Archiv des Autors: Zeilenkino

Auf der Suche nach dem Ich – „Wie sollten wir sein?“ von Sheila Heti

(c) Rowohlt

(c) Rowohlt

Allein der Titel ist ungemein ansprechend – wer hat sie sich noch nie gestellt, die Frage, wie wir, wie er, wie sie sein sollte. Nun kann ein solcher Roman zur peinlichen Seelenbeschauung werden, egozentrisch bis zur Selbstverliebtheit eigene Befindlichkeiten thematisieren und dabei nur eine große Leere enthüllen. Aber Sheila Heti hat nicht versucht, einen „Generationenroman“ zu schreiben (wenngleich die New York Times über den Roman schrieb, er sei die Momentaufnahme einer Generation) noch ist „Wie sollten wir sein?“ ein literarisches Selbstporträt – obwohl die Hauptfigur ebenfalls Sheila heißt. Vielmehr wird von einer Frau erzählt, die ihren Weg zu sich selbst sucht, und von einer Frauenfreundschaft: Sheilas beste Freundin ist die Malerin Margaux, die – man hört es schon an ihrem Namen – schön, begabt und selbstbewusst ist. Margaux weiß, was sie von ihrem Leben will und ist unabhängig, Sheila hingegen vergleicht sich mit anderen, ist auf der Suche danach, wie sie sein will, und glaubt, Entscheidungen treffen zu müssen, ohne zu erkennen, dass sie sie nicht wirklich trifft. Nun hat Sheila den Auftrag einer feministischen Gruppe angenommen, ein Theaterstück zu schreiben, und schafft es nicht, dieses Stück zu Ende zu bringen. Sie hadert mit sich, ihren Worten und Gedanken, gefesselt von der Angst, dass die ganze Welt ihre tiefe Schlechtheit erkennt. Sie fürchtet, dass sich die Prophezeiung ihrer ersten Liebe bewahrheitet, sie werde als zahnlose Nutte auf der Straße enden, einem Nazi einen blasen und dann zusammengeschlagen werden.. Dabei weiß sie noch nicht einmal, ob dieses schlechte Ich auch ihr wahres Ich ist.

In „Wie sollten wir sein?“ stehen neben altbekannten Weisheiten – beispielsweise dass es kaum berühmte Frauen gibt, die als Genies gepriesen werden – viele kleine Erkenntnisse: Wie sehr wir (und mit diesem „wir“ meine ich uns Frauen) uns von männlichen Vorstellungen leiten lassen, ja, sie oftmals übernehmen und dann zu eigenen werden lassen; wie wichtig es ist, einfach mal eine Sache zu Ende zu bringen – und wie leicht es ist, eine Sache einfach zu beenden, aber nicht zu einem Ende zu bringen, sondern davon zu laufen. Vielleicht klingt es für manche banal, aber Sheila Heti webt diese Überlegungen und Gedanken in tagebuchartige Aufzeichnungen, Mails, Mitschriften von Gesprächen zwischen Sheila und ihrer Freundin Margaux sowie theaterhafte Szenen ein und lässt in allem erkennen, dass es diesen einen Weg zum Ich nicht gibt, ja, dass es das eine Ich womöglich nicht gibt. Nun würde ich den Roman nicht wie der Klappentext als „formal wagemutig“ bezeichnen, aber diese Form verhindert, dass das Ich von Sheila zu sehr in den Mittelpunkt gestellt wird, obwohl der Roman letztlich von ihr handelt. Außerdem wird im Gegensatz zu anderen Romanen und Filmen die materielle Situation der jungen Künstler auf der Suche nach ihrem Ich nicht ganz ausgespart. Deshalb wohnen sie nicht in hippen Lofts, sondern arbeiten wie Sheila nebenbei als Hilfskräfte in einem Friseurladen oder unterrichten. Und das ist tatsächlich mal erfrischend.

Am Ende bleibt dann aber vor allem eine Methode hängen, die bereits ganz am Anfang vorgestellt wird: Man solle bei jedem Problem und in jeder schwierigen Lebenssituation einfach die Hände in die Luft werfen und „was soll’s!“ rufen. Und vielleicht ist das ja wirklich die Antwort auf alle Fragen. Denn letztlich ist es doch auch egal, wie wir sein sollten. Oder?

Sheila Heti: Wie sollten wir sein? Übersetzt von Thomas Überhoff. Rowohlt 2014.

Diesen Beitrag teilen

Erste Begegnungen mit Ross Thomas

(c) Alexander Verlag

(c) Alexander Verlag

„Kälter als der Kalte Krieg“ war mein erster Ross Thomas – aus zwei Gründen: Zum einen ist es chronologisch sein erstes Buch. Zum anderen nimmt die Handlung ihren Ausgangspunkt in Bonn, jenem Bonn, das auch im Jahr 2014 noch nicht viel von seiner bundesrepublikanischen Behaglichkeit verloren hat (mit Ausnahme von Bad Godesberg, in dem die berühmte Bar Mac’s Palace liegt. Aber als ‚imitierte Beuelerin’ sehe ich von der anderen Rheinseite darüber hinweg.) Im Regierungsviertel lassen sich indes noch kleine Restspuren der Macht erahnen, findet sich noch ein Abglanz der Größe und Internationalität. Also las ich mit Begeisterung von den Abenteuern, die McCorkle und Padillo in Bonn und im geteilten Berlin erlebten. Nach „Kälter als der Kalte Krieg“ folgte daher gleich der zweite Teil mit McCorkle und Padillo, in dem diese ihre Tätigkeiten nach Washington verlagerten.

(c) Alexander Verlag

(c) Alexander Verlag

Danach beschloss ich, eine kurze Pause mit Ross Thomas einzulegen. McCorkle und Padillo sollte ich in Maßen genießen, dem ersten allzu ähnlich erschien mir ihr zweiter Fall. Vor allem aber erscheint mir Ross Thomas fast wie eine Sucht, die mich auch nicht nur einmal in die Chipstüte hineingreifen, sondern sie leer essen lässt. Außerdem könnte es allen positiven Stimmen zum Trotz sein, dass mich lediglich die Figuren McCorkle und Padillo in meiner hardboiled-Romantik so ansprechen, die anderen Bücher von Ross Thomas aber weniger. Deshalb wählte ich als drittes Buch „Umweg zur Hölle“, dem Auftakt der Reihe um Artie Wu und Quincy Durant, in die ich mich – um es vorweg zu nehmen – gleich auf den ersten Seiten verliebte. Sie sind schlau, witzig und schlagkräftig, in unverbrüchlicher Freundschaft miteinander verbunden und allen anderen meist einen Schritt voraus. Dass Artie Wu illegitimer Anwärter auf den Thron des chinesischen Kaisers sein könnte, ziehe ich daher gerne in Betracht – und auch dass ein toter Pelikan eine abenteuerliche, raffinierte und ausgefuchste Handlung in Gang bringen kann. Von Seite zu Seite zeigen sich in „Umweg zur Hölle“ immer mehr Fäden und Verbindungen, enthüllt sich eine ausgefeilte und ausgetüfelte Verbindung aus Politik und Verbrechen – einzig die Vater-Bruder-Geschichte am Ende wäre nicht nötig gewesen. Es ist Jörg Fauser, der in seinem Essay am Ende des Buches treffend formuliert: „Er (Ross Thomas) hat dem Kriminalroman der Gegenwart eine Qualität erschrieben, die ich demokratischen Realismus nennen möchte“. Nun lese ich „Umweg zur Hölle“, erschienen im Jahr 1984, dreißig Jahre später nicht mehr als Gegenwartsroman – zu viel ist geschehen. Dennoch wirkt dieser Roman im Gegensatz zu bspw. „Kälter als der Kalte Krieg“ in keiner Weise ‚historisch’, obwohl in beiden die Mauer in Berlin und die Sowjetunion noch existieren. Aber die Handlung von „Umweg zur Hölle“ könnte ebenso im Hier und Jetzt stattfinden, vielleicht wären allenfalls die mitmischenden Personen nicht mehr nur Amerikaner, Briten und italienische Mafia-Gangster.

„Ein Roman von Ross Thomas ist nicht einfach ein Krimi oder ein Polit-Thriller, sondern – wenn wir davon ausgehen, daß der Teufel damals auf den Hügeln des Galiläerlands dem Herrn Jesus die Welt so gezeigt hat, wie sie wirklich ist, und nicht, wie Idealisten sie gerne hätten – eine diabolische Analyse unserer politischen Verhältnisse“, schreibt Jörg Fauser und auch diesem Satz kann ich nur zustimmen. Mich hat „Umweg zur Hölle“ jedenfalls endgültig mit Ross Thomas angefixt, allerdings werde ich weiterhin zwischen seinen Reihen und Einzelromanen springen. Als nächstes auf der Liste: „Fette Ernte“. Ich kann es kaum erwarten.

(c) Alexander Verlag

(c) Alexander Verlag

Ross Thomas: Kälter als der Kalte Krieg. Aus dem Amerikanischen von Wilm W. Elwenspeok, bearbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen. Alexander Verlag 2007.

Ross Thomas: Gelbe Schatten. Aus dem Amerikanischen von Wilm W. Elwenspeok, bearbeitet von Stella Diedrich und Gisbert Haefs. Alexander Verlag 2012.

Ross Thomas: Umweg zur Hölle. Aus dem Amerikanischen von Edith Massmann, bearbeitet von Jochen Stremmel. Alexander Verlag 2011.

Eine Übersicht über alle Romane von Ross Thomas gibt es beim Alexander Verlag.

Nachtrag: Mit „Fette Ernte“ steht der Alexander Verlag auch auf der Hotlist der unabhängigen Verlage.

Diesen Beitrag teilen

KrimiZeit-Bestenliste August 2014

Getreu des Mottos „besser spät als nie“ melde ich mich mit einem kurzen Kommentar zur KrimiZeit-Bestenliste aus dem Urlaub zurück.

(c) Blessing

(c) Blessing

Die Platzierungen sind:
1 (1) Olen Steinhauer: Die Kairo-Affäre
2 (-) Mike Nicol: black heart
3 (4) Adrian McKinty: Die Sirenen von Belfast
4 (-) Nathan Larson: 2/14
5 (2) Tom Hillenbrand: Drohnenland
6 (-) Jim Nisbet: Der Krake auf meinem Kopf
7 (-) Lee Child: Wespennest
8 (6) Leonardo Padura: Ketzer
9 (-) Jörg Juretzka: Taxibar
10 (-) Joseph Kanon: Die Istanbul-Passage

Es hat lange gedauert, aber nun ist „Taxibar“ vertreten. Das freut mich sehr, da ich ja – wie man an der Juretzka-Reihe sieht – diesem Autor mehr Öffentlichkeit wünsche und außerdem „Taxibar“ sehr gerne gelesen habe. Juretzka macht in seiner Kryszinski-Reihe vieles richtig: die Hauptfigur wird konsequent weiter entwickelt, es gibt ausreichend Anspielungen auf Vergangenes und einen stets aktuellen gesellschaftspolitischen Bezug.

Über „Die Sirenen von Belfast“ wird demnächst ein Beitrag erscheinen. Adrian McKinty gehört bekanntermaßen zu meinen Lieblingsautoren und auch dieses Buch hat mir – mit leichten Abstrichen aufgrund des schwachen Krimiplots – gut gefallen.

„Drohnenland“, nun ja, habe ich immer noch nicht fertig gelesen. Das liegt aber nicht an dem Buch, sondern an meiner Schusseligkeit: Ich habe es schlichtweg nicht in den Urlaub mitgenommen.

„black heart“ habe ich hingegen mit Begeisterung fertig gelesen und ich freue mich, dass ich demnächst ein Exemplar dieses tollen Abschlusses der Rache-Trilogie hier verlosen werde.

Bedauerlich ist, dass keine Frau auf der Liste zu finden ist – auch Anne Goldmann an den Einstieg nicht noch einmal geschafft.

Diesen Beitrag teilen

Sommerpause

Sommerpause (1 von 1)

Es ist so weit – ich fahre bald in den Urlaub und das Zeilenkino geht bis zum 11.08. in die Sommerpause! Bei Twitter und Facebook werde ich sporadisch unterwegs sein, außerdem werde ich wieder bei EyeEm (Benutzername: Zeilenkino) einige Fotos posten. Ich wünsche euch viele gute Filme und spannende Lektüren!

Diesen Beitrag teilen

KrimiZeit-Bestenliste Juli 2014

Durch das Filmfest München und andere Aktivitäten ein wenig verspätet, folgt erst heute mein Abgleich mit der KrimiZeit-Bestenliste:

(c) Blessing

(c) Blessing

1 (-) Olen Steinhauer: Die Kairo-Affäre
2 (5) Tom Hillenbrand: Drohnenland
3 (10) André Georgi: Tribunal
4 (-) Adrian McKinty: Die Sirenen von Belfast
5 (-) Anne Goldmann: Lichtschacht
6 (4) Leonardo Padura: Ketzer
7 (6) Benjamin Percy: Roter Mond
8 (8) Daniel Woodrell: In Almas Augen
9 (1) Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht
10 (2) Ross Thomas: Fette Ernte

Sensationelle fünfeinhalb Titel dieser Liste habe ich bereits gelesen, zwei weitere liegen hier bereits. Gefreut habe ich mich, dass vier deutschsprachige AutorInnen auf der Liste vertreten sind und mit McKinty, Woodrell und Thomas auch drei von mir sehr geschätzte Autoren. Dennoch überrascht mich das gute Abschneiden von Georgis „Tribunal“ weiterhin. Adrian McKintys „Die Sirenen von Belfast“ habe ich ebenfalls bereits gelesen (Besprechung folgt), der zweite Teil um Sean Duffy besticht wieder mit der Atmosphäre, allerdings ist der Plot noch schwächer als im ersten Teil. Anne Goldmanns „Lichtschacht“ habe ich für sehr gut befunden, ebenso „In Almas Augen“ und „Ein paar Tage Licht“.

Mit „Drohnenland“ bin ich erst zur Hälfte durch, aber bisher gefällt es mir ganz gut. Ross Thomas’ „Fette Ernte“ und Olen Steinhauers „Die Kairo-Affäre“ befinden sich bereits auf meinem Urlaubsbuchstapel. Und bis dahin ist es ja nicht mehr lang.

Diesen Beitrag teilen

Krimi-Kritik: „Wanted“ von Jörg Juretzka

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Ein Fremder kommt nach sechs Tagen hektischem Ritt in Buttercup, North Carolina an. „Es war Mittagszeit, heiß wie nur je ein Augusttag in dieser dumpf brütenden Ebene, und wer sich leisten konnte, ritt seine Mätresse oder lag sonst wie japsend im Schatten.“ Der Fremde bringt also sein Pferd („Erst das Pferd und dann der Reiter. Eine meiner kleinen Regeln. Man sollte nie vergessen, wer wen auf seinem Rücken trägt und warum eine Umkehrung dieses Arrangements keine gute Idee wäre.“) in einen Mietstall und begibt sich dann in den örtlichen Saloon.

Ja, „Wanted“ ist ein Kryszinski-Roman. Wenngleich der Privatdetektiv aus Mülheim an der Ruhr schwer verletzt im Krankenhaus in der „Perle des Ruhrgebiets“ liegt und sich ein Zimmer ausgerechnet mit Hauptkommissar Menden teilen muss, „mein Schatten an der Wand, mein Schwert des Damokles, mein Antipod, meine Nemensis“, gibt es doch Verbindungen zwischen Buttercup und Mülheim. Zwischen diesen Orten wechseln die Abschnitte des Buchs und so zeigen sich Parallelen und Überschneidungen, die sich allmählich zu einer Interpretation des Geschehens zusammenfügen. Dadurch ist „Wanted“ ein Roman, in den man erst einmal hineinfinden muss – und in dem es nicht immer simpel ist, die einzelnen Figuren und ihre Gegenparts zu identifizieren. Sobald man sich aber auf diese Geschichte und das Vorgehen eingelassen hat, macht es sehr viel Spaß, die Verbindungen aufzudecken. Dabei findet Juretzka für jede Figur ein passendes Wild-West-Gegenstück, was zu allerlei Amüsement führt. Und dass sich Journalisten als Zombies entpuppen, passt dann nicht nur gut ins Bild dieses eigenwilligen Romans. 😉

Dennoch ist „Wanted“ mehr als eine Genrespielerei des Autores: Die jeweiligen Plots um Grundstücksspekulationen, Bestechung, Korruption sowie Bedrohungen zeigen, dass es einige Vorgänge und Typen bereits seit über 100 Jahren gibt – und manchmal eine Stadt im Heute genauso vorgeht wie ein skrupelloser Großgrundbesitzer im Wilden Westen. In diesem Sinn: Reite weiter, einsamer Fremder!

Jörg Juretzka: Wanted. Ullstein 2004.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Platinblondes Dynamit“

Diesen Beitrag teilen

Krimi-Kritik: „Ein dunkler Sommer“ von Thomas Nommensen

(c) Rowohlt

(c) Rowohlt

Für Entführung mit Todesfolge wurde Frank Brückner vor zehn Jahren zu einer Haftstrafe verurteilt. Damals soll er ein zehnjähriges Mädchen gekidnappt haben, das an dem Ort, an dem es gefangen gehalten wurde, gestorben ist. Nun hat er seine Haftstrafe abgesessen und wird frei gelassen. An die damaligen Ereignisse hat er nur eine bruchstückhafte Erinnerung, traut sich selbst daher nicht vollends über den Weg und will auf Anregung seines Psychiaters herausfinden, was damals passiert ist. Deshalb nimmt er Kontakt zu ehemaligen Zeugen auf, außerdem besucht er Orte, die eine Rolle gespielt haben. In der Gegenwart ermitteln Hauptkommissar Arne Larsen und sein Kollege Frank Kuhlmann an dem Mord an einem Werkstattbesitzer, der allerhand Dreck am Stecken hat und – wenig überraschend – an dem Prozess gegen Frank Brückner beteiligt war: Er änderte seine Aussage, so dass Brückner für die fragliche Zeit kein Alibi mehr hatte.

Mit kapitelweise wechselnden Perspektiven erzählt Thomas Nommensen in „Ein dunkler Sommer“ nun von Frank Brückner, einem dicken Jungen, der den Mord an dem Werkstattbesitzer beobachtet hat, dem pensionierten Kommissar Gregor Harms, der trinkt und unter Aussetzern leidet, der Familie des damals gestorbene Mädchens und anderen Personen. Dadurch dauert es einige Kapitel, bis der eigentliche Fall in den Mittelpunkt rückt, außerdem bekommt man schon sehr früh viele, vielleicht sogar zu viele Informationen. Von vorneherein steht fest, dass die Fälle zusammenhängen, auch scheinen fast alle Figuren, denen ein Kapitel gewidmet ist, involviert zu sein. Nimmt anfangs Gregor Harms viel Raum ein, der damals die Ermittlungen leitete, aber immer noch unter den Folgen leidet. Mit zunehmendem Verlauf rückt er indes an den Rand – fast glaubt man ihn vergessen –, um dann am Ende wieder aufzutauchen. Dadurch gehen Stringenz und Tempo verloren. Auch zieht sich der finale Showdown ungemein lange hin. Durch die Eliminierung jeglicher Verdächtiger im Vorfeld bleibt aber zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Täter übrig (den ich natürlich nicht verrate). Nachdem die erste Gefahr gebannt ist, wird zudem jede Kleinigkeit nochmals sorgsam erwähnt, weitere Hintergründe werden im Gespräch von Larsen und Kuhlmann geklärt, so dass jede Einzelheit gedeutet wird. Das nimmt dem gesamten Kriminalroman Spannung, vor allem aber dem Leser Raum für eigene Gedanken.

Schließlich folgt noch ein Epilog, der den Eindruck verstärkt, dass in diesem Buch die Ideen für zwei Geschichten zusammengefasst worden sind – oder nachträglich zu viel eingefügt wurde. Das ist schade, da zum einen die eine Grundidee auf den ersten hundert Seiten bereits gut eingeführt wird – die Sprache Brückners deutet schon daraufhin –, sie jedoch dann keine Rolle mehr spielt, sondern erst am Schluss durch eine unglaubwürdige Volte wieder aufgegriffen wird. Und zum anderen sorgt die Fülle an Ideen dafür, dass trotz über 400 Seiten über Arne Larsen, der ja die Hauptfigur dieser neuen Reihe werden soll, nicht viel zu erfahren ist – außer dass er gerne an Tatorten und Aufenthaltsorten von Verdächtigen ist, um ihnen näher zu kommen, aber kein Profiler sein will, und eine unsichere Beziehung mit einer Journalistin führt. Insgesamt gibt es daher viele vielversprechende Ansätze in diesem Krimi-Debüt, aber mit einer stärkeren Konzentration auf eine Geschichte und einen Hintergrund sowie rund 100 Seiten weniger wäre „Ein dunkler Sommer“ ein besserer Kriminalroman geworden.

Thomas Nommensen: Ein dunkler Sommer. Rowohlt 2014.

Diesen Beitrag teilen