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Ein Serienkiller auf Zeitreise – „Die Eleganz des Tötens“ von A. K. Benedict

Ein zeitreisender Serienkiller ist eine Idee, die mir bereits in Lauren Beukes „Shining Girls“ gut gefallen hat. Sie entwickelt diese Geschichte hauptsächlich aus zwei Perspektiven: der jungen Frau Kvirby, die einen Angriff überlebte und ihn seither jagt, und dem Täter selbst, der durch die Jahrzehnte springt, sich seine Opfer bereits als Kinder aussucht und erst Jahre später ermordet. Als Vehikel seiner Zeitreisen dient ihm ein mysteriöses Haus – und während mir diese Erklärung völlig ausreichte, wurde u.a. von My Crime Time kritisiert, dass das Zeitreisen nicht genügend erklärt wurde. Als ich nun in der Verlagsankündigung von DroemerKnaur A.K. Benedicts „Die Eleganz des Tötens“ entdeckte, war ich sofort neugierig: Wie würde sie ihr Buch aufbauen – und wie würde sie mit dem Aspekt des Zeitreisens umgehen?

(c) Droemer

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Sowohl die Handlung als auch die Erzählweise unterscheiden sich sehr von Lauren Beukes: Alleinige Hauptfigur in „Die Eleganz des Tötens“ ist der frischgebackene Philosophiedozent Stephen Killigan, der gerade in Cambridge angefangen hat. Er hat eine Sammelleidenschaft, ist leicht zerstreut und seit dem Selbstmord seiner Mutter traumatisiert. Eines Abends entdeckt er im betrunkenen Zustand die Leiche einer seit einem Jahr vermissten Schönheitskönigin und verständigt die Polizei. Als sie jedoch am Tatort eintrifft, fehlt von der Leiche jegliche Spur. Daraufhin gerät er selbst ins Visier der Ermittlungen, zugleich aber interessiert sich plötzlich sein Kollege Robert Sachs für ihn. Durch ihn erfährt er mehr über eine Maske, die die Tote getragen hat, außerdem forscht er mithilfe der hübschen Bibliothekarin Lana weiter nach und hat schon bald die Idee, dass der Mörder durch die Zeiten reisen könnte.

Eine Erklärung für die Zeitreisen findet A.K. Benedict in Ansätzen schon: Man muss sich in einen möglichst losgelösten Zustand bewegen – aus dem Denken ins das Fühlen: „Genau dann, wenn wir am lebendigsten, ehrlichsten und am verletzlichsten sind, können wir den Raum zwischen konstruierten Realitäten ausmachen und durch die Lücken treten“, erfährt Killigan durch eine erfahrene Zeitreisende, als er entdeckt, dass auch er durch die Zeit reisen kann, wenngleich ihm noch einige Fertigkeiten wie das Treffen des korrekten Datums fehlen. Dadurch ist er in der Lage, den Plan des Mörders nach und nach zu enthüllen, zugleich aber deutet sich schon früh an, dass dieser ihm an Raffinesse und Erfahrung zu überlegen ist als dass er ihn fassen könnte. Damit weicht A. K. Benedict wie schon Lauren Beukes eine schwierigen Frage aus – wie fasst man einen Mörder, der durch die Zeiten reist? –, legt aber bereits den Grundstein der Antwort, indem der Ermittler ebenfalls ein Zeitreisender ist.

Insgesamt aber geht es A. K. Benedict in ihrem Buch um die titelgebende ‚Eleganz des Tötens’, der sowohl der Killer als auch Killigans Kollege Robert Sachs verfallen sind. Daneben werden einige philosophische Themen angesprochen, allerdings bleibt sie meist an der Oberfläche, anstatt sich auf den naheliegenden – und am Ende auch thematisierte – Konflikt zwischen Determinismus und freiem Willen zu konzentrieren. Ohnehin ist der Thriller insgesamt zu lang und weitschweifend: Weniger Betonungen des Offensichtlichen und unnötige Nebenhandlungen wie beispielsweise das pubertäre und unreife Versprechen, sich mit einer Frau nicht zu verabreden, die der beste Freund seit vier Jahren aus der Ferne bewundert, obwohl er sich ebenfalls in sie verliebt hat, hätten sowohl dem Spannungsaufbau als auch dem Lesefluss gut getan. Vor allem aber beschreibt sie zu viel – jedoch macht eine Aneinanderreihung von Eigenschaften aus einer Figur noch keinen Charakter, schaffen viele Details in der Einrichtung und dem Wetter noch keine Atmosphäre und sind viele philosophische Themen nicht gleichbedeutend mit Tiefsinn. Hier fehlen Stringenz und das Gespür für Wichtiges. Allerdings erklärt sich dann immerhin das Bemühen, auch der Polizistin Jane Horne mit ihrer Krebserkrankung eigenes Profil zu verleihen, als am Ende deutlich wird, dass es wohl eine Fortsetzung mit Killigan und Inspector Jane Horne geben wird, bei dem sie weiterhin versuchen, in der Vergangenheit liegende Fälle aufzuklären – und den genialen Zeitreise-Supermörder zu jagen. Auf dieses Wiedersehen werde ich allerdings verzichten.

A.K. Benedict: Die Eleganz des Tötens. Aus dem Englischen von Alice Jakubeit. Droemer 2014.

Gelesen Mai 2014

13 Bücher habe ich im Mai gelesen – und in Anbetracht meines Besuchs beim Filmfest Emden, einem zweitätigen Hamburg-Aufenthalt und die alljährliche Mai-Häufung von Familien-Feierlichkeiten bin ich damit sehr zufrieden. Zumal es ein Monat mit vielen guten Büchern war.

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Eberhard Nembach: Gypsy Blues
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M.J. Arlidge: Eene meene
Jeweils zwei Menschen werden entführt – und wenn einer den anderen tötet, wird der Überlebende freigelassen. Perfide Ausgangsidee, leider zu glatt ausgeführt.

Arthur Schnitzler: Fräulein Else
Gerade in Verbindung mit der interessanten Verfilmung von Anna Martinetz beweist Arthur Schnitzlers Novelle ihre Aktualität.

Adrian McKinty: Die Sirenen von Belfast
Adrian McKinty seine Belfast-Trilogie um Sean Duffy fort – und leider ist der zweite Teil aufgrund des schwächeren Kriminalplots nicht ganz so gut wie der sensationelle Vorgänger „Der katholische Bulle“, aber immer noch ein sehr guter Kriminalroman.

A.K. Benedict: Die Eleganz des Tötens
Abermals geistert ein zeitreisender Serienkiller umher – allerdings bekommt der Mörder es bei A.K. Benedict mit einem ebenfalls zeitreisenden Jäger zu tun. Einige gute Ideen, insgesamt aber zu ausführlich und überfrachtet.

A.S.A Harrison: Die stille Frau
A.S.A. Harrison erzählt eindringlich, wie eine ruhige, beherrschte Frau in einen emotionalen Ausnahmezustand schlittert – und einen Mord begehen wird.

Charlotte Otter: Balthasars Vermächtnis
Eine Kriminalreporterin untersucht den Tod eines NGO-Mitarbeiters, der sie kurz vor seiner Ermordung angerufen hat. Und schon bald steckt sie mitten in einem Sumpf aus Rassismus und Missbrauch. Ein fulminantes Debüt, in dem ich tief in die Atmosphäre von Südafrika eintauchen konnte.

Alissa Nutting: Tampa
Vollständig aus der Perspektive einer 26-jährigen Lehrerin erzählt, die sich an ihrem 14-jährigen Schüler vergeht, ist „Tampa“ quasi eine moderne Variante von „Lolita“, die abgesehen der kalkulierten Skandalmomente auch deutlich macht, dass sexuelle Übergriffe auf Minderjährige je nach Geschlecht des Täters anders bewertet werden.