Archiv für den Monat: August 2011

(c) Piper

Lilli Steinbeck und Oceanic Airlines – Heinrich Steinfest und der Film, Teil XI

Wenngleich „Ein dickes Fell“ und „Mariaschwarz“ die von mir meistgeschätzten Romane von Heinrich Steinfest sind, ist Lilli Steinbeck meine bevorzugte Ermittlerin. Schon in „Tortengräber“ erschien sie mir als faszinierende Figur. Bei ihrem ersten Erscheinen war sie noch eine Nebenfigur, aber mit „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ wurde sie zur Hauptfigur – und konnten meinen Erwartungen mühelos standhalten.

(c) Manuel Bartual

Bei diesem Roman erinnert schon die Konzeption an einen Spionagethriller: Zwei mächtige Gegner liefern sich ein tödliches Spiel rund um den Globus, bei dem arglose Menschen zu Spielfiguren werden – weil sie vor Jahren unbemerkt eine Batman-Figur zugesteckt bekamen. Die Ermittlungen führen Lilli Steinbeck sogar bis auf die Insel Bouvet, die bei Heinrich Steinfest sehr oft eine Rolle spielt, und nach Mauritius. Dort soll es zu einem Showdown zwischen den zwei Parteien kommen. Während Steinbeck und der famose Privatdetektiv Kallimachos per Schiff auf die Insel reisen, nutzt die Gegenpartei den Flieger. Dazu buchen sie den Flug bei Oceanic Airlines. Und diese Fluggesellschaft ist aus Katastrophenfilmen bestens bekannt. Sie wurde erfunden, weil Fluglinien ihren Namen nicht auf abstürzenden oder verunglückenden Flugzeugen sehen wollen. So taucht diese fiktive Gesellschaft unter anderem in „Passagier 57“ auf, auch in dem Steven-Segal-Film „Einsame Entscheidung“ ist eine Boeing 747 mit dem Logo dieser Firma zu sehen und in der Fernsehserie „Lost“ sind die Überlebenden mit Oceanic Airlines geflogen. Weiterlesen

(c) Insel

Die Liebe zum Kino und Wort – „Die Filmerzählerin“

(c) Insel

Inmitten der chilenischen Atacama-Wüste liegt eine Minensiedlung. Dort lebt das Mädchen María Margarita mit ihrem Vater und ihren Brüdern. Die Mutter hat die Familie verlassen, seit der Vater durch einen Unfall seine Beine nicht mehr bewegen kann. Und die Familie muss von einer kleinen Rente leben. Die größte Attraktion vor Ort ist das Kino, aber Marías Familie kann sich nicht für alle Mitglieder eine Karte leisten. Eines Tages hat Marías Vater die Idee, dass fortan nur noch der beste Filmerzähler der Familie ins Kino gehen darf. Es kommt zu einem Wettbewerb unter seinen Kindern, den María gewinnt. Sie kann mit ihren Worten, ihrem Gesichtsausdruck und Bewegungen den Film derart lebendig nacherzählen, dass manche Werke in ihren Erzählungen sogar besser werden. Schon bald drängen sich immer mehr Zuschauer in die bescheidene Wohnstube – und María wird eine kleine Berühmtheit in der Siedlung. Weiterlesen

(c) Piper

Der dreifache Batman – Steinfest und der Film, Teil X

(c) Piper

Schon der Titel des letzten Cheng-Romans „Batmans Schönheit“ ist in bester Hinsicht mehrdeutig. Zunächst ist Batman der allseits bekannte, als Fledermaus kostümierte Rächer, der in Gotham City auf Verbrecherjagd geht. Steinfest-Leser denken bei Batman aber auch an den Kater, den Markus Cheng im ersten Teil seiner Ex-Frau überlässt – und der gewissermaßen erst die Handlung, die zu seinem Armverlust führt, in Gang setzt. Außerdem gibt es noch die Batman-Figuren, die in „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ als todbringende Spielfiguren dienen. Und nun taucht in diesem Buch ein Urzeitkrebs auf, der von Cheng auf den Namen „Batman“ getauft wird.

In meinem Gespräch mit Heinrich Steinfest für das BÜCHER-Magazin habe ich ihn nach der Rolle von Batman gefragt. Er antwortete, dass er schon als Kind die Vorstellung von Batman faszinierend fand, da er ein Verbrecherjäger sei, der wie ein Verbrecher aussehe. In seinen Roman sei nun mit „dem Namen “Batman” ist ein Unglück verbunden, das zu einem höheren Bewußtsein führt.“ Tatsächlich lässt sich diese Deutung wenigstens in den Cheng-Romanen bestätigen. Weiterlesen

(c) SPHE

“Adaption” oder: Das Verhältnis von Literatur und Film

(c) SPHE

Es gibt Filme, die man immer wieder sieht. Und immer wieder zitiert. Die einem in den unterschiedlichen Situationen in den Sinn kommen. „Adaption“ von Spike Jonze ist für mich ein solcher Film. Er behandelt das Zusammenspiel von Film und Literatur in so vielen Facetten, dass ich mich abwechselnd in Susan Orlean und Charlie Kaufman wiederfinde – den filmischen Figuren natürlich, nicht den … anderen. Und auch bei Susan Orlean auch nicht am Ende. Es gibt in diesem Film einfach so viele Ebenen, dass die Bezeichnung „Meta-Film“ zu kurz greift. Aber bevor ich darauf weiter eingehe, erst einmal ein kurzer Blick auf die Handlung.

Charlie Kaufman (Nicholas Cage) (c) SPHE

Im Mittelpunkt dieses sehenswerten Films steht der Drehbuchautor Charlie Kaufman (Nicholas Cage), der das Buch „The Orchid Thief“ von Susan Orlean (Meryl Streep) für einen Film bearbeiten soll. Kaufman hat gerade einen großen Erfolg mit dem Drehbuch zu „Being John Malkovich“ gefeiert, aber nun leidet er unter einer Schreibblockade. Neidisch beobachtet er die Fortschritte seines Zwillingsbruders Donald (ebenfalls Nicholas Cage), der seit dem Besuch eines Drehbuchsseminars von Robert McKee (Brian Cox) enthusiastisch an seinem ersten Skript schreibt und sich eine sehr konventionelle Serienmördergeschichte ausdenkt. Weiterlesen

4711

Die Bedeutung von 4711 – Steinfest und der Film, Teil IX

In den Romanen von Heinrich Steinfest gibt es viele wiederkehrende Motive, die im Zusammenspiel mit Orten und Figuren ein eigenes Weltgebilde kreieren. Dazu gehört beispielsweise der Name Batman, aber auch der Duft von 4711. Die Bedeutung dieses Motivs wird in „Ein dickes Fell“ ausführlich begründet. Dort ist 4711 ein Wunderwasser, das auf die Rezeptur eines Kartäuser-Mönches aus dem 18. Jahrhundert zurückgeht. Aber längst ist die heilende Wirkung dieses Duftwassers in Vergessenheit geraten. Nur wenige wissen von diesem Effekt – und einem Fläschchen mit dem Urdestillat, dem übersinnliche Kräfte nachgesagt werden. Denn der vermeintliche Archivar Kurt Smolek glaubt sogar, dass man einem Golem zu Leben erwecken kann, wenn man ihm ein Pergamentpapier mit dem Namen Gottes auf die Stirn heftet und mit einigen Spritzern 4711 beträufelt.

(c) Piper

Nun überschneidet sich diese Geschichte aber mit der Ermordung eines norwegischen Botschafters durch Anna Gemini und Chengs Ermittlungen in diesem Fall. Und dieser Handlungsstrang, der letztendlich die umfassende Aufklärung mit sich bringt, wird durch Hitchcock-Filme ausgelöst: Alles „begann ein wenig wie in diesem Film „Ein Fenster zum Hof“. Weiterlesen

Aus “Never let me go” wird “Alles, was wir geben mussten”

(c) Twentieth Century Fox Home

Heute erscheint die Literaturverfilmung „Alles, was wir geben mussten“ auf DVD und dazu habe ich im Blog von LovelyBooks einen Beitrag geschrieben – und ein kleines Gewinnspiel gestartet. Aber einen Aspekt spreche ich dort nicht an, obwohl er mich beim Lesen des Buches und Sehen des Films doch sehr beschäftigt hat: der unglückliche deutsche Titel. Bei mir ist ob der (freiwilligen?) Bildlichkeit dieses Titels ein fader Nachgeschmack entstanden, den ich nicht mehr loswerde. Dagegen ist der Originaltitel „Never let me go“ so viel schöner, im guten Sinn doppeldeutig und vor allem nicht willkürlich gewählt. Weiterlesen

© Copyright: NFP / Bavaria Pictures, Simone Martinetto

Verfilmung: “Die Einsamkeit der Primzahlen”

Heute läuft der Film „Die Einsamkeit der Primzahlen“ in den deutschen Kinos an. Die Verfilmung von Paolo Giordanos gleichnamigem Bestseller wird sicherlich manchen begeisterten Leser des Romans überraschen, vielleicht sogar enttäuschen. Denn der Film isteine sehr eigenständige Interpretation der Geschichte von Mattia und Alice, in der insbesondere die Rolle von Alice eine erweiterte Bedeutung erfahren hat. Bei diesem Film hat mich insbesondere die Umsetzung des Romans in den Film interessiert, daher habe ich für
die August-Ausgabe des BÜCHER-Magazins ein Interview mit Paolo Giordano und dem Regisseur des Films, Saverio Costanzo, geführt, die das Drehbuch zu dem Film gemeinsam geschrieben haben. Weiterlesen

(c) Piper

„Ein dickes Fell“ – Steinfest und der Film, Teil VIII

(c) Piper

„Ein dickes Fell“ ist einer meiner Lieblingsromane von Heinrich Steinfest; er ist kunstvoll komponiert, die vielen Anspielungen greifen wunderbar ineinander und viele Knotenpunkte des Steinfestschen Universum werden hier aufgegriffen und neu verbunden. Auf die dicht verwobene Handlung werde ich hier nicht im Einzelnen eingehen – außerdem werde ich wesentliche Aspekte des Inhalts verraten. Also daher eine Anmerkung gleich zu Beginn: Es ist am besten, erst das Buch und dann diesen Beitrag zu lesen. :-)

(c) Kinowelt Home

Ein „Tiffany“-Erlebnis und „Léon – Der Profi“
In „Ein dickes Fell“ ist die weibliche Hauptfigur die Auftragsmörderin Anna Gemini. Sie wurde zu diesem Beruf von dem Film „Léon – Der Profi“ inspiriert, da er es ihr ermöglichte, erstmals diesen Berufsstand nicht als widerwärtig zu sehen. Denn in dem Film spielt Jean Reno einen „schüchternen, Milch trinkenden, melancholischen“ Killer, der sogar sein erhaltenes Geld kaum anrührt. Als nun das Nachbarmädchen Mathilda (Natalie Portman) in Not gerät, hilft er ihr und bildet sie auf ihren Wunsch im Umgang mit Waffen aus. Weiterlesen

Sherlock © ARD Degeto/BBC/Hartswood Films

Neulich im Fernsehen: “Sherlock – Das große Spiel”

Sherlock © ARD Degeto/BBC/Hartswood Films

„Das große Spiel“ sollte nach Meinung der britischen Kritiker die bisher beste „Sherlock“-Folge sein – und sie war es auch. Benedict Cumberbatch und Martin Freemann sind als Sherlock Holmes und John Watson nun bestens eingespielt, die Genialität des Detektivs und der Tenor ihrer Zusammenarbeit sind bestens bekannt. Es mutete gar herzzerreißend an, wie Sherlock seinem Watson am Fenster hinterher blickt, als dieser sich auf den Weg zu Sarah macht. Und genau dieser Blick ist es, der diese Beziehung so besonders macht. Das ironische Spiel mit der Vermutung, Watson und Sherlock seien ein Paar, gibt es ja schon seit der ersten Folge. Aber mit einem solchen Blick, mit dieser Inszenierung des am Fenster stehenden Zurückbleibenden, nährt der Regisseur die Vermutung, Sherlock sei schwul – und in Watson verliebt. Dabei wartet Sherlock vordergründig nur darauf, eine törichte Einzelaktion zu starten. Aber in diesen Inszenierungen wird die oftmals doppeldeutige Erzählweise mit der Krimihandlung sehr gut zusammengeführt. Weiterlesen

(c) Universum Film Home Entertainment

Vom Film zum Buch – „Im Juli“ von Fatih Akin

Für die Oktober-Ausgabe des BÜCHER-Magazins rezensiere ich das Buch „Im Clinch“ von Fatih Akin und habe mir dazu einige seiner Filme noch einmal angesehen. Darunter war auch das charmante Road-Movie „Im Juli“, das ich bislang nicht kannte und mich positiv überrascht hat.

Juli und Daniel (c) Universum Film Home Entertainment

Fatih Akin (Drehbuch und Regie) erzählt in „Im Juli“ von dem biederen Lehramtsreferendar Daniel (Moritz Bleibtreu), der glaubt, die Türkin Melek (İdil Üner) sei die Liebe seines Lebens. Er hat sie am Abend zuvor in Hamburg kennengelernt, nun ist sie auf dem Weg nach Istanbul. Weiterlesen