„Stoff ohne Ende“ von Daniel Woodrell

Blick auf die Saint Francois Mountains der Missouri Ozarks (cc) Wikipedian Kbh3rd

Nachdem seine „Im Süden“-Trilogie kommerziell nicht erfolgreich war, begann Daniel Woodrell mit „Stoff ohne Ende“ über die Ozark Moutains in Missouri zu schreiben, jener Welt, die er kannte. Dorthin kehrt Doyle Redmond – Hauptfigur und Erzähler – zurück, um sich vor der Polizei zu verstecken und seinen Bruder Smoke davon zu überzeugen, sich der Polizei zu stellen. Eigentlich waren die Redmonds „noch nie die Art Familie, die ihre Leute so ohne weiteres in den Knast wandern lässt. Es gehört zu den Unverrückbarkeiten unseres Hillbilly-Selbstverständnisses, zu unserer Tradition und zu unserem angeborenen Verhalten, daß wir nicht vor der Staatsmacht kuschen“. Aber seit die Cops in Kansas City bei den Eltern zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen und einfach vorbeikommen, gehen sie ihnen zu sehr auf die Nerven. Also macht sich Doyle auf den Weg in die Ozarks, „die perfekte B-Seite eines Großstadtmolochs“. Dort gibt Hügel, Wälder und alteingesessene Familien-Clans, die sich gegenseitig umbringen. Die meisten verdienen ihr Geld mit Drogen – Marihuana wird angebaut, Crystal Meth gekocht und alles verkauft. Die Zugehörigkeit zu der Familie bestimmt hier, wer du bist. Also besucht Doyle erst seinen Großvater, der ihm dann verrät, wo sich Smokey versteckt. Und so begegnet Doyle der Hillbilly-Schönheit Niagra und ihrer Mutter Big Annie, die mit Smoke zusammenlebt. Er fühlt sich dort zu Hause, zieht in einen Wohnwagen neben der Verenda und überlegt, wie er seiner Schriftstellerkarriere neuen Schwung geben kann. Außerdem hilft er seinem Bruder bei dem heimlichen Anbau von Marihuana, das sie insbesondere vor den Dollys (man denke an „Winters Knochen“) verstecken müssen.

Country Noir
Dem Originaltitel von „Stoff ohne Ende“, „Give us a kiss“, gab Daniel Woodrell den vielsagenden Untertitel „Country Noir“ und schuf – wie er in einem Interview sagte, eigentlich um einer Einordung als Genre-Autor zu entgehen – sein eigenes Genre, dem er fortan stets zugeordnet wurde. Obwohl er selbst heute seine Romane nicht mehr mit noir umschreiben würde, da für ihn noir zwangsläufig ein tragisches Ende haben muss, passt diese Bezeichnung sehr gut: Woodrell romantisiert weder das Leben seiner Figuren noch die Charaktere selbst. Die Kapitel sind kurz, auf knappe Eröffnungen folgen schnelle Schlüsse. Die Sprache ist authentisch, mitunter lakonisch und es gibt viel trockenen Humor. Und seine düsteren Geschichte spielen in der hintersten Provinz.

Autobiographische Parallelen
Nicht nur die fiktive Stadt West Table erinnert an Woodrells Wohnort West Plains, auch zwischen Doyle Redmond und dem Autor gibt es deutliche Parallelen. Beide verließen die Highschool, um zu den Marines zu gehen. Sie mochte ihre Kameraden, hatten aber Probleme mit der Disziplin. Sie besuchten verschiedene Schreib-Workshops und Universitäten, erhielten sogar Förderungen. Doch wenn nun in einem Interview mit Woodrell zu lesen ist, dass „my class identification was formed so early, and so deeply, that it turned out that was the crucial defining factor for me. Probably explains why I didn’t get along with people in college or grad school or anywhere else“ erinnert es an Doyles Gedanken auf der Party, auf der er entdeckt, dass seine Frau Lizbeth eine Affäre mit einem berühmten Dichter und Literaturprofessor hat: „Ich hatte in der akademischen Welt nichts verloren und ich paßte auch nicht zu einer Frau aus diesem Dunstkreis. Seitdem Lizbeth sich den gelben Volvo gekauft hat, war mir klar geworden, daß ich unseren Traum, allein vom Schreiben zu leben, vergessen konnte, denn der Besitz eines Volvos hat praktisch dieselben Konsequenzen wie die Mitgliedschaft im Club für junge Dozenten der geisteswissenschaftlichen Colleges. Es war ein Symbol dafür, daß sie sich der Karriereleiter, den Seminaren und Napa-Valley-Weinen widmen wollen.“ Sie fühlen sich nicht wohl in der akademischen Welt – und zumindest Daniel Woodrell ist Doyles Vorstellung vom Schriftstellerleben mit all seinen Entbehrungen nah gekommen: Er lebt noch heute mit seiner Frau, der Schriftstellerin Katie Estill, in West Plains und widmet sich allein dem Schreiben.

Daniel Woodrell: Stoff ohne Ende. Übersetzt von Jochen Schwarzer. Rowohlt 1998. Das Buch ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Die Ozarks-Romane
„Stoff ohne Ende“ ist der Anfang der Ozarks-Romane „Tomato Red“, „Der Tod von Sweet Mister“ und „Winters Knochen“. Sie erlauben Einblicke in einen Landstrich der USA, der fernab jeglicher Mainstream-Kultur ist – und haben unvergessliche Figuren.

Links zu Daniel Woodrell und „Stoff ohne Ende“
Sehr empfehlen kann ich das schöne Porträt von Martin Compart über Daniel Woodrell.
Besprechung bei Mordlust

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Ein Gedanke zu „„Stoff ohne Ende“ von Daniel Woodrell

  1. Misty Serrano

    ist ein Country Noir von atemberaubender Klarheit. Wie ein tiefer Atemzug in klirrender Kälte, irgendwo in sternenklarer Nacht, weit abseits der Zivilisation. Der am hellsten leuchtende Stern in tiefer Dunkelheit heißt Ree Dolly. Eine der faszinierendsten Hauptfiguren der jüngeren Literaturgeschichte. Denn Daniel Woodrell gelingt das Kunststück dieses sechzehnjährige Mädchen mit Verantwortung und Tatkraft, gepaart mit einer gehörigen Portion Halsstarrigkeit, auszustatten, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben. Ree ist ein Produkt ihrer Umgebung und doch viel mehr. Ihre natürliche Intelligenz und Ausstrahlung beeindruckt nicht nur den Schulbusfahrer, sie nötigt selbst denen Respekt ab, die Ree misshandeln, um sie von ihrem Ziel abzubringen, den Vater zu finden. Und damit die drohende Obdachlosigkeit von ihren engsten Familienangehörigen abzuwenden. Die Szenen, in denen Ree ihre kleinen Brüder darauf drillt der feindlichen Welt Paroli bieten zu können, sowie ihre verzweifelten Versuche dem entschwindenden Verstand der Mutter noch ein winziges Funkeln zu entlocken, sind Literatur, die eindrücklicher kaum sein kann.

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