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Ross Thomas verfilmen – Über die Serie „Briarpatch“

Hätte man mich gefragt, welcher Roman von Ross Thomas am besten für eine Serien-Adaption geeignet wäre, hätte ich „Dornbusch“ gesagt: Es ist einer seiner wenigen Romane, die mit einem Mord anfangen und in denen die Nachforschungen zu diesem Todesfall als roter Faden fungieren könnten. Deshalb war ich sehr gespannt, als ich entdeckte, dass es eine Serienadaption gibt. „Briarpatch“ ist von Andy Greenwald – und das Ergebnis guckt sich wie eine Guy-Ritchie-Version von „Twin Peaks“ mit einem Hauch Coens. Kurzum: Sie ist grandios gescheitert – aber auf unterhaltsame und interessante Weise. (Im Folgenden gibt es jede Menge Spoiler!)

Starker Anfang

Kurz zum Roman: Benjamin „Pickle“ Dill, Ermittler für einen Senats-Unterausschuss, erfährt, dass seine Schwester Felicity ermordet wurde und reist in seine Heimatstadt zurück. Er will herausfinden, was passiert ist. Außerdem soll er vor Ort noch die Aussage seines Kindheitsfreundes Jake Spivey aufnehmen, der möglicherweise belastbares Material gegen seinen Ex-Komplizen Clyde Brattle hat, durch den er mit Waffengeschäften reich geworden ist. Und natürlich mündet alles in eine aberwitzige Geschichte voller Korruption auf allen Ebenen.

Der Anfang des Romans ist großartig – und die Serie steigt mit demselben Knall (pardon!) ein: Felicity Dill (Michele Weaver) klopft morgens bei ihren Untermietern an der Tür, um sie daran zu erinnern, dass sie noch Miete bekommt. Sie steigt in ihr Auto – und es fliegt in die Luft. Auftritt: Allegra „Pickle“ Dill (Rosaria Dawson). Sie ist wie Buch-Dill Ermittlerin in einem Senatsausschuss, hasst ihre Heimatstadt, fühlt sich schuldig am Tod ihrer Schwester, will herausfinden, was passiert ist und bekommt später den Auftrag, eine Aussage ihres Kindheitsfreundes Jake Spivey aufzunehmen.

Aus Benjamin wird Allegra
Die erste große Veränderung gegenüber dem Buch ist, dass aus dem weißen Benjamin die Latina Allegra geworden ist. Das ist angesichts des Handlungsortes vielversprechend: Bei Ross Thomas wird die Heimatstadt Dills nicht benannt, vermutlich ist es Oklahoma, Ross Thomas‘ eigene Heimatstadt. Andy Greenwald verlagert den Handlungsort der Serie in die fiktive Stadt San Bonifacio, die klar im Westen Texas an der Grenze zu Mexiko liegt. Erstaunlicherweise gibt es in San Bonifacio – abgesehen von einem sehr alten, sehr mächtigen weißen Mann – kaum jemand mit rassistischen Vorurteilen, auch nicht gegenüber dem Schwarzen Rechtsanwalt A.D. Singe (Edi Gathegi), Dills späterer love interest, der im Roman eine weiße Rechtsanwältin ist. Natürlich muss man Rassismus nicht zum Thema machen, nur weil die Serie in Texas spielt und die Hauptfigur Latina ist – aber beispielsweise Attica Locke zeigt ja, wie viel Potential darin stecken, eine nicht-weiße Hauptfigur in diesem Umfeld zu haben.

In „Briarpatch“ nun hat mehr Folgen, dass Dill eine Frau ist: Offenbar ist es im US-amerikanischen Serienkosmos kaum vorstellbar, dass eine Frau für einen Mann arbeitet, ohne Sex mit ihm zu haben, also hat sie eine Affäre mit dem Senator. Und auch in ihr Verhältnis zu ihrem Kindheitsfreund Jake Spivey (Jay R. Ferguson) schleicht sich eine amouröse Note ein. Dazu bekommt Allegra Dill noch ein Kindheitstrauma zugeschrieben – auch das ein ermüdend häufig wiederkehrender Serien-Plot-„Einfall“. Aber offenbar ist es unverständlich, dass eine Frau ihre Heimatstadt verlässt, weil sie dort nicht atmen kann und einen Job annimmt, in dem sie austeilen muss, ohne dass sie traumatisiert ist. Komischerweise konnte Benjamin Dill das in dem Roman.
Aber ich vermute, das hat nicht nur etwas mit der Umbesetzung zu tun: Rezipient*innen sind oft bereit, Figuren in Büchern mehr zu „verzeihen“ als in Serien oder Filmen. Das ist auch ein erster Hinweis darauf, warum Ross Thomas‘ Romane schwierig zu verfilmen sind: Seine Figuren sind oftmals ambivalent. Wir mögen bspw. Artie Wu und Quincy Durant, obwohl und weil sie Betrüger sind. Für eine Serie oder einen Film braucht man dafür sehr gute Schauspieler*innen. Rosaria Dawson ist eine sehr gute Schauspielerin, sie spielt hier auch sehr gut. Dennoch erklärt das Drehbuch zu viel – und mehr noch: Das Kindheitstrauma könnte erklären, warum die clevere, erfahrene und raffinierte Allegra zu viele Anfängerfehler macht und zu schnelle Entscheidungen trifft. Dann wäre das Trauma aber allenfalls ein zu schlichter Versuch, Plotschwächen und Unplausibilitäten ausgleichen.

Überzeichnete Figuren
Immerhin werden Allegra wenige Ambivalenzen zugestanden, die anderen Figuren bleiben überwiegend überzeichnet – ich neige zu: gewollt überzeichnet. Dennoch funktioniert es nicht. Ein Beispiel: Eine zentrale Figur ist der Liebhaber der Toten, Captain Gene Colder (Brian Geraghty), der in dieser Serie überwiegend ein eindimensional-läppischer Schemen bleibt. Zu keinem Zeitpunkt ist auch nur ansatzweise nachvollziehbar, warum Felicity eine Affäre mit ihm haben sollte. Anders als im Roman wurde sie nicht auf ihn angesetzt: Erst gab es den One-Night-Stand und das schlechte Gewissen, mit einem verheirateten Mann geschlafen zu haben, dann den Auftrag, ihn auszuspionieren. Dahinter mag eine verdrehte Moral stecken, aber fraglich bleibt, warum es überhaupt zu diesem One-Night-Stand kam – und warum irgendjemand glauben sollte, Colder sei zu irgendetwas fähig.

Ein zweites Beispiel: der Oberschurke Clyde Brattle (Alan Cummings). Gegen ihn soll Jake Spivey aussagen, hinter ihm sind sämtliche Geheim- und Polizeidienste der USA, wenn nicht sogar der ganzen Welt her. Angeblich ist er extrem gefährlich und durchtrieben. In der Serie wird er nun von Alan Cummings in vorhersehbarer Weise als sadistischer Verrückter gespielt und ist grotesk-lachhaft. Um seinen Wahnsinn zu unterstreichen, reichen die wörtlichen Berichte von Kriegsschweinereien und brutalen Morden in Syrien und Mexiko nicht aus, sondern Brattle muss auch noch eine Fabrik anzünden, in der illegale Migranten untergekommen sind. Damit nun auch jeder mitbekommt, wie böse er ist. Das ist zu plump

Diese Figurenüberzeichnung ist Teil der comichaften Inszenierung, bei der aber nur selten Originalität durchschimmert. Diese Momente sind rar: Als Allegra in ihrer Heimatstadt ankommt, sind gerade die Tiere des örtlichen Zoos entlaufen. Das sorgt anfangs für allerhand absurde Bilder und Dialoge, am Ende aber schafft es zwei tolle Momente. Doch insgesamt findet die Serie niemals ihren Tonfall. Offensichtlich ist „Twin Peaks“ eine Inspirationsquelle. Doch zum Beispiel die gesteigerte Soap-Opera-Nostalgie funktioniert in „Twin Peaks“ nur im Zusammenspiel mit dem Wahnsinn und den Abgründen. Man braucht eine surreale Grundierung, eine groteske Überzeichnung, nicht bloß Überzeichnung.

Mehr! Mehr! Mehr!
Doch „Briarpatch“ setzt vor allem auf Mehr: Mit einem Mordfall, Korruption und Ermittlungen gegen Kriegsverbrecher gibt es eigentlich schon genug Plot, aber es kommt noch etwas hinzu: Plötzlich geht es um illegale Migration, Drogenhandel, Drohnenangriffe sowie – Ross-Thomas-Fans aufgepasst! – den Versuch, eine Stadt zu übernehmen. Letzteres nur ein weiterer Hinweis darauf, dass Greenwald Ross Thomas kennt. Es gibt so einige Anspielungen auf andere Romane, Durango wird genannt, eine Produktionsfirma heißt Voodoo Ltd. Tatsächlich könnte der Serienplot durch die Änderungen auch als Art Vorgeschichte zu „The Fourth Durango“ funktionieren – und weil ich gelesen hatte, dass die Serie als Anthologie geplant war, hatte ich ein bisschen darauf gehofft. Denn auch aus „The Fourth Durango“ ließe sich eine gute Serie machen. Stattdessen: Guter Ansatz, plump umgesetzt. Zwar ist Sheriff Eve Raytek (Kim Dickens) lange vielversprechend als kontrollierte Drahtzieherin im Hintergrund. Aber auch ihr widerfährt das „Serien-Treatment“: Eine knallharte Frau, die Männern widersteht und sich mit Waffen auskennt, „muss“ natürlich eine lesbische Affäre haben. Und ihre anfangs durchaus hehren Ansichten kippen grundlos bedenklich schnell und konsequent .In „Briarpatch“ gibt es wirklich so einige Beispiele dafür, dass allein das Bewusstsein, dass man mehr Frauenfiguren braucht, nicht ausreicht.

Ross Thomas verfilmen
Vermutlich hätte ich die Serie nach der ersten Folge nicht weitergeguckt, wenn sie keine Ross-Thomas-Adaption gewesen ist. Aber nach der dritten Folge hatte ich mich an den Stil gewöhnt – und zwischendurch auch einigen Spaß. Denn es gibt auch gelungene Ideen: Beispielsweise berichtet Dill im Roman ständig, wie heiß es ist. Im Film ist nun eine riesige Reklame-Tafel zu sehen, auf der die Temperatur angezeigt wird. Auch ist die verzweifelte Noch-Ehefrau von Colder (gespielt von Christine Woods) ist hinreißend betrunken-tragisch.

Doch insgesamt merkt man, dass es nicht zwangsläufig gut ist, wenn man ein „Fan“ des Autors ist: So manches Mal dachte ich, dass es diese Szene nur gibt, weil es im Roman ein großartiger Moment ist. Offensichtlich ist es am Schluss: Im Roman entscheidet sich Jake Spivey inmitten eines aberwitzigen Showdowns aus einem kurzen Moment der Größe heraus für die Freundschaft mit Dill. In der Serie ist dieser Moment aus dem Showdown herausgelöst, Spivey ist mittlerweile ein armseliger Typ, der sein Herz für Allegra entdeckt hat. Dennoch soll es dieses Zusammentreffen geben, diesen Moment – und es ist eine herbeigeschriebene sentimentale, keine entwickelte Situation (Kindheitstrauma!). Das ist schade, denn eigentlich hatte die Serie schon ein gutes Ende: Allegera hat erkannt, dass es für sie nur einen Weg gibt, sie will sich aus dem System zurückziehen.

Ross Thomas ist einer jener Autoren, bei dem man allzu leicht glauben könnte, er wäre einfach zu verfilmen. Aber nicht nur seine Figuren sind herausfordern, auch Dialoge, die beim Lesen witzig sind, hören sich in einem Film oder einer Serie oftmals an als seien sie geschrieben. Vor allem verlangen seine Bücher, dass man sich auf den Trip einlässt. Dafür gibt es im visuellen Erzählen größere Hürden. „Twin Peaks“ ist dafür per se keine schlechte Inspirationsquelle, auch auf David Lynch muss man sich einlassen. Aber weder Thomas noch Lynch (oder die Coens) können kopiert werden. Diese Serienadaption will zu viel: Zu viele Handlungsstränge, so dass letztlich keiner überzeugt; zu viele visuelle Ideen, so dass es aus dem Stil-Mix niemals ein eigener Stil wird. Mit mehr Konzentration, Mut, Selbständigkeit, Originalität und weniger Folgen hätte „Briarpatch“ aber etwas werden können.

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Mit Ross Thomas auf die Gegenwart schauen

Lese oder höre ich in den vergangenen Wochen Nachrichten, denke ich oft: Ich lebe nun in einem Roman von Ross Thomas. Und zwar nicht, weil seine Romane prophetisch sind. Sondern weil die Realität so absurd und zugleich real ist wie die Plots seiner Romane.

Ein Beispiel: Im „Yellow-Dog-Kontrakt“ will eine Gruppe reicher Geschäftsleute den Ausgang der kommenden Präsidentschaftswahlen zu ihren Gunsten manipulieren. Sie versprechen sich von dem konservativen Kandidaten bessere Bedingungen für ihre Geschäfte. Es geht ihnen nicht um ein konkretes Vorhaben, vielmehr glauben sie, dass er ein besseres Umfeld schaffen würde. Also beteiligen sie sich finanziell an einem Manipulationsvorhaben, bei dem Gewerkschaften unterwandert werden, so dass Tarifverhandlungen scheitern müssen. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass in den für die Demokraten wichtigsten Großstädten kurz vor der Wahl gestreikt wird. Die öffentliche Meinung würde sich gegen die Demokraten wenden, der konservative Kandidat wird gestärkt. Eine raffinierte Manipulation, von außen nur schwer zu durchschauen.
„Der Yellow-Dog-Kontrakt“ ist 1976 erschienen, damals waren Gewerkschaften sehr relevant. Sie waren Machtfaktoren. Ersetzt man nun Gewerkschaften und Streik mit sozialen Netzwerken und Algorithmen, muss man nicht lange suchen, um Parallelen in die Gegenwart zu finden. Mitsamt einer Gruppe sehr reicher Geschäftsleute, die ein Interesse daran haben, dass das politische Klima so ist wie es ist.

Ein zweites Beispiel: In „Die Narren sind auf unserer Seite“ erfahren Geschäftsleute, dass in einer Stadt im Süden der USA bald sehr viel Geld zu verdienen ist. Also wollen sie die Stadt unter sich aufteilen. Mit anderen Worten: Sie wollen die Stadt in ihren Besitz bringen, um Geld zu verdienen. Das geschieht auf verschiedenen Wegen: Sie setzen Menschen unter Druck und bedrohen sie, damit sie die Stadt verlassen. Sie kaufen Stimmen in Gremien und wichtige Unterstützer – entweder direkt mit Geld oder über Versprechungen, bestimmte Vorhaben zu finanzieren. Vor allem manipulieren sie die öffentliche Meinung, indem sie Gruppierungen aufeinanderhetzen, Halbwahrheiten oder einfach Lügen verbreiten. Ersetzt man nun „Stadt im Süden“ mit Venezuela oder Grönland, ist man mitten in der Realität.

Das sind nur zwei Beispiele, in jedem Ross-Thomas-Roman steht etwas, das mir etwas über die Gegenwart erzählt. Das Politik nur die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist, beispielsweise. Trumps Mittel sind Zölle. Oder dass jede Regierung spätestens ein Jahr nach der Wahl in der Scheiße steckt und verzweifelt einen Skandal sucht, den sie auf die Vorgängerregierung schieben kann, um von ihrem Versagen abzulenken.

Seine Romane haben meinen Blick auf die Realität geändert, ihn geschärft. Sie sind Lehrstücke – schwer unterhaltsame, sehr komische Lehrstücke – darüber, wie Sprache eingesetzt wird, um Wahrheiten zu verschleiern oder falsche Informationen in die Welt zu setzen. In Romanen wie „Stimmenfang“ oder „Der Mordida-Man“ lernt man so einfache Grundsätze wie: Ein Gerücht kann man nicht bestreiten, ohne ihm Glaubwürdigkeit zu verleihen. Es setzt sich dann fest in den Köpfen. Und daran sollten wir heutzutage jeden Tag denken. Gerüchte sind Machtfaktoren.

Es geht immer ums Geld
Ross Thomas bricht komplexe Sachverhalte auf einfache Handlungsmotive herunter. Er geht davon aus, dass Menschen immer einen Grund haben zu handeln wie sie es tun – und dieser Grund ist in der Regel Geld. Manchmal gepaart mit Macht. Aber auch die ist oft nur interessant, um mehr Geld zu verdienen. Und dazu reicht meistens eine gewisse Nähe zur Macht. Machen Politiker etwas, was viele als moralisch gut bezeichnen würden, macht sie das, weil sie davon profitieren. Das macht sie nicht zu schlechten Menschen. Das macht sie berechenbar. In dem Nachwort zu „Die im Dunkeln“ schreibt der Übersetzer Gisbert Haefs so schön, dass die Annahme, irgend jemand auf verantwortlichem Posten sei möglicherweise nicht korrupt, bei Ross Thomas allenfalls ein schlechter Witz ist. Denn Ross Thomas weiß, dass die meisten Menschen am empfindlichsten sind, wenn es um Geld geht – und das macht sie beeinflussbar.

Den alten Leitsatz „Follow the money“ kennt man aus zahlreichen Kriminalromanen und -serien. Aber er geht davon aus, dass es schon Geld gibt, dem man folgen kann. Bei Ross Thomas geschieht hingegen manchmal auch etwas, damit man zukünftig mehr Geld verdienen kann. Deshalb sind Wahlkämpfe so wichtig. In ihnen wird entschieden, wer künftig über Geld entscheiden kann. Sie werden aber wiederum selbst mit Geld. In „Die im Dunkeln“ lernt man fast alles, was man über Wahlkampffinanzierung jemals wissen wollte. Mit Geld kauft man Werbung. Man kauft Unterstützer. Man kauft im Zweifelsfall Stimmen.
Das steckt hinter Donald Trumps Drohung an beispielsweise abtrünnige Republikaner: Wenn er sagt, er unterstützt sie nicht mehr, heißt das, er sorgt dafür, dass sie kein Geld von der Partei mehr bekommen. Und ohne Geld lässt sich kein Wahlkampf in den USA gewinnen.

Davon hat schon die liberale Serie „The West Wing“ erzählt – auch der gute, demokratische Präsident Bartlett hat Kandidaten Geld entzogen. Ohnehin ist nichts davon, was gerade passiert, im Kern der Sache neu. Aber nur wenige schauen genau hin. Die meisten sind unglaublich geschichtsvergessen. Ich bin immer wieder erstaunt: Wie kann man nach der Iran-Contra-Affäre noch von irgendetwas überrascht sein? Wie schnell kann so ein Skandal in Vergessenheit geraten?

Ausgestellte Schamlosigkeit

Neu ist etwas anderes: Bei Ross Thomas geschehen die Schmierereien, die Schurkenstücke noch im Verborgenen. Die Öffentlichkeit ist empört, wenn herauskommt, was die CIA in Lateinamerika macht. Menschen in verantwortlichen Positionen wollen Dinge vertuschen, sie wollen zumindest den Schein aufrechterhalten. Donald Trump macht öffentlich keinen Hehl aus seiner Schamlosigkeit, seine Gier. Und offenbar ist sein Verhalten für viele Menschen in Ordnung. Aber dennoch schiebt er Gründe für sein Interesse an Grönland und Venezuela vor.

Bei Ross Thomas kennen Politiker zumindest öffentlich noch etwas Scham. Sie gaukeln Moral vor. Es sind nicht die Menschen in der ersten Reihe, die sich die Hände schmutzig machen. Die Fäden ziehen Hintermänner. Die in den „Schattenzonen“ (Kälter als der Kalte Krieg), diejenigen in der zweiten Reihe, bei denen vieles zusammenläuft. Politiker sind bei Ross Thomas nicht die cleversten Menschen. Im Gegenteil, überdurchschnittliche Intelligenz wird mehrfach als hinderlich für eine politische Karriere beschrieben. Sie sind deshalb aber auch keine Marionetten, sondern: arrogante, oft privilegiert aufgewachsenen Männer, die entweder durch ihre eigene Familie oder eine Ehe an Geld gekommen sind, dann einen Posten bekommen haben – und nun glauben, sie kommen mit allem durch. Weil es ihnen zusteht. Diese Haltung findet man gerade überall.

Und sogar diese Veränderung kann ich mir mit Ross Thomas erklären: Demokratie ist bei ihm nie eine überlegene Ideologie. Sie ist die Regierungsform, in der der Kapitalismus am besten gedeihen kann. Seit Ross Thomas‘ Tod 1995 hat der Kapitalismus noch zugelegt – und damit auch die Gier, die Überzeugung, alles und jeder ist käuflich. Dass Geld das Einzige ist, was zählt, hat sich offenbar als Überzeugung bei vielen durchgesetzt. Reiche Menschen sind bei Ross Thomas immer suspekt. Heutzutage stellen viele sehr reiche Menschen ihren Reichtum schamlos aus und werden dafür bewundert. Warum also sollten sie noch glauben, dass sie sich an Regeln halten müssen?

Das alles mag unglaublich ernüchternd klingen, aber bei mir wirken die Romane anders: Ross Thomas blickt völlig illusionslos auf Politik. Nicht desillusioniert oder zynisch – diese Unterscheidung ist wichtig. Denn in der Gegenwart ist Zynismus der einfache Weg. Wir brauchen mehr Durchblick. Und den findet man mithilfe von Ross Thomas‘ Romanen. Außerdem gibt es bei Ross Thomas immer auch die Figuren, die den Schlamassel entwirren, die größte Unbill verhindern. Am Ende ist nicht alles gut, das wäre naiv. Aber es gibt Hoffnung, dass sich manches ändern kann.

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Ross Thomas lesen – Ein Zwischenfazit

Voriges Jahr habe ich zum Abschluss der Ross-Thomas-Werkausgabe im Alexander Verlag einen längeren Beitrag für das SWR-Lesenswert-Magazin gemacht. Damals fragte mich die Moderatorin Katharina Borchardt, ob ich eigentlich alle Romane gelesen hätte. Und ich musste sagen: nein. Fast alle. Aber nicht alle. Das sollte mir nicht noch einmal passieren! Ich beschloss: Ich lese mich (größtenteils nochmals) vollständig durch das Werk von Ross Thomas. Eigentlich wollte ich zu seinem 100. Geburtstag am 19. Februar nicht nur mit dem Werk durch sein, sondern auch sortierter in meinen Gedanken. Ich habe unzählige Ideen, was ich alles schreiben, machen, tun könnte. Aber das Leben, ein Serienkiller-Feature und sonstige Arbeit kamen dazwischen – und daher habe ich für die Februar-Ausgabe des CrimeMag ein Zwischenfazit gezogen.

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Biographie
In vielen Ross-Thomas-Figuren steckt etwas aus seiner Biographie, seinen Erfahrungen in Deutschland, auf den Philippinen oder in Nigeria. Das merkt man an Kleinigkeiten – so hat der Erzähler aus dem „Yellow-Dog-Contract“ beim Radio in Westdeutschland gearbeitet hat –, vor allem aber den Beschreibungen der Orte und natürlich der Plots. Ross Thomas weiß, wovon er erzählt – aber er hat keine „Insider-Pose“ oder will damit angeben.

Durch seine Erfahrungen hat er – und haben viele seiner Figuren – keine Illusionen über den Zustand der Welt. Er ist – wie der Historiker Deke Lucas aus „Dann sei wenigstens vorsichtig“ jemand, der die Ereignisse beobachte. Ein „politische Agnostiker“ wie Ben Dill , der „schon vor langer Zeit die Hoffnung aufgegeben (hatte), daß es irgendetwas gab, gegen das irgend jemand irgendwas unternehmen könnte, doch diejenigen, die noch immer daran glaubten, interessierten ihn, und er fand, daß die meisten von ihnen amüsante Gesellschaft und geistreiche Gesprächspartner waren.“ („Dornbusch“)

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Chronologie
Ursprünglich wollte ich mich strikt chronologisch durch das Werk lesen, dass habe ich nicht ganz durchgehalten. Auch lese ich die St. Ives-Romane komplett zum Schluss. Doch chronologisches Lesen ermöglicht manche kleine Entdeckungen. Zum Beispiel: „Kälter als der Kalter Krieg“ endet mit:

„Der Besitzer hat einmal eine Postkarte aus Dahomey in Westafrika erhalten. Es stand nur „Well“ darauf, und sie war mit einem „P.“ unterzeichnet. Seither erscheint in der Londoner Times jeden Dienstag unter „Persönliches“ die gleiche Anzeige. Sie lautet: Mike: Alles vergeben. Komm nach Hause. Die Weihnachtshilfe.“

In „Stimmenfang“ nun treffen die Hauptfiguren in einem Lokal in dem fiktiven westafrikanischen Staat, in dem der Roman spielt, auf einen Mike. Ihm gehört das Lokal nicht, er „hilft einem Freund aus“. Vor allem aber:

„(D)er Mann namens Mike ging zurück hinter die Bar, griff nach einem Exemplar der Londoner Times und lächelte über die Kontaktanzeigen.“

Ein Cameo-Auftritt von Mike Padillo! In „Gelbe Schatten“ referenziert er dann diese Tätigkeit. Ich habe mal gelesen (oder gehört), dass Ross Thomas anfangs durchaus darüber nachdachte, eine Reihe mit McCorkle und Padillo zu schreiben – und das wäre ein weiterer Hinweis darauf. Denn „Stimmenfang“ ist wie „Gelbe Schatten“ (der zweite McCorkle-Padillo-Roman) im Jahr 1967 erschienen.

Es gibt noch andere Cameo-Auftritte von Figuren. Chubb Dunjee aus dem „Mordida-Mann“ wird in „Voodoo Ltd.“ erwähnt, offenbar haben Artie Wu und Quincy Durant ihn mal in Mexiko getroffen. Und wir wissen, was er dort getan hat … In „Die im Dunkeln“ tauchen einige Figuren am Rande wieder auf, sie werden in den Anmerkungen des Übersetzers Gisbert Haefs auch aufgeschlüsselt. (Das Buch hat auch ein sehr lesenswertes Nachwort von ihm!). Weiterlesen

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Cherchez la femme – Über Ross Thomas’ „Dann sei wenigstens vorsichtig“

Derzeit lese ich mich chronologisch durch das Werk von Ross Thomas – vieles lese ich zum zweiten, manches sogar zum dritten Mal, aber einige Romane habe ich vorher auch noch nicht gelesen. Dazu gehört „Dann sei wenigstens vorsichtig“ (OT: If you can’t be good, 1973), von dem ich bisher nur den nahezu legendären ersten Satz kannte: „Es begann so, wie das Ende der Welt beginnen wird: mit einem Telefonanruf um drei Uhr früh“.

Durch diesen Telefonanruf bekommt der Historiker Decatur „Deke“ Lucas einen neuen Job: Er soll für den „meistgefürchteten Mann Washingtons“ – den Klatsch-Kolumnisten Frank Size – herausfinden, warum sich der Senator Robert F. Ames bestechen ließ und nun mit der 27-jährigen Blondine Connie Mizelle im Watergate-Building lebt, statt mit seiner steinreichen Ehefrau seine politische Karriere voranzutreiben. Denn eigentlich hatten die Ames’ alles, was man braucht, um Präsident der USA zu werden: Sie hat das Geld, er das Aussehen – und noch dazu kommen sie aus dem Mittleren Westen. Aber dann hat Robert Ames alles an die Wand gefahren.

Im Folgenden entspinnt sich nun eine typische Ross-Thomas-Geschichte voller Wendungen, Drehungen und Seitenhieben – alleine seine Beschreibungen von Washington D.C. sind wahnsinnig komisch! Wäre die Weltlage nicht, was sie ist, hätte ich größte Lust, eine Art Washingtoner Stadtbiographie im Sinne Ross Thomas’ zu schreiben und dann mit der Wirklichkeit abzugleichen.

Auffällig an diesem Buch ist die Erzählperspektive: Nachdem Ross Thomas in „Porkchoppers“ erstmals nicht aus der Ich-Perspektive erzählt hat, kehrt er hier zu ihr zurück. Ohnehin liest sich dieser Roman aufgrund der gesamten Anlage der Geschichte – der Auftrag, die geheimnisvolle Femme fatale im Mittelpunkt, die zahlreichen Bezüge zu Los Angeles – viel stärker wie ein Detektivroman als seine vorherigen Bücher. Aber natürlich immer garniert mit zahlreichen politischen Seitenhieben: auf Watergate, auf die Nutzlosigkeit des Präsidenten, die generelle Korruptheit der politischen Akteure. Aber gerade im Vergleich mit „Porkchoppers“ wird deutlich, wie viel mehr Freiheit die auktoriale Perspektive Ross Thomas gibt – und wie gut er sie nutzen weiß. Dagegen ist „Dann sei wenigstens vorsichtig“ viel straffer im Plot und natürlich viel stärker bei der Hauptfigur. Bei der ich manchmal an Ross Thomas denken musste. Denn Deke ist sehr darauf bedacht, sich selbst als jemand darzustellen, der lediglich recherchiert – eigentlich arbeitet er an einer historischen Biographie –, aber er ist auch jemand, der politisch engagiert war, mittlerweile aber sämtliche Illusionen verloren hat.

Doch trotz aller Verbindungen zum Detektivroman ist hier alles eine Spur wahnwitziger. Allein Connie Mizelle ist eine Femme fatale hoch zwei: Sie ist unfassbar schön, verführerisch und dazu noch klug. „Für mich war Connie Mizelle ein Sexualobjekt – das vollkommene, perfekte Sexualobjekt. Ich mochte sie nicht, und ihr Verstand machte mir Kummer, weil er klüger war als meiner, aber ich konnte verstehen, was Sinkfield für sie empfand. Ich konnte es verstehen, und ich war eifersüchtig.“ Allerdings bleibt sie – wie viele Femme fatales – auch auf diese Rolle begrenzt, weil die Männer in diesem Roman sie darauf begrenzen. Immerhin klingt an, wie übel ihr mitgespielt wurde. Moralisch bewertet wird das aber – wie immer bei Ross Thomas – nicht.

Ross Thomas: Dann sei wenigstens vorsichtig. Aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel, durchgesehen von Gisbert Haefs. Alexander Verlag 2018. 288 Seiten. 18 Euro.

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Ross Thomas – Abschluss der Werkausgabe

25 Bände in 20 Jahren! In diesem Jahr wurde die 25-bändige Werkausgabe des Amerikaners Ross Thomas (1926-1995) im Alexander Verlag mit dem Roman “Stimmenfang” abgeschlossen. Ross Thomas ist einer der wichtigsten Politthriller-Autoren des 20. Jahrhunderts – und einer meiner Favorites. Für SWR Kultur habe ich mit Verleger Alexander Wewerka gesprochen – und erzählt, warum man gerade jetzt Ross Thomas lesen sollte. Nachhören und -lesen lässt sich der Beitrag unter diesem Link.

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Erste Begegnungen mit Ross Thomas

(c) Alexander Verlag

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„Kälter als der Kalte Krieg“ war mein erster Ross Thomas – aus zwei Gründen: Zum einen ist es chronologisch sein erstes Buch. Zum anderen nimmt die Handlung ihren Ausgangspunkt in Bonn, jenem Bonn, das auch im Jahr 2014 noch nicht viel von seiner bundesrepublikanischen Behaglichkeit verloren hat (mit Ausnahme von Bad Godesberg, in dem die berühmte Bar Mac’s Palace liegt. Aber als ‚imitierte Beuelerin’ sehe ich von der anderen Rheinseite darüber hinweg.) Im Regierungsviertel lassen sich indes noch kleine Restspuren der Macht erahnen, findet sich noch ein Abglanz der Größe und Internationalität. Also las ich mit Begeisterung von den Abenteuern, die McCorkle und Padillo in Bonn und im geteilten Berlin erlebten. Nach „Kälter als der Kalte Krieg“ folgte daher gleich der zweite Teil mit McCorkle und Padillo, in dem diese ihre Tätigkeiten nach Washington verlagerten.

(c) Alexander Verlag

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Danach beschloss ich, eine kurze Pause mit Ross Thomas einzulegen. McCorkle und Padillo sollte ich in Maßen genießen, dem ersten allzu ähnlich erschien mir ihr zweiter Fall. Vor allem aber erscheint mir Ross Thomas fast wie eine Sucht, die mich auch nicht nur einmal in die Chipstüte hineingreifen, sondern sie leer essen lässt. Außerdem könnte es allen positiven Stimmen zum Trotz sein, dass mich lediglich die Figuren McCorkle und Padillo in meiner hardboiled-Romantik so ansprechen, die anderen Bücher von Ross Thomas aber weniger. Deshalb wählte ich als drittes Buch „Umweg zur Hölle“, dem Auftakt der Reihe um Artie Wu und Quincy Durant, in die ich mich – um es vorweg zu nehmen – gleich auf den ersten Seiten verliebte. Sie sind schlau, witzig und schlagkräftig, in unverbrüchlicher Freundschaft miteinander verbunden und allen anderen meist einen Schritt voraus. Dass Artie Wu illegitimer Anwärter auf den Thron des chinesischen Kaisers sein könnte, ziehe ich daher gerne in Betracht – und auch dass ein toter Pelikan eine abenteuerliche, raffinierte und ausgefuchste Handlung in Gang bringen kann. Von Seite zu Seite zeigen sich in „Umweg zur Hölle“ immer mehr Fäden und Verbindungen, enthüllt sich eine ausgefeilte und ausgetüfelte Verbindung aus Politik und Verbrechen – einzig die Vater-Bruder-Geschichte am Ende wäre nicht nötig gewesen. Es ist Jörg Fauser, der in seinem Essay am Ende des Buches treffend formuliert: „Er (Ross Thomas) hat dem Kriminalroman der Gegenwart eine Qualität erschrieben, die ich demokratischen Realismus nennen möchte“. Nun lese ich „Umweg zur Hölle“, erschienen im Jahr 1984, dreißig Jahre später nicht mehr als Gegenwartsroman – zu viel ist geschehen. Dennoch wirkt dieser Roman im Gegensatz zu bspw. „Kälter als der Kalte Krieg“ in keiner Weise ‚historisch’, obwohl in beiden die Mauer in Berlin und die Sowjetunion noch existieren. Aber die Handlung von „Umweg zur Hölle“ könnte ebenso im Hier und Jetzt stattfinden, vielleicht wären allenfalls die mitmischenden Personen nicht mehr nur Amerikaner, Briten und italienische Mafia-Gangster.

„Ein Roman von Ross Thomas ist nicht einfach ein Krimi oder ein Polit-Thriller, sondern – wenn wir davon ausgehen, daß der Teufel damals auf den Hügeln des Galiläerlands dem Herrn Jesus die Welt so gezeigt hat, wie sie wirklich ist, und nicht, wie Idealisten sie gerne hätten – eine diabolische Analyse unserer politischen Verhältnisse“, schreibt Jörg Fauser und auch diesem Satz kann ich nur zustimmen. Mich hat „Umweg zur Hölle“ jedenfalls endgültig mit Ross Thomas angefixt, allerdings werde ich weiterhin zwischen seinen Reihen und Einzelromanen springen. Als nächstes auf der Liste: „Fette Ernte“. Ich kann es kaum erwarten.

(c) Alexander Verlag

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Ross Thomas: Kälter als der Kalte Krieg. Aus dem Amerikanischen von Wilm W. Elwenspeok, bearbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen. Alexander Verlag 2007.

Ross Thomas: Gelbe Schatten. Aus dem Amerikanischen von Wilm W. Elwenspeok, bearbeitet von Stella Diedrich und Gisbert Haefs. Alexander Verlag 2012.

Ross Thomas: Umweg zur Hölle. Aus dem Amerikanischen von Edith Massmann, bearbeitet von Jochen Stremmel. Alexander Verlag 2011.

Eine Übersicht über alle Romane von Ross Thomas gibt es beim Alexander Verlag.

Nachtrag: Mit „Fette Ernte“ steht der Alexander Verlag auch auf der Hotlist der unabhängigen Verlage.

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