Die Liebe im Lichte Dänemarks – Über „Marie Krøyer“ von Bille August

(c) Rolf Konow; DFI

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Das Licht soll einzigartig sein in Skagen im Norden Dänemarks. Deshalb zieht es seit Jahrzehnten Künstler in den kleinen Fischerort. Zur Jahrhundertwende ist der berühmteste Maler des Ortes Peder Severin Krøyer (Søren Saetter-Lassen), genannt Søren. Er lebt hier mit seiner Frau Marie (Birgitte Hjort Sørensen), die von vielen als die schönste Frau Dänemarks gesehen wird, und seiner Tochter Vibeke. Auf den ersten Blick scheint ihr Leben einer Künstler-Idylle zu gleichen: Während Søren und Marie im Atelier malen, sitzt Vibeke zwischen ihnen und freut sich über die alberne Aufmerksamkeit ihres Vaters. Marie und Søren wirken glücklich, sie ist ihrem Mann Model, kümmert sich um den Haushalt und ihre Tochter. Aber schnell zeichnen sich erste Risse ab: Søren ist launisch, dominant und impotent. Er ordnet alles seiner Kunst unter, jedoch hält Marie das Verhalten ihres Mannes duldsam aus. Anscheinend will sie den Traum vom Leben an der Seite eines berühmten Malers nicht aufgeben, jedoch fürchtet nun bereits ihre Tochter, dass sich ihr Vater mal wieder „komisch“ benehme. Und ihre Befürchtungen werden bestätigt: Søren leidet unter manischen Anfällen, in denen er seine Frau malträtiert und eines Tages beinahe tötet. Zum wiederholten Mal kommt er daher in eine psychiatrische Klinik – und Marie wartet auf ihn. Zunehmend leidet sie unter ihrer Selbstaufopferung und der harschen Kritik ihres Mannes an ihrer eigenen Malerei, verzweifelt sucht sie nach einem Weg zu sich – und glaubt ihn in einer Affäre mit dem schwedischen Komponisten Hugo Alfvén (Sverrir Gudnason) zu finden.

(c) Rolf Konow; DFI

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Langsam führt Regisseur Bille August in seinem ersten dänischen Film seit über 20 Jahren in die Handlung ein, die einen zu erwartenden Verlauf nimmt. Dabei nutzt das Drehbuch von Peter Asmussen das tatsächliche Leben von Marie Krøyer als Rahmen und füllt ihn mit fiktiven Ereignissen. Historisch bestätigt ist ihre Ehe und ihre Affäre, ausgespart wird aber ihre Wandlung zu einer Innenausstatterin – und eine zweite Ehe. Vielmehr stellen Bille August und Peter Asmussen Marie als eine Frau dar, die sich letztlich durch die Begegnungen mit Männern formt. Ihrem selbstsüchtigen Ehemann – gut gespielt von Søren Saetter-Lassen – folgt ein oberflächlicher Komponist, Hilfe bekommt sie außerdem von einem Arzt und einem Anwalt, während es ihre Freundin bei einer kryptischen Warnung vor Hugo belässt. Die Verführungskraft dieses Mannes ist indes nur schwer nachzuvollziehen, da Sverrir Gudnason blass und ohne Charisma bleibt. Daher wirkt Hugo nicht wie Maries große Liebe, sondern wie ein Mann, dem Marie begegnet und der ihr einen scheinbaren Ausweg bietet. Außerdem gibt er wenigstens vor, sie – im Gegensatz zu allen anderen – nicht auf ihr Äußeres zu reduzieren. Erst am Ende des Films wird dann durch ein ergreifendes Gespräch mit ihrer Tochter deutlich, warum sie so gehandelt hat. Aber auch daran knüpft der Film nicht an, sondern setzt lieber auf eine emblematische Schlussszene.

(c) Rolf Konow; DFI

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Sicher ist Bille August erfahren genug, um die vorhersehbare Handlung unterhaltsam zu entfalten. Das ruhige Erzähltempo lässt dem Zuschauer viel Zeit, die sorgfältige Ausstattung wahrzunehmen, die mit viel Liebe zum Detail die Epoche der Jahrhundertwende lebendig werden lässt. Auch Kameramann Dirk Brüel sind sehr schöne Bilder gelungen, in denen er das berühmte Licht am Skagen hervorragend einfängt. Somit ist „Marie Krøyer“ alles in allem ein altmodisches Kostümdrama – gut ausgestattet, schön fotografiert und langsam erzählt.

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Skandinavische Filmtage in Bonn 2014

Zum 15. Mal finden vom 8. Mai bis 15. Mai 2014 die Skandinavischen Filmtage in Bonn statt, die Einblicke in das aktuelle Filmschaffen in Skandinavien geben möchten. Die meisten der gezeigten Filme habe ich bereits gesehen, daher möchte ich besonders den finnischen Film „Above Dark Waters“ („Tumman veden päälä“) des Regisseur Peter Franzén empfehlen, der hier einen eigenen autobiographischen Roman verfilmt hat. Diese zutiefst persönliche Geschichte über seine Kindheit zwischen einem prügelnden Vater und liebevollen Großvater erzählt er konsequent aus kindlicher Perspektive. Oft habe ich mit dieser Erzählweise SChwierigkeiten, da sie allzu oft aufgeweicht oder unterlaufen wird, Peter Franzén gelingt es aber, die Erfahrungen eines kleinen Jungen, der vom Vater misshandelt wird, so eindringlich und wahrhaftig auf die Leinwand zu bringen, dass ich mich mit diesem Kind in seiner Welt befunden habe. Dabei wird diese Liebe für den Vater, die durchsetzt ist von Angst und dem Wunsch, die Mutter und sich selbst zu schützen, sehr gut transportiert.

Freunde der ruhigen, schön fotografierten Unterhaltung werden hingegen bei dem Kostümdrama „Marie Krøyer“ auf ihre Kosten kommen, in dem Bille August von dem Leben der einst schönsten Frau Dänemarks und ihre Ehe mit dem Maler Søren Krøyer erzählt. Eine harte Gangster-Geschichte bietet „Black’s Game – Kaltes Land“ („Svartur á leik“) aus Island – und gute Unterhaltung der „Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ (im Programmüberblick sind meine Kritiken verlinkt).

Schade finde ich, dass weder „Jeg er din“ noch „Nordvest“ zu sehen sind, die im letzten Jahr zu meinen skandinavischen Favoriten gehörten. Allerdings vermute ich, dass diese Filme, die weiterhin auf Festivals laufen, nicht einfach zu bekommen sind. Und wer weiß, vielleicht laufen sie ja im nächsten Jahr. Vor allem ist indes bemerkenswert, dass die Skandinavischen Filmtage seit 1999 von einer studentischen Kulturgruppe organisiert werden – und dank dieses Engagements in Bonn eine Woche lang skandinavische Filme im Original mit Untertitel zu sehen sind. Die Resonanz des Publikums ist gut, viele Vorstellungen sind schnell ausverkauft. Vielleicht ist das ja schon ein Zeichen, dass hierzulande mehr skandinavische Filme laufen sollten. 🙂

Das Programm im Überblick:

Donnerstag, 8. Mai 2014 | 20:00 | Kino in der Brotfabrik
Shed No Tears; Känn ingen sorg
Schweden 2013; 119 Minuten; OmeU – Regie: Måns Mårlind. Mit Adam Lundgren, Disa Östrand, Jonathan Andersson.

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Freitag, 9. Mai 2014 | 20:00 | Kino in der Brotfabrik
Marie Krøyer
Dänemark 2012; 102 Minuten; OmU – Regie: Bille August. Mit Birgitte Hjort Sørensen, Søren Sætter-Lassen, Sverrir Gudnason. Zu meiner Kritik – und Jens vom skandinavisches-kino.de sieht es ganz ähnlich.

Samstag, 10. Mai 2014 | 20:00 | Kino in der Brotfabrik
Kurzfilmabend

Sonntag, 11. Mai 2014 | 19:00 | Kino in der Brotfabrik
Black‘s Game – Kaltes Land; Svartur á leik
Island 2012; 104 Minuten; OmU – Regie: Óskar Þór Axelsson. Mit Þor Kristjánsson, Jóhannes Haukur Jóhannesson, Damon Younger, María Birta. Zu meiner Kritik.

Montag, 12. Mai 2014 | 20:00 | Kino in der Brotfabrik
Soundbreaker
Finnland 2012; 86 Minuten; OmU – Regie: Kimmo Koskela. Mit Kimmo Pohjonen, Samuli Kosminen, Timo Kämäräinen, Kronos Quartet

(c) Concorde

(c) Concorde

Dienstag, 13. Mai 2014 | 19:30 | LVR-LandesMuseum Bonn
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand; Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann
Schweden 2013; 114 Minuten; OmU – Regie: Felix Herngren; Mit Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, David Wiberg, Alan Ford, Georg Nikoloff. Zu meiner Kritik.

Mittwoch, 14. Mai 2014 | 20:00 | Kino in der Brotfabrik
Above Dark Waters; Tumman veden päällä
Finnland 2013; 108 Minuten; OmeU – Regie: Peter Franzén. Mit Olavi Angervo, Samuli Edelmann, Matleena Kuusniemi, Peter Franzén.

Donnerstag, 15. Mai 2014 | 20:00 | Kino in der Brotfabrik
In Order of Disappearance
Norwegen 2014; 116 Minuten; OmU – Regie: Hans Petter Moland. Mit Stellan Skarsgård, Bruno Ganz, Kristofer Hivju, Birgitte Hjort Sørensen, Pål Sverre Hagen

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Krimi-Kritik: „Fallera“ von Jörg Juretzka

(c) Unionsverlag

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Kristof Enrico Kryszinski verlässt das Ruhrgebiet! Er hat sich von seinem Lieblingsfeind Kommissar Menden anheuern lassen, undercover an einer Resozialisierungsmaßnahme in der Schweiz teilzunehmen, bei der eine illustre Gruppe von Knackis mit Behinderten auf einen Berg steigen soll. „Gott im Himmel, da hatten sie uns ja ein wundervolles Panoptikum von Wackelköpfen zusammengestellt. Ich besah sie mir unauffällig, während Hufschmidt ein großes Gehampel daraus machte, mir die Handschellen aufzuschließen. Im Hintergrund, mit dem Rücken zu mir, in Betrachtung der Aussicht versunken, gleich zwei Rollstuhlkrüppel. Toll. Das würde eine schöne Plackerei werden, in einer Gegend wie dieser. Dazu kamen, auf den ersten Blick, ein Dorftrottel, dem sie die Wachstumsdrüse zehn Jahre zu spät ausgeknipst hatten, ein wie ein später Picasso in seinen Proportionen verschobener Spastiker, ein kleiner, wulstiger Mongoloide, eine babbelnde Schwachsinnige mit einer beunruhigenden, faustgroßen Delle in der Stirn, und dieser Klops auf Beinen mit den halbverhangenen Augen und dem schmierigen Grinsen, der auf mich zu getrippelt kam und mir eine schwielige Rechte entgegenstreckte, die ich garantiert nicht schütteln würde, war in schönster Offensichtlichkeit vom Onanieren verblödet.“ Das Ziel der Maßnahme: die Knackis sollen sich mit den Opfern ihrer Taten versöhnen und die Behindertensollen erfahren, dass sie „vor ungewöhnlichen Aufgabenstellungen nicht zu kapitulierrren brauchen“. Kryszinski treibt vor allem die Aussicht auf ein vorzüglich Honorar dorthin, allerdings ist er in noch schlechterer Verfassung als üblich – sogar sein bester Freund Pierfrancesco Scuzzi rät ihm, sich ins Krankenhaus einweisen zu lassen und versorgt ihn nicht mehr mit Pillen, sondern Vitamen. Aber Kryszinski glaubt, er sei der Anforderung gewachsen, außerdem kann er ohnehin kaum mehr Traum und Realität unterscheiden. Allerdings ist seine Wahrnehmung alsbald gefordert: Schnell liegt Bergführer Toni tot an einem Berg, es folgen weitere Attentate auf Mitglieder der Gruppe. Hauptverdächtige ist der „verstrahlte“ Kryszinski, allerdings weiß dieser zu gut, dass er wohl eher nicht der Täter ist. Nachdem er selbst einigen Anschlägen mit mehr Glück als Verstand entkommen ist, deckt er daher nach und nach eine abenteuerliche Verschwörung auf.

Indem Jörg Juretzka den Handlungsort von der „Perle des Ruhrgebiets“ in die Schweiz verlagert, unterläuft er abermals die Erwartungen an einen Serienkrimi. Sein Kryszinski bleibt aber trotz der bergigen Kulisse der Ruhrpott-Detektiv, den wir kennen. Im Gegensatz zu vielen Serienkrimihelden braucht er nämlich nicht sein angestammtes Milieu, um authentisch zu sein.

Durch die Verlagerung fehlen aber – abgesehen vom Anfang – die liebgewonnenen Nebenfiguren der vorherigen Romane. Das muss man ebenso in Kauf nehmen wie die unzähligen Zufälle, die sogar vom Ich-Erzähler Kryszinski selbst angesprochen werden: „Langsam krochen wir zurück und richteten uns vorsichtig wieder auf, und ich dachte, so für mich, eh, eh, eh, mal ein bisschen langsam. Das sind jetzt aber wirklich ein paar Zufälle zu viel.“ Ja, es sind eigentlich einige Zufälle zu viel, auch muten manche Ereignisse übertrieben an. Aber in allem steckt stets ein bitterer Kern – sei es, dass ein bayrischer Justizminister seine Schuld an einem Unfall vertuschen kann oder zwei Politikersöhne mit einer Vergewaltigung davon kommen. Denn abgesehen von dem großen abenteuerlichen Spaß, den die Lektüre dieses Romans bereitet, sollte man eines nicht vergessen: Juretzkas Bücher sind mehr als einfach nur ein Witz.

Jörg Juretzka: Fallera. Rotbuch 2002. Wiederauflage als Taschenbuch Unionsverlag 2012.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Der Willy ist weg”
„Platinblondes Dynamit“

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KrimiZeit-Bestenliste Mai 2014

Eigentlich hatte ich mit der KrimiZeit-Bestenliste erst nächste Woche gerechnet, aber in Anbetracht des morgigen Feiertages ist sie schon heute erschienen (irgendwann merke ich mir das auch mal). Deshalb folgt auch heute schon mein Abgleich, der leider etwas dünn ausfällt. Nächste Woche hätte das natürlich total anders ausgesehen. 😉 Aber nun erst einmal die Platzierungen (in Klammer der Platz des Vormonats)

(c) Dumont

(c) Dumont

1 (2) Oliver Bottini: „Ein paar Tage Licht“
2 (-) Ross Thomas: „Fette Ernte“
3 (-) Dominique Manotti: „Ausbruch“
4 (10) Mukoma wa Ngugi: „Nairobi Heat“
5 (-) Leonardo Padura: „Ketzer“
6 (8) Karim Miské: „Entfliehen kannst Du nie“
7 (7) Urban Waite: „Wüste der Toten“
8 (1) David Peace: „GB84“
9 (3) Daniel Woodrell: „In Almas Augen“
10 (-) Jonathan Woods: „Der Tote von San Miguel“

Bescheidene drei Titel habe ich gelesen: „Ein paar Tage Licht“ (das es heute noch hier zu gewinnen gibt), „GB84“ und „In Almas Augen“ und über alle drei habe ich bereits im letzten Monat geschrieben, deshalb erwähne ich nur kurz, dass „Ein paar Tage Licht“ und „GB84“ weiterhin zu den besten Kriminalromane gehören, die ich dieses Jahr gelesen habe. Ross Thomas lese ich gerade, allerdings bin ich noch nicht bei „Fette Ernte“ angekommen. Aber nach den ersten drei Bänden spreche ich hier eine für den Autor allgemein geltende Leseempfehlung aus – und meinen Dank an den Alexander Verlag, dass sie sein Werk in der Gesamtausgabe herausbringen. Weiterhin auf meiner Leseliste stehen Mukoma wa Ngugi, Urban Waite und natürlich Dominique Manotti, außerdem hat mich auch Jonathan Woods „Der Tote von San Miguel“ angesprochen.

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Ein vorläufiges Fazit zu „The West Wing“

(c) WHV

(c) WHV

Eigentlich wollte ich zu jeder Staffel der Serie etwas gebloggt haben. Sobald ich mich aber entscheiden musste, die Serie weiterzugucken oder über sie zu schreiben, entschied ich mich für ersteres. Dann habe ich diesen Beitrag angefangen, nachdem ich alle 154 Folgen der sieben Staffeln von „The West Wing“ gesehen haben. Aber ich habe ihn nie zu meiner Zufriedenheit fertig stellen können – dafür müsste ich wohl alle Folgen noch einmal sehen. Deshalb ist dieser Text mehr ‚work in progress‘, in der ich einige Beobachtungen und Überlegungen festhalte.

Über die Anlage und die Figuren habe ich in meiner Hymne auf die erste Staffel bereits einiges geschrieben, das werde ich hier nicht wiederholen. Auch wird dieser Text – wie sollte es anders sein – einige Spoiler enthalten. Wer die Serie also noch nicht kennt, sollte sie schleunigst nachholen und dann meinen Beitrag lesen. 😉

Erzählstil
Die ersten beiden Staffeln von „The West Wing“ sind großartiges Fernsehen und zeigen sehr deutlich, warum diese Serie als Übergang von den reinen Drama-Serien zu größeren, fortgesetzten Erzählungen heutiger Serien gilt. In fast jeder Folge wird ein politisches Thema behandelt, anfangs sind nur sehr wenige Handlungsstränge folgenübergreifend. Dabei erlauben die Folgen zweierlei: Zum einen werden politische Prozesse erklärt und in der Regel linksliberal interpretiert, zum anderen dienen die jeweiligen Themen der Weiterentwicklung der Figuren. In seinem Beitrag zur Serie hat Sebastian nach einer kompletten Zweitsichtung ausgeführt, dass der „Plot (…) für Sorkin nur das Vehikel (war), um Geschichten über die beteiligten Personen zu erzählen, ihren Charakter genauer zu beleuchten (auch wenn er selbstverständlich gerne den Oberlehrer mimt) und dabei fast immer zweitrangig“ war, steht für mich das Aufklärerische der Folgen etwas mehr im Vordergrund. Aber ich glaube, hier sind wie weniger weit voneinander entfernt als ich anfangs vermutete (vgl. hierzu die Kommentare).

Dieses Prinzip wird dann insbesondere in den mittleren Staffeln aufgeweicht, indem unter anderem mehr persönliche Geschichten erzählt werden. In der sechsten Staffel kommen Handlungsorte außerhalb des Weißen Hauses hinzu, durch die weitere Geschichten ermöglicht werden. Nicht alle waren notwendig – beispielsweise Donnas Verwundung und späterer Abschied –, aber spätestens mit dem Santos-Wahlkampf gewinnt die Serie viele Qualitäten zurück. Weiterhin ist der politische Prozess zwar interessant – selten war in einer Serie mehr über Politik zu lernen –, jedoch geht es weit mehr um den Fortgang der eigentlichen Handlung.

Die siebte Staffel ist von dem Versuch geprägt, das Ende der Amtszeit Bartletts und den Neubeginn mit Santos einzuläuten. Es war eine gute Entscheidung, diesen Wahlkampf zu zeigen, da die Serie in der Mitte des ersten Jahres der Präsidentschaft Bartlett begonnen hat und sich nun mit der siebten Staffel der Kreis gewissermaßen schließt, so dass „The West Wing“ tatsächlich von der Präsidentschaft vom Anfang bis zum Ende erzählt. Zumal es zwischen Santos und Bartlett auch einige Überschneidungen gibt: sie starten beide als Außenseiter und gelten als Idealisten – und wie schnell diese Ideale verloren gehen, hat die Serie hinlänglich gezeigt.

Die Figuren
Gerade am Anfang experimentiert Serienmacher Aaron Sorkin noch mit den Figuren. Präsident Bartlets (Michael Sheen) Präsenz in der Serie nimmt von Folge zu Folge zu, ursprünglich sollte sich die Handlung wohl stärker auf die Mitarbeiter und insbesondere Sam Seaborn (Rob Lowe) konzentrieren. Einige Figuren wie die Beraterin Mandy Hampton (Moira Kelly) verschwinden einfach, ihr Verbleib wird nicht erklärt. Hier wundert es mich schon, warum nicht einfach – wie später mit Ainsley Hayes (Emily Procter) – ein Satz ins Drehbuch geflochten wurde, der diese Abwesenheit erklärt. Meiner Meinung nach erfordert das die Serienfiktion. Besonders ärgerlich ist es beim vorläufigen Ausstieg von Sam Seaborn, der in Kalifornien an Wahlen teilnimmt, deren Ausgang unbekannt bleibt. Nun ist davon auszugehen, dass er die Wahl verloren hat, was er stattdessen macht, wird jedoch erst am Ende der siebten Staffel erklärt.

Im Großen und Ganzen ist es der Serie aber gut gelungen, ausscheidende Figuren mit neuen Charakteren zu kompensieren – zumal auch der Hauptcast weitgehend zusammenbleibt. Zwar steigt der Soap-Charakter mit Verlauf an, jedoch stieg auch meine Anteilnahme an den Figuren – und manchen Figuren habe ich dann ein funktionierendes Privatleben oder wenigstens etwas privates Glück gewünscht. Außerdem ging es in dieser Serie niemals um die Frage „wer mit wem?“, sondern lediglich im Vergleich zu den ersten Staffeln wurden das Privatleben der Figuren wichtiger.

  • Will Bailey
    Viele Schwierigkeiten der späteren Staffeln lassen sich an Will Bailey festmachen, der Sam Seaborn ersetzen soll. Er wird als brillanter Redenschreiber eingeführt und wird nach einer guten Rede erst Sams vorläufiger Vertreter, dann bekommt er Sams Job, woraufhin alle anderen Angestellten der Redenschreiberei kündigen – was zu einer unsäglichen Folge mit Praktikanten führt – und wird schließlich Head of Communications des Vizepräsidenten. Das ist nicht nur eine steile und nahezu unglaubwürdige Karriere, sondern sie lässt dieser Figur kaum Raum für Entwicklung. Von Anfang an ist er weniger loyal als Sam, jedoch womöglich talentierter. Allerdings können sich die Autoren nicht durchringen, ihm ein eigenes Profil zu verleihen, zumal er durch den veränderten Erzählstil auch weniger Möglichkeiten bekommt.
  • Toby Ziegler
    Die wohl ärgerlichste Figurenentwicklung durchläuft aber Toby. Er ist der prinzipientreue, moralische Head of Communications, beständig traurig und aufbrausend. Irgendwann in der ersten Staffel bekommt er eine Ex-Frau, später erfahren wir, dass die Ehe vor allem am unerfüllten Kinderwunsch scheiterte. Nun ist seine Ex Andrea aber dennoch schwanger, Toby will die Ehe retten und über zu viele Folgen erstreckt sich diese unsägliche Soap-Geschichte, die wenigstens in einer herzzerreißenden Aussprache mündet. Schließlich wird Toby aber in der siebten Staffel (vermutlich) zum Whistleblower und verrät ein Geheimnis der US-Regierung. Mit viel Mühe wäre diese Entwicklung aufgrund Tobys hoher moralischer Standards noch nachzuvollziehen, wenngleich sie angesichts seiner Treue gegenüber Bartlett schwierig bliebe. Es handelt sich nun aber bei dem verratenen Geheimnis nicht etwa um gefälschte Dokumente über den Uran-Ankauf des Iraks wie bei der anzunehmenden Vorbild-Affäre um Valerie Plame http://de.wikipedia.org/wiki/Valerie_Plame bzw. Lewis Libbyhttp://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_Libby geht, die zu einem Krieg geführt haben, sondern um die Existenz eines militärisches Raumschiffs, dass drei Astronauten retten könnte. Als Begründung für Tobys Verhalten werden auch nicht seine ethischen Standards herangezogen, sondern es wird suggeriert, es hänge mit dem Freitod von seinem Bruder zusammen. Das ist bei einer Figur, deren Hingabe zum ‚public service’ so zentral ist, nicht nur unglaubwürdig, sondern unwürdig. (Interessanterweise sieht Schauspieler Richard Schiff das genauso) Daran ändern auch die weiterhin aufrecht erhaltenen Zweifel nicht, Toby könnte sich für eine andere Quelle geopfert haben.

Fazit
Acht Jahre lang erzählt die Serie von den Ereignissen rund um den Westflügel des Weißen Hauses – und sie mutet Figuren wie Zuschauern eine Menge zu. Nicht mit allen Entwicklungen bin ich einverstanden, auch erfordern die fünfte und sechste Staffel aufgrund unsinniger Handlungsideen, zu viel Melodramatik und zu wenig Humor einiges Durchhaltevermögen. Dafür sind aber insbesondere die ersten beiden Staffeln großartiges Fernsehen – und als eine der wenigen Serien gelingt „The West Wing“ ein ordentlicher Abschluss. Gerne würde ich die Serie noch einmal sehen, da es viel mehr zu entdecken gibt. Allein über die Kameraarbeit in den ersten Staffeln könnte ich einen eigenen Beitrag schreiben, von den Dialogen will ich gar nicht erst anfangen. Irgendwann werde ich mir die Zeit für eine Zweitsichtung nehmen – vielleicht im Doppelpack mit „The Wire“.

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Veranstaltungshinweis: Patrick Salmen liest aus „Ich habe eine Axt“

Foto: Fabian Stürtz

Foto: Fabian Stürtz

Am Sonntag, den 4. Mai 2014 liest Patrick Salmen um 20 Uhr im schönen Pantheon Casino aus seinem Buch „Ich habe eine Axt – Urlaub in den Misantropen“. Patrick Samen ist Lyrik- und Prosaautor aus Dortmund und wurde 2010 deutschsprachiger Meister im Poetry Slam. In seinem Buch entlarvt er nach Verlagsaussage „mal spöttisch, mal böse“ „die Absurditäten und Idotien der Menschheit“. Das klingt vielversprechend!

Patrick Salmen: Ich habe eine Axt – Urlaub in den Misantropen. Knaur 2014.

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Krimi-Kritik: „Der Willy ist weg“ von Jörg Juretzka

„Holland! In dieser nach verklappter Schweinescheiße stinkenden, platten Ödnis möchte ich nicht tot überm Zaun hängen. Oh, ich war vergnügt. Von mir aus, dachte ich, soll sich die Nordsee das ganze Land zurückholen. Über Nacht. Sobald ich hier raus bin. Ah, ich war in trefflicher Stimmung. Ein Auge komplett dicht, die Zähne in, was man als ‘Zustand vor Tütensuppe’ bezeichnen muss, beide Klöten dick wie Pampelmusen, so hockte ich bibbernd im eiskalten Fahrtwind und fühlte mich prächtig. Ich hätte ein Liedchen gepfiffen, wenn es meine verschwollenen Lippen zugelassen hätten. Mann, das hatte ich fein hingekriegt. Ein Prachtstück von einer Packung hatte ich mir da gefangen, eine nur schwer zu überbietende Niederlage eingefahren. Ich mochte zwar mit leeren Händen zurückkehren, doch die Fresse hatte ich ordentlich vollgekriegt. Dumm nur, dass ich nicht beauftragt worden war, buntschillernde Hämatome und von der Härte des Straßenpflasters durchdrungene Räuberpistolen nachhause zu bringen, sondern eine 18-jährige. Eine kleine, zierliche 18-jährige mit einem riesengroßen Appetit auf Opiat.“ (Einen Vorabdruck gibt es bei kaliber.38)

(c) Unionsverlag

(c) Unionsverlag

Nach diesem ersten Absatz des Buchs „Der Willy ist weg“ von Jörg Juretzka steht außer Frage, dass Kristof Enrico Kryszinski mal wieder ordentlich vermöbelt wurde. Aber Kryszinski wäre nicht Kryszinski, würde er das erstens auf sich sitzen lassen und sich zweitens davon abhalten lassen, das 18-jährige Mädchen nach Hause zu holen. Zunächst aber fährt er in die Mülheimer Villa von Willy, dem Maskottchen der Stormfuckers, einer raubeinigen und schlagkräftigen Motorradgang, zu der Kryszinski mehr oder weniger gehört. Seit Willy das Anwesen in der vornehmen Wolfgang-von-Goethe-Allee geerbt hat, wohnt Kryszinski dort. Und da es kurz vor Weihnachten ist, findet in der Villa eine kleine Feier statt. Also tröstet sich Kryszinski mit jeder Menge Bowle – manche nennen sie „Schädelspalter“, andere „Weißer Stock“ oder auch „Chemische Keule –, der obligatorischen Reise nach Jerusalem und bricht wenig später mit Verstärkung wieder nach Holland auf. Schließlich hat er der Familie versprochen, dass das Mädchen bis Weihnachten wieder zu Hause ist („Ich habe mir einmal vorgenommen, sie Weihnachten nachhause zu bringen, und du weißt ja, wie das ist mit mir.“ „Ja“, nickte er (Charly), immer noch hustend. „Schlimm.“). Nebenbei sucht Krysziniski nach einem Unbekannten, der bei einer „großen amerikanischen Fastfoodkette, die wir hier und im Folgenden einmal McDagoberts nennen wollen“ Anschläge verübt – und dann ist auch noch Willy verschwunden.

Scuzzi und Kryszinski – Wie alles begann
Das ist ein munterer Beginn des dritten Kryszinski-Romans, der zeitlich vor seinen Vorgängern „Prickel“ und „Sense“ spielt. Dadurch lernt man die bekannten Charaktere zu einer früheren Zeit kennen. Charlie ist bereits Chef der Gang, der geborene Anführer, Pierfrancesco Scuzzi ist schon Dealer mit dem schlechtesten Musikgeschmack der Welt („Musik drang heraus in die Nacht. Ein Männerchor. Im Takt gehalten von stampfendem Disco-Beat. Eine schmissige Hymne auf die trefflichen Dienste, die der Christliche Verein Junger Männer einsamen, jungen Männern zu bieten hat. Und, ohne auch nur einmal Luftzuholen, folgte in direktem Anschluss eine Ode an die Vorzüge eines Lebens bei der Navy. Sie mussten Scuzzi an den Plattenteller gelassen haben. Nicht, dass wir uns hier missverstehen: Mein Freund Pierfrancesco ist nicht homosexuell. Er mag einfach solche Musik. Er mag, um es kurz zu machen, jegliche Musik. Einzige Voraussetzung ist, glaube ich manchmal, dass sie mir wider die Natur geht.“) Sogar Hauptkommissar Menden begegnet Kryszisnki in diesem Buch zum ersten Mal, und er kommt sowohl zu seiner Katze als auch seinem heiß geliebten Toyota Carina.

Daneben ist „Der Willy ist weg“ ein sehr witziges Buch, allein auf den ersten zehn Seiten von habe ich so viel gelacht wie bei wenigen Büchern. Dazu trägt sicher Juretzkas Sprachwitz und der etwas derbe Humor bei, vor allem aber gibt es in jedem seiner Bücher sehr viele originelle Einfälle – beispielsweise die bereits erwähnte Reise nach Jerusalem der Stormfuckers. Allein die Vorstellung, dass eine reichlich angetrunkene in Lederkluft gekleidete Gang dieses Spiel spielt, ist amüsant. Hinzu kommen noch die Regeln und die Erzählung: „Kaum rannten sie alle in eine Richtung um den Tisch, änderte ich mit zwei scharfen Pfiffen die Richtung. Kaum hatten sie das gemeistert, befahl ich mit einem langen Pfiff ‘Setzen!’. Alles schmiss sich auf die Stühle. Wessen Sitzmöbel zusammenbrach, war draußen. Und hatte gewonnen. Denn wer es bis zum Schluss nicht schaffte, einen Stuhl zu ruinieren, musste die ganzen Bruchstücke aufsammeln und das Feuer damit füttern. Außerdem bekam er die spitze gelbe Mütze aufgesetzt und musste sich bis zum nächsten Durchgang ungestraft ‘Lusche’ nennen lassen.“ Im Grunde genommen sind also die Stormfuckers anderen Vereinen recht ähnlich – höchstens etwas schlagkräftiger als beispielsweise ein Taubenzüchterverein. Auf die Fertigkeiten, die Kryszinski durch dieses Spiel erworben hat, greift er übrigens im fünften Roman „Equinox“ abermals zurück, als er sich plündernden Kreuzfahrtgästen im bordeigenen Supermarkt entgegen stellen muss. Und so zeigt sich auch an solchen Kleinigkeiten, dass Juretzkas Bücher eng verknüpft sind – und es meist noch eine weitere Ebene neben dem offensichtlichen gibt.

Ein bitterer Kern
Die Fälle, in denen Kryszinski in diesem Buch ermittelt, nehmen natürlich aberwitzige Wendungen, durch die er bald nicht nur Nazi-Biker, die Polizei und chinesische Zuhälter am Hals hat, sondern sich auch noch mit den Gangsterbossen des Ruhrpotts anlegt. Bei allem Humor steckt in „Der Willy ist weg“ jedoch auch bitterer Ernst. Durch Willys Entführung wird organisierte rechtsradikale Gewalt aufmerksam gemacht, auch offenbart Kryszinski schon auf der ersten Seite die schmerzhafte Erkenntnis über das Leben von Drogensüchtigen: Nachdem sich die Tochter aus wohlhabenden Haus geweigert hat, mit Kryszinski mitzugehen und bei ihren Zuhältern gelieben ist sowie sie angefeuert hat, als sie ihn verprügeln, überlegt er, ob ihren Eltern die Wahrheit sagen soll. Denn „(d)as, vor allem, könnte in einem jetzt den Eindruck erwecken, sie handele aus freien Stücken. Man könnte meinen, sie lebte dieses degenerierte Dasein als Ergebnis eines Entscheidungsprozesses, an dessen Ende die simple Maxime ‘Lieber arm und krank als reich und gesund’ gestanden hätte. Selbst ich hatte im Wegfahren noch gedacht, lass sie, du siehst es doch, sie will nicht anders. Selbst ich, der ich es besser wissen müsste, besser wusste. Denn ich weiß es. Ich weiß, wie es ist, wenn die Angst, von der Droge getrennt zu werden so groß wird, dass sie allen anderen Ängsten den Raum nimmt. Wenn sie größer wird als die Angst vor dem Verlust der Existenz, der Gesundheit, der Würde, des eigenen Lebens. Das ist groß. Das ist Angst. Und nichts anderes.“ Und durch diese Mischung aus Humor und Bitterkeit, die aber frei ist von Zynismus, ist dieses Buch so gut.

Jörg Juretzka: Der Willy ist weg. Rotbuch 2002. Als Taschenbuch beim Unionsverlag 2010.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Platinblondes Dynamit“
„Fallera”

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