Den Haag und Serbien – Über „Tribunal“ von André Georgi

(c) Suhrkamp

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Die besten Krimis blicken über den eigenen Rand hinaus, sind – auf verschiedenste Weise – gesellschaftskritisch und regen zum Nachdenken an. Auf den ersten Blick scheint das alles auf „Tribunal“ von André Georgi zuzutreffen. Seine Hauptfigur ist die Polizistin Jasna Brandic, die seit zwei Jahren für den Schutz des Serben Marco Kovac zuständig ist. Kovac soll in Den Haag beim Kriegsverbrechertribunal der Prozess wegen des Massakers von Višegrad (dort führt Ivo Andrc’ „Brücke über die Drina“) gemacht werden, bei dem er mit 15 Mitgliedern seiner paramilitärischen Einheit „Die Wölfe“ über 4000 Moslems vergewaltigt und ermordet haben soll. Aber die Beweislage schwierig: Noch vom Gefängnis aus hat Kovac gute Verbindungen, wird vermutlich von Teilen der serbischen Regierung geschützt, viele Zeugen sind eingeschüchtert und haben Angst, gegen Kovac auszusagen. Außerdem droht ständig ein Anschlag, deshalb sind die Sicherheitsvorkehrungen sehr hoch. Dennoch kommt es zu einem Attentat und einem Zwischenfall im Gerichtssaal. Daraufhin droht der gesamte Prozess zu platzen. Jasna muss noch einmal nach Serbien reisen, um dort einen von Kovac‘ Komplizen zu finden, der angeblich bereit ist, gegen ihn auszusagen.

Der erste Teil von „Tribunal“ ist mit kurzen Sätzen, schnellen Perspektivwechsel und viel Action sehr temporeich. Durch diesen filmischen Erzählstil wird auch die Spannung langsam aufgebaut – hier schreibt also fraglos jemand, der sein Handwerk versteht. Allerdings bleibt es bei dieser oberflächlichen Spannung, denn André Georgi in seinem Thrillerdebüt nicht in die Tiefe, sondern entscheidet sich im Zweifelsfall immer für Action statt Psychologisierung. Nun könnte das im Thriller prinzipiell funktionieren, wenn nicht Jasna zunehmend persönlich in den Fall involviert wäre. Ohnehin bin ich keine große Freundin von persönlichen Verwicklungen ermittelnder Staatsbeamter in die Fälle. Als Motivation für private Ermittler mag ein persönliches Motiv notwendig sein, aber Jasna Brandic macht in erster Linie ihren Job, den sie bereits mit Besessenheit erfüllt. Außerdem stammt ihre Familie aus Serbien und so hat sie eine zusätzliche Motivation, diese Verbrechen aufzuklären. Dann stellt sich jedoch heraus, dass sie nicht nur mit einem, sondern mit zwei gesuchten Kriegsverbrechern verwandt ist. Hieraus ergeben sich viele spannende Fragen, die im Rahmen dieses Thrillers zu verhandeln möglich gewesen wäre. Wenn ich mir vorstelle, ich riskierte mein Leben, damit ein Massenvergewaltiger und -mörder vor Gericht kommt, ich habe so viele Zeugenaussagen über begangene Gräueltaten gelesen, dass mein eigenes Sexualleben darunter mehr als leidet, und erfahre, dass mein totgeglaubter Vater und Bruder an diesen Taten beteiligt waren, dann wäre ich verstört, würde mich fragen, was mit ihnen nicht stimmt – und ob mit mir vielleicht auch etwas nicht stimmt. Die Erklärung, dass sie nach dem Aufdecken der Vertreibung und Ermordung ihrer Großmutter und Tante Selbstjustiz geübt haben und sich einer Miliz angeschlossen haben, mag damals in der Situation dem Bruder und Vater als Rechtfertigung ausgereicht habe, aber auch der Tochter, die ihr Leben dem Kampf gegen solche Männer gewidmet hat? In „Tribunal“ anscheinend ja. Deshalb wird diese komplexe psychologische Situation nicht erkundet, sondern André Georgi bleibt bei äußeren Ereignissen, bei Folter und einer minutiös geschilderten Verfolgungsjagd, deren Ende bereits Seiten vorher verraten wurde. Dadurch wird weder die Identifikation mit Jasna erhöht – ein Hauptgrund für persönliche Verwicklungen – noch wird sie als Figur komplexer. Dazu hätte André Georgi zusätzlich zu den spannenden äußeren Handlungen den Figuren auch ein ausgefeiltes Innenleben geben müssen. Damit ist „Tribunal“ als Pageturner dank der handwerklichen Fertigkeiten des Autors solide. Er ist spannend, durchaus unterhaltsam und eignet sich als Vorlage für einen Fernsehfilm. Aber leider steckt dieses Buch auch voller verschenkter Möglichkeiten.

André Georgi: Tribunal. Suhrkamp 2014.

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Krimi-Kritik: „Bis zum Hals“ von Jörg Juretzka

„Na, das hast Du ja sauber hingekriegt, Kryszinski.“ Wenn es etwas gibt, das ich an Kommissar Hufschmidt hasse – besonders hasse, heißt das, also mehr noch als alles andere, das ich eh schon hasse an ihm –, dann ist das seine gespielte Coolness im Angesicht des Entsetzlichen.“

Denn auch Kommissar Hufschmidt hat der Anblick des Toten auf der Straße mitgenommen. „Er war aschfahl und brauchte die offene Tür seines Opels als Stütze“, dennoch will er cool wirken. Zumal er überzeugt ist, dass er Kryszinski nun endlich erwischt hat. Für die Polizisten ist die Sache klar: Kryszinski ist vermutlich mal wieder total dicht viel zu schnell gefahren und hat den armen Kerl nicht rechtzeitig gesehen, den er dann überfahren hat. Als Kommissar Menden am Unfallort eintrifft, stellt Kryszinski die Sache aber klar – irgendwie: „Ich bin unschuldig“, war alles, was mir einfallen wollte. Menden sehen und diesen Satz äußern ist manchmal wie zwei Sektenwerbern die Tür öffnen und sie gleich wieder schließen. Es hat etwas Automatisches, Zwangsläufiges. Beide Seiten wären irgendwie baff, würde es anders laufen.“. Aber nicht nur das: „Außerdem war ich fühllos, entrückt, wie anästhesiert. Man fährt schließlich nicht alle Tage einen Menschen über den Haufen. Noch nicht einmal ich, sollte ich vielleicht hinzufügen. Und dann noch ohne Absicht.“ Denn tatsächlich ist Kryszinski unschuldig. Ihm wurde der bedauernswerte Mann einfach vor das Auto geworfen. Jedoch lässt Kryszinski sich nicht ohne weiteres als Mordwaffe gebrauchen und ermittelt deshalb auf eigene Faust. Er findet heraus, dass der Tote aus Russland stammt – und hat schon bald nicht nur verschiedene Geheimdienste, sondern auch die Hells Angels am Wickel.

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Mit „Bis zum Hals“ kehrt Kryszinski nach seinen Ausflügen in die Schweiz, auf ein Kreuzfahrtschiff und den Wilden Westen wieder ins Ruhrgebiet zurück. Er trifft alte Bekannte wie Stormfuckers-Chef Charly und in dem Pathologen Dr. Korthner einen neuen Freund. Dieser hat früher als Laborarzt gearbeitet und die Blutproben polizeilicher Untersuchungen analysiert. Darunter war auch mal eine von Kryszinski. „Das Ergebnis hängt gerahmt im Büro des Stationsarztes.“ Er wirkte völlig begeistert. Ich weniger, denn unterschwellig ahnte ich, worauf das hinauslief. „Weder vorher noch jemals nachher ist eine höhere Dosis und größere Vielfalt an psychotropen Wirkstoffen in einer einzigen Blutprobe nachgewiesen worden. (…). Was meine Kollegen und ich uns immer gefragt haben: Sie wurden ja damals in Ausübung einer Straftat verhaftet, waren also nicht nur bei Bewusstsein, sondern obendrein aktiv. Wie … wie haben Sie es geschafft, diese Vielzahl an teilweise gegenläufig wechselwirksamen Substanzen physisch und vor allem auch psychisch zu koordinieren?“. „Schwer zu sagen“, gab ich zu. „Aber wenn ich mich recht erinnere, brachte eine halbe Flasche Wodka für gewöhnlich so was wie ein bisschen Ordnung in den ganzen Kuddelmuddel.“ Dank Korthners Begeisterung für seine Blutwerte erfährt Kryszinski etwas über den Toten, hat außerdem zukünftig eine Anlaufstelle für eigene Verletzungen und es wird bereits deutlich, dass Kryszinski über eine wichtigen Eigenschaft für Ermittlungen im Russenmilieu verfügt: eine hohe Alkoholverträglichkeit. Und angesichts der während dieser Ermittlungen konsumierten Wodka-Mengen hätten dort wohl nur wenige Privatdetektive bestehen können.

Durch die für Juretzkas Kryszinski-Reihe typische Ich-Erzählform und die vielen direkten Dialoge entsteht ein hohes Erzähltempo, außerdem unterhält und amüsiert er mit wenigen Worten. Darüber hinaus gibt es immer wieder Momente, in denen sich mit einem kurzen Satz eine ganze Welt offenbart. Nachdem Kryszinski mit Anoushka, der Frau des Toten, einen Zusammenstoß mit Unbekannten hatte, fliehen sie über die Autobahn, auf der vor kurzem ein Unfall stattgefunden hat und retten sich in ein Auto. „Der Abschleppwagenfahrer blickte überrascht, angepisst, verstehend, einsichtig. Alles binnen eines Fingerschnippens. Doch er sagte kein Wort. Stattdessen schwang er sich in seinen Sitz, knallte die Tür und startete den Motor. Sah noch mal zu uns rüber, zusammengepfercht auf einem Beifahrersitz, sah Anoushka an, barfuß, abgerissen nach einer Nacht auf der Flucht, ihren von Bindfäden zusammengehaltenen Koffer umklammernd wie einen letzten Halt in einer Welt ohne Boden, mich mit meiner schwellenden, blutenden Stirn, registrierte unsere gehetzten, immer und immer wieder nach hinten wandernden Blicke und fuhr einfach los. „Ich komme aus dem Kosovo“, sagte er, als er uns an einer S-Bahn-Haltestelle rausließ, und wünschte uns Glück.“ Dieser überraschende Moment der Solidarität der Flüchtenden berührt und bleibt in Erinnerung.

Dennoch ist „Bis zum Hals“ einer der konventionelleren Kryszinski-Romane: Der hartgesottene Privatdetektiv trifft eine femme fatale und jede Menge zwielichtiger Gestalten, es kommt zu einigen Scharmützeln und alles endet in einem übertrieben actionreichen Finale. Dass es alles unterhaltsam ist, steht außer Frage. Aber dass in der Reihe noch weit mehr Potential steckt, zeigt Juretzka insbesondere in den folgenden Romanen.

Jörg Juretzka: Bis zum Hals. Ullstein 2007.

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Krimi-Kritik: „Equinox“ von Jörg Juretzka

(c) Ullstein

(c) Ullstein

Nachdem er von seinem Ausflug in die Berge („Fallera“) heil zurückgekehrt ist, hat Kryszinski neuen Ärger am Hals. Schuld ist genau genommen sein Freund Scuzzi, der erst seinen Lieferanten verloren und sich dann trotz aller Warnungen mit albanischen Gangstern eingelassen hat. Erwartungsgemäß wurde er von ihnen über den Tisch gezogen, das konnte wiederum Kryszinski nicht mit ansehen, also hat er es ihnen auf seine Weise heimgezahlt. Nun ist den Albanern aber zu Ohren gekommen, wem sie den Verlust zweier Taschen voller Drogen verdanken – und so konnte er der Gelegenheit nicht widerstehen, an der Seite von Jochen Fuchs als zweiter Privatdetektiv auf dem Kreuzfahrtschiff „Equinox“ anzuheuern. Mit von der Partie ist auch Scuzzi, der beim Vorstellungsgespräch mehr als überzeugt hat: „Denn das war es, das war die unfassbare Wahrheit: Sie hatten Scuzzi hier auf dem Schiff zu so einer Art General-Musikdirektor gemacht. Einen Mann, der alle Alben von Supertramp besaß, von Lionel Richie und, mein Gott, sämtliche LPs und Singles von Phil Collins und Genesis. Ein Mann, dessen Plattenschrank man auch „die Top 10 000 der seichtesten Titel aller Zeiten“ nennen könnte“, dieser Mann bestimmt nun zu Kryszinski größter Qual über die gesamte Musik, die an Bord zu hören ist.

Kaum hat das Schiff abgelegt, findet sich ein erster Toter an Bord. Mit der Diagnose „Selbstmord“ des Bordarztes Dr. Koethensieker ist Kryszinsiki alles andere als einverstanden, deshalb ermittelt er haarsträubend auf eigene Faust und kommt den wahren Tätern auf die Spur. Dazwischen muss er mehrmals seinen eigenen Hals retten – im wahrsten Sinn des Wortes, denn der Täter enthauptet seine Opfer in der Regel – und sich vom Detektiv zum Animateur degradieren lassen. Das sorgt für eine filmreife Szene, in der Kryszinki die gelangweilten Kreuzfahrtpassagiere zu einem französischen „Kochkürs“ der besonderen Art einlädt.

Allein schon die Vorstellung von dem seit seiner Haft leicht klaustrophobischen und sich ständig mit Autoritäten anlegenden Kryszinski auf einem hierarchisch organisierten Kreuzfahrtschiff ist großartig. Dann teilt er sich noch eine Kabine mit dem pedantischen Fuchs und dem dauerzugedröhnten Scuzzi, dessen Musik er auf dem Schiff ohnehin schon ständig ausgesetzt ist. Das alles zerrt an Kryszinskis Nerven, hält ihn aber nicht davon ab, noch im Bord-Supermarkt zu betrügen und auf verdienstvolle Fertigkeiten zurückzugreifen, um inmitten eines besonderes rabbattierten Einkaufs an eine Stange Zigarretten zu kommen. „Und ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass das jahrelange Training im „Reise-nach-Jerusalem“-spielen nach dem Regelwerk des Rockerclubs „Stormfuckers“ ein ums andere Mal Früchte trug. Okay, ein paar der alten Knacker um mich herum nochten nie wieder so richtig auf die Beine gekommen sein, aber ich kriegte sie zu fassen, meine Stange Camel „ohne“, oh ja.“ Und diese Zigaretten braucht Kryszinski äußerst dringend, schließlich hat sich Fuchs von den Schiffsoberen einwickeln lassen und untersucht den Mordfall nicht mit vollem Einsatz, Scuzzi ist ebenfalls beschäftigt und ohnehin keine große Hilfe, also bleibt es allein Kristof überlassen, die Hintergründe zu ermitteln.

Dass Kryszinski auch außerhalb des Ruhrgebiets glaubwürdig bleibt, hat Juretzka mit „Fallera“ bereits bewiesen, nun ist sein Kumpel Scuzzi ebenfalls mit von der Partie. Daneben gibt es eine Vielzahl schrulliger Nebencharaktere, die mit Biss und Herz beschrieben sind. Dadurch ist „Equinox“ in erster Linie gewohnte Juretzka-Unterhaltung mit sehr viel Sprachwitz, tollen Charakteren und allerhand bissigen Seitenhieben auf den Tourismus und die Selbstgefälligkeit wohlhabender Menschen. Das bereitet ausreichend Vergnügen, dass mich die Vorhersehbarkeit des Plots und der Bösewichte beim Lesen nicht allzu sehr gestört haben. Aber „Equinox“ ist vor allem für Fans der Reihe ein Vergnügen.

Jörg Juretzka: Exquinox. Ullstein 2003.

Jörg Juretzka im Zeilenkino:
„Prickel“
„Sense“
„Fallera“
„Platinblondes Dynamit“

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Abkehr vom Krimi – „Das himmlische Kind“ von Heinrich Steinfest

(c) Droemer Knaur

(c) Droemer Knaur

Eine Mutter will sich selbst und ihre Kinder töten, indem sie ihre Kinder betäubt und im Winter mit dem Auto in einen abgelegenen See fährt. Doch ihre Tochter Miriam ist kein gewöhnliches zwölfjähriges Mädchen. Sie ist intelligent, hat bereits „begriffen, wie sehr menschliches Glück nicht nur darin bestand, etwas zu erfahren, sondern auch darin, etwas nicht zu erfahren. Zumindest nicht sofort“ und vertraut ihren Eingebungen. Außerdem neigt sie zu einer „gewissen Gesetzestreue“, deshalb ist sie verwundert, dass ihre Mutter ihr im Auto eine Cola reicht. „Denn obgleich sie durchaus das Bedürfnis verspürte, das ganze Jahr über den süßsauren Geschmack dieses aufbrausenden Getränks zu genießen, hatte sie die einmal erfolgte und aus behaupteten Gründen der Vernunft erteilte Beschränkung auf die Urlaubszeit akzeptiert. Hin und wieder aufzumucken gehörte zum Spiel, so wie zum Spiel gehörte, eine Cola auch mal heimlich zu trinken oder sich ungefragt ein Stück Schokolade einzuverleiben. Daß aber die Mutter selbst die Regel durchbrach, ohne dies stichhaltig zu begründen, empfand Miriam als irritierend.“ Folgerichtig trinkt sie die Cola nicht, bemerkt indes, wie wichtig ihrer Mutter ist, dass sie sie zu sich nimmt. Also täuscht sie Schlucke vor, hält aber insgeheim auch ihren jüngeren Bruder Elias davon ab, mehr von seiner Apfelschorle zu trinken. Damit rettet sie ihnen das Leben: Als ihre Mutter in den See fährt, ist Miriam nicht eingeschlafen, sondern kann sich und ihren Bruder ans Ufer retten. Allerdings sind sie nun allein und durchnässt inmitten eines unbekannten Waldes.

In der Folge seziert Heinrich Steinfest in seinem Roman „Das himmlische Kind“ nicht die Tat der Mutter, sondern konzentriert sich auf die Erlebniswelt der Kinder. Sie sind – Hänsel und Gretel gleich – allein im dunklen Wald, doch die findige Miriam entdeckt eine Hütte, in der sie Unterschlupf finden. Es gelingt ihr, ein Feuer anzuzünden, sie stöbert Decken und einige essbare Pilze auf. Als bei ihrem Bruder dann hohes Fieber ausbricht, sorgt sie mit Wadenwickeln, heißem Wasser und vor allem einer symbolhaften Geschichte dafür, dass er am Leben bleibt.

Nachdenken über das Erzählen
Die Erzählperspektive bleibt daher nicht nur dicht bei Miriam, sondern sie wird auch zur Erzählerin ihrer eigenen Geschichte im Roman. Dadurch sind die für Steinfest typischen Reflexionen der Narration möglich, in der sowohl Miriam ihre Rolle als Erzählerin als auch die Bedingungen einer Erzählung im Allgemeinen verhandelt werden. Als sie beispielsweise an einem Punkt in ihrer Geschichte nicht weiterkommt, erzählt sie ihrem Bruder: „Nein, aber weißt Du, einige Sachen in so einer Geschichte stecken im Nebel. Man kann sie nicht sehen. Manchmal wirkt etwas Gerade schief oder umgekehrt. Was Blaues grün. Du verstehst mich, oder? Es gibt eine Wahrheit, aber sie muß aus dem Nebel rauskommen. Oder etwas liegt in der Ferne und man muß erst drauflosgehen, um wirklich sagen zu können, was es ist.“ Und in diesem Nebel findet Miriam schließlich eine wundersame Deutung für ihre Erlebnisse, da sie nicht vermag, ihrem Bruder die Wahrheit zu sagen: dass ihre Mutter sich umgebracht hat. Miriam selbst sagt von sich, sie mache der Mutter keine Vorwürfe: „Es mochte komisch klingen … nein, das tat es nicht: Miriam empfand tiefe Dankbarkeit dafür, daß ihre Mutter sich dagegen entschieden hatte, die inniglich geliebten zwei Kinder bei anderen Menschen unterzubringen. Daß es ihr Plan gewesen war, Miriam und Elias mitsterben zu lassen. Genauso mußte doch eine gute Mutter denken, oder?“ An dieser Überzeugung will – und wird – Miriam ihr ganzes Leben lang festhalten.

Eine allzu weise Heldin
Miriam ist eine ganz und gar ungewöhnliche Heldin, für ihre zwölf Jahre erstaunlich klug und reflektiert, was aber bereits auf den ersten Seiten des Romans angeführt wird. Dennoch erscheint sie mitunter auf eine erwachsene Art zu weise zu sein – gerade auch im Vergleich zu den anderen klugen Kindern in Steinfests Romanen. Dadurch wird manches zu sehr erklärt, Anspielungen und Verweise werden wiederholt, so dass ihre Bedeutung auch in jedem Fall klar wird. Das wäre nicht nötig gewesen, denn es macht den Zauber und Tragik dieses Romans aus, dass manche Ereignisse nicht eindeutig zu erklären sind. Gerade die Welt der Kinder ist in sich stimmig, es sind die Eltern, die weitaus egoistischer sind als vermeintliche Hexen. Ohnehin treten mit dem Einbruch der Erwachsenen in diese geschlossene Welt der Kinder auch im Roman Misstöne auf. Weder der Exkurs über die Frage, ob ein Vater seine Tochter mehr lieben würde, wenn sie schlank wäre, noch manche Überlegungen über die Rolle der Frau sowie politische Korrektheit fügen sich in diese Geschichte ein. Glücklicherweise sind sie jedoch nur kurz.

Kein Kriminal-, sondern nur ein Roman
Insgesamt ist „Das himmlische Kind“ ein zauberhafter Roman, in dem Steinfest-Leser die Tugenden bisheriger Bücher wiederfinden werden – poetische Sprache, scheinbar unerklärliche Wendungen, eine mitunter magische Welt und Gedanken über das Leben und Sterben. Jedoch verzichtet Heinrich Steinfest nun auf die wesentlichen Elemente des Kriminalplots – eine Tat und einen Ermittler – und ein wenig ist seiner Geschichte dadurch die Erdung verloren gegangen. Schon immer waren Heinrich Steinfests Romane auch phantastische Geschichten, jedoch sorgte der Kriminalplot für einen bodenständige Verankerung, die hier mitunter fehlt. Im Gespräch mit CulturMag hat er sich über die Genre-Frage geäußert und ausgeführt, dass er der Gefahr der Wiederholung entgehen wollte. Dieses Ziel hat er sicher erreicht, allerdings bleibt für seinen zweiten Roman „Der Allesforscher“, der im März bei Piper erscheinen wird, auch noch Raum für Verbesserungen.

Heinrich Steinfest: Das himmlische Kind. Droemer/Knaur 2012.

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Media Monday #150

1. Fragt man mich nach meinen drei liebsten SchauspielerInnen, so fallen mir spontan Jack Nicholson, Meryl Streep und Jesper Christensen ein.

media-monday-150

2. Es gibt Filme die allein auf die Unterhaltung abzielen, und ebenso gibt es Filme, die versuchen, den Zuschauer zum Nachdenken anzuregen oder den Anspruch haben, sich ernsthaft mit einem sozialen oder gesellschaftlichen Thema auseinanderzusetzen. Bevorzugt ihr eine der Gruppen und wenn ja, warum? Hmm, grundsätzlich finde ich nicht, dass ernsthafte Filme nicht auch unterhaltsam sind, aber ich glaube, ich ahne, worauf Wulf mit dieser Frage hinaus will.;-) Und wenn ich die Wahl zwischen einem Film von Seth MacFarlane und einem Film von Mike Leigh habe, würde ich mich immer für letzteren entscheiden, weil ich Filme mag, die mich verändern.

3. Fernab von sympathischen und/oder attraktiven SchauspielerInnen oder präferierten Genres; habt ihr einen Lieblingsregisseur, der euch ungeachtet der genannten Kriterien in steter Folge ins Kino treibt, wenn sein neuestes Werk anläuft? Einen Lieblingsregisseur habe ich nicht, vielmehr gibt es einige RegisseurInnen, deren Namen mich ins Kino ziehen: Joachim Trier, Pernille Fischer Christensen, Steven Soderbergh, Kelly Reichardts, Debra Garnik, Spike Jonze und Thomas Vinterberg sind die, die mir jetzt spotan einfallen.

4. Es kommt immer wieder vor, dass man ins Kino gelockt und von dem dann folgenden Film grenzenlos enttäuscht wird. Was war euer schlimmster Film, für den ihr auch noch eine Kinokarte gelöst habt? Die schlimmsten Filme der letzten Jahre habe ich in Pressevorführungen gesehen, also habe ich keine Kinokarte dafür gelöst und kann sie nicht nennen. Spontan würde mir hier „Die Firma“ einfallen, den ich damals ganz schrecklich fand.

5. Den einen sind deutsche Filme verhasst, wieder andere können mit Hollywood-Produktionen nichts anfangen, den nächsten ist Bollywood ein Gräuel. Gibt es (nicht nur länderspezifische) Sparten, denen ihr absolut nichts abgewinnen könnt? ‘Absolut’ finde ich ein wenig hart, da ich mich bemühe, auch Filme jenseits meiner Vorlieben zu sehen – das schärft den Blick. 😉 Aber Horrorfilme muss ich nicht unbedingt sehen, außerdem schaue ich auch nur sehr selten Martial-Arts-Filme.

6. Wenn ich lese, dass es einen neuen Film mit einem meiner in Frage 1 genannten LieblingsschauspielerInnen gibt, dann ist mir eigentlich schon im Vorfeld klar, dass ich ihn sehen möchte.

7. Mein zuletzt gesehener Film war „The Sea“ und der war trotz einer Länge von knapp 90 Minuten zäh, weil John Banville das Drehbuch zu der Verfilmung seines Romans nicht hätte selbst schreiben sollen – oder es einem anderen Regisseur hätte anvertrauen sollen.

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Filmfest Emden-Norderney – Tag 3 und Tag 4

Beim Schrottsammeln

Beim Schrottsammeln. Aus: “The Selfish Giant”

Mittlerweile kenne ich die Wege zu den Kinos und Veranstaltungsorten, habe einige Kollegen kennengelernt und mich an den Rhythmus aus Schreiben, Tee trinken, durch den Regen kämpfen und Filme gucken gewöhnt. Außerdem habe ich gestern den besten Film des Festivals gesehen: „The Selfish Giant“ ist ein großartiges britisches Sozialdrama mit einer stimmigen Bildsprache, tollen Schauspielern und einer im perfekten Rhythmus erzählten Geschichte über zwei Jungen, die sich in einer rauen Vorstadtsiedlung durch Leben schlagen. Ich hatte hohe Erwartungen an den Film, die in diesem Fall ausnahmsweise übertroffen wurden. Wer also die Gelegenheit hat, diesen wunderbaren Film zu sehen, sollte sie nutzen. (Eine ausführliche Kritik bei kino-zeit.de folgt).

Am Nachmittag ging ich dann zum Filmtee mit August Diehl, bei dem er viel über die Arbeit mit Quentin Tarantino erzählte, der beispielsweise erst die Schauspieler castet und dann überlegt, welche Rollen sie spielen könnten, und betonte, dass er die deutsche Filmlandschaft für besser hält als ihren Ruf. Er verwies noch einmal darauf, dass das Filmfördersystem zwei Seiten hat: Zum einen bekommt man Gelder für Filme, so dass sie überhaupt finanziert werden können. Zum anderen aber haben Nicht-Filmschaffende ein sehr großes Mitspracherecht bei der Vergabe, so dass dann oftmals zu viele Kompromisse geschlossen werden müssten.

„Siblings are forever“

Arbeit auf dem Hof (c) NFI

Arbeit auf dem Hof (c) NFI

Anschließend habe ich meinen Plan geändert und doch die norwegische Dokumentation „Siblings are forever“ statt der Komödie „Gott verhüte!“ gesehen – die Gelegenheit, den norwegischen Film zu sehen, wird sich höchstens in Lübeck ergeben und dort laufen so viele andere Filme. Außerdem habe ich ja bei jedem Festival das Motto, so viele skandinavische Filme mitzunehmen wie ich sehen kann.

In „Siblings are forever“ begleitet Regisseur Frode Fimland die Geschwister Magnar und Oddny Kleiva in ihrem Alltag auf einem Bauernhof. Mittlerweile 73 (Magnar) und 70 (Oddny) Jahre alt, haben sie das elterliche Haus niemals verlassen und die Zeit scheint auf ihrem Hof stillzustehen. Sie betreiben Landwirtschaft auf altmodische Weise und haben eine enge Verbindung zu ihren Tieren, die sie weiterhin in jedem Sommer auf ihren Berghof bringen. Dort verbringen sie ebenfalls ihre ‚Ferien’ und genießen es, etwas mehr freie Zeit als üblich zu haben. An vergangene Jahre erinnern sie sich vor allem aufgrund des Wetters – wann im Sommer der Schnee fiel und wie viel es regnete. Diesen Stillstand fängt Frode Fimland in Zeitraffern ein, in denen die Jahreszeiten durch die Veränderungen in der Landschaft einfangen werden. Knappe zwei Jahre folgt er den Geschwistern und so finden sich mit zunehmenden Verlauf des Films wiederkehrende Bilder und Themen: die Eiche, die das Wetter und insbesondere die Härte des Winters vorhersagt, die Ausbeute bei der Kartoffelernte und ein Hirsch, der sich immer wieder an einem Pflaumenbaum zu schaffen macht. Und dadurch lässt man sich nach und nach als Zuschauer immer mehr auf dieses Leben, das der Zeit entrückt zu sein scheint.

„God help the girl“

Eine Band?

Eine Band?

Der letzte Film des Tages war dann „God help the girl“ von Stuard Murdoch, der Regie führte und das Drehbuch schrieb. Umschreiben würde ich den Film als Versuch, ein hippes Independent-Musical zu drehen: hübsch anzusehende Darsteller in Retro-Klamotten singen nette Popsongs mit erzählenden Texten und tanzen ein wenig. Die Geschichte dreht sich um Eve (Emily Browning), die wegen ihrer Magersucht und Depressionen in einer Klinik behandelt wird, aber immer wieder abhaut, um auf eigene Faust ins Leben zurückzufinden. Schließlich freundet sie sich mit James (Olly Alexander) und Cass (Hannah Murray) an, mit denen sie ihre Liebe zur Musik teilen kann und versucht sich an der Gründung einer Band. Und das ist nett anzusehen, aber leider auch belanglos.

Insgesamt war es also ein durchwachsener dritter Tag. Heute habe ich nur noch die John-Banville-Verfilmung „The Sea“ gesehen, der ich aber vermutlich einen eigenen Beitrag widmen werde. Außerdem habe ich mich mit Hans Petter Moland getroffen und ein fabulöses Interview geführt, in dem wir über seinen Film, die Coen-Brüder und die norwegische Filmindustrie gesprochen haben. Und einen besseren Abschluss für meinen Aufenthalt in Emden hätte ich mir nicht wünschen können.

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Filmfest Emden-Norderney – Tag 2

Ein Publikumsfestival sorgt immer auch dafür, dass ich meine Einschätzung der Rezeption von Filmen schärfen kann. Während ich den Rest des Jahres die meisten Filme in Pressevorstellungen sehe, in denen es – zumindest in Köln – meist recht ruhig zugeht, sitze ich hier in Emden oder im November in Lübeck inmitten eines überwiegend zahlenden Publikums und bekomme dessen Reaktionen unvermittelt mit. Nun bin ich mir bewusst, dass ich Filme anders sehe. Auch schreibe ich keine „Empfehlungskritiken“, sondern hege den Wunsch, dass Leser meiner Kritiken etwas über den Film erfahren, das sie vorher vielleicht nicht wussten, ihn aus einer anderen Perspektive sehen oder vielleicht über den ein oder anderen Aspekt noch einmal nachdenken. Diese Vermittlungsleistung möchte ich erbringen, dabei versuche ich auch zu bedenken, wie andere Zuschauer diesen Film sehen könnten.

Die Töchter des Monsieur Claude

Die Töchter des Monsieur Claude

Und gestern war ich über die ausgelassene Begeisterung und die Lachanfälle des Publikums bei „Monsieur Claude und seine Töchter“ doch überrascht. Diese – wie bald auf jedem Plakat zu lesen sein wird – neue Erfolgskomödie aus Frankreich (in drei Wochen wurden dort bereits 5,6 Millionen Tickets verkauft) dreht sich um ein konservatives, katholisches französisches Ehepaar, dessen drei Töchter einen Juden, einen Araber und Chinesen geheiratet haben. Die Eltern haben immer gute Miene bewahrt, sind jedoch mit der Wahl ihrer Töchter nicht zufrieden. Und nun verlobt sich ihre vierte Tochter mit einem Ivorer – ein weiterer Zusammenprall der Vorurteile ist also vorprogrammiert. Der Film variiert das Komödienprinzip der letzten Jahren – Spiel mit political correctness, culture clash und Vorurteilen – und potentiert es immer mehr. Für mich stellte sich dort einige Male ein Beigeschmack ein, aber da ich den Film noch für kino-zeit.de bespreche, fasse ich es mal anders zusammen: Die letztjährige neue Erfolgskomödie aus Frankreich, „Paulette“, fand ich deutlich witziger.

„Marina“ von Stijn Coninx

Bei der Aufnahme von "Marina"

Bei der Aufnahme von “Marina”

Auch der belgische Film „Marina“ kam bei vielen Zuschauer besser an als bei mir – immerhin haben sie zwischenzeitlich mitgesungen und geklatscht. Regisseur Stijn Coninx schildert in seinem arg gefälligen Biopic das Heranwachsen des Sängers Rocco Granada (gespielt von Matteo Simoni), der mit dem Lied „Marina“ weltberühmt geworden ist. Geboren in Kalabrien, folgte er als Kind mit seiner Schwester und seiner Mutter seinem Vater nach Belgien, der dort in einer Kohlemine arbeitet. Im Mittelpunkt des Films steht Roccos Kampf um ein selbstbestimmtes Leben, zugleich erzählt Stijn Coninx von dem großen Rassismus, dem die italienischen ‚Gastarbeiter’ in Belgien ausgesetzt waren. Jedoch fehlt dem Film eine reflektierte Haltung, eine kritische Erzählinstanz, die die Problematik tatsächlich beleuchtet und nicht nur zeigt. In fast jeder Szene ist zu merken, dass der Film auf den Erzählungen des nun alten Rocco basiert, dessen Erinnerungen zweifellos aufschlussreich, indes ebenso verklärt sind. So ist sein Vater die Figur, die Rocco Steine in den Weg wirft, zugleich wird stets betont, dass er ein schwer arbeitender, im Grunde genommen gutherziger Mann ist, dem die Zeit einfach übel mitgespielt hat. Mit einer stärkeren Erzählperspektive hätte der Film aber aus dieser Figur mehr gewinnen können: Roccos Vater dachte, er käme für zwei Jahre, dann blieb er sein ganzes Leben. Die Sprache hat er nie gelernt, er verkannte, dass seine Kinder mehr Zeit in Belgien als in Italien verbracht haben, und litt unter den Folgen der Arbeitsbedingungen unter Tage. Damit repräsentiert er die erste Generation von Gastarbeitern in Belgien, aber auch Ländern wie Deutschland (hier musste ich einige Male an Fatih Akins „Solino“ denken), jedoch nutzt der Film das Potential, das in dieser Figur steckt nicht auch. Auch an Rocco könnten die Probleme der zweiten Generation deutlich werden, aber hier beschränkt sich Stijn Coninx auf die dramatischen Geschichte seiner Liebe zu einer blonden Belgierin und der Musik. Daher ist sein Film sicher nett anzusehen – aber auch voller verschenkter Möglichkeiten.

„Kraftidioten“ von Hans Petter Moland

Tod in Norwegen

Tod in Norwegen

Mein Höhepunkt des gestrigen Tages ist daher zweifellos „Kraftidioten“, wie der norwegische Film „The Order of Disappearance“ im internationalen und wohl auch deutschen Verleih heißt. Hans Petter Moland erzählt die Geschichte des Schneeräumwagenfahrers Nils (Stellan Skarsgård), dessen Sohn Ingvar mit einer Überdosis tot aufgefunden wird. Nils ist überzeugt, dass sein Sohn kein Junkie war, aber die Polizei ermittelt nicht weiter. Als er dann von einem Freund (Tobias Santelmann) seines Sohnes erfährt, dass dieser von Gangster ermordet wurde, begibt er sich auf einen Rachefeldzug und mordet sich die Verbrechensleiter nach oben.

Im Grunde genommen erzählt Hans Petter Molands Film also die Geschichte eines normalen, braven Bürgers, der zum Rächer wird. Die Anlehnungen an die Coens und Tarantino sind offensichtlich, aber auch Hans Petter Molands Film ist mehr als ein Morden nach Nummern. Dazu trägt zum einen die Figuren des oberen Gangsterbosses Greven (Pål Sverre Hagen, „Kon-Tiki“) bei, der seine Stellung dem Erbe seines Vaters zu verdanken hat, aber selbst soziopathische Züge zeigt. Bemüht um einen schicken veganen Lebensstil mit Karottensaft und Kunst an den Wänden, bricht die Gewalt aus ihm heraus. Pål Sverre Hagen verleiht ihm eine leicht übertriebene Extravaganz sowie ausgefeilte Manierismen, mit denen er sich zwar beständig hart an der Grenze zur Karikatur bewegt, sie aber niemals überschreitet.

Als Greven nun erfährt, dass immer mehr Mitglieder seiner Gang ermordet werden, tippt er darauf, dass die Serben den Frieden in der Region ignorieren und lässt deshalb einen ihrer Kuriere entführen und ermorden. Dieser war aber wiederum der Sohn des obersten serbischen Bosses Papa (Bruno Ganz), so dass dieser Rache schwört – „Sohn für Sohn“. Damit verlagert sich der Film vom Familiendrama über eine Rachegeschichte zu einem blutigen Gangsterkrieg, in dem der eigentlich brave Nils steckt. Es spritzt einiges Blut, die Grenze des Humors wird wenigstens einmal überschritten – es ist nicht lustig, wenn man einer Frau ins Gesicht schlägt –, aber neben dem typisch skandinavischen, schwarzen, derben Humor besitzt „Kraftidioten“ einige ideenreiche Seitenhiebe auf den norwegischen Wohlfahrtsstaat, auf Gleichberechtigung und den modernen Lebensstil. Dadurch ist in genregemäßen Szenen oft eine originelle Kleinigkeit zu finden – beispielsweise trägt Greven ein Papptablett voll Kaffeebecher, als er mit seinen Gefolgsleuten zu dem entführten Serben kommt, das in typischer Zeitlupe gefilmt wird. Es gibt witzige Dialoge über die Diskrepanz von Sonne und Wohlfahrt (These: Es gibt kein Land, in dem beides zu haben ist – selbst Kalifornien ist pleite), die gute Versorgung in norwegischen Gefängnissen (sogar das Essen ist, niemand vergewaltigt einen und es gibt Zahnarztbehandlungen) und eine kurze Diskussion, ob es eine Provokation war, den ermordeten Serben an Schild mit der Zahl 1389 zu hängen (aber niemand der Norweger weiß wohl, dass in diesem Jahr die Schlacht auf dem Amselfeld war). Dadurch bewegt sich „Kraftidioten“ sicher innerhalb des Genres, fügt ihm aber – anders als beispielsweise „Jackpot“ – eigene Ideen hinzu. Dazu gehört auch der Einsatz von Nils’ Schneemobil, das vom Arbeitsplatz zum Ort der Einsamkeit und des Rückzugs sowie letztlich zur Waffe wird. Darüber hinaus setzt Hans Petter Moland die düsteren Taten stets in Kontrast zu der schneebedeckten, unschuldigen und schönen Landschaft Norwegens, die Kameramann Philip Øgaard („Nord“, „Ein Mann von Welt“) in bestechend schöne Bilder fasst. Die beste Idee ist aber, dem internationalen Verleihtitel gemäß, tatsächlich die ‚Reihenfolge des Verschwindens’ dem Film als Strukturprinzip zugrunde zu legen. Nach jedem Ableben gibt es einen Zwischentitel – und so kann man sich den Spaß machen, die Toten mitzuzählen (wie die Frau hinter mir) – muss man aber nicht. Ich habe jedenfalls herzlich gelacht bei diesem Film.

Heute geht es dann weiter mit „The Selfish Giant“, auf den ich sehr gespannt bin. Außerdem werde ich den Filmtee mit August Diehl besuchen und die Komödie „Gott verhüte!“ (umentschieden!) den norwegischen Dokumentarfilm “Siblings are forever” sowie den britischen Film „God help the girl“ sehen.

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