Schlagwort-Archiv: Krimi

„Kahlschlag“ von Joe R. Lansdale

Osttexas zur Zeit der Großen Depression. An dem Nachmittag, an dem es Frösche, Flussbarsche und Elritzen regnete und ein Sturm über Camp Rapture hinwegzog, ersticht Sunset ihren Ehemann. Sie hatte es satt, ständig von ihm verprügelt und vergewaltigt zu werden. Als er wieder einmal über sie herfiel, hat sie ihn – Deputy Pete – mit seiner Dienstpistole erschossen. Erstaunlicherweise zeigt Sunsets Schwiegermutter Marilyn Verständnis für sie und schickt ihren prügelnden Ehemann selbst in die Wüste. Doch nicht nur das: Nun braucht Camp Rapture einen neuen Deputy und Sägewerksbesitzerin Marylin verwendet ihren ganzen Einfluss als größte Arbeitgeberin der Region, um Sunset zur Nachfolgerin zu machen. Mit dem verwahrlosten Clyde und dem gerade erst in Camp Rapture angekommenen Hillbilly als Gehilfen nimmt Sunset die Arbeit auf – und ist schon bald in einen Mordfall verwickelt, in dem sie selbst zur Hauptverdächtigen avanciert.

(c) Golkonda

In seinem Roman „Kahlschlag“ setzt sich Joe R. Lansdale wie so oft in seinen Büchern mit den Themen Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Armut auseinander. Mit lakonischer Sprache erzählt er von der Gefahr, die Männer in Frauen sehen, die an ihren eingefahrenen Geschlechtsbildern rütteln, und in Afroamerikanern, die erfolgreich und intelligent sind. In einer einzigen Szene gleich zu Beginn macht er diese Stimmung deutlich: Nachdem Sunset benommen von der Tat und dem Sturm wieder zu sich kommt, bittet sie den Schwarzen Uncle Riley, sie zu ihrer Schwiegermutter zu bringen. Er hat Angst, dass er gelyncht wird, wenn die weißen Leute die halbnackte Sunset neben ihm sehen. Als Sunset dann noch den Revolver bei ihm lassen will, sagt er nur: „Die weißen Leute finden seine Leiche, dann sehn sie mich, und schon ist ein Nigger fällig. Wenn die dem Mr. Pete seine Waffe in meinen Wagen sehn, wo er doch Constable war, dann knüpfen die den Jungen und mich schneller auf, als wie wenn einer sagt: Schnappen wir uns den Nigger“. Weiterlesen

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„Stoff ohne Ende“ von Daniel Woodrell

Blick auf die Saint Francois Mountains der Missouri Ozarks (cc) Wikipedian Kbh3rd

Nachdem seine „Im Süden“-Trilogie kommerziell nicht erfolgreich war, begann Daniel Woodrell mit „Stoff ohne Ende“ über die Ozark Moutains in Missouri zu schreiben, jener Welt, die er kannte. Dorthin kehrt Doyle Redmond – Hauptfigur und Erzähler – zurück, um sich vor der Polizei zu verstecken und seinen Bruder Smoke davon zu überzeugen, sich der Polizei zu stellen. Eigentlich waren die Redmonds „noch nie die Art Familie, die ihre Leute so ohne weiteres in den Knast wandern lässt. Es gehört zu den Unverrückbarkeiten unseres Hillbilly-Selbstverständnisses, zu unserer Tradition und zu unserem angeborenen Verhalten, daß wir nicht vor der Staatsmacht kuschen“. Aber seit die Cops in Kansas City bei den Eltern zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen und einfach vorbeikommen, gehen sie ihnen zu sehr auf die Nerven. Also macht sich Doyle auf den Weg in die Ozarks, „die perfekte B-Seite eines Großstadtmolochs“. Dort gibt Hügel, Wälder und alteingesessene Familien-Clans, die sich gegenseitig umbringen. Die meisten verdienen ihr Geld mit Drogen – Marihuana wird angebaut, Crystal Meth gekocht und alles verkauft. Die Zugehörigkeit zu der Familie bestimmt hier, wer du bist. Also besucht Doyle erst seinen Großvater, der ihm dann verrät, wo sich Smokey versteckt. Und so begegnet Doyle der Hillbilly-Schönheit Niagra und ihrer Mutter Big Annie, die mit Smoke zusammenlebt. Er fühlt sich dort zu Hause, zieht in einen Wohnwagen neben der Verenda und überlegt, wie er seiner Schriftstellerkarriere neuen Schwung geben kann. Außerdem hilft er seinem Bruder bei dem heimlichen Anbau von Marihuana, das sie insbesondere vor den Dollys (man denke an „Winters Knochen“) verstecken müssen. Weiterlesen

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Poe in Baltimore – Über „The Raven“

(c) Universum Film

„Anscheinend sind meine eigenen Werke zur Inspiration für einen Mörder geworden!“, muss Edgar Allen Poe (John Cusack) feststellen. Nach Baltimore zurückgekehrt, um endlich die wunderschöne Emily (Alice Eve) zu heiraten, deren Vater ihn hasst, ist mit ihm ein Serienmörder in die Stadt gekommen, der die Methoden seiner Werke mit seinen Taten kopiert. Schnell hat der findige Inspektor Fields (Luke Evans) diese Parallele entdeckt, ermittelt erst gegen und zügig mit Poe. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Verbrecherjagd, bei der Poes Werke lediglich Anreize für blutige Tatorte geben. Denn „The Raven“ ist weder ein meta-literarisches Spiel mit Poes Werken noch ein fiktives Biopic des Meisters des Schreckens. Aber der Film vermag dank eines ansehnlichen Produktionsdesigns und einiger Spannung durchaus zu unterhalten. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Bloodman“ von Robert Pobi

(c) Ullstein

Als Jugendlicher hat Jake Cole seine Heimat in Montauk, New York und seinen egomanischen Vater Jacob Coleridge verlassen und hat auf der Straße gelebt, zu viel getrunken und alle möglichen Drogen genommen. Er hatte sogar einen viermonatigen Blackout, währenddessen er sich Verse auf die Haut tätowieren lies. Aber er ist wieder auf die Beine gekommen und arbeitet nun als Sonderermittler für das FBI. Jake ist Experte für Tatorte und liest sie wie kein zweiter. Als sein Vater mit der Diagnose Alzheimer in eine Klinik eingeliefert wird, nachdem er versucht hat, sich selbst zu verstümmeln, kehrt Jake nach Montauk zurück. Und mit ihm ein grausamer Mörder, der seinen Opfern die Haut abzieht. Für Jake gibt es keinen Zweifel, dass dieser Mann vor Jahren seine Mutter auf ebenso grausame Weise tötete. Deshalb will er ihn dieses Mal unbedingt stellen.

Die Handlung von Robert Pobis Thriller „Bloodman“ klingt spannend und beginnt auch vielversprechend: Jake ist gerade in Montauk angekommen, als die zwei gehäutete Leichen gefunden werden. Damit wird ein hohes Tempo suggeriert, allerdings hat der Autor zahlreiche unnötige Verzögerungen eingebaut, die den Fluss hemmen. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ von Frank Schulz

Ich bin verliebt. In Onno Viets, den Mitte 50-jährigen Noppensockenträger, der seine Sätze gerne mit „öff, öff“ beendet. Und ein wenig auch in Frank Schulz, dem ich in einer Phase des „das habe ich doch alles schon einmal gelesen“ und „och nö, nicht schon wieder“ diesen famosen Roman zu verdanken habe. Beim Lesen habe ich laut gelacht, nur um auf der nächsten Seite gerührt und einige Seiten weiter erzürnt zu sein. „Onne Viets und der Irre von Kiez“ ist eine großartig geschriebener Kriminalroman, ein Gegenwartsroman und eine Gesellschafts- und Medienkritik.

Über Onno Viets

Eigentlich ist Onno mit seinem Leben ganz zufrieden. Er ist glücklich verheiratet mit der Erzieherin Edda und hat selbst seine Phobie gegen Vögel- und insbesondere Hühnerköpfe einigermaßen im Griff. Aber ihn plagen Steuerschulden und der Wunsch, seiner Edda ein Fahrrad zum Geburtstag zu schenken. Deshalb hat er – aus dem Fernsehen natürlich – die Idee, Privatdetektiv zu werden. Diesen Entschluss verkündet er gegenüber seinen Freunden, dem Rechtsanwalt Christoph Dannewitz, genannt Stoppel, dem schönen Raimund und Ulli „Elefantenpeitsche“ Vredemann, als sie nach dem wöchentlichen Tischtennisspielen in Hamburg-Eppendorf in der italienischen Kneipe „tre tigli“ zusammensitzen: „So, Sportsfreunde. Achtung, Achtung. Ich glaub, ich werd´ Privatdetektiv. Öff. Öff“. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Blutige Fehde“ von Stuart Neville

(c) rütten & loenig

Lesern von Stuart Nevilles Erstling „Die Schatten von Belfast“ wird eine der Hauptfiguren seines zweiten Thrillers „Blutige Fehde“ besonders bekannt vorkommen: Der Ex-IRA-Killer Gerry Fegan mordete dort, um die Schatten seiner Vergangenheit loszuwerden, und brachte dabei den Friedensprozess in Nordirland in Gefahr. In „Blutige Fehde“ belästigen ihn abermals die Schatten seiner Taten: Bull O’Kane hat das damalige Gemetzel überlebt und will sich nun an Fegan rächen. Deshalb heuert er den Killer „Der Nomade“ an, der vorerst in Belfast alte Rechnungen für ihn begleicht, sein Hauptziel ist allerdings der mittlerweile verschwundene Fegan. Um ihn wieder nach Nordirland zu locken, will O’Kane ihn an seinem einzigen schwachen Punkt treffen und Marie und deren Tochter Ellen entführen – die einzigen Menschen, die Fegan etwas bedeuten.

Korruption und alte Seilschaften
Während Stuart Neville in seinem Debüt noch dem Geflecht aus Gewalt, Politik und Korruption in Nordirland nachspürte, konzentriert er sich in „Blutige Fehde“ vor allem auf Police Inspector Jack Lennon, Ellens biologischen Vater und damit vordergründig auf die Korruption in der Polizei. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Accra“ von Kwei Quartey

(c) Lübbe

„Sodom und Gomorra“ wird der übelste Slum von Accra, der Hauptstadt Ghanas, genannt. Inmitten der giftigen Dämpfe der Mülldeponie, Armut und Gewalt kämpfen die Menschen in Agbogbloshie jeden Tag ums Überleben, darunter nach Schätzungen bis zu 50 000 Kinder, die auf der Straße leben. Viele sind aus dem Norden des Landes gekommen und hofften auf ein besseres Leben. Nun verdingen sie sich als Kofferträger, schleppen Waren, putzen Schuhe oder prostituieren sich. An einem Sonntagmorgen im Juni wird Detective Inspector Darko Dawson nach Agbogbloshie gerufen: Ein Junge hat eine Leiche entdeckt. Bei dem Toten handelt es sich um den 16-jährigen Straßenjungen Musa, der von seinem Mörder verstümmelt und in Korle-Lagune, in der Nähe der Mülldeponie, abgelegt wurde. Weitere Tote folgen – und Inspector Dawson sucht fieberhaft nach einem Serienmörder, der seine Opfer verstümmelt an möglichst dreckigen Orten ablegt.

Serienmord und Gesellschaftsbild
Getreu vieler afrikanischer Kriminalromane vermutet Inspector Dawson anfangs einen Zusammenhang mit Opferritualen. Aber so leicht macht es der Schriftsteller Kwei Quartey seinen Lesern nicht. Weiterlesen

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