Fernseh-Tipp: „Grenzgang“

Am Mittwoch, den 27. November zeigt die ARD im 20:15 Uhr die Literaturverfilmung „Grenzgang“ (UFA Fiction), die auf dem gleichnamigen Roman von Stephan Thome basiert. Alle sieben Jahre wird im oberhessischen Bergenstadt der Grenzgang mit einem Volksfest gefeiert, bei dem aus Tradition die alten Gemeindegrenzen bekräftigt werden. Hier begegnen sich erstmals Kerstin (Claudia Michelsen) und Thomas (Lars Eidinger). Kerstin muss gerade einsehen, dass ihre Ehe gescheitert ist, Thomas ist wegen einer verpatzten Karriere als Historiker in seiner Heimat zurückgekehrt. Sie teilen einen intensiven Moment miteinander, aber dann trennen sich ihre Wege. Erst sieben Jahre später sehen sie sich erneut – und müssen das Scheitern ihrer Lebensträume anerkennen.

Thomas (Lars Eidinger) und Kerstin (Claudia Michelsen)  (c) Bild: WDR/C. Pausch

Thomas (Lars Eidinger) und Kerstin (Claudia Michelsen) (c) Bild: WDR/C. Pausch

Thomes Debüt ist ein lesenswerter Provinzroman, bei der Verfilmung führt Brigitte Maria Bertele Regie, die mit ihrem Debüt „Nacht vor Augen“ und dem folgenden Film „Der Brand“ viel Anerkennung erhalten hat und mit Lars Eidinger sowie Claudia Michelsen ist der Film exzellent besetzt. Das könnte ein toller Fernsehabend werden!

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Media Monday #126

Media Monday #126

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1. Ich habe ja wirklich mal versucht, das Buch „Abendröte im Westen“ zu lesen, weil es McCarthys berühmtestes Buch und ein amerikanischer Klassiker ist, musste es dann aber bald zur Seite legen, denn fünf andere Bücher wollten gelesen und rezensiert werden und eine Deadline schlägt zumindest zeitweilig einen Klassiker.

2. Ich glaube, ich werde niemals in die Verlegenheit kommen, einen Film mit Schauspielerin Elizabeth Short zu sehen, denn sie hat vor ihrer Ermordung in keinem Film mitgespielt und war wohl entgegen der allgemeinen Annahme und populären Darstellungen der „black Dahlia“ gar keine Schauspielerin.

3. Die Serie „The Big Bang Theorie“ mag ja ihre Qualitäten haben und erfolgreich sein, konnte bei mir aber überhaupt nicht zünden, weil ich ohnehin nicht sonderlich gerne Comedy-Serien gucke und auch hier nur selten lachen konnte.

4. Wenn ein Film schon damit beginnt, dass der Schriftzug Zentropa zu lesen ist, dann weiß ich, dass ich einen Film mit zumindest dänischer Beteiligung sehe.

5. Größte Enttäuschung in der jüngsten Vergangenheit war für mich auf jeden Fall das abgesagte Tanten-Wochenende bei meinem Bruder, weil ich mich schon sehr darauf gefreut hatte, meine Nichten und meinen Neffen zu sehen.

6. Ganz ehrlich, neben Uwe Boll ist ________ einer der schlimmsten Regisseure, weil ________ . Ja, es wäre total leicht, hier Til Schweiger zu nennen. Aber ganz ehrlich: Selbst gute Regisseure sind kein Garant für gute Filme, also will ich nicht ausschließen, dass auch weniger gute Regisseure mal einen guten Film machen.

7. Mein zuletzt gelesener Verriss war über McCarthys Drehbuch „The Counselor“ auf Adrian McKintys Blog und der war aufschlussreich, weil für mich die Künstlichkeit der Dialoge und Settings ein von McCarthy bewusst gewähltes Stilmittel sind, McKinty ihm indes vor allem fehlende Lebensnähe vorwirft. Meine Kritik zu dem Film gibt’s bei kino-zeit.de zu lesen.

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Krimi-Kritik: „Abbey Road Murder Song“ von William Shaw

London im Oktober 1968. Im Abbey Road Studio entsteht das vielleicht wichtigste Musikalbum aller Zeiten, vor der Straße warten hunderte junge Frauen auf die Beatles. Die vermeintliche Swingings-Sixties-Idylle wird durch einen Mordfall überschattet: In der Nähe der Abbey Road Studios wurde ein junges Mädchen tot aufgefunden. Anscheinend war sie von zuhause weggelaufen und ein Fan der Beatles. Die Ermittlungen führen Detective Cathal Breen und seine Kollegin Helen Tover daher durch Swinging London, allerdings zeigt sich schon bald, dass für die Tote das Leben weniger bunt war als sie es sich erhofft hatte.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Ein spannendes Setting hat sich William Shaw für sein Krimi-Debüt ausgesucht, jedoch dienen die Beatles mehr als prominenter Aufhänger. Sicher erwähnt er einige berühmte Namen, auch gibt es Besuche bei den Häusern der Beatles und einen fiktiven Gerichtsprozess gegen John Lennon. Der Fall führt jedoch aus dieser Szene und schließlich auch London heraus. Weitaus wichtiger ist die historische Kulisse hingegen für die Ermittler: Als Ire hat es Detective Breen in London schwer, außerdem ist sein Vater vor kurzem gestorben, er hat einen Kollegen in einer gefährlichen Situation im Stich gelassen und gilt noch dazu als integer und unbestechlich. Deshalb ist er bei seinen Kollegen nicht sehr beliebt. Auch seine Kollegin Helen Tover hat es nicht leicht: Sie ist eine der wenigen Frauen bei der Polizei und gibt sich nicht damit zufrieden, Tee zu kochen und den Schreibkram zu erledigen. Tapfer kämpft sie gegen Vorurteile und Diskriminierungen an, aber sogar nachdem sie entdeckt, dass auf einem Kleidungsstück, das dem Opfer gehört haben könnte, ein Spermafleck ist, erhält sie keine Anerkennung, sondern den Ruf, ein Flittchen zu sein. Wenigstens versteht sie sich mit dem ruhigen Breen gut. Weiterlesen

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Einige Anmerkungen zu „Sechzehn Frauen“ von Rafael Cardoso

7 Millionen Menschen leben im Stadtgebiet von Rio de Janeiro, der zweitgrößten Stadt Brasiliens. Berühmt für seine Sambaschulen und den Karneval, berüchtigt für seine Favelas. Um über diese Stadt zu erzählen, greift der brasilianische Autor Rafael Cardoso in seinem Buch „Sechzehn Frauen“ auf die Stimmen der titelgebenden 16 Frauen zurück, die in kurzen Geschichten von ihrem Leben erzählen.

(c) S. Fischer

(c) S. Fischer

Sie leben in 16 verschiedenen Stadtteilen Rios, sind reich, arm, jung, alt, glücklich und verzweifelt. Einige kennen sich, andere werden miteinander bekannt, viele treffen einen geheimnisvollen jungen Mann namens Rafael. Sie sind Schauspielerinnen, Verkäuferinnen, Studentinnen und Rentnerinnen. Ein sechsjähriges Mädchen erzählt von einem Ausflug, eine ältere Frau von ihrem Haus. Im Idealfall entstünde aus ihren Geschichten ein buntes, flirrendes Panoptikum der Stadt, jedoch hat Rafael Cardoso nicht für jede eine eigene Stimme gefunden. Dadurch erscheinen sie mitunter austauschbar und leblos.

So unterschiedlich ihre Biographien und Lebensumstände auch sind, scheinen ihre Hoffnungen allzu oft an den Männern zu hängen – insbesondere an dem verführerischen Rafael. Dadurch werden die Erzählungen häufig klischeehaft. Indes klingt in den besten Momenten des Erzählungsbandes die Zuneigung durch, die der Autor für seine Erzählerin empfindet. Dann zeigt sich, wie reizvoll die Form des Buches ist – und welches Potential sie hatte. Insgesamt bleibt es jedoch bei kurzen Einblicken und wenigen Höhepunkten.

Rafael Cardoso: Sechzehn Frauen. Übersetzt von Peter Kultzen. S. Fischer 2013.

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Media Monday #125

1. In den letzten zwei Jahren ist John Hawkes in die Riege meiner Lieblingsdarsteller aufgestiegen, weil ich ihn vor „Winter’s Bone“ nie richtig wahrgenommen habe und er mich seither in jeder weiteren Rolle überzeugt hat.

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2. In den letzten zwei Jahren ist Patricia Clarkson in die Riege meiner Lieblingsdarstellerinnen aufgestiegen, weil sie in jedem noch so schlechten Film gut spielt.

3. Meine liebste Frage am Media Monday war wohl ________ , weil ________ . Wie soll ich mich bei diesen vielen guten Fragen nur entscheiden? 😉

4. Von vielen der teilnehmenden Blogs hatte ich noch nie gehört, aber dank Media Monday habe ich einige lesenswerte Entdeckungen gemacht.

5. Kürzlich habe ich „Der katholische Bulle“ gelesen und möchte es den anderen TeilnehmerInnen ans Herz legen, weil es ein formidabler Kriminalroman ist – und Adrian McKinty hierzulande einfach bekannter werden muss.

6. Gestern fühlte ich mich an meinen Irland-Urlaub erinnert, denn ich sah die ersten beiden Folgen von „The Fall“.

7. Mein zuletzt gesehener Film war „Disconnect“ und der war zu lang, weil die Geschichten für insgesamt zwei Stunden nicht komplex genug waren.

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„The Act of Killing“ – Ein Interview mit Joshua Oppenheimer

Im Jahr 1965 taok_poster_no_date_web wird die indonesische Regierung vom Militär aus dem Amt geputscht. Daraufhin töten in weniger als einem Jahr von den Militärs beauftragte Todesschwadrone mehr als eine Million vermeintliche Kommunisten, Indonesier chinesischer Herkunft und Intellektuelle. Bis heute wird über diese Massenmorde nicht gesprochen – die Täter leben nicht nur unbehelligt, sondern verehrt und gefürchtet inmitten der Bevölkerung, sie haben politische Ämter inne und rühmen sich ihrer Taten.

In seinem Dokumentarfilm „The Act of Killing“ lässt Joshua Oppenheimer einen der Täter von damals – Anwar Congo – seine Taten schildern und nachinszenieren. Bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck habe ich mich mit Joshua Oppenheimer getroffen.

Ich fange mit einer Frage an, die Du vermutlich schon hunderte Male beantwortet hast: Wie bist Du auf die Geschichte von „The Act of Killing“ gestoßen?

Ich kam nach Indonesien im Jahr 2001, um mit Christine Cynn einen Film über Arbeiter auf einer Ölpalmen-Plantage in belgischem Besitz zu drehen, die nach Ende der Suharto-Diktatur eine Gewerkschaft gründen wollten. Sie liegt ungefähr 60 Meilen von der Stadt Medan. Die Arbeiter brauchten unbedingt eine Gewerkschaft, da sie gezwungen wurden, ohne Schutzkleidung ein Herbizid zu versprühen, das ihre Leber angreift und tödlich wirken kann. Aber sie hatten Angst, eine Gewerkschaft zu gründen, weil ihre Eltern und Großeltern in einer Gewerkschaft waren und deshalb 1965 beschuldigt wurden, dass sie kommunistische Sympathisanten seien – nur weil sie in einer Gewerkschaft waren – und getötet wurden. Nun hatten die Arbeiter Angst, das würde wieder geschehen. Weiterlesen

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Liebe in Island – „Fiasko“ von Ragnar Bragason

Zur Vorbereitung auf die Nordischen Filmtage habe ich einige Filme von den diesjährigen Wettbewerbsteilnehmern gesehen, die ich bisher noch nicht kannte – und nebenbei einige filmische Lücken wie beispielsweise „Lilja-4-ever“ schließen. Aus Island waren in Lübeck dieses Jahr „Of Horses and Men“ von Benedikt Erlingsson und „Metalhead“ von Ragnar Bragason dabei – und dank der Seite Icelandic Cinema Online ist auch gar nicht mehr so schwer, legal, teilweise kostenlos oder für ein bis drei Euro an Filme aus Island zu gelangen und sie zu streamen.

Karl auf den nächtlichen Straßen Reykjaviks.

Karl auf den nächtlichen Straßen Reykjaviks.

Mein erster Film war das Spielfilmdebüt von Ragnar Bragason mit dem Titel „Fiasko“. Episodisch erzählt er von einem Tag in einer Familie Bardal, an dem sie mit der Hoffnung auf Liebe zu kämpfen hat. Großvater Karl (Róbert Arnfinnsson) begegnet zufällig der alternden Schauspielerin Helga (Kristbjörg Kjeld), die sein Herz höher schlagen lässt. Er bietet ihr seine Hilfe mit ihrem kranken Hund an, und tatsächlich lässt sie ihn in ihr Haus. Doch anscheinend hofft sie insgeheim auf einen wohlhabenden Verehrer, so dass sie ihn wieder wegschickt. Daraufhin will er aus Verzweiflung einen Banküberfall begehen. Seine Enkelin Julia (Silja Hauksdóttir) trifft sich mit zwei Männern: dem soliden Bankangestellten Gulli (Ólafur Darri Ólafsson, „Reykjavik – Rotterdam“, „The Deep“). ) und den charmanten Matrosen Hilmar (Björn Jörundur Friðbjörnsson). Nun glaubt sie, schwanger zu sein. Doch Hilmar will lieber aufs Meer fahren als bei ihr zu bleiben – und sie will lieber Hilmar als Gulli. In einer Nacht entscheidet sich nun ihre Zukunft. Julias Mutter Steina (Margrét Ákadóttir) hofft hingegen auf die Zuneigung des dubiosen Predigers Samúel (Eggert Þorleifsson), der ihre Leichtgläubigkeit und Gutmütigkeit jedoch schamlos ausnutzt, sie sein Haus putzen und Verträge unterschreiben lässt. Doch Steinas Naivität scheint grenzenlos zu sein.

"Fiasko" von Ragnar Bragason

“Fiasko” von Ragnar Bragason

Die drei Episoden sind locker miteinander verknüpft, allerdings weist der Film trotz einer Laufzeit von 86 Minuten einige Längen auf. Dazu trägt vor allem die bemühte Skurrilität bei, mit der gerade die dritte Episode um Steina erzählt ist. Hier übertreibt Ragnar Bragason maßlos. Dagegen zeigt insbesondere die Auftaktepisode, in der sich Karl um die Schauspielerin bemüht, sein Talent zum Geschichtenerzählen. Allein die Sequenz, in der Helga ihm einen trockenen Martini serviert und in englisch erzählt, sie würde die Bluse tragen, die schon Ingrid in „Notorious“ an hatte, zeigt ihre Einsamkeit und Verlorenheit auf gelungene Weise. Dazu ist es rührend zu sehen, wie Karl erst allmählich versteht, dass die Schauspielerin ihn jeden Tag wieder vergessen hat und gelegentlich mit ihrem verstorbenen Mann verwechselt. Darüber hinaus sind die Episoden originell miteinander verbunden und auch die Farbgebung ist überzeugend – mit starken Kontrasten und einer betonten Lichtsetzung erzeugt Ragnar Bragason eine düstere Atmosphäre.

„Fiasko“ ist das Spielfilmdebüt von Ragnar Bragason, der am bekanntesten für seine Filme „Children“ und „Parents“ ist. Bei den Nordischen Filmtagen 2013 wird sein Film „Metalhead“ gezeigt.

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