Schlagwort-Archiv: Kritik

Die Sektion des amerikanischen Traums – „Jetzt und auf Erden“ von Jim Thompson

(c) Heyne

Das Leben ist für den Schriftsteller James „Dilly“ Dillon ein einziger Kampf – gegen den Alkohol, gegen eine Schreibblockade und gegen die Arbeit. Auch zu Hause findet er keine Unterstützung. Er lebt mit seinen drei Kinder, seiner Ehefrau, seiner Mutter und seine Schwester in beengten Verhältnissen, in denen seine Frau und Mutter einen Kleinkrieg gegeneinander ausfechten und ihn mit Vorwürfen konfrontieren. Selbst Dillons Beziehung zu seiner Frau ist weniger von Liebe denn von einer wechselseitigen Besessenheit geprägt. Seine Arbeit in einer Flugzeugfabrik hasst er, aber er muss seine Familie irgendwie durchbringen. Also setzt er sich der angespannten Atmosphäre voller Neid und der verabscheuten Tätigkeiten jeden Tag aufs Neue aus. Es ist sein Pflichtgefühl, das ihn irgendwie am Leben hält. Weiterlesen

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Leben in den Ozarks – „Der Tod von Sweet Mister“ von Daniel Woodrell

Morris Akins, der von allen Shug genannt wird, lebt in den Ozarks Mountains im Süden von Missouri. Seine Mutter Glenda ist eine verblühende Schönheit, die ihren Tee – Cola mit Rum – trinkt und ihrem Sohn zärtlich zuneigt ist. Sein Vater Red ist ein drogenabhängiger Schläger, der Shug mit Vorliebe Fettsack nennt und auf seine Raubzüge mitnimmt, damit er Alten und Kranken Medikamente klaut. Die grenzenlose Liebe seiner Mutter und die Angst vor seinem Vater sind die Konstanten in Shugs trostlosem Leben. Doch dann taucht der joviale Jimmy Vin Pearce in seinem grünen Thunderbird auf – und bringt diese Welt ins Wanken.

Ausweglosigkeit und Folgen der Erfahrung

Daniel Woodrell (c) Bruce Carr

Wie schon in seinem Roman „Winters Knochen“ erzählt Daniel Woodrell auch in „Der Tod von Sweet Mister“ ohne moralischen Gestus und mit viel Sympathie für seine Hauptfigur eine düstere Coming-of-Age-Geschichte, die schon auf den ersten Seiten gefangen nimmt. Mühelos taucht man in diese fremde Welt in dem vergessenen Landstrich der USA ein, sieht das bunte Haus am Friedhof vor sich und spürt den unterdrückten Zorn des Ich-Erzählers Shug. Dass Shug nicht wie Ree Dolly auf sich allein gestellt ist, erweist sich nicht unbedingt als Vorteil. Seine Mutter kommt nicht einmal auf die Idee, ihrem Sohn eine Alternative zu bieten oder ihren Mann zu verlassen. Das Leben in ihren Augen ist einfach so, also bringt sie ihrem Sohn lieber bei, in dieser Welt zu überleben. Dafür muss er immer hellwach sein und darf Red niemals verraten. Weiterlesen

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Provokation und Beklemmung – „Code Blue“ von Urszula Antoniak

Marian (Brien de Moor) (c) EuroVideo

Die Krankenschwester Marian (Bien de Moor) ist um die 40 Jahre alt und betreut bei ihrer Arbeit Patienten, die bald sterben werden. Sie kümmert sich um die Bettlägerige, die kaum nicht mehr kommunizieren können und von Maschinen abhängig sind. Manchmal leistet sie Sterbehilfe – wenn sie glaubt, ein Patient habe sie darum gebeten oder wenn sie der Meinung ist, der Patient wolle sterben, könne es aber nicht mitteilen. In dieser Welt findet Marian die Nähe, die sie außerhalb des Krankenhauses verloren hat – und hat die Kontrolle. Sonst ist sie kühl und distanziert, schon ihre Wohnung ist unpersönlich eingerichtet und sie hat auch nur wenig Kontakt zu ihren Mitmenschen. Dann nimmt sie zufällig in einer Straßenbahn den Geruch eines Mannes (Lars Eidinger) wahr. Sie folgt ihm in eine Videothek und leiht dieselben Filme aus, die er zuvor gesehen hat. Es ist als habe dieser Geruch etwas in ihr ausgelöst – womöglich eine Erinnerung an die physische Nähe von im Leben stehenden Menschen. Fortan verfolgt sie den Mann, beobachtet ihn – und der Mann, der in ihrer Nähe wohnt, scheint es zu genießen. Später wird sie ihm zufällig auf einer Party begegnen und eine obsessive kurze Beziehung mit ihm haben, die ein schreckliches Ende nimmt. Weiterlesen

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Ein beeindruckender Roman aus Norwegen – „Bevor ich verbrenne“ von Gaute Heivoll

(c) Schöffling

Auf der ersten Seite seines Romans „Bevor ich verbrenne“ erzählt der norwegische Schriftsteller Gaute Heivoll von einem 35-jährigen Mann, der sich das Leben nahm, indem er sich in die Luft sprengte. Seine Mutter – so heißt es – ging anschließend umher und sammelte die Teile in ihrer Schürze ein. „Ich weiß nicht, ob die Geschichte wahr ist. Dennoch fange ich an zu verstehen. Wenn man sich einfach hinsetzt und nachdenkt, versteht man es allmählich. Schließlich erscheint es als das einzig Richtige. So ist das einfach. Man hat keine Wahl. Man geht umher und sammelt die einzelnen Teile in der Schürze“.

Auch für seinen Roman hat sich Gaute Heivoll hingesetzt und die einzelnen Teile zusammengefügt. Im Juni 1978 erschütterten Brände die kleinen Ortschaften um Kristiansand. Anfangs glaubten die Bewohner noch an einen Zufall, dann hatten sie die Gewissheit, dass ein Pyromane sein Unwesen treibt. Erst brannte er Scheunen nieder, später zündet er auch Häuser an, in denen die Bewohner schliefen. Unruhe machte sich breit, es wurden Wachen organisiert, aber der Polizei fehlten die Hinweise. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Wer das Schweigen bricht“ von Mechthild Borrmann

(c) Pendragon

Der Hamburger Arzt Robert Lubitsch entdeckt in den Unterlagen seines Vaters nach dessen Tod einen fremden SS-Ausweis und das Foto einer jungen Frau. Sofort ist seine Neugier geweckt: Hatte sein perfekter Vater eine Geliebte? Aus einer Laune heraus beginnt Robert mit Nachforschungen und landet in dem kleinen Ort Kranenburg am Niederrhein. Dort sorgt er mit seinen Fragen für Aufruhr unter den Bewohnern – und schon bald geschieht ein Mord, für dessen Aufklärung eine lang zurückliegende Geschichte wieder aufgerollt werden muss. Im Zentrum stehen sechs Freunde, die sich im August 1939 das Versprechen gaben, füreinander da zu sein. Aber Eifersucht und Intrigen zerstörten nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch ihre Leben. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Platinblondes Dynamit“ von Jörg Juretzka

(c) Pendragon

Der Schriftsteller Folkmar, genannt Folle, Windell hat ein Problem: Seine Schundkrimi-Reihe um den hartgesottenen Detektiv Jack Knife soll eingestellt werden. Zukünftig will seine Verlegerin mehr Titel für das weibliche Publikum im Programm haben, daher kann er entweder auf das Geld verzichten – oder eine neue Hauptfigur erfinden. Aber das ist für Folkmar Windell gar nicht so einfach. Er ist nämlich seinem fiktiven Alter ego, dem eleganten und begehrten Schriftsteller Jarvis Chevalier, unähnlich, er kann noch nicht einmal an sein selbstgewähltes Pseudonym Will B. Everhard heranreichen. Immer noch lebt er mit seinem Kumpel Eddie in einer Wohnung, ist ständig mit der Miete im Rückstand und wird von der Polizistin Sabine Zahn mit Strafzetteln bombardiert. In seiner Verzweiflung installiert er eine Schreibsoftware auf seinem Rechner, die er einst mit einer drittklassigen Auszeichnung erhalten hat. Aber damit fängt das Drama an: Als er eine neue Geschichte beginnt, entwischt seine halbfertige Protagonistin Pussy Cat der Fiktion und landet in der Realität. Sie wähnt sich im New York der 1940er Jahre, in der sie sich mit der falschen Polizistin Sabie Tooth und der Brooklyn-Mörderin Wanda Molanski auseinandersetzen muss, befindet sich aber im Köln der Gegenwart und sieht sich mit der attraktiven Polizistin Sabine Zahn und der Vermieterin Mattka Wolanski konfrontiert. Doch sie weiß, was sie zu tun hat: Sie muss den Roosveldt-Diamanten  finden. Allerdings sieht sie aus wie Folkmar Windell mit blonder Perücke, so dass nun der Autor selbst von der Polizei verfolgt wird. Weiterlesen

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Elmore Leonard – Über „Out of Sight“ und die Verfilmung von Steven Soderbergh

Elmore Leonard ist einer der Autoren, die perfekt ins Zeilenkino passen. In seinen Geschichten spielen Filme oft eine Rolle, viele seiner Romane sind bereits verfilmt worden, außerdem schreibt er selbst auch Drehbücher. Also nehme ich die Neuauflage seiner Werke im Suhrkamp-Verlag zum Anlass, eine Elmore-Leonard-Reihe zu beginnen. Den Anfang macht „Out of Sight“, ein Buch, dessen Verfilmung ich sehr gut kenne – und die sogar Teil meiner Abschlussprüfung im Studium war. Daher war ich auf das Buch sehr gespannt!

„Out of Sight“ von Elmore Leonard

(c) Suhrkamp

Elegant und temporeich erzählt Elmore Leonard von dem berühmten Bankräuber Jack Foley, der mit der Hilfe seines treuen Kumpanen Buddy aus dem Gefängnis ausbricht. Zufällig werden sie von dem US Marshall Karen Sisco überrascht. Sie überwältigen sie und sperren sie mit Jack Foley in den Kofferraum eines Cadillacs. Obwohl die Fronten sehr klar – sie will ihn zurück ins Gefängnis bringen, er will lieber sterben als noch einmal in den Knast zu gehen – sind sie fasziniert voneinander und reden über Filme. Dadurch besticht diese beengte Situation nicht nur mit elegantem Humor, sondern zugleich wird Jack Foley charakterisiert. Er hat ein Faible für Outlaws –so findet er es gut, dass sich Peter Finch in „Network“ nichts mehr gefallen lassen will – und ist ein Romantiker – er mag „Die drei Tage des Condor“ und bekennt später, er wünsche sich ein Ende wie Clyde in „Bonnie & Clyde“. Dennoch vergisst Karen nicht, auf welcher Seite sie steht und entkommt mit der unfreiwilligen Hilfe von Foleys zweitem Fluchthelfer. Aber Foley und Karen werden sich wiedersehen, daran besteht kein Zweifel. Weiterlesen

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