegin Tess – gelingt es ihm, eine aufrechtere Haltung zu entwickeln. Durchweg sympathisch ist er deshalb nicht. Aber auch die anderen Polizisten haben – abgesehen von Greg, dem ein gewisser Welpen-Charme umgibt – Ecken und Kanten. Mitunter verfolgen sie eigene Ziele und werden von eigenen Versäumnissen oder Taten heimgesucht. Davon erzählt Alan Carter in einem bemerkenswert beiläufigem Ton und guten Dialogen, die seine Figuren überzeugend und lebendig werden lassen. Insgesamt gibt es daher sowohl beim Plot als auch im Stil noch Luft nach oben. Aber „Prime Cut“ ist sein erster Roman. In Australien sind mit „Getting Warmer“ und „Bad Seed“ bereits zwei Nachfolger erschienen. Deshalb gibt es hoffentlich ein Wiedersehen mit Kwong – und Tess.

Alan Carter: Prime Cut. Übersetzt von Sabine Schulte. Edition Nautilus 2011.

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