Autorenarchiv: Zeilenkino

„Paperboy“ von Pete Dexter

„Mein Bruder Ward war einmal berühmt.“ Mit diesem Satz beginnt Pete Dexters „Paperboy“ und er gibt sogleich den Tenor vor: Hier wird von einem erzählt, dessen Ruhm nicht dauerhaft war. Von Anfang an steuert Pete Dexters „Paperboy“ daher auf einen Abgrund zu, dessen Ausmaß sich lange lediglich erahnen lässt, aber stets im Hintergrund zu spüren ist. Dabei ist „Paperboy“ zugleich eine Parabel über das Zeitungswesen und das Verbrechen.

(c) Liebeskind

Zwei Journalisten und ein Kriminalfall
Nachdem er sein Schwimm-Stipendium verloren hat, ist Jack James – der Erzähler von „Paperboy“ – von der Universität geflogen und ins heimatliche Lately, Florida zurückgekehrt. Es ist das Jahr 1969 und Jack weiß nicht recht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Also verdingt er sich als Fahrer für die Zeitungen seines Vaters W.W. Sein Bruder Ward arbeitet hingegen als Reporter für die Miami Times und hat einige Aufmerksamkeit für einen Artikel über einen Flugzeugabsturz erhalten, den er mit seinem Kollegen Yardley Achman zusammen geschrieben hat. Es heißt, Ward habe die exakten Recherchen und genauen Analysen beigesteuert, während Yardley Achman den schillernden Schreibstil habe. Für Familie James ist Ward nunmehr der Hoffnungsträger, der die liberale Familienzeitung eines Tages fortführen könnte.

Dann kehrt Ward nach Lately zurück, um sich einen vier Jahre zurückliegenden Fall noch einmal anzusehen. Weiterlesen

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Media Monday #91

Es ist mal wieder Montag und meine arbeitsreiche Woche beginnt wie fast immer mit den Fragen des Media Monday

1. Hugh Jackman gefiel mir am besten in „Les Misérables“. Obwohl er gesanglich nicht an das große Rollenvorbild Colm Wilkinson heranreichen kann, hat Hugh Jackman hier sehr nuanciert gespielt und war einer der wenigen Darsteller mit einer ausgeglichenen gesanglichen und schauspielerischen Leistung. So gut habe ich ihn jedenfalls noch nicht gesehen.

2. Ridley Scott hat mit „Thelma & Louise“ seine beste Regiearbeit abgelegt, weil dieser Film ein fast makelloses Road Movie ist. Weiterlesen

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„Die dunkle Treppe“ von Helen FitzGerald

Vor diesem Buch habe ich fast ein wenig gefürchtet. Dafür haben Klappen- und Pressetext gesorgt, noch dazu habe ich – obwohl ich mich durchaus als hartgesotten bezeichnen würde – immer etwas Probleme mit Folterszenen. Doch als ich Helen FitzGeralds „Die dunkle Treppe“ einmal angefangen hatte, konnte ich das Buch nicht mehr zur Seite legen. Wortwörtlich: Ich habe dieses Buch in einem Rutsch durchgelesen und habe mich willentlich bei einer Verabredung verspätet, weil ich es unbedingt fertig lesen wollte. Deshalb werde ich auch nicht allzu viel über den Inhalt verraten, obwohl er teilweise auf dem Klappentext und auch anderen Besprechungen nachzulesen ist. Doch nach meiner Einschätzung ist „Die dunkle Treppe“ ein Buch, über das man vorab so wenig wie möglich wissen sollte. Weiterlesen

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Media Monday #90

In den letzten zwei Wochen hatte mich erst eine Bronchitis schwer erwischt, dann war ich gerade rechtzeitzig zur Leipziger Buchmesse wieder fit. Daher war es hier sehr ruhig – aber nun melde ich mich mit dem Media Monday wieder zurück!

1. Christian Bale gefiel mir am besten in „The Machinist“.

2. David Fincher hat mit „The Social Network“ seine beste Regiearbeit abgelegt, weil in diesem Film Story und Stil stimmen und es ihm gelungen ist, eine bekannte Geschichte packend zu erzählen. Außerdem schätze ich auch „Sieben“ trotz des hanebüchenen Endes sehr.

3. Scarlett Johansson gefiel mir am besten in „Lost in Translation“ und auch als Janet Leigh in „Hitchcock“ fand ich sie überraschend gut.

4. Der irische Film hat mir viele emotionale Kino- und Fernsehmomente beschert.

5. Vom deutschen Film würde ich mir in den nächsten Jahren wünschen, dass er nicht mehr nur auf Schweiger und Petzold (oder allgemeiner: Unterhaltung gegen Berliner Schule) reduziert wird. Daher wünsche ich mir mehr Genrefilme und vor allem mehr Mut.

6. Autoverfolgungsjagden sind mir in Filmen meistens zu lang.

7. Mein zuletzt gesehener Film ist ________ und der war ________ , weil ________ . Erst war ich krank, dann auf der Leipziger Buchmesse, daher habe ich tatsächlich erst heute Vormittag wieder einen Film gesehen. Und den zähle ich hier nicht. Aber ich habe – dem Infekt sei „dank“ – endlich die dritte Staffel von „Mad Men“ fertig gesehen, deren letzte Folge mich bewogen hat, doch weiter zu gucken.

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„Tower“ von Ken Bruen und Reed Farrel Coleman

(c) Rotbuch Verlag

Zwei Autoren schreiben einen Kriminalroman – oder im Fall von „Tower“ erzählen Ken Bruen und Reed Farrel Coleman eine Geschichte aus zwei Perspektiven: Die Iren Nick und Todd wachsen zusammen in Brooklyn auf, raufen sich auf dem Schulhof, sind beste Freunde und rutschen irgendwann in die Kriminalität ab. Anfangs halten sie sich mit kleinen kriminellen Jobs über Wasser. Aber dann steigen sie in der Hierarchie der Organisation des unberechenbar-eitlem Boyle auf – mit ungeahnten Folgen.

Der titelgebende „Tower“ spielt auf den Nordturm des World Trade Center an, in dem Nicks Vater nach dem Ende seiner Dienstzeit bei der Polizei als Wachmann arbeitet. Aber letztlich bietet der 11. September hier nur einen Rahmen, der sich nicht recht um die Geschichte fügen will. Insbesondere der Epilog, der die Geschichte auf eine allgemeine Ebene heben will, ist schwach.

Ohnehin bietet der Plot nur wenig neue Elemente. Stattdessen unterhält „Tower“ vor allem durch die Umsetzung der Story. Während Nicks Episode von einem vermeintlichen Aufstieg geht, ist Todds Leben ein einziger Kampf gegen den Abgrund. Dabei fügen sich die Puzzleteile der Episoden in Nicks und Todds Leben gut zusammen, es gibt interessante Spiegelungen und Parallelen. Stilistisch können die zwei Teile deutlich Ken Bruen (Nick) und Reed Farrel Coleman (Todd) zugeordnet werden. Nicks Leben ist von einer unbändigen Wut geprägt, die sich in Bruens schroffem Stil und den vielen willensstarken Details widerspiegelt. Todd ist hingegen ruhiger, melancholischer, hierzu passt Colemans elegante Prosa, die sich eher auf das Ergründen von Seelenzuständen konzentriert. Dadurch ist „Tower“ – im Gegensatz zu beispielsweise Bruens Romanen, die er mit Jason Starr geschrieben hat – ein Buch, in dem zwei Schriftsteller zusammenwirken, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren, und es zeigt eine interessante Form der Zusammenarbeit auf.

Es ist ein sprachlicher Genuss, dieses Buch zu lesen, außerdem lädt insbesondere der Teil über Nick ein, einige Künstler wiederzuentdecken. Aufgrund der insgesamt schwachen und vorhersehbaren Geschichte bleibt „Tower“ jedoch vor allem eine stilistische Fingerübung.

Andere über „Tower“:
Krimimimi
Christian Enders

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Media Monday #88

Nachdem ich letzte Woche oscar-bedingt pausiert und zwei Fragen in Lenas Blog beantwortet habe, hier wieder der vollständige Media Monday.

1. Bill Murray gefiel mir am besten in „Lost in Translation“, dicht gefolgt von „Broken Flowers“.

2. Martin Scorsese hat mit „Good Fellas“ seine beste Regiearbeit abgelegt, weil dieser Film zusammen mit „Der Pate“ meine Liebe zu Gangster- und insbesondere Mafiafilmen begründete.

3. Kate Beckinsale gefiel mir am besten in „Brokedown Palace“.

4. Die diesjährige Oscar-Verleihung fand ich dröge. Die Gründe habe ich hier bereits ausgeführt.

5. Den Hype um fast jeden neuen Blockbuster kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, weil schon schon Wochen vor Filmstart das First-Look-Teaser-Trailer-Trailer-um-die-Ohren-Gehaue beginnt und es mir mittlerweile so verkommt, als würde jede Woche ein neuer Film durchs Dorf getrieben. Ich bin und werde nie ein „Fan-Girl“ von irgendetwas sein, deshalb stehe ich jedem Hype grundsätzlich skeptisch gegenüber.

6. Demnächst möchte ich „Das Ende der Welt“ lesen, weil mir bereits Sara Grans erster Krimi „Die Stadt der Toten“ ausnehmend gut gefallen hat.

7. Auf bostonreview.net habe ich in der letzten Woche einen tollen Artikel zu „Femininjas“ gelesen, der mir viele neue Anregungen über Frauenfiguren insbesondere in Kriminalromanen genehmen hat.

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Von „Pronto“ zu „Justified“ – Die Figur Raylan Givens

Er zieht seinen Revolver nur, um zu töten. Dieser Maxime folgt US Marshal Raylan Givens, geschaffen von Elmore Leonard in seinem Roman „Pronto“, verfeinert in „Riding the Rap“ und der Erzählung „Fire in the Hole“, Hauptfigur der Fernsehserie „Justified“ und nun abermals Titelfigur in Elmore Leonards 45. Werk „Raylan“. An dieser Figur lässt sich nicht nur Elmore Leonards Talent zur Charakterisierung zeigen, sondern auch die Flexibilität des Autors hinsichtlich seiner Figuren – und die Schwierigkeiten, die bisher jede Adaption eines Werks von Elmore Leonard begleitet haben.

Rückblick: Raylan in „Pronto und „Riding the Rap“

Bei seinem ersten Auftritt in „Pronto“ versucht Raylan Givens, den Buchmacher Harry Arno vor der Mafia zu schützen und zugleich einen eigenen Patzer auszugleichen: Genau dieser Harry Arno ist ihm bereits zweimal entwischt. Dabei erweist sich der US Marshal als eine geradlinige Figur, die tut, was getan werden muss. Ist er gezwungen, einen Mann zu töten, quälen ihn hinterher keine Gewissensbisse, aber er ist auch kein Revolverheld. Stattdessen hat er die Lage stets unter Kontrolle, wenngleich sein mitunter trotteliges Verhalten etwas anderes aussagen könnte. Doch das ist ein Trugschluss. Außerdem steht Raylan zu seinem Wort. Daher meint er auch das Ultimatum an den Killer „The Zip“ ernst: Wenn er innerhalb von 24 Stunden nicht die Stadt verlässt, wird er ihn töten. In „Riding the Rap“ konfrontiert ihn nun vor allem seine neue Freundin Joyce mit Gewissensfragen. Sie kann nicht verwinden, dass er einfach einen Mann erschossen hat – und zweifelt daran, dass Raylan die Situation tatsächlich im Griff hatte. Raylan irritieren, ja, nerven diese Zweifel, allerdings stellt Joyce diese Fragen zurecht. Vor allem aber wird Raylan durch dieses Buch immer mehr zu einem Westernhelden, der mit seinem Hut und seinen Schießkünsten in einer Kriminalgeschichte steckt.

Der Serienauftakt: „Fire in the Hole“

Timothy Olyphant als Raylan Givens (c) SPHE

Es ist die Kurzgeschichte „Fire in the Hole“, die letztlich dazu geführt hat, dass Raylan Givens als Fernsehfigur geschaffen wurde. Elmore Leonard hat diese Geschichte dem Produzenten Graham Yost angeboten, der daraus eine Pilotfolge entwickelt hat. Dabei folgt die erste Episode der Serie „Justified“ der Geschichte eng: Raylan Givens wurde in seine alte Heimat Kentucky strafversetzt und muss nun in Harlan County seinen Dienst versehen. Dabei stößt er durch einen Mordfall und einen Anschlag auf eine Kirche auf seinen alten Bergwerkkumpel Boyd Cowder, der sich Neo-Nazi-Gruppe angeschlossen hat. Letztendlich ist Raylan nahezu gezwungen, Boyd Cowder zu töten. Damit schließt diese Kurzgeschichte an die bisherigen Geschichten über Raylan Givens an, aber für die Serie entschloss sich Graham Yost zu einigen klugen Abweichungen. Weiterlesen

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