Elmore Leonard – Über „Out of Sight“ und die Verfilmung von Steven Soderbergh

Elmore Leonard ist einer der Autoren, die perfekt ins Zeilenkino passen. In seinen Geschichten spielen Filme oft eine Rolle, viele seiner Romane sind bereits verfilmt worden, außerdem schreibt er selbst auch Drehbücher. Also nehme ich die Neuauflage seiner Werke im Suhrkamp-Verlag zum Anlass, eine Elmore-Leonard-Reihe zu beginnen. Den Anfang macht „Out of Sight“, ein Buch, dessen Verfilmung ich sehr gut kenne – und die sogar Teil meiner Abschlussprüfung im Studium war. Daher war ich auf das Buch sehr gespannt!

„Out of Sight“ von Elmore Leonard

(c) Suhrkamp

Elegant und temporeich erzählt Elmore Leonard von dem berühmten Bankräuber Jack Foley, der mit der Hilfe seines treuen Kumpanen Buddy aus dem Gefängnis ausbricht. Zufällig werden sie von dem US Marshall Karen Sisco überrascht. Sie überwältigen sie und sperren sie mit Jack Foley in den Kofferraum eines Cadillacs. Obwohl die Fronten sehr klar – sie will ihn zurück ins Gefängnis bringen, er will lieber sterben als noch einmal in den Knast zu gehen – sind sie fasziniert voneinander und reden über Filme. Dadurch besticht diese beengte Situation nicht nur mit elegantem Humor, sondern zugleich wird Jack Foley charakterisiert. Er hat ein Faible für Outlaws –so findet er es gut, dass sich Peter Finch in „Network“ nichts mehr gefallen lassen will – und ist ein Romantiker – er mag „Die drei Tage des Condor“ und bekennt später, er wünsche sich ein Ende wie Clyde in „Bonnie & Clyde“. Dennoch vergisst Karen nicht, auf welcher Seite sie steht und entkommt mit der unfreiwilligen Hilfe von Foleys zweitem Fluchthelfer. Aber Foley und Karen werden sich wiedersehen, daran besteht kein Zweifel.

Zunächst entwickeln sich die Handlungsstränge um Karen, die Jack aufspüren will, und Jack, der einen letzten großen Coup plant, parallel weiter. Dabei ist die unmögliche Liebesgeschichte stets im Hintergrund und gerade das „was-wäre-wenn“ wird von Leonard genüsslich ausgekostet. Aber es gibt auch hard-boiled-Elemente mit brutalen Morden und Vergewaltigungen. Durch die Lässigkeit und Ironie wird dieser Kriminalroman aber nie zu derb, sondern bleibt höchst unterhaltsam. Dabei überzeugen vor allem die Dialoge und schnelle Orts- sowie Zeitwechsel, die der Geschichte viel Rasanz verliehen – und das Buch wunderbar lesen lassen.

Neben „Bonnie & Clyde“, „Network“ und „Die drei Tage des Condor“ zitiert und verweist Elmore Leonard noch auf eine Reihe modernerer Filme, darunter „Stranger Than Paradise“ von Jim Jarmusch und „Repo Man“ von Alex Cox: „Repo Man, ein klasse Film, den er schon mehrmals gesehen hatte. Der alte Harry Dean Stanton zog mal wieder den Kürzeren. Machte aber Spaß zuzusehen. Das war der Film, bei dem sie den Kofferraum aufmachen, und man sieht ein seltsames Leuchten. Wie in Rattennest der merkwürdige Glanz in der Kiste im Schließfach, und in Pulp Fiction hatte man es noch mal verwendet.“ Abgesehen davon, dass „Rattennest“ die Verfilmung des Romans „Kiss me deadly“ von Mickey Spillane ist – dem Erfinder von Mike Hammer – weist die Wertschätzung dieser Szenen schon auf die Verfilmung von „Out of Sight“ hin. Denn auch dort wird es ein Leuchten im Kofferraum geben.

„Out of Sight“ von Steven Soderbergh

Jennifer Lopez als Karen Sisco (c) UPHE

Die Beschreibung der Charaktere in Elmore Leonards Roman lassen nicht unbedingt an Jennifer Lopez und George Clooney denken: „Als Buddy wieder nach der Frau sah, stand sie direkt vor ihm – ihr blondes Haar in seinem Scheinwerfer, lange, schlanke Beine, Himmelarsch, ein Mädchen“, Jack Foley hat kurzes braunes Haar, scheint nicht besonders in Form zu sein, hat aber das knochenharte Aussehen eines Mannes, der schon viel erlebt hat. Dennoch passen sie sehr gut in diese Rollen. Jennifer Lopez bringt die richtige Mischung aus Verführung und Härte mit, George Clooney ist cool und charmant. Vor allem stimmt die Chemie zwischen ihnen – eine notwendige Voraussetzung für einen Film, dessen Kern ihre Romanze ist.

Ohnehin ist Steven Soderbergh eine Verfilmung gelungen, die die Atmosphäre und den Stil des Buches hervorragend auf die Leinwand transponiert. Beispielhaft wird es an der Sequenz in Detroit deutlich, in der sich Karen und Jack in einer Bar treffen. Sie versuchen herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich unter anderen Umständen begegnet wären. Während im Bild zu sehen ist, wie sie etwas trinken, dann auf ihr Zimmer und sich schließlich voreinander ausziehen, überlagert die Tonspur mit ihrem vorhergehenden Gespräch das Bild.

... wenn (c) UPHE

Was wäre ... (c) UPHE

Dadurch entsteht eine jazzige und knisternde Atmosphäre, zugleich wird die lässige Eleganz und subtile Ironie des Romans auf der Leinwand deutlich. Auch die typischen schnellen Ortswechsel und Schnitte des Romans fügen sich in die Soderberghsche Farbgebung sehr gut ein. Am deutlichsten wird es bei den Wechseln zwischen den Orten Miami und Detroit: Die vielen orangen-türkisen Farben kontrastieren das Stahlblau von Detroit.

In Miami (c) UPHE

In Detroit (c) UPHE

Darüber hinaus hat Drehbuchautor Scott Frank, der auch das Buch für „Get Shorty“ geschrieben hat, einige gelungene Änderungen vorgenommen. So fasst er die zwei Überfälle des Romans in einen zusammen, außerdem ist in dem Film der ausgeraubte Ripley (großartig: Albert Brooks) noch in seinem Haus anwesend. Dadurch bleibt die Spannung konstant, außerdem erlaubt es der Geschichte ein positiveres Ende. Allerdings gibt es durch diese Änderung auch mehr Stoff. Foley und Ripley brauchen eine Vorgeschichte, außerdem mussten sie aufeinander treffen. Mit einer langen Einführung zu den beiden Männern wäre der zentrale Punkt der Geschichte – die Zuneigung zwischen Karen und Jack – erst spät im Film gekommen, das wollten Steven Soderbergh und Scott Frank aber vermeiden. Sie halten – ebenso wie Elmore Leonard im Interview der DVD erzählt – die Szenen in dem Kofferraum für entscheidend, daher mussten sie am Anfang des Films zu sehen. Also haben sie sich entschieden, mit Zeitsprüngen zu arbeiten und die Erzählung ökonomischer zu gestalten. Der Wechsel zwischen den Ebenen wird meist durch das Einfrieren bestimmter Bilder deutlich. Zum letzten Mal friert das Bild bei der Liebesszene zwischen Jack und Karen ein. Das ist der Hinweis, dass die Handlung in der Gegenwart angekommen ist. Fortan gibt es keine Flashbacks mehr, stattdessen werden die folgenden Ereignisse fast chronologisch erzählt. Daneben bringen diese Zeitsprünge auch den ironischen und humorigen Stil von Elmore Leonard auf die Leinwand, indem sie Soderbergh die Gelegenheit geben, die Handlungsperspektiven der Figuren ironisch zu kommentieren.

(c) UPHE

Insgesamt ist die Adaption von „Out of Sight“ sehr überzeugend. Sicherlich ist die Figur Jack Foley im Film positiver als im Buch, auch das Ende ist rosiger. Während er im Buch ins Gefängnis geht, wird in dem Film angedeutet, dass er fliehen wird. Aber das ist auch ein Unterschied zwischen dem Medium Buch und Film. Im Buch funktioniert das Ende, es ist folgerichtig, dass er im Gefängnis landet. Nachdem man im Film aber auf einer zweistündiger Reise mit Jack und Karen war, wäre dieses Ende zu enttäuschend geworden. Dabei kommt Elmore Leonards Stil und vor allem seiner charakterbasierte Geschichte Soderberghs Stil sehr entgegen.  In jedem Fall lohnt es sich, erst das Buch zu lesen und dann den Film zu gucken. Denn „Out of Sight“ ist ein gutes Beispiel für eine gelungene Literaturverfilmung. Ich bin nun gespannt, wie es mit Jack Foley in „Roard Dogs“ weiter geht. Dort ist er nach Aussage von Elmore Leonard deutlicher an den Clooney-Foley angelegt.

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