Psycho-Spiele

(c) Penguin Verlag

Kriminalromane, die im Gefängnis spielen, handeln sehr häufig von einem Ausbruch: der Planung, der Durchführung, der Hetze danach. Dagegen konzentriert sich Debra Jo Immergut in „Die Gefangenen“ am Anfang auf ein Zusammentreffen im Gefängnis: der Psychologe Frank Lundquist erkennt in seiner neuen Patientin Miranda Greene das Mädchen wieder, für das er einst in der Highschool geschwärmt hat. Nun ist sie Anfang 30 und wurde zu einer sehr langen Haftstrafe in der Frauenstrafanstalt Milford Basin verurteilt. Sie scheint ihn nicht zu erkennen – und er verpasst den Moment, diese Bekanntschaft aufzuklären. Es ist der erste von vielen Momenten, die Frank verpassen wird – oder nicht der erste, je nachdem, wie man sein bisheriges Leben bewertet.

Frank Lundquist hatte einst eine gutgehende Praxis in New York, er ist der Sohn eines berühmten Psychologen-Vaters und erzählt in „Die Gefangenen“ aus der Ich-Perspektive insbesondere von verpassten Chancen. Er weiß selbst nicht genau, wann sein Leben die falsche Richtung nahm, findet aber immer wieder eine Erklärung darin, dass er nicht wirklich anders konnte. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Passivität und fast schon verzweifeltem Handeln, das ihn charakterisiert. Natürlich verliebt er sich abermals in Miranda und will ihr helfen. Aber sein Wunsch übersteigt fast das klassische Helfersyndrom, denn es geht ihm nicht nur darum, als Mirandas Retter dazustehen, sondern er will auch sicherstellen, dass er sich in ihrer Nähe aufhalten kann.

Miranda Greene hingegen ist anfangs in einer stumpfen, wasserglockigen Passivität eingeschlossen. Zwei Wochen musste sie in Isolationshaft verbringen, weil sie zu viele Regelverstöße hatte, dort hat sie beschlossen, dass sie sich umbringen will. Aus diesem Grund ist sie überhaupt ins Beratungszentrum gegangen und hat einen Psychologen aufgesucht. Die Kapitel, in denen es um sie geht, sind aus einer personalen Perspektive erzählt, die es ermöglicht, gewisse Dinge zurückzuhalten und erst später preiszugeben. Früh werden bestimmte Aspekte angedeutet: sie hat ihre Schwester verloren, wurde für eine Tat besonders hart verurteilt, hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater, stammt aber aus einer gutbürgerlichen Familie. Nach und nach ist über sie und ihr Leben zu erfahren – und tatsächlich ist Miranda Greene weitaus interessanter als Frank Lundquist und vor allem weitaus schlauer, als er glaubt.

Debra Jo Immergut (c) Stephan Lewis

Es sind insbesondere die Nuancen, die diesen Roman spannend machen: Frank ist jemand, der glaubt, er habe die Kontrolle – obwohl ihm eigentlich seine Erfahrung sagen müsste, dass er sie nicht hat. Die Momente, in denen der Kontrollverlust offensichtlich ist, führen bei ihm zu Panik. Er genießt die Oberhand, die er gegenüber Miranda hat, dabei kommt es ihm nicht in den Sinn, dass er Grenzen überschreitet. Vermutlich würde Frank von sich sagen, er sei ein guter Kerl oder zumindest, dass er gute Absichten hat. Tatsächlich aber nutzt er seine Macht aus. Miranda indes scheint das lange hinzunehmen – und in diesem feinen Spiel liegt ein beträchtlicher Reiz. Allerdings wäre es noch spannender gewesen, wenn mehr über Miranda zu erfahren gewesen wäre. Sicherlich ist die Gegenüberstellung von Franks Vorstellung von ihr, die hauptsächlich auf der Fantasie eines Teenagers beruht, die damals schon falsch war, mit Miranda in der Gegenwart spannend – aber es dauert sehr lange, bis Miranda zu einem aktiven Part wird. Das ist intendiert, aber nicht immer gut ausbalanciert.

Es sind die psychologischen Details, die Debra Jo Immerguts „Die Gefangenen“ auszeichnet. Sie spürt den familiären Dynamiken sowohl bei den Lundquists als auch den Greenes nach. In beiden Familien haben die Eltern die Kinder in gewisser Weise verraten: Lundquists Vater hat ihn zu einem berühmten Forschungsobjekt gemacht, dem Maßstab, an dem jedes andere Kind gemessen wird. Dennoch ist sein Vater kein Monster, sondern zumindest in Franks Perspektive ist das Bemühen des Vaters aufrichtig. Mirandas Eltern hingegen haben sich auf einen Deal eingelassen, um die Karriere des Vaters nicht zu beschädigen – und damit ihre Schwester verraten. Miranda kann ihnen das nicht verzeihen, dennoch kümmern sich die Eltern um Miranda und versuchen ihr zu helfen.

Diese Nuancen sind es, die über gewisse Längen in diesem Roman hinweghelfen, der schon mit seiner erzählerischen Struktur Erwartungen unterläuft. Wichtige Ereignisse werden ebenso beiläufig erzählt wie unwichtige; das Erzähltempo insbesondere von Mirandas Part ist dem eintönigen Rhythmus im Gefängnis angepasst. Es gibt keine strikte chronologische Order, keine sichtbare Reihenfolge, obwohl zumindest die zeitlichen Überschriften vor Mirandas Passagen das andeuten. Das führt zu manchen Enthüllungen, bei dem ich einige Seiten zurückgeblättert habe, weil ich mir sicher war, ob sie zuvor schon angedeutet wurden oder tatsächlich so beiläufig preisgegeben werden. Dazu gehört auch, wie Miranda ins Gefängnis gekommen ist. Früh ist klar, dass sie 52 Jahre wegen Totschlag bekommen hat – aber die genauen Umstände werden erst auf den letzten 10 Seiten erzählt. Denn letztlich spielen sie keine Rolle mehr, die Strafe ist festgesetzt, Miranda ist bereits im Gefängnis, die Umstände spielen keine Rolle mehr. Hier wird sehr klar, dass Immergut nicht darauf setzt, ihre Hauptfigur in die fürchterlichen Kategorien von „sympathisch/unsympathisch“ einzuordnen. Die Höhe von Mirandas Strafe ist ein Fakt, mit dem sie leben muss. Deshalb ist „Die Gefangenen“ ein guter psychologischer Spannungsroman, dessen Reiz vor allem in den feinen Spielereien der Figuren liegt.

Debra Jo Immergut: Die Gefangenen. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Penguin 2020.

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Domestic Thriller – „The Couple“ von Araminta Hall

„Man kann sich auch mit allzu viel Scharfsinn darum bemühen, die Wahrheit herauszufinden. Bisweilen muss man einfach anerkennen, dass deren Züge verschleiert sind. Natürlich ist dies eine Liebesgeschichte“. Dieses Zitat von Iris Murdoch steht am Anfang von Araminta Halls „The Couple“. Danach beginnt Mike, von seiner Beziehung zu Verity zu erzählen, die er meistens V nennt. Und für ihn ist das fraglos eine Liebesgeschichte.

(c) Heyne

Kennengelernt haben sie sich während des Studiums. Schon damals konnte er kaum fassen, dass die reiche, beliebte, wunderschöne V sich mit ihm abgibt, dem stillen, seltsamen Pflegekind mit traumatischer Kindheit. Acht Jahre waren sie zusammen, nun hat sich V von ihm getrennt, ihm sogar eine Einladung zu ihrer Hochzeit geschickt. Doch Mike hat eine andere Deutung ihres Verhalten: Er glaubt, sie spielen ein „neues, erheblich komplexeres Crave“. Crave war ihr Lieblingsspiel während ihrer Beziehung: Sie gehen getrennt in dieselbe Bar, warten, dass V von einem anderen Mann angesprochen wird und auf ihr Zeichen hin – ein Griff an den Adler-Anhänger ihrer Halskette – kommt Mike und fragt den Typen, warum er seine Freundin anmacht. Meistens weicht der Typ dann zurück und diese Demonstration von Macht und Zugehörigkeit erregt Mike und V ungemein. V hat dem Spiel den Namen gegeben, V hat die Kontrolle – doch am Ende dieser Runde sitzt Mike im Gefängnis, weil er des Mordes an Vs Ehemann verdächtigt wird. Weiterlesen

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Women in Crime: „The Cross-Eyed Bear Murders” von Dorothy B. Hughes

Eine Frau ist weggelaufen und hat sich in New York versteckt. Dort sucht sie nach dem Mann, der womöglich ihren Ehemann ermordet hat. Ihren Ehemann, den sie gehasst hat, weil er ihr noch in der Hochzeitsnacht etwas Furchtbares angetan hat (nein, nicht das!). Ihre größte Stärke ist ihre Unscheinbarkeit. „No one paid any attention to you in the subway. Ermine or rags, it didn’t make any difference.“ Dennoch ist Lizanne Steffasson nervös, versichert sich ständig, dass sie tatsächlich nicht auffällt.

„The Cross-Eyed Bear Murders” beginnt ganz ähnlich wie „The So Blue Marble”: eine Frau ist alleine unterwegs, sie verspürt ein gewisses Unbehaugen, versichert sich aber dennoch, dass sie nicht auffallen wird und demnach sicher ist. Aber Lizanne wird nicht lange in Sicherheit bleiben. Acht Monate ist sie nun schon in New York. Das Geld geht ihr aus, sie muss etwas unternehmen. Dann glaubt sie, dem Mann näherzukommen, den sie gesucht hat – und bewirbt sich dafür auf eine geheimnisvolle Anzeige: „Wanted: A beautiful girl. One not afraid to look on danger’s bright face. Room 1000, The Lorenzo.” Sie weiß, dass sie nicht schön ist. „She was all skin and bones; she always had been thin, it wasn’t just not having enough to eat the past eight months. Her face was too tiny, and her round eyes, blue as china plates, diminished her features even more. Her eyes and her too-bright scarlet hair.“ Aber sie muss es trotzdem versuchen und wird tatsächlich von dem Anwalt Bill Folker angestellt. Er arbeitet im Auftrag von Stefan Viljaas, dem ältesten Sohn des verstorbenen, berühmt-berüchtigten finnischen Milliardärs Knut Viljaas – bekannt als „cross-eyed bear“. Dessen Erbe soll demnächst ausgezahlt werden, aber nur unter bestimmten Bedingungen:

The legacy was given in the form of a check, divided into three triangles, one for each son. This check could not be cashed until the twenty-first birthday of the youngest son, and only if the three sections were presented together. Each triangle contains not the son’s name but Old Viljaas’ seal of the cross-eyed bear. Furthermore, the check must be endorsed in triplicate with the cross-eyed bear.

Wer das Siegel bekommen hat, wissen die einzelnen Söhne nicht. Aber nicht nur das: der jüngste Bruder wird seit zwei Jahren vermisst. Bill Folker sucht nun nach dem jüngsten Sohn, bei dem auch das Siegel vermutet wird. Lizanne wiederum glaubt, dass Stefan Viljas hinter der Ermordung ihres Mannes steckt und will über den Anwalt an ihn herankommen. Allerdings gerät sie in eine Geschichte voller Gier, Verrat, Mord und Betrug, deren Ausmaße sie kaum erahnt.

(c) Bell

In „The Crossed-Eyed Bear Murders“ verbindet Dorothy B. Hughes die Jagd nach einem Objekt – in diesem Fall ein Siegen – mit der Whodunit-Frage und einem Hauch „Women in Peril“. Vivianne begibt sich zwar freiwillig in Gefahr, in die gesamte Situation ist sie jedoch vor allem aufgrund ihrer Unschuld geraten. Nun will ist sie festen Willens, diese Unschuld abzulegen; es gelingt ihr aber nur teilweise.

Erzählerisch bleibt die Perspektive bei Lizanne, deren Informationen nicht allzu zuverlässig sind. Aber letztlich ist hier fast niemand, wer er vorgibt zu sein. Jeder hat ein eigenes Ziel. Im Vergleich zu „The So Blue Marble“ zeichnet sich ein Muster ab: Wie Griselda Satterlee ist auch Lizanne Steffasson im Grunde genommen eine Figur, die eher am Rand des Geschehens steht, das von Männern bestimmt wird. Sie ist die Sekretärin, von der einige Männer glauben, sie könnten sie manipulieren – andere wollen sie unbedingt beschützen. Ursprünglich kommt sie aus Vermont, deshalb ist sie weitaus weniger mondän als die ehemalige Schauspielerin und Kostümdesignerin Satterlee. Haupthandlungsort bleibt aber weiterhin das vornehme New York, in dem sich Folker und andere Figuren bewegen.

Schon bei den ersten beiden Büchern von Dorothy B. Hughes zeigt sich, dass ihre Frauenfiguren bemerkenswert sind, aber sie ist keine dezidiert feministische Autorin. Sowohl Griselda Satterlee als auch Lizanne Steffasson werden am Ende ein Happy End in einer Liebesbeziehung finden, auch wissen die Männerfiguren immer etwas mehr und schreiten im Zweifelsfall zur Rettung ein. Noch deutlich zeigt sich das in „The Bamboo Blonde“ – das schwächste Werk von Hughes – und vor allem in „The Blackbirder“. Dort wird der heroische Entschluss der toughen Julie Guilles, ihren Verrat zu rächen, durch die aufrichtige Liebe eines weitaus härteren Mannes nicht in die Tat umgesetzt werden. Wäre Julie ein Mann gewesen, so jedenfalls meine Vermutung, hätte er sich wohl auf den Rachefeldzug ins besetzte Frankreich begeben.

Dennoch ist diese weibliche Erzählperspektive in diesen ersten Büchern entscheidend für die große Stärke von Hughes: ihre Bücher durchzieht stets eine beeindruckende klaustrophobische Atmosphäre, sie sind besondere tale of terrors – die Protagonistinnen haben meist schreckliche Furcht, aber sie ziehen die Sache durch, egal, was passieren könnte. Ihre Furcht, ihre Anspannung überträgt sich beim Lesen mühelos, die Atmosphäre zieht regelrecht in diese Zeit hinein.

Dorothy B. Hughes: The Crossed-Eyed Bear Murders (auch: The Cross-Eyed Bear). Erstausgabe 1940.

Zu der Ausgabe:
Dank der Murder-Rooms-Reihe ist auch dieses Buch von Dorothy B. Hughes als englischsprachiges E-Book erhältlich.

Weitere Anmerkungen:
In „The Cross-Eyed Bear Murders“ taucht Inspector Tobin – bekannt aus „The So Blue Marble“ – wieder auf. Ein aufrechter New Yorker Polizist, der mit seinem Sergeant Moore Morde aufzuklären versucht, die mit der großen Geschichte in Verbindung stehen. Gelegentlich werden diese Bücher daher auch als „Inspector-Tobin-Mystery“ gehandelt. Aber das ist falsch: Tobin ist allenfalls eine Randerscheinung, zwar an der Aufklärung der Fälle beteiligt, aber alles andere als eine zentrale Figur.

Mehr zu Dorothy B. Hughes ist hier zu finden.

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True Crime – Über den Podcast „Verified“

Zu hören u.a. auf Stitcher

Viele True-Crime-Formate stellen den (meist männlichen) Täter in den Mittelpunkt und fallen damit auch dem Narrativ anheim, das er geschaffen hat. „Verified“ geht einen anderen Weg: die Investigativjournalistin Natasha Del Toro erzählt von dem jahrelangen Kampf mehrerer Frauen, die von demselben italienischen Polizisten unter Drogen gesetzt wurden und sexuell missbraucht wurden.

Die Geschichten dieser Frauen ähneln sich in zentralen Punkten: Sie wollten nach Venedig reisen, fanden dort keine Unterkunft und stellten ein Gesuch bei Couchsurfing ein. Daraufhin meldete sich ein Mann aus Padua, der ihnen anbot, bei ihm zu übernachten. Eigentlich wollte keine der Frauen bei einem Mann übernachten, aber er war ein Polizist, sein Profil war verifiziert (daher der Titel) und die Bewertungen waren sehr gut. Ich will hier gar nicht im Einzelnen erzählen, wie er vorgegangen ist – schon durch die ersten drei Folgen werden aber klare Muster deutlich: im Vorgehen des Täters, aber auch den Überlegungen und Erfahrungen der Frauen. Als sie schließlich an die Polizei wandten – in verschiedenen Ländern – erlebten sie, dass ihnen nicht geglaubt wurde. Aber sie gaben nicht auf und fanden schließlich Unterstützung in einem Journalist*innen-Team von IRPI, dem Investigative Reporting Project Italy.

Der Podcast „Verified“ erzählt spannend und empathisch von dem Versuch, den Täter zu überführen und zu einer Verurteilung zu kommen – und er zeigt, wie man journalistisch mit einem True-Crime-Format nicht nur umgehen kann, sondern es auch weiterentwickeln kann. Hier geht es nicht um Grusel oder Ekel, hier geht es nicht um den Täter. Vielmehr werden Fragen z.B. nach der Verantwortlichkeit von Plattformen wie Couchsurfing gestellt – oder einfach nachgezeichnet, wie langwierig ein Gerichtsprozess sein kann. Mir hat „Verified“ sehr gut gefallen – und ich hoffe, dass der Podcast tatsächlich dazu anregt, True-Crime-Formate weiterzuentwickeln.

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Nachwort zu „Heaven My Home“ von Attica Locke

Am 2. Oktober 2019 wurde die Polizistin Amber Guyger in Dallas zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil sie im Jahr zuvor den Buchhalter Botham Jean erschossen hat, als er in seiner Wohnung vor dem Fernseher saß und Eiscreme gegessen hat. Botham Jean war ihr Nachbar – Amber Guyger hatte die Wohnungen verwechselt und dachte, er sei ein Einbrecher. Nach der Verkündung des Urteils hat Botham Jeans jüngerer Bruder Brandt um das Wort gebeten und in einer kurzen Ansprache Amber Guyger vergeben. Dann bat er, die Verurteilte umarmen zu dürfen. Dieses Bild ihrer Umarmung, diese Geste der Versöhnung, wurde weithin gefeiert, gepriesen – und scharf kritisiert. Denn Amber Guyger ist weiß, Botham und Brandt Jean sind Schwarz.

Foto: Carsten Klindt

„Schwarze sind die versöhnlichsten Menschen auf der Welt“, sagt der alte Leroy Page mehrmals in Attica Lockes „Heaven, My Home“ – und Lockes Hauptfigur, der Schwarze Texas Ranger Darren Matthews, erkennt zunächst nicht, ob Page es stolz oder beschämt sagt. Erst beim zweiten Mal bemerkt er die Bitterkeit in Pages Stimme. Als Attica Locke „Heaven, My Home“ schrieb, lagen die Schüsse auf Botham Jean noch in der Zukunft. Aber es gibt unzählige Beispiele, bei denen Schwarze weißen Tätern vergeben haben. Das Konzept der Vergebung, der forgiveness, reicht zurück in die Zeit der Sklaverei, es hatte Bestand durch die Jim-Crow-Ära und wurde in der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King jr. noch einmal bestärkt: „Forgiveness is not an occasional act, it is a constant attitude“. Mit Vergebung sei Fortschritt zu erreichen, Vergebung sei der Weg in die Zukunft.

Unumstritten war dieses Konzept niemals, am berühmtesten ist wohl Malcolm Xs „We will fight back“. Und auch an den jüngsten medialen Vergebungen entzündete sich breite Kritik. Das kulturelle Ritual der Vergebung funktioniert in eine Richtung: Schwarze vergeben Weißen. Sie vergeben, weil sie – wie es Roxane Gay in der New York Times formulierte – überleben müssen. Vergebung soll ermöglichen, in einer rassistischen Gesellschaft zu leben und sowohl historische wie auch gegenwärtige Schmerzen anzuerkennen. Doch wohin, fragt sich nun Darren Matthews bei Attica Locke, hat die Vergebung geführt?

Vergebung als kollektives Bedürfnis verlangt, den Zorn über die Abwertung und Verletzung zu unterdrücken; Morde, Gewalt und Ungerechtigkeiten hinzunehmen, Loyalität gegenüber den Unterdrückern zu bekunden. Deshalb kann sie helfen, sich der Kriminalität und Grausamkeit systemischer Ungerechtigkeit und Gewalt zu stellen, mit der Vergangenheit abzuschließen. Aber sie kann auch zu einem rituellen Vergessen führen; sie beseitigt die Unterdrückung nicht, fordert keine Reue oder Wiedergutmachung, bringt keine radikalen sozialen Veränderungen. Schwarze vergeben, aber die, denen sie vergeben, machen weiter, ja, sie wählen sogar einen Rassisten ins Weiße Haus. Was also, so Darren Matthews, macht Vergebung aus ihnen: „Heilige oder Handlanger“?

Attica Locke (c) Mel Melcon, Los Angeles

In ihrem Buch liefert Attica Locke keine Antwort auf diese Frage, vielmehr spürt sie ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit nach. Die Wahl Donald Trumps ist für Darren Matthews ein „Verrat an der Versöhnung“, die Obama verkörpert hat. Zeitlich ist „Heaven, My Home“ zwischen der Wahl und Inauguration Donald Trumps angesiedelt, und auf jeder Seite ist zu spüren, dass sich die Stimmung im Land geändert hat. Lähmende Unsicherheit und Entsetzen prägen die eine Seite; Triumph die andere. In den vier Wochen, seit Trump gewählt wurde, haben Kirchen gebrannt, wurden Kinder in Schulkantinen bespuckt, wurde eine mexikanische Frau auf einem Supermarktparkplatz vor den Augen ihres Mannes und ihrer Kinder angegriffen. Matthews weißer Vorgesetzter bei den Texas Rangers fürchtet, durch das neue Weiße Haus könnten die Ermittlungen gegen die Arische Bruderschaft beendet werden. Matthews bester Freund, der weiße FBI-Agent Greg Heglund, glaubt, indem er einen Schwarzen einem Hassverbrechen überführt, könnte er dem Justizministerium vermitteln, dass das FBI jedes Hassverbrechen ernstnimmt und sie kein „liberaler Hokuspokus“ sind. Und Darren Matthews, einer der wenigen Schwarzen bei den Strafverfolgungsbehörden in Texas, „wundert sich ganz benebelt vor Wut darüber, was eine Handvoll verängstigter Weißer einer Nation antun konnte“.

Einst ist Darren Matthews aus Überzeugung und Liebe zu seinem Heimatstaat Texas Ranger geworden, er hat geglaubt, dass Veränderungen möglich sind – auch in Texas, in dem die Zeichen des Ku-Klux-Klans kaum verhüllt werden. Deshalb hat er sein Jura-Studium abgebrochen, nachdem er von der (tatsächlich stattgefundenen) brutalen Ermordung von James Byrd Jr. durch Rassisten in Jasper, Texas erfahren hatte. Sein Onkel William war ebenfalls ein Texas Ranger, er war überzeugt, das Gesetz würde die Schwarzen retten, weil es sie schütze, wenn man Verbrechen gegen Schwarze genauso eifrig verfolgt wie Verbrechen gegen Weiße. Damit verkörpert er eine Hoffnung: Wenn es mehr Schwarze Gesetzeshüter gibt, könnte das Leben von Schwarzen auch besser geschützt werden. Dagegen ist Williams Bruder Clayton, ein Strafverteidiger, überzeugt, dass das Gesetz eine Lüge ist, vor der Schwarze Schutz brauchen – denn es sind Regeln, die von Anfang an gegen sie gerichtet waren. Dieser Konflikt zwischen seinen Onkeln, bei denen er aufgewachsen ist, bestimmt Darren Matthews Leben – und nun fragt er sich, ob Clayton nicht doch richtig lag, wenn er sagte, dass „Gerechtigkeit stets relativ“ sei.

Darren Matthews ist geprägt durch seine Erziehung und seine Erfahrungen, er ist mit den Geschichten der Bürgerrechtsbewegung groß geworden, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die nun zerstört scheint. Dazu kommt die Widersprüchlichkeit, als Schwarzer in diesem Bundesstaat zu leben, ihn zu lieben, obwohl ihm Hass entgegenschlägt. „I make heaven my home, I shall not be moved“ lautet die Zeile des Blues-Songs, der diesem Roman seinen Namen gegeben hat – und der den Schmerz umfasst, kein tatsächliches Zuhause zu haben, keine Heimat, die an einen konkreten Ort gebunden ist. Dazu kommt aber in der Gegenwart der Wille, sich nicht vertreiben zu lassen, abermals die eigene Geschichte auslöschen zu lassen.

Diese Widersprüchlichkeit und die schwierige Geschichte machen Texas zu einem sehr geeigneten Ort für Kriminalliteratur. Schon Jim Thompson verortete sein Central City in „The Killer Inside Me“ in Texas, Joe R. Lansdale spürt seit Jahren den Verwerfungen der US-amerikanischen Gesellschaft in kleinen osttexanischen Orten nach. Attica Locke nun widmet sich aus Schwarzer Perspektive der intrinsischen Widersprüchlichkeit des Lebens Schwarzer Texaner im Osten des Bundesstaats entlang des Highway 59. Er beginnt im Süden in Laredo und geht im Norden bis nach Texarkana. Würde man ihm über Texas hinaus folgen, käme man bis nach Minnesota, so als würde er die USA in zwei Teile schneiden. Dabei quert er Houston, vor allem aber reihen sich kleine Ortschaften an dieser Straße. Manche Siedlungen wie Hopetown am Caddo Lake, einst von befreiten Sklaven gegründet, sind noch nicht einmal auf der Karte verzeichnet. Sie liegt ganz in der Nähe von Jefferson im Nordosten an der Grenze zu Louisiana, wo einige Bewohner versuchen, mit touristischen Touren und Attraktionen von ihrer glamourösen Vergangenheit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg zu profitieren. Hier ermittelt Darren Matthews in dem Verschwinden des neunjährigen Levi.

(c) Polar Verlag

Wie in Attica Lockes erstem Matthews-Roman „Bluebird, Bluebird“ liegen wesentliche Elemente zur Lösung des Falls in der Geschichte des Ortes, die hier aktiv umgeschrieben werden soll. Die einflussreiche, wohlhabende, weiße Rosemary King will den Schmerz der Sklaven und Natives nicht nur aussparen, sondern sie abermals verraten, ausbeuten und vertreiben, sie auslöschen aus der Geschichte. Die grausamen Spuren der Vertreibung der Caddos, die nun überwiegend in Oklahoma leben, das Blut der Sklaverei werden weggewischt, stattdessen will sie an die wirtschaftliche Blütezeit erinnern, ohne zu erwähnen, worauf dieser Wohlstand fußt. Es bleiben ausladende Kleider, herrschaftliche Anwesen und Raddampfer sowie das blühend weiße Bild einer Stadt, die einst an einer wichtigen Handelsroute lag. Doch diese Orte sind auch die Heimat von einem Schwarzen Mann wie Leroy Page, von den Haisnai, die zu den Caddos gehören, die von den Weißen vertrieben wurden. Ihr Wort für Verbündete ist „tayshas“, es hat dem Staat Texas seinen Namen gegeben, dessen Staatsmotto noch immer Freundschaft ist. Aber Verbündete waren die Weißen nie – und auch in der Gegenwart entstehen Zweifel an der Verbundenheit sogar in langjährigen Freundschaften wie der von Darren Matthews und Greg Heglund.

Attica Locke erzählt, wie vielfältig sich die Geschichte in ein Land und die Menschen einschreibt. Bei Darren Matthews ist durch die Geschichten, die ihm erzählt wurden, die vielen Ungerechtigkeiten und geerbten Vorurteile eine Blindheit gegenüber den Verfehlungen älterer Schwarzer Männer entstanden, als müsse er für die Gerechtigkeit sorgen, die sie nicht erfahren haben: „Entweder sie oder wir, stimmt’s“? Doch zugleich will er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht ganz fallenlassen, er will nicht glauben, dass ein neunjähriger Junge, aufgewachsen mit einem Vater aus der Arischen Bruderschaft, zwangsläufig ein Rassist wird. Und er hadert damit zu verstehen, warum die Enkelin des alten Mack nichts dabei findet, wenn ein weißer Mann sie rassistisch beleidigt. Vielleicht hat sie andere Erfahrungen gemacht als er, vielleicht sind die Geschichten der Bürgerrechtsbewegung zu weit weg für sie.

„Bluebird, Bluebird“ hat gezeigt, dass man die Gegenwart besser verstehen kann, wenn man die Vergangenheit voll und ganz kennt. „Heaven, My Home“ erzählt nun, dass diese Kenntnisse nicht immer zu mehr Klarheit in der Gegenwart verhelfen. Doch Geschichte kann man nicht entkommen. Sie begleitet und prägt die Menschen, sie lässt sich nicht lösen von der Gegenwart – für niemanden.

Attica Locke: Heaven My Home. Übersetzt von Susanna Mende. Polar Verlag 2020.

Dieser Text ist mein Nachwort zu Attica Lockes „Heaven My Home“ und zuerst in dem Buch bzw. auf der Seite des Polar Verlags erschienen.

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Women in Crime: „The So Blue Marble” von Dorothy B. Hughes

(c) Prenzler Press

Sie glaubt, sie würde nicht bemerkt werden. Die 24-jährige Griselda Cameron Satterlee, ehemalige Hollywood-Schauspielerin, die nun als Modedesignerin arbeitet, ist auf dem Weg in das New Yorker Apartment ihres Ex-Mannes Con – nachts, alleine. „Her dress was black and her coat, with its black fox collar, but at night no one would know the fox was real. Her hat didn’t look as if it were a creation. Not at night, not with her pale horn-rimmed glasses; no one would look twice at a girl with glasses over her face.” Sie geht die Fifth Avenue entlang, es sind nur ein paar Straßen bis zur 55th. Dann nähern sich zwei junge Männer an. Offenbar wissen sie, wer sie ist, sprechen sie mit Namen an. Griselda hält sie erst für „Princeton boys or Yale“, dann drängen diese sich an ihre Seite, machen keinerlei Anstalten, zu verschwinden. Griselda überlegt, was sie tun soll. Einen Taxifahrer ansprechen? Aber womöglich hält dieser sie für verrückt. Also beschließt sie, an ihrem Apartmenthaus vorbeizugehen, aber die Männer drängen sie in den Eingang. Eigentlich war sie doch sicher, solche Dinge passieren Menschen wie ihr nicht. „No reason to feel nervous at night, not even at eleven-thirty at night, in the heart of New York. Nothing ever happened to her kind of people; things happened to people living down those cross streets in old red bricks or old brownstones.“ Aber diese Männer zwingen sie in ihr Apartment. Dort beginnen sie ihre Hüte abzulegen, die weißen Seidenhandschuhe und weißen Seidenschal auszuziehen:

„And only then was she really afraid, and for such a fantastic reason. Because one had honey-colored hair, sleek to his head, and one had bat-black hair; one had very blue eyes and one very black; one had the golden tan coloring of blonds and one the olive tan coloring of brunettes. But outside of that they looked exactly alike, unbelievably, frighteningly, alike.

Die Eindringlinge sind die Zwillingsbrüder Danny und David Montefierrow, sie wollen, dass Griselda die „blue marble“ herausrückt. Griselda gibt vor, nicht zu wissen, wovon sie reden. Aber sie weiß, dass ihr Ex-Ehemann Con ihr einst eine sehr blaue Glaskugel gezeigt hat. Dennoch weigert sie sich, sie den Zwillingen auszuhändigen, bestreitet weiterhin vehement, von ihrer Existenz zu wissen. Später wird sie sie in Cons Apartment finden und in einem hervorragenden Versteck verwahren: in einer Puppe zu verstecken, die sie ihrer besitzergreifenden zweijährigen Nichte schenkt.

Die Jagd nach der blauen Kugel
Von der ersten Seite an kreiert Dorothy B. Hughes in „The So Blue Marble“ eine ungeheuer beklemmende Atmosphäre: der Weg durch die Nacht, dann das Auftauchen der Zwillinge, ihre zunächst absurd erscheinende Forderung, die blaue Glaskugel herauszugeben. Diese Anspannung wird im Verlauf des Buchs nicht nachlassen. Die „so blue marble“ funktioniert ganz wie Hammetts Falke als Handlungsauslöser – als MacGuffin würde man heute sagen -, nicht nur die Zwillinge wollen sie haben, auch andere Parteien haben es auf sie abgesehen. Angeblich weist sie den Weg zu einem Schatz, sie verkörpert damit die Sehnsucht nach Macht und unendlichem Reichtum. Weiterlesen

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Über Verbrechen schreiben

„Vielleicht ist die Scham, die ich empfinde, eine Stellvertreter-Scham, von der ich meine, irgendwer müsse sie doch schließlich empfinden.“

Im Jahr 1969 wurde Jane Mixer im Alter von 23 Jahren ermordet. Offiziell galt der Fall als ungelöst, allerdings wurde vermutet, dass sie Opfer des sogenannten Michigan Murderer John Norman Chapman geworden ist. Sie ist die Tante der Autorin Maggie Nelson, die Anfang 2000 angefangen hat, zu diesem Fall zu recherchieren und den Gedichtband „Jane: A Murder“ geschrieben, der 2005 veröffentlicht wurde. Anfang November 2004 rief ein Detective der Michigan State Police Maggie Nelsons Mutter an und sagte ihr, er habe die vergangenen fünf Jahre fieberhaft an diesem Fall gearbeitet und glaube nun, er habe ihn gelöst. Zwei Menschen hatten sich also unabhängig voneinander mit diesem Fall beschäftigt: Detective Sergeant Eric Schroeder um ihn zu lösen; Maggie Nelson um zu erzählen, wie eine Familie „im Schatten des Todes eines Familienmitglieds (…), das offenkundig einen schrecklichen und furchtbaren Tod gestorben war, jedoch unter Umständen, die für alle Zeit unbekannt bleiben würden“ leben konnte. Nun hatte Schroeder eine DNA-Probe, die einem Mann zugeordnet werden konnte, der nicht John Norman Chapman ist. Gary Earl Leitman wird verhaftet, es kommt zu Prozess.

(c) Hanser Berlin

Von dieser Zeit schreibt Maggie Nelson eindrucksvoll in „Die roten Stellen“. Sie erzählt von dem Gerichtsprozess, wie sie ihn wahrgenommen hat – und wie es ist, wenn Gewalt und Tod immer wieder über eine Familie hereinbrechen. Sie will die Details aufzeichnen, „bevor sie verschluckt würden, sei es durch Angst, Trauer, Vergessen oder Schrecken“; sie will sich und ihr Material „in ein ästhetisches Objekt verwandeln – eines, das neben oder anstelle oder zumindest als Hindernis im Weg der stumpfsinnigen Sprachlosigkeit stehen könnte, die Erinnern und Formulieren möglich macht.“ Maggie Nelson setzt sich mit der Erinnerung auseinander, der Verarbeitung, mit dem Schreiben über ein wahres Verbrechen, zu dem sie eine Distanz hat – sie hat ihre Tante nicht gekannt, sie starb vor ihrer Geburt. Doch weil sie ihrer Tante war, weil ihr Tod ihre Mutter und ihre Großeltern verändert hat, weil durch ihn Gewalt in all ihre Leben eingebrochen ist, hat dieses Verbrechen sie wenigstens mittelbar geprägt.

Innerhalb diesen hochspannenden Ambiguität von Nähe und Distanz, von Erinnerung und Verarbeitung verhandelt sie zahlreiche Aspekte, die bei True Crime immer wieder diskutiert werden: das Spekulative, das True Crime allzu oft anhaftet; die wiederkehrenden narrativen Muster aus Sentimentalität und die Frage, wem es zusteht, über dieses Verbrechen zu schreiben. Sie analysiert die nahezu pornographischen Beschreibungen der Gewalt, die die Opfer erlitten haben, und die Sprache von Schlagzeilen, die „Mitgefühl“ darin entdecken, wenn ein Mörder sein Opfer zudeckt, nachdem er es brutal ermordet hat.

Maggie Nelson (c) Harry Dodge

Dadurch analysiert sie sehr klar, dass die Art und Weise, wie über ein Verbrechen erzählt wird, die Wahrnehmung beeinflusst. Zudem aber fragt sie sich, über welche Verbrechen überhaupt berichtet wird – ganz konkret: hätte die Wiederaufnahme des Falls medial ein ähnliches Aufsehen erregt, wenn ihre Tante nicht eines jener hübschen toten weißen Mädchen gewesen wäre? Dazu kommen immer wieder Beschreibungen von Beobachtungen – beispielsweise, dass vor allem männliche Film-Nerds „Taxi Driver“ feiern oder James Ellroy in „Die Rothaarige“ zu „keinem Moment die Zwecklosigkeit seines Unterfangens begreift“, sondern seine „Zwanghaftigkeit (…) nur mit größerer Geschwindigkeit gegen diese Zwecklosigkeit“ schlägt. Sie versucht einem Fernsehproduzenten zu erklären, dass es bei ihr und ihrer Tante nicht um „Verschmelzung“ geht, „weil niemand tatsächlich weiß, was es heißt, in der Haut eines anderen zu stecken. Dass keine lebende Person einer anderen erzählen kann, was es heißt, zu sterben. Dass wir an dieser Stelle unseres Lebens auf uns allein gestellt sind.“ Dadurch markiert und unterläuft sie gängige Narrations- und Rezeptionsmuster, die genau diese Identifikation bis zur Verschmelzung erzielen wollen. Dazu gehört auch die Sprache, mit der wir uns mit Verlust und Tod auseinandersetzen. „Wir sprechen darüber, was die Leben benötigen oder wovon die Lebendenden glauben, die Toten benötigen es, oder wovon die Lebenden glauben, die Toten hätten es benötigt, wenn sie nicht tot wären. Allein, die Toten sind tot. Vermutlich haben sie mit dem Wollen abgeschlossen.“

Zu dem Mord an ihrer Tante kommt ein weiterer Verlust, der Maggie Nelsons Leben geprägt hat. Als sie zehn Jahre alt war, starb ihr 40-jähriger Vater ganz plötzlich an einem Herzinfarkt. Sie konnte lange nicht glauben, dass er tot war – seine Abwesenheit, die Unbegreiflichkeit seines Todes beschäftigt sie immer wieder auf diesen Seiten. Ihre Schwester Emily rebelliert fortan, sie reißt aus, wird schwanger, wird von der Mutter und deren neuen Partner auf ein Internat, in ein religiöses Camp geschickt. Maggie hingegen bleibt brav, gut in der Schule, aufgrund des „arschkriecherischen Teil von mir“, der die Erwachsenen beeindrucken wollte. Sie wollte unbedingt tapfer sein, obwohl sie gar nicht weiß, was es in diesem Zusammenhang bedeutet.

Nichts davon hat mit dem Mord an der Tante zu tun – oder eher: alles hat mit dem Mord an der Tante zu tun. Denn Maggie Nelson schafft Zusammenhänge, um sie wieder zu untergraben, „Die roten Stellen“ ist ein steter Fluss, ein Strom der Überlegungen und Verbindungen. Deshalb ist dieses beeindruckende, kluge und berührende Buch eine Erzählung über ein Verbrechen und über ihr Leben, es ist zugleich True Crime und literarisches Memoir. Einen Abschluss gibt es für Maggie Nelson nicht. „Außerdem glaube ich langsam, dass es Ereignisse gibt, die nicht „verhandelt“ werden könne, Dinge, die nicht „abgehakt“ werden können, über die man nicht einfach sagen kann, man habe „genug“, schreibt sie. Es wird immer Leerstellen geben, Rätsel, die nicht gelöst werden können. Auf der Leiche ihrer Tante wurde ein Blutstropfen gefunden, der einem vierjährigen Jungen zugeordnet wurde. Es gibt zahllose Möglichkeiten, wie er dorthin gekommen ist. Gewissheit aber, die gibt es nicht.

Maggie Nelson: Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses. Übersetzt von Jan Wilm. 224 Seiten. Hanser Berlin 2020. 23 Euro.

Dieser Text erschien zuerst im April 2020 im CrimeMag.

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