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Ein Serienkiller auf Zeitreise – „Die Eleganz des Tötens“ von A. K. Benedict

Ein zeitreisender Serienkiller ist eine Idee, die mir bereits in Lauren Beukes „Shining Girls“ gut gefallen hat. Sie entwickelt diese Geschichte hauptsächlich aus zwei Perspektiven: der jungen Frau Kvirby, die einen Angriff überlebte und ihn seither jagt, und dem Täter selbst, der durch die Jahrzehnte springt, sich seine Opfer bereits als Kinder aussucht und erst Jahre später ermordet. Als Vehikel seiner Zeitreisen dient ihm ein mysteriöses Haus – und während mir diese Erklärung völlig ausreichte, wurde u.a. von My Crime Time kritisiert, dass das Zeitreisen nicht genügend erklärt wurde. Als ich nun in der Verlagsankündigung von DroemerKnaur A.K. Benedicts „Die Eleganz des Tötens“ entdeckte, war ich sofort neugierig: Wie würde sie ihr Buch aufbauen – und wie würde sie mit dem Aspekt des Zeitreisens umgehen?

(c) Droemer

(c) Droemer

Sowohl die Handlung als auch die Erzählweise unterscheiden sich sehr von Lauren Beukes: Alleinige Hauptfigur in „Die Eleganz des Tötens“ ist der frischgebackene Philosophiedozent Stephen Killigan, der gerade in Cambridge angefangen hat. Er hat eine Sammelleidenschaft, ist leicht zerstreut und seit dem Selbstmord seiner Mutter traumatisiert. Eines Abends entdeckt er im betrunkenen Zustand die Leiche einer seit einem Jahr vermissten Schönheitskönigin und verständigt die Polizei. Als sie jedoch am Tatort eintrifft, fehlt von der Leiche jegliche Spur. Daraufhin gerät er selbst ins Visier der Ermittlungen, zugleich aber interessiert sich plötzlich sein Kollege Robert Sachs für ihn. Durch ihn erfährt er mehr über eine Maske, die die Tote getragen hat, außerdem forscht er mithilfe der hübschen Bibliothekarin Lana weiter nach und hat schon bald die Idee, dass der Mörder durch die Zeiten reisen könnte.

Eine Erklärung für die Zeitreisen findet A.K. Benedict in Ansätzen schon: Man muss sich in einen möglichst losgelösten Zustand bewegen – aus dem Denken ins das Fühlen: „Genau dann, wenn wir am lebendigsten, ehrlichsten und am verletzlichsten sind, können wir den Raum zwischen konstruierten Realitäten ausmachen und durch die Lücken treten“, erfährt Killigan durch eine erfahrene Zeitreisende, als er entdeckt, dass auch er durch die Zeit reisen kann, wenngleich ihm noch einige Fertigkeiten wie das Treffen des korrekten Datums fehlen. Dadurch ist er in der Lage, den Plan des Mörders nach und nach zu enthüllen, zugleich aber deutet sich schon früh an, dass dieser ihm an Raffinesse und Erfahrung zu überlegen ist als dass er ihn fassen könnte. Damit weicht A. K. Benedict wie schon Lauren Beukes eine schwierigen Frage aus – wie fasst man einen Mörder, der durch die Zeiten reist? –, legt aber bereits den Grundstein der Antwort, indem der Ermittler ebenfalls ein Zeitreisender ist.

Insgesamt aber geht es A. K. Benedict in ihrem Buch um die titelgebende ‚Eleganz des Tötens’, der sowohl der Killer als auch Killigans Kollege Robert Sachs verfallen sind. Daneben werden einige philosophische Themen angesprochen, allerdings bleibt sie meist an der Oberfläche, anstatt sich auf den naheliegenden – und am Ende auch thematisierte – Konflikt zwischen Determinismus und freiem Willen zu konzentrieren. Ohnehin ist der Thriller insgesamt zu lang und weitschweifend: Weniger Betonungen des Offensichtlichen und unnötige Nebenhandlungen wie beispielsweise das pubertäre und unreife Versprechen, sich mit einer Frau nicht zu verabreden, die der beste Freund seit vier Jahren aus der Ferne bewundert, obwohl er sich ebenfalls in sie verliebt hat, hätten sowohl dem Spannungsaufbau als auch dem Lesefluss gut getan. Vor allem aber beschreibt sie zu viel – jedoch macht eine Aneinanderreihung von Eigenschaften aus einer Figur noch keinen Charakter, schaffen viele Details in der Einrichtung und dem Wetter noch keine Atmosphäre und sind viele philosophische Themen nicht gleichbedeutend mit Tiefsinn. Hier fehlen Stringenz und das Gespür für Wichtiges. Allerdings erklärt sich dann immerhin das Bemühen, auch der Polizistin Jane Horne mit ihrer Krebserkrankung eigenes Profil zu verleihen, als am Ende deutlich wird, dass es wohl eine Fortsetzung mit Killigan und Inspector Jane Horne geben wird, bei dem sie weiterhin versuchen, in der Vergangenheit liegende Fälle aufzuklären – und den genialen Zeitreise-Supermörder zu jagen. Auf dieses Wiedersehen werde ich allerdings verzichten.

A.K. Benedict: Die Eleganz des Tötens. Aus dem Englischen von Alice Jakubeit. Droemer 2014.

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Das Psychogramm einer Ehe – „Die stille Frau“ von A.S.A. Harrison

„Besser als Gone Girl“ stand in der Verlagsvorschau von Bloomsbury Berlin – und dieser Satz machte mich sehr neugierig auf „Die stille Frau“ von A.S.A. Harrison. Bin ich doch von dem Potential sowohl von Gillian Flynn als auch der Geschichte von „Gone Girl“ überzeugt, war von dem Erzählstil und -konstruktion des Buches jedoch enttäuscht. Insbesondere im ersten Teil gab es zu viele Längen, die „Wendung“ war vorherzusehen – und das hätte durch Kapitel mit wechselnden Perspektiven vermieden werden können.

(c) Bloomsbury Berlin

(c) Bloomsbury Berlin

In dieser Einschätzung wurde ich nun von „Die stille Frau“ von A.S.A. Harrison bestätigt, die von einer anderen Beziehung erzählt. Jodi und Todd sind seit 20 Jahren ein glückliches Paar. Er ist ein Selfmade-Bauunternehmer, der sich langsam nach oben gearbeitet hat, sie ist halbtags als Psychotherapeutin tätig und kümmert sich um ihr gemeinsames Leben. Es folgt festen Ritualen: Todd steht morgens früh auf, fährt zur Arbeit, bestellt sich Kaffee und Sandwiches ins Büro, kümmert sich um seine Geschäfte, trifft sich abends mit Freunden und hat gelegentliche Affären. Jodi steht etwas später auf, frühstückt zu Hause, geht mit dem Hund Gassi, behandelt zwei Patienten, isst danach Mittag und ihre Nachmittage verbringt sie beim Sport oder Blumensteckkurs, dann fährt sie nach Hause und bereitet das gemeinsame Abendessen vor, das meist mit einem Drink für beide und der Zeitung im Wohnzimmer für ihn eingeleitet wird. Sie essen zusammen, unterhalten sich, dann geht er noch einmal mit dem Hund raus und abends steigen sie in ihre frisch gewaschenen Pyjamas. Seine Affären übersieht sie geflissentlich, er schätzt an ihr ihre Gelassenheit und Ruhe. Auf diese Weise könnten sie ihr restliches Leben verbringen, wäre Todd nicht erst depressiv geworden und hätte dann ein Verhältnis mit der Tochter seines besten Freundes begonnen. Sie ist nun schwanger und fordert Entscheidungen von ihm. Dadurch bricht Jodis sorgsames Leben zusammen und das lässt sie – wie bereits auf der zweiten Seite des Buches erwähnt wird – zur Mörderin werden.

In wechselnden Kapiteln, jeweils mit „Sie“ und „Er“ übertitelt, enthüllen sich in „Die stille Frau“ nach und nach der Alltag und die ihm bereits innewohnenden Katastrophen. Durch die klare Sprache und die eleganten, geschliffenen Sätze lässt man sich von dem Buch einfangen und gerät nahezu unbemerkt immer tiefer in den Sog der Oberflächlichkeiten und Lügen dieses Lebens von Jodi und Todd, die beide keine sonderlich sympathischen Figuren sind. Sie ist eine Meisterin des Selbstbetrugs, die sich an die scheinbare Idylle ihres Zusammenlebens mit Todd klammert, den äußeren Anschein des perfekten Lebens liebt und Schweigen als Konfliktlösung ansieht. Dagegen lässt sich Todd völlig von den Erwartungen anderer leiten, er will gemocht werde und sieht Sex als Mittel zur Macht und Selbstbestätigung. Beide entsprechen sie gänzlich Jodis psychologischer Prämisse, dass über den Handlungsspielraum eines Menschen in seiner Kindheit entschieden wird: Jodis Eltern haben sich bereits jahrelang angeschwiegen, damit sie über die Affären des Mannes nicht reden müssen, sie selbst hat Verdrängung als den Weg aus einer Krise erkannt und gelernt, dass sie durch Disziplin Gefallen findet. Dagegen war Todds Vater ein Trinker, der seine Mutter geschlagen hat, die wiederum ein sehr enges Verhältnis zu dem Sohn hatte. Deshalb braucht er Frauen für den Selbsterhalt und die Selbstbestätigung. Durch wohl dosierte Eindrücke in ihr Leben und die Beschränkung auf ihre beiden Perspektiven entwickelt man dennoch Empathie für sie, so dass sich ihre Entscheidungen und ihr Handeln nachvollziehen lassen, ohne dass man sie verstehen muss. Es entsteht das Bild eines Lebens, in dem sich beide an Äußerlichkeiten und Statussymbolen (die Autos, die Aussicht, die Inneneinrichtung) festhalten, um die Defizite in einem selbst und dem anderen nicht zu sehen. Als dieses Leben scheitert, schlittern Jodi und Todd nahezu in Zeitlupe in die Katastrophe – und als Leser kann man nur dabei zusehen.

„Die stille Frau“ ist ein kühleres, ein weniger dramatisches, dadurch aber umso eindringliches Buch als „Gone Girl“, es setzt ganz auf das Innenleben der Figuren und wird dadurch zu einem ebenso spannenden wie beängstigenden Psychogramm einer Ehe, an dessen Ende man vor allem von einem überzeugt ist: Diese beiden hatten einander verdient.

A.S.A. Harrison: Die stille Frau. Übersetzt von Juliane Pahnke. Bloomsbury Berlin 2014.

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Wer tötet zuerst? Über „Eene meene“ von M.J. Arlidge

(c) Rowohlt

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„Sam schläft. Ich könnte ihn jetzt töten. Er liegt vor mir abgewandt – es wäre ganz leicht.“ Mit diesen Worten beginnt der Thriller „Eene meene“ von M.J. Arlidge, in dem eine Unbekannte auf perfide Weise tötet. Sie legt nicht selbst Hand an die Opfer, sondern entführt immer zwei Menschen, die in unterschiedlicher Beziehung zueinander stehen – eingangs ein Paar, es folgen Mutter und Tochter, Anwalt und Mandantin, Kolleginnen und so weiter – und sperrt sie ohne Wasser und Brot ein. Dann lässt sie ihnen eine Botschaft sowie eine Waffe mit einer Patrone zukommen: Derjenige, der den anderen erschießt, kommt frei. Für die Entführerin ist es ein Spiel, bei dem sie immer gewinnt, während alle anderen verlieren. Die Polizei um Detective Inspector Helen Grace ist ratlos. Die Täterin hinterlässt keine Spuren, deshalb versuchen sie ihr über die Wahl der Opfer näherzukommen. Aber der mediale Druck sowie ein Maulwurf unter den Kollegen erschweren Helen Grace neben ihren eigenen Dämonen die Ermittlungen – und dann muss sie sich irgendwann, eingestehen, dass die Taten unmittelbar mit ihr zusammenhängen.

„Eene meene“ besticht vor allem mit der guten Ausgangsidee, nach der ein jeder von uns unter extremen Bedingungen zum Mörder werden kann. Eine ähnliche Konstellation wurde bereits in einer Folge der Serie „Criminal Minds“ abgehandelt, in der drei Freundinnen entführt wurden, oder auch bei „Criminal Intent“, in der ebenfalls Paare gekidnappt wurden. Aber allein der Grundgedanke bietet gerade in einem Buch sehr viele Möglichkeiten, den psychischen Prozesse sowie Folgen nachzuspüren. Leider handelt M. J. Arlidge die Idee zwar in verschiedenen Beziehungskonstellationen ab, aber die innere Entwicklung der Entführten sowie die von den überlebenden Opfern im Nachhinein empfundene Schuld wird lediglich solange thematisiert wie sie für die Ermittlung wichtig sind. Danach werden sie mehr oder weniger vergessen. Das ist sehr bedauerlich, da hier Überlegungen über moralische Grenzen – bin ich bereit einen Kollegen, mein Kind oder meinen Partner zu töten, um zu überleben? Ist es schwieriger, einen Menschen zu töten, der einem nahesteht? Wann setzt der Überlebensinstinkt alle moralischen Bedenken außer Kraft? –, aber auch die verschiedenen Auswirkungen einer Drucksituation behandelt werden könnten.

Auch die meisten Personen werden in diesem Buch durch Äußerlichkeiten charakterisiert: eine Reporterin hat ein mit Säure verätztes Gesicht, die Pathologin ist stark tätowiert, die Ermittlerin hat Striemen auf dem Rücken, weil sie sich lediglich durch Schmerzen entspannen kann. Und so lobenswert es ist, dass die wichtigen Figuren in diesem Buch allesamt Frauen sind, sind sie in ihrer Gesamtheit doch etwas sehr beschädigt.

Aber A. J. Arldige weiß, wie er seine Geschichte erzählen muss: Die meisten der ohnehin kurzen Kapitel enden mit einer Cliffhanger, so dass das Gefühl entstehen soll, man müsse weiterlesen, auch kann er dadurch verschiedene Perspektiven einfließen lassen. Deshalb ist „Eene meene“ ein handwerklich guter, streckenweise spannender Thriller, der unterhält. Jedoch ermüdet der vorhersehbare Perspektivwechsel zunehmend, sind die Figuren und das Durchgehen der Konstellationen bei den Entführungen zu bewusst inszeniert, so dass „Eene meene“ insgesamt auch ein sehr kalkuliertes Buch ist, bei dem die Rechnung nicht immer aufgeht.

M.J. Arlidge: Eene meene. Übersetzt von Karen Witthuhn. Rowohlt 2014.

Tipp:
Vom Rowohlt Verlag gibt es auch eine sehr schöne und gut gestaltete Seite zu diesem Buch, die gerade die Anfangsatmosphäre gut einfängt.

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Die Fortsetzung von „Tage der Toten“ – Neues von Don Winslow

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Nachdem Don Winslow hierzulande von Suhrkamp zu DroemerKnaur gegangen ist, wechselt er auch in den USA den Verlag und kehrt von Simon & Schuster zurück zu Knopf, wo er seine ersten Bücher herausgebracht hat. Nach Informationen der Filmseite Deadline hat er dort einen Vertrag über zwei Bücher unterzeichnet. Das erste wird eine Fortsetzung von „Tage der Toten“ („The Power of the Dog“) sein, die ebenfalls verfilmt werden könnte.

„Tage der Toten“ ist eines meiner Lieblingsbücher und in meinen Augen das bisher beste Buch, das Don Winslow geschrieben hat. Auch auf die Verfilmung freue ich mich sehr, da das Drehbuch nicht nur von Shane Salerno geschrieben wird, der mit Winslow bereits bei „Savages“ zusammenarbeitete, sondern auch Rasmus Heisterberg und Nikolaj Arcel beteiligt sind. Heisterberg und Arcel haben bei der Adaption von Stieg Larssons „Millenium“-Trilogie hervorragende Arbeit geleistet, auch die Verfilmung von Jussi Adler-Olsens „Erbarmen“ hat mir gut gefallen. Dort hat Arcel allein das Drehbruch geschrieben, hier wird er wohl auch Regie führen.

Hierzulande wird mit „Missing: New York“ im Oktober eine neue Reihe von Don Winslow bei DroemerKnaur beginnen, außerdem erscheint ab Januar bei Suhrkamp erstmals seine Neal-Carey-Reihe in deutscher Übersetzung.

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Anmerkungen zu der dritten Staffel von „Sherlock“

Hinweis: Dieser Artikel behandelt die komplette dritte Staffel von „Sherlock“ und enthält daher viele Spoiler!

Wie weit darf man es mit dem Zuschauer treiben? Diese Frage habe ich mir während der dritten Staffel von „Sherlock“ einige Male gestellt. Ich mag „mindfucking“ Filme und Serien, ich liebe es, in die Irre und auf falsche Fährten gelockt zu werden. Jedoch gibt es auch innerhalb der Serienfiktion Grenzen und die Gefahr, dass alles nur noch zum Spiel wird.

Folge 1 – Der leere Sarg

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Die erste Folge beginnt mit der erwarteten Wiederkehr von Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch), im Mittelpunkt steht daher das Wiedersehen mit seinen Mitstreitern und insbesondere John Watson (Martin Freeman). Insbesondere die erste halbe Stunde ist sehr unterhaltsam: Es werden mögliche Szenarien abgehandelt, wie Sherlock sein Ableben inszeniert haben könnte, immerhin gibt es nach seiner eigenen Sherlocks Aussage 16 Varianten – allein, wie er es letztlich getan hat, wird nicht aufgelöst, vielmehr reichen die verschiedenen Möglichkeiten. Hier reflektiert die Serie sehr schön die vielen Spekulationen, die es nach dem Ende der zweiten Staffel gab, außerdem vereint diese erste Folge alle Qualitäten der ersten beiden Staffeln: Sie ist temporeich, steckt voller Anspielungen und unterhält sehr gut.

Die offensichtlichste Quelle für diese Folge, auf die auch der Titel anspielt, ist die Kurzgeschichte „Das leere Haus“, in der Sir Arthur Conan Doyle die Umstände von Sherlocks vorgetäuschtem Tod enthüllt und er nach London zurückkehrt, um Moriartys Kompagnon zu überführen. Johns Verlobung mit Mary Morstan findet bei Doyle indes in dem Roman „The Sign of the Four“ statt (in dieser Folge Mary zu sehen, wie sie in Johns Blog eine Geschichte liest, die ein Auszug aus diesem Buch ist), der in der nächsten Episode aufgegriffen wird. Daneben gibt es weitere kleinere Anspielungen auf Geschichten von Arthur Conan Doyle, insgesamt deutet sich aber an, dass die ‚bromance‘ zwischen Sherlock und John größeren Raum einnehmen wird.

Folge 2: Im Zeichen der Drei

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bereits der Titel verweist auf die offensichtliche Inspiration der Folge – „The Sign of the Four“ – und im Mittelpunkt steht Marys (Amanda Abbington) und Johns Hochzeit. Nun hätte ich kaum gedacht, dass ich jemals über eine „Sherlock“-Folge sagen werden, dass sie langweilig ist. Aber in dieser Episode wird sehr viel Zeit darauf verwendet, abermals Sherlocks und Johns Verhältnis zu beschreiben, bekannte Charakterzüge noch einmal deutlich zu machen, es gibt viele Anekdoten und kleine Witzeleien, die mit einem letztlich wenig interessanten Fall und vielen kleineren Fällen kombiniert werden. Vielleicht hätte mir diese Folge besser gefallen, wenn ich eine große Sherlock/Cumberbatch-Aficionada wäre. Fraglos spielt er diese Rolle großartig, harmoniert mit Martin Freeman nahezu perfekt und ist seine Rede auf der Hochzeit wirklich amüsant – aber die Figuren und Schauspieler allein tragen nicht eine ganze Folge. Dass es zu einem Vorfall auf der Hochzeit kommt, ist natürlich klar, einzig überraschend sind hier abermals Marys Qualitäten, die energisch zur Tat schreitet. Jedoch stimmt insgesamt das Erzähltempo nicht, außerdem wird auf die Ereignisse der vorgehenden Episode nicht Bezug genommen. Weder Johns Kidnapping wird erwähnt, noch gibt es weitere Entwicklungen mit Charles Magnusson, der anscheinend in dieser Staffel der große Bösewicht sein soll. Stattdessen werden weiterhin Sherlocks Seelenleben und Persönlichkeit erkundet, auch wird sein Bruder Mycroft – der ohnehin immer breiteren Raum einnimmt – immer mehr zu einem Verbündeten und zugleich einem Widersacher. In Verbindung mit einer stärkeren Handlung wäre es eine sehr interessante Entwicklung gewesen, aber so bleibt doch der fade Nachgeschmack, dass in einer Serie, die pro Staffel aus drei Folgen besteht, viel Zeit verschwendet wurde.

Folge 3: Sein letzter Schwur

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Der Plot der Folge basierten im Wesentlichen auf Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „The Adventure of Charles August Milverton“, auf die bereits der Name Charles August Magnussen (Lars Mikkelsen) anspielt. Er ist hier ein Zeitungsmogul, der über ein umfangreiches Archiv voller belastender Materialien verfügt (die Verweise auf Rupert Murdoch sind mehr als deutlich). Sherlock und John Watson wollen einige der Briefe zurückholen, zumal Magnussen auch Mary erpresst. Und was bereits für John Watson galt, trifft auch auf seine Frau zu: Wer sich mit dem Ehepaar Watson anlegt, bekommt es mit Sherlock Holmes zu tu!

Die Anspielungen auf Sherlocks Heroinsucht und andere Fälle sind gelungen, auch ist grundsätzlich sehr zu begrüßen, dass er mit Charles August Magnussen wieder einen ebenbürtigen Gegenspieler hat. Allerdings wird diese Figur nahezu verheizt: In der ersten Folge der Staffel erwähnt, in der zweiten vergessen, wird er nun innerhalb einer Folge zu dem Mann, der Sherlock am meisten hasst, stilisiert, dann wird aber seine Überlegenheit dramaturgisch nicht ausgenutzt, sondern er verschwindet dank eines soziopathischen Anfalls von Sherlock von der Bildfläche. Dafür bleiben viele Fragen offen: Magnussons „mind-palace“ ist eine raffinierte Idee, wie konnte er aber so viele Menschen erpressen, ohne physische Beweise zu haben? Reicht tatsächlich eine Behauptung schon aus? Falls ja: Warum sollte ich mich auf die Glaubwürdigkeit der Behauptung verlassen? Ohnehin verlangt Drehbuchautor Steven Moffat, dass man vieles hinnimmt – allein weil es eine weitere Wendung verspricht. Es gibt so viele abgerissene und wieder aufgegriffene Erzählstränge, dass es fast schon wahllos wirkt. Und dass Mary sich plötzlich als Auftragsmörderin entpuppt, mag sicher zum Teil mit Johns Faible für gebrochene Menschen zusammenhängen, ist aber selbst für John schwer zu glauben. Und wie konnte sie anfangs auch Sherlock täuschen? Sogar bei der überraschenden Wiederkehr von Moriarty zumindest der schale Nachgeschmack, dass er ein wenig zu früh zurückkehrt. Gerade wenn ich mich auf die Tendenz einlasse, dass es mehr im Sherlocks Seelenleben geht, wäre es doch spannender, wenn Moriarty noch eine Staffel einfach nur in Sherlocks Kopf weitergelebt hätte. Zumal er mit Magnussen einen vielversprechenden Nachfolger gehabt hätte. Abgesehen davon halte ich es durchaus für möglich, dass das Video bereits vor seinem Tod entstanden ist und nun einem Masterplan folgend von einem seiner Schergen benutzt wird. Schließlich ist ein Kopfschuss nicht so leicht vorzutäuschen – es sei denn, wir erfahren nun, dass Sherlock damit die ganze Zeit gerechnet hat, schließlich war er der einzige, der den Selbstmord mit angesehen hat.

Fazit

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2013

Insgesamt steht in dieser Staffel der Charakter von Sherlock viel mehr im Mittelpunkt als die Fälle, die Jagd nach den Bösewichtern. Indem die Serie zunehmend die soziopathische Seite des Detektivs erkundet, bleibt weniger Zeit für die Einführung von Gegenspielern und Ermittlungen, so dass die Aufklärung allein Sherlocks ‚Superkräften‘ anzulasten ist. Außerdem wird seine Involvierung in die Geheimdiensttätigkeiten seines Bruders beständig betont, daher wird er immer mehr zum ‚Agenten seiner Majestät’, wird zu einem Helden, der gelegentlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden muss. Vom Detektiv aus der Baker Street bleibt somit immer weniger übrig und ich frage mich, ob er durch die ständige Betonung seiner Genialität sowie Exzentrik nicht auch seine Individualität einbüßt. Es mag zunächst widersprüchlich klingen: Aber ist dieser Sherlock, der insbesondere durch die Fähigkeiten seines Gehirns beeindruckte, nicht längst eine so entrückte Figur geworden, dass diese Talente nicht mehr besonders gefragt sind? Ist er mehr Geheimagent denn Privatdetektiv? Mir hat jedenfalls das Geheimnisvolle gefehlt, die Neugier und die Spannung. Sicher war „Sherlock“ niemals eine „detective show“, sondern eine Serie über einen Detektiv (so hat es Mark Gatiss selbst einmal formuliert), aber auch eine Serie über einen Detektiv braucht mehr als immer noch eine Wendung, noch eine Drehung und noch ein überraschendes Moment. Und hier läuft die Serie meiner Meinung nach trotz der guten Schauspieler, der vielen tollen und originellen Szenen Gefahr, den Bogen schlichtweg zu überspannen.

„Im Zeichen der Drei“ und „Sein letzter Schwur“ werden am 8. und 9. Juni um 21:45 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

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Krimi-Kritik: „Alles total groovy hier“ von Jörg Juretzka

Schisser ist verschwunden! Schisser hatte mit Scuzzi die grandiose Idee, im Süden Spaniens die Stormfuckers Ranch zu gründen, eine Art Erholungsort für alte Biker, deshalb haben sie Geld gesammelt, Schisser ist auf Erkundungstour gegangen und weder er noch die 100.000 Euro sind zurückgekehrt. „Du bist Detektiv, Kristof“, hatte Charly, Präsident der Stormfuckers und damit auch meiner, festgestellt. „Also fahr runter und finde heraus, was da los ist. Und nimm Scuzzi mit. Der kann Spanisch.“ Also sind Scuzzi und Kryszinski mit einem alten Wohnmobil Schisser nachgefahren und in einer gottverlassenen Gegend gelandet, in der es außer ihnen nur noch eine Hippie-Kommune und ein Bande von Roma gibt. Für Scuzzi gleicht diese Ecke schon bald einem Paradies. Er wird in der Hippie-Kommune mit offenen Armen aufgenommen, die Frauen finden ihn unwiderstehlich und Drogen gibt es in rauen Mengen. Nur Kryszinski will sich nicht so recht einfügen, ihm ist „jegliche Zusammenballung von Aussteigern seit jeher suspekt“, außerdem will er ein Pils und erfährt deshalb schnell, wie es ist, ein Außenseiter zu sein. Außerdem entdeckt er erste Spuren auf Schissers Verbleib und dadurch wird ihm die ganze Bande noch suspekter – und schließlich deckt er eine ungeheure Geschichte auf, die einen noch lange nach Ende des Buches beschäftigt.

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

„Alles total groovy hier“ ist ein starkes Buch aus der Kryszinski-Reihe, wenngleich hier das Muster, dass meist die schönsten Frauen die größten Verbrecher sind, die Spannung mindert. Aber gerade aus dem Zusammenprall der verschiedenen Welten entsteht viel böser Witz, der durch die verborgene Unmenschlichkeit der Hippies im Nachklang noch fieser wird. Außerdem setzt sich hier fort, was sich bereits in „Bis zum Hals“ abzeichnete: Nachdem eine ganze Weile auf abenteuerlichste Weise ermittelt wurde, erfolgt eine Wendung ins Ernsthafte – in diesem Fall der menschenverachtende Umgang mit afrikanischen Flüchtlingen. Daneben ist Außenseitertum ist das übergeordnete Motiv dieses Kriminalromans: Die Hippies gerieren sich als Außenseiter, wenngleich sie jeden verstoßen, dessen Individualität sich nicht in ihr Kollektiv einfügt. Sie erwarten ein bestimmtes Verhalten, einige kehren nach zwei Wochen vermeintlicher Freiheit in ihr bürgerliches Leben zurück. Die Roma des benachbarten, verfallenen Dorfes kennen nur Ausgrenzung und Vertreibung, deshalb sind sie Fremden gegenüber misstrauisch und bewerfen sie mit Steinen. Und dann gibt es noch die Afrikaner, die ihr Leben riskieren, um über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Sie sind nicht nur gesellschaftliche Außenseiter, sondern ihr Leben wird behandelt als sei es weniger wert. Ihr Schicksal ist der mehr als bittere Kern dieses guten Buches.

Jörg Juretzka: Alles total groovy hier. Unionsverlag 2009.

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KrimiZeit-Bestenliste Juni 2014

Mit einem unveränderten Spitzentrio und drei Neueinstiegen präsentiert sich die KrimiZeit-Bestenliste im Juni:

(c) Dumont

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1 (1) Oliver Bottini: „Ein paar Tage Licht“
2 (2) Ross Thomas: „Fette Ernte“
3 (3) Dominique Manotti: „Ausbruch“
4 (5) Leonardo Padura: „Ketzer“
5 (-) Tom Hillenbrand: „Drohnenland“
6 (-) Benjamin Percy: „Roter Mond“
7 (4) Mukoma wa Ngugi: „Nairobi Heat“
8 (9) Daniel Woodrell: „In Almas Augen“
9 (5 (April)) Sascha Arango: „Die Wahrheit und andere Lügen“
10 (-) André Georgi: „Tribunal“

Zu Oliver Bottini und Mukoma wa Ngugi muss ich nichts mehr schreiben, Ross Thomas ist derzeit meine Freizeitdroge und „Drohnenland“, „Ausbruch“ und „Wahrheit und andere Lügen“ liegen weit oben auf meinem Lesestapel.

Die größte Überraschung ist für mich, dass André Georgis „Tribunal“ auf Platz 10 eingestiegen ist – sicher ist sein Buch ein handwerklich guter Thriller, auch ist der Einfluss des inhaftierten mutmaßlichen Kriegsverbrechers Kovac noch aus dem Gefängnis heraus gut beschrieben, allerdings bleibt das Buch in meinen Augen zu sehr an äußeren Ereignissen haften. Dennoch freue mich, dass gleich vier deutschsprachige Autoren auf der Liste vertreten sind. Wenngleich ich statt André Georgi lieber Jörg Juretzka mit „Taxibar“ dort gesehen hätte, verstärkt es meine Beobachtung, dass es im deutschsprachigen Krimimarkt wieder vermehrt politisch zugeht – und es abgesehen von Bottini, Ani und Steinfest hierzulandemehr gute Autoren gibt.

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