Der erste Auftritt von Raylan Givens – „Pronto“ von Elmore Leonard

Harry Arno hat ein Problem: Er kann sich einfach nicht zur Ruhe setzen. Seit Jahrzehnten arbeitet er als Buchmacherfür die Mafia, hat die Gangster kommen und gehen sehen und seinen Ausstieg geplant. Mit dem Geld, das er seit eben dieser Zeit von den Gewinnen abschöpft, will er sich in Italien zur Ruhe setzen. In dem Haus, in dem einst Ezra Pound lebte. Aber an seinem 65. Geburtstag hat er entschieden, doch noch ein weiteres Jahr weiterzumachen. Und genau diese Entscheidung erweist sich als verhängnisvoll. Der ehrgeizige FBI-Agent McCormick hat sich in den Kopf gesetzt, Harrys momentanen Boss „Jimmy Cap“ Capotorto ins Gefängnis zu bringen. Dafür braucht er Harry. Um ihn zur Kooperation zu zwingen, wollte er ihm eine Straftat anhängen – und bei Jimmy Cap den Verdacht erregen, Harry betrüge ihm um große Summen. Dann – so McCormicks Plan – würde sich Harry hilfesuchend an die Polizei wenden. Aber er hat die Rechnung ohne Harrys Ausstiegsplan gemacht. Als Harry überzeugt ist, dass Jimmy Cap ihn von dem Killer Zip aus dem Weg räumen will, bereitet er seinen Abgang aus dem Süden Floridas vor. Zum zweiten Mal in seinem Leben übertölpelt er den US-Marshal Raylan Givens und setzt sich nach Italien ab. Allerdings weiß Raylan, dass Harry zwar clever, aber nicht sonderlich vorsichtig ist – und begibt sich auf die Suche nach ihm.

Scharfe Dialoge und knappe Charaktisierungen
„Pronto“ (dt. Titel „Jede Wette“) ist ein sehr unterhaltsamer Elmore-Leonard-Roman, der einmal mehr beweist, wie spannend ein von Dialogen und Charakteren vorangebrachter Roman sein kann. Seine Kunstfertigkeit zeigt sich schon zu Anfang des Romans, an dem er auf knapp eineinhalb Seiten nicht nur Harry Arno, sondern auch seine Beziehung zu der Ex-Stripperin Joyce Patton charakterisiert. Seit Jahren haben sie eine Affäre, aber Harry „had always wondered if he shouldn’t be doing better“. Damit wird sehr deutlich, dass Harry einen Hang zur Selbstüberschätzung und Bequemlichkeit hat. Allerdings ergeht es Joyce recht ähnlich: „all those years, it was funny, she always felt she could do better than Harry Arno.“ Tatsächlich erweist sich Harry Arno im Verlauf der Lektüre als äußerst lebendige Nervensäge, dessen Interesse für die Poesie Ezra Pounds nicht ganz aufrichtig erscheint. Zu allem Unglück hat er in Italien wieder angefangen zu trinken, so dass er sich als gefährlich geschwätzig entpuppt.

Gestatten: Raylan Givens
Vor allem aber ist „Pronto“ der erste Auftritt von US-Marshal Raylan Givens, der in „Riding the Rap“ und „Fire in the Hole“ wiederkehren wird, Hauptfigur der Fernsehserie „Justified“ ist und über den Elmore Leonard sein aktuelles Buch „Raylan“ geschrieben hat. In „Pronto“ fallen zunächst die Cowboy-Züge des Mannes aus Kentucky auf. Stets trägt er einen Hut, meist leicht über dem rechten Auge hängend, dazu einen Anzug. Aufgewachsen in Evarts in Harlan County hat er im Bergwerk gearbeitet und war bei den Marines, bevor er zum US Marshal Service ging. Er ist um die 40 Jahre alt, geschieden, hat zwei Söhne – und will allen beweisen, dass er Harry Arno wieder zur Vernunft bringen kann. Dabei besticht Raylan Givens anfangs mit dem Charme eines leicht trotteligen, altmodischen Ermittlers, allerdings ahnt nicht nur Joyce, dass dieser Anschein trügt. Spätestens wenn Raylan seinen einfachen Kodex verkündet, wird seine Standfestigkeit deutlich: Wenn er seine Waffe zieht, dann um zu töten. „Evan before I entered the Marshals Servie and trained to be a dead shot, I’d seen people kill one another and learned to be ready in case I saw a bad situation coming.“ Deshalb hat er die Situation stets im Griff. Darüber hinaus hält er sich an Vereinbarungen und sieht jedes Zögern in den Augen seines Gegners. Leicht zu durchschauen ist er nicht, das muss auch Joyce erfahren, auf die Raylan ein Auge geworfen hat.

Mit Harry Arno und Raylan Givens ist es Leonard mühelos gelungen, zwei sehr echte Charaktere zu schaffen, hinter denen Joyce notwendigerweise ein wenig zurückstehen muss. Nach dem klassischen Einstieg über einen Mann, der noch ein allerletztes Mal dabei sein will, entwickelt sich durch Harrys Flucht nach Italien ein Katz-und-Maus-Spiel mit vielen schrägen Dialogen. Dabei ist es erstaunlich, wie Raylan mit klaren Anweisungen seine Gegenspieler in Schach hält – und wie trottelig sich Harrys Verfolger anstellen. Man muss diese Dummheiten in Kauf nehmen, ja, sie amüsant finden können, um an „Pronto“ Spaß zu haben. Denn allein die Geschichte verführt nicht zum Weiterlesen, der Stil aber schon.

Elmore Leonard: „Pronto“. HarperCollins 1993. Die deutsche Übersetzung von Jörn Ingwersen ist nur noch antiquarisch unter dem Titel „Jede Wette“ erhältlich.

In meiner Elmore-Leonard-Reihe bereits erschienen:
Über „Out of Sight“ und die Verfilmung von Steven Soderbergh
Jack Foley kehrt zurück – „Road Dogs“ von Elmore Leonard

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