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Filmfest Emden-Norderney – Tag 3 und Tag 4

Beim Schrottsammeln

Beim Schrottsammeln. Aus: „The Selfish Giant“

Mittlerweile kenne ich die Wege zu den Kinos und Veranstaltungsorten, habe einige Kollegen kennengelernt und mich an den Rhythmus aus Schreiben, Tee trinken, durch den Regen kämpfen und Filme gucken gewöhnt. Außerdem habe ich gestern den besten Film des Festivals gesehen: „The Selfish Giant“ ist ein großartiges britisches Sozialdrama mit einer stimmigen Bildsprache, tollen Schauspielern und einer im perfekten Rhythmus erzählten Geschichte über zwei Jungen, die sich in einer rauen Vorstadtsiedlung durch Leben schlagen. Ich hatte hohe Erwartungen an den Film, die in diesem Fall ausnahmsweise übertroffen wurden. Wer also die Gelegenheit hat, diesen wunderbaren Film zu sehen, sollte sie nutzen. (Eine ausführliche Kritik bei kino-zeit.de folgt).

Am Nachmittag ging ich dann zum Filmtee mit August Diehl, bei dem er viel über die Arbeit mit Quentin Tarantino erzählte, der beispielsweise erst die Schauspieler castet und dann überlegt, welche Rollen sie spielen könnten, und betonte, dass er die deutsche Filmlandschaft für besser hält als ihren Ruf. Er verwies noch einmal darauf, dass das Filmfördersystem zwei Seiten hat: Zum einen bekommt man Gelder für Filme, so dass sie überhaupt finanziert werden können. Zum anderen aber haben Nicht-Filmschaffende ein sehr großes Mitspracherecht bei der Vergabe, so dass dann oftmals zu viele Kompromisse geschlossen werden müssten.

„Siblings are forever“

Arbeit auf dem Hof (c) NFI

Arbeit auf dem Hof (c) NFI

Anschließend habe ich meinen Plan geändert und doch die norwegische Dokumentation „Siblings are forever“ statt der Komödie „Gott verhüte!“ gesehen – die Gelegenheit, den norwegischen Film zu sehen, wird sich höchstens in Lübeck ergeben und dort laufen so viele andere Filme. Außerdem habe ich ja bei jedem Festival das Motto, so viele skandinavische Filme mitzunehmen wie ich sehen kann.

In „Siblings are forever“ begleitet Regisseur Frode Fimland die Geschwister Magnar und Oddny Kleiva in ihrem Alltag auf einem Bauernhof. Mittlerweile 73 (Magnar) und 70 (Oddny) Jahre alt, haben sie das elterliche Haus niemals verlassen und die Zeit scheint auf ihrem Hof stillzustehen. Sie betreiben Landwirtschaft auf altmodische Weise und haben eine enge Verbindung zu ihren Tieren, die sie weiterhin in jedem Sommer auf ihren Berghof bringen. Dort verbringen sie ebenfalls ihre ‚Ferien’ und genießen es, etwas mehr freie Zeit als üblich zu haben. An vergangene Jahre erinnern sie sich vor allem aufgrund des Wetters – wann im Sommer der Schnee fiel und wie viel es regnete. Diesen Stillstand fängt Frode Fimland in Zeitraffern ein, in denen die Jahreszeiten durch die Veränderungen in der Landschaft einfangen werden. Knappe zwei Jahre folgt er den Geschwistern und so finden sich mit zunehmenden Verlauf des Films wiederkehrende Bilder und Themen: die Eiche, die das Wetter und insbesondere die Härte des Winters vorhersagt, die Ausbeute bei der Kartoffelernte und ein Hirsch, der sich immer wieder an einem Pflaumenbaum zu schaffen macht. Und dadurch lässt man sich nach und nach als Zuschauer immer mehr auf dieses Leben, das der Zeit entrückt zu sein scheint.

„God help the girl“

Eine Band?

Eine Band?

Der letzte Film des Tages war dann „God help the girl“ von Stuard Murdoch, der Regie führte und das Drehbuch schrieb. Umschreiben würde ich den Film als Versuch, ein hippes Independent-Musical zu drehen: hübsch anzusehende Darsteller in Retro-Klamotten singen nette Popsongs mit erzählenden Texten und tanzen ein wenig. Die Geschichte dreht sich um Eve (Emily Browning), die wegen ihrer Magersucht und Depressionen in einer Klinik behandelt wird, aber immer wieder abhaut, um auf eigene Faust ins Leben zurückzufinden. Schließlich freundet sie sich mit James (Olly Alexander) und Cass (Hannah Murray) an, mit denen sie ihre Liebe zur Musik teilen kann und versucht sich an der Gründung einer Band. Und das ist nett anzusehen, aber leider auch belanglos.

Insgesamt war es also ein durchwachsener dritter Tag. Heute habe ich nur noch die John-Banville-Verfilmung „The Sea“ gesehen, der ich aber vermutlich einen eigenen Beitrag widmen werde. Außerdem habe ich mich mit Hans Petter Moland getroffen und ein fabulöses Interview geführt, in dem wir über seinen Film, die Coen-Brüder und die norwegische Filmindustrie gesprochen haben. Und einen besseren Abschluss für meinen Aufenthalt in Emden hätte ich mir nicht wünschen können.

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Filmfest Emden-Norderney – Tag 1

(c) Filmfest Emden-Norderney

(c) Filmfest Emden-Norderney

Seit gestern bin ich nun Emden und so ein kleineres Festival hat durchaus Vorteile: Die Filme laufen unter Woche erst nachmittags, am Wochenende geht es dann um elf Uhr los. Deshalb habe ich – gemessen an einem Filmfestival – einige filmfreie Zeit, die ich natürlich zum Schreiben nutze. Und zum Tee trinken. Und würde es nicht ständig regnen, würde ich mehr durch die Gegend laufen und Delft-Luft schnuppern. Aber ich zwar die T-Shirts im Koffer rechtzeitig gegen eine Fleece-Jacke getauscht, nur bei den Schuhen habe ich die Nachbesserungen versäumt. Aber ich bin ja auch in erster Linie hier, um Filme zu sehen, und im Kino war es bisher immer trocken und warm.

„Optimistene“ von Gunhild Westhagen Magnor

(c) NFI

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Den Auftakt machte gestern der norwegische Dokumentarfilm „Optimistene“ über eine Damen-Volleyballmannschaft, deren Spielerinnen zwischen 66 und 98 Jahre alt sind. Seit 40 Jahren trainieren sie einmal in der Woche zusammen, aber sie hatten noch nie ein richtiges Spiel. Doch nun haben sie einen passenden Gegner gefunden und ein „Länderspiel“ gegen eine schwedische Altherren-Mannschaft steht an. Also beginnen die Spielerinnen, etwas ernsthafter zu trainieren. Sie lesen sich die Regeln durch, stellen fest, dass ihr Netz zu niedrig ist, üben erstmals auf einem richtigen Volleyball- statt einem Tennisfeld und holen sich sogar Hilfe vom norwegischen Volleyballverband. Mit viel Energie stürzen sie sich in ihre Vorbereitungen, zugleich wirft Regisseurin Gunhild Westhagen Magnor Seitenblicke in die Lebenswirklichkeit der Spielerinnen.

(c) nfi

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Der Star des Films die 98-jährige Goro, die mit bemerkenswerter Lebenskraft und –willen jeden Morgen aufsteht, Gymnastik macht, versucht, auf einem Bein zu stehen und ihre Beine auf einen halbhohen Schrank zu schwingen. Sie gestaltet ihre Tage mit Handarbeiten und ihrem Haushalt, zugleich aber zeigen kleine Beobachtungen auch ihre Einsamkeit. Die Betthälfte ihres verstorbenen Ehemannes ist mit einer Überdecke bezogen, sie schläft ausschließlich auf einer Seite. An Silvester steht sie alleine am Fenster. Diese Momente sind rührend, betonen aber auch ihre Energie. Als sie beiläufig erwähnt, dass sie an Krebsn erkrankt ist, fügt sie hinzu, dass sie verhindern will, dass der Krebs streut. Denn an Krebs will sie nicht sterben, dass ‚würde nicht zu ihr passen’.

(c) nfi

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Goro legt einen gesunden Optimismus an den Tag, der auch den Rest ihrer Mitspielerinnen auszeichnet – und ihrer Mannschaft sowie dem Film den Namen gegeben hat. Sie wissen alle, dass sie alt sind und sterben werden, aber sie wollen die Zeit bis dahin beweglich und fit bleiben. Diese positiv-pragmatische Grundeinstellung hat mich berührt, aber viele Zuschauer des überwiegend deutlich älteren Kinopublikums im ausverkauften Saal aber anders auf einige Szenen reagiert. Während mich beispielsweise die Übungen von Goro eher rührten, lachten viele Zuschauer und feierten sie letztlich auch für gelungene Gymnastik. Als die Truppe schließlich in Schweden in einem Scandic Hotel absteigt und sich einige der Damen von dem üblichen „Daumen hoch, Daumen runter“-Schild auf dem Bett verunsichern ließen, war es für mich ein Moment, der zeigte, dass sie ihren Wohnort bisher kaum verlassen hatten, für andere Zuschauer war diese Szenen vor allem witzig. Dieses Zusammenspiel aus Rührung und Humor charakterisiert die Stimmung dieses Films ganz gut. Es gibt einige lustige Szenen, im Gedächtnis sind mir indes die kleineren Momente geblieben: Wenn die über 90-jährige Lillemor sich erst an den Gedanken gewöhnen muss, ihr großes Haus mit dem kleineren Haus der Kinder zu tauschen, später aber mit ihrem Mann vergnügt dort sitzt und einen Wein trinkt; wenn Goro an Weihnachten das Foto ihres verstorbenen Mannes in die Hand nimmt; wenn einige der Spielerinnen anlässlich der üblichen Hotelzimmerbügel erst einmal irritiert sind – oder sich über die gesponserten Trinkbecher von einer Bank freuen. In diesen Szenen hat sich für mich fast ein ganzes Leben abgezeichnet. Bisweilen habe ich mich zwar gefragt, ob nicht einiges in diesem Film inszeniert ist, aber ungeachtet dessen ist „Optimistene“ ein lustiger und bewegender Film, den ich empfehlen kann.

„Wolf“ von Jim Taihuttu

Internationale_Wolf

Der zweite Film des Tages war dann das niederländische Drama „Wolf“ von Jim Taihuttu. In schwarzweiß gedreht, erzählt er darin von Majid (Marwan Kenzari), der gerade auf Bewährung entlassen wurde, wieder bei seinen Eltern wohnt und auf dem Blumenmarkt arbeitet, auf dem sein Vater 30 Jahre lang gearbeitet hat, und sich durchs Leben schlägt – im wahrsten Sinn des Wortes: Seine Leidenschaft ist das Kickboxen, mit dem er Geld verdienen könnte. Aber die Versuchung des schnellen Geldes durch Diebstähle und Raubzüge ist zu groß und schon bald befindet er sich auf dem völlig falschen Weg. Eine ausführliche Kritik des Films werde ich für kino-zeit.de schreiben, deshalb begnüge ich mich hier mit dem Fazit, dass „Wolf“ sicher kein originelles, dennoch aber ein gutes Migrantions-Verbrechensdrama ist.

„Everyone’s going to die“ von Jones

filmfestdownloads.vhs-emden.de

Zum Abschluss folgte dann der Debütfilm des Regieduos Jones, das für „Everyone’s going to die“ auch als Produzenten und Drehbuchautoren verantwortlich ist. Im Mittelpunkt stehen die 29-jährige Melanie (Nora Tschirner), die an den englischen Küstenort gezogen ist, um dort mit ihrem Verlobten zu wohnen, und der ältere Ray (Rob Knighton), der anlässlich des Todes seines Bruders wieder in seinen Heimatort zurückgekehrt ist. Durch einen Zufall begegnen sie sich, unterhalten sich, trennen sich und treffen sich erneut. Beide sind sie verlorene Seelen, finden aber in dem anderen Verständnis und einen Gesprächspartner. Das erinnert alles an Filme von beispeilsweise Richard Linklater, allerdings schafft Jones in den besten Momenten etwas eigenes. So befindet sich Melanie in der Eingangssequenz auf einer Luftmatratze in einem Pool, man sieht ein kleines aufgemaltes Bärtchen unter der Nase, das – wie sich später zeigt – zu ihrem Charlie-Chaplin-Kostüm gehört, mich aber zunächst an Hitler denken ließ. Sie zieht sich an, wandert durch das Haus und trifft schließlich eine andere jungere Frau, gegenüber der sie bekennt, sie sei „lost“. Es ist sofort klar, dass sie damit nicht nur den Filmriss der letzten Nacht meint, sondern ihr gesamtes Leben. In diesen ersten Bildern wird der melancholisch-absurde Grundton des Films deutlich, den Jones aber nicht konsequent genug beibehält. Durch die Musik und die Lichtsetzung klingt dieser Ansatz immer wieder durch, auch gibt es sehr schöne Bilder und weitere gelungene schräge Szenen, in denen beispielsweise Ray mit einer Katze zu sprechen versucht, die seine Schwägerin für die Wiedergeburt ihres Mannes hält. Jedoch gibt zu viele seitliche Großaufnahmen von Nora Tschirners Gesicht, neben den bewusst elliptischen Dialogzeilen wird auch viel Banales ausgesprochen. Dadurch bekommt der Film einen prätentiösen Beigeschmack. Es scheint manchmal als schreckte das Duo Jones vor dem eigenen Mut zurück. So wollen sie am Ende eigentlich keine Lösungen, sondern Entscheidungen präsentieren, verzichten indes nicht auf die konventionelle Schlussszene. Dank der vielen gelungen und eigenen Ansätze ist „Everyone’s going to die“ als Debüt aber interessant.

Insgesamt war es also ein guter erster Tag auf dem Filmfest, dem heute mit den Filmen „Marina“ aus Belgien, „Kraftidioten“ aus Norwegen“ und „Monsieur Claude und seine Töchter“ aus Frankreich hoffentlich ein guter zweiter Tag folgen wird. Nun gehe ich aber erst einmal einen Tee trinken.

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