Krimi-Kritik: „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ von Frank Schulz

Ich bin verliebt. In Onno Viets, den Mitte 50-jährigen Noppensockenträger, der seine Sätze gerne mit „öff, öff“ beendet. Und ein wenig auch in Frank Schulz, dem ich in einer Phase des „das habe ich doch alles schon einmal gelesen“ und „och nö, nicht schon wieder“ diesen famosen Roman zu verdanken habe. Beim Lesen habe ich laut gelacht, nur um auf der nächsten Seite gerührt und einige Seiten weiter erzürnt zu sein. „Onne Viets und der Irre von Kiez“ ist eine großartig geschriebener Kriminalroman, ein Gegenwartsroman und eine Gesellschafts- und Medienkritik.

Über Onno Viets

Eigentlich ist Onno mit seinem Leben ganz zufrieden. Er ist glücklich verheiratet mit der Erzieherin Edda und hat selbst seine Phobie gegen Vögel- und insbesondere Hühnerköpfe einigermaßen im Griff. Aber ihn plagen Steuerschulden und der Wunsch, seiner Edda ein Fahrrad zum Geburtstag zu schenken. Deshalb hat er – aus dem Fernsehen natürlich – die Idee, Privatdetektiv zu werden. Diesen Entschluss verkündet er gegenüber seinen Freunden, dem Rechtsanwalt Christoph Dannewitz, genannt Stoppel, dem schönen Raimund und Ulli „Elefantenpeitsche“ Vredemann, als sie nach dem wöchentlichen Tischtennisspielen in Hamburg-Eppendorf in der italienischen Kneipe „tre tigli“ zusammensitzen: „So, Sportsfreunde. Achtung, Achtung. Ich glaub, ich werd´ Privatdetektiv. Öff. Öff“. Seine Freunde sind nicht allzu begeistert, zumal Onno bisher schon mit einigen Ideen pleite gegangen ist – und eigentlich abgesehen vom Sitzen nichts richtig gut kann. Aber Onno ist eben Onno und so lässt sich Christoph Dannewitz dazu verleiten, ihm einen vermeintlich harmlosen Auftrag zu vermitteln: Für Harald Herbert Queckenborn alias Nick Dolan, Pop-Titan und Juror in einer Porno-Show, soll er dessen Geliebte Fiona Schulze-Pohle alias Fiona Popo beschatten. Queckenborn ist nämlich überzeugt, dass Fiona ihn betrügt. Eigentlich ist es ein Auftrag, bei dem nichts schief gehen kann. Aber Onno findet heraus, dass sie ausgerechnet mit der Kiez-Größe Tibor Tetropov, genannt Händchen, eine Affäre hat.

Hervorragende Erzählstruktur
Erzählt wird die Geschichte aus Sicht von Onnos zweitältestem Freund Christoph Dannewitz, der ihm diesen verhängnisvollen Auftrag vermittelt hat. Als Ausgangspunkt wählt er die Beschreibung eines Videos von einem Zwischenfall in Hamburg, das die einzelnen Erzählblöcke über Onnos Verbindung zum „Irren vom Kiez“ unterbricht. Dadurch entsteht Spannung. Vor allem aber erweist sich die Erzählperspektive als Kunstgriff: Wer mit Onno befreundet ist, ist es wegen der Freundschaft (Vorteile hat er davon nicht), und so erzählt der Erzähler von Onno mit unverhohlener Sympathie und voller Liebeswürdigkeit. Dadurch verfällt man beim Lesen unweigerlich dem einzigartigen Onno-Charme. Zugleich wird dadurch unter der Kriminalgeschichte eine weitere Ebene deutlich: Der Roman handelt von Freundschaft, von Treue und Verrat.

Frank Schulz (c) Arne Weychardt

Darüber hinaus erlaubt die Wahl eines Rechtsanwalts als Erzähler auch eine Falltiefe zwischen Intellektualität und Trivialität, zwischen denen Frank Schulz gekonnt wechselt. Die verschiedenen Ebenen spiegeln sich auch in der Sprache wider, die mal exakt und an anderer Stelle verschwurbelt (um mal ein Lieblingswort der Bachmann-Juroren zu benutzen) ist, die Dialekte und Milieu-Färbungen auf den Punkt bringt. „Onno war ein gebürtiger Stulle-Pulle-Typ, und ‚für waam‘ reicht ihm im Prinzip irgendein Quatsch mit Soße.“ Dabei dienen die dialektalen Färbungen stets der Charakterisierung der Figuren und sollen kein Lokalkolorit verbreiten. Hier sitzt jedes Wort.

Eine Empfehlung
„Onno Viets und der Irre vom Kiez“ ist fraglos einer der besten (Kriminal-)Romane, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Er ist begeisternd, berührend, sehr komisch und kritisch. Daher freue ich mich sehr, dass es ein Wiedersehen mit Onno Viets geben wird.

Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Galiani 2012.

Zu dem Buch gibt es auch einen sehr schönen Buchtrailer, der Auszüge einer besonderen Lesung des Buchs mit Frank Schulz, Harry Rowohlt, Rocko Schamoni, Karen Duve, Sven Regener, Jan Georg Schütte, Tina Kemnitz und Joachim Seidel zeigt.

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