Filmfest Emden-Norderney – Tag 2

Ein Publikumsfestival sorgt immer auch dafür, dass ich meine Einschätzung der Rezeption von Filmen schärfen kann. Während ich den Rest des Jahres die meisten Filme in Pressevorstellungen sehe, in denen es – zumindest in Köln – meist recht ruhig zugeht, sitze ich hier in Emden oder im November in Lübeck inmitten eines überwiegend zahlenden Publikums und bekomme dessen Reaktionen unvermittelt mit. Nun bin ich mir bewusst, dass ich Filme anders sehe. Auch schreibe ich keine „Empfehlungskritiken“, sondern hege den Wunsch, dass Leser meiner Kritiken etwas über den Film erfahren, das sie vorher vielleicht nicht wussten, ihn aus einer anderen Perspektive sehen oder vielleicht über den ein oder anderen Aspekt noch einmal nachdenken. Diese Vermittlungsleistung möchte ich erbringen, dabei versuche ich auch zu bedenken, wie andere Zuschauer diesen Film sehen könnten.

Die Töchter des Monsieur Claude

Die Töchter des Monsieur Claude

Und gestern war ich über die ausgelassene Begeisterung und die Lachanfälle des Publikums bei „Monsieur Claude und seine Töchter“ doch überrascht. Diese – wie bald auf jedem Plakat zu lesen sein wird – neue Erfolgskomödie aus Frankreich (in drei Wochen wurden dort bereits 5,6 Millionen Tickets verkauft) dreht sich um ein konservatives, katholisches französisches Ehepaar, dessen drei Töchter einen Juden, einen Araber und Chinesen geheiratet haben. Die Eltern haben immer gute Miene bewahrt, sind jedoch mit der Wahl ihrer Töchter nicht zufrieden. Und nun verlobt sich ihre vierte Tochter mit einem Ivorer – ein weiterer Zusammenprall der Vorurteile ist also vorprogrammiert. Der Film variiert das Komödienprinzip der letzten Jahren – Spiel mit political correctness, culture clash und Vorurteilen – und potentiert es immer mehr. Für mich stellte sich dort einige Male ein Beigeschmack ein, aber da ich den Film noch für kino-zeit.de bespreche, fasse ich es mal anders zusammen: Die letztjährige neue Erfolgskomödie aus Frankreich, „Paulette“, fand ich deutlich witziger.

„Marina“ von Stijn Coninx

Bei der Aufnahme von "Marina"

Bei der Aufnahme von “Marina”

Auch der belgische Film „Marina“ kam bei vielen Zuschauer besser an als bei mir – immerhin haben sie zwischenzeitlich mitgesungen und geklatscht. Regisseur Stijn Coninx schildert in seinem arg gefälligen Biopic das Heranwachsen des Sängers Rocco Granada (gespielt von Matteo Simoni), der mit dem Lied „Marina“ weltberühmt geworden ist. Geboren in Kalabrien, folgte er als Kind mit seiner Schwester und seiner Mutter seinem Vater nach Belgien, der dort in einer Kohlemine arbeitet. Im Mittelpunkt des Films steht Roccos Kampf um ein selbstbestimmtes Leben, zugleich erzählt Stijn Coninx von dem großen Rassismus, dem die italienischen ‚Gastarbeiter’ in Belgien ausgesetzt waren. Jedoch fehlt dem Film eine reflektierte Haltung, eine kritische Erzählinstanz, die die Problematik tatsächlich beleuchtet und nicht nur zeigt. In fast jeder Szene ist zu merken, dass der Film auf den Erzählungen des nun alten Rocco basiert, dessen Erinnerungen zweifellos aufschlussreich, indes ebenso verklärt sind. So ist sein Vater die Figur, die Rocco Steine in den Weg wirft, zugleich wird stets betont, dass er ein schwer arbeitender, im Grunde genommen gutherziger Mann ist, dem die Zeit einfach übel mitgespielt hat. Mit einer stärkeren Erzählperspektive hätte der Film aber aus dieser Figur mehr gewinnen können: Roccos Vater dachte, er käme für zwei Jahre, dann blieb er sein ganzes Leben. Die Sprache hat er nie gelernt, er verkannte, dass seine Kinder mehr Zeit in Belgien als in Italien verbracht haben, und litt unter den Folgen der Arbeitsbedingungen unter Tage. Damit repräsentiert er die erste Generation von Gastarbeitern in Belgien, aber auch Ländern wie Deutschland (hier musste ich einige Male an Fatih Akins „Solino“ denken), jedoch nutzt der Film das Potential, das in dieser Figur steckt nicht auch. Auch an Rocco könnten die Probleme der zweiten Generation deutlich werden, aber hier beschränkt sich Stijn Coninx auf die dramatischen Geschichte seiner Liebe zu einer blonden Belgierin und der Musik. Daher ist sein Film sicher nett anzusehen – aber auch voller verschenkter Möglichkeiten.

„Kraftidioten“ von Hans Petter Moland

Tod in Norwegen

Tod in Norwegen

Mein Höhepunkt des gestrigen Tages ist daher zweifellos „Kraftidioten“, wie der norwegische Film „The Order of Disappearance“ im internationalen und wohl auch deutschen Verleih heißt. Hans Petter Moland erzählt die Geschichte des Schneeräumwagenfahrers Nils (Stellan Skarsgård), dessen Sohn Ingvar mit einer Überdosis tot aufgefunden wird. Nils ist überzeugt, dass sein Sohn kein Junkie war, aber die Polizei ermittelt nicht weiter. Als er dann von einem Freund (Tobias Santelmann) seines Sohnes erfährt, dass dieser von Gangster ermordet wurde, begibt er sich auf einen Rachefeldzug und mordet sich die Verbrechensleiter nach oben.

Im Grunde genommen erzählt Hans Petter Molands Film also die Geschichte eines normalen, braven Bürgers, der zum Rächer wird. Die Anlehnungen an die Coens und Tarantino sind offensichtlich, aber auch Hans Petter Molands Film ist mehr als ein Morden nach Nummern. Dazu trägt zum einen die Figuren des oberen Gangsterbosses Greven (Pål Sverre Hagen, „Kon-Tiki“) bei, der seine Stellung dem Erbe seines Vaters zu verdanken hat, aber selbst soziopathische Züge zeigt. Bemüht um einen schicken veganen Lebensstil mit Karottensaft und Kunst an den Wänden, bricht die Gewalt aus ihm heraus. Pål Sverre Hagen verleiht ihm eine leicht übertriebene Extravaganz sowie ausgefeilte Manierismen, mit denen er sich zwar beständig hart an der Grenze zur Karikatur bewegt, sie aber niemals überschreitet.

Als Greven nun erfährt, dass immer mehr Mitglieder seiner Gang ermordet werden, tippt er darauf, dass die Serben den Frieden in der Region ignorieren und lässt deshalb einen ihrer Kuriere entführen und ermorden. Dieser war aber wiederum der Sohn des obersten serbischen Bosses Papa (Bruno Ganz), so dass dieser Rache schwört – „Sohn für Sohn“. Damit verlagert sich der Film vom Familiendrama über eine Rachegeschichte zu einem blutigen Gangsterkrieg, in dem der eigentlich brave Nils steckt. Es spritzt einiges Blut, die Grenze des Humors wird wenigstens einmal überschritten – es ist nicht lustig, wenn man einer Frau ins Gesicht schlägt –, aber neben dem typisch skandinavischen, schwarzen, derben Humor besitzt „Kraftidioten“ einige ideenreiche Seitenhiebe auf den norwegischen Wohlfahrtsstaat, auf Gleichberechtigung und den modernen Lebensstil. Dadurch ist in genregemäßen Szenen oft eine originelle Kleinigkeit zu finden – beispielsweise trägt Greven ein Papptablett voll Kaffeebecher, als er mit seinen Gefolgsleuten zu dem entführten Serben kommt, das in typischer Zeitlupe gefilmt wird. Es gibt witzige Dialoge über die Diskrepanz von Sonne und Wohlfahrt (These: Es gibt kein Land, in dem beides zu haben ist – selbst Kalifornien ist pleite), die gute Versorgung in norwegischen Gefängnissen (sogar das Essen ist, niemand vergewaltigt einen und es gibt Zahnarztbehandlungen) und eine kurze Diskussion, ob es eine Provokation war, den ermordeten Serben an Schild mit der Zahl 1389 zu hängen (aber niemand der Norweger weiß wohl, dass in diesem Jahr die Schlacht auf dem Amselfeld war). Dadurch bewegt sich „Kraftidioten“ sicher innerhalb des Genres, fügt ihm aber – anders als beispielsweise „Jackpot“ – eigene Ideen hinzu. Dazu gehört auch der Einsatz von Nils’ Schneemobil, das vom Arbeitsplatz zum Ort der Einsamkeit und des Rückzugs sowie letztlich zur Waffe wird. Darüber hinaus setzt Hans Petter Moland die düsteren Taten stets in Kontrast zu der schneebedeckten, unschuldigen und schönen Landschaft Norwegens, die Kameramann Philip Øgaard („Nord“, „Ein Mann von Welt“) in bestechend schöne Bilder fasst. Die beste Idee ist aber, dem internationalen Verleihtitel gemäß, tatsächlich die ‚Reihenfolge des Verschwindens’ dem Film als Strukturprinzip zugrunde zu legen. Nach jedem Ableben gibt es einen Zwischentitel – und so kann man sich den Spaß machen, die Toten mitzuzählen (wie die Frau hinter mir) – muss man aber nicht. Ich habe jedenfalls herzlich gelacht bei diesem Film.

Heute geht es dann weiter mit „The Selfish Giant“, auf den ich sehr gespannt bin. Außerdem werde ich den Filmtee mit August Diehl besuchen und die Komödie „Gott verhüte!“ (umentschieden!) den norwegischen Dokumentarfilm “Siblings are forever” sowie den britischen Film „God help the girl“ sehen.

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Filmfest Emden-Norderney – Tag 1

(c) Filmfest Emden-Norderney

(c) Filmfest Emden-Norderney

Seit gestern bin ich nun Emden und so ein kleineres Festival hat durchaus Vorteile: Die Filme laufen unter Woche erst nachmittags, am Wochenende geht es dann um elf Uhr los. Deshalb habe ich – gemessen an einem Filmfestival – einige filmfreie Zeit, die ich natürlich zum Schreiben nutze. Und zum Tee trinken. Und würde es nicht ständig regnen, würde ich mehr durch die Gegend laufen und Delft-Luft schnuppern. Aber ich zwar die T-Shirts im Koffer rechtzeitig gegen eine Fleece-Jacke getauscht, nur bei den Schuhen habe ich die Nachbesserungen versäumt. Aber ich bin ja auch in erster Linie hier, um Filme zu sehen, und im Kino war es bisher immer trocken und warm.

„Optimistene“ von Gunhild Westhagen Magnor

(c) NFI

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Den Auftakt machte gestern der norwegische Dokumentarfilm „Optimistene“ über eine Damen-Volleyballmannschaft, deren Spielerinnen zwischen 66 und 98 Jahre alt sind. Seit 40 Jahren trainieren sie einmal in der Woche zusammen, aber sie hatten noch nie ein richtiges Spiel. Doch nun haben sie einen passenden Gegner gefunden und ein „Länderspiel“ gegen eine schwedische Altherren-Mannschaft steht an. Also beginnen die Spielerinnen, etwas ernsthafter zu trainieren. Sie lesen sich die Regeln durch, stellen fest, dass ihr Netz zu niedrig ist, üben erstmals auf einem richtigen Volleyball- statt einem Tennisfeld und holen sich sogar Hilfe vom norwegischen Volleyballverband. Mit viel Energie stürzen sie sich in ihre Vorbereitungen, zugleich wirft Regisseurin Gunhild Westhagen Magnor Seitenblicke in die Lebenswirklichkeit der Spielerinnen.

(c) nfi

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Der Star des Films die 98-jährige Goro, die mit bemerkenswerter Lebenskraft und –willen jeden Morgen aufsteht, Gymnastik macht, versucht, auf einem Bein zu stehen und ihre Beine auf einen halbhohen Schrank zu schwingen. Sie gestaltet ihre Tage mit Handarbeiten und ihrem Haushalt, zugleich aber zeigen kleine Beobachtungen auch ihre Einsamkeit. Die Betthälfte ihres verstorbenen Ehemannes ist mit einer Überdecke bezogen, sie schläft ausschließlich auf einer Seite. An Silvester steht sie alleine am Fenster. Diese Momente sind rührend, betonen aber auch ihre Energie. Als sie beiläufig erwähnt, dass sie an Krebsn erkrankt ist, fügt sie hinzu, dass sie verhindern will, dass der Krebs streut. Denn an Krebs will sie nicht sterben, dass ‚würde nicht zu ihr passen’.

(c) nfi

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Goro legt einen gesunden Optimismus an den Tag, der auch den Rest ihrer Mitspielerinnen auszeichnet – und ihrer Mannschaft sowie dem Film den Namen gegeben hat. Sie wissen alle, dass sie alt sind und sterben werden, aber sie wollen die Zeit bis dahin beweglich und fit bleiben. Diese positiv-pragmatische Grundeinstellung hat mich berührt, aber viele Zuschauer des überwiegend deutlich älteren Kinopublikums im ausverkauften Saal aber anders auf einige Szenen reagiert. Während mich beispielsweise die Übungen von Goro eher rührten, lachten viele Zuschauer und feierten sie letztlich auch für gelungene Gymnastik. Als die Truppe schließlich in Schweden in einem Scandic Hotel absteigt und sich einige der Damen von dem üblichen „Daumen hoch, Daumen runter“-Schild auf dem Bett verunsichern ließen, war es für mich ein Moment, der zeigte, dass sie ihren Wohnort bisher kaum verlassen hatten, für andere Zuschauer war diese Szenen vor allem witzig. Dieses Zusammenspiel aus Rührung und Humor charakterisiert die Stimmung dieses Films ganz gut. Es gibt einige lustige Szenen, im Gedächtnis sind mir indes die kleineren Momente geblieben: Wenn die über 90-jährige Lillemor sich erst an den Gedanken gewöhnen muss, ihr großes Haus mit dem kleineren Haus der Kinder zu tauschen, später aber mit ihrem Mann vergnügt dort sitzt und einen Wein trinkt; wenn Goro an Weihnachten das Foto ihres verstorbenen Mannes in die Hand nimmt; wenn einige der Spielerinnen anlässlich der üblichen Hotelzimmerbügel erst einmal irritiert sind – oder sich über die gesponserten Trinkbecher von einer Bank freuen. In diesen Szenen hat sich für mich fast ein ganzes Leben abgezeichnet. Bisweilen habe ich mich zwar gefragt, ob nicht einiges in diesem Film inszeniert ist, aber ungeachtet dessen ist „Optimistene“ ein lustiger und bewegender Film, den ich empfehlen kann.

„Wolf“ von Jim Taihuttu

Internationale_Wolf

Der zweite Film des Tages war dann das niederländische Drama „Wolf“ von Jim Taihuttu. In schwarzweiß gedreht, erzählt er darin von Majid (Marwan Kenzari), der gerade auf Bewährung entlassen wurde, wieder bei seinen Eltern wohnt und auf dem Blumenmarkt arbeitet, auf dem sein Vater 30 Jahre lang gearbeitet hat, und sich durchs Leben schlägt – im wahrsten Sinn des Wortes: Seine Leidenschaft ist das Kickboxen, mit dem er Geld verdienen könnte. Aber die Versuchung des schnellen Geldes durch Diebstähle und Raubzüge ist zu groß und schon bald befindet er sich auf dem völlig falschen Weg. Eine ausführliche Kritik des Films werde ich für kino-zeit.de schreiben, deshalb begnüge ich mich hier mit dem Fazit, dass „Wolf“ sicher kein originelles, dennoch aber ein gutes Migrantions-Verbrechensdrama ist.

„Everyone’s going to die“ von Jones

filmfestdownloads.vhs-emden.de

Zum Abschluss folgte dann der Debütfilm des Regieduos Jones, das für „Everyone’s going to die“ auch als Produzenten und Drehbuchautoren verantwortlich ist. Im Mittelpunkt stehen die 29-jährige Melanie (Nora Tschirner), die an den englischen Küstenort gezogen ist, um dort mit ihrem Verlobten zu wohnen, und der ältere Ray (Rob Knighton), der anlässlich des Todes seines Bruders wieder in seinen Heimatort zurückgekehrt ist. Durch einen Zufall begegnen sie sich, unterhalten sich, trennen sich und treffen sich erneut. Beide sind sie verlorene Seelen, finden aber in dem anderen Verständnis und einen Gesprächspartner. Das erinnert alles an Filme von beispeilsweise Richard Linklater, allerdings schafft Jones in den besten Momenten etwas eigenes. So befindet sich Melanie in der Eingangssequenz auf einer Luftmatratze in einem Pool, man sieht ein kleines aufgemaltes Bärtchen unter der Nase, das – wie sich später zeigt – zu ihrem Charlie-Chaplin-Kostüm gehört, mich aber zunächst an Hitler denken ließ. Sie zieht sich an, wandert durch das Haus und trifft schließlich eine andere jungere Frau, gegenüber der sie bekennt, sie sei „lost“. Es ist sofort klar, dass sie damit nicht nur den Filmriss der letzten Nacht meint, sondern ihr gesamtes Leben. In diesen ersten Bildern wird der melancholisch-absurde Grundton des Films deutlich, den Jones aber nicht konsequent genug beibehält. Durch die Musik und die Lichtsetzung klingt dieser Ansatz immer wieder durch, auch gibt es sehr schöne Bilder und weitere gelungene schräge Szenen, in denen beispielsweise Ray mit einer Katze zu sprechen versucht, die seine Schwägerin für die Wiedergeburt ihres Mannes hält. Jedoch gibt zu viele seitliche Großaufnahmen von Nora Tschirners Gesicht, neben den bewusst elliptischen Dialogzeilen wird auch viel Banales ausgesprochen. Dadurch bekommt der Film einen prätentiösen Beigeschmack. Es scheint manchmal als schreckte das Duo Jones vor dem eigenen Mut zurück. So wollen sie am Ende eigentlich keine Lösungen, sondern Entscheidungen präsentieren, verzichten indes nicht auf die konventionelle Schlussszene. Dank der vielen gelungen und eigenen Ansätze ist „Everyone’s going to die“ als Debüt aber interessant.

Insgesamt war es also ein guter erster Tag auf dem Filmfest, dem heute mit den Filmen „Marina“ aus Belgien, „Kraftidioten“ aus Norwegen“ und „Monsieur Claude und seine Töchter“ aus Frankreich hoffentlich ein guter zweiter Tag folgen wird. Nun gehe ich aber erst einmal einen Tee trinken.

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Amerika und Afrika – Über „Americanah“ und „Nairobi Heat“

(c) S. Fischer

(c) S. Fischer

Was bedeutet es, schwarz zu sein? In dem großartigen Roman „Americanah“ erzählt Chimamanda Ngozi Adichie von der Nigerianerin Ifemelu, die in die USA geht und dort zum ersten Mal erfährt, was es bedeutet, schwarz zu sein, in einer Welt, in der weiße Haut das Ideal und erstrebenswerte Ziel ist. In dem Moment, in dem sie in den USA ankommt, spürt sie, dass fortan nicht mehr wie in Nigeria die Klasse über ihr Fortkommen entscheidet, sondern die Rasse. Ifemelu – und mit ihr der Leser – erlebt die Allgegenwärtigkeit einer Hautfarbe, die jede Fremd- und bald auch schon Selbstwahrnehmung bestimmt – abhängig von dem Land und der Gesellschaft, in der man sich befindet. In „Nairobi Heat“ geht Mukoma wa Ngugis Protagonist Ishmael gewissermaßen den umgekehrten Weg: Er ist ein afroamerikanischer Cop, der das erste Mal nach Afrika reist und dort in einem Fall ermitteln will. Im Gegensatz zu Ifemelu kennt er die Diskriminierungen in den USA, er kennt die sprachlichen und gesellschaftlichen Codes, denen man sich unterwirft oder gegen die man sich auflehnt. In Kenia erlebt er nun andere Reaktionen auf seine Erscheinung: „Die Leute hier waren klein und schlank, und ich fühlte mich maßlos schwer, als hätte ich einige Körperteile zuviel.“ Die Afrikaner rufen ihn, den „afrikanische(n) Amerikaner, (…) schwarze(n) Amerikaner“ „Weißer Mann“. Anfangs macht es ihm nichts aus, je länger er jedoch in Kenia bleibt, desto mehr empfindet er die Geringschätzung, die damit verbunden ist. Während nun Ifemelu in Adiches Roman mit sich selbst hadert und sich selbst (er-)finden muss, scheint sich bei Ishmael eine Sehnsucht zu erfüllen, die er zuvor nicht gekannt hat. Er wollte nie einer der Schwarzen sein, die sich wie Weiße verhalten, zugleich hat er aber kein Problem damit, dass Schwarze ihn für einen Verräter halten, weil er als Polizist andere Schwarze verhaftet. In Afrika findet er daher auch nicht zu selbst, sondern verbringt Tage voller Leidenschaft, Hass, Liebe und Gewalt. Es ist ein „anderes Leben, ein Leben am Limit, wo es immer um alles oder nichts ging, und in dem man vielleicht nebenbei auch noch was Gutes tun konnte“. Auch Ifemelu geht schließlich nach Nigeria zurück, getrieben von großem Heimweh und der Sehnsucht nach ihrer großen Liebe Obinze, „der einzige Mensch, bei dem sie nie das Bedürfnis verspürt hatte, sich zu erklären“.

(c) Transit Verlag

(c) Transit Verlag

„Americanah“ ist ein globaler Gesellschaftsroman, in dem Chimamanda Ngozi Adichie ihre scharfsinnigen Analysen und Überlegungen in eine Liebesgeschichte einbettet und zugleich von dem Leben der Nigerianer in ihrer Heimat, in England (dorthin geht Obinze) und den USA erzählt. Sehr unterhaltsam und gut zu lesen, hat dieser Roman meinen Blick auf die Welt verändert und zählt für mich zu den besten Büchern des Jahres. Die thematischen Parallelen zu „Nairobi Heat“ sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich stilistisch um zwei grundverschiedene Bücher handelt. „Nairobi Heat“ ist ein hardboiled-Roman, in dem Ishmael den Mord an einer hübschen jungen weißen Frau aufgeklärt, die eines Nachts vor dem Haus eines schwarzen Professors gefunden wird. Der Verdächtige ist Joshua Hakizimana, der 1994 beim Massaker in Ruanda tausende Flüchtlinge gerettet hat und als „der schwarze Schindler“ gilt. Er beteuert seine Unschuld, dennoch hat der Fall allein schon aufgrund der Hautfarbe des Opfers sowie des Verdächtigen politische und gesellschaftliche Brisanz. Ein anonymer Tipp führt Ishmael schließlich nach Nairobi und dort beginnt er, mehr über Joshua herauszufinden. Dadurch verbindet Mukoma wa Ngugi die Detektivgeschichte mit Überlegungen zum Leben in den USA und in Kenia, zu den Folgen des Völkermordes in Ruanda und den Umgang mit Schuld. Daneben geht es in diesem rund 180 Seiten langen Roman um die komplexen Beziehungen zwischen Afrika und den USA, um Verrat und Korruption – und inmitten der Kneipenschlägereien und Toten immer auch um Hoffnung. Deshalb ist „Nairobi Heat“ ein sagenhaftes Debüt – und ebenso wie „Americanah“ sehr gute Literatur.

Mukoma wa Ngugi: Nairobi Heat. Übersetzt von Rainer Nitsche. Transit Verlag 2014.
Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. Übersetzt von Anette Grube. S. Fischer 2014.

Über die Autoren

Foto: Africanwriter.com

Foto: Africanwriter.com

„Nairobi Heat“ ist der Debütroman von Mukoma wa Ngugi, der 1971 als Sohn von Ngugi wa Thiong’o in Evanston, Illionis/USA geboren wurde, in Kenia aufgewachsen ist und zum Studium zurück in die USA ging. Er arbeitet als Literaturprofessor an der Cornell University und schreibt als Journalist und Kolumnist für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Sein zweiter Roman „Black Star Nairobi“ ist gerade in den USA erschienen.

(c) Beowulf Sheehan/PEN American Center

(c) Beowulf Sheehan/PEN American Center

Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren und ging im Alter von 19 Jahren in die USA. „Americanah“ ist ihr dritter Roman, zuvor erschienen „Blauer Hibiskus“ und „Die Hälfte der Sonne“ (beide im Luchterland Literaturverlag), außerdem ist ihre Kurzgeschichtensammlung „Heimsuchungen“ beim S. Fischer Verlag erhältlich. Für „Americanah“ wurde sie mit dem National Book Critics Circle Award ausgezeichnet. Sie lebt in Lagos und in den USA.

Chimamanda Ngozi Adichie wird im Mai auf Lesereise in Deutschland und in die Schweiz gehen.

12. Mai 2014
Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2, 60311 Frankfurt. Beginn 19:30 Uhr
13. Mai 2014
Rautenstrauch-Joest-Museum f.Völkerkunde, Bibliothek 2. OG, Cäcilienstraße 29-33, 50678 Köln
14. Mai 2014
Kaufleuten Restaurants AG, Pelikanplatz, 8001 Zürich
15. Mai 2014
Literaturhaus Basel, Theaterstr. 22, 4001 Basel
16. Mai 2014
Kulturbrauerei Palais, Knaackstr. 97, 10435 Berlin
17. Mai 2014
Universität Hannover, Literarischer Salon, Königsworther Platz 1, 30167 Hannover

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Ein Ausblick auf das Filmfest Emden-Norderney

Auf geht’s nach Emden! Vom 8. bis zum 11. Mai werde ich in Emden auf dem Filmfest sein, das noch einige Tage länger geht – aber dann ohne mich. 😉 Nordwesteuropäische Produktionen sind dort der Schwerpunkt, deshalb laufen dort neben skandinavischen Filmen vor allem Filme aus Großbritannien, Irland, Belgien und den Niederlanden.

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Besonders freue mich auf das niederländische Drama „Wolf“ (Regie: Jim Taihuttu), das von einem jungen Kampfsportler erzählt, der in die Welt des organisierten Verbrechens abrutscht, und „The Selfish Giant“ von Clio Barnard, die als eine der wichtigsten Vertreterinnen des New British Cinema gilt. Gerne würde ich auch die Banville-Verfilmung „The Sea“ gucken, aber hier gibt es eventuell eine Terminkollision. In jedem Fall werde ich aber endlich den norwegischen „Kraftidioten“ von Hans Petter Molland sehen können.

Die anderen skandinavischen Spielfilme sind „Pionér“ aus Norwegen und „Hross í oss“ („Of Horses and Men“) aus Island, die ich beide bereits in Lübeck gesehen habe. Außerdem gibt es noch die beiden norwegischen Dokumentationen „Optimistene“ und „Søsken til evig tid“ (Siblings are Forever), die ich beide gerne sehen würde. Ohnehin ist auffällig, wie viele norwegische Filme hier laufen. Das könnte zum einen ein weiteres Indiz auf die von mir beobachtete Verbreitung und zunehmenden Erfolg von norwegischen Filmen sein, zum anderen aber – da es mein erstes Jahr hier ist – auch nur Zufall.

Alle weiteren Filme sind auf der Homepage des Festivals zu finden, außerdem werde ich im Verlauf meines Aufenthalts hier auch noch mehr über das Festival und die Filme schreiben. Nun freue ich mich aber erst einmal darauf, ein neues Filmfestival zu entdecken. (Und ein wenig Nordluft zu schnuppern, die fehlt mir hier nämlich.)

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Kinotipps für den Mai

„Turn me on“

(c) W-Film

(c) W-Film

Am Donnerstag, den 8. Mai läuft die norwegische Coming-of-Age-Komödie „Turn me on“ in den Kinos an, die mich mit ihrer tollen Protagonistin und Handlung begeistert hat. Endlich steht mal ein Mädchen im Mittelpunkt, das noch dazu frei über Sex spricht und ihn verlangt – und deshalb an den Reaktionen ihrer Umwelt schwer zu tragen hat. Alles wird mit verschrobenem Humor erzählt, daher möchte ich diesen kleinen Film sehr, sehr empfehlen.

Mehr habe ich bei kino-zeit.de über den Film geschrieben.

„Fruitvale Station“

(c) dcm

(c) dcm

Und bereits am 1. Mai ist „Fruitvale Station“ angelaufen. In dem amerikanischen Indepedentfilm schafft Ryan Coogler ein komplexes des jungen Schwarzen Oscar Grant III., der am Neujahrsmorgen 2009 an der titelgebenden Bahnstation ums Leben gekommen ist. Allein aufgrund der Schauspieler – allen voran Michael B. Jordan aus „The Wire“ und tollen Montagen schon sehenswert, hat mich beeindruckt, dass Ryan Coogler aus der Empörung über die damaligen Ereignisse einen Film mit einer überzeugenden und tiefen humanistischen Haltung geschaffen hat.

Meine ausführliche Kritik bei kino-zeit.de.

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Media Monday #149

1. Könnte ich die Filmfigur Hulk im wahren Leben einmal treffen, müsste ich sie unbedingt einmal fragen, wie es sich anfühlt, grün zu sein. Schließlich soll das ja laut Kermit alles andere als einfach sein.

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2. Das Franchise von irgendeinem dieser Superhelden möge man bitte schnellstmöglich beerdigen, weil dann vielleicht auch wieder Geld vorhanden ist, um Originalstoffe zu verfilmen.

3. Wenn die Zeit nicht immer so knapp wäre, hätte ich schon längst einen Blick auf das Gesamtwerk sowohl von Ari als auch Mika Kaurismäki geworfen, aber so bleibt meine Kenntnis auf einige wenige Filme beschränkt. Vorerst.

4. Am meisten in Filmen nervt mich ja die Klischeefigur der/des lustigen Dicken wie zum Beispiel in „Brautalarm“, weil die Dicken meist schräg, platt und/oder dem Fäkalhumor äußerst zugeneigt sind. Ebenso nerven mich die Frauenfiguren in vielen romantischen Komödien, deren einziger Lebenssinn daraus besteht, einen passenden Mann zu finden. Aber darüber habe ich mich beim Media Monday ja schon häufiger aufgeregt.

5. „Fruitvale Station“ hat mich tief bewegt, weil Ryan Coogler ein komplexes Porträt eines jungen schwarzen Mannes gedreht hat, der einfach keine Chance mehr bekommen hat, sein Leben zu ändern.

6. Hätte man mich bei der letzten Staffel von „Downton Abbey“ ein Wörtchen mitreden lassen, hätte ich dafür gesorgt, dass Mary länger trauern darf, Edith endlich etwas Glück widerfährt – und vor allem Mrs. und Mr. Bates nicht schon wieder Ungemach widerfährt.

7. Zuletzt gelesen habe ich „Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter“ und das war ein guter Kriminalroman, weil Malcolm Mackay interessante Figuren versammelt, um von dem Aufstieg eines schottischen Verbrechenssyndikats zu erzählen.

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Gelesen März/April 2014

Nachdem der März ein bescheidener Lesemonat war, bin ich im April wieder besser in Form. Die Bücher stapeln sich hier zwar immer noch, auch erinnern mich die täglich eintrudelnden Herbstvorschauen beständig daran, dass ich mit den Frühjahrsbüchern noch nicht durch bin, aber dagegen hilft ja bekanntlich nur eines: Lesen.

Im April und Mai habe ich folgende Bücher (wieder-)gelesen:

Foto

Eoin Colfer: Hinterher ist man immer tot
Stephan Kaluza: 30 Keller
Heinrich Steinfest: Der Allesforscher
Amy Hempel: Die Ernte
Jörg Juretzka: Sense
Jörg Juretzka: Der Willy ist weg
Jörg Juretzka: Fallera
Jörg Juretzka: Equinox
Jörg Juretzka: Wanted
Jörg Juretzka: Bis zum Hals
Jörg Juretzka: Alles total groovy hier
Joyce Maynard: Der Duft des Sommers
Jörg Juretzka: Rotzig & Rotzig
Jörg Juretzka: Freakshow
Jörg Juretzka: Taxibar
Jörg Juretzka: Schlachtfeld der Liebe
Chimanda Ngozi Adiche: Americanah

Die meisten Juretzka-Titel hatte ich bereits vor Jahren gelesen, nun aber für einen Beitrag über Kristof Kryszinski und ihn wieder entdeckt und ich hatte einen Heidenspaß. Da einige der Bücher noch bei meinen Eltern lagern, habe ich außerdem nebenbei die überraschend gute Krimi-Auswahl der Stadtbibliothek Beuel entdeckt, die ich zukünftig häufiger nutzen werde. Joyce Maynard habe ich anlässlich der Verfilmung von Jason Reitman gelesen – mir war das alles zu süß und weich. (zur Kritik des Films „Labor Day“). Heinrich Steinfest ist einer meiner Lieblingsautoren, sein „Allesforscher“ ist ein wunderbar rätselhafter und nachdenkenswerter Roman, ein Blogbeitrag folgt. Amy Hempels Kurzgeschichten haben mich sehr bewegt, sie sind geheimnisvoll, manchmal grausam, manchmal bewegend, immer klug und ich möchte unbedingt mehr von ihr lesen. Sehr beeindruckt hat mich außerdem Adiches „Americanah“, der einer jener Romane ist, die mich die Welt mit anderen Augen sehen lassen und deren Lektüre mich und meine Wahrnehmung verändern. Ein Beitrag über dieses Buch und „Nairobi Heat“ wird diese Woche folgen.

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