Krimi-Kritik: „Opfer“ von Cathi Unsworth

(c) Suhrkamp

Privatermittler Sean Ward reist im Auftrag einer Anwältin an die Küste im Nordosten Englands, um einen 20 Jahre zurückliegenden Fall wieder aufzurollen. Damals wurde die junge Corrine Woodrow verurteilt, einen Ritualmord begangen zu haben. Seither sitzt sie in der Psychiatrie – und selbst ihr Therapeut ist von der Aussicht, dass sie wieder an die Tat erinnert wird, wenig begeistert. Aber DNA-Proben weisen darauf hin, dass sich mindestens noch eine zweite Person am Tatort befunden haben muss. Deshalb lässt sich Sean Ward nicht abwimmeln und nimmt mithilfe der örtlichen Zeitungsredakteurin Francesca Ryman die Ermittlungen auf.

„Opfer“ von Cathi Unsworth ist ein spannender Kriminalroman, der vor allem zwei Stärken hat: Detailliert und atmosphärisch dicht beschreibt Cathi Unsworth das Leben in der kleinen Stadt Ernemouth, so dass die Enge, die Rebellionsversuche und die Hilflosigkeit einiger Bewohner fast zu spüren ist. Da sie die Handlung auf zwei Ebenen erzählt – die 20 Jahre zurückliegenden Ereignisse im Sommer 1984 und die gegenwärtigen Ermittlungen von Sean Ward – entsteht ein dichtes Panorama des kleinen Ortes. Dabei ist die zurückliegende Ebene weitaus stärker als die Gegenwart, da Cathi Unsworth die Musik und Klamotten der 1980er Jahre wieder lebendig werden lässt. Zum zweiten sorgt insbesondere der Kunstgriff, dass wir erst am Ende erfahren, wer eigentlich getötet wurde, für viel Spannung, und er ermöglicht sehr viele Täter-Opfer-Konstellationen. Hier zeigt sich auch der Einfluss des Titels: Cathi Unsworth erzählt von Menschen, die in ihrem Leben auf verschiedenste Weise zu Opfern geworden sind: aus Bösartigkeit, Zufall oder Habgier. Dadurch lenkt der Titel die Aufmerksamkeit auf die Personen. Der Originaltitel „Weirdo“ beschreibt hingegen umfassender das Personal dieses Kriminalromans: Es sind die merkwürdigen Leute, die in einer Kleinstadt auffallen, die Non-Konformisten, die „Anderen“. Außerdem ist es eine hinreißende Ambiguität, dass sich ‚Weirdo‘ auch mit Psychopath übersetzen lässt.

„Opfer“ ist ein guter Kriminalroman, der durch seinen Erzählstil zu begeistern vermag. Am Ende sind es dann einige Verbindungen und Querverweise zu viel und manche Personen sind etwas überzeichnet. Dennoch ragt „Opfer“ aus der üblichen Krimi-Kost heraus. Dafür sorgt schon, dass bei Cathi Unsworth, die neben Megan Abbott, Sara Gran und Gillian Flynn zu den derzeit interessanten Kriminalschriftstellerinnen gehört, die Frauen nicht allesamt unschuldige Opfer sind, sondern auch abgrundtief böse sein können.
Cathi Unsworth: Opfer. Übersetzt von Hannes Meyer. Suhrkamp 2013.

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