„Flut“ von Daniel Galera

„Er hat das Gefühl, als wollte das Meer etwas von ihm, kann sich aber nicht vorstellen, was. Als gäbe es da etwas, das er vergessen hat, oder von dem er nicht mal weiß, dass er es weiß. Das Meer fragt ihn danach und scheint immer kurz davor, die Geduld zu verlieren, aber er verlässt es gerade noch rechtzeitig, bevor es einen Wutanfall bekommt.“

Ein letztes Mal wird der 33-jährige Erzähler von Galeras Roman „Flut“ zu seinem Vater gerufen, der ihm die Geschichte seines Großvaters erzählt, der einst in dem Küstenort Garopaba bei einem Tanzfest erstochen wurde. Die Tat wurde niemals aufgeklärt. Seine Geschichte schließt der Vater mit der Ankündigung, dass er sich das Leben nehmen werde. Er bittet seinen Sohn lediglich, seine Hündin Beta einschläfern zu lassen. Er selbst bringe es nicht übers Herz und Beta würde ohne ihn zugrunde gehen. Widerwillig stimmt der Erzähler zu, entscheidet sich nach dem Selbstmord des Vaters aber dagegen. Stattdessen nimmt er Beta zu sich und begibt sich auf der Suche nach Wahrheit und Läuterung nach Garopaba. Dort lebt er zurückgezogen in einem Haus am Strand, arbeitet als Lauf- und Schwimmtrainer, beginnt eine Beziehung mit Dália, freundet sich mit einem Pensionsbesitzer an und stellt den Dorfbewohnern Fragen über seinen Großvater. Sie antworten nicht, sondern werden misstrauisch und wollen nicht über ihn reden. Auch sein Großvater war ein Fremder, der erst die Neugier und dann den Hass der Bewohner erregte, und dem Erzähler scheint es nun ganz ähnlich zu ergehen.

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Daniela Galera macht es den Lesern seines Romans „Flut“ nicht sonderlich leicht: Anfangs wechselt die Erzählperspektive, auch die Hauptfigur – der Erzähler – ist schwer zu greifen. Wir erfahren seinen Namen nicht, aber dass er unter Prosopagnosie leidet – er kann sich keine Gesichter merken. Deshalb versucht er, sich Menschen anhand ihrer Stimme oder einem anderen Merkmal zu merken, erkennt morgens indes sein eigenes Gesicht im Spiegel nicht. Das ist ein Beispiel für das Ausgeliefertsein, das das Leben des Erzählers zu bestimmen scheint. Er sucht in Garopaba nach etwas, was er selbst nicht benennen kann. Systematisch nähert er sich dem Ort an, markiert Geschäfte und Kneipen auf einem Plan, versucht sich Menschen einzuprägen und in einen neuen Alltag hineinzufinden. Er ist ein Aussteiger, erfüllt von einer tiefen Sehnsucht nach etwas Unbekanntem. Ansonsten geschieht an äußerer Handlung in „Flut“ nicht sehr viel, vielmehr umkreist der Leser mit dem Erzähler den Ort und das Geheimnis um den Großvater.

Subtil verwendet Daniel Galera Symbole und Spiegelungen, die zunehmend in ihren Bann ziehen. Beständig wird die Dichtomie zwischen freiem Willen und Determinismus angesprochen, es geht um Läuterung, Wiedergeburt und Versuche, die Vergangenheit zu ändern. Doch trotz aller Mystik ist der Roman fest in der Gegenwart verankert. SMS, Mails und Facebook-Nachrichten sind als Fußnoten in dem Roman angegeben und scheinen fast eine eigenständige Geschichte zu erzählen. Zugleich aber sorgen sie dafür, dass der Erzähler in dem kleinen Küstenort nicht enthoben oder der Welt entrückt erscheint. Für seine Erlebnisse und Erfahrungen lassen sich Erklärungen finden – wenngleich nicht alle eindeutig und rational ausfallen. Dabei gelingt es Daniel Galera mit schroffer und zugleich poetischer Sprache, mit Andeutungen und Leerstellen, mit surrealen Elementen und schmerzhaftem Realismus eine eindrucksvolle Geschichte zu erzählen.

Daniel Galera: Flut. Übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner. Suhrkamp 2013.

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2 Gedanken zu „„Flut“ von Daniel Galera

  1. DieLeserin

    Hallo Sonja!
    Dieses Buch hatte ich (gefühlt) schon 100x in Händen. Irgendwie zieht es mich magisch an, aber zum Kauf reichte das Gefühl bisher noch nicht. Auch deine Rezension macht mich neugierig auf die Geschichte, allerdings klingt es inhaltlich manchmal etwas langatmig. Vielleicht warte und hoffe ich auf die Onleihe;). Loslassen tut es mich nämlich auch nicht, denn auch deine Rezension hat meine Neugier erneut angefacht;).
    Liebe Grüße, Iris

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    1. Zeilenkino Artikelautor

      Langatmig fand ich es nicht. Der Einstieg ist schwierig, auch musste ich mich an den Erzählstil gewöhnen, aber danach war es fesselnd. Also auf jeden Fall im Auge bzw. auf der Leseliste behalten! 🙂

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