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Das Psychogramm einer Ehe – „Die stille Frau“ von A.S.A. Harrison

„Besser als Gone Girl“ stand in der Verlagsvorschau von Bloomsbury Berlin – und dieser Satz machte mich sehr neugierig auf „Die stille Frau“ von A.S.A. Harrison. Bin ich doch von dem Potential sowohl von Gillian Flynn als auch der Geschichte von „Gone Girl“ überzeugt, war von dem Erzählstil und -konstruktion des Buches jedoch enttäuscht. Insbesondere im ersten Teil gab es zu viele Längen, die „Wendung“ war vorherzusehen – und das hätte durch Kapitel mit wechselnden Perspektiven vermieden werden können.

(c) Bloomsbury Berlin

(c) Bloomsbury Berlin

In dieser Einschätzung wurde ich nun von „Die stille Frau“ von A.S.A. Harrison bestätigt, die von einer anderen Beziehung erzählt. Jodi und Todd sind seit 20 Jahren ein glückliches Paar. Er ist ein Selfmade-Bauunternehmer, der sich langsam nach oben gearbeitet hat, sie ist halbtags als Psychotherapeutin tätig und kümmert sich um ihr gemeinsames Leben. Es folgt festen Ritualen: Todd steht morgens früh auf, fährt zur Arbeit, bestellt sich Kaffee und Sandwiches ins Büro, kümmert sich um seine Geschäfte, trifft sich abends mit Freunden und hat gelegentliche Affären. Jodi steht etwas später auf, frühstückt zu Hause, geht mit dem Hund Gassi, behandelt zwei Patienten, isst danach Mittag und ihre Nachmittage verbringt sie beim Sport oder Blumensteckkurs, dann fährt sie nach Hause und bereitet das gemeinsame Abendessen vor, das meist mit einem Drink für beide und der Zeitung im Wohnzimmer für ihn eingeleitet wird. Sie essen zusammen, unterhalten sich, dann geht er noch einmal mit dem Hund raus und abends steigen sie in ihre frisch gewaschenen Pyjamas. Seine Affären übersieht sie geflissentlich, er schätzt an ihr ihre Gelassenheit und Ruhe. Auf diese Weise könnten sie ihr restliches Leben verbringen, wäre Todd nicht erst depressiv geworden und hätte dann ein Verhältnis mit der Tochter seines besten Freundes begonnen. Sie ist nun schwanger und fordert Entscheidungen von ihm. Dadurch bricht Jodis sorgsames Leben zusammen und das lässt sie – wie bereits auf der zweiten Seite des Buches erwähnt wird – zur Mörderin werden.

In wechselnden Kapiteln, jeweils mit „Sie“ und „Er“ übertitelt, enthüllen sich in „Die stille Frau“ nach und nach der Alltag und die ihm bereits innewohnenden Katastrophen. Durch die klare Sprache und die eleganten, geschliffenen Sätze lässt man sich von dem Buch einfangen und gerät nahezu unbemerkt immer tiefer in den Sog der Oberflächlichkeiten und Lügen dieses Lebens von Jodi und Todd, die beide keine sonderlich sympathischen Figuren sind. Sie ist eine Meisterin des Selbstbetrugs, die sich an die scheinbare Idylle ihres Zusammenlebens mit Todd klammert, den äußeren Anschein des perfekten Lebens liebt und Schweigen als Konfliktlösung ansieht. Dagegen lässt sich Todd völlig von den Erwartungen anderer leiten, er will gemocht werde und sieht Sex als Mittel zur Macht und Selbstbestätigung. Beide entsprechen sie gänzlich Jodis psychologischer Prämisse, dass über den Handlungsspielraum eines Menschen in seiner Kindheit entschieden wird: Jodis Eltern haben sich bereits jahrelang angeschwiegen, damit sie über die Affären des Mannes nicht reden müssen, sie selbst hat Verdrängung als den Weg aus einer Krise erkannt und gelernt, dass sie durch Disziplin Gefallen findet. Dagegen war Todds Vater ein Trinker, der seine Mutter geschlagen hat, die wiederum ein sehr enges Verhältnis zu dem Sohn hatte. Deshalb braucht er Frauen für den Selbsterhalt und die Selbstbestätigung. Durch wohl dosierte Eindrücke in ihr Leben und die Beschränkung auf ihre beiden Perspektiven entwickelt man dennoch Empathie für sie, so dass sich ihre Entscheidungen und ihr Handeln nachvollziehen lassen, ohne dass man sie verstehen muss. Es entsteht das Bild eines Lebens, in dem sich beide an Äußerlichkeiten und Statussymbolen (die Autos, die Aussicht, die Inneneinrichtung) festhalten, um die Defizite in einem selbst und dem anderen nicht zu sehen. Als dieses Leben scheitert, schlittern Jodi und Todd nahezu in Zeitlupe in die Katastrophe – und als Leser kann man nur dabei zusehen.

„Die stille Frau“ ist ein kühleres, ein weniger dramatisches, dadurch aber umso eindringliches Buch als „Gone Girl“, es setzt ganz auf das Innenleben der Figuren und wird dadurch zu einem ebenso spannenden wie beängstigenden Psychogramm einer Ehe, an dessen Ende man vor allem von einem überzeugt ist: Diese beiden hatten einander verdient.

A.S.A. Harrison: Die stille Frau. Übersetzt von Juliane Pahnke. Bloomsbury Berlin 2014.

Gelesen Mai 2014

13 Bücher habe ich im Mai gelesen – und in Anbetracht meines Besuchs beim Filmfest Emden, einem zweitätigen Hamburg-Aufenthalt und die alljährliche Mai-Häufung von Familien-Feierlichkeiten bin ich damit sehr zufrieden. Zumal es ein Monat mit vielen guten Büchern war.

GelesenMai

André Georgi: Tribunal
Ein durchaus spannender Thriller, der allerdings sein Potential nicht voll ausnutzt.

Mukoma wa Ngugi: Nairobi Heat
Ein großartiger Kriminalroman, der einmal beweist, dass einen guten Krimi so viel mehr ausmacht als Spannung.

Urban Waite: Straße des Todes
Zwei Männer, die nicht einsehen wollen, dass sie auf der Verliererseite stehen und ihr Leben an die Wand gefahren haben. Düster, karg und blutig.

Malcolm Mackay: Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter
Sehr unterhaltsamer Kriminalroman aus Schottland.

Jörg Walendy: Tag der Unabhängigkeit
Eine deutsch-algerische Journalistin will einen Mord aufklären und verstrickt sich in der algerischen Gegenwart aus vorgeblicher Versöhnung und altem Hass. Jörg Walendy kennt sich offensichtlich gut aus in Algerien, etwas mehr Hintergrundinformationen hätte ich mir dennoch gewünscht.

Eberhard Nembach: Gypsy Blues
Ein Reporter kommt auf dem Balkan einem Organ- und Kinderhändlerring auf die Spur und bringt sich selbst in große Gefahr, um einen kleinen Jungen zu retten. Insbesondere anfangs spannend, allerdings reihen sich am Ende die Zusammenstöße der verschiedenen Parteien zu sehr aneinander.

M.J. Arlidge: Eene meene
Jeweils zwei Menschen werden entführt – und wenn einer den anderen tötet, wird der Überlebende freigelassen. Perfide Ausgangsidee, leider zu glatt ausgeführt.

Arthur Schnitzler: Fräulein Else
Gerade in Verbindung mit der interessanten Verfilmung von Anna Martinetz beweist Arthur Schnitzlers Novelle ihre Aktualität.

Adrian McKinty: Die Sirenen von Belfast
Adrian McKinty seine Belfast-Trilogie um Sean Duffy fort – und leider ist der zweite Teil aufgrund des schwächeren Kriminalplots nicht ganz so gut wie der sensationelle Vorgänger „Der katholische Bulle“, aber immer noch ein sehr guter Kriminalroman.

A.K. Benedict: Die Eleganz des Tötens
Abermals geistert ein zeitreisender Serienkiller umher – allerdings bekommt der Mörder es bei A.K. Benedict mit einem ebenfalls zeitreisenden Jäger zu tun. Einige gute Ideen, insgesamt aber zu ausführlich und überfrachtet.

A.S.A Harrison: Die stille Frau
A.S.A. Harrison erzählt eindringlich, wie eine ruhige, beherrschte Frau in einen emotionalen Ausnahmezustand schlittert – und einen Mord begehen wird.

Charlotte Otter: Balthasars Vermächtnis
Eine Kriminalreporterin untersucht den Tod eines NGO-Mitarbeiters, der sie kurz vor seiner Ermordung angerufen hat. Und schon bald steckt sie mitten in einem Sumpf aus Rassismus und Missbrauch. Ein fulminantes Debüt, in dem ich tief in die Atmosphäre von Südafrika eintauchen konnte.

Alissa Nutting: Tampa
Vollständig aus der Perspektive einer 26-jährigen Lehrerin erzählt, die sich an ihrem 14-jährigen Schüler vergeht, ist „Tampa“ quasi eine moderne Variante von „Lolita“, die abgesehen der kalkulierten Skandalmomente auch deutlich macht, dass sexuelle Übergriffe auf Minderjährige je nach Geschlecht des Täters anders bewertet werden.