Archiv des Autors: Zeilenkino

Krimi-Kritik: „Ein seltsamer Ort zum Sterben“ von Derek B. Miller

„Ich bin Amerikaner. Jude. Zweiundachtzig. Witwer in Rente. Ein ehemaliger Marine. Ein Uhrenreperateur. Ich brauche eine Stunde, um zu pinkeln.“ – und was, so schließt Sheldon an seine Ausführung an, soll er dann in Norwegen? Aber seine Enkelin Rhea, benannt nach der Titanin, möchte ihren Großvater nach dem Tod seiner Ehefrau nicht alleine lassen, deshalb soll er zu ihr und ihrem Mann Lars nach Oslo ziehen. Tatsächlich lässt sich Sheldon überreden, es wenigstens zu versuchen – wenngleich sein Integrationswille nicht sehr ausgeprägt ist. Bis sie sich ein Haus in der Nähe des Frogner Parks kaufen können, wohnen Rhea, Lars und Sheldon in Tøyen, einem Stadtteil, der Sheldon an die Bronx erinnert. Es ist eine „miefige Gegend“, die sich inmitten eines Gentrifizierungsprozesses befindet, aber Rhea und Lars wollen nicht mehr darauf warten, dass es „schicker würde“.

(c) Rowohlt

Allein über die Schwierigkeiten dieses bunten Zusammenlebens hätte Derek B. Miller einen warmherzigen und witzigen Roman schreiben können. Zumal er weiß, wie das Leben als Amerikaner in Norwegen aussieht. Geboren in Boston, lebt er mittlerweile dort. Auch sein Roman erschien 2011zuerst in Norwegen auf Norwegisch, obwohl er auf Englisch geschrieben wurde. Aber er fügt seinem Roman noch einen Krimi-Plot bei: Eines Morgens beobachtet Sheldon durch den Türspion, wie die Nachbarin aus der oberen Wohnung in panischer Angst auf dem Flur steht und nach einem Fluchtweg sucht. Er fühlt sich unangenehm erinnert. Denn fast alle Europäer „schauten durch ihre Spione, und draußen rannten Nachbarn vorbei, die Kinder an die Brust gepresst, während bewaffnete Verbrecher sie durchs Gebäude jagten. Kleine fischige Augen, die durch konkave Linsen lugten und anderen bei der Flucht zuschauten. Voller Furcht, voller Mitleid, hinter dem Glas oder auch mordlüstern und schadenfroh. Alle waren in Sicherheit, weil sie etwas nicht waren. Zum Beispiel keine Juden.“ Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Ein Interview mit James Sallis

Zum Erscheinen seines Buches „Driver 2“ habe ich mit James Sallis für das Magazin BÜCHER ein Interview via E-Mail geführt, aber ich konnte leider nicht alles in dem Beitrag verwenden. Deshalb teile ich die nicht verwendeten Abschnitte des Gesprächs nun hier mit– und habe ich mich nach langem Überlegen entschieden, meine Übersetzung zu veröffentlichen. Falls Ihr aber großes Interesse an dem englischen Original habt, hinterlasst einen Kommentar, dann setze ich es bei Interesse noch an den Beitrag.

James Sallis (c) Karyn Sallis

Sie schreiben Romane, Gedichte und Essays – Wie wählen Sie die jeweils passende Form aus?
Ich werde sehr ruhig und höre zu. Das Material – die Bilder, der Rhythmus, die Sprache – werden mir sagen, was sie sein wollen.

Welche Vorteile hat Kriminalliteratur?
Erzählerisch greift der Autor auf eine Vorlage (Verfehlung, Vergeltung) zurück, die mit unserer DNS verkettet zu sein scheint, diese Archetypen und Metafiktionen, die hinter all unseren Mythen liegen. Auf einer tieferen Ebene ist der Detektiv tapfer bemüht, Kausalität herzustellen und Vernunft in Bereichen zu entdecken, in welchen sie abwesend erscheinen. Eine Ordnung soll wieder hergestellt werden.

Warum sind Ihre Protagonisten meist gebrochene Charaktere?
Weil wir alle gebrochene Charaktere sind. Weil ich mich als Schriftsteller am meisten für die Kanten, die Grenzen interessiere, für die Ränder dessen, was wir denken, wir wissen, die Dunkelheit über dem Lagerfeuer. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

TV-Tipp: Krimisommer bei 3sat

Varg Veum (Trond Espen Seim) ist “Der Wolf” (c) ZDF

Vom 16. Juni bis 18. Juli zeigt 3sat einige dreißig Produktionen rund um die Frage „Wer war der Mörder?“. Den Auftakt macht am 16. Juni der Kult-Krimimehrteiler „Das Halstuch“, der bei seiner Ausstrahlung Anfang des Jahres 1962 auf eine Einschaltquote von hochgerechnet 90 Prozent gekommen ist – und von dem mir so mancher Verwandter noch heute erzählt. Außerdem ist unter anderem die sechsteilige skandinavische Reihe „Der Wolf“ nach den Romanen des Norwegers Gunnar Staalesen zu sehen.

Die Sendungen im Überblick:

Sonntag, 16. Juni 2013, ab 20.15 Uhr
Das Halstuch (Folge 1 bis 3)
Fernsehfilm, Deutschland 1962

Dienstag, 18. Juni 2013, 20.15 Uhr
Einsatz in Hamburg: Tödliches Spiel
Fernsehfilm, Deutschland 2008

Dienstag, 18. Juni 2013, 22.25 Uhr
Entführt (1/2)
Thriller, Deutschland 2009

Mittwoch, 19. Juni 2013, 22.25 Uhr
Entführt (2/2)
Thriller, Deutschland 2009

Freitag, 21. Juni 2013, 22.10 Uhr
Der Wolf (1/6) – Dein bis in den Tod
Spielfilm, Dänemark/Norwegen/Deutschland 2008 Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Media Monday #102

Schwierige Fragen hat sich Wulf vom Medienjournal für den heutigen Media Monday ausgedacht:

1. Schauspieler Vincent D’Onofrio überzeugt mich ja sonst meistens, aber seine Rolle in „Fire With Fire“ war wirklich mies, denn es war schwer mitanzusehen, wie so viel Talent und Können vom Drehbuch und der Regie ungenutzt bleiben.

2. „Jack Reacher“ ist eine typische One-Man-Show, denn Tom Cruise kann anscheinend nur in Ausnahmefällen etwas anderes.

3. Ich verstehe wirklich nicht, warum David Fincher immer in den Himmel gelobt wird, denn seine letzten Filme waren fraglos gut, aber keine Meisterwerke. Und vor allem ist ein Film noch nicht allein deshalb gut, weil er von Regisseur XYZ gemacht wurde. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Media Monday #101

Ja, es ist bereits Mittwoch. Aber Geburtstage, Besuch, das gute Wetter und eine ungewohnte sowie ungeplante viertätige Internet-Auszeit haben mich bis heute Abend an der Teilnahme des Media Monday gehindert. Doch nun:

1. Die größte Action-Ikone ist nach meinem Dafürhalten Bruce Willis.

2. Lily Tomlin gefiel mir am besten in dem Episodenfilm „Nashville“ , weil sie eine selbstbewusste und fortschrittliche Frau spielt, die Karriere, Familie und eigene Wünsche verwirklicht.

3. Serien, die nur einen Case-of-the-Week haben und keine fortlaufende Handlung gucke ich nur noch sehr selten, da „CSI“, „Cold Case“ und wie sie alle heißen darunter leiden, dass das Format nicht weiterentwickelt wird.

4. Die liebste Serie meiner Kindheit waren „Die Fraggles“, weil ich Jim Hensons anarchistische Puppenwelt schlichtweg schon immer großartig fand. Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

„Der Himmel über Greene Harbor“ von Nick Dybek

(c) mare

Auf der Halbinsel Loyalty Island im Bundesstaat Washington wird nicht nur dem Namen nach Loyalität großgeschrieben: Die Menschen leben dort vornehmlich vom Fischfang. Die Männer fahren sechs Monate lang zusammen zur See, ihre Kinder und Frauen warten indessen auf sie. In dieser Zeit vertrauen die Männer einander ihr Leben an, sind der Kälte, den Winden und den Meeren ausgesetzt, während die Daheimgebliebenen mit dem abwesenden Vater und Ehemann zurechtkommen müssen. Auch Cals Vater arbeitet auf einem der Schiffe des wohlhabenden Inselpatriarchen John Gaunt, um seine Familie über die Runden zu bringen. Das ist das Leben auf Loyalty Island, mit dem Cals Mutter ihre Schwierigkeiten hat. Zwar hat ihr Mann ihr einen Keller aus Rückzugsort eingerichtet, aber ihr fehlt ihr altes Leben in Kalifornien. Als nun John Gaunt stirbt, wird die Existenzgrundlage von Cals Familie bedroht. Zum einen befürchten Cals Vater und die anderen Fischer, dass Gaunts Sohn Richard die Flotte verkaufen wird. Zum anderen war John Gaunt der einzige Freund, den seine Mutter auf der Insel hatte. Inmitten dieser Ängste und Trauer belauscht Cal ein Gespräch von seinem Vater und drei anderen Fischern, das ihn schaudern lässt: Anscheinend haben die Männer vor, Robert Gaunt zu töten! Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen

Filmvorlieben

Gestern Abend wurde ich von Wulf mit einem Stöckchen beworfen, das mich gerade einige Überlegungen gekostet hat – und bei dem mir bestimmt ganz viele Regisseure, Schauspieler etc. nicht eingefallen sind. Aber gut:

Was ist dein Lieblingsfilm?
Den einen Lieblingsfilm habe ich nicht, aber es gibt einige Filme, die ich immer wieder gucken kann. Dazu gehören „Chinatown“, „Network“ und „When Harry met Sally“.

Wieso ist das dein Lieblingsfilm?
„Chinatown“ ist für mich ein nahezu perfekter Film. Großartige Besetzung, tolle Musik, fantastische Kamera und famoses Drehbuch. Einzig mit Roman Polanski als Person habe ich gewisse Schwierigkeiten.

„Network“ ist einer der klügsten Filme, der jemals gemacht wurde – und er besitzt noch über 25 Jahre nach Entstehen ungebrochene Aktualität.

„When Harry Met Sally“ enthält für fast jede Situation eine passende Lebensweisheit und ist der Film, aus dem ich am meisten zitiere.

Was war(en) deine Lieblingsfilm(e) als Kind? Weiterlesen

Diesen Beitrag teilen