Schlagwort-Archiv: Krimi

Krimi-Kritik: „Die Stadt der Toten“ von Sara Gran

Claire de Witt ist die beste Privatdetektivin der Welt – zumindest nach eigener Aussage. Ihre Methoden sind ungewöhnlich, ihr Charakter mehr als eigenwillig und sie hatte bereits einen Nervenzusammenbruch, den sie aber vor ihren Auftraggebern als Wellness-Seminar im Ashram ausgibt. Nun beauftragt Leon Salvatore sie, das Verschwinden seines Onkels Vic aufzuklären, der in New Orleans Staatsanwalt war. Eigentlich dachte Leon, Vic gehöre zu den Vermissten durch den Hurrikan Katrina, aber nun hat er erfahren, dass er nach dem Sturm noch gesehen wurde. Für Claire bedeuten die Ermittlungen eine Rückkehr nach New Orleans, der Stadt, in der sie ihr Handwerk von ihrer Mentorin Constance Darling gelernt hat und durch deren Tod einen schweren Verlust erlitten hat. Aber Claire weiß, dass sie die Zeichen deuten muss. Darauf weist Jacques Silette, dessen Buch „Détection“ ihre Bibel ist, immer wieder hin.

Eine eigensinnige Ermittlerin mit sonderbaren Methoden

Sara Gran © Deborah Lopez

Mit „Die Stadt der Toten“ hat Sara Gran einen ungewöhnlichen Kriminalroman geschrieben, der voller überzeugender Eigenarten steckt. Trotz anfänglicher Redundanzen – wie beispielsweise der mehrmalige Verweis, dass sowohl Polizei als auch Staatsanwaltschaft gerade in New Orleans nicht zusammenarbeiten und korrupt sind oder auch das Alter von Vic – lohnen die leichten Mühen bei dem Einstieg in die Handlung. Sara Gran hat einen dichten Plot entwickelt, in dem sich manche anfangs störende Eigenheiten wie die wiederholende Zusammenfassung am Beginn mancher Kapitel als Griff erweisen, die verschiedenen Ebenen der Handlungen im Überblick zu behalten. Claire de Witt untersucht nicht nur Vics Verschwinden, sondern wird in New Orleans von ihren Erinnerungen an ihre Mentorin heimgesucht. Weiterlesen

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Lesungsbericht: Daniel Woodrell liest bei „Mord am Hellweg“

„Mord am Hellweg“ ist Europas größtes internationales Krimifestival und versammelt zumeist eine interessante Auswahl an Lesungen von internationalen Krimiautoren. Beim Lesen des Programms stach mir in diesem Jahr besonders die Lesung von Daniel Woodrell ins Auge, den ich ja bekanntermaßen sehr schätze. Glücklicherweise las er zudem in Dortmund, also nur eine gute Stunde entfernt.

Daniel Woodrell (c) Bruce Carr

Der Abend begann bereits vielversprechend mit der Frage an Daniel Woodrell, ob er sich jemals vorgestellt hat, er würde in Dortmund aus seinem Buch lesen. Die gut gelaunte Antwort lautete, dass er sich zwar vorgestellt habe, in Unna zu lesen (dort war er am Tag zuvor), aber nicht in Dortmund. Danach erzählte Daniel Woodrell von seinem Leben als Schriftsteller, das er am ehesten mit einem Hippie-Dasein vergleichen würde: Seine Frau und er lebten von dem, was sie im Jahr zuvor eingenommen hatten. Die meiste Zeit seines Lebens hat er in Missouri verbracht, dem Handlungsort seiner Geschichten. Dabei spielen insbesondere die Ozark Mountains eine wichtige Rolle in seinen Romanen, die seiner Einschätzung nach selbst für Amerikaner schwer zu beschreiben und zuzuordnen seien: Sie gehören zum nördlichen Süden, den Anfang des Westens, das Ende des Nordens – und eigentlich zu keiner Gegend richtig. Es ist schwer, dort Geld zu verdienen, da es nur wenig Jobs und kaum Industrie gibt. Daher erwidert er auch auf die Frage, ob er die Bezeichnung „white trash“ für die Bewohner der Gegend benutzte oder „working poor“ vorziehe, dass er von „working poor“ spräche, sofern es dort Arbeit gebe. Aber insgesamt lehne er solche verallgemeinernden Einschätzungen ab, da auf diese Weise sehr viele individuelle Schicksale zusammengefasst werden. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Cold Hard Love“ von Frank Bill

(c) Suhrkamp

Wenn auf der Rückseite eines Buches Donald Ray Pollock mit den Worten zitiert wird: „Einer der wildesten Trips, auf die man beim Lesen eines Buches überhaupt gehen kann“, dann werden Erwartungen geweckt. Immerhin hat Donald Ray Pollock mit „Das Handwerk des Teufels“ einen harten, brutalen und tieftraurigen noir-Roman geschrieben, der für mich weiterhin zu den besten Büchern des Jahres gehört. Auch „Cold Hard Love“ von Frank Bill ist ein düsterer Southern Noir. Dennoch – gerade im Vergleich zu Pollocks großartigem Buch – ist Frank Bills Geschichtensammlung nicht von dieser düsteren Aussichtslosigkeit geprägt, die diese Stilrichtung ausmacht.

In seinem Buch versammelt Frank Bill 17 Geschichten mit teils wiederkehrenden Charakteren. Alle spielen im Süden von Indiana in der Nähe des Blue River. Sie erzählen von einem Großvater, der seine Enkelin in die Prostitution verkauft, von Chrystal-Meth-Junkies, Kriegsveteranen, untreuen Ehefrauen und Cops. Getreu des Originaltitels „Crimes in Southern Indiana“ handeln sie von Gewalt und Verbrechen. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Grabesdunkel“ von Alexandra Beverfjord

Die Studentin Helle wurde in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden, also fährt Kriminalreporter Joakim Lund Jarner mit seiner jungen Kollegin Agnes Lea zum Tatort. Dort begegnet Agnes zufällig Helles Mitbewohnerin Ester und erhält von ihr eine CD mit Videos, die die Tote beim Sex mit verschiedenen Männern zeigt. Anscheinend hatte Helle mehr Geheimnisse als die Polizei vermutet.

(c) Piper

Die Ausgangssituation in Alexandra Beverfjords Krimidebüt „Grabesdunkel“ ist solide aufgebaut: Ein Mord an einer hübschen jungen Frau führt in exklusive Kreise, in denen Frauen zumeist Objekte sind, mit denen mächtige Männer ihre Lust befriedigen. Ausnahmsweise ist kein Polizist die Hauptfigur, sondern der Kriminalreporter Joakim Lund Jarner, der für die seriöse norwegische Zeitung Nyhetsavisen schreibt. Er erinnert sehr an Stieg Larssons Mikael Bloomkvist: Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Manhattan Karma“ von Walter Mosley

(c) Suhrkamp

Leonid McGill ist ein in die Jahre gekommener Privatdetektiv. Einst hat er für die New Yorker Mafia schmutzige Geschäfte erledigt, mittlerweile wurde er von seinem Gewissen heimgesucht und will ein sauberes Leben führen. Aber eine Vergangenheit lässt sich nicht einfach so abschütteln – und Klienten, die ohne mit der Wimper zu zucken, Ermordungen in Auftrag geben, lassen sich nicht abwimmeln. Eines Tages, davon ist Leonid McGill überzeugt, werden sie ihn töten. Aber bis zu diesem Tag versucht er, sein Bestes zu geben – und für seine vergangenen Taten zu büßen. Daher nimmt er bleibt er bei seiner Ehefrau, die ihn einst für einen wohlhabenden Banker verlassen hat, der sich abgesetzt und sie zurückgelassen hat – und verzichtet auf das Glück mit seiner Geliebten. Das ist seine Sühne. Und er versucht um jeden Preis zu verhindern, dass die kriminellen Neigungen seines Lieblingssohnes Twill ihn in den Abgrund ziehen. Dann bekommt er den vermeintlichen harmlosen Auftrag, für einen Kollegen aus Albany vier Männer in New York aufzuspüren. Er erledigt seinen Job – und kurze Zeit später sind drei von ihnen tot. So viel Schaden, stellt er fest, hat er noch nicht einmal angerichtet, als er noch für die Mafia arbeitete.

Leonid McGill – Ein Nachfolger Philip Marlowes und Lew Archers
Mit „Manhattan Karma“ beginnt eine Krimi-Serie von des Amerikaners Walter Mosley, der einst von Bill Clinton als einer seiner Lieblingsautoren bezeichnet wurde. Berühmt wurde er mit einer Reihe um den Privatdetektiv Easy Rawlins, der in Los Angeles in den 1940er bis 1960er Jahren ermittelt. Der erste Teil, „Devil in a Blue Dress“ (dt. „Teufel in Blau“) wurde mit Denzel Washington in der Hauptrolle verfilmt. Diese Reihe endete vorerst mit „Blonde Faith“.

Mit Leonid McGill hat Walter Mosley nun einen zweiten Privatdetektiv geschaffen, der wie Easy Rawlons in der Nachfolge von Raymond Chandlers Philip Marlowe und Ross MacDonalds Lew Archer steht, aber in dem heutigen New York ermittelt. Es entsteht ein beträchtlicher Reiz durch diesen scheinbaren Widerspruch, der zwischen diesen Welten liegt. Von Seite zu Seite wird deutlich, dass der hardboiled-Detektivalltag auch ins heutige New York gehört – und die Verflechtungen zwischen Macht, Geld und Verbrechen nicht nur im Los Angeles der 1930er Jahre zu finden sind. Nicht zufällig erinnert die Schlussszene in einem großen New Yorker Wohnhaus an das Treibhaus in Raymond Chandlers „The Big Sleep“ – und zu guter Letzt muss McGill auch ein unschuldiges reiches Mädchen retten. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Wer das Schweigen bricht“ von Mechthild Borrmann

(c) Pendragon

Der Hamburger Arzt Robert Lubitsch entdeckt in den Unterlagen seines Vaters nach dessen Tod einen fremden SS-Ausweis und das Foto einer jungen Frau. Sofort ist seine Neugier geweckt: Hatte sein perfekter Vater eine Geliebte? Aus einer Laune heraus beginnt Robert mit Nachforschungen und landet in dem kleinen Ort Kranenburg am Niederrhein. Dort sorgt er mit seinen Fragen für Aufruhr unter den Bewohnern – und schon bald geschieht ein Mord, für dessen Aufklärung eine lang zurückliegende Geschichte wieder aufgerollt werden muss. Im Zentrum stehen sechs Freunde, die sich im August 1939 das Versprechen gaben, füreinander da zu sein. Aber Eifersucht und Intrigen zerstörten nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch ihre Leben. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Platinblondes Dynamit“ von Jörg Juretzka

(c) Pendragon

Der Schriftsteller Folkmar, genannt Folle, Windell hat ein Problem: Seine Schundkrimi-Reihe um den hartgesottenen Detektiv Jack Knife soll eingestellt werden. Zukünftig will seine Verlegerin mehr Titel für das weibliche Publikum im Programm haben, daher kann er entweder auf das Geld verzichten – oder eine neue Hauptfigur erfinden. Aber das ist für Folkmar Windell gar nicht so einfach. Er ist nämlich seinem fiktiven Alter ego, dem eleganten und begehrten Schriftsteller Jarvis Chevalier, unähnlich, er kann noch nicht einmal an sein selbstgewähltes Pseudonym Will B. Everhard heranreichen. Immer noch lebt er mit seinem Kumpel Eddie in einer Wohnung, ist ständig mit der Miete im Rückstand und wird von der Polizistin Sabine Zahn mit Strafzetteln bombardiert. In seiner Verzweiflung installiert er eine Schreibsoftware auf seinem Rechner, die er einst mit einer drittklassigen Auszeichnung erhalten hat. Aber damit fängt das Drama an: Als er eine neue Geschichte beginnt, entwischt seine halbfertige Protagonistin Pussy Cat der Fiktion und landet in der Realität. Sie wähnt sich im New York der 1940er Jahre, in der sie sich mit der falschen Polizistin Sabie Tooth und der Brooklyn-Mörderin Wanda Molanski auseinandersetzen muss, befindet sich aber im Köln der Gegenwart und sieht sich mit der attraktiven Polizistin Sabine Zahn und der Vermieterin Mattka Wolanski konfrontiert. Doch sie weiß, was sie zu tun hat: Sie muss den Roosveldt-Diamanten  finden. Allerdings sieht sie aus wie Folkmar Windell mit blonder Perücke, so dass nun der Autor selbst von der Polizei verfolgt wird. Weiterlesen

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