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Krimi-Kritik: „Hinterher ist man immer tot“ von Eoin Colfer

„Der großartige Elmore Leonard hat gesagt, man sollte eine Geschichte niemals mit dem Wetter anfangen lassen. Das ist schön und gut – und leicht gesagt. Ihre Anhänger werden es sich brav in ihre Moleskine-Notizbücher geschrieben haben. Trotzdem beginnt eine Geschichte manchmal mit dem Wetter, und dann ist ihr scheißegal, was irgendein Genre-Genie empfiehlt, auch wenn es sich um den großen EL handelt. Fängt also alles mit dem Wetter an, so sollte es auch am Anfang stehen, sonst dröselt sich alles auf, die Einzelteile fliegen einem nur so um die Ohren, und man hat keine Ahnung mehr, wie man sie zusammenbekommt.“ In diesem großartigen ersten Absatz von Eoin Colfers „Hinterher ist man immer tot“ ist bereits alles enthalten, was seinen Kriminalroman zu einem großen Spaß werden lässt: der reflektierte Erzähler, der beständig auf sich selbst und Genreregeln verweist, eine deutliche Haltung gegenüber diesen Regeln sowie der trockene Stil, der bestens unterhält. Außerdem ist dieser Beginn mehr als ein amüsanter Aufhänger: Der Anfang von Daniel McEvoys zweitem Abenteuer hängt in der Tat ursächlich mit einer besonderen Wetterlage zusammen – und Eoin Colfer kommt im weiteren Verlauf mehrmals auf Elmore Leonard zurück (dass dieser tatsächlich großartig ist, muss ich wohl nicht erwähnen).

(c) List

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Mit „Hinterher ist man immer tot“ knüpft Eoin Colfer nahtlos an „Der Tod ist ein bleibender Schaden“ an: Ex-Soldat und Ex-Türsteher Dan findet allmählich in seine neue Rolle als Barbesitzer hinein, kümmert sich um seine ehemalige Nachbarin Sophia und versucht, die Ereignisse der letzten Zeit zu verdauen. Dann ereilt ihn die Hiobsbotschaft, dass Little Mikes Mutter gestorben ist. Dadurch droht der ohnehin fragile Frieden zwischen ihnen zu zerbrechen. Prompt ordert Mike ihn zu sich und beauftragt ihn mit einem scheinbar harmlosen Botengang: Er soll in New York ein Paket mit Schuldverschreibungen abliefern. Ehe sich Dan versieht, wird er von zwei Cops entführt, die ihn in einem Snuff-Video zu Geld machen wollen, gerät in tödliche Auseinandersetzungen und trifft seine Stiefgroßmutter. Noch wendungsreicher als im ersten Teil schlägt die Handlung in beachtlichem Tempo abenteuerliche Haken. Dazu trägt vor allem bei, dass Dans Ritterlichkeit und seine absurd anmutende Weigerung, selbst den fiesesten Gangster zu töten, ihn beständig in die Bredouille bringen. Über weite Strecken ist das sehr amüsant zu lesen, zumal Dan dadurch auch den Charme eines liebenswerten Verliererverbrechers behält. Allerdings bewegt sich Eoin Colfer in diesem zweiten Buch auch beständig an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Sicher hat ein Mann, der in der Kindheit misshandelt wurde, als Soldat in der irischen Armee im Libanon war und dann als Türsteher gearbeitet hat, eine andere Toleranzgrenze als beispielsweise eine Journalistin, allerdings prasselt die Gewalt in so schneller Folge auf Dan ein, so dass eine Veränderung in seinem Charakter selbst mit seinem Hintergrund notwendig erscheint. Immerhin muss er einige Male mit sich hadern, fast erklärt er sich sogar bereit, einen Menschen zu töten.

Ein großer Reiz dieses Kriminalromans liegt darin, dass Dan der Erzähler seiner Geschichte ist. Dadurch legt sich über die Handlung ein Filter – beispielsweise erscheinen fast alle Frauen in diesem Roman auf den ersten Blick als beschützenswert, ja, nahezu angewiesen auf Dans Ritterlichkeit, allerdings zeigt sich alsbald, dass sich einige von ihnen sehr gut selbst helfen können. Zudem ermöglichen Dans Präsenz und Selbstreflektion als Erzähler inmitten der abenteuerlichen Krimi-Handlung Einschübe und Überlegungen, Verweise aufs Genre und mögliche Verwicklungen. So steht am Anfang eines Kapitels: „In jedem Noir-Krimi, den ich je gelesen habe, gibt es eine Stelle, wo der Detektiv nach einer Prügelei wieder zu sich kommt. Diese Stellen haben mir nie gefallen, weil manche Schriftsteller ihre Sachen viel zu gut machen und die diese Szenen einem Mann wie mir, der so häufig Prügel bezogen hat, dass man ihm was vom IQ abziehen müsste, viel zu sehr unter die Haut gehen.“. Was folgt ist ebenso offensichtlich wie amüsant: Dan wacht nach einer Prügelei auf – und gerät prompt in einen noch viel größeren Schlamassel.

War es im ersten Teil vor allem der irische Kriminalroman, der von Eoin Colfer mit allerhand Seitenhieben behandelt wurde, erweitert er den Rahmen nun auf den noir. Dadurch wird „Hinterher ist man immer tot“ wie sein Vorgänger zu einer sehr vergnüglichen Krimilektüre.

Eoin Colfer: Hinterher ist man immer tot. Übersetzt von Conny Lösch. List 2014.

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Best Blog Award – zum Zweiten

Peter von Crimenoir hat mich mit einem Stöckchen beworfen, und da es das erste Mal ist, dass sich fast alle Fragen um Krimi drehen, nehme ich es doch gerne auf. Wie immer: Die Fragen stammen von Peter – und ich werde das Stöckchen zwar auffangen, aber nicht weiterwerfen.

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Warum liest du Krimis/Thriller?
Ein guter Kriminalroman eröffnet einen anderen Blick auf die Wirklichkeit, indem er auch die verborgendsten Winkel der Gesellschaft ausleuchtet. Er rechnet die Abgründe mit ein und ist weniger auf das Erzähler-Ich konzentriert als viele Gegenwartsromane. Außerdem zeigt sich im Bösen oftmals erst die Wahrheit über die Menschen und die Menschheit.

Was sagst du zu Leuten, die sich abschätzig über Krimis äußern?
Ich frage, welchen Krimi sie zuletzt gelesen haben. In der Regel kann ich dann auf ihre Antwort entgegnen, sie sollten es einmal mit einem guten Kriminalroman versuchen.

Wer ist der am meisten unterschätzte Krimiautor?
Von wem? Von der Kritik geschätzt, aber vom Publikum unterschätzt werden meines Erachtens Autoren wie Heinrich Steinfest, Oliver Bottini, Ulrich Ritzel, James Sallis und Adrian McKinty, die nicht so viele Bücher verkaufen wie sie sollten. Von Teilen der Kritik und vom Publikum werden dagegen Autoren wie Jörg Juretzka und Guido Rohm unterschätzt, die sich nicht so einfach in eine Genre-Unterschublade pressen lassen, sowie die hierzulande viel zu unbekannten Megan Abbott und Laura Lippman.

Wer ist deine liebste Serien-Figur im Krimigenre?
James Turner aus Sallis‘ Turner-Trilogie – und schwer verliebt bin ich außerdem in Onno Viets. Aber von dem gibt es bisher erst ein Buch, deshalb ist er noch keine Serienfigur.

Was liest du, wenn du keinen Krimi liest?
Meist zeitgenössische Literatur, gerade sehr viele Gegenwartsromane aus den USA, Skandinavien und Deutschland.

Welchen Krimi sollte jeder Krimi-Liebhaber gelesen haben?
Einen Krimi soll ich hier nennen? Hihi. Na gut, nehm ich einfach meinen Lieblingskrimi: „Der Killer stirbt“ von James Sallis. Und weil der ja nicht so lang ist, vielleicht noch „Tage der Toten“ von Don Winslow, „Fliehe weit und schnell“ von Fred Vargas, „Ein dickes Fell“ von Heinrich Steinfest, „Umweg zur Hölle“ von Ross Thomas und „Die Terroristen“ von Sjöwall/Wahlöö.

Welche Art von Krimis nerven dich?
Uninspirierte, unoriginelle Krimi-Imitate, deren Autoren nicht nur jegliches literarisches Talent vermissen lassen, sondern es noch nicht einmal geschafft haben, eine logische Handlung zu entwickeln, und beides mit möglichst viel Ekel kaschieren wollen.

Dein Lieblings-Comic bzw. -Cartoon ist …
Die Peanuts. In ihnen steckt eigentlich alles, was man über die Welt wissen muss. Außerdem bin ich selbst eine Mischung aus Lucy und Charlie Brown (ja, das geht!).

An welchem Ort liest du auf keinen Fall?
Auf der Toilette, die ist als Leseort hoffnungslos überschätzt.

Als alter Tortentiger muss ich einfach fragen: Was ist deine Lieblings-Süßspeise?
Das ist schwierig: Ich esse sehr gerne Süßes, was hängt aber von der Gelegenheit hat. Einfach so esse ich am liebsten Eis, als Nachtisch ist mir nur Eis aber zu langweilig, deshalb nehme ich oft Crème brûlée oder lauwarmen Schokokuchen, bei dem der Kern noch leicht flüssig ist, mit Vanilleeis. Außerdem esse ich auch sehr gerne Kekse. Und Trüffel. Und Schokopudding. Und Tiramisu.

Die beste Krimiserie aller Zeiten (mit Stichtag heute ;-)) ist …
„The Wire“ (und ich weiß nicht, ob ich eine andere Antwort hier gelten lassen kann ;-)) Oder waren Bücher gemeint? Dann wäre es wohl die Adamsberg-Reihe von Fred Vargas, nahezu gleichauf mit den Kommissar-Beck-Romanen von Sjöwall/Wahlöö. Ross Thomas’ Werk erkunde ich ja gerade erst, aber ich vermute, in einigen Monaten würde ich eine Reihe von ihm nennen.

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Krimi-Kritik: „Unruhe“ von Jesper Stein

„Ich bin achtundreißig, geschieden, ich habe eine fünfjährige Tochter. Ich habe eines der am häufigsten durchgecheckten Herzen auf der Welt. Und ich habe panische Angst zu sterben“, sagt Kommissar Axel Steen eines Morgens zu sich selbst. Er ist Mordermittler bei der Kopenhagener Polizei, hat bei seinen Vorgesetzten aufgrund seines oftmals eigenmächtigen Handelns sämtlichen Kredit verspielt – sofern er jemals welchen hatte. Aber „(e)r wusste, er meckerte zu viel und beschwerte sich zu oft, nahm Abzweigungen vom Dienstweg, die jeglicher Rechtsgrundlage entbehrten. Seine Personalakte war voll von Dienstaufsichtsbeschwerden – eingereicht sowohl von Kriminellen, die behaupten, sie seien bedroht worden, als auch von Kollegen, die sich von ihm unter Druck gesetzt fühlten.“ Noch dazu denkt er dauernd an seine Ex-Frau Cecilie, die mittlerweile in einer neuen Beziehung mit einem Karrierejuristen des dänischen Geheimdiensts PET lebt, bekämpft seine Schlafprobleme mit einem Joint und wird tagsüber von gelegentlichen Kurzschlafattacken heimgesucht.

(c)  Kiepenheuer & Witsch

(c) Kiepenheuer & Witsch

Mit Axel Steen hat Jesper Stein in seinem Krimidebüt „Unruhe“ einen Ermittler mit vielen Macken geschaffen, aber natürlich ist er auch einer der besten Ermittler der Kopenhagener Polizei. Deshalb soll er mit seinem korrekten und bei den Vorgesetzten beliebten Kollegen mit dem sprechenden Namen John Darling auch einen brisanten Fall untersuchen: Während sich Polizei und Autonome aufgrund der Schließung eines alternativen Jugendzentrums im Stadtteil Nørrobro (neben Nordvest) Straßenschlachten liefern, wird eine Leiche gefunden, die auf einem Friedhof an einer Mauer lehnt. Der Mann trägt die Kleidung eines Autonomen und auf den Friedhof hatten nur Polizisten Zutritt. Sollte auch nur der Verdacht die Runde machen, dass die Polizei einen Autonomen ermordet hat, würde die Lage eskalieren. Deshalb sollen Steen und Darling den Fall so schnell und unauffällig wie möglich aufklären.

Die titelgebende Unruhe ist somit nicht nur Teil der Ermittlerfigur, sondern auch wesentliches Merkmal der Atmosphäre, in der Steen ermittelt. Längst sind Autonome aus ganz Europa auf den Weg nach Dänemark, die Presse beäugt die Arbeit der Polizei kritisch, die Chefs üben Druck aus und wollen das richtige Ergebnis erhalten. Dadurch erhält man beim Lesen nicht nur viele Eindrücke von der Stadt Kopenhagen, sondern auch von den medialen und polizeilichen Strukturen. Darüber hinaus verweist „Unruhe“ weitaus weniger ausgestellt als zuletzt beispielsweise Arne Dahls Eurocop-Reihe auf die europäische bzw. weltweite Dimension von Verbrechen und die Universalität von kriminellen Taten.

Am bemerkenswerten ist jedoch, dass „Unruhe“ der erste Fall mit Axel Steen ist, der als Figur viele genretypischen Entwicklungen schon hinter sich hat: die Ehe ist bereits gescheitert, Affären sind begonnen, er ist bei seinen Vorgesetzen schon in Misskredit geraten, hat aber durchaus noch einflussreiche Fürsprecher. Gelegentlich erinnert er sich an alte Fälle, die oftmals mit Lösung erzählt werden. Dadurch ist Axel Steen eine nicht unbedingt originelle, aber sehr runde, reife Hauptfigur. Ohnehin ist „Unruhe“ gerade für den oftmals gescholtenen skandinavischen Krimi erfreulich frei von Stereotypen. Axel ist nicht depressiv oder melancholisch, sondern von seiner Arbeit besessen und etwas selbstmitleidig. Der Fall ist nicht besonders düster oder grausam, sogar das Wetter spielt nur am Rande eine Rolle. Sicher gibt es einige störende Kleinigkeiten wie beispielsweise ein Handy, das gerade noch leer war, sehr schnell wieder benutzt werden kann. Auch sind alle Frauenfiguren sehr auf ihre Funktion für Axel bzw. den Fall beschränkt sind. Aber Jesper Stein behält die Übersicht über seine Handlung, der Fall ist spannend und ausgeklügelt, lediglich die letzte Wendung wäre nicht notwendig gewesen, und die titelgebende Unruhe gibt bis zur letzten Seite den Takt vor. Deshalb ist „Unruhe“ ein gelungenes Krimidebüt, das sehr viel Lust auf eine Fortsetzung macht.

Jesper Stein: Unruhe. Übersetzt von Patrick Zöller. Kiepenheuer & Witsch 2013.

Andere:
tatort:krimi

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Krimi-Kritik: „Der Tod ist ein bleibender Schaden“ von Eoin Colfer

(c) List

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Der ehemalige irische Soldat Dan hat in Cloisters in New Jersey eigentlich ein ganz ruhiges Leben: er arbeitet als Türsteher in einem heruntergekommenen Casino, versteht sich mit den meisten seiner Kollegen und hatte eine Weile kaum Ärger. Klar, hin und wieder muss er Gäste herauswerfen, sein Chef Victor ist ein solches „Arschgesicht“ ist, dass er „einen eigenen Film“ verdient hätte und gelegentlich suchen ihn Flashbacks heim, aber dafür hat er eine kleine, unverbindliche Affäre mit der Kellnerin Connie und sein größtes Problem ist die Nachbarin über ihm, die ihn gerne beschimpft. Als Connie eines Abends von einem einflussreichen Gast belästigt wird und Dan am nächsten Morgen im Büro seines Arztes und Freundes Zed einen Mafia-Gangster antrifft, den er umbringen muss, ist es mit diesem ruhigen Leben allerdings vorbei.

Mit beständig neuen Wendungen erzählt Eoin Colfer in seinem ersten Kriminalroman mit Daniel McEvoy eine verwickelte Geschichte, in der sich Dan allerhand Hindernisse in den Weg stellen, die er oftmals mit mehr Glück als Verstand überwindet. Dabei nimmt Colfer in an Elmore Leonard geschulten Dialogen sämtliche Klischees irischer (Möchtegern-)Gangster auf die Schippe, lässt seinen eigenen Helden aber ungetrost weiter Jameson trinken. Die Nebenfiguren sind so überzeichnet, dass es schon wieder ein Vergnügen ist, hinzu kommen eine deftige Portion irischen Humors und größtenteils lustige Sprüche. Das ist alles nichts für Jugendliche, die angesichts der Artemis-Fowler-Bücher bei diesem Autor durchaus in Versuchung geraten könnten, wer jedoch auf der Suche nach einer sehr unterhaltsamen, schwarzhumorigen und kurzweiligen Krimi-Lektüre ist, der liegt hier goldrichtig.

Eoin Colfer: Der Tod ist ein bleibender Schaden. Übersetzt von Conni Lösch. List 2012.

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Krimi-Kritik: „Shining Girls“ von Lauren Beukes

Von dem Leuchten in ihren Augen wird Harper Collins magisch angezogen. Er hat es bei Kvirby gesehen, als er sie im Jahr 1974 das erste Mal besuchte, und 15 Jahre später kehrte er zurück, um sie zu ermorden. Jedoch misslingt ihm das Vorhaben, Kvirby überlebt schwerverletzt und ist fortan von dem Gedanken besessen, ihren Mörder zu finden. Deshalb fängt sie bei einer Zeitung an und versucht, den Kriminalreporter Dan zur Mithilfe zu überreden. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche. Mit einem haben beide allerdings nicht gerechnet: Ihr Serienmörder reist durch die Zeit.

(c) Rowohlt Polaris

(c) Rowohlt Polaris

Die Ausgangsidee eines zeitreisenden Serienkillers ist interessant, zudem spiegelt sie sich in der Erzählstruktur wider: Die kurzen Kapitel spielen in verschiedenen Jahren zwischen 1929 und 1993 und sind aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Harper, Kvirby und Dan treten mehrfach in Erscheinung, aber auch ihre Entwicklung verläuft nicht chronologisch, sondern die Erzählung springt ebenso wie Harper durch die Zeit. Dadurch kommen Harpers andere Opfer zu Wort und beim Lesen erlebt man Chicago in den verschiedenen Zeiten und unterschiedlichen Perspektiven. Außerdem bekommt Harper die Gelegenheit, vermeintliche Fehler wieder auszugleichen – und setzt damit die Regel außer Kraft, dass jeder Mörder früher oder später einen Fehler macht.

Sofern man sich auf die Grundidee des Buches einlassen kann, die fantastischen Elemente akzeptiert und damit leben kann, dass Lauren Beukes nicht alles erklärt, ist „Shining Girls“ ein spannender und unterhaltsamer Thriller, der voller kleiner Ideen steckt und ein tolles Cover hat. Leonardo DiCaprio hat sich bereits die Filmrechte gesichert.
Lauren Beukes: Shining Girls. Übersetzt von Karolina Fell. Rowohlt 2014.

Andere:
Krimi-Welt

Verlosung:
Nachdem ich zwei Leseexemplare dieses Buch erhalten habe, darf ich mit freundlicher Erlaubnis des Rowohlt Verlags eines hier im Blog verlosen. Wenn ihr Lauren Beukes‘ Thriller gerne lesen möchte, hinterlasst bitte bis zum 14. März 2014 unter diesem Beitrag einen Kommentar mit kurzer Begründung, warum ihr das Buch gewinnen möchtet. Der Gewinner wird ausgelost. Nur eine Teilnahme pro Haushalt.

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Obsessiv – Über „1974“ von David Peace

David Peace (c) Suse Walczak

David Peace (c) Suse Walczak

David Peaces Bücher machen mich fertig. Richtig fertig. Nach dem Lesen bin ich nahezu körperlich erschöpft, weil die Worte und Sätze in einem unerbitterlichen Rhythmus auf mich einprasselten. Bei „Tokio im Jahre null“ war es das brutale Stakkato der Beobachter, ihre Schilderungen der Verbrechen. Bei „GB84“ waren es die Worte der Bergarbeiter, die mich erschütterten. Und bei seinem Debüt „1974“ sind es die Sätze des letzten Teils, die mich wie Hammerschläge in den düsteren Abgrund getrieben haben, den das Ende des Buches offenbart. Leichte Lektüre sind David Peaces Bücher daher sicher nicht. Er hat selbst in einem Interview mit Spiegel Online gesagt, dass er sich manchmal wundert, warum die Leute seine Bücher lesen. Sie sind grausam – gerade „1974“ erscheint ihm aus heutiger Sicht auch unnötig brutal –, perspektivisch und erzählerisch schwierig und sehr düster. Aber genau das macht David Peace auch zu einem der bemerkenswertesten Autoren der Gegenwart: Die Gewalt ist niemals Selbstzweck, sondern sie spiegelt sich ebenso wie die Komplexität von Verbrechen in der narrativen Struktur und vor allem dem Rhythmus der Sätze wider, die mit der beschriebenen und erlittenen Gewalt der Figuren korrespondieren und sich in das Gehirn einbrennen. Dabei ist es ein Glück, dass die Kriminalromane von Peter Torberg übersetzt wurden, der diese Besonderheiten wunderbar transponiert. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Brixton Hill“ von Zoë Beck

Gerade noch hat Eventmanagerin Em mit ihrer Kollegin und Freundin Kimmy Rasmussen ein Gespräch in deren Büro geführt, nun liegt diese tot auf dem Fußweg. Nachdem sich Rauch in der Büroetage gebildet hatte, glaubte Kimmy, das einzig richtige zu tun und sprang aus dem 15. Stock. Weder Em noch ihre Mitarbeiter konnten sie daran hindern. Dann wird Em verhaftet: Sie soll die Gebäudetechnik manipuliert und die Katastrophe ausgelöst haben. Damit beginnt für sie ein lebensbedrohlicher Kampf um ihre Unschuld, in dem sie auf Immobilienspekulanten, Hacker und ihre eigene Familie trifft.

Gentrifizierung als Thema im Kriminalroman

(c) Rotbuch

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(c) btb

(c) btb

Ems Nachforschungen konfrontieren sie mit hässlichen Wahrheiten über ihre Familie und das dreckige Geschäft mit Immobilien, das sich in London sowohl an dem ersten Tatort Canary Wharf als auch im titelgebenden „Brixton Hill“ zeigt: überteuerte Bürogebäude werden ohne Rücksicht auf die Umwelt hochgezogen, alteingesessene Bewohner werden vertrieben, damit wohlhabende Möchtegern-Hipster in einem ‚alternativen‘ Umfeld wohnen können.Auch in den neuen Romanen von Rob Alef („Immer schön gierig bleiben“) und Ulrich Ritzel („Trotzkis Narr“) ist Gentrifizierung der Hintergrund des Krimi-Plots. Die Fälle sind indes grundverschieden: Bei Alef ermittelt sein Kommissar Paschulke in dem Mord an einer Immobilienmaklerin, bei Ritzel stößt Privatdetektiv Hans Berndorf bei der Untersuchung einer Beschattung auf einen Bestechungsskandal und bei Zoë Beck gerät nun eine Eventmanagerin unschuldig unter Mordverdacht.Die Ermittlungen in allen drei Büchern führen in die Aktivisten-Szene – und bei Beck und Ritzel zum Linksterrorismus der 1970er Jahre. Weiterlesen

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