Schlagwort-Archiv: Krimi

Don Winslow: „Manhattan“

(c) Suhrkamp

Seinem Erfolg hierzulande hat es Don Winslow wohl zu verdanken, dass nach und nach auch seine älteren Werke übersetzt werden. Nach „Die Sprache des Feuers“ erscheint nun voraussichtlich am 17. Juni 2013 sein Buch „Manhattan“ aus dem Jahr 1996. Es war das erste Buch nach der Neal-Carey-Reihe, deren ersten drei Teile in deutscher Übersetzung höchstens noch antiquarisch zu kaufen sind.

In „Manhattan“ erzählt Don Winslow von dem Personenschützer Walter Whiters, der Weihnachten 1958 auf den jungen Senator Joe Keneally und seine Ehefrau Madeleine aufpassen soll, die New York besuchen. Er erfährt mehr über den möglichen nächsten Präsidenten als ihm lieb ist – und plötzlich wird eine Leiche in seinem Hotelzimmer gefunden …

Ich finde es immer wieder spannend, ein Werk eines Autors mehr oder minder komplett zu erschließen, daher werde ich auch „Manhattan“ lesen. Allerdings erwarte ich hier kein Meisterwerk, sondern den Thriller eines Autors, der seinen Stil noch entwickelt.

Update: Zu meiner Kritik des Buches geht es hier.

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Krimi-Kritik: „Opfer“ von Cathi Unsworth

(c) Suhrkamp

Privatermittler Sean Ward reist im Auftrag einer Anwältin an die Küste im Nordosten Englands, um einen 20 Jahre zurückliegenden Fall wieder aufzurollen. Damals wurde die junge Corrine Woodrow verurteilt, einen Ritualmord begangen zu haben. Seither sitzt sie in der Psychiatrie – und selbst ihr Therapeut ist von der Aussicht, dass sie wieder an die Tat erinnert wird, wenig begeistert. Aber DNA-Proben weisen darauf hin, dass sich mindestens noch eine zweite Person am Tatort befunden haben muss. Deshalb lässt sich Sean Ward nicht abwimmeln und nimmt mithilfe der örtlichen Zeitungsredakteurin Francesca Ryman die Ermittlungen auf.

„Opfer“ von Cathi Unsworth ist ein spannender Kriminalroman, der vor allem zwei Stärken hat: Detailliert und atmosphärisch dicht beschreibt Cathi Unsworth das Leben in der kleinen Stadt Ernemouth, so dass die Enge, die Rebellionsversuche und die Hilflosigkeit einiger Bewohner fast zu spüren ist. Da sie die Handlung auf zwei Ebenen erzählt – die 20 Jahre zurückliegenden Ereignisse im Sommer 1984 und die gegenwärtigen Ermittlungen von Sean Ward – entsteht ein dichtes Panorama des kleinen Ortes. Weiterlesen

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Wie schreibe ich einen spannenden Roman? Über „Spannend schreiben” von Christian Schärf

Noch bei der Tagung „Krimis machen“ im April in Berlin hieß es, dass es nie einfacher gewesen sei, einen Spannungsroman zu veröffentlichen als derzeit. Tatsächlich gibt es gefühlt keinen Ort mehr in Deutschland, der keinen eigenen Ermittler hat, und an allen Enden sprießen Kriminalromane aus dem Boden. Dennoch ist es nicht einfach, einen spannenden Roman zu schreiben. Ganz im Gegenteil: Bei manchen Büchern wünschte ich mir, die Autoren hätten vorher diesen Ratgeber gelesen.

Aufbau und Beispielsaufgabe

(c) Dudenverlag

Aufgebaut ist „Spannend schreiben“ von Christian Schärf in fünf „Textprojekte und Schreibaufgaben“, in denen jeweils erzählerische Techniken erläutert werden. Dazu gehören Elemente der Angst, des Schauers und Grauen, Konstellation für die Aufklärung eines Verbrechens und der Aufbau eines Plots. Schreibaufgaben am Ende der jeweiligen Abschnitte sollen das soeben Gelesene praktisch vertiefen. Dabei wird sehr deutlich, dass es zwar bestimmte Techniken gibt – jeder Roman ist zu einem gewissen Teil auch Handwerk –, wer aber keine Ideen hat, wird sie auch hier nicht finden. Vielmehr hilft dieses Buch dabei, das Geschriebene analytisch zu durchdringen. Weiterlesen

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„Engelsgrab“ von Danielle Ramsay

(c) Piper

Das Krimi-Debüt der schottischen Autorin Danielle Ramsey beginnt mit dem Mord, der aus der Perspektive des Opfers geschildert wird. Das ist ein spannender und konventioneller Auftakt für einen Krimi, der sich auch im weiteren Verlauf weitgehend an die Regeln des Genres hält: Die 15-jährige Sophie wurde ermordet und ihr Gesicht wurde entsetzlich verstümmelt. Nachdem er als Folge einer Schussverletzung für sechs Monate außer Dienst war, wird Detective Inspector Jack Brady an den Tatort am Strand von Whitley Bay im Nordosten Englands gerufen. Er soll die Ermittlungen übernehmen, obwohl sein alter Freund und Kollege DI Jimmy Matthews eigentlich dafür vorgesehen war. Aber er hat sich am Tatort wie ein Laie benommen und wurde daraufhin abgezogen. Von Anfang an kommt Brady die Sache merkwürdig vor – und schon bald erfährt er, dass er mit seinem Argwohn richtig liegt: Jimmy Matthews kannte die Tote und war offenbar der letzte, der sie lebend gesehen hat.

Danielle Ramsay verwendet sehr viel Sorgfalt darauf, das Umfeld ihrer Hauptfigur Jack Brady – Parallelen zu Harry Hole sehe nicht nur ich in dieser Figur – zu beschreiben. Weiterlesen

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„Beraubt“ von Chris Womersly

(c) DVA

Vor Jahren musste Quinn Walker die heimatliche Kleinstadt Flint verlassen, als er für den Mörder seiner jüngeren Schwester gehalten wurde. Die Bewohner, sein Onkel und sogar sein Vater sind seit damals von seiner Schuld überzeugt, weil er blutbesudelt mit dem Messer über ihrer Leiche gefunden wurde. Nun ist er aus dem Großen Krieg zurückgekehrt; zerlumpt, traumatisiert und verwundet. Er hält sich in den Bergen in der Nähe von Flint versteckt und will seiner Mutter die Wahrheit gestehen: Er hat seine Schwester nicht getötet, aber er weiß, wer ihr Mörder ist. Noch immer hegen sein Vater und sein Onkel, der mittlerweile das Gesetz in Flinn vertritt, Rachegelüste und wollen ihn hängen sehen, also muss er sich vorsichtig verhalten. Da seine Mutter an der Spanischen Grippe leidet und unter Quarantäne steht, schleicht er sich heimlich zu ihr hin und erzählt ihr von seinem Leben und seinen Erinnerungen. Ist er nicht bei ihr, streift er durch die Berge. Dort trifft er auf das Waisenmädchen Sadie Fox. Seit ihre Mutter gestorben ist, wartet sie in einer einsam gelegenen Hütte auf die Rückkehr ihr Bruders und hält versteckt sich ebenfalls t vor Quinns Onkel, der sie in Waisenhaus bringen will. Sadie ist ein merkwürdiges Mädchen: Sie spricht mit Tieren und Pflanzen und ist erstaunlich hellsichtig. In ihr findet Quinn – anfangs widerwillig, später willkommen – eine ideale Begleiterin. Es scheint fast, als würde sie seine dunkelsten Geheimnisse kennen.

Australien im Jahr 1919 ist ein ungewöhnlicher Schauplatz für eine packende Rachegeschichte. Chris Womersley nutzt die Nöte und Schrecken des Krieges als Folie für die Traumatisierung eines jungen Mannes und schildert die Folgen des Krieges, der Grippewelle und der allgegenwärtigen Not so eindringlich, dass man beim Lesen die Sehnsucht der Hauptfigur nach einer Orange fast teilt. Dabei spiegelt sich die Grausamkeit eines weltumspannenden Krieges in der Rachsucht und Ignoranz einer kleinen Dorfgemeinschaft, treffen die Schrecken und Tötungen des Krieges auf einen psychopathischen Polizisten, der das Dorf kontrolliert. Es sind verstörte und verunsicherte Gesellschaften in Europa – und in Australien. Weiterlesen

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„Paperboy“ von Pete Dexter

„Mein Bruder Ward war einmal berühmt.“ Mit diesem Satz beginnt Pete Dexters „Paperboy“ und er gibt sogleich den Tenor vor: Hier wird von einem erzählt, dessen Ruhm nicht dauerhaft war. Von Anfang an steuert Pete Dexters „Paperboy“ daher auf einen Abgrund zu, dessen Ausmaß sich lange lediglich erahnen lässt, aber stets im Hintergrund zu spüren ist. Dabei ist „Paperboy“ zugleich eine Parabel über das Zeitungswesen und das Verbrechen.

(c) Liebeskind

Zwei Journalisten und ein Kriminalfall
Nachdem er sein Schwimm-Stipendium verloren hat, ist Jack James – der Erzähler von „Paperboy“ – von der Universität geflogen und ins heimatliche Lately, Florida zurückgekehrt. Es ist das Jahr 1969 und Jack weiß nicht recht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Also verdingt er sich als Fahrer für die Zeitungen seines Vaters W.W. Sein Bruder Ward arbeitet hingegen als Reporter für die Miami Times und hat einige Aufmerksamkeit für einen Artikel über einen Flugzeugabsturz erhalten, den er mit seinem Kollegen Yardley Achman zusammen geschrieben hat. Es heißt, Ward habe die exakten Recherchen und genauen Analysen beigesteuert, während Yardley Achman den schillernden Schreibstil habe. Für Familie James ist Ward nunmehr der Hoffnungsträger, der die liberale Familienzeitung eines Tages fortführen könnte.

Dann kehrt Ward nach Lately zurück, um sich einen vier Jahre zurückliegenden Fall noch einmal anzusehen. Weiterlesen

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„Tower“ von Ken Bruen und Reed Farrel Coleman

(c) Rotbuch Verlag

Zwei Autoren schreiben einen Kriminalroman – oder im Fall von „Tower“ erzählen Ken Bruen und Reed Farrel Coleman eine Geschichte aus zwei Perspektiven: Die Iren Nick und Todd wachsen zusammen in Brooklyn auf, raufen sich auf dem Schulhof, sind beste Freunde und rutschen irgendwann in die Kriminalität ab. Anfangs halten sie sich mit kleinen kriminellen Jobs über Wasser. Aber dann steigen sie in der Hierarchie der Organisation des unberechenbar-eitlem Boyle auf – mit ungeahnten Folgen.

Der titelgebende „Tower“ spielt auf den Nordturm des World Trade Center an, in dem Nicks Vater nach dem Ende seiner Dienstzeit bei der Polizei als Wachmann arbeitet. Aber letztlich bietet der 11. September hier nur einen Rahmen, der sich nicht recht um die Geschichte fügen will. Insbesondere der Epilog, der die Geschichte auf eine allgemeine Ebene heben will, ist schwach.

Ohnehin bietet der Plot nur wenig neue Elemente. Stattdessen unterhält „Tower“ vor allem durch die Umsetzung der Story. Während Nicks Episode von einem vermeintlichen Aufstieg geht, ist Todds Leben ein einziger Kampf gegen den Abgrund. Dabei fügen sich die Puzzleteile der Episoden in Nicks und Todds Leben gut zusammen, es gibt interessante Spiegelungen und Parallelen. Stilistisch können die zwei Teile deutlich Ken Bruen (Nick) und Reed Farrel Coleman (Todd) zugeordnet werden. Nicks Leben ist von einer unbändigen Wut geprägt, die sich in Bruens schroffem Stil und den vielen willensstarken Details widerspiegelt. Todd ist hingegen ruhiger, melancholischer, hierzu passt Colemans elegante Prosa, die sich eher auf das Ergründen von Seelenzuständen konzentriert. Dadurch ist „Tower“ – im Gegensatz zu beispielsweise Bruens Romanen, die er mit Jason Starr geschrieben hat – ein Buch, in dem zwei Schriftsteller zusammenwirken, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren, und es zeigt eine interessante Form der Zusammenarbeit auf.

Es ist ein sprachlicher Genuss, dieses Buch zu lesen, außerdem lädt insbesondere der Teil über Nick ein, einige Künstler wiederzuentdecken. Aufgrund der insgesamt schwachen und vorhersehbaren Geschichte bleibt „Tower“ jedoch vor allem eine stilistische Fingerübung.

Andere über „Tower“:
Krimimimi
Christian Enders

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