Pinocchio goes Sciences Fiction – Spielbergs „A.I. – Künstliche Intelligenz“

(c) Warner Home Video

Vor Jahren habe ich im Zuge eines Stanley-Kubrick-Seminars an der Uni bereits „A.I. – Künstliche Intelligenz“ auf DVD gesehen – und fand den Film mäßig. Nun habe ich ihn für einen weiteren Beitrag für das Zeilenkino erneut gesehen – und finde ihn immer noch mäßig. Die Gründe sind recht schnell aufgezählt: 1. Nach einem guten Anfang und ansprechenden Mittelteil ist der Schluss viel zu lang und rührselig geraten. 2. Die Musik ist oftmals zu kitschig. Und 3. Verschenktes Potential!

Die Gründe für die starken Unterschiede zwischen den drei Teilen des Films habe ich stets in der Produktionsgeschichte gesucht, die bis in die 1970er Jahre zurückreicht. Damals hat Stanley Kubrick Brian Aldiss, den Autor der Kurzgeschichte „Super Toys Last All Summer Long“, angeheuert, eine Filmversion seiner Geschichte zu schreiben. Aber die Produktion des Films ließ auf sich warten. Anfangs war Kubrick mit Aldiss‘ Arbeit nicht einverstanden und feuerte ihn 1989, dann wollte er warten, bis die Spezialeffekte, die er sich vorstellte, auch umzusetzen sind. Mal wollte Kubrick selbst Regie führen, dann schlug er Steven Spielberg vor – der von ihm bereits 1985 ins Produktionsteam geholt wurde. Nach Kubricks Tod 1999 nahm Steven Spielberg auf Bitten von Kubricks Witwe die Umsetzung des Films in die Hand. Er schrieb das Drehbuch, übernahm die Regie und brachte den Film in die Kinos.

David mit Teddy (c) WHV

Nun war für mich beim erstmaligen und auch heutigen Sehen eigentlich klar, dass das kitschige Ende, die Flüssigkristallwesen und das märchenhafte Happy End nur von Steven Spielberg stammen könnte. Ich war überzeugt, dass es bei Kubrick weitaus düsterer, verklärter und auch mehrdeutiger ausgefallen wäre. Doch dann stolperte ich im Internet über ein Interview, in dem Steven Spielberg sagt, dass „all the parts of A.I. that people accuse me of sweetening and softening and sentimentalizing were all Stanley’s. The teddy bear was Stanley’s. The whole last 20 minutes of the movie was completely Stanley’s. The whole first 35, 40 minutes of the film – all the stuff in the house – was word for word, from Stanley’s screenplay. This was Stanley’s vision“. Sicherlich stellt sich weiterhin die Frage, wie man diesen sentimentalen Schluss filmt – dennoch hat mich dieses Statement überrascht. Meine Kritik bleibt bestehen, aber nun schiebe ich es nicht mehr Spielberg in die Schuhe.

Das verschenkte Potential des Films ärgert mich ohnehin weitaus mehr. Stanley Kubrick hat von diesem Film immer als „Pinocchio“ gesprochen und tatsächlich erinnert „A.I.“ an eine futuristische Version des Kinderbuches von Carlo Collodi. „A.I.“ erzählt die Geschichte des kleinen Roboter-Kindes David, das gerne ein richtiger Junge werden will, damit er die Liebe seiner Mutter gewinnt. Inspiriert durch das Märchen macht er sich – nachdem er von seinen Test-Eltern verstoßen wurde – auf die Suche nach der blauen Fee, die er am Ende der Welt, dort wo die Löwen weinen, finden soll. Anders als Pinocchio muss das Mecha-Kind David nicht erst lernen, ein fleißiger und ehrlicher Junge zu sein. Stattdessen ist er ein vorbildlicher Sohn, der seiner Mutter in unendlicher Liebe zugetan und stets um ihr Wohlbefinden besorgt ist. Vermutlich ist es diese Überlegenheit und die Fixierung auf Monica, die David auch für seinen Test-Vater Henry und den echten Sohn Martin so bedrohlich machen. Denn die Familie und die Gesellschaft sind nicht darauf eingestellt, dieses Gefühl der bedingungslosen Liebe zu erwidern. Monica ist ihrem Mecha-Kind fraglos zugetan – aber auch für sie ist der eigene Sohn wichtiger.

Die bunte Welt von Rouge City (c) WHV

Im Anfangsteil sind die wichtigen Fragen filmisch gut ausgearbeitet. Die heile Welt der Familie Swinton ist derart artifiziell, dass sie bedrohlich wird. Auch die kalte Hybris der Forscher, Roboter mit Gefühlen zu entwickeln, wird gut entwickelt. Aber auf die wichtigste Frage verweigert der Film eine Antwort (obwohl sie zu Beginn von einer Forscherin gestellt wird!): Wenn wir Roboter erschaffen, die lieben können, müssen wir diese Gefühle dann nicht erwidern können? Statt dieser Frage nachzugehen, wird im Mittelteil mit einer Mischung aus märchenhaften Elementen und filmischen Referenzen an „2001“, „Clockwork Orange“, aber auch an „Blade Runner“ eine Gesellschaft dargestellt, in der die mechanischen Helfer, die für alle möglichen Belange geschaffen wurden, aufgrund ihrer Perfektion zunehmend zu einer Bedrohung werden. Anscheinend könnten gefühlsbegabte Roboter am Ende die besseren Menschen sein. Stattdessen wird aber am Ende des Films ein Loblied der menschlichen Fähigkeit zur Fantasie, Imagination und des Wünschens gefeiert. Und mit keinem Wort wird der Frage nachgegangen, warum sich der Mensch weigert, auch die moralischen Folgen seines Handelns abzusehen.

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Ein Ereignis: Winter’s Bone

Nachdem ich bereits eine Kritik zu „Winter’s Bone“ und im Blog von LovelyBooks etwas über das Buch von Daniel Woodrell geschrieben habe, bleiben mir für mein Zeilenkino nur noch ein paar weitere Anmerkungen.

Ich habe „Winter’s Bone“ bereits Ende Januar gesehen und war mir sehr sicher, soeben einen der besten Filme des Jahres gesehen zu haben. Von der ersten Szene an hat er mich gepackt und noch heute erzähle ich mit Begeisterung von diesem Film. Er hat mir eine Seite der USA gezeigt, die ich so nicht kannte und die mein Bild über die USA und die amerikanische Bevölkerung dauerhaft verändert hat.

(c) Ascot Elite

Oftmals habe ich mich über die – fast schon sprichwörtliche – Ignoranz der amerikanischen Bevölkerung gegenüber vielen Themen gewundert. Wie kann beispielsweise eine kostenlose Krankenversicherung auf so wenig Widerhall stoßen? Aber nachdem ich diese Geschichte hier gesehen und gelesen habe, verstehe ich es. Diese Menschen führen ein Leben, in dem diese Aspekte keine Rolle spielen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass Buch und Film fiktional sind. Aber ich glaube, sie vermitteln bessere Eindrücke als mancher Dokumentarfilm. Es ist kaum vorstellbar, dass Menschen in einer der reichsten Industrienationen der Welt in dieser Armut leben – und es ist fantastisch, mit welcher Selbstverständlichkeit Debra Garnik diese Wirklichkeit zeigt und Daniel Woodrell von ihr erzählt.


Das Buch “Winters Knochen” von Daniel Woodrell ist im Liebeskind Verlag erschienen. Der Film “Winter’s Bone” läuft am 31. März in den Kinos an.

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Ein Ende des Jugendwahn in Hollywood?

Heute Morgen habe ich einen Artikel mit der Überschrift „Hollywood beendet Jugendwahn“ in der Online-Ausgabe der Rheinischen Post gelesen. Der vermeintliche Beweis: Meryl Streep ist die erfolgreichste Schauspielerin dieser Tage und sie sei ja immerhin schon 61 Jahre alt. Aber reicht das aus?

Meryl Streep 2008 (c) Andreas Tai

Lange Zeit galt sicherlich, dass Frauen ab 40 keine Rollen mehr in Hollywood bekommen, aber wie in fast allen gesellschaftlichen Bereichen hat sich auch hier die Grenze verschoben. Frauen wie Julia Roberts haben die 40 überschritten und spielen weiterhin in Filmen mit. Unter anderem als böse Königin in einer Neuverfilmung von „Schneewittchen“, aber auch in einer romantischen Komödie mit Tom Hanks. Darin ist sicherlich ein Trend erkennbar, Filme für ein älteres Publikum zu drehen – denn diese Zuschauer gehen noch ins Kino und laden die Filme nicht im Internet. Aber auch wenn Meryl Streep erfolgreicher war als „Angelina Jolie, Kristen Stewart oder Keira Knightley“ ist sie doch die einzige Schauspielerin dieser Generation, die derart erfolgreich ist. Klar, Helen Mirren hat einen Oscar gewonnen – für die Darstellung von Königin Elisabeth. Und auch der Oscar für die 50-jährige Melissa Leo ist vor dem Hintergrund, dass sie in „The Fighter“ die Mutter des immerhin fast 40-jährigen Mark Wahlberg spielt, kein Beleg für das Ende des Jugendwahns in Hollywood. Darüber hinaus wurden ältere Frauen schon immer für einen Oscar nominiert, allein sagt die Nominierung nur wenig über den Erfolg aus. Und ältere Schauspielerinnen im Publikum hat man wenigstens bei der diesjährigen Verleihung so gut wie gar nicht gesehen.

Grundsätzlich möchte ich dem Tenor des Artikels ja gar nicht widersprechen: Ja, es gibt mehr Rollen für ältere Frauen als noch vor einigen Jahren. Es ist begrüßenswert, dass die 50-jährige Julianne Moore für Bulgari und die 65-jährige Diane Keaton für L’Oreal werben. Und es ist schön, dass mittlerweile auch Frauen jenseits der 40 in Sex-Szenen zu sehen sein dürfen. Aber diese Veränderungen entsprechen dem Trend einer veränderten Wahrnehmung und hängen meines Erachtens zum großen Teil mit der Erschließung neuer Zielgruppen zusammen. Denn wie weit wenigstens Hollywood ist, zeigt schon ein Blick auf besagte „beispielhafte“ Meryl Streep auf dem Plakat zu „Wenn Liebe so einfach wäre“, deren Gesicht arg retuschiert wurde. Anscheinend sind Falten für die Werbeabteilung doch nicht so sexy. Und abgesehen davon spielt sie in einem ihrer nächsten Projekte die Mutter von Julia Roberts – im wahren Leben zwar möglich, aber auch schwer vorstellbar. Deshalb glaube ich, bei aller positiven Tendenz, dass von einer Beendigung des Jugendwahns noch lange nicht gesprochen werden kann.

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“Burn After Reading” – Memoiren können gefährlich werden

Lange konnte ich mich für die Filme von Joel und Ethan Coen nicht richtig erwärmen, obwohl ich ihre Einzigartigkeit und Originalität durchaus erkannte. Aber sie sprachen mich eher rational an. Erst mit „No Country for Old Men“ habe ich mich in die Reihe ihrer Bewunderer aus vollem Herzen eingereiht und sowohl „A Serious Man“ als auch „True Grit“ mit Begeisterung gesehen. Deshalb will ich mich in diesem Jahr noch einmal durch ihr Werk gucken – unchronologisch und nach Laune.

George Clooney mit Frances McDormand (c) Universum Home

Am Freitag stand daher „Burn After Reading“ auf dem Programm. Auch wenn der Film recht gemächlich startet, habe ich mich sehr gut amüsiert. Die Geschichte ist recht simpel: Der CIA-Analytiker Osborne Cox (John Malkovich) soll wegen seines Alkoholproblems versetzt werden und kündigt kurzerhand. Daraufhin hat seine Frau Katie (Tilda Swinton) Angst, er könne ihr auf der Tasche liegen. Und da sie ohnehin seit Jahren eine Affäre mit Harry Pfarrer (George Clooney) hat, bereitet sie sich auf eine mögliche Scheidung vor. Auf Anraten ihres Anwalts kopiert sie daher die privaten Daten ihres Mannes auf eine CD, darunter finden sich auch seine Memoiren. Diese CD finden nun die Angestellten eines Fitness-Studios, darunter der prollige Chad (Brad Pitt) und Lina Litzke (Frances McDormand), die vier Schönheitsoperationen durchführen lassen will. Dafür braucht sie Geld, also kommen Chad und Lina auf die glorreiche Idee, Osborne Cox zu erpressen. Schließlich scheinen die Daten auf der CD äußerst brisant zu sein …

Brad Pitt als Chad (c) Universum Home

In erster Linie unterhält „Burn After Reading“ dank der guten Schauspieler. Brad Pitt ist als hirnloser Erpresser großartig, über sein „Osbourne Cox“ habe ich sehr gelacht. Schon beim Schreiben haben die Coens nach eigenen Angaben an ihn gedacht. Das macht sich in vielen lustigen Details bemerkbar – beispielsweise erinnert sein Erpressername „Mr. Black“ an „Rendezvous mit Mr. Black“, obwohl er in „Burn After Reading“ alles andere als den Tod spielt. Auch George Clooney haben die Coens seine Rolle auf den Leib geschrieben. Er liefert als paranoider und flacher Herzensbrecher eine perfekte Selbstparodie auf seine oscargerkönte „Syriana“-Rolle und schließt mit „Burn After Reading“ seine – nach eigenen Worten – Idioten-Trilogie ab. Die weiteren Rollen sind ebenfalls hervorragend besetzt: Tilda Swinton ist noch unterkühlter als sonst, John Malkovich ist als diabolischer Ex-CIA-Agent schön böse und J.K. Simmons und David Rasche legen einen unvergesslichen Auftritt als aktive CIA-Agenten hin.

Joel und Ethan Coen spielen aber nicht nur mit den Images ihrer Schauspieler, sondern auch mit den typischen Elementen des Spionage- und Agententhrillers. Alleine schon Linas naive Idee, den Russen die CD anzubieten, sorgt für zahllose Lacher. Ohnehin funktioniert die CD mit den Memoiren wunderbar als MacGuffin. Daneben gibt es kleine Anspielungen auf die Bourne-Trilogie, die Filme von Tony Scott und natürlich Stanley Kubrick. So wohnt Harry Pfarrer in dem Haus mit der Nummer 114, die Zahl, die Kubrick in fast allen seinen Filmen verwendet. Beispielsweise heißt das Funkgerät in „Dr. Seltsam – Oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ CRM-114 und Alex erhält in „Uhrwerk Orange“ das „Experimental Serum 114“. Und weitere Bezüge gibt es zu den eigenen Filmen, allen voran „Fargo“. Diese Mischung und die vor allem im letzten Teil des Films geraffte Erzählweise macht „Burn After Reading“ sehr unterhaltsam. Deshalb ist „Burn After Reading“ ist sicherlich kein Meisterwerk, aber ein sehr amüsanter Film.

In diesem Sinn: „Report back to me when… it makes sense.”

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Gunnhild Oyehaug und Noomi Rapace – Die letzten Tage auf der Buchmesse

Nun ist sie vorbei, die Buchmesse in Leipzig. Schön war es ja – auch wenn es mir am Wochenende sehr voll vorgekommen ist. Nach dem österreichischen Freitag standen nun am Wochenende die Skandinavierinnen für mich im Vordergrund; genauer gesagt Gunnhild Øyehaug, Susanna Alakoski, Pernilla August und Noomi Rapace.

Gunnhild Oyehaug (links) auf der Leipziger Buchmesse (c) Sonja Hartl

„Ich wär gern wie ich bin“ heißt das Buch von Gunnhild Øyehaug, das ich bereits im September für das Frauenmagazin Ava rezensiert habe. Es ist ein sehr modernes, sehr filmisches Buch, in dem die norwegische Autorin hochspannende Frauenfiguren entwirft. Ohne Klischees und vor allem in einem herrlich unaufgeregten und ganz und gar nicht herablassenden Ton erzählt sie in ihrem Buch davon, wie schwierig es sein kann, einfach so zu sein, wie man ist. Bei der Vorstellung ihres Buches konnte ich nicht nur ein Eindruck von Gunnhild Øyehaug gewinnen, sondern darüber hinaus auch einiges über die norwegische Literaturszene erfahren. Beispielsweise spielen in Norwegen Buchclubs eine große Rolle bei dem Erfolg von Büchern, allerdings schreibt Gunnhild Øyehaug in Neu-Norwegisch, einer Sprache, die gegenüber dem Bokmål weitaus weniger verbreitet ist. (Laut Wikipedia wird Bokmål von 85 bis 90 Prozent der Norweger geschrieben) Daher werden Bücher in Neu-Norwegisch von den Buchclubs seltener eingekauft und setzen sich schwerer durch. In der deutschen Übersetzung stellt sich diese Frage nicht, und ich kann die Lektüre dieses kurzweiligen Buches nur empfehlen. Es spielt mit den Erzählebenen, mit literarischen und filmischen Zitaten, mit den Erwartungen des Lesers und ist dazu noch leicht und unterhaltsam. Und es passt so gut zum „Zeilenkino“, dass ich es in einem eigenen Beitrag noch einmal genauer vorstellen werde.

In diesem Blog sollen sich Film und Literatur treffen, welches in einer Literaturverfilmung nahezu idealtypisch vollzogen wird. Hier gab es während der Buchmesse in der Kinobar Prager Frühling eine Veranstaltungsreihe, die ich am Samstagnachmittag besuchte. Dort wurde das Buch „Svinalängorna“ (dt. „Schweinehäuser“) von Susanna Alakoski vorgestellt, das von Pernilla August verfilmt wurde. In dem Buch erzählt Susanna Alakoski von den Problemen einer finnischen Einwandererfamilie im Schweden der 1970er Jahre aus der Perspektive des Kindes Leena. Das Buch wurde u.a. 2006 mit dem Schwedischen Buchpreis ausgezeichnet und hat weltweit einige Resonanz hervorgerufen. Eine deutsche Übersetzung des Buches liegt bereits vor, allerdings gibt es noch keinen Verlag – was sich natürlich durch die Verfilmung ändern könnte. (Nachtrag: Mittlerweile ist das Buch in der edition fünf erschienen!)

Pernilla August hat „Svinalängorna“ („Bessere Zeiten”) im Jahr 2010 mit Noomi Rapace in der Hauptrolle verfilmt, und der Film war bereits auf einigen Festivals zu sehen. Unter anderem hat er in Venedig den Publikumspreis und beim Filmfest Hamburg den Foreign Press Award erhalten. „Beyond“ ist ein berührendes Drama, das die Geschichte der finnischen Familie rückblickend aus der Perspektive der erwachsenen Leena erzählt. Es geht um kulturelle Unterschiede und Vorurteile, aber auch um Armut, Gewalt in der Familie und eine von Abhängigkeiten geprägte Liebe. Nahezu nebenbei thematisiert Pernilla August darüber hinaus, wie sich Gewalt fortsetzen und das Leben eines Kindes noch im Erwachsenenalter bestimmen kann. Eindrucksvoll verkörpert wird die erwachsene Leena von Noomi Rapace, die für mich schon bei den Stieg-Larsson-Verfilmungen der einzige Grund zum Weitersehen war. Aber auch die Entscheidung von Pernilla August, im Vergleich zum Buch eine weitere Perspektive einzufügen, halte ich – ohne das Buch zu kennen – für klug. Denn gerade im Film ist eine kindliche Erzählhaltung oft allzu niedlich und naiv.

Alles in allem war dieser Nachmittag in der Kinobar Prager Frühling ein guter und für einen Blog namens Zeilenkino auch würdiger Abschluss der Leipziger Buchmesse. Nun freue ich mich schon auf Frankfurt – aber als nächstes Ereignis steht erst einmal das Frauenfilmfestival in Dortmund auf dem Programm …

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Heinrich Steinfest, Thomas Glavinic und die Leipziger Buchmesse

Bislang steht diese Buchmesse für mich im Zeichen der Österreicher. Über Clemens Johann Setz habe ich gestern schon geschrieben, Arno Geiger ist ohnehin allgegenwärtig (und sieht sich stets einem nickenden Publikum gegenüber) und die Höhepunkte meines zweiten Buchmessetages verdanke ich ebenfalls zwei Österreichern: Heinrich Steinfest und Thomas Glavinic.

Heinrich Steinfest im Gespräch mit Denis Scheck (c) Sonja Hartl

Besser als mit einem Gespräch von Denis Scheck und Heinrich Steinfest kann ein Tag kaum starten. Sie sprachen bei der ARD über Steinfests neues Buch „Wo die Löwen weinen“, Stuttgart 21 und Engagement, es war witzig, kurzweilig und unterhaltsam. Darüber hinaus hat Steinfest aber unter Beweis gestellt, dass ein Autor zu politischen Themen Stellung nehmen kann, vielleicht sogar sollte. Über sein Buch, das auch den nächsten Beitrag in der Reihe „Steinfest und der Film“ bilden wird, habe ich bereits in dem Blog von LovelyBooks recht ausführlich geschrieben. Daher will ich mich hier kurz fassen: „Wo die Löwen weinen“ ist ein guter, amüsanter und herrlich parteiischer Roman über das mörderische Vorhaben Stuttgart 21.

Thomas Glavinic in Leipzig über "Das Leben der Wünsche" (c) Sonja Hartl

Wer den Tag mit einem österreichischen Autor beginnt, sollte ihn auch mit einem beenden! Daher habe ich mich gegen die dtv-Lesenacht und für die Lesung von Thomas Glavinic entschieden – und ich glaube, es war eine gute Wahl. Obwohl diese Veranstaltung in den wenig gemütlichen Räumen der Buchhandlung Lehmann stattfand und die Stühle viel zu eng standen, waren Lesung aus und Gespräch über „Lisa“ sehr kurzweilig. Besonders bemerkenswert war, dass mir „Lisa“ beim Hören fast besser gefallen hat als beim Lesen. Ich bin zwar alles andere als ein Hörbuch-Freund, aber bei diesem Roman würde ich eher zu dem Hörbuch raten.

Thomas Glavinic nach der Lesung (c) Sonja Hartl

Die Konzeption von „Lisa“ bietet diese Rezeption eigentlich ideal an: Der Roman ist ein Monolog des Ich-Erzählers, der sich in einer Berghütte vor der vermeintlichen Killerin „Lisa“ versteckt. Dort spricht er jeden Abend seine Internet-Radiosendung, um nicht völlig dem Wahnsinn anheim zu fallen. (Auch wenn man das – wie ich unlängst ausgeführt habe – auch anders deuten könnte.) Beim Hören dieses Monologes fallen sofort die Vorzüge auf: der Witz, die kurzweiligen Beobachtungen, der markante Stil. Kritikpunkte rücken hingegen in den Hintergrund, dazu gehören vor allem die kaum ausgeführten Nebenfiguren und die vielen Blindstellen in der Handlung, die durch den Abbruch der Mikrofon-Verbindung hervorgerufen werden. Beim Hören konzentrierte ich mich aber voll auf den Erzähler, so dass mir diese Aspekte weniger auffielen. Dadurch lag meine Aufmerksamkeit auch weniger auf der Krimihandlung als auf den Ansichten des Erzählers. Das hat Thomas Glavinic nach eigenem Bekunden intendiert, allerdings hatten mich beim Lesen vor allem die Auswirkungen des vermeintlich reinem Bösen, das dem Ich-Erzähler begegnet, interessiert. Dem Willen des Autors, der – so sagte er – in seinen Geschichten die Wirklichkeit abbilden wolle, kommt das Hörbuch also näher.

Für den zweiten Buchmesse-Tag war diese Lesung ein runder Abschluss, der dritte Tag wird dann aber ganz und gar unösterreichisch. Dazu aber morgen mehr …

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Leipziger Buchmesse 2011 – Wie mir Clemens J. Setz den Tag verdarb

Clemens J. Setz bei der Vorstellung der Nominierten (Belletristik) (c) Sonja Hartl

Eigentlich, ja eigentlich war mein erster Tag auf der Leipziger Buchmesse gelungen. Die Lesungen waren interessant, die Stände waren gut besucht und alles hat wunderbar geklappt. Wenn da nur nicht die Verleihung des Buchpreises gewesen wäre! Clemens J. Setz hat die Auszeichnung in der Kategorie Belletristik bekommen. Ausgerechnet Clemens Johann Setz! Fraglos ist er eine hervorragende Wahl. Aber ich arbeitete doch gerade an einem Artikel-Exposé über ihn, getreu des Mottos „er ist ein junger Autor, der trotz „Die Frequenzen“ nicht die Aufmerksamkeit hat, die ihm zusteht“. Und nun? Nun werden sich alle auf ihn stürzen, von der ZEIT über die FAZ bis zur SZ, und meine Idee ist dahin! Jetzt hat er zwar die Aufmerksamkeit, die er meiner Meinung nach verdient. Nur hat mein Artikel damit nichts zu tun.

Der Preisträger bei der Langen Leipziger Lesenacht (c) Sonja Hartl

Dabei war die Entscheidung im Grunde genommen logisch. Schon in den letzten Jahren wurden bei den Preisen der Buchmessen oft Autoren nominiert, die zu jener Zeit „populär“ waren – letztes Jahr in Frankfurt beispielsweise Judith Zander („Dinge, die wir heute sagten“) oder in Leipzig Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“). In diesem Jahr waren es hier vor allem Karen Duwe („Anständig essen“) in der Sachbuch- und Arno Geiger („Der alte König in seinem Exil“) in der Belletristik-Kategorie. Gewonnen hat dann in Frankfurt das Buch, dem die Jury mehr öffentliche Aufmerksamkeit wünscht: Melinda Nadj Abonjis „Tauben fliegen auf“. Der letztjährige Preis der Leipziger Buchmesse ging an Georg Kleins „Roman unserer Kindheit“. Und nun wurden eben Clemens J. Setz‘ „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ und Henning Ritters „Notizhefte“ (die mir im Vorfeld der Buchmesse vom Buchhändler meines Vertrauens noch als bestes Sachbuch des Jahres angepriesen wurden) geehrt.

Tolle Lesung: Ulrike Almut Sandig (c) Sonja Hartl

Vor allem Setz‘ Roman wird jetzt ein Verkaufserfolg werden – darauf deuten bereits erste Beobachtungen an, die ich gestern gemacht habe. Am Abend besuchte ich die Lange Leipziger Lesenacht, in der 50 junge Autoren in vier Veranstaltungsräumen der Moritzbastei in Leipzig lesen. Sein Kommen hat auch Clemens J. Setz zugesagt, er wollte (bereits) um 19 Uhr aus seinem Buch lesen – die Wahl dieser Uhrzeit macht sehr deutlich, dass er nicht mit einem Gewinn gerechnet hat. Sehr augenfällig war darüber hinaus das Interesse von Leserschaften, die ich vor dem Gewinn eher nicht zu seinem Zielpublikum zählen würde: das gutsituierte und kulturell interessierte Bürgertum wartete ganz gespannt auf den 28-jährigen Autor, viele hatten „Die Liebe des Mahlstädter Kindes“ bereits vor der Lesung käuflich erworben und die häufigste Frage war, ob er wohl signieren werde. Er hat wohl – nur war ich zu dieser Zeit bereits bei der nächsten Lesung der Langen Leipziger Lesenacht. Denn abgesehen von Buchpreis-Trägern gab es dort noch einige weitere spannende Autoren und Autorinnen zu hören: Lena Gorelik beispielsweise oder auch Ulrike Almut Sandig. Vielleicht sollte ich über eine von ihnen einen Artikel schreiben …

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