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Cherchez la femme – Über Ross Thomas’ „Dann sei wenigstens vorsichtig“

Derzeit lese ich mich chronologisch durch das Werk von Ross Thomas – vieles lese ich zum zweiten, manches sogar zum dritten Mal, aber einige Romane habe ich vorher auch noch nicht gelesen. Dazu gehört „Dann sei wenigstens vorsichtig“ (OT: If you can’t be good, 1973), von dem ich bisher nur den nahezu legendären ersten Satz kannte: „Es begann so, wie das Ende der Welt beginnen wird: mit einem Telefonanruf um drei Uhr früh“.

Durch diesen Telefonanruf bekommt der Historiker Decatur „Deke“ Lucas einen neuen Job: Er soll für den „meistgefürchteten Mann Washingtons“ – den Klatsch-Kolumnisten Frank Size – herausfinden, warum sich der Senator Robert F. Ames bestechen ließ und nun mit der 27-jährigen Blondine Connie Mizelle im Watergate-Building lebt, statt mit seiner steinreichen Ehefrau seine politische Karriere voranzutreiben. Denn eigentlich hatten die Ames’ alles, was man braucht, um Präsident der USA zu werden: Sie hat das Geld, er das Aussehen – und noch dazu kommen sie aus dem Mittleren Westen. Aber dann hat Robert Ames alles an die Wand gefahren.

Im Folgenden entspinnt sich nun eine typische Ross-Thomas-Geschichte voller Wendungen, Drehungen und Seitenhieben – alleine seine Beschreibungen von Washington D.C. sind wahnsinnig komisch! Wäre die Weltlage nicht, was sie ist, hätte ich größte Lust, eine Art Washingtoner Stadtbiographie im Sinne Ross Thomas’ zu schreiben und dann mit der Wirklichkeit abzugleichen.

Auffällig an diesem Buch ist die Erzählperspektive: Nachdem Ross Thomas in „Porkchoppers“ erstmals nicht aus der Ich-Perspektive erzählt hat, kehrt er hier zu ihr zurück. Ohnehin liest sich dieser Roman aufgrund der gesamten Anlage der Geschichte – der Auftrag, die geheimnisvolle Femme fatale im Mittelpunkt, die zahlreichen Bezüge zu Los Angeles – viel stärker wie ein Detektivroman als seine vorherigen Bücher. Aber natürlich immer garniert mit zahlreichen politischen Seitenhieben: auf Watergate, auf die Nutzlosigkeit des Präsidenten, die generelle Korruptheit der politischen Akteure. Aber gerade im Vergleich mit „Porkchoppers“ wird deutlich, wie viel mehr Freiheit die auktoriale Perspektive Ross Thomas gibt – und wie gut er sie nutzen weiß. Dagegen ist „Dann sei wenigstens vorsichtig“ viel straffer im Plot und natürlich viel stärker bei der Hauptfigur. Bei der ich manchmal an Ross Thomas denken musste. Denn Deke ist sehr darauf bedacht, sich selbst als jemand darzustellen, der lediglich recherchiert – eigentlich arbeitet er an einer historischen Biographie –, aber er ist auch jemand, der politisch engagiert war, mittlerweile aber sämtliche Illusionen verloren hat.

Doch trotz aller Verbindungen zum Detektivroman ist hier alles eine Spur wahnwitziger. Allein Connie Mizelle ist eine Femme fatale hoch zwei: Sie ist unfassbar schön, verführerisch und dazu noch klug. „Für mich war Connie Mizelle ein Sexualobjekt – das vollkommene, perfekte Sexualobjekt. Ich mochte sie nicht, und ihr Verstand machte mir Kummer, weil er klüger war als meiner, aber ich konnte verstehen, was Sinkfield für sie empfand. Ich konnte es verstehen, und ich war eifersüchtig.“ Allerdings bleibt sie – wie viele Femme fatales – auch auf diese Rolle begrenzt, weil die Männer in diesem Roman sie darauf begrenzen. Immerhin klingt an, wie übel ihr mitgespielt wurde. Moralisch bewertet wird das aber – wie immer bei Ross Thomas – nicht.

Ross Thomas: Dann sei wenigstens vorsichtig. Aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel, durchgesehen von Gisbert Haefs. Alexander Verlag 2018. 288 Seiten. 18 Euro.

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Ross Thomas – Abschluss der Werkausgabe

25 Bände in 20 Jahren! In diesem Jahr wurde die 25-bändige Werkausgabe des Amerikaners Ross Thomas (1926-1995) im Alexander Verlag mit dem Roman “Stimmenfang” abgeschlossen. Ross Thomas ist einer der wichtigsten Politthriller-Autoren des 20. Jahrhunderts – und einer meiner Favorites. Für SWR Kultur habe ich mit Verleger Alexander Wewerka gesprochen – und erzählt, warum man gerade jetzt Ross Thomas lesen sollte. Nachhören und -lesen lässt sich der Beitrag unter diesem Link.

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Erste Begegnungen mit Ross Thomas

(c) Alexander Verlag

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„Kälter als der Kalte Krieg“ war mein erster Ross Thomas – aus zwei Gründen: Zum einen ist es chronologisch sein erstes Buch. Zum anderen nimmt die Handlung ihren Ausgangspunkt in Bonn, jenem Bonn, das auch im Jahr 2014 noch nicht viel von seiner bundesrepublikanischen Behaglichkeit verloren hat (mit Ausnahme von Bad Godesberg, in dem die berühmte Bar Mac’s Palace liegt. Aber als ‚imitierte Beuelerin’ sehe ich von der anderen Rheinseite darüber hinweg.) Im Regierungsviertel lassen sich indes noch kleine Restspuren der Macht erahnen, findet sich noch ein Abglanz der Größe und Internationalität. Also las ich mit Begeisterung von den Abenteuern, die McCorkle und Padillo in Bonn und im geteilten Berlin erlebten. Nach „Kälter als der Kalte Krieg“ folgte daher gleich der zweite Teil mit McCorkle und Padillo, in dem diese ihre Tätigkeiten nach Washington verlagerten.

(c) Alexander Verlag

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Danach beschloss ich, eine kurze Pause mit Ross Thomas einzulegen. McCorkle und Padillo sollte ich in Maßen genießen, dem ersten allzu ähnlich erschien mir ihr zweiter Fall. Vor allem aber erscheint mir Ross Thomas fast wie eine Sucht, die mich auch nicht nur einmal in die Chipstüte hineingreifen, sondern sie leer essen lässt. Außerdem könnte es allen positiven Stimmen zum Trotz sein, dass mich lediglich die Figuren McCorkle und Padillo in meiner hardboiled-Romantik so ansprechen, die anderen Bücher von Ross Thomas aber weniger. Deshalb wählte ich als drittes Buch „Umweg zur Hölle“, dem Auftakt der Reihe um Artie Wu und Quincy Durant, in die ich mich – um es vorweg zu nehmen – gleich auf den ersten Seiten verliebte. Sie sind schlau, witzig und schlagkräftig, in unverbrüchlicher Freundschaft miteinander verbunden und allen anderen meist einen Schritt voraus. Dass Artie Wu illegitimer Anwärter auf den Thron des chinesischen Kaisers sein könnte, ziehe ich daher gerne in Betracht – und auch dass ein toter Pelikan eine abenteuerliche, raffinierte und ausgefuchste Handlung in Gang bringen kann. Von Seite zu Seite zeigen sich in „Umweg zur Hölle“ immer mehr Fäden und Verbindungen, enthüllt sich eine ausgefeilte und ausgetüfelte Verbindung aus Politik und Verbrechen – einzig die Vater-Bruder-Geschichte am Ende wäre nicht nötig gewesen. Es ist Jörg Fauser, der in seinem Essay am Ende des Buches treffend formuliert: „Er (Ross Thomas) hat dem Kriminalroman der Gegenwart eine Qualität erschrieben, die ich demokratischen Realismus nennen möchte“. Nun lese ich „Umweg zur Hölle“, erschienen im Jahr 1984, dreißig Jahre später nicht mehr als Gegenwartsroman – zu viel ist geschehen. Dennoch wirkt dieser Roman im Gegensatz zu bspw. „Kälter als der Kalte Krieg“ in keiner Weise ‚historisch’, obwohl in beiden die Mauer in Berlin und die Sowjetunion noch existieren. Aber die Handlung von „Umweg zur Hölle“ könnte ebenso im Hier und Jetzt stattfinden, vielleicht wären allenfalls die mitmischenden Personen nicht mehr nur Amerikaner, Briten und italienische Mafia-Gangster.

„Ein Roman von Ross Thomas ist nicht einfach ein Krimi oder ein Polit-Thriller, sondern – wenn wir davon ausgehen, daß der Teufel damals auf den Hügeln des Galiläerlands dem Herrn Jesus die Welt so gezeigt hat, wie sie wirklich ist, und nicht, wie Idealisten sie gerne hätten – eine diabolische Analyse unserer politischen Verhältnisse“, schreibt Jörg Fauser und auch diesem Satz kann ich nur zustimmen. Mich hat „Umweg zur Hölle“ jedenfalls endgültig mit Ross Thomas angefixt, allerdings werde ich weiterhin zwischen seinen Reihen und Einzelromanen springen. Als nächstes auf der Liste: „Fette Ernte“. Ich kann es kaum erwarten.

(c) Alexander Verlag

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Ross Thomas: Kälter als der Kalte Krieg. Aus dem Amerikanischen von Wilm W. Elwenspeok, bearbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen. Alexander Verlag 2007.

Ross Thomas: Gelbe Schatten. Aus dem Amerikanischen von Wilm W. Elwenspeok, bearbeitet von Stella Diedrich und Gisbert Haefs. Alexander Verlag 2012.

Ross Thomas: Umweg zur Hölle. Aus dem Amerikanischen von Edith Massmann, bearbeitet von Jochen Stremmel. Alexander Verlag 2011.

Eine Übersicht über alle Romane von Ross Thomas gibt es beim Alexander Verlag.

Nachtrag: Mit „Fette Ernte“ steht der Alexander Verlag auch auf der Hotlist der unabhängigen Verlage.

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