Schwedenkrimi: Über „Deine Zeit wird kommen“ von Carl-Johan Vallgren

In Schweden 2024 mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet, in Dänemark 2026 den Palle-Rosencrantz-Preis für den besten übersetzen Kriminalroman erhalten, in Deutschland bei Suhrkamp erschienen – nicht gerade der Verlag für skandinavische Kriminalliteratur (wenngleich Vallgren nicht in der Reihe von Thomas Wörtche herausgebene wird) – und nicht zuletzt 2017 mit Mikael Persbrandt dessen Autobiographie geschrieben: „Deine Zeit wird kommen“ von Carl-Johan Vallgren hat mich wirklich neugierig gemacht – und wenigstens ein bisschen irritiert zurückgelassen.

(c) Suhrkamp

Sehr deutlich arbeitet Vallgren mit bekannten Bezugsmustern: Der Roman hat den Untertitel ‚roman om ett brott‘, Roman über ein Verbrechen. Das ist der Untertitel der stilbildenden Kriminalromane von Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Statt Kommissar Martin Beck ermittelt hier aber Kommissar Roger Björling. Björling trauert um seine verstorbene Frau, versucht sich seiner Tochter Malin zuliebe zusammenzureißen, aber es gelingt es ihm nicht. Seine Trauer frisst ihn regelrecht auf. Handlungsort ist Stadt Falkenberg, südlich von Göteborg, ungefähr 40 Kilometer nördlich von Halmstand – und das ist bekanntlich Christoffer Carlssons Krimi-Terrain. Dort wird an einem Fluss eine weibliche Leiche gefunden. Die junge Frau wurde längere Zeit gefangen gehalten, sie ist abgemagert und wurde von einem aus einer psychiatrischen Klinik entflohenen Patienten gefunden.
Parallel dazu macht sich Björlings Tochter Marlin auf zu einer Paddeltour mit ihrem Freund, sie ist sehr verliebt in ihn, nur vor seinem älteren Bruder hat sie etwas Angst. Es passiert, was passieren muss: Marlin verschwindet, die Brüder geraten unter Verdacht, sowohl mit dem ersten Mord als auch Marlins Verschwinden etwas zu tun zu haben.
Zur Unterstützung kommt Björling von seiner Kollegin Johanna – einen Nachnamen bekommt sie nicht –, die eigentlich in der obersten Polizeibehörde in Stockholm arbeitet, aber nun bei den Ermittlungen helfen soll. Johanna kommt selbst aus der Gegend, erinnert sich nicht gerne an ihre Kindheit, ist – natürlich – etwas eigenwillig und sozial verschroben. Aber auch gemeinsam kommen sie mit den Ermittlungen nicht voran, also werden sie abgezogen – und Björling bricht körperlich zusammen und zieht sich auf einen einsamen Hof zurück. Dort wird er von der Natur und einem Hund geheilt. Diese Passagen sind die besten des Romans, die Schilderung der Trauer und Trauerarbeit sind eindrücklich. Vallgren versteht es, Schmerz zu beschreiben – und hierin steckt eine leise existentielle Note, die sich wohltuend von den oftmals wuchtigen Beschreibungen von Verlust unterscheidet. Allerdings habe ich mich die ganze Zeit gefragt: Warum hört er auf, seine Tochter zu suchen? Ja, er bricht zusammen. Aber er – und der Roman widmet sich dann erst einmal ausführlich seiner Heilung, während er irgendwie verdrängt, was mit seiner Tochter ist. Und als es ihm wieder besser geht, fängt er wieder an, sie zu suchen.

Dazu kommt: Diese, nun ja, Unterbrechung ist die einzige Abweichung vom schwedischen Standardkrimirepertoire. Ich nenne nur einige Stichworte: einsamer Bauernhof, streng religiöse Familie, zwei Brüderpaare, Folterverliese, ausgestopfte Tiere. Carl Johan Vallgren reiht diese Elemente nüchtern, ja, fast schon emotionslos aneinander. Anfang steht genau das in einem interessanten Gegensatz zu der hohen Emotionalität, mit der Björlings Trauer geschildert wird. Hier wird deutlich, wie viel Routine in den Ermittlungen steckt. Aber in dem Moment, in dem seine Tochter verschwindet, wird es doch sehr persönlich. Ich habe mich mehrmals gefragt, ob der Roman intendiert ist als eine Art Meta-Kriminalroman über Trauer – wie es Louise Hegarty mit „Fair Play“ mit den Mustern des englischen Rätselkrimis geschrieben hat. Oder ob Vallgren gar genau dieses Schematische aufzeigen will, damit es endlich seinen vollverdienten Erzählungstod sterben kann. Aber dafür ist der Widerspruch im Verhalten des Kommissars zu groß, auch gibt es weder narrativ noch sprachlich weitere Anhaltspunkte dafür. Es gibt auch keine Komik, keine Groteske, die einzige Überspitzung ist die Aneinanderreihung dieser Motive. Möglicherweise ist es naheliegender: Krimis verkaufen sich in der Regel besser als Romane über Trauer. Wegen dieser Widersprüche ist „Deine Zeit wird kommen“ ein interessantes Buch, über das ich eine Weile nachgedacht habe.

Carl-Johan Vallgren: Deine Zeit wird kommen. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz. Suhrkamp 2026. 352 Seiten. 18 Euro.

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