„Der Himmel über Greene Harbor“ von Nick Dybek

(c) mare

Auf der Halbinsel Loyalty Island im Bundesstaat Washington wird nicht nur dem Namen nach Loyalität großgeschrieben: Die Menschen leben dort vornehmlich vom Fischfang. Die Männer fahren sechs Monate lang zusammen zur See, ihre Kinder und Frauen warten indessen auf sie. In dieser Zeit vertrauen die Männer einander ihr Leben an, sind der Kälte, den Winden und den Meeren ausgesetzt, während die Daheimgebliebenen mit dem abwesenden Vater und Ehemann zurechtkommen müssen. Auch Cals Vater arbeitet auf einem der Schiffe des wohlhabenden Inselpatriarchen John Gaunt, um seine Familie über die Runden zu bringen. Das ist das Leben auf Loyalty Island, mit dem Cals Mutter ihre Schwierigkeiten hat. Zwar hat ihr Mann ihr einen Keller aus Rückzugsort eingerichtet, aber ihr fehlt ihr altes Leben in Kalifornien. Als nun John Gaunt stirbt, wird die Existenzgrundlage von Cals Familie bedroht. Zum einen befürchten Cals Vater und die anderen Fischer, dass Gaunts Sohn Richard die Flotte verkaufen wird. Zum anderen war John Gaunt der einzige Freund, den seine Mutter auf der Insel hatte. Inmitten dieser Ängste und Trauer belauscht Cal ein Gespräch von seinem Vater und drei anderen Fischern, das ihn schaudern lässt: Anscheinend haben die Männer vor, Robert Gaunt zu töten!

Vor der archaischen Kulisse des Fischerortes entwickelt Nick Dybek ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht zwischen Söhnen und ihren Vätern und entwirft ein Bild von dem Leben in einer engen Gemeinschaft. Leider ist insbesondere der Einstieg in die Geschichte etwas holprig, zumal vieles auf eine allzu konventionelle Geschichte hindeutet. Erst nach gut einem Drittel sorgt die erste überraschende Wendung für Spannung. Cal erzählt die Ereignisse aus dem Rückblick, damals war er 14 Jahre alt. So überschneiden sich Verlusterfahrung und Erwachsenwerden – und diese Kombination führt zu der tiefen Verunsicherung eines Teenagers, der erst noch herausfinden muss, was er mit seinem Leben anfangen will. Dabei lässt Nick Dybek die Vor- und Nachteile der tiefempfundenen Loyalität eines Sohnes gegenüber seinem Vater und der Fischer untereinander sehr deutlich werden. Sicherlich hätten dem Buch insgesamt einige Kürzungen und Straffungen gut getan, zumal oftmals die Ambitionen und der Wille zum großen erzählerischen Wurf allzu offensichtlich sind, aber Nick Dybek erzählt atmosphärisch dicht und lässt die raue Landschaft mühelos in Gedanken entstehen. Dadurch wird dieses Buch über die Konsequenzen unseres Handelns, über Würde und Verantwortung, über Loyalität und über Väter und Söhne insgesamt zu einem eindrucksvollen Debüt.

Nick Dybek: Der Himmel über Greene Harbor. Übersetzt von Frank Fingerhuth. Mare 2013.

Andere:
Das Blog Literaturen über Nick Dybeks Roman
Sehr begeistert ist Karsten Herrmann im CulturMag

Diesen Beitrag teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.