Wie schreibe ich einen spannenden Roman? Über „Spannend schreiben“ von Christian Schärf

Noch bei der Tagung „Krimis machen“ im April in Berlin hieß es, dass es nie einfacher gewesen sei, einen Spannungsroman zu veröffentlichen als derzeit. Tatsächlich gibt es gefühlt keinen Ort mehr in Deutschland, der keinen eigenen Ermittler hat, und an allen Enden sprießen Kriminalromane aus dem Boden. Dennoch ist es nicht einfach, einen spannenden Roman zu schreiben. Ganz im Gegenteil: Bei manchen Büchern wünschte ich mir, die Autoren hätten vorher diesen Ratgeber gelesen.

Aufbau und Beispielsaufgabe

(c) Dudenverlag

Aufgebaut ist „Spannend schreiben“ von Christian Schärf in fünf „Textprojekte und Schreibaufgaben“, in denen jeweils erzählerische Techniken erläutert werden. Dazu gehören Elemente der Angst, des Schauers und Grauen, Konstellation für die Aufklärung eines Verbrechens und der Aufbau eines Plots. Schreibaufgaben am Ende der jeweiligen Abschnitte sollen das soeben Gelesene praktisch vertiefen. Dabei wird sehr deutlich, dass es zwar bestimmte Techniken gibt – jeder Roman ist zu einem gewissen Teil auch Handwerk –, wer aber keine Ideen hat, wird sie auch hier nicht finden. Vielmehr hilft dieses Buch dabei, das Geschriebene analytisch zu durchdringen. Beispielsweise erläutert Christian Schärf die Möglichkeit, Spannung durch ein sogenanntes „geschlossenes Labyrinth“ zu erzeugen – geschieht ein Mord zum Beispiel in einem Dorf, gibt es eine begrenzte Anzahl von Bewohnern und daher Tätern. An seine Ausführungen ist folgende Aufgabe angeschlossen: „Skizzieren Sie das System eines geschlossenen Labyrinths, indem Sie ein Dorf mit entsprechenden Örtlichkeiten und dazu passendem Personal entwerfen. Machen Sie sich über mehrere Tage hinweg Notizen zu allem, was es in diesem Dorf geben könnte oder sollte, und recherchieren Sie an entsprechenden Orten.“ Sie gibt dem Schreibenden Hilfestellungen, aber sowohl die Idee als auch die Verschriftlichung muss von dem angehenden Autor selbst erfolgen.

Definitorische Unschärfen
Vor allem wird in den einzelnen Abschnitten deutlich, dass der alte Rat an alle angehenden Autoren weiterhin Bestand hat: Wer schreiben will, sollte vor allem lesen. Und wer spannend schreiben will, sollte mit den alten Meistern beginnen: Edgar Allen Poe für Szenarien und Patricia Highsmith für psychologische Spannung werden unter anderem genannt. Ohnehin hält sich Christian Schärf sehr an die Klassiker der Spannungsliteratur – sowie in Primär- als auch Sekundärliteratur. Hier fehlt der Hinweis auf einige englischsprachige Schreibratgeber, die – trotz einer anderen Herangehensweise – hilfreich und aufschlussreich sein können. Weitaus schwieriger nachzuvollziehen ist, dass neben Henning Mankell Jussi Adler Olsen als Beispiel für die „komplexeste Spielart der Kriminalliteratur“ herhält. Erfolgreich ist der Däne fraglos, aber meines Erachtens vor allem, weil er die Spannungsregeln beherrscht.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die begriffliche Unschärfe, mit der Christian Schärf Thriller und Kriminalroman verwendet. Hier wäre anfangs zumindest eine grundlegende Unterscheidung – wie sie bspw. Peter Nusser getroffen hat – wünschenswert und auch möglich gewesen, ohne eine große Genrediskussion zu führen. Dass zudem die Kommissar Beck-Romane von Sjöwall und Wahlöö als „Thriller“ bezeichnet werden, ist zumindest auffällig. Hier hätte ich mich eine breitere theoretische Grundlage gewünscht.

Insgesamt macht das Buch deutlich, dass der Schlüssel zum spannenden Schreiben in dem genauen Lesen und Analysieren von spannenden Büchern steckt. Dazu regt es vor allem an, einige Klassiker noch einmal zu lesen.

Christian Schärf: Spannend schreiben. Krimi, Mord- und Schauergeschichte. Dudenverlag 2013.

Andere über „Spannend schreiben“:
Sehr lesenswert ist der Beitrag von Karsten Dittmann, der sich ausführlich mit dem im Buch entwickelten Spannungsbegriff beschäftigt.

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Ein Gedanke zu „Wie schreibe ich einen spannenden Roman? Über „Spannend schreiben“ von Christian Schärf

  1. Martin Compart

    90% dieser „Lehrbücher“ taugen nichts. Wieso auch? Sie werden von -bestenfalls – Theoretikern geschrieben, die selbst nicht dazu in der Lage sind, einen Roman zu schreiben. Weitaus informativer und nützlicher sind die Tips der Praktiker, etwa von Larry Beinhart oder David Morrell. Das m.E. beste Buch ist TELLING LIES FOR FUN & PROFIT von Lawrence Block.

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