Ohne Risiko – Über „Dein finsteres Herz“ von Tony Parsons

Dieses Buch ist ein Schmöker, der sich in mehr oder weniger einem Rutsch durchlesen lässt. Es gibt einen Ermittler, der sich um seine kleine Tochter und einen Welpen kümmern muss und außerdem seine Ehefrau nicht vergessen kann; eine Gruppenvergewaltigung an einem englischen Elite-Internat in der Vergangenheit und in der Gegenwart eine Mordserie an ehemaligen Schülern und heutigen Stützen der Gesellschaft.

(c) Lübbe

(c) Lübbe

Internate in Kriminalromanen waren schon immer Orte sadistischer Gewalt und Horte des Bösen. Das gilt insbesondere für Elite-Internate, in denen viele Schüler aufgrund des verkommenen Reichtums ihrer Familie ganz besonders gewissenlos sind. Tony Parsons Roman ist hier keine Ausnahme, ohnehin bleibt er stets innerhalb der Grenzen standardisierter Krimi-Unterhaltung. Aber immerhin spiegelt sich die Verbindung aus Vergangenem und Gegenwärtigen nicht nur in den Taten des Mörders, sondern auch in anderen Plot-Elementen wider: Protagonist Max Wolfe wurde gerade aufgrund seines beherzten Eingreifens bei einem terroristischen Anschlagsversuchs in die Mordkommission versetzt, hadert mit den Herausforderungen eines alleinerziehenden Vaters, der Sensationsgier von Zeitungen und Internet. Daneben gibt es Verweise auf die britische Kriminalgeschichte und Wolfe findet wichtige Hinweise in Scotland Yards Black Museum. Davon erzählt Tony Parsons in seinem ersten Kriminalroman routiniert, gelegentlich etwas zu ausführlich und mit einigen mal mehr und mal weniger leicht zu durchschauenden falschen Fährten. Durchweg gelungen sind hingegen die privaten Szenen des Ermittlers mit seiner Tochter, in denen er dieser persönlichen Tragödie einfühlsam nachspürt. Nur diese eine Affäre hätte nicht sein müssen.

Alles in allem ist Tony Parsons Kriminalroman somit solide Krimi-Unterhaltung mit wenig Ärgerlichem und viel Bekanntem, bei dem die Krimi-Komfortzone niemals verlassen werden muss.

Tony Parsons: Dein finsteres Herz. Übersetzt von Dietmar Schmidt. Lübbe 2014.

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KrimiZeit-Bestenliste April 2015

Die neue KrimiZeit-Bestenliste kommt – feiertagsbedingt – schon heute. Auf Platz 1 ist unverändert William McIlvanney mit „Die Suche nach Tony Veitch“, den ich bereits im BÜCHER Magazin besprochen habe. Außerdem gibt es fünf Neu-Einsteiger.

(c) Kunstmann

(c) Kunstmann

1 (1) William McIlvanney: Die Suche nach Veitch (Kunstmann)
2 (9) Zoë Beck: Schwarzblende (Heyne)
3 (-) James Ellroy: Perfidia (Ullstein)
4 (3) Mike Nicol: Bad Cop (btb)
5 (-) Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra (Folio)
6 (-) Adrian McKinty: Die verlorenen Schwestern (Suhrkamp)
7 (2) Alan Carter: Prime Cut (Edition Nautilus)
8 (4) Dave Zeltserman: Killer (Pulp Master)
9 (-) Greg Iles: Natchez Burning (Rütten & Loening)
10 (-) James Lee Burke: Sturm über New Orleans (Pendragon)

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Sechs Krimi-Empfehlungen zum Indiebookday 2015

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Morgen ist Indiebookday! Dahinter steckt der Gedanke, dass ein jeder am 21. März 2015 ein Buch aus einem unabhängigen Verlag kauft – am besten in einer unabhängigen Buchhandlung. Damit morgen die Entscheidung vielleicht etwas leichter fällt, hier sechs Empfehlungen für gute Kriminalliteratur aus unabhängigen Verlagen:

„Lichtschacht“ von Anne Goldmann (Argument Ariadne)
Dieser spannende Roman über eine junge Frau, die glaubt einen Mord beobachtet zu haben, ist seit letztem Jahr das von mir meist empfohlene und meistverschenkte Buch. Es eignet sich hervorragend sowohl für Krimi- als auch Nicht-Krimi-Leser, ist überhaupt nicht blutig und noch dazu unterhaltsam und gut geschrieben.

„Umweg zur Hölle“ von Ross Thomas (Alexander Verlag)
Die Geschichte beginnt mit einem Stolperer über einen toten Pelikan am Strand und mündet in einem irrwitzigen Geflecht aus Geheimdiensten und anderen geheimnisvollen Akteuren. Ross Thomas ist schlichtweg ein toller Autor, seine Geschichten sind raffiniert, klug, witzig und sehr unterhaltsam. Eignet sich auch für Nicht-Krimileser, die gerne James Bond gucken. Aber Vorsicht: Ross Thomas macht süchtig!

„Die Wut“ von Gene Kerrigan (Polar Verlag)
Irische Kriminalliteratur ist im Kommen, wer eine Abwechslung zu versoffenen Privatdetektiven sucht und noch dazu ein kluges Buch über die Auswirkungen der Finanzkrise in Irland lesen möchte, liegt bei „Die Wut“ von Gene Kerrigan richtig. Noch dazu ist Kerrigans Hauptfigur Bob Tidey eine der gelungensten Ermittlerfiguren der letzten Jahre. (Offenlegung: Ich stehe mit dem Polar Verlag in geschäftlichen Verbindungen.)

„Die Suche nach Tony Veitch“ von William McIlvanney (Kunstmann Verlag)
Seit letztem Jahr erscheinen im Kunstmann Verlag die „Laidlaw“-Bücher von William McIlvanney in neuer Übersetzung. Noch mehr als der erste Teil um den zweifelnden schottischen Polizisten Jack Laidlaw hat mich „Die Suche nach Tony Veitch“ überzeugt, in dem er versucht, einen Mord aufzuklären, der vielleicht gar keiner war – und der niemanden interessiert. Bisher mein Krimi-Highlight des Jahres. (Außerdem ist es aktuell, also ist die Wahrscheinlichkeit etwas höher, dass es in Buchhandlungen auch zu bekommen ist.)

„GB84“ von David Peace (Liebeskind)
Mein Lieblingsbuch des letzten Jahres war „GB84“ von David Peace, in dem er sich den Verwicklungen rund um den Bergarbeiterstreik in Großbritannien 1984 in typischen stakkatohaften Sätzen und dichten Handlungssträngen widmet. Dieses Buch erfordert sehr aufmerksames Lesen, ich habe mir zwischendurch eine Zeichnung gemacht, damit ich den Beziehungen folgen kann – aber es lohnt sich ungemein.

„Killer“ von Dave Zeltserman (Pulp Master)
14 Jahre hat der Ex-Auftragsmörder Leonard March im Gefängnis gesessen, nun ist er wieder auf freiem Fuß. Aber seine alten Mafia-Kumpane und die Angehörigen seiner Opfer wollen ihn lieber heute als morgen tot sehen. Deshalb fällt ihm seine Rückkehr ins normale Leben äußerst schwer. „Killer“ ist eine Kriminalliteratur-Perle mit einem hinreißenden Ende.

Natürlich gibt es noch sehr viel mehr gute Kriminalliteratur aus unabhängigen Verlagen. Falls ihr noch Anregungen oder Tipps braucht, immer her mit den Fragen. Ich mache ja kaum etwas lieber als Krimis zu empfehlen (und ja, es gibt den passenden Krimi für jeden!).

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Krimi-Kritik: „Schwarzblende“ von Zoë Beck

Manchmal ist Kriminalliteratur sehr nah an der Wirklichkeit. Als Zoë Beck ihren Roman „Schwarzblende“ geschrieben hat, waren die Anschläge in Paris noch nicht geschehen. Und doch stellt sie die Frage, die seither viele beschäftigt: Was passiert mit einer westeuropäischen Gesellschaft, wenn der Terror auf einmal vor der eigenen Haustür stattfindet?

(c) Heyne

(c) Heyne

Eigentlich wollte Dokumentarfilmer Niall nur Recherchen für einen Film über die unterirdischen Flüsse Londons betreiben, als ihm auf einer Brücke zwei Männer mit Macheten auffallen. „Niemand lief mit einer Machete durch London. Abgesehen von den beiden Männern, die gerade an ihm vorbeigingen.“ Niall kann kaum glauben, was er sieht – und da es anscheinend niemandem anders auffällt, zweifelt er schon an seiner Wahrnehmung. Also geht er den jungen Männern hinterher, filmt sie und verfolgt sie bis in einen Park. Gerade als er glaubt, alles sei ganz harmlos und weggehen will, hört er Angstschreie. Niall sieht – und filmt – wie beiden Männer einen anderen jungen Mann mit der Machete malträtieren, schließlich auf ihn einhacken. Sie nehmen es bewusst in Kauf, dass Niall sie dabei filmt, sie sprechen sogar mit ihm und bekennen sich in seinem Film als Angehörige des Islamischen Staats. Schließlich kommen Sicherheitskräfte zum Tatort, überwältigen die beiden Attentäter und Niall. Es dauert über 24 Stunden, bis er wieder frei gelassen wird. In dieser Zeit hat er nicht nur erlebt, wie England Terrorverdächtige behandelt, sondern sein Video hat sich längst im Internet verbreitet. Er kommt zu seinen 15 Minuten Ruhm – und erhält das Angebot, einen Dokumentarfilm über die Attentäter zu drehen. Und bei seinen Recherchen stößt Niall auf unangenehme und gefährliche Wahrheiten.

Gleich drei Themen widmet sich Zoë Beck in ihrem Kriminalroman: den innenpolitischen Folgen der Angst vor dem Terror und den Fragen, wie aus Engländern Islamisten werden bzw. welche Verantwortung ein Einzelner trägt. Dabei findet sie überzeugende Szenarien, in denen die Wirkung von Frustrationen, Desillusionierungen und Angst bis hin zur bloßen Machtgier spürbar werden. Aber sie macht es sich niemals zu einfach: Nicht alle Polizisten in diesem Roman sind böse, nicht alle Medienleute gierig nach Schlagzeilen, nicht alle Gläubige verblendete Radikale. Vielmehr zeigt sie sehr eindringlich, wie schwierig es gerade für die gemäßigten Gläubigen ist, zu ihrer Religion zu stehen, aber beständig Ablehnungen ausgesetzt zu sein; wie schwierig es ist, über die Vergewaltigungen von englischen Mädchen durch pakistanische Männer zu berichten, ohne dass Hass zu schüren oder die Vorfälle zu ignorieren; und wie schwierig es ist, das Richtige zu tun, wenn man selbst von Angst erfüllt ist. Weiterlesen

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Eigenwerbung: Mein Interview mit James Ellroy

Normalerweise verweise ich im Blog nicht mit einem eigenen Beitrag auf die Dinge, die ich auf anderen Seiten schreibe. Aber James Ellroy ist einer meiner Fixpunkte in der Kriminalliteratur und ich habe gestern Interview mit ihm geführt, das in der aktuellen Ausgabe von Polar Noir unter diesem Link nachzulesen ist.

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Krimi-Kritik: „Unter Brüdern“ von Pete Dexter

(c) Liebeskind

(c) Liebeskind

Bereits 1991 ist „Brotherly Love“ von Pete Dexter in den USA erschienen, nun liegt der Roman im Liebeskind-Verlag in deutscher Übersetzung von Götz Pommer vor. Die brüderliche Liebe ist denn auch zentrales Motiv dieses Romans. Er beginnt mit einem kurzen Zeitungsartikel, in dem der Tod der Protagonisten im Jahr 1986 gemeldet wird. Danach springt die Handlung zurück in das Jahr 1961. Der achtjährige Peter Flood ist mit seiner kleinen Schwester im Garten. Sie spielen und toben, aber er weiß, dass er auf seine Schwester aufpassen muss. Dann nähert sich ein Wagen, gerät auf einer Eisfläche ins Schleudern und Peter – aus Angst vor dem Hund des Nachbarn wie gelähmt – sieht mit an, wie seine Schwester von dem Wagen erfasst und durch die Luft geschleudert wird.

Mit dem Tod seiner Schwester verändert sich alles. Seine bereits vorher depressive Mutter wird in eine psychiatrische Klinik gebracht, sein Vater ist erfüllt von Zorn und Trauer. Er will den Nachbarn – den Fahrer des Autos – töten, erhält jedoch die Order, ihn zu verschonen. Denn Charley Flood ist wie sein Bruder Phil in der Gewerkschaft, die in Philadelphia das Sagen hat. Und Gewerkschaftsboss Constantine will nicht, dass der Nachbar getötet wird, weil er ein korrupter Polizist ist, der mit ihnen und den Italienern zusammenarbeitet. Jedoch kann Charley nicht loslassen – und handelt eines Tages. Darauf folgt das zweite Ereignis, das Peters Leben überschatten wird: Sein Vater fährt mit seinem Bruder weg und kehrt nicht mehr zurück. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: „Prime Cut“ von Alan Carter

(c) Edition Nautilus

(c) Edition Nautilus

Drei blutige Taten stehen am Anfang von Alan Carters Krimidebüt „Prime Cut“: In Sunderland, England, werden am 5. Mai 1973 die Leichen der schwangeren Chrissy und ihrem Sohn Stevie gefunden. Sie wurden von ihrem Ehemann bzw. Vater erschlagen und mit Stromschlägen malträtiert. Am 8. Oktober 2008 entdeckt eine Lehrerin in einem kleinen Ort in West Australien am Strand einen Torso, der von einem Hai bearbeitet wurde. Vier Stunden später untersuchen Detective Sergeant Constable Philip „Cato“ Kwong und Sergeant Jim Buckley einen Verdacht auf tödlichen Viehdiebstahl, ebenfalls in West-Australien. Kwong wurde ins Viehdezernat strafversetzt, seit er in einen Korruptionsskandal verwickelt war. Er ist der einzige, dem eine Papierspur nachgewiesen werden konnte, deshalb hadert er genussvoll mit seinem Schicksal. Dann kommen ihm jedoch der Zufall und die dünne Personaldecke zur Hilfe: Kwong und Buckley befinden sich ganz in der Nähe des Küstenstädtchens Hopetown, in dem der Torso gefunden wurde, und sollen deshalb dort für einige Zeit die Ermittlungen unterstützen. Für Kwong ist es eine gute Gelegenheit, sich zu rehabilitieren und vielleicht mit seiner Karriere noch auf einen grünen Zweig zu kommen. Zusammen mit Buckley, der örtlichen Polizistin Tess Maguire und dem Neuling Greg Fisher beginnt er, den Fall zu untersuchen – und wenig später gibt es eine zweite Leiche und noch größere Ermittlungen. Weiterlesen

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